Der Dolch des Propheten - Ralf-Erik Thormann - E-Book

Der Dolch des Propheten E-Book

Ralf-Erik Thormann

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Beschreibung

Im Jahre 1188 wird der Waise Falko aus seinem Klosteralltag gerissen und zur Ausbildung bei den Tempelrittern gezwungen. Noch bevor dieser Wille seines unbekannten Vaters umgesetzt werden kann, wird Falko Ziel eines Attentates und überlebt nur knapp. Vor den Scherben seines Lebens stehend, ist er Ziel weiterer Anschläge, deren Ursache ihm unbekannt bleibt. Als er der Malteserin Elisabeth das Leben rettet, hilft sie ihm zum Dank bei der Suche nach seiner Herkunft. Die beiden verlieben sich ineinander. Nach der Aufnahme in den Orden offenbart sich dem jungen Templer allmählich eine düstere Vergangenheit: Seine Eltern wurden von Malik al Charim, einem arabischen Vasallen Saladins, und Henry de Fontes, dem Statthalter Maltas, umgebracht. Die Suche seines adeligen Vaters Raimund nach einem der größten Geheimnisse der Christenheit und die Familientragödie seiner Mutter Fatima, einer orientalischen Prinzessin, sind untrennbar damit verknüpft. Falko wird immer tiefer in einen Strudel schlimmer Ereignisse hineingezogen, die vor langer Zeit begannen und einen unglaublichen Fortgang finden. Dann erfährt er, dass sein angeblich ermordeter Vater noch lebt … Kurzbeschreibung:"Der Dolch des Propheten" ist ein mittelalterlicher Roman aus der Zeit zwischen dem zweiten und dritten Kreuzzug, auf historischen Tatsachen fußend.

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Seitenzahl: 513

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Ralf-Erik Thormann

Der Dolch des Propheten

Imprint

Der Dolch des Propheten Ralf-Erik Thormann Copyright: © 2016 Ralf-Erik Thormann

Published by: epubli GmbH, Berlin

Kapitel 1

Der Mond nahm zu, es war gestern schon zu bemerken.

Die Schnallen am Sattelzeug knirschten vernehmlich, während ich unter den letzten Bäumen hervorpreschte.

Äcker! Endlich lag das Bauernland vor uns!

Rücksichtslos ging es vorwärts über den bestellten Boden. Mehrere Male strauchelte der Braune ansatzlos, fing sich aber wieder. Nur nicht wegrutschen, ein Sturz jetzt konnte tödlich sein. Die Verfolger würden jeden noch so kleinen Fehler gnadenlos ausnutzen.

Die Pferde konnten nicht mehr. Der mörderische Galopp würde sie bald endgültig zusammenbrechen lassen.

Seit zwei Tagen war ich unterwegs; ein Handpferd dabei, um den Braunen nicht zu sehr zu belasten. Trotz steter Wechsel waren sie nun fast zuschanden geritten, und es mochten noch 20 Meilen bis zum Ziel sein. Ich musste unbedingt den Hafen von Sapralles erreichen, um von dort nach Malta überzusetzen!

Meine Verfolger waren nicht zu sehen. Der Abstand zu ihnen blieb sicherlich mehr als gering. Trotzdem nahm ich das Tempo deutlich zurück.

Der Morgen kam, und die Pferde brauchten unbedingt ein wenig Ruhe.

Unzählige Spatzen fingen an zu schimpfen, als ich an einem Wasserloch neben einem weiteren Hohlweg hielt.

So ging es nicht weiter. Auch wenn die Feinde nahe waren - ohne Pferde würde der Tod sicher sein!

Nachdem sie wieder etwas zu Luft gekommen waren, gab es eine Handvoll Hafer und für mich ein Stück trockenes Brot. Erschöpft sank ich in das feuchte, weiche Moos neben einem Baum. Die Augen fielen mir schon zu, während die Gedanken noch zu Elisabeth wanderten. Unser letztes Treffen schien gerade erst vorbei zu sein, obwohl es mittlerweile lange Tage zurücklag.

Benommen fuhr ich wieder hoch. Kein Traum!

Jetzt war es deutlich zu hören - galoppierende Reiter. Sie hatten die Spur doch nicht verloren und mich eingeholt!

Eine Flucht war jedoch mit diesen Pferden unmöglich!

Dem einen stand nach wie vor der Schweiß in Flocken auf dem Fell - es hatte die Hauptlast der Anstrengungen tragen müssen. Das andere stierte nur noch vor sich hin und schlief schon wieder mit offenen Augen.

Vielleicht ließe sich das Ziel doch nicht mehr erreichen ...

Energisch wischte ich die trüben Gedanken beiseite. Zuviel hing von meinem Überleben ab!

Es blieb noch der Kampf!

Eilig wurden die Tiere hinter einem großen Haselnussstrauch angebunden. Locker um die Nüstern gewickelte Tücher verhinderten jedes Schnauben. Geduckt lief ich zum Hohlweg zurück und wartete dort hinter einer dicken Eiche.

Drei Reiter preschten den alten Weg entlang, der durch ausgewaschene Wurzeln uralter Bäume und einen ausgetretenen Pfad dazwischen seinen Verlauf bekommen hatte.

An den Seiten aufgeworfene Erde und Steine hatten über Jahrzehnte hinweg die Ränder aufgewölbt. Trotz der engen Wegführung näherten sich die Verfolger sehr schnell. Der Hohlweg bebte regelrecht, während die Hufe hart auf den Boden trommelten und Dreck hochschleuderten.

Ein kurzer Blick genügte - Assassinen!

Es waren die Männer, die Arabicus´ Kloster überfallen hatten und mich seitdem verfolgten!

Die drei würden alles daran setzen, nun zum Erfolg zu kommen.

Mir blieb keine Wahl - Angriff oder Tod!

Ich richtete mich halbhoch auf, zog das Schwert und wartete. Als die Mörder fast auf gleicher Höhe waren, folgte ein mächtiger Sprung über den Rand des Hohlweges hinweg. Nur so würde ich den ersten von ihnen vernichten können …

Sein Pferd wieherte erschrocken und zuckte im Laufen zusammen, als plötzlich ein laut schreiender Körper von oben herabstürzte. Der Reiter versteifte sich, während er es zu bändigen versuchte. Sein Schwert kam nur halb aus der Scheide; zu sehr wehrte sich das panische Vollblut gegen die Zügel.

Dann hatte ich ihn erreicht.

Nicht mehr als ein Wimpernschlag schien seit dem Absprung vergangen zu sein. Meine Klinge durchschlug einen leichten Panzer direkt neben dem Schildrand, mit dem der Attentäter sich zu schützen suchte. Mit einem Knirschen gaben die eisernen Glieder nach. Die Wucht des Schlages hob ihn förmlich rückwärts aus dem Sattel, bevor wir mit den Körpern zusammenprallten.

Sein schwarzes Gewand färbte sich schon rot, während er noch fiel. Der Mann schlug auf und blieb regungslos liegen. Mehr konnte ich nicht sehen, denn meine Augen wurden von dem tobenden Pferd regelrecht angezogen. Angsterfüllt schlug es in jede Richtung aus. Kaum eine Armlänge entfernt prallte ich bäuchlings hart auf dem festgetretenen Boden auf.

Das Tier war einige Bocksprünge später so weit entfernt, dass es mich mit den Hufen nicht mehr treffen konnte.

Mir blieb die Luft weg. Trotzdem rollte ich mich herum - gerade noch rechtzeitig, bevor der zweite Angreifer herankam. Mein Schwert war beim Aufprall weggeschleudert worden. Der Langdolch ließ sich mit der Hand unter dem Umhang nur erfühlen, so schnell aber nicht aus der verdrehten Scheide ziehen.

Es blieb nur noch eine Möglichkeit.

Ein Griff zum Stiefelschaft, und das darin versteckte Messer heraus!

Noch fast liegend warf ich es vom Boden aus und traf. Der zweite Assassine fiel mit einem gurgelnden Geräusch aus dem Sattel, die Klinge seitlich im Hals. Meine Brust platzte vor Schmerzen. Sämtliche Luft schien den Körper seit dem Aufprall verlassen zu haben, ohne zurückzukehren. Außerdem kam ich nicht auf die Beine.

Aber es blieb keine Zeit für Schwäche.

Der dritte Reiter galoppierte heran, eine Lanze stoßbereit im Arm. Er hatte gesehen, wie seine Kameraden fielen und brüllte vor Wut. Mein Kopf dröhnte und der Blick verschwamm. Im ganzen Körper war ein unerträglich lautes Pochen zu hören. Der Feind schien direkt vor mir zu sein. Trotz des Schwindels rappelte ich mich hoch und riss den Schild des gefallenen Gegners nach oben, um die Lanze abzuwehren. Dabei verlor ich das Gleichgewicht und strauchelte. Gleichzeitig traf die Waffe des Reiters den Schild. Die Wucht des Aufpralles riss mich endgültig von den Beinen. Mein Kopf schlug hart auf dem Boden auf.

Wie durch einen Schleier bemerkte ich, dass es lange nicht mehr geregnet zu haben schien. Der Boden war seltsam rissig. Mühsam wanderte der Blick zur Seite.

Das verlorene Schwert lag fast in Griffweite!

Instinktiv versuchte ich es zu erreichen. Mein Arm hinterließ mit jeder Bewegung Spuren auf dem Untergrund, und trockener Dreck sammelte sich an den Fingern.

Und dann kam eine völlig andere Regung hoch, wie in einem Traum. Alles war plötzlich unwichtig. Einfach die Augen zumachen und schlafen!

Nur ein innerer Drang trieb mich noch an, nach dem Schwert zu greifen. Trotz aller Anstrengungen kam ich einfach nicht an die Waffe. Der Boden schien klebrig wie Honig zu sein.

Es musste einfach gehen!

Plötzlich war ein neuer Gedanke da, der alles andere verdrängte.

Elisabeth!

Ich sah ihr Gesicht vor mir, roch die langen Haare fast, während sie auf mich einsprach.

Wie bei unserem ersten Treffen in der Bibliothek im Haus ihres Vaters!

Nur ließen sich diesmal die Worte nicht verstehen - trotz aller Anstrengung. Gleichzeitig war irgendwo im Hintergrund ein merkwürdiges Geräusch zu hören. Es störte mich nicht.

Sie war so nah!

Trotzdem - das Röcheln passte nicht zu der schönen Erinnerung. Gleichzeitig schienen meine Augen aus dem Kopf zu quellen.

Dafür gab es keine Erklärung.

Einen Moment später war ein unglaublicher Schmerz am Hals zu spüren, dermaßen stark, dass die Gedanken sofort klar wurden. Alle Sinne arbeiteten langsam wieder. Innerhalb eines Augenaufschlages erfassten sie die Situation.

Der Assassine hatte mich mit der Lanze am Oberarm getroffen. Im Fallen war mein Kopf wohl auf eine Wurzel geschlagen, denn es fehlten einige Momente der Erinnerung. Während ich benommen dalag und mit offenen Augen träumte, hatte sich der Angreifer von Pferd und Lanze getrennt und würgte mich nun mit der Kette eines Morgensterns. Er versuchte den betäubten Körper vor sich dabei hochzuziehen, um das tödliche Werk schneller zu beenden. Allmählich wurde die Luft knapp. Außerdem würden mir die metallenen Kettenglieder gleich das Genick brechen!

Der Druck um den Hals erhöhte sich unerträglich. Mit letzter Kraft versuchte ich mich zu befreien und wischte gleichzeitig mit dem Fuß nach dem Schwert. Der Assassine zog sofort noch fester an der Kette.

Nichts!

Das Stiefelmesser!

Während mir bereits schwarz vor Augen wurde, hangelte ich nach dem rechten Bein, zog das Messer am Knauf heraus und stach es dem Gegner tief in den Oberschenkel. Ein lautes Brüllen, und der Mann fasste mit einer Hand nach der tiefen Wunde. Die Kette am Hals lockerte sich ein wenig. Sofort fasste ich nach, um Luft zu bekommen, und drehte mich dann zur Seite weg. Der Assassine griff wieder zu und wollte die Kette mit beiden Händen zurückziehen. Das war das Ende - noch einmal würde mein Hals dem Druck nicht standhalten können!

Aber jetzt gab es mehr Platz, da er nicht mehr direkt hinter meinem Kopf stand. Ich holte weit aus und stach fast ungezielt, aber so kräftig wie möglich nach hinten. Die Klinge traf den Mann im Bauch und drang tief ein. Er stöhnte, ließ den Morgenstern los und fiel auf die Knie. Dann sackte der Feind in sich zusammen.

Die schweren Glieder an meinem Hals hatten sich ineinander verhakt, deswegen dauerte es scheinbar Ewigkeiten, bis die Kette komplett gelöst war. Röchelnd sog ich die Luft ein. Das Durchatmen fiel anfangs schwer, aber es wurde besser. Mit dem Abtasten kam die Gewissheit - glücklicherweise gab es außer den Würgemalen keine weiteren Verletzungen.

Der Assassine rührte sich nicht mehr.

Ich durchsuchte die Angreifer. Sie hatten nur etwas Geld und einige Kleinigkeiten bei sich. Nichts gab Aufschluss über ihre Order.

Hastig beseitigte ich alle Spuren des Kampfes.

Es sollten nicht noch mehr Feinde auf meine Spur kommen. Nun noch den Dreck an der Kleidung abwischen und zurück zu den Pferden!

Da Reiten immer noch unmöglich war, lief ich mit ihnen an der Hand so schnell wie möglich weiter.

Die Hufe wie jetzt auch meine Füße waren mit Stoff umwickelt, damit es keine Abdrücke gab.

Nach dem Verlassen des Hohlweges ging es wieder tief in den Wald hinein. Wir rasteten erst, als die Sonne unterging. Die Orientierung erfolgte jetzt ohne Fackel, allein anhand der Sterne. Nur keinen weiteren Kampf riskieren - zu wichtig war es, das Ziel zu erreichen!

Arabicus wartete auf Malta. Wenn ich dort nicht erschien, würden unsere Pläne ins Stocken geraten.

Das Überleben des Vaters hing von meinem Leben ab!

Ich verscheuchte die trüben Gedanken und lief weiter, die Tiere hinter mir führend. Irgendwann verkrochen wir uns hinter einer Walnusshecke an einer kleinen Lichtung. Schnell dämmerte ich vor mich hin, trotzdem auf jedes Geräusch bedacht.

Bis zum Morgengrauen hatten sich die Pferde halbwegs erholt, so dass vorsichtiges Reiten wieder möglich war. Hoffentlich hatten nun auch die letzten Verfolger meine Spur verloren.

Gegen Mittag endete der Wald endgültig, und ich nahm einen Pfad zwischen den Feldern, der in einen breiten Weg mündete.

Diesem folgten bald weitere.

Je näher die Gegend unweit der Küstenregion kam, desto weniger Möglichkeiten gab es, natürlichen Schutz zu nehmen oder anderen Menschen auszuweichen.

Mein Ziel war jedoch jedes Risiko wert …

Die Landschaft wechselte allmählich. Statt der armseligen Lehmhütten am Waldrand sah man nun Steinhäuser. Später ritten wir an Äckern in voller Reife vorbei. Die Menschen waren nicht so ärmlich gekleidet wie in manch anderen Landstrichen. Man schien ihnen nicht alles abzupressen.

Hunger machte sich bei mir breit. Ich hatte im Wald nur von Beeren gelebt und an diesem Tag noch gar nichts gegessen. Meine restlichen Vorräte bestanden aus einem Stück Brot und einer Handvoll Fleisch, und dies musste unbedingt noch länger reichen. Geld hatte ich nicht mehr. Aber irgendwie würde es schon weitergehen.

Der Ritt setzte sich fort, und die Zeit verging.

Als die Dämmerung fiel, bemerkte ich, dass ein weiterer Tag fast vorbei war. Mittlerweile hing die Müdigkeit wie ein bleierner Mantel an mir. In diesem Zustand ließe sich das Ziel nicht erreichen!

Zwei Tage ohne richtigen Schlaf und ausreichende Nahrung, unter völliger Anspannung, machten sich deutlich bemerkbar.

Auf einem abgelegenen Bauernhof konnte ich gegen das Hacken einiger Klafter Holz essen und im Stall schlafen.

Der Bauer fragte nicht, warum ein abgerissener Unbekannter mit einem hervorragenden Pferd nicht bezahlte, sondern Naturalhandel vorschlug.

Der Mond stand bereits in vollem Licht, als ich ins Stroh sank. Sämtliche Waffen lagen neben mir; der Sattel diente als Kopfkissen.

Irgendwann wurde ich durch ein leises Rascheln direkt neben mir geweckt. Die Bewegungen kamen automatisch und fließend, zu oft waren sie geübt worden. Das Herausziehen des Messers ging einher mit einem ruckartigen Umdrehen. Mit der anderen Hand griff ich fest zu und hielt ein großes, zuckendes Bündel fest, das sich kräftig wehrte. Die Gegenbewegung des Armes mit der Waffe ließ sich gerade noch aufhalten, als klar wurde, um was es sich handelte. Das Knurren neben mir hörte nicht auf.

Ein Hund hatte versucht, das Brot aus der Satteltasche zu ziehen. Ich ließ ihn vorsichtig los. Das Tier war dürr, eingefallen und dreckverschmiert. Dem Bauern gehörte es bestimmt nicht! Der ungebetene Gast zuckte deutlich zusammen und bleckte die Zähne, wich dann aber keinen Schritt zurück. Er schien den Kampf um jeden Brocken Futter gewohnt zu sein. Ich rutschte ein wenig weg, um ihn zu beruhigen. Das Anlocken blieb wirkungslos - zu groß war wohl die Angst. Nur langsam beruhigte er sich, um dann schließlich ein wenig näherzukommen. Es dauerte lange, bis ich ihn anfassen und streicheln konnte.

Wir teilten statt des Brotes mein letztes Stück Fleisch, und danach war das größte Misstrauen verschwunden. Kurz vor dem Einschlafen legte sich das Tier direkt neben die ausgebreitete Decke.

Der Hahn hatte schon lange gekräht, als ich wach wurde.

Der nächtliche Besuch saß neben meinem Kopf. Seine Blicke folgten jeder Bewegung. Jetzt war es genug - er sollte sich nicht an mich gewöhnen!

Das Wegscheuchen blieb erfolglos. Der Streuner wich nur wenig und verharrte dann wieder. Beim Versorgen der Pferde lief er mit und blieb unmittelbar in der Nähe.

Ich wollte keinen fremden Hund mit mir herumschleppen - das würde nur Probleme und Aufsehen geben. Trotzdem tat er mir leid, und so teilten wir auch das letzte Brot. Damit war endgültig kein Schritt mehr allein möglich.

So ging es nicht weiter.

„Rufe Deinen Hund zurück! Er belästigt mich!“

Der Bauer zuckte zusammen. Vielleicht war der Ton zu scharf gewesen.

„Ich kenne ihn nicht. Er tauchte gestern kurz nach Euch auf und lief direkt in den Stall.“

„Dies ist nicht mein Tier! Vielleicht gehört es einem Deiner Nachbarn!“

„Hier vermisst niemand ein solches Vieh. Es muss Eures sein!“

So kamen wir nicht weiter - der Bauer verweigerte sich regelrecht. Der Mann wollte den ungebetenen Gast nur loswerden. Im Zweifelsfall würde er ihn nach meiner Abreise erschlagen, um seine Tiere nicht zu gefährden. Während wir uns unterhielten, verfolgte der Streuner aufmerksam das Gespräch, als wüsste er, worum es ging.

Vorsichtig begann ich, ihn zu säubern. Er ließ alles geduldig über sich ergehen. Ein wilder Rüde hätte sich anders verhalten.

Was sollte ich mit ihm machen? Mitnehmen, hierlassen - ignorieren?

Er sollte selbst die Wahl haben. Nach dem Frühstück sprach ich ihn kurz an, stieg auf und ritt los. Er sprang sofort auf mich zu, um sich dann dicht bei den Pferden zu halten.

Die Entscheidung schien gefallen zu sein ...

Scheinbar hatte ich jetzt auch einen Hund. Ein imposantes Tier, braun-schwarz gefleckt, mit einer breiten Brust und mächtigen Beinen. Es reichte bis zur Flanke des Pferdes und konnte mühelos das vorgelegte Tempo halten.

Die wachen Augen zeigten Interesse an allem. Nichts um uns herum, dass der neue Freund nicht mitbekam. Er hatte immer ein sonores Grollen parat, um auf etwas aufmerksam zu machen, und ein tiefes Knurren, sobald Gefahr zu drohen schien oder wir uns zu weit voneinander entfernten. Mich beschlich schnell das Gefühl, nicht mehr so alleine zu sein - der Findling suchte meine Nähe förmlich.

Der weitere Weg war geprägt durch wechselnde Landschaften, ein verschärftes Tempo und den neuen Begleiter, der sich regelrecht mit mir zu unterhalten versuchte.

Er wich keinen Moment mehr von meiner Seite. Auch weiterhin behielt er verschiedenstes Knurren und Bellen als Reaktion auf mich und alles um uns herum bei.

Um kein Aufsehen zu erregen, blieben wir außerhalb der Ortschaften, je näher das Ziel kam. Meine Erscheinung, die abgerissene Kleidung, der Hund - zu vieles kam zusammen, was auffällig war.

Einen halben Tag vor der Stadt folgte abends eine Rast an einem versteckt liegenden Weiher. Ich reinigte mich gründlicher, als es vorher möglich gewesen war.

Das Spiegelbild im Wasser sah erschreckend aus. Ein eingefallenes, fahles Gesicht, der Bart Tage alt, überall Dreck. Darunter allerdings würde sich nichts so einfach verändern lassen. Die eingemeißelten Züge in einem wutverzerrten Gesicht ebenso wenig wie kalte, starre Augen, denen jegliche Wärme abhandengekommen war.

Der heimtückische Überfall im Kloster und die folgende Flucht hatten unübersehbare Spuren hinterlassen - weniger der Angriff selbst als vielmehr die schier unglaubliche Macht dahinter. Es musste endlich ein Ende haben!

Der Hass hatte längst begonnen, mich aufzufressen. Dazu die unendliche Sorge, ob alles noch auf den rechten Weg kommen würde - es zeigte brachiale Wirkung in seiner Gesamtheit.

Wo war mein früheres Wesen geblieben?

In diesem Moment bluffte es vernehmlich neben mir. Spürte der Hund etwa die Verzweiflung? Wollte er mich ablenken?

Ich zwang mich, ihn erst dann anzusehen, als auch innerlich wieder eine freundliche Regung möglich war. Er drängte sich heran und leckte ausgiebig meine Hand.

Mich schauderte.

Wieweit war ich heruntergekommen? Sollte es noch weiter abwärts gehen? Am Ende dieser Entwicklung stand die völlige Gleichheit mit denjenigen, die ich verfolgte, und die nun Jagd auf mich machten. Das durfte nicht sein!

Die Jahre in der Abtei konnten doch nicht vergessen sein!

Ein weiterer Blick ins Wasser zeigte auch den restlichen Verfall meiner Erscheinung.

Ein gemeiner Wegelagerer blickte hoch!

Waren mir bisher nur die inneren Veränderungen im Gesicht aufgefallen, drängten sich nun auch die anderen Missstände regelrecht auf. In den letzten Tagen hatten Flucht, innere Zerrissenheit und die Sorge um die Zukunft jeden Blick für Äußerlichkeiten förmlich erstickt.

Meine gesamte Kleidung war zerfetzt und dreckverschmiert. Der Überwurf hatte stark gelitten. Nicht einmal die Moosreste der letzten Nachtlager waren entfernt worden. Das Unterzeug aus Stoff hing in Fetzen herab. Und selbst der Verband, der die Wunde am Arm nur notdürftig verschloss, war durchnässt und verschoben. Weder Herz noch Verstand hatten all dies bisher bewusst wahrgenommen ...

Allein das Medaillon mit dem Bild meiner Eltern war unter dem Kettenhemd gut geschützt und ohne Schaden geblieben.

Es reichte - neben Flucht und ausufernden Gedanken musste die Wirklichkeit wieder Vorrang haben!

Dem Waschen folgte die erste Rasur seit langem.

Das gereizte und gerötete Gesicht ließ sich gut mit Moos kühlen. Anschließend trocknete das nasse Zeug über einem kleinen Feuer ohne viel Rauch. Währenddessen kümmerte ich mich um die Pferde und schmuste ausgiebig mit ihnen. Sie hatten bisher treu gearbeitet und waren weit über ihre Grenzen gegangen. Beide beantworteten die Zuwendungen mit freudigem Schnauben.

Ohne sie würden sich die anstehenden Aufgaben nicht bewältigen lassen!

Nach dem Verbinden des Armes legte ich mich nieder und ließ den Tag vorbeiziehen. Der Hund rollte sich kaum eine Handbreit entfernt auf der Decke ein, als würde ihn die Kälte stören. Vielleicht suchte das Tier auch nur noch mehr die Nähe, seit ich mir des falschen Weges bewusst geworden war.

Zusammen mit vertrauten Erinnerungen kam innere Ruhe auf. Die alten Denkmuster gaben viel Sicherheit. Es war wie eine Rückkehr zu den alten Zeiten.

Vielleicht würde sich alles zum Guten wenden, wenn auch ich auch innerlich an mir arbeitete. Mein eigenes Wesen durfte nicht verlorengehen, egal, was die kommende Zeit auch mit sich bringen würde!

Hunger, kaum Schlaf, die Sorge, dazu der Hass auf unsere Feinde, die dies alles verursacht hatten - die Umstände hatten Körper und Geist fest im Griff. Hoffentlich waren die Veränderungen nicht schon zu nachhaltig geworden. Sonst würde Elisabeth mich kaum noch lieben können!

In den kommenden Tagen würden das innere und äußere Spiegelbild sorgfältig auf Verbesserungen kontrolliert werden!

Den neuen Freund neben mir und trotzdem die Hand am Schwert, schlief ich ein und träumte. Nicht von den Wirren der vergangenen Tage - diesmal waren es schöne Erinnerungen ...

Die Sonne versuchte noch nicht einmal gegen den Mond anzutreten, als ich bereits das Feuer mit Sand zuschüttete und jede Spur verwischte.

Die vergangene Nacht zeigte Wirkung. Jegliche schlimmen Erinnerungen schienen für den Moment wie weggewischt, ohne dass sich der Leichtmut früherer Tage eingestellt hatte. Ein Lächeln kam hoch, als die Pferde beim Satteln freudig schnaubten. Trotz der vergangenen Strapazen schienen sie nichts nachzutragen.

Nicht nur körperlich fühlte ich mich gut erholt.

Ein Blick in den Weiher gab mir Recht: Die Augen waren nicht mehr so hart, die Züge nicht ganz so eingefressen wie tags zuvor. Erleichterung machte sich breit. Vielleicht hatte die unheilvolle Entwicklung ein Ende.

Die kommende Zeit würde ohnehin alle Kraft erfordern!

Ich gab dem Pferd die Zügel frei.

Bis zum Hafen hatten wir noch einen scharfen Ritt vor uns.

Kapitel 2

Der alte Küchenhund in der Fakturei auf Malta verhielt sich genauso wie mein neuer Freund, wenn er jemanden ins Herz geschlossen hatte.

Malta - innerlich wurde mir warm, und das lag nicht an der aufgehenden Sonne.

Andere Gedanken drängten sich dazwischen.

Viel wusste ich nicht von meiner frühesten Jugend.

Einige Erinnerungen gab es, meistens Bilder, die sich immer wieder ohne Zusammenhang vordrängten, wenn nicht damit zu rechnen war. Sie schienen weit vor der Zeit zu liegen, als ich dauernd weitergeschoben wurde.

Umherziehen - dieser Gedanke war untrennbar verknüpft mit Unstetigkeit und Menschen, die anschließend für mich da waren, ohne den Jungen neben sich wirklich zu kennen.

Die Vergangenheit brachte verschiedene Frauen, die sich um mich kümmerten, weil ich noch sehr klein war. Im Grunde namenlos, blieben sie fast beliebig austauschbar, wie die dazugehörigen Familien. Sie wechselten wie die Hütten, in denen ich mit ihnen lebte, und wie die Umgebung, wenn nach langer Reise wieder einmal alles von vorn begann.

Jedes Mal brachte mich ein großer Mann mit gütigem Gesicht dorthin. Er war äußerst freundlich, aber sofort nach unserer Ankunft wieder verschwunden.

Ich musste wohl noch sehr klein sein, denn die Menschen sahen wie Riesen auf mich herab.

Nach dem Stehen begann auch das Laufen ohne Hilfe langsam zur Gewohnheit zu werden.

Sobald die Gewöhnung an eine Familie eingetreten war, holte man mich wieder ab.

Alles ging sehr schnell.

Manchmal wurde ich sogar nachts aus dem Bett gezogen und musste zu dem großen Mann auf ein Pferd klettern. Am Ende des Rittes wartete wieder eine neue Frau, und mein Beschützer verschwand wieder.

Ich fing an, mich innerlich an niemanden mehr zu binden, weil die nächste Veränderung ohnehin bald wieder bevorstehen würde.

Unzählige Male wurden diese Gedanken nicht enttäuscht ...

Über den vielen Ortswechseln wurde ich fast unbemerkt langsam größer.

Längst war aus dem unbeholfenen Gehen ein schnelles Rennen geworden, aber trotzdem blieb die Einsamkeit ein steter Begleiter. Das Spielen fand nur unter Beobachtung statt, und oft sollte ich mich dabei verstecken. Es war mir bald verhasst.

Immer, wenn Fremde erschienen, wurde das Geübte verlangt.

Es blieb mir unverständlich ...

Irgendwann, am Ende einer weiteren Reise, kamen wir nachts in ein Kloster. Nichts Ungewöhnliches - schon öfter war dies passiert. Erneut nahm man mich fast liebevoll in Empfang. Diesmal wartete allerdings keine Frau, sondern wieder ein Mönch.

Man wies mir einen eigenen Raum zu. Obwohl karg eingerichtet, fand sich trotzdem Holzspielzeug. Das war mehr als in den meisten Familien zuvor.

Ich konnte mich überall frei bewegen, aber an der Klostermauer endete die neue Welt.

Weitere Reisen gab es nicht mehr. Irgendwann wurde dieser Ort mein Zuhause, obwohl nie jemand da war, wenn ich nicht einschlafen konnte oder etwas erzählen wollte.

Bald waren täglich kleine Aufgaben zu erledigen. Ein Mönch brachte mir zusätzlich alles Mögliche bei - Getreidesorten, Vogelarten, Märchen, Einzelheiten über das Klosterleben und viele Geschichten aus der Bibel.

Später, des Lesens und Schreibens mächtig, half ich in der Bibliothek. Dabei gab es immer wieder genug Zeit, sich die Folianten und Codizes genauer anzusehen, bevor sie wieder in den Regalen verschwanden.

Ich liebte es. Oft fanden mich die Mönche noch spät abends in der Bibliothek, obwohl alle Aufgaben längst erfüllt waren.

Die Zeit hier schien stillzustehen.

Eines Nachts wurde ich wie früher aus dem Bett geholt und musste sofort meine Sachen packen.

Diesmal wartete kein Pferd auf uns. Stattdessen lief der Mann von früher mit mir immer tiefer in den nahegelegenen Wald hinein.

Irgendwann kamen wir zur Küste und später zu einer abgelegenen Stelle, wo ein Boot wartete. Schnell brachte es uns hinaus auf das Meer.

Erst im Morgengrauen gingen wir irgendwo an Land. Es folgte ein langer Fußmarsch, wieder zu einem kleinen Kloster. Dort übergab mich der freundliche Mann einem wartenden Mönch. Kurz darauf schloss sich die Klosterpforte von innen. Nach dem Zuweisen einer Zelle war ich allein.

Wieder einmal ...

Nach einigen Tagen der Eingewöhnung bezog man mich komplett ins allgemeine Leben ein.

Nun standen mehrfach täglich Gottesdienste an, und die Aufgaben wurden ausgedehnt. Wie ein Knecht musste ich selbst in der Küche arbeiten. Regelmäßig gehörten Gemüseputzen für das nächste Mittagessen der Mönche wie auch das Wischen des Bodens auf Knien dazu. Die Mönche schienen bei den zu verrichtenden Arbeiten vergessen zu haben, dass ein Knabe vor ihnen stand.

Gleichzeitig hielt man mich jedoch auch regelmäßig zum Lesen an.

Es fiel mir schwer, die Anforderungen zu erfüllen. Kurz zuvor noch mit den Freiheiten eines Kindes ausgestattet, galten nun andere, unbekannte Maßstäbe. Regelmäßig schlief ich vor Übermüdung in den Gottesdiensten ein. Zuviel harte Arbeit, dagegen kaum noch Momente der Ruhe ...

Nach einiger Zeit des Einlebens schaffte ich mein Tagespensum leichter als bisher.

Auch weiterhin nahm niemand Rücksicht.

Irgendwann befasste man sich eingehender mit dem Neuankömmling. Es folgte eine intensive Ausbildung in jedem Bereich der klösterlichen Welt. Der Abt legte auf jede Kleinigkeit Wert. Endlich nahmen die harten körperlichen Arbeiten ab. Stattdessen achteten die Mönche auf unentwegte Zuführung von Wissen.

Ich begann sehr schnell, es zu genießen.

Dieses Kloster lag nicht versteckter als andere meiner bisherigen Aufenthaltsorte, wenn auch deutlich abgeschiedener.

Man hielt mich zwar nicht direkt von der Welt jenseits der Mauern fern, achtete aber darauf, dass ich nicht mit fremden Menschen zusammenkam. Auch weiterhin war freie Bewegung nur innerhalb der Anlage erlaubt.

Scheinbar war mein Aufenthalt hier auf lange Zeit ausgelegt. Eigentlich deuteten nur viele Kleinigkeiten daraufhin, aber in der Summe waren sie bedeutsam.

Die kommenden Monate und Jahre gaben mir Recht.

Es folgte nicht eine einzige Flucht mehr. Die Mönche versuchten, von Anfang an unentwegt ein Gefühl der Sicherheit zu vermitteln - als ob mein Bestimmungsort erreicht wäre.

Vielleicht würde ich ja für immer hier bleiben ...

Trotzdem räumte ich dieser Hoffnung bewusst wenig Raum ein.

Wer wusste, was noch kommen würde ...

Ich war bei den Zisterziensern gestrandet. Sie unterhielten eine kleine Abtei auf Malta, wie ein Bollwerk gegen die Zeit. Den Orden gab es sonst nirgendwo mehr auf der Insel, und umso enger war der Zusammenhalt. Man fand bei ihnen nicht die sonst in Klöstern übliche straffe Disziplin, die von einem harten Regelwerk unterstützt wurde. Dafür hielt ein freundschaftliches Miteinander in gesteckten Grenzen diese Großfamilie zusammen. Unüblich für den Orden, wie Ambrosius, der Abt, betonte, aber äußerst wirkungsvoll.

Der Glaube war hier nicht nur eine Hülle oder ein Vorwand.

Wärme prägte das Leben.

Mittlerweile war ich zwölf Jahre alt.

Schier unendliches Lernen beherrschte die folgenden Jahre.

Naturwissenschaften, Sprachen, Landwirtschaft, Ethik und Moral - alle Bereiche des weltlichen und geistigen Lebens waren den Mönchen bei der Ausbildung wichtig.

Bibliotheken übten auch weiterhin eine unglaubliche Anziehungskraft auf mich aus, aber auch eine einzige selbstgezogene Möhre bewirkte ehrliche Freude.

Die Mönche kümmerten sich ausnahmslos rührend um mich. Überall fand ich eine Schulter zum Anlehnen oder ein offenes Ohr, wenn es nötig war. Man steckte mir Kleinigkeiten zu und nahm mir Arbeiten ab, ohne dass der Abt davon erfuhr.

Sie kümmerten sich wie eine große Familie um mich.

Der Glaube bestimmte mein Dasein. Auch er ersetzte an vielen Stellen die fehlende Familie. Ich ging über die Jahre hinweg regelrecht darin auf. Trotzdem fand sich nie ein Gespräch darüber, mich in den Orden aufzunehmen. Scheinbar interessierte niemanden hier ein solcher Gedanke. Manchmal dachte ich schon darüber nach, aber die Zeit des Lernens war zu schön und überdeckte alles wie von selbst.

Die Zeit verging.

Allmählich wich das kindliche Denken einem Prozess der Weiterentwicklung. Meine Welt war weiterhin heil und sonnendurchflutet. Die trüben Gedanken der frühen Kindheit tauchten nur noch selten auf, ansonsten verblassten sie gegenüber der Gegenwart mehr und mehr.

Es ging mir gut.

Mit 14 Jahren wurde ich ohne Widerstand der Mönche von zwei unbekannten Männern abgeholt und nach Frankreich gebracht.

Auf dem Weg dorthin erklärte man mir kurzerhand, ich würde nun bei den Templern zum Knappen ausgebildet.

Mit der Ankunft begann ein anderes Leben. Nicht nur wegen der bisher unbekannten Sprache fiel mir die Eingewöhnung unglaublich schwer.

Dies war nicht das Leben, das ich wollte!

Einem Ritter zugeteilt, lernte ich in den folgenden Jahren trotzdem den Umgang mit Waffen, andere Umgangsformen und eine bisher unbekannte Form Art des Gehorsams. Auch hier achtete man auf Abgeschiedenheit, und ich musste nie mit in einen Kampf ziehen.

Die Zeit war hart, unendlich lang und nicht mit dem vergleichbar, was ich bisher zu schätzen gewusst hatte.

Als ich 21 Jahre alt wurde, erfolgte nicht wie bei dem Knappen eines Ritters eine Weihe zum Ende dieser Zeit.

Stattdessen schickte man mich ohne einfach zurück zu den Zisterziensern auf Malta. Ich hatte mir abgewöhnt, nach Gründen zu fragen und gehorchte.

Der Abt wies mich an, fortan solle ich als rechte Hand des Bibliothekars mein Wissen vertiefen. Es war mir mehr als recht, konnte ich doch mein geliebtes Leben fortführen. Die vergangenen sieben Jahre schienen wie ein schlechter Alptraum. Ich lebte zwar nicht in den Tag hinein, doch um die Zukunft machte ich mir keine Sorgen mehr.

Alles hatte sich wieder zum Guten gewendet!

Genau an meinem 22. Geburtstag meldete sich ein Besucher an - ungebeten und unbekannt. Wir trafen uns in einer der wenigen Klosterzellen, die für solche Treffen vorgesehen waren. Vor mir stand ein Mann mit sonnengebräuntem Gesicht, das viele Furchen trug - nicht nur die Schwere des Lebens war darin zu sehen. Anscheinend lachte er gerne. Das Gesicht wurde von vollen, grauen Haaren regelrecht umspielt. Die Züge waren todernst, auch wenn die dunklen Augen mich wohlwollend ansahen.

Seine Ausstrahlung allerdings unterdrückte jede tiefergehende Beobachtung. Machthunger und starker Wille füllten den Raum geradezu aus. Sie standen fast körperlich zwischen uns, obwohl ich davon nicht im Geringsten beeindruckt wurde. Ein imposanter Mann, auch wenn seine körperliche Größe nicht unbedingt ihr Teil dazu beitrug.

Die Ordenskleidung der Templer war blitzsauber und korrekt. Der Mann trug bis auf Schild und Lanzen sämtliche Waffen bei sich; außerdem ragte der Griff eines Stiefelmessers leicht aus dem linken Beinschutz. Unüblich für einen Ordensritter, war es kaum zu bemerken von demjenigen, der nicht genau hinsah.

Nach einer kurzen Vorstellung durch den Abt verzichtete der Besucher auf jegliche Höflichkeitsfloskeln. Ohne Umschweife beschrieb er fehlerfrei mein bisheriges Leben, als sei es sein eigenes. Gebieterische Handbewegungen sorgten für ungestörten Redefluss.

Ich war geschockt.

Was sollte das hier? Woher hatte der Fremde seine Informationen?

Doch das war nur der Anfang ...

Mit nüchternen Worten trug er dann Unglaubliches vor.

Mein Vater sei ein Templer gewesen, bei einem Angriff umgekommen, und die Mutter wäre früh gestorben. Geschwister gäbe es nicht. Dem Willen des unbekannten Vaters nach solle ich mit dem 22. Geburtstag zum Krieger ausgebildet werden und später ins Heilige Land ziehen. Alles sei geplant gewesen - die lange Anwesenheit in dieser Abtei wie mein gesamtes Leben überhaupt. Sämtliche wechselnden Aufenthaltsorte vorher hätten allein der Sorge um größtmögliche Sicherheit Rechnung getragen. Den freundlichen Mann, der mich damals von einem Ort zum anderen gebracht hatte, nannte er einen engen Vertrauten meines Vaters.

Nun, mit Erreichen des passenden Alters, sei die Zeit für den nächsten Abschnitt meines Lebens gekommen. Alles Weitere würde man mich beizeiten wissen lassen; für den Moment sei es genug.

Die Entscheidung stünde an - entweder nähme ich den Willen meines Vaters an und würde von den Templern zum Krieger ausgebildet. Ansonsten sei die Abtei sofort zu verlassen, da kein Geld mehr für mich gezahlt würde. Man könne mich zwar nicht auf Dauer von einem Ordensbeitritt abhalten, aber als Mönch sei ich hier unerwünscht. Mein Bleiben hier im Kloster wäre also so oder so beendet.

Ambrosius bestätigte alles Vorgetragene.

Die beiden schienen sich zu kennen. Es herrschte eine seltsame Vertrautheit zwischen ihnen, die man nur unter Freunden spürt. Auch hatten sie sich auf dieses Gespräch wohl vorbereitet, denn die Antworten auf jegliche Fragen wirkten nicht sonderlich spontan.

Ich konnte es nicht glauben.

Die Abtei, die Brüder und das Lernen waren mein Leben.

Und nun solch ein Bruch!

Kämpfen - ich half jeder Raupe vom Salat.

Jerusalem?

Malta hörte am Meer auf, und diese kleine Insel war ausreichend groß für mich!

Veränderung - den eigenen Plänen nach würde sie nur durch die endgültige Aufnahme in den Orden anstehen.

Meine heile Welt brach völlig zusammen.

Das Gespräch dauerte bald den ganzen Nachmittag.

Offenbar war ich nach dem Tod meines Vaters als kleines Kind hier nur untergebracht worden, damit mir nichts passierte und später eine gute Ausbildung folgte. Jemand hatte das Geld dafür bis zu dem maßgeblichen Geburtstag im Voraus bezahlt.

Wer - das nicht zu wissen gaben beide Männer vor.

Jedenfalls legte derjenige größten Wert darauf, den letzten Willen meines Vaters umzusetzen und mich in seinem Sinne dauerhaft am Leben zu erhalten. Diese Person hatte so viel Macht, dass ihr ein Vertreter der Kirche wie auch ein Angehöriger eines Mönchsordens gehorchten. Oder aber der Unbekannte hatte derartigen Einfluss besessen, dass er auch lange nach seinem Tode noch derart einwirken konnte!

Eine weitergehende Erklärung für die dauernden Ortswechsel über Jahre hinweg bis zum meinem Einzug hier in der Abtei bekam ich nicht. Zweifelsohne hatte ein größerer Kreis von Verschworenen an meinem Leben mitgewirkt. Ein Machwerk dieser Art war unmöglich von dem Abt und dem Templer allein umzusetzen gewesen!

Und nun sollte ich alles aufgeben, um die nächste Stufe eines fremdbestimmten Lebensplanes zu erreichen!

Als das Gespräch beendet war bewegten sich meine Füße wie von selbst nach draußen.

Der Kopf war leer; er konnte keine Befehle mehr an den Körper geben.

Im Klostergarten angekommen, sprang mir der Küchenhund freudig entgegen. Er verschenkte seine Liebe nicht oft ...

Ich dachte angestrengt nach, während er wie üblich gestreichelt wurde. Von klein auf hatte es immer eine enge Verbindung zu Tieren gegeben, doch in diesen Momenten war sie unwichtig geworden.

Dauernd schweiften die Gedanken ab. Mein Blick fiel auf die untergehende Sonne, die ich so liebte. Vielleicht half sie genau jetzt beim Nachdenken ...

Schnell verlor ich mich in den gleißenden Strahlen, die sich auf dem hellblauen, glatten Meer brachen.

Die Fakturei lag am Rande der Insel, neben einer Ecke der Insel, von der aus man ein nahes, kleines Eiland beobachten konnte.

Tausende von Vögeln trafen sich hier. Es herrschte ein ständiges Kommen und Gehen, eine Mischung aller möglichen Farben und Größen.

Das Gekreische und Gefiepe, das dauernde Auf und Ab, dazu die unzähligen Möwen, die unentwegt auf der Suche nach Fischen kreisten - alles war so vertraut. Ich schien jede Handbreit zu kennen.

Hier lag die Ruhe in der Unruhe. Ließ man sich darauf ein, brachte sie Stille für den Kopf. Ich konnte ganze Tage hier verbringen und allein in die Vogelmassen sehen, den Hund an meiner Seite. Der Blick vertiefte sich dann immer mehr und nahm die Gedanken mit.

Anstatt nur in schweren Gedanken zu ertrinken, versuchte ich auch diesmal, mich auch an dem gewohnten Anblick zu erfreuen.

Dabei brach mir fast das Herz.

Welche Entscheidung war die richtige?

Ein Leben mit den Brüdern war ohne Ordensbeitritt nicht möglich, wollte man nicht als Knecht enden. Dann vielleicht eines als Mönch in meiner Abtei, trotz der angekündigten Widerstände?

Ich war beliebt, aber wie sah eine Ordenszugehörigkeit auf Dauer aus, die vom Abt nicht gewünscht war?

Ambrosius hatte klar zu verstehen gegeben, dass mein weiteres Leben anders zu verlaufen habe. Der Vertraute des Templers würde mir ein von ihm nicht gewünschtes Dasein bei den Zisterziensern zur Qual machen - die Macht besaß er allemal!

Auch die Freundschaft zu den anderen Brüdern könnte dann ein unerträgliches Leben kaum erleichtern. Und unerträglich wurde es für mich werden, nur damit ich die Abtei dann möglichst schnell verließe.

Bislang war dies immer vor dem Hintergrund von Verfehlungen der Fall gewesen ...

Selbst wenn Ambrosius mich bisher persönlich schätzte - in der kommenden Zeit würde sich unser Verhältnis nachhaltig ändern.

Die Gedanken jagten sich förmlich in meinem Kopf.

Was sollte ich nur machen?

Wissen - allein darum ging es.

Ein Leben als Krieger? Unvorstellbar.

Ein unbekannter Vater hatte mein Leben geplant? Das konnte ich nicht akzeptieren!

Nur Gott hatte das Recht dazu, solche Entscheidungen zu treffen!

Und Weggang?

Wohin? Ich hatte nichts und niemanden. Und ein Leben als Bettler sollte es nicht geben, genauso wenig wie als Übersetzer für einen der reichen Araber, die immer wieder auf der Insel auftauchten. Sie gierten danach, alte lateinische Bücher in ihre Sprache übertragen zu bekommen.

Irgendwann wurde es Nacht, doch es hatte sich keine Lösung aufgetan.

Ich brachte den Hund zurück und ging anschließend in meine Zelle.

Karges Mondlicht erhellte sie nur mühsam durch ein kleines Fenster. Beim Hinlegen fiel mein Blick auf einen Zettel, der auf der wollenen Decke lag. Dort hatte ich weder etwas vergessen noch hingelegt!

Das Kerzenlicht zeigte eine herausgerissene Seite aus einer Bibel. Auf den Rand hatte jemand mit roter Tinte einige Worte geschrieben, als sollten sie unbedingt auffallen.

„Euer Vater lebt!“

Wie erstarrt stand ich da. Was sollte das?

Ein übler Scherz?

Mein Vater war doch nach Aussage des Ritters gefallen!

Bei dem Gespräch mit Abt und Templer auch über diesen unbekannten Mann hatte es keine Zuhörer gegeben. Zudem war auf Stillschweigen und absolute Geheimhaltung Wert gelegt worden.

Und nun dies!

Ich war beliebt bei den Brüdern, hatte keine Feinde. Wer hatte so etwas geschrieben - in dem Bewusstsein, mich bis in das Mark zu treffen?

Seit Broderik, der Templer, in mein Leben getreten war, schien kein Stein mehr auf dem anderen zu bleiben!

Der Ritter hatte die Abtei nach unserem Gespräch verlassen - von ihm konnte die Nachricht nicht kommen!

Wer also wollte mich innerlich wie äußerlich zerstören?

Warum?

Das Grübeln dauerte die ganze Nacht, aber ein Ergebnis gab es nicht.

Mit dem morgendlichen Vogelgezwitscher dämmerte ich ein, um dann direkt wieder von der Glocke zum Morgengebet geweckt zu werden.

Der Messe folgte eine Zeit des Schweigens, danach die Verteilung der Aufgaben für den Tag, anschließend die tägliche Arbeit. Ambrosius nahm mich von allem aus. So etwas hatte es noch nie gegeben!

Anstatt Gemüse zu putzen, die Räume zu reinigen, die Kapelle zu schmücken oder die Pferde zu pflegen, sollte ich in den Lesesaal gehen und mich in Studien der arabischen Sprache üben. Weshalb? Wofür? Und auch - wieso auf einmal um diese Tageszeit?

Der Lesesaal mit seinen Studien war dem Nachmittag vorbehalten!

Anscheinend blieb in meinem Leben plötzlich überhaupt nichts mehr so, wie es war ...

Also führte der Weg in das Nachbargebäude, in dem sich die Bibliothek befand. Mürrisch und ohne Eile suchte ich einige entsprechende Codizes heraus, immer in dem Bewusstsein, der Abt würde sie kontrollieren. Durch die großen, einfach verglasten Fenster konnte man die anderen im Garten arbeiten sehen.

Welch ein Genuss - jetzt in der Morgensonne zu stehen, zu arbeiten, zu reden und sich auf den Lesesaal am Nachmittag zu freuen!

Und ich saß hier und wollte nichts Arabisches lesen. In dieser Woche standen eigentlich sarmatische Schriften an. Außerdem hatte sich immer noch keine Lösung für das Problem meines Lebens aufgetan!

Erst viel später, kurz vor dem Mittagessen, rief mich eine bekannte Stimme an.

Ambrosius erkundigte sich nach Fortschritten. Nicht bei den Studien, sondern bezüglich einer Entscheidung!

Ich war wie vor den Kopf geschlagen.

Nicht einmal einen Tag nach dem Gespräch mit dem Ritter schien er mich loswerden zu wollen. Sollte die Sympathie der letzten Jahre nur gespielt gewesen sein? Hatte man mich nur als Kostgänger gesehen, für den nun kein Geld mehr gezahlt wurde?

Aufgeregt bat ich mir eine weitere Bedenkzeit aus, obwohl für ihn die Wahl von anderer Seite aus schon getroffen zu sein schien.

Ambrosius ging, und die schweren Gedanken setzten sich fort.

Mein 22. Geburtstag lag einen Tag zurück. Wofür war er das Schlüsselerlebnis?

Welche Kräfte waren hier am Werk?

Mein Kopf sank langsam müde vornüber auf die Brust. Die lange Nacht forderte ihren Tribut. Dann läutete die Glocke mehrfach im bekannten Takt. Ich fuhr hoch.

Vesper! Das Abendgebet!

Scheinbar hatte ich auch die Non, das Nachmittagsgebet, und das vorherige Mittagessen verschlafen!

Trotzdem war niemand gekommen, mich abzuholen. Die Mönche hatten gegen die Regel verstoßen, das Essen nur gemeinsam mit allen Angehörigen von Fakturei und Abtei einzunehmen! So etwas war noch nie passiert!

Warum jetzt?

Schlaftrunken riss ich die Augen auf und versuchte wachzuwerden, auch wenn es nicht richtig gelang. Nur schnell in den Speisesaal!

Fast schwerfällig sprang ich vom Stuhl auf, drehte mich um - und sackte zusammen. Ein unbeschreiblicher Schmerz zog sich durch den Körper, von den Zehen bis zu den Haarwurzeln. Blut lief über die an den Oberkörper gepressten Finger. Gleichzeitig brach aus jeder einzelnen Pore kalter Schweiß hervor.

Jemand hatte mir ein Messer tief in die Brust gestoßen!

Ein großes Loch tat sich unter den schwankenden Füssen im Boden auf.

Mir direkt gegenüber stand ein Mann mittleren Alters. Nur noch mühsam ließen sich schmierige Haare und ein aufgedunsenes Gesicht wie bei einem Trinker erkennen. Krähenfüße unter den Augen und schuppige Haut machten ihn nicht unbedingt ansehnlicher. Ich versuchte mich mit einer Hand krampfhaft an seinem staubigen Gewand aus grober Wolle festzuhalten, um nicht umzufallen.

Vergeblich.

Kein Muskel zuckte, während der Eindringling mich ansah. Sein Blick war kalt und völlig unberührt von dem, was hier gerade passierte. Kraftvoll drehte er das Messer in meiner Brust, um seines Erfolges sicher zu sein. Mir kam es vor, als hörte man dabei ein lautes Knirschen. Dabei sah ich die Tätowierungen auf dem Unterarm.

Ein gedungener Mörder, wie sie für wenig Geld auf dem Markt zu bekommen waren!

Jedes Kind wusste von ihnen.

Aber wieso ich? Warum wollte er mich umbringen?

Es musste ein Irrtum vorliegen. Ich war Klosterschüler - ohne Geld oder Feinde!

Wie war er überhaupt in den Lesesaal gekommen?

Meine Gedanken kreisten pausenlos, während das Pochen in den Ohren unerträglich wurde. Gleichzeitig stieg eine unerklärliche Hitzewelle auf. Kurz darauf sackten beide Beine weg. Im Fallen hielt ich mich an der Hand mit dem Messer fest und wurde ohnmächtig.

Kapitel 3

Als das Bewusstsein zurückkehrte, gab es keinen Körper mehr - nur noch Schmerzen!

Einen Moment später füllte ein Männergesicht meinen gesamten Blick aus.

Broderik.

War er nicht abgereist?

Mir fiel keine Antwort auf die Frage ein. Währenddessen drang Stimmengewirr undeutlich herüber. Es war zu leise, um etwas verstehen zu können.

Ich schien zu liegen und fühlte mich unerklärlich matt. Dann kam die Erinnerung zurück.

Der Lesesaal!

Aufgeregt wollte ich mich aufrichten. Meine Brust schien dabei zu zerreißen. Mit einem gurgelnden Stöhnen blieb es bei dem Versuch. Sobald sich der Schwindel wieder gelegt hatte, kreisten zumindest die Augen.

Die Umgebung wirkte fremd - weder der Raum noch seine Einrichtung kamen mir bekannt vor. Ein bekannter Geruch stieg unangenehm deutlich hoch.

Als der Templer merkte, dass der Verletzte zu sich gekommen war, überschüttete er mich mit Fragen. Antworten gab es nur spärlich, denn das Sprechen fiel unendlich schwer. Die Worte kamen nur undeutlich gebrabbelt heraus.

Ich hatte nichts gesehen oder gehört - bis zum jenem Moment des Zustoßens.

Broderik beseitigte die Verwunderung bezüglich meines Überlebens.

Der Meuchelmörder hatte sein Werk nicht vollenden können, weil ihn ein Novize überraschte. Er betrat den Raum in dem Moment, als ich zusammenbrach und die Waffe nochmals erhoben wurde. Seine Schreie ließen die Mönche herbeieilen und den Attentäter flüchten. Er sprang aus einem Fenster des Lesesaals in den Hof, kletterte über die naheliegende Abteimauer und verschwand danach spurlos auf dem Markt nebenan.

Die Gassen neben der Abtei waren eng und überfüllt, so dass sich eine Verfolgung fast unmöglich gestaltete. Broderik, der sich entgegen seiner Pläne noch im Kloster aufhielt, folgte ihm fast auf dem Fuß, aber der Mörder kannte scheinbar jeden Winkel. So blieb die Verfolgung durch einen einzigen Mann allein im Gewimmel eines Markttages erfolglos.

Der Ritter erklärte nicht, wieso er sofort zur Stelle gewesen war.

Der Mann wurde mir immer unheimlicher.

Und nun erzählte er fast beiläufig, dass man mich nach dem Anschlag in das Hauptquartier der Templer gebracht hatte, um mich zu schützen - mit dem Einverständnis des Abtes!

Ambrosius, der immer Wissen und Fähigkeiten der Mönche über jegliche Kenntnisse der weltlichen Umgebung stellte, ließ mich wider seine Aussagen in diesem Zustand wegbringen, in andere Hände!

Über diesem Gedanken wurde mir schwindelig, und die Augen fielen zu.

Als ich wieder wach wurde, stank es nach Blut.

Eine Körperbewegung zur Seite verwandelte meine ruhige Lage in ein wildes Zucken. Die Schmerzen waren überall, und der Verstand kam kaum gegen sie an. Gleichzeitig stieg unverkennbar Pferdegeruch hoch, und metallenes Klirren ließ sich nicht überhören.

Waffen!

Die Gedanken hatten kaum ein Ende gefunden, als sich die Dämmerung im Kopf schon wieder ausbreitete. Unterschwellig schoss mir noch das letzte Gespräch mit Broderik durch den Kopf.

Ich war bei den Templern!

Mit einer Kopfbewegung seitwärts versuchte ich zu erkennen, was um mich herum passierte.

Auf einem nahen Tisch stand ein Wasserkrug mit einem blutigen Tuch. Daneben war ein Teller mit ärztlichem Werkzeug zu sehen, außerdem eine Schale mit mehreren Lappen.

Meine Augen gingen mühsam in die Höhe. Der Ritter und der Abt!

Beide standen an einer Seite des Bettes und sahen dem Arzt zu, der gerade ein weiteres blutiges Tuch ablegte und sich dann über die frisch vernähte Wunde beugte.

Mit aller Macht versuchte ich wachzubleiben.

Dem unaufhörlichen Gebrabbel des Abtes war zu entnehmen, dass die Mönche mich zu den Ordensrittern gebracht hatten, um mein Leben zu retten. Deren Ärzte hatten mannigfaltige Felderfahrung bei der Versorgung von Schwerverletzten, und so war die Wahrscheinlichkeit, zu überleben, bei ihnen größer als in der Abtei.

Man hatte mich in einen leeren Raum nahe des Pferdestalls gebracht. Zur Operation wurde ich dort auf einen Tisch gelegt. Mehrere Wachen sollten etwaige Zwischenfälle verhindern.

Ambrosius und Broderik wachten seit dem Transport ins Hauptquartier der Ritter ohne Unterlass über mich.

Soweit möglich, hörte ich dem Abt zu, während der Templer wortlos meine Hand hielt. Er drückte sie fortwährend, als wolle er mir so Kraft geben.

Mühevoll versuchte ich mich an das zu erinnern, was von den Ordensrittern bekannt war.

Sie lebten absolut bescheiden im Vergleich zu anderen Ritterorden, ihrem Eid getreu. Die Einheit auf Malta konzentrierte sich in einem stark befestigten Hauptquartier in Valletta, der Hauptstadt der Insel. Man versuchte sich zu behaupten und bildete den Brückenkopf für eine weitere Ausdehnung des Ordens. Allein der Papst stärkte sie bewusst und bezog ihre Präsenz auf der Insel in seine Politik stillschweigend mit ein.

Malta stellte sich als Insel vor Italien und Europa wie ein Bollwerk der arabischen Welt entgegen. Entsprechend hoch war die Anzahl der anwesenden Ritter.

Die Gedanken des Ordens kreisten allein um Glauben und Schwert. Auch auf der Insel waren sie bestrebt, irgendwann die politische und militärische Vormachtstellung zu erreichen. Der hiesige Statthalter machte ihnen fortwährend Schwierigkeiten, da er seine eigenen Pläne bedroht sah.

Ansonsten verliehen die Templer auch auf Malta Geld an jeden, der es wünschte. Die Obrigkeit wie jeder einfache Reisende konnte der Sicherheit ihres Finanzwesens vertrauen.

Glaube, Macht und Geld - diese Mischung hatte den Orden bisher in vielen Teilen an die Spitze der Politik gebracht. Trotzdem war das tägliche Leben der Brüder weiterhin karg und genügsam, ihren eigenen Regeln entsprechend.

Ich konnte nicht mehr.

Die Augen fielen mir zu, während die Schmerzen fast gleichzeitig eine weitere Ohnmacht heranbrachten.

Beim nächsten Erwachen fühlte ich mich besser.

Sofort tauchte Ambrosius´ Gesicht neben mir auf. Der Abt wirkte ernst und übernächtigt, als er diesmal kurz und knapp berichtete.

Ich hatte zwei Tage ununterbrochen geschlafen. Der kritische Punkt war überwunden und die endgültig Wendung dem Leben entgegen geschafft.

In der Zwischenzeit hatte es einen Zwischenfall gegeben, der die Templer peinlich berührte und ihren Ruf nicht verbesserte.

Erneut war ein Versuch, mich umzubringen, nur knapp gescheitert. Diesmal hatten die Mörder es inmitten der Komturei, dem Sitz der Ordensritter auf der Insel, versucht!

Nach der Operation hatte man mich in einen Raum mitten im Hauptgebäude gebracht. In dem weitläufigen und mehrstöckigen Gebilde sollte ich, von Templern umgeben, neben Ruhe auch Sicherheit finden. Zusätzlich postierte man zwei Wachen vor der Tür und einen weiteren Mann neben dem Lager.

Trotzdem hatten drei Mörder, als Knechte getarnt, mühelos den Weg bis zu meinem Zimmer gefunden. Niemandem war dabei etwas Ungewöhnliches aufgefallen!

Die Männer hatten alle Kontrollen innerhalb der Komturei passiert, obwohl sie kein Ordensangehöriger kannte. Ein Passierschein und der vehemente Verweis auf Broderiks Verlangen nach ihnen wirkten wie Türöffner. Die drei kamen schnell über die langen Gänge bis zu meinem Zimmer und erstachen die beiden Wachen davor. Der Mann neben dem Bett bemerkte den Tumult und schlug Alarm. In einem erbitterten Kampf erschlug der schwerverletzte Ritter zwei der eindringenden Mörder. Der dritte Attentäter wurde von herbeieilenden Templern getötet, als er bereits mit blanker Waffe an meinem Lager stand.

Diese Attentäter waren mit unglaublicher Präzision vorgegangen. Sie besaßen die nötigen Ausweispapiere und detaillierte Kenntnisse des Hauptquartiers der Templer. Vom Aussehen her gab es keinen Unterschied zu den Knechten. Seelenruhig bahnten sie sich ihren Weg mitten durch eine Schar von Gegnern.

Die Härte, die die Mörder dabei an den Tag legten und mit der das eigene Leben geopfert wurde, nur um ein Ziel zu erreichen, ließ an Fanatiker denken. Kein einfacher gedungener Mörder würde derart rücksichtslos sein eigenes Leben aufs Spiel setzen, nur um einen Auftrag zu erfüllen!

Für wen war ich so wichtig, dass er unbedingt meinen Tod wollte?

Wer schickte zweimal binnen weniger Tage Mörder? Mehr noch, wer konnte sie mühelos in eine Abtei und das schwer gesicherte Hauptquartier der Templer eindringen lassen?

Die Gedanken ließen mich nicht los. In einem steten Zusammenspiel von Schlaf und Genesung kamen Ambrosius und ich doch keinen Schritt weiter bei unseren Gesprächen.

Seinen Worten nach hatte sich Broderik seit dem zweiten Attentat nicht mehr bei mir sehen lassen.

Ihn beschäftigten andere Dinge.

Mittlerweile konnte ich wieder artikuliert reden und gesundete deutlich, aber die Wunde war tief.

Es würde noch Wochen dauern bis zum Vollbesitz aller Kräfte.

Ambrosius´ und mein Verhältnis war mittlerweile unterkühlt, fast wie unter Fremden - keine Spur der Herzlichkeit früherer Tage.

Früherer Tage? Vor weniger als einer Woche noch war mein Leben im Kloster ein einziger, sicherer Hort gewesen. Alles verlief in geordneten Bahnen - mit dem Abt als Freund!

Welche Rolle spielte er wirklich?

Der Mann kannte Broderik besser als zugegeben; zudem schien ihm jeder noch so kleine Knick meines bisherigen Lebensweges bekannt zu sein. Und nun wollte mein Mentor vergangener Jahre mich unbedingt loswerden, als sei alles Frühere bedeutungslos!

Trotzdem saß Ambrosius jetzt dauernd an meinem Krankenlager, als ob es keine anderen Aufgaben für einen Abt gäbe. Die Besuche nahmen drei Viertel des Tages ein und versuchten, Abwechslung zu bringen. Vielleicht sollte ich auch nur vom Grübeln abgehalten werden.

Permanent bemühte er sich, einen normalen Tonfall zu pflegen, vermied es jedoch, auf meine Herkunft einzugehen. Von dem Zettel in der nächtlichen Zelle hatte ich nichts erzählt.

Ambrosius blockte konsequent jeden Versuch ab, mehr zu erfahren. Es ließen sich ihm nur Sätze und Informationen entlocken, die bereits in Broderiks Beisein gefallen waren.

Irgendwann gab ich es auf, weiterhin nach etwas zu fragen, dass er ohnehin nicht preisgeben wollte.

Auf jeden Fall wusste der Mann mehr, als er zugab!

Wann immer der Abt sich verabschiedete, versank ich alsbald in schier unendlich tiefen Gedanken und Überlegungen.

Immer wieder schob sich die geheimnisvolle Nachricht dazwischen. Wenn mein Vater lebte, warum sprach Broderik von einem Erbe, das anzutreten wäre? Welcher Unbekannte wollte mich mit dem Hinweis vom Gegenteil überzeugen?

Die Tage vergingen, ohne dass sich eine Lösung gefunden hatte.

Diese Erfahrung machte ich neuerdings ständig ...

Seit dem Auftreten des Ritters schien es keine klaren Strukturen in meinem Leben mehr zu geben. Konfusion war an die Stelle eindeutiger Abläufe und Lebensplanung getreten.

Ich begann es zu hassen.

Vier Wochen später erfolgte die Verlegung in ein anderes Gebäude.

Ich konnte mich wieder halbwegs bewegen und auch ohne große Schwierigkeiten lesen, anstatt vor Schmerzen Schwindel zu bekommen. Allerdings kreisten die Gedanken ständig um den Zettel in der Zelle. Der Versuch, sie zu ignorieren, blieb dauerhaft erfolglos. Auch hatten sich seit dem Attentat regelmäßige Albträume eingefunden. In ihnen ging es um einen lebenden Vater, der für tot erklärt wurde …

Tagsüber lief ich den Gang vor meinem Raum auf und ab, um wieder zu Kräften zu kommen. Weitere Wege blieben verboten, um keine Gefahr heraufzubeschwören. Broderik wollte kein Risiko eingehen. Eine Wache folgte auf dem Fuß, aber es gab keine weiteren Attentate mehr.

Ambrosius verabschiedete sich - dauerhaft, wie er betonte.

Meine Zelle ähnelte der in der Abtei. Sie lag inmitten eines weiteren großen Gebäudes, nach innen zum Hof gerichtet, und konnte ihren militärischen Ansatz nicht verleugnen. Fenster gab es nicht. Stattdessen ließen einige in dicke Mauern eingelassene Schießscharten Licht herein. An den Wänden hingen alte Schwerter, und auf dem Tisch lagen Machwerke über Kampftaktiken und Kriegsführung neben der Bibel.

Das Essen wurde gebracht, da die Templer der Sicherheit wegen jeden Kontakt zu anderen Menschen unterbunden hatten. Ich war allein mit mir, und die Zeit kroch nur so dahin.

Wochen später war die Genesung abgeschlossen.

Ich konnte wieder richtig laufen und wie vor dem Attentat jede einfache körperliche Anstrengung bewältigen. Nachdem alle Überprüfungen des Arztes abgeschlossen waren, eröffnete mir Broderik, dass die Zeit nun reif sei, mit den Maßnahmen zu meinem Schutz zu beginnen.

Zwei Tage später bat ein unbekannter Templer um ein Gespräch.

Fast freute ich mich über die Abwechslung nach der Tristesse der vergangenen Zeit, doch das änderte sich binnen weniger Momente.

Der Mann erklärte nüchtern und knapp den Ablauf der bevorstehenden Wochen und Monate. Ich sollte auf Befehl Broderiks und des Abtes in allen Fähigkeiten eines Ritters unterrichtet werden. Nach Abschluss der Ausbildung würde man über eine Aufnahme in den Orden der Tempelritter befinden.

Damit würde der Orden nicht nur den letzten Willen des unbekannten Vaters erfüllen. Zusätzlich bekäme ich so auch unbekanntes Wissen und die Fähigkeiten, mich in Zukunft selbst gegen jeden Angriff zu verteidigen.

Das Leben als Klosterschüler sei unwiderruflich vorbei!

Der Tempelorden würde mich ab sofort weder zurück zu den Zisterziensern noch in die Welt außerhalb der Komtureimauern gehen lassen.

Mir sei ein anderer Weg bestimmt!

Ein Schmiedehammer schien auf meinen Kopf zu fallen.

Wer war ich, dass so viel Aufhebens gemacht wurde? Hatte nicht von klein auf der Entschluss felsenfest gestanden, nie ein Krieger werden zu wollen? Dies war nicht nur ein flüchtiger Gedanke in den ruhigen Momenten am Vogelfelsen gewesen, im Abendlicht, mit dem Hund in meiner Seite!

Nichts konnte mich zu solch einem Dasein bewegen!

Selbst die Erzählungen und Mythen der Kämpfer aus allen Jahrhunderten in den Büchern der Bibliothek hatten nie einen Beweggrund dargestellt. Ich las sie nur zur Vertiefung der Sprachkenntnisse, anstatt wie andere Jungen jede einzelne Zeile regelrecht zu verschlingen.

Das war nicht mein Leben!

Ich wollte in den Orden der Zisterzienser eintreten oder - eine Frau, Kinder, ein Heim!

Beten, Lesen und Lernen! Ansonsten vielleicht später einmal Lieben - nicht aber stattdessen dreckverschmiert und stinkend neben einigen anderen Überlebenden mit dem blutigen Schwert in der Hand gegen eine Übermacht kämpfen und sterben!

Ich wollte auch nicht halb verdurstet irgendwo eine Karawane begleiten, immer in der Hoffnung, während des eigenen Todes noch einige Feinde mitzureißen!

Und schon gar nicht wollte ich ein Leben aus Wissen und geistiger Arbeit gegen ein elitäres Ritterdenken und geheime Männerriten eintauschen!

Vor allem aber wollte ich dieses Leben nicht, das nun vorgezeichnet schien, nur weil ein unbekannter Mann es so geplant hatte!

Nur das nicht!

Warum hatte der Mörder keinen Erfolg gehabt?

Im Nachhinein wäre dies eher ein Glück gewesen - für mich!

Ich versank in einem Meer voller Trauer, Lebensmüdigkeit und Angst. Sämtliche Gefühle schienen sich dem düsteren Raum anzupassen, in dem ich an einem Tisch vor einem Becher Wasser saß, die Wache direkt daneben. Nicht einmal die Sonne konnte helfen, indem sie mehr Licht hereinschickte, als durch die Schießscharten passte. Zu klein waren diese Öffnungen ...

Irgendwann trat ich auf den Gang vor der Zelle, um in den großen Innenhof zu sehen. Es war dringend eine Ablenkung nötig, sonst würden die Gedanken mich wahnsinnig machen!

Nirgendwo war ein Lachen zu hören, stattdessen das Klirren von Stahl bei der Reinigung. Dazu mischte sich der Geruch von Lederfett und Männerschweiß.

Keine vertrautes Miteinander wie bei den Mönchen, sondern nur ernste Gesichter von Kämpfern, die sich selbst zu wichtig nahmen!

Es war widerlich - mich umgab all das, was ich bisher im Leben verachtet und gemieden hatte!

Die Templer bedeuteten Schutz vor jemanden, der jeden Moment zustoßen konnte. Gegen einen wirklichen Feind stand mir jedoch niemand bei - meinen Vater!

Jahre schienen über diesen Überlegungen vergangen zu sein, als die Wache das Essen brachte - eine große Portion Schweinefleisch und Gemüse.

Was sollte das? Wollte man mich fettfüttern für kommende Quälereien? Abends waren Mönche nur leichte Kost gewöhnt, um den Nachtschlaf nicht durch einen vollen Magen zu stören!

Widerwillig nahm ich das Essen an. Über dem Grübeln war ein ganzer Tag verstrichen, und selbst der Wachwechsel war dabei unbemerkt geblieben.

Ein Diener brachte mich anschließend zu Broderik in einen anderen Raum. Als ich eintrat, stand der Templer am Fenster, einen Apfel in der Hand. Er kaute mit halboffenem Mund und ließ auch nicht ab, als das Gespräch begann.

Ein ungehobelter Klotz!

Das war die Elite? Zorn schoss in mir hoch. Hatte er schon bei dem Benehmen nicht mehr zu bieten?

Seine Beschreibungen der kommenden Wochen und Monate brachten mein Blut zum Kochen.

Ambrosius und er waren zu dem Schluss gekommen, dass ich am ehesten überleben würde, wenn man mich hier auf Malta in den Fähigkeiten eines Kämpfers ausbildete. Auf Zypern oder im Heiligen Land dagegen, wie von dem verfluchten Unbekannten gewünscht, würden mögliche Attentäter ein ungleich leichteres Ziel bekommen.

Nach der Zeit auf der Insel sollte ich dann an Transportbegleitungen teilnehmen. Kleinere Scharmützel mit Dieben und Wegelagerern würden dabei erste Erfahrungen als Kämpfer bringen, ohne große Gefahr zu bedeuten. Eine massive Präsenz der Ordensritter im Hintergrund sollte die Sicherheit für mein Leben bringen, die man dem Willen ihres Freundes schulde. Irgendwann stünde dann die Aufnahme in den Tempelorden an. Bis dahin hätte man das Problem des unsichtbaren Feindes längst gelöst.

Was sollte der Unsinn?

Die Tempelritter waren ausnahmslos bereits bei ihrem Eintritt in den Orden von edler Geburt und brachten Vermögen und Einfluss ein. Alle höheren Ränge wurden ausnahmslos mit ihnen besetzt. Von den einfachen Brüdern stiegen nur wenige in der Hierarchie auf. Und selbst wenn es geschafft war, so hatten sie dann wegen ihrer Herkunft doch nicht das gleiche Ansehen. Auch später würde ich nur ein dienender Bruder, aber kein Ritter sein ...

Wollte Broderik schon wieder schönreden, was nicht meine Entscheidung war?

Er ignorierte jegliche Einwände und gab mannigfaltige Ausführungen. Es war unerträglich. Unvermittelt schoss ich mit schnellen Schritten zur Tür und riss sie auf. Sofort kreuzten sich von der anderen Seite aus zwei Lanzen und versperrten den Weg. Ich wischte darunter durch und rannte den Gang hinunter. Kurz darauf beendeten zwei weitere Wachen die planlose Flucht.

Wut waberte regelrecht hoch. Nichts mehr war von der Zurückhaltung des gebildeten Klosterschülers geblieben. Dieser Broderik ließ mich nicht nur unentwegt von den Templern in unmittelbarer Nähe beschützen, sondern noch von weiteren im Hintergrund!

Wie sollte ich dem je entkommen?

Der Mann musste geisteskrank sein. Nahm er sich oder mich zu wichtig?

Mein Leben konnte niemals eine solche Leibwache wert sein! Wozu all diese Quälereien?

Ich wusste es nicht.

Vor allem aber ließen sich seine wahren Motive nicht ansatzweise ergründen!

Die Wachen schlossen mich trotz lautstarker Proteste in meinem Raum ein. Etwas später brachte ein Diener die Nachricht, dass aufgrund des Fluchtversuches die Ausbildung vorgezogen würde - auf morgen!

Man hatte mir die Möglichkeit der Entscheidung schlichtweg genommen. Egal, wie die Wahl ausgefallen wäre - ich wurde nun endgültig fremdbestimmt. Ritter und Abt zeigten endlich ihr wahres Gesicht - sie setzten ihren Willen einfach durch!

Schlaf fand sich nicht in dieser Nacht.

Durch die Schießscharten fiel das Mondlicht herein. Ein fahler Kegel wanderte langsam die Wand entlang, während die Zeit verging. Ich zermarterte mir den Kopf.

Nichts.

Keine Lösung, kein Entkommen!

Doch es musste einfach einen Weg geben, die unsägliche Situation hier zu beenden!