Liebe Unbekannte - István Kemény - E-Book

Liebe Unbekannte E-Book

István Kemény

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Beschreibung

Ungarn in den 1970er- und 80er-Jahren: Zeitgeschichte, die die Zeit vergessen hat. Einer der einflussreichsten ungarischen Gegenwartsautoren zeichnet das Porträt einer Generation. Tamás Krizsán, Ich-Erzähler, ist in der sogenannten "Ära Kádár", der despektierlich "Gulaschkommunismus" genannten Epoche, aufgewachsen. Sich selbst im Hintergrund haltend, erweckt er im Rückblick die Menschen, die ihn damals umgaben, deren Schicksale und Geschichten zum Leben. Da ist zum Beispiel Emma, Krizsáns ewige Jugendliebe, die ihr Leben lang von einer gruseligen Kindergeschichte verfolgt wird. Oder ihr Großvater, der die königliche Bibliothek von Buda leitet, in der Krizsán in seiner Studienzeit arbeitet: Dort tummelt sich eine bunte Schar regimetreuer Professoren und aufrührerischer Studenten, da brodelt es, da formieren sich jene Bewegungen, die 1989 auch in Ungarn zum Ende des Sozialismus beitragen sollen. "Liebe Unbekannte" ist ein Entwicklungs- und Initiationsroman, ein Buch über die Donau, vor allem aber ein großer Generationsroman: das individuelle Stimmungszeugnis einer Zeit des Umbruchs.

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EPUB

Seitenzahl: 910

Veröffentlichungsjahr: 2013

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István Kemény

Liebe Unbekannte

Roman

ISTVÁNKEMÉNY

Liebe   Unbekannte

Roman

Aus dem Ungarischenvon Timea Tankó

Der Verlag dankt dem Programm Kultur der Europäischen Union für die Unterstützung dieser Übersetzung.

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel „Kedves Ismeretlen“ bei Magvető, Budapest 2009.

Sämtliche Figuren und Handlungen sind frei erfunden, Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind zufällig. Alle Änderungen im Text wurden vom Autor selbst oder mit dem Einverständnis des Autors vorgenommen.

Bibliografische Information der Deutschen NationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

1. Auflage 2013© 2013 by Braumüller GmbHServitengasse 5, A-1090 Wienwww.braumueller.at

Gedicht auf S. 651ff.: Ady, Endre: Gib mir deine Augen.Aus dem Ungarischen übertragen von Wilhelm Droste.Arco Verlag, Wuppertal 2011.

Coverfoto: froodmat / photocaseSatz: Martin ZechnerISBN Printausgabe: 978-3-99200-098-2ISBN E-Book: 978-3-99200-099-9

Alles ist wahr, und natürlichauch dessen Gegenteil, vor allemaber alles.

ERSTER TEIL

1.DER LÖWENHOF

„Die Bibliothek schließt in wenigen Minuten. Bitte, beenden Sie die Lektüre“, tönte es aus den Lautsprechern. Im Saal saß nur noch ein Leser.

„Sie waren heute zum letzten Mal da“, sagte Gábor. „Darauf kannst du Gift nehmen!“ Ich wusste, dass er die Großen meinte, denn über sie hatte er gerade gesprochen.

„Ich meine die Großen“, fügte er hinzu.

„Ich höre dir zu“, sagte ich, da ich ihm wirklich zuhörte.

„So siehst du aber nicht aus“, sagte er und stieß mich in die Seite. „Aber jetzt kannst du mal zuhören.“

Er konzentrierte sich einen Moment lang, legte sich den Satz zurecht, wählte die passende Lautstärke und beugte sich dann mit entsprechendem Respekt ans Ohr des einzigen Lesers:

„Nach unseren Informationen schließt die Bibliothek gleich.“

Der einzige Leser, ein heruntergekommener Graf mit roten Wangen und in Reitstiefeln, öffnete die Augen mit ruhigem Gleichmut.

„Taub bin ich nicht, mein Söhnchen“, sagte er mit einem Kopfnicken und ließ zu, dass Gábor, einem eifrigen Kellner gleich, seine Bücher wegbrachte: die zehn prächtigen Bände der Genealogischen Beschreibungen der Familien des Ungarischen Hochadels. Der Alte lieh sich jeden Nachmittag alle zehn Bände aus, baute aus ihnen eine Palisade, hinter der er bis zum Ende der Öffnungszeit schlief.

„Ich hoffe, ich war nicht zu laut“, sagte Gábor. „Siehst du, deshalb muss man hier so furchtbar aufpassen. Man begeht unglaublich leicht einen Fehler. Du sprichst in der falschen Lautstärke und schon war’s das. Gleich denkt man, du gehörst zum Plebs. Das hier ist noch die alte Welt. Und von wegen, nicht taub.“

Letzteres bezog sich auf den Grafen, man konnte aber auch denken, er meine die alte Welt. Für mich bezog es sich auf beide. In seiner Überschwänglichkeit formulierte Gábor manchmal etwas ungeschickt. Er war noch ein Neuling in der alten Welt. Gab sich jedoch größte Mühe, ihre Regeln zu verinnerlichen. Er verschlang sie förmlich. Vier schwere Bände drückte er mir in die Hand, die anderen sechs trug er. Allein schon die vier Bände wogen um die zehn Kilo.

„Wir haben unsägliches Glück, dass auch diese Reihe nicht beendet wurde“, sagte er schniefend. „Denn geplant waren einundzwanzig Bände. In diesem blöden Land wurde noch nie auch nur eine einzige Reihe beendet.“

Dabei grinste er jedoch, als wäre er mit diesem blöden Land in höchstem Maße zufrieden, da er genau das von ihm erwartete. Wir stellten die Bücher ins Nachtregal. Von hier sollten sie am nächsten Mittag wieder auf den Tisch des Grafen Frigyes Eédes wandern, um über seinen Schlaf zu wachen.

„Aber wenigstens habe ich sie heute Mittag gesehen“, sagte Gábor. „Ich meine die Großen. Ich bin mir fast sicher.“

„Du hast sie also noch gesehen“, sagte ich, was wider meinen Willen so klang, als würde ich mich über ihn lustig machen.

Dabei war ich begeistert von der Vorstellung, dass es hier jemanden gab, für den es von Bedeutung war, irgendwann irgendjemanden gesehen zu haben, den es bald nicht mehr geben würde. Er stutzte, denn er hätte nicht gedacht, dass ich wirklich verstand, wovon er sprach. Dann entschied er, dass ich mich über ihn lustig machte.

„Was suchst du eigentlich noch hier?“, fuhr er mich an. „Du wirst hier nicht mehr gebraucht. Geh auf den Hof.“

„Du hast mich hierhergerufen.“

„Hör auf zu quasseln. Mach schon. Geh durch den Hauptausgang hinaus und warte beim Personaleingang auf mich. Das ist alles, was du zu tun hast. Ich bin gleich fertig.“

„Bitte, beenden Sie die Lektüre“, bat die schönste Stimme der Bibliothek, die Marcsi Áron, der stellvertretenden Audiotheksleiterin, gehörte, die Leser durch die Lautsprecher. Sie hatte sich vor Kurzem vom Audiotheksleiter scheiden lassen, was man ihrer Stimme jedoch nicht anhörte.

Ich gehorchte widerwillig. Mit Schritten, die einen würdevollen Eindruck erwecken sollten, verließ ich den mit dem kleinen Lesesaal verbundenen Katalogsaal des Instituts. Ich beeilte mich keineswegs. In der Tür blieb ich sogar noch stehen, blickte demonstrativ zurück, um klarzustellen, dass ich mich nicht drängen ließ. Tante Gizella beugte sich bereits unter die Theke, um sich Lippenstift aufzutragen, warf mir aber noch einen mitleidsvollen Blick zu. Der arme Junge wartet auf Gábor, zumindest das wussten die Bibliotheksmitarbeiter auf jeden Fall über mich.

Ursprünglich hatte ich den Bus Viertel vor zehn erreichen wollen. Nun war es jedoch schon egal.

Gábor und ich kannten uns seit Mittag und hatten am Abend die erste Phase unserer Freundschaft schon hinter uns. Er kannte meine Fehler und war sie ziemlich leid. Er erzog mich bereits.

Dank ihm hatte ich mir bis zum Abend das Rauchen angewöhnt, und beinah hätte er mich glauben gemacht, dass die Staatliche Korvin Bibliothek samt der Ungarischen Akademie der Wissenschaften (UAW) und dem Institut für Herausgabe von Enzyklopädien (IHE) ohne ihn funktionsunfähig wäre. Er kontrollierte den Freihandbereich des kleinen Lesesaals. Lief durch die Regalreihen, stellte die Bücher ordentlich an ihren Platz. Rückte die Stühle an die Tische. Das gehörte zwar zu seinem Aufgabenbereich, aber er wäre von niemandem zur Rechenschaft gezogen worden, hätte er es einmal versäumt. Er benahm sich, als hätten die digitalen Uhren nicht gerade die Mitte des 21. Jahrhunderts angezeigt (20:58), ein Jahr, in dem unsere Generation so gut wie ausgestorben sein wird.

Ich hatte verstanden. Er schindete Zeit. Wollte nicht zu früh auf dem Hof sein. Wegen seines Freundes. Deshalb schickte er mich vor. Weil er ihm grollte.

Die Großen waren die Großen der Bibliothek. Sie waren zu viert, jedoch fünf Personen wert. Der hochbetagte Heltai war der Ady-Forscher. Er hatte Ady auf dem Sterbebett gesehen. Der betagte Misztóthy war der Kosztolányi-Forscher. Er hatte Kosztolányi auf dem Sterbebett gesehen. Der alte Rimányi Junior war der Babits-Forscher. Er hatte Babits auf dem Sterbebett gesehen. Onkel Olbach war der Dezső-SzabóForscher. Dezső Szabó hatte kein Sterbebett gehabt, er hatte wie ein Hund geendet. In einem Straßengraben. Onkel Olbach hatte ihn dort gesehen.

Gábor bedeutete mir von der anderen Seite des Saals, nicht mehr in der Tür herumzustehen, sondern mich auf den Hof zu scheren. Wo minus fünfzehn Grad herrschten. Ich provozierte ihn nicht weiter. Ich überquerte die unsichtbare Demarkationslinie, die den kleinen Lesesaal und den großen Lesesaal, also die Fachbibliothek des IHE von den anderen Räumen der Korvin Bibliothek trennte. (Respekt dem Leser, der die beiden Einrichtungen voneinander unterscheiden kann!)

Sie teilten sich auch den Haupteingang. Einundzwanzig Uhr neun (21:09), also von jetzt an gezählt in mehr als hundertzwanzig Jahren, ging das Eingangstor dröhnend hinter mir zu.

Im Hof angekommen legte ich mich auf die Lauer. Der Dienstwagen der Bibliothek stand vor dem Haupteingang. Seit dem späten Nachmittag. Demnach war die Feier immer noch im Gange.

Gemeinsam ergaben die vier Großen noch eine fünfte Person, und zwar einen Béla-Hamvas-Forscher. Alle hatten Béla Hamvas gekannt und geschätzt. Böse Bibliothekszungen behaupteten, die Großen hätten seinen Lebensweg in dem Maße, in dem es ihre bescheidenen Mittel erlaubten, auch ein wenig geebnet, was angesichts der Internierung und aller anderen Qualen, die der große Denker hatte erleiden müssen, sowie des bis übers Grab hinausgehenden Schweigens über sein Werk, eine ziemlich gehässige Formulierung war. Bis zu diesem Tag war auch Gábor eine dieser bösen Zungen gewesen, aber er hatte am Vormittag flüchtige Nachforschungen über die Großen angestellt und alle Anklagepunkte fallen gelassen.

Zu der Feier waren viele der alten Bibliotheksmitarbeiter erschienen. Auch die Großen. Bis zum frühen Abend hatte sich in der Bibliothek die Nachricht verbreitet, die Schattenregierung sei gegründet worden. Das war zwar nicht wahrscheinlich, aber man konnte ja nie wissen. Die alten Bibliotheksleute waren jedoch mit Sicherheit schon nach Hause gegangen.

Gábor kam, wie er es geplant hatte, genau zehn Minuten nach Bibliotheksschluss aus dem Personal eingang und gesellte sich zu mir. Er schaute auf seine Uhr.

„Nichts?“

„Nichts.“

„Licht?“

„Das brennt. Würdest du mich sehr hassen, wenn ich jetzt nach Hause ginge?“

„Ja. Aber nicht nur ich.“ Er deutete in Richtung Dachboden. „Auch er. Gesetzt den Fall, er lässt sich überhaupt noch blicken.“

Gábor vertraute jedoch nicht auf mein Beobachtungsvermögen. Er ging zwanzig Schritte nach Norden, von dort aus konnte man die Nordwestkuppel bereits gut erkennen. Es brannte wirklich Licht.

Sein Freund, auf den er wütend war, wohnte dort in dieser Kuppel, natürlich nur vorübergehend. Wenn die Bibliothek geschlossen war, konnte man über das Baugerüst zu ihm gelangen, da es auf dieser Seite des Gebäudes noch stand. Aus der Tatsache, dass das Licht bei ihm noch brannte, schloss Gábor, sein Freund komme absichtlich nicht auf den Hof. Sie hatten sich gegen Mittag gestritten, woraufhin Gábor ihm ein Ultimatum gestellt hatte. Er hatte einen Zettel unter der Tür des Kuppelzimmers durchgesteckt, worauf stand, dass er nach Bibliotheksschluss bei den Löwen auf ihn warte.

„Warum gehst du nicht zu ihm?“

„Aus erzieherischen Gründen“, antwortete er etwas hochmütig. „Das hat er dringend nötig. Außerdem sind es noch drei Minuten bis zum Ablauf des Ultimatums.“

„Und wenn er nicht kommt?“

Er pfiff vor sich hin.

„Er wird höchstens zu spät kommen, weil das vornehm ist“, sagte er. „Ganz sicher wird er fünf Minuten zu spät kommen. Nur damit wir wissen, wo wir hingehören. Du wirst sehen“, fügte er hinzu und freute sich beinah. „Er wird absichtlich zu spät kommen und sich dann noch aufregen. Macht nichts, nieder mit allem, vor allem mit der Freundschaft!“

Er setzte sogar ein verkniffenes Grinsen auf, was ein Zeichen von Lebenslust sein und heißen sollte: Die schlechten Dinge sind wichtig. Ohne Schlechtes gibt es nichts Gutes. Also sollte – letzten Endes – alles zugrunde gehen, das würde das Beste sein.

Er las auch so. Mit dieser Lebensphilosophie. Alles. Selten geschah etwas so Außergewöhnliches, das ihn daran gehindert hätte, von früh bis Mittag ohne Unterbrechung zu lesen, wobei er den ganzen Kopf so mit bewegte, als würde er alles verneinen. Er verstaute in seinem Gehirn täglich die Menge an Informationen, die dem vollständigen Wissen eines ungebildeten Schwachkopfs entsprach. Zugegeben, nicht sehr systematisch. Zurzeit interessierte er sich gerade für Geologie, speziell für unterirdische Gewässer.

„21:20“, bemerkte ich.

„Ich habe auch eine Uhr.“

Er hielt sie in der Hand. Er hatte eine Taschenuhr, die an einer roten, aus seiner Hosentasche hängenden Telefonschnur befestigt war.

„Aber das Ultimatum ist abgelaufen.“

„Das stimmt“, gab er zu. „Offenbar ist er nicht zu Hause. Und wenn er nicht zu Hause ist, müssen wir zu Plan B übergehen. Ich habe direkt für den Fall eine entsprechende Klausel in das Ultimatum geschrieben. Wir warten bis halb zehn.“

Der Motor des Dienstwagens lief, denn Oszi Kerekes, der Fahrer, saß drin und heizte. Heute war er sehr zeitig aufgestanden. Er hatte am frühen Morgen eine interessante Fahrt gehabt, die Auswirkungen auf das Leben mehrerer Personen hatte, zum Beispiel auf Gábors, auf meins, vor allem aber auf das des Kuppelbewohners. Später erfuhren wir einiges darüber, aber an diesem Abend wussten wir noch nichts. Oszi hatte wahrscheinlich auch später keine Ahnung davon, in welcher Sache er an diesem Morgen behilflich gewesen war, es interessierte ihn auch nicht, aber das zeitige Aufstehen hatte ihm gutgetan, er fühlte sich wieder so jung wie damals, als er – angeblich – noch bei der Organisation war. Über Oszi erzählte man sich in der Bibliothek nicht viel Gutes.

„Wollen wir ihn nicht fragen, ob wir uns zu ihm ins Auto setzen dürfen?“, fragte ich, da ich fror.

„Du weißt nicht, was du da redest“, sagte Gábor im Ton des Eingeweihten. „Der Oszi stinkt. Niemand setzt sich neben ihn, nur ältere Herren, die eine anständige Erziehung hatten. Und die, die müssen.“

Was wusste Gábor schon über anständige Erziehung? Darüber wusste auch ich nicht viel, dabei hatte ich bereits bemerkt, dass ich eine bessere genossen hatte als er. Auf meine Erziehung war ich immer noch recht stolz, wenn es inzwischen auch so ziemlich das Einzige war. Na ja, in dem Moment war ich eigentlich auf gar nichts stolz. Um genau zu sein, fühlte ich mich wie eine zähnefletschende, tiefgefrorene Leiche. Aber das hatte seinen eigenen Grund, für den Gábor nichts konnte und zum Glück bemerkte er auch nichts davon.

Er pfiff eine Melodie. Wir liefen in raschem Tempo zwischen den nutzlosen Löwen hin und her, nach denen der Löwenhof benannt worden war und die in den ersten acht Jahrzehnten ihres Lebens nicht in der Lage gewesen waren, das königliche Schloss vor Gefahren zu beschützen. Zumindest nicht vor den beiden größten Gefahren, die auf ein königliches Schloss lauern, nämlich das Ende des Königreichs und der Einsturz des Gebäudes. Hier kam es zu Beidem. Nur die Löwen überlebten. Zwei angespannt wachende und zwei brüllende, unvermögende Löwenmännchen. Wenn wir bei den angespannt Wachenden ankamen, von wo aus die Kuppel zu sehen war, versetzte Gábor der Luft einen Hieb. Dann spazierten wir zu den Brüllenden und wieder zurück.

„Stellen wir uns doch wenigstens in den Gang.“

Die letzte Gruppe der Bibliotheksmitarbeiter kam gerade aus dem Gang, wo sich die Fahrstühle befanden, und trat ins Freie. Gábor kannten die meisten, weil er sich an den verschiedensten Stellen der Bibliothek herumtrieb. Einige riefen uns einen Abschiedsgruß zu und eilten zur Bushaltestelle. Zuletzt kam Tante Gizella, Arm in Arm mit Elemér, dem Leiter des Filmarchivs. Beide sahen uns mit sanftem, mütterlichem Blick an, aber ich bekam einen Kloß im Hals, als ich Elemér sah. Ich wollte ihn nicht treffen. Dabei wusste er wahrscheinlich nicht einmal, dass ich ihm aus dem Weg ging. Er ahnte es höchstens.

„Mein Junge, Sie erfrieren mir hier noch, gehen Sie zurück in den Gang.“

Die Aufzüge durften auch von den einfachen Lesern benutzt werden. Tagsüber konnte man mit ihnen in den Tabán fahren, aber um die Uhrzeit waren sie bereits außer Betrieb. Nun war der Gang nicht mehr für den allgemeinen Zutritt bestimmt, nur echte Bibliotheksleute durften sich hier aufwärmen. Gábor zählte sich noch nicht zu den echten Bibliotheksleuten. Er arbeitete erst seit drei Wochen hier. Er kam direkt aus dem Militärkrankenhaus. Man hatte ihn aus dem Wehrdienst entlassen, weil er von der Elisabethbrücke in die Donau gesprungen war. Als Beweis trug er den Krankenhausbericht bei sich. Er hatte ihn mir bereits am Nachmittag gezeigt.

„Habt ihr zufällig Schwesterchen gesehen?“, fragte Elemér.

Wir schüttelten beide den Kopf.

„War sie in der Bibliothek?“, fragte Gábor, als würde er Elemérs Schwester kennen, dabei konnte er das gar nicht.

„Nun ja, ich glaube nicht“, sagte Elemér. „Aber man weiß nie. Und du hast sie auch nicht gesehen, Schätzchen?“, wandte er sich an mich, ohne besondere Regung.

Tante Gizella bedeutete mir diskret, ich solle mich wegen Elemér nicht verrückt machen, aber auf der Hut sein. Sie mische sich nicht in meine Angelegenheiten ein, ich sei schließlich ein erwachsener Mensch, aber aufpassen solle ich trotzdem.

„Nein“, antwortete ich Elemér bestimmt und ehrlich.

Ich gab Tante Gizella mit einem ebenfalls diskreten Kopfnicken zu verstehen, dass ich wisse, was sie meine und schon aufpassen würde, aber trotzdem vielen Dank.

Ich wusste, dass Elemér etwas von mir wollte. An diesem Nachmittag hatte er mich mehrmals in Gábors Gesellschaft gesehen, und ich sah ihm an, dass er sich bereits Sorgen um mich machte. Im Moment konnte er wegen Tante Gizella und Gábor nichts anderes unternehmen, als mir verschwörerische Blicke zuzuwerfen, aber man sah ihm an, dass er etwas plante. Wahrscheinlich wusste er selbst noch nicht was.

„Du Esel, streng dich an“, sagte eine Stimme in meinem Kopf. Sie meldete sich wegen Elemér und ich wusste, sie würde nun keine Ruhe mehr geben. Ich sollte nach Hause, dachte ich.

Wir verabschiedeten uns von ihnen und gingen auf den Gang mit den Fahrstühlen.

„Mit seiner Schwester musst du echt aufpassen“, sagte Gábor grinsend. „Sie klebt wie Fliegenpapier. Irgendwann wollte sie mal ein Krippenspiel aufführen und suchte dafür Statisten. Sie fragte alle debilen Christen der Bibliothek: ‚Willst du Weiser oder Hirte sein?‘ Sie versteckten sich schon vor ihr. Dann ging sie nach Italien. Und jetzt ist sie angeblich zurückgekommen.“

Ich nickte zerstreut, als hätte ich von alledem keine Ahnung. Auch den Ausdruck debile Christen überhörte ich, dabei sagte mir mein Gefühl, ich hätte das nicht unkommentiert lassen sollen. Denn an der Tatsache, dass jemand an seinem Arbeitsplatz, unter Mitwirkung seiner Kollegen ein Krippenspiel aufführen wollte, sah ich an und für sich noch nichts Schlimmes. Im Gegenteil, ich hielt es für eine sehr beachtenswerte Sache. Ja, um genau zu sein, hielt ich die Leute, die sich über so etwas lustig machten, für Proleten. Zum Beispiel von diesem Moment an Gábor, und das noch für eine ganze Weile. Dabei hatte ich selbst schon beobachtet, dass viele die Christen für alles Schlechte verantwortlich machten, wobei sie gar keinen Nutzen daraus zogen, nicht einmal Marxisten waren, sondern einfach nur so dachten.

„Und von diesem Ort könnte es einem übel werden“, sagte Gábor über den Gang, in dem wir standen. „Man müsste den Innenarchitekten an diese Wand ketten lassen.“

Zugegeben, der Gang war wirklich hässlich und trostlos. Ein nicht genutzter, leerer Raum, so groß wie drei Wohnungen. Neonlicht, stehende Aschenbecher, Heizungen. Der Boden aus Kunstmarmor. Ich mochte ihn dennoch, denn es gab hier eine eingebaute Vitrine, in der das gesamte Eigentum eines Urmenschen versammelt war: Faustkeile, Speerspitzen und sogar der kleine, kaputte Schädel selbst. Das war alles, was er hatte. Er konnte auf nichts anderes zählen. Ich schaffte es nie, ohne eine gewisse Rührung über diesen Gang zu gehen.

Gábor bot mir die zweite Zigarette der Marke Grauer Bruder an.

„Worauf in aller Welt warten wir noch?“

Er holte sein Bajonett aus der Schultertasche. Er betrachtete es genau, probierte an der Handfläche aus, ob es scharf genug war. Dann steckte er es mit einer bedrohlichen Geste weg. Er hatte sich in seinem Freund getäuscht und ließ seine Wut am Gang, an den Christen und an mir aus.

„Wohin rennst du, Schulterglatze? Wohnst du etwa bei deinen Eltern?“

Bisher hatte er so getan, als wüsste er alles über mich. Als hätte er sich über mich informiert, Nachforschungen angestellt, als sei ich ihm aus irgendeinem Grund wichtig. Darüber hatte ich mich auch nicht sonderlich gefreut, aber nun stellte sich heraus, dass er nicht einmal wusste, wo ich wohnte. Man wurde aus ihm nicht schlau. Seitdem wir uns kennengelernt hatten, hatten wir kaum fünf zusammenhängende Sätze miteinander gesprochen. Er hatte ständig zu tun, lief im Gebäude umher, verlor mich, fand mich wieder, signalisierte jedoch ständig, dass wir noch genügend Zeit haben würden, um alle Einzelheiten zu klären. Jetzt war ich ein wenig enttäuscht.

Ich wusste natürlich auch, dass wirklich legendäre Freundschaften mit wenigen, rohen Sätzen begannen, und man sich später auch ohne Worte verstand. Die rohen Sätze waren von Gábors Seite her gefallen, ich wusste nur nicht, ob er in unserer Bekanntschaft den Beginn einer Freundschaft sah, oder es sich einfach nur so ergeben hatte, dass er sich mit mir abgab. Und überhaupt: Wo waren denn die alten, legendären, großen Freundschaften!

„Hm.“

„Hab ich’s mir doch gedacht. Haben wir’s uns gedacht. Hier in der Bibliothek achten die Leute nämlich aufeinander. Jeder weiß von dir.“

Ich antwortete nicht. Mehr wollte ich nicht erfahren.

„Und die Meinungen gehen auseinander.“

Gerade darüber wollte ich nicht mehr erfahren. Er pfiff wieder eine Melodie. Zum vierten Mal innerhalb von zehn Minuten. Sobald er schwieg, pfiff er. Ich war wütend. Was ging ihn mein Leben an? Und warum fragte er, wenn er danach zu pfeifen anfing? Und warum pfiff er, wenn er etwas fragte?

„Darin sind sich allerdings alle einig, dass du eines Tages die Bibliothek anzünden wirst. Hast du eine Freundin?“

Ich schüttelte den Kopf.

„Hm, hm“, sagte er und nickte mit der Miene des Fachmanns, was etwa heißen sollte, genau das habe er erwartet, ich sei wirklich kein einfacher Fall.

„Wo wohnst du?“

Ich wollte Gábor nicht erzählen, wo ich wohnte. Überhaupt, dass ich irgendwo wohnte, weil ich befürchtete, am Ende wolle er noch mitkommen. Verrückt wie er war. Er hatte nichts zu verlieren, das hatte ich schon begriffen.

„Was ist das? Ein Verhör?“

„Du Esel, streng dich an“, sagte die Stimme.

Gábor wollte mich nicht in die Enge treiben.

„Ist ja gut. Für mich ist es auch keine Freude, mich mit dir herumzuplagen.“

„Auf wen warten wir also noch?“, fragte ich versöhnlich. Ich dachte an die Schattenregierung.

„Wir sind neugierig“, sagte er, „wer dieses Gebäude noch verlassen wird. Denn einige sind noch drinnen.“

„Die Schattenregierung?“

„Du glaubst wohl auch daran?“, fragte er überrascht.

„Ach was“, log ich. Eigentlich glaubte ich schon daran, wollte aber nicht, dass er mich für verrückt hielt.

„Ich muss sehen, dass jemand den Personaleingang abschließt. Ich muss es einfach sehen. Vorher kann ich hier nicht weggehen.“

Dann fügte er mit kaum verhohlenem Stolz hinzu:

„Ich habe das Tourette-Syndrom. Falls du etwas damit anfangen kannst.“

„Ach, so“, sagte ich. Ich wusste nicht, was das Tourette-Syndrom war, ahnte jedoch, dass es sich dabei um etwas Besonderes handelte. Er wird sicherlich gründliche Nachforschungen betrieben haben, um eine entsprechende Krankheit für sich zu finden.

„Das ist eine Zwangsneurose“, sagte er. „Eine außerordentlich elegante Krankheit, wie mein Freund sagen würde.“

Er blickte auf die Uhr. Dann bedeutete er mir zu warten. Er rannte auf den Hof und sah zur Kuppel hinauf. Als er zurückkam, blickte er finster und entschlossen. Er zeigte mir seine Uhr.

„Mein ehemaliger Freund“, sagte er, woraufhin eine kurze, feierliche Stille folgte. „Alle Fristen sind verstrichen.“

„Warum gehst du nicht hinauf?“

„Soll er doch herunterkommen.“

„Und wenn er sich zum Beispiel erhängt hat?“

„Dazu braucht er mich nicht“, kam es wie aus der Pistole geschossen, aber man sah ihm an, dass ihn diese Möglichkeit nachdenklich stimmte.

„Geh hinauf. Ich warte auf dich.“

„Ich gehe nicht. Er ist ein volljähriger ungarischer Staatsbürger, soll er sich doch allein erhängen. Das Thema ist für mich erledigt. Und wenn ich dich noch einmal Schulterglatze nenne, kannst du mir ruhig eine reinhauen. Ich will mir das abgewöhnen.“

„Na gut“, sagte ich. Nun war es ohnehin schon egal, den letzten Bus hatte ich verpasst, es gab nur noch einen Zug spät am Abend.

Und wir warteten weiter. Zum Warten war der Gang gut geeignet. Es gab riesige, dreckige Fenster nach Nordwesten, die uns ein großzügiges Panorama über die östliche Seite der Budaer Berge boten. Farkasrét, Szabadság-Berg, János-Berg, Hárs-Berg, der ganze Zug. Das ist ein ganz eigenständiger Teil der Stadt. Das sogenannte Bergland. Dieses Gebirge bildet eine vierhundert Meter hohe Wand, die Budapest vom Rest der Welt trennt. Jenseits dieser Wand liegen in ungefährer Reihenfolge: Budakeszi, Zsámbék, etwas weiter Wien, der Schwarzwald, Paris, der Atlantik, die Vereinigten Staaten, von dort an Sonnenschein, der Pazifik, Sibirien, von dort an wieder Finsternis, Moskau, Debrecen, Zugló, die Budapester Innenstadt, die Donau und wieder die Bibliothek.

Mit einem einzigen, zielsicheren Schlag auf den Lichtschalter schaltete Gábor acht Leuchtröhren aus. Zwei blieben noch an. Die konnten auch bleiben.

Wir lehnten uns aus einem der Fenster (legten uns, genauer gesagt, bäuchlings auf das breite Fensterbrett) und betrachteten die mehreren Zehntausend Lichter des Gebirgshangs. Es war ein klarer Abend. Die Lichter der Villenviertel in den Bergen setzten sich nahtlos in den Himmelslichtern fort. Von wo aus aufwärts waren es Sterne und von wo aus abwärts Lampen?

„Manchmal“, sagte Gábor, „zieht sich der Sternenhimmel ganz bis zur Böszörményi Straße hinunter. Das ist wie Weltraumforschung.“

Ich nickte anerkennend. Die Böszörményi Straße lag wirklich schon sehr weit unten in der Stadt. Aber warum gerade Weltraumforschung?

„Du meinst Astronomie“, sagte ich.

„Keineswegs. Der Astronom hat es verdammt einfach. Er starrt in den Himmel und fertig. Wie wir jetzt. Aber versuch mal hinzugehen. Da wird es schwierig. Du siehst ein Licht auf dem Berg, das ist in Luftlinie vier bis fünf Kilometer entfernt. Wie willst du es zuordnen? Es ist beinah unmöglich. Es kann ein Fenster sein. Oder Straßenbeleuchtung. Es könnte alles Mögliche sein. Das ist aber noch gar nichts. Finde hin, wenn du kannst. Da bist du aufgeschmissen. Du findest niemals hin, wenn dir niemand behilflich ist. Du fährst mit dem Einundzwanziger Bus hinauf, steigst bei der Haltestelle aus, die deiner Meinung nach dem Lichtpunkt am nächsten ist. Du spazierst hin, findest eine Lampe oder ein Fenster, aber es ist alles umsonst: Allein kannst du dir niemals sicher sein, dass du wirklich das Licht gefunden hast, das du dir zuvor ausgesucht hattest. Nie im Leben!“

Er schwieg zufrieden.

Ja, und?, dachte ich ungerechterweise, denn meist beschäftigten mich ähnliche Gedanken. Deshalb war ich ja auch allein.

„Denn dafür müsstest du gleichzeitig hier stehen und dich beobachten“, fügte er hinzu, für den Fall, ich hätte es nicht begriffen.

„Ich habe es begriffen.“

Er sah mich misstrauisch an. Wieder dachte er, ich mache mich über ihn lustig. Aber ich hielt seinem Blick stand. Ich hatte die Tragweite der Angelegenheit erfasst. Man sucht sich ein großes Ziel, fährt mit dem Bus der Linie 21 los, um es zu finden, und verliert es unterwegs aus den Augen.

„Wenn den Bibliotheksleuten früher nach einem Abenteuer zumute war …“, sagte er, „Nun gut, lassen wir die aus der Bibliothek. Nehmen wir die Enzyklopädisten, die sind schon mindestens seit zwanzig Jahren hier in der Burg. Also die Enzyklopädisten wetteten, wenn sie an solch schönen, klaren Abenden guter Laune waren, auf einen Lichtpunkt auf dem Berg (ein einfaches Beispiel wäre: König-Géza-Straße 3. Dort befindet sich Budapests höchster Lüster, einen halben Finger breit weiter oben ist schon die Wega), also sie sagten: Dieses Licht da oben kann unmöglich etwas anderes sein als die König-Géza-Straße 3. In Ordnung, wunderbar. Sie schlossen Wetten ab. Dann blieb die eine Hälfte der Gesellschaft mit der Hälfte der Getränke hier und fixierte den besagten Punkt. Das machten immer zwei zur gleichen Zeit. Damit sie ihn nicht verloren. Und die anderen fuhren mit dem Taxi an die entsprechende Stelle, in dem Fall vor das Haus Nummer 3 in der König-Géza-Straße und gaben ein Lichtzeichen ab. Sie zündeten zum Beispiel eine Mülltonne an. Wenn die Mülltonne an der richtigen Stelle brannte, gewann jemand. Und dann zahlte dieser jemand in der Kneipe Idea die Zeche, denn diese hatte bis Mitternacht geöffnet, wie übrigens heute auch.“

„Aber du hast es nicht mehr gemacht, nehme ich an.“

„Nein. Das macht heute kaum noch jemand. Dafür braucht man Mut und inneres Feuer. Weitere Fragen?“

Er sah mich herausfordernd an, sollte ich doch ruhig Fragen stellen. Aber ich stellte keine mehr. Das Leben der alten Enzyklopädisten verlief ganz sicher nicht so … Sie haben unter keinen Umständen Mülltonnen angezündet. Das ist ein riesiger Blödsinn, Gábor. Zugegeben, meine Frage war auch blöd gewesen.

Wir hingen unseren Gedanken nach. Vor uns schimmerten die vielen Tausend Lüster Budas. Und alle anderen Lichter. Darunter gab es einen besonders hellen Punkt. Irgendwo auf dem Sváb-Berg. Da ich nicht fragte, was seiner Meinung nach dieser helle Punkt sein könne, sprach er es selbst an.

„Siehst du dieses strahlende Licht? Einen halben Finger breit links unter der König-Géza-Straße.“

Ich sah es.

„Gut. Also das ist die Nesz Straße 30. Eine kleinere Villa. Ein Mehrfamilienhaus. Und was denkst du, wer dort wohnt? Herr Patai. In der ersten Etage. Und im Dachgeschoss ist eine Atelierwohnung. Dort ist jetzt ein Fotoatelier. Deshalb ist es so hell.“

„Das ist ein Feuer“, sagte ich. „Da brennt etwas.“

„Ausgeschlossen.“

„Doch, das ist ein Feuer.“

Gábor sah nicht so gut, er trug seine alte Brille, weil die neue bei seinem Sprung in die Donau verlorengegangen war. Ich hatte mich zu dem Zeitpunkt bereits an die Kontaktlinsen gewöhnt, fühlte mich aber ohne Brille immer noch halbblind und stritt daher nicht mit ihm. Gut, dann war es eben kein Feuer. Dabei war es tatsächlich ein Feuer und auch kein kleines, das erfuhren wir jedoch erst später, nicht an diesem Abend. Mangels Streitpartner zweifelte Gábor seine eigene Aussage an.

„Vielleicht ist es ja doch nicht die Nesz Straße“, sagte er. „Sag mal, was will er eigentlich von dir?“

„Wer?“

„Na, Patai.“

„Von mir?“, fragte ich ganz gelassen. „Hat er etwas über mich gesagt?“

„Jetzt hast du Schiss, was?“

Er steckte sich eine weitere Grauer Bruder in den Mund. Er hatte eine besonders gruselige Grimasse auf Lager, für die er zwei Zigaretten brauchte.

„Er fragt mich jeden Morgen, ob du überhaupt noch lebst“, sagte er bedrohlich. „Er hat etwas mit dir vor. Du bist nicht zu beneiden.“

Ich konnte seiner Grimasse nicht entkommen. Er zeigte sie mir von links, um mich auszutricksen, als ich mich jedoch nach rechts drehte, erwartete mich sein Gesicht bereits. Es war eine angsteinflößende, grauenvolle Grimasse. Ich gab den Kampf auf und sah ihm lachend zu.

Zum Glück hörten wir in dem Moment, dass jemand den Personaleingang verließ, woraufhin Gábor sofort aufsprang. Noch im Sprung spuckte er die Zigaretten in die Ecke, schaltete das Licht an und kaum hatten seine Füße den Boden berührt, stand er schon respektvoll und stramm am Ende des Gangs. Aber es kamen nur die Kleinen. Ein bisschen angetrunken, wie immer zu dieser Uhrzeit. Szabó, der Pilinszky-Forscher, Dervis, der Forscher der Zeitschrift Újhold, Ócsai, der Ervin-Gál-Forscher und Ervin Gál persönlich. Sie waren die Kleinen. Sie gehörten zum Inventar der Bibliothek, waren ein wenig beiseite gestellt, aber zumindest in bester Gesellschaft, lebenslang. Vier verbitterte Füchse.

„Was gibt es, mein lieber Gábor? Wartest du schon darauf, dass die Bibliothek öffnet? Das ist schön, aber dafür müssen wir erst einmal abschließen.“

Lachend scheuchten sie Gábor in die eisige Nacht hinaus. Und mich auch, wenn ich schon einmal da war.

„Du Esel, streng dich an“, sagte die Stimme, während wir uns von den Kleinen hinausbefördern ließen.

Ich dachte für einen Augenblick daran, dass das genau der Moment war. Vielleicht war es meine letzte Möglichkeit, mich auf den Weg ins Unbekannte zu machen. Ich hatte bis dahin in meinem Leben noch nichts gemacht. Ich müsste mir einen Lichtpunkt auswählen, dachte ich, auf dem Berg, am Himmel oder sonst wo, ihn suchen und erobern, noch bevor ich endgültig alles verpasste. Egal welcher Punkt es wäre, es müsste nur ein sicherer sein. Ich war bereits jenseits der zwanzig, mein Leben würde bald zu Ende sein.

2.ELYSISCHE GEFILDE

Es sollten jedoch noch gut zwanzig Jahre vergehen, bis ich endlich einen sicheren Punkt meines Lebens auswählte: Er lag in meiner Kindheit. Es war ein Ostermontag vor vielen Jahren.

Dem guten alten Brauch entsprechend, machten Vater und ich uns auf den Weg, die weiblichen Verwandten mit Parfüm zu begießen, so wie ungarische Männer das jedes Jahr am Vormittag des Ostermontags tun, nur war es bereits Nachmittag, und wir wurden von Mama, Erika und Gerda begleitet. Wir fuhren zu fünft von Nyék nach Budapest, damit Onkel Lajos Mama, Gerda und Erika und Vater und ich Tante Judit begießen konnten. In den vergangenen sieben Jahren hatten wir das stets so gemacht, ausgenommen die letzten, in denen Gerda aus Garstigkeit nicht mitgekommen war. Dieses Jahr war sie aber auch wieder mit dabei, da sie zur Vernunft gekommen war.

„Aber ich schwöre euch, wenn Onkel Lajos sagt, ich sei endlich zur Vernunft gekommen, stehe ich auf und gehe.“

Der Anfang des Besuchs stand traditionsgemäß wieder im Zeichen des Begießens und des Chaos. Tante Judit kreischte, sie wolle nicht stinken, auf keinen Fall wolle sie stinken. Wir sollten den Flaschenhals zuhalten, damit sie nicht nach Parfüm stinke. Wir hielten ihn auch zu und wie jedes Jahr begossen wir Tante Judit mit nichts. Ihr Haar und den Pullover. Tante Judit bedankte sich in schrillem Ton und sagte, nun werde sie sicherlich nicht mehr verwelken. Währenddessen war auch Onkel Lajos nicht untätig: Er hielt den Hals seiner halben Literflasche keineswegs zu, sondern begoss Mama, Erika und Gerda reichlich mit Parfüm, denn bei ihnen sei es ohnehin schon egal, sie seien ja am Vormittag schon von den, wie er sagte, wilden Kerlen aus Nyék begossen worden. Danach wurde, gemäß der Tagesordnung, gefuttert, was das Zeug hielt, es gab Braten, drei verschiedene Beilagen, Bejgli und Kastanienpüree mit Schlagsahne. Danach Kaffee, den wir drei Männer mit auf den Balkon nahmen, um dort zu rauchen. Das Rauchen bedeutete, dass Vater sich eine Zigarette anzündete, ich Himbeerlimonade trank, und Onkel Lajos, der sich vor Kurzem das Rauchen endgültig abgewöhnt hatte, die außenpolitische Lage skizzierte – in einem Atemzug, als würde er den ersten Rauch ausblasen –, um dann auf das immer wiederkehrende Thema unserer Zusammenkünfte, die Große Geschichte, zu sprechen zu kommen.

„Also ich sage euch, es gibt Spuren, die darauf hinweisen, dass …“, sagte er und legte die erste Kunstpause ein. Er wusste, dass Tante Judit jetzt auf den Balkon kommen würde. Vater und ich wussten es auch.

Vom Balkon aus blickte man auf die Donau. Ich konnte nie genug von dieser Aussicht bekommen, da man von hier ausschließlich Weltstädtisches sah. Zu beiden Seiten jeweils eine Brücke, die Freiheits- und die Elisabethbrücke, zwischen ihnen am anderen Flussufer den Gellért-Berg, links das Gellért-Hotel und rechts das königliche Schloss. Das deutete alles auf eine Weltstadt hin. Zumindest von diesem Balkon aus betrachtet. Selbst die Spätnachmittagssonne war die einer Weltstadt. Von diesem Balkon aus sah man nichts Provinzielles, daher war er für mich der perfekte Ort. Und ich war in dem Moment glücklich. Mit vierzehn Jahren zählte ich nun zum ersten Mal zu den erwachsenen Männern, da Onkel Lajos auch mich aufgefordert hatte, mir einen Stuhl auf den Balkon zu stellen. Ich musste den Männern nicht hinterherschleichen, sondern wurde eingeladen mitzugehen. Ich hatte sogar das Recht mitwissend zu grinsen, als Onkel Lajos einen lustig-besorgten Blick zuerst auf seine Uhr, dann auf die Balkontür und wieder auf die Uhr warf, denn auch ich wusste, dass er auf Tante Judit wartete, da es sich nicht lohnte, das Gespräch fortzusetzen, bis sie nicht hinausgekommen war.

„Was mag ihr wohl dazwischengekommen sein?“, sagte er grinsend, Vater und ich grinsten ebenfalls.

„Nun gut, kein Grund zur Panik, wir werden ohnehin nicht drum herumkommen. Es gibt also Spuren, und zwar nicht wenige, die darauf hinweisen, dass …“, begann er wieder und siehe da, schon war Tante Judit auf dem Balkon und wies Vater zurecht, dass der Rauch in die Wohnung ziehe.

„Dann schließ doch die Tür, wir unterhalten uns.“

Onkel Lajos erledigte die Sache kurz und bündig. Aber Tante Judit reichte das nicht. Sie führte auf dem Balkon eine neue Sitzordnung ein, indem sie unsere Stühle umräumte und Vater ein Stück fettige Alufolie in die Hand drückte, in die er den Zigarettenstummel einpacken sollte, nicht, dass er noch auf die Idee kam, ihn irgendwo auf dem Balkon zu lassen. Danach wandte sie sich an mich, mit der Frage, ob wir denn den kleinen Kater wirklich nicht haben wollten, den sie und Onkel Lajos im Treppenhaus gefunden hatten und uns bereits während des Mittagessens hatten aufdrängen wollen. Onkel Lajos antwortete für mich, indem er Tante Judit anfuhr:

„Fragseinemutterwirunterhaltenunsgehhinein!“ Er brüllte zwar, aber darin lag keinerlei Wut, nur Sachlichkeit und auch eine Prise Liebe. Er wollte einfach nur Tante Judits störende Aktivitäten im Keim ersticken.

„Schon gut, ich wollte mich nur mit Tomi über Katerchens Zukunft unterhalten …“

„Du sollst hier jetzt gar nichts wollen. Geh hinein.“

Bei ihrem Rückzug sprach sie zu mir:

„Onkel Lajos hat auch schon einen Namen für Katerchen, stimmt’s, Onkel Lajos, du erzählst doch Tomilein, wie du den Kater getauft hast? Er hat so einen ernsten Namen bekommen, als wäre er ein Beamter. Du erzählst es Tomilein, wenn ihr fertig seid, ja?“

„Ich erzähle es ihm“, brüllte Onkel Lajos.

„Hast du gehört? Onkel Lajos erzählt es dir dann“, sagte sie und verschwand in der Wohnung.

„Es gibt also Spuren“, begann er zum dritten und letzten Mal, „die darauf deuten, dass man die Donau Anfang der fünfziger Jahre um Budapest herumleiten wollte. Rákosi und seine Truppe hatten solche Pläne. Sie hängten es nicht an die große Glocke, verheimlichten es aber auch nicht.“

Hier kam eine längere Kunstpause als die vorhergehende. Vor Freude lief mir ein Schauer über den Rücken und das aus zwei Gründen. A: Onkel Lajos war ein hervorragender Geschichtenerzähler, B: Er sprach stets über die großen Zusammenhänge in der Welt. Die Gespräche der Männer blieben bei uns in der Familie nie einfache Unterhaltungen, sondern wurden immer zu Beratungen zur Beurteilung der Lage: Welche Hände in der aktuellen welthistorischen Situation die Fäden hielten, was die zu erwartenden Entwicklungen seien und welchen Standpunkt die Familie in diesem Zusammenhang einnehmen sollte. Jetzt sprach Onkel Lajos unmittelbar zu mir. Vater assistierte ihm zerstreut – wobei er nicht zeigte, dass ihm das Thema Donau wegen der Geschichte mit dem Wasserkraftwerk von Rácalmás unangenehm war. Er tat so, als wüsste er nicht, worauf Onkel Lajos hinauswollte. Dabei wusste er es natürlich ganz genau. Ich wusste es auch. Vater war sich auch sicher, dass Onkel Lajos ihn – wie stets bei unseren gemeinsamen Feiern – im Laufe des Tages früher oder später angreifen und sein Selbstwertgefühl zu Staub zermalmen würde, und wenn er sich nicht schlagfertig genug zeigte, würde er nach dem Streit als lächerlicher Idiot dastehen, gedemütigt vor den Augen seiner Frau, seiner Töchter und seines Sohnes. Vater bereitete sich innerlich auf diesen offenbar unumgänglichen Zusammenstoß vor, deshalb wirkte er so zerstreut. Das Thema an sich, von dem Onkel Lajos sprach, war nichts Neues für ihn, er selbst hatte mir gegenüber das Umleiten der Donau auch schon erwähnt, wobei er stets hinzufügte, ich solle mir anhören, was Onkel Lajos dazu zu sagen habe, denn dieser habe sich tiefer in die Materie eingegraben. In die Materie, die drei Stockwerke unter uns floss.

„Der Anfang des neuen Flussbetts wäre irgendwo unter Vác gewesen“, erklärte Onkel Lajos, „ungefähr bei Sződ, und es wäre in einem großen Halbkreis um die Stadt verlaufen, fast bis Tass. Auf der Strecke Fót, Mogyoród, Pécel, Üllő und so weiter. Man hätte es schön um die Pester Seite der Stadt herumgeführt. Die Donau wäre elegant mitten durch die Hügel von Gödöllő geflossen und erst weit unterhalb der Stadt in ihr eigenes Flussbett zurückgekehrt. Irgendwo in der Nähe von Dömsöd. Eine Strecke von neunzig Kilometern! Da hätten sie ganz schön zu tun gehabt. Man wollte den durch Szentendre laufenden Donauzweig bei Kisoroszi verschließen und die vor uns verlaufende Strecke des Flussbetts ebenfalls trockenlegen, geblieben wären nur die Brücken und Kaie. Das war es, was Rákosi und seine Genossen still und heimlich planten.“

Fót. Mogyoród. Pécel. Üllő. Kleine, aber sichere Punkte auf dem verwobenen Netz der Großen Geschichte. Beweise. Zauberformeln, die Onkel Lajos mit akribischer Genauigkeit aufzählte, um die Glaubwürdigkeit der Mär zu untermauern. Mein Paten onkel sprach schön, präzise, aber auch würzig, kraftvoll, makellos, in einem reichen Jargon vergangener Zeiten.

„Aha“, sagte ich eifrig nickend. So niedergeschrieben wirkt das „aha“ etwas rotzig, aber mit vierzehn Jahren kann man das noch mit der Frische des wissbegierigen Jugendlichen sagen.

Er nickte geheimnisvoll.

„Du willst also wissen, warum. Ich verstehe. Bei dem Plan ging es darum, das Wasser aus dem Flussbett wegzubekommen, damit aus dem Schlamm alles zum Vorschein kam, was zum Vorschein kommen sollte. Das war nicht frei von Ratio, so schwachsinnig es einem im ersten Augenblick auch erscheinen mag. Im Laufe der Zeit sind unschätzbare Werte in der Donau versunken. Ganz zu schweigen davon, was während der Belagerung der Stadt hineingeworfen wurde. Da hätte es schon einiges zu holen gegeben. Rákosi und die anderen waren nicht blöd. Nein, das waren sie keineswegs. Und schamhaft waren sie auch nicht. Denn sie trauten sich, danach zu fragen, was sie wissen wollten. Mir kannst du es ruhig glauben. Das waren keine schamhaften Burschen.“

Onkel Lajos, den Rákosis Schergen damals im Gefängnis in der Nagyfuvaros Straße mit leidenschaftlichen Fragen überhäuft hatten, bekräftigte seine Aussage mit einem Lächeln: Bei unseren Protagonisten handele es sich keineswegs um schamhafte Burschen. Gleichzeitig warf er Vater einen Kontrollblick zu, um sich zu vergewissern, ob ich tatsächlich wusste, wovon er sprach.

„Der Junge hat davon gehört“, bestätigte Vater.

„Mit einem Wort, sie waren sich vollkommen darüber im Klaren, was für Pläne sie im stillen Kämmerlein schmiedeten.“

Onkel Lajos sah mich ernst und forschend an.

„Nicht schlecht“, sagte ich.

„Nicht schlecht, in der Tat. Und das alles ist noch nichts“, fügte er mit gedämpfter Stimme hinzu. „Es gibt immer mehr Anzeichen dafür, dass sie es nicht nur geplant, sondern auch durchgeführt haben.“

Erneute Kunstpause. Länger, geheimnisvoller und provokativer als alle bisherigen.

„Immer mehr Anzeichen“, wiederholte er.

Er sah mich spöttisch an. Mir kam es vor, als zwinkere er dabei Vater zu. Darauf durfte ich nicht mehr nicken. Wenn ich an dieser Stelle keine misstrauische Frage einwerfen würde, würde er mich nicht ernst nehmen. Das war eine Prüfung. Eine kleine Männlichkeitsprüfung. Aber mir fiel keine Frage ein.

„Komm schon, nicht, dass du mir jetzt zustimmst. Als ich das erste Mal davon hörte, schickte ich den, der mir das erzählte, dorthin, wo der Pfeffer wächst. Dabei war es Nándi, der arme, dein Vater hat ihn gut gekannt.“

„Und ob“, sagte Vater.

„Also hör auf zu nicken und frag. Es ist gewagt, was ich hier erzähle, darüber bin ich mir auch im Klaren.“

Vater wollte auch, dass ich eine Frage stellte. Ich sah es ihm an. Aber mir fiel nichts ein. Ich wollte nur der Großen Geschichte lauschen, egal, ob sie stimmte oder nicht. Und vor allem wollte ich Onkel Lajos zuhören, wie er den Faden der Geschichte weiterspann, weiter und weiter und weiter. Dasitzen, ab und zu nicken und spüren, wie mir der Schauder über den Rücken lief.

„Also, man schickte sich an, den Plan durchzuführen. In der Mitte des Flussbetts hätte man noch ein schmales Bett für die von rechts, aus dem Pilis kommenden Bäche gelassen. Sollten die kleinen Elenden doch durch die Stadt fließen! Schau hinunter und versuche dir vorzustellen, dass durch die Mitte des Flussbetts ein großer Bach fließt und der Rest leer ist. Was man auf lange Sicht mit dem trockenen Flussbett vorhatte, weiß im Grunde niemand. Wahrscheinlich wussten sie es selbst nicht. Vielleicht hätte man es begrünt oder bebaut, aber das spielt keine Rolle. Und weit unter Budapest hätte man am neuen Flusslauf ein Wasserkraftwerk gebaut, um keine kritischen Stimmen aufkommen zu lassen: Seht her, liebe Genossen, hier geht es um die energetische Lage unserer Volksdemokratie. Nun ja, dieses Wasserkraftwerk ist nicht entstanden. Ganz sicher ist jedoch, dass man die Sache anging. Der zukünftige Flusslauf wurde festgelegt und eines Tages begann man auch, das neue Flussbett auszugraben.“

Hier warf er mir wieder einen misstrauischen Blick zu, Vater einen fragenden. Vater erwiderte ihn widerwillig. Er fühlte sich unbehaglich. Das Thema erfreute ihn nicht.

„Hör zu, Tamás, wenn du kein spöttischeres Gesicht ziehst, werde ich zutiefst betrübt sein …“

„Also stimmt es nicht?“, fragte ich verzweifelt.

„Machst du Scherze, Tomi? Natürlich nicht. Zumindest nicht so“, sagte Vater mit einem etwas nervösen Lachen. „Versuch, symbolisch zu denken. Ist das Wasser da? Ja, es ist da.“

„Warte, warte, wir sind noch nicht so weit. Das ist nicht so einfach“, unterbrach Onkel Lajos Vater und wandte sich wieder an mich.

„Für Hitler“, fuhr er nachdenklich fort, „war Budapest aus irgendeinem Grund …“

Mir lief wieder ein wohltuender Schauder über den Rücken. Wir waren bei einer Hauptfigur der Großen Geschichte angelangt. Onkel Lajos prüfte mit einem flüchtigen Blick zur Balkontür, ob er nicht wieder unterbrochen werden würde. Aber diesmal unterbrach ihn niemand. Wir wussten genau, weshalb: In der Wohnung hatte, wie immer, die Kleideranprobe begonnen. Tante Judit drängte Mama, Erika und Gerda ihre alten Kleider auf. Sie würden zunächst ablehnen, aber irgendwann eine nach der anderen nachgeben und sie anprobieren. Jetzt würden wir auf dem Balkon vielleicht eine Weile Ruhe haben.

„Also für Hitler war Budapest aus irgendeinem Grund eine sehr wichtige Stadt. Eine außerordentlich wichtige. Viel wichtiger als zum Beispiel Wien. Ja, ich behaupte nicht zu viel, wenn ich sage, dass sie für ihn sogar wichtiger als Berlin war. Dafür gibt es auch Beweise, auf die wir aber jetzt nicht weiter eingehen können. Einigen wir uns darauf, dass ihm Budapest aus irgendeinem Grund außerordentlich wichtig war. Ab Herbst 1944 zog er Truppen aus Berlin ab, um Buda pest zu schützen. Elitetruppen. Die dann während der Belagerung zerbröselt wurden. Bis heute weiß keiner, warum Budapest für Hitler so wichtig war. Dabei haben viele versucht, es herauszubekommen. Es musste hier irgendetwas gegeben haben, ausgerechnet hier, in dieser Stadt, etwas, das er haben wollte. Was konnte das sein? Ich weiß nicht, wie viel du darüber weißt, auf jeden Fall ist es Tatsache, dass Hitler noch vor dem Krieg eine Menge Astrologen und Traumdeuter hatte zu sich kommen lassen; nur die Besten des Fachs. Auch Juden. Die klügsten Köpfe. Hitler interessierte sich für diese Themen, er wird schon gewusst haben, weshalb.“

„Wir haben uns schon darüber unterhalten“, sagte Vater und zündete sich eine Zigarette an. „Der Junge hat das Buch gelesen. Stimmt ja, Lajos, es ist noch bei mir, ich gebe es dir das nächste Mal zurück.“

Souček war ein tschechoslowakischer Journalist. Er schrieb Bücher über die rätselhaften Phänomene der Welt. In diese, angefangen bei den Rosenkreuzern bis zu den Ufos, konnte die Bevölkerung der Provinzen der Sowjetunion durch sein Werk Einblick erhalten. Weshalb gerade Souček über all diese Dinge schreiben durfte? Für mich stellte damals allein die Tatsache, dass es in den Provinzen der Sowjetunion eine Person wie Souček geben konnte, dessen Bücher über diese Themen erscheinen durften, ein rätselhaftes Phänomen dar, heute denke ich allerdings, dass er sich unter den gegebenen Umständen wahrscheinlich als der Geeignetste für diese Aufgabe erwies.

„Diese seltsame, verdächtige Gruppe konsultierte Hitler bis zu seinem Tod. Sie war bis zum Schluss bei ihm in seinem Berliner Bunker. Sprechen wir es aus: Er stand unter ihrem Einfluss. Und zwar desto stärker, je länger er mit ihnen zusammengeschlossen war. In den letzten Monaten erteilte er vermutlich alle Befehle unter ihrem Einfluss. Also auch die, bei denen es um den Schutz Budapests ging. Nun, diese Fachleute tauchten nach dem Krieg nicht wieder aus dem Bunker auf. Auch ihre Leichen nicht. Sie waren verschwunden, allesamt! Dabei gibt es auch Hinweise, dass die meisten von ihnen die Schlacht um Berlin überlebten und in Gefangenschaft gerieten. Wo sind diese Fachleute hingekommen? Die Besatzungsmächte hüllten sich diesbezüglich in tiefes Schweigen – und tun das bis heute. Das konnten sie auch, es fragte ja niemand nach. Selbst im Westen wurde das erst in den letzten Jahren zum Thema. Manches wurde nun, nach dreißig Jahren, in den Archiven zur Einsicht freigegeben. Und dabei kam viel Seltsames zum Vorschein. Wirklich Seltsames und Erstaunliches. Es stellte sich vor allem heraus, dass über diese Angelegenheit keine Dokumente existieren. Was die Frage aufkommen lässt: Wenn es über etwas keine auffindbaren Dokumente gibt, wo könnte es dann doch welche geben? Na, was denkst du?“

Das war klare Sache, selbst für mich.

„In Moskau?“, fragte ich stolz.

„Weise gesprochen. Wenn diese Dokumente irgendwo auffindbar sind, dann in Moskau, nirgendwo anders. Ja, nur schweigt der Sowjet nach guter alter Gewohnheit auch über dieses Thema wie ein Grab. Dabei haben sich Rákosi und seine Genossen die Idee, die Donau umzuleiten und nachzuschauen, was sich so auf dem Grund des Flusses befindet, nicht aus den Fingern gesogen. Und der panikartige Abbruch der ganzen Aktion kam auch nicht von ungefähr. Beides geschah auf Befehl. Und die Befehle kamen jeweils von dort, wo man mehr wusste als hier: Wie du selbst schon richtig festgestellt hast, aus Moskau. Soweit ich weiß, träumst du manchmal von der Donau. Bin ich richtig informiert?“

„Na ja, manchmal.“

„Gut. Würdest du uns vielleicht einen dieser Träume erzählen?“ Ungeschickt fügte er hinzu: „Die schlüpfrigen Details kannst du diesmal weglassen.“

Ich wurde feuerrot.

Du Esel, streng dich an.

Tante Judit rettete mich.

„Und wenn ich Tomika den Kater als Ostergeschenk gebe, als Dankeschön für das Begießen? Dann kann er ihn nicht mehr ablehnen. Stimmt’s Tomilein, das wäre doch eines kleinen Gentleman unwürdig? Ein Ostergeschenk muss man annehmen.“

„Meine liebe Jutka, wir besprechen das zu Hause“, antwortete Vater für mich.

„Wie sieht es bei euch aus?“, fragte Onkel Lajos. „Läuft die große Kleideranprobe?“

„Also, diese Mädchen! Du, Onkel Lajos“, sagte Tante Judit (wie immer) voller Erstaunen. „Das sind ja schon richtige Frauen. Alle meine Sachen passen ihnen, ein bisschen zu breit sind sie vielleicht, aber ihre Mutti wird das schon hinbekommen. Tomilein müssten wir noch einkleiden, meinst du nicht, Onkel Lajos? Denn die Armen sitzen ja sogar zu Hause noch im Wintermantel herum.“

Sie warf einen Seitenblick zu Vater, ich ebenfalls, sein Gesicht zuckte leicht, aber er antwortete nicht. Oder doch.

„Meine liebe Judit, es ist Frühling“, sagte er etwas zu spät. „Falls du es noch nicht bemerkt haben solltest“, fügte er mit abnehmender Lautstärke hinzu und winkte ab, denn Tante Judit konnte ihn nicht hören, da sie wieder zu Onkel Lajos sprach.

„Was denkst du, wäre dein grüner Pullover nicht etwas für Tomilein? Er ist ja schon genauso groß wie du!“

„Und was ist mit der Gewichtsdifferenz von einem halben Zentner?“, fragte Onkel Lajos lachend. „Ein schlankes Mädchen würde dann noch prima neben ihn hineinpassen.“

Du Esel, streng dich an.

Mein Gesicht erglühte schon wieder.

„Sein Vater hat doch nichts dagegen, wenn wir Tomi lein Onkel Lajos’ grünen Pullover schenken, oder?“

„Lasst mich da raus, Jutka“, sagte Vater gereizt. „Außerdem sitzt bei uns keiner im Wintermantel herum. Es ist Frühling.“

„Worin sitzt ihr dann herum?“

„Was interessiert es dich, worin sie herumsitzen?“, fragte Onkel Lajos geduldig. „Sie sitzen darin herum, worin es ihnen gefällt.“

„Aber seine Mutter hat es gesagt. Tomilein, mein Herzblatt, erzähl Onkel Lajos doch mal, worin ihr zu Hause herumsitzt.“

Vater öffnete den Mund zum Brüllen, aber Onkel Lajos kam ihm zuvor.

„Sie sitzen in Unterhosen herum, was geht dich das an. Geh hinein!“

Tante Judit machte ein beleidigtes Gesicht und ging hinein. Dann drehte sie sich jedoch noch einmal um und sagte:

„Ich will gar nicht stören, unterhaltet euch ruhig. Aber, Onkel Lajos, weißt du was? Diese Gerda ist ja so ein kleines Scheusal geworden, seitdem wir sie das letzte Mal gesehen haben. Soll ich sie überhaupt fragen? Du weißt schon was …“

„Weißt du was“, sagte Onkel Lajos lächelnd, „frag sie. Nur erledigt es bitte drinnen.“

Tante Judit verschwand.

„Wir haben nicht viel Zeit“, flüsterte Onkel Lajos. „Deine Tante Judit hat Hummeln im Hintern. Versuchen wir die Einzelteile schnell zu einem Ganzen zusammenzufügen, noch bevor sie auch dich ins Zimmer zerrt, damit du den Pullover anprobierst. Wir haben also eine Stadt. Diese hat eine gespaltene Seele. Es gab eine Großmacht, die deutsche, die diese Stadt behalten wollte. Es gab eine andere Großmacht, die die Stadt jetzt in der Hand hielt und die sich für die Donau interessierte. Worauf kann man aus alldem schließen? Wonach suchten die wohl hier? Ich werde es dir sagen. Nach der entschiedensten Meinung von Fachkundigen sieht es ganz danach aus, als habe man hier unter uns, im Flussbett der Donau, nach den Elysischen Gefilden gesucht.“

Ich nickte, als wäre dies das Selbstverständlichste der Welt, obgleich ich etwas überrascht war, da ich eine vage Vorstellung davon hatte, was die Elysischen Gefilde waren. Ich kannte die vereinfachte griechische Mythologie auswendig. Onkel Lajos war auch etwas misstrauisch. Er dachte, ich hätte nur so, aus Höflichkeit genickt.

In der Wohnung kam es zum Eklat. Wir vernahmen lautstarken Streit, die erhobenen Stimmen von Mutter und Tante Judit. Vater drückte seine Zigarette aus, nun begann, was er befürchtet hatte. Onkel Lajos beendete noch rasch seinen Vortrag.

„Alles in allem ging es hier, so unwahrscheinlich es im ersten Augenblick auch erscheinen mag, um nichts anderes als das ewige Leben, und das ist der Punkt, an dem wir beim nächsten Mal fortfahren werden, wenn ihr uns, euren Ekel überwindend, die Ehre erweist …“

In diesem Moment erschien Mutter blass in der Tür, und die Große Geschichte wurde bis zu Tante Judits Geburtstag vorerst unterbrochen.

„István, es tut mir leid, aber die Mädchen und ich gehen jetzt nach Hause, ich hoffe, du hast nichts dagegen. Auf Wiedersehen, Lajos.“

Mutter drehte sich um und lief in die Wohnung. Vater sprang auf und eilte ihr hinterher. Onkel Lajos und ich folgten seinem Beispiel. Die Eingangstür der Wohnung stand offen. Mutter und Erika waren bereits weg. Gerda stand bleich in der Tür. Tante Judits Stimme war aus dem Treppenhaus zu hören.

„Meine liebste Irén, nun dreh doch nicht gleich durch.“

„Wo sind sie?“, fuhr Vater Gerda an. Sie deutete auf die Tür. Zuerst. Dann auf Tante Judit, die die Treppe heraufstürmte.

„Also ich verstehe Irén einfach nicht. Stell dir vor, Lajos, Irén meint, wir wollten Gerda als Dienstmädchen. Also das geht über mein bisschen Verstand.“

„Als was wollen wir Gerda?“

„Als Dienstmädchen, Onkel Lajos, als Dienstmädchen. Was sagst du dazu? So etwas Dummes hat sich unsere Irén in den Kopf gesetzt. Und dann ist sie auf mich losgegangen. Dabei habe ich doch nur gesagt, die kleine Gerda solle zu uns kommen und so lange hier wohnen, bis in Nyék diese furchtbaren Zustände vorüber seien, daraufhin fuhr mich Irén an wie eine Furie …“

„Verzeih mir, Jutka“, unterbrach sie Vater, „aber in Nyék herrschen keineswegs furchtbare Zustände. Ich habe keine Ahnung, wer euch das gesagt hat.“

„Du, mein Brüderchen“, sagte Onkel Lajos grimmig. „Du!“

„Ich habe so etwas ganz bestimmt nicht behauptet.“

„Du hast gesagt, ihr hättet kein Dach über dem Kopf.“

„Und dass die ganze Familie unter einer Plane schläft“, ergänzte Tante Judit. „Ja, ja, István Krizsán, du hast mich angerufen und erzählt, dass in Nyék ein Orkan getobt hätte, woraufhin dein Bruder dir sofort angeboten hat, für die Zeit der Renovierung bei uns zu wohnen.“ Dann wandte sie sich an mich. „Ja, Tomilein, dein Onkel Lajos hat es sofort angeboten. Noch im gleichen Augenblick. Dein Onkel Lajos saß gerade in der Badewanne, als dein Vater angerufen hat, aber er brüllte wie ein Löwe aus dem Bad, dass ihr alle zu uns wohnen kommen sollt. Die ganze Bande sollte von Nyék zu uns ziehen. Aber dein Vater wollte es nicht annehmen, weil …“

„Lass meinen Bruder in Frieden“, wies Onkel Lajos Tante Judit zurecht, um ihn dann selbst anzufahren. „Es wurde euch sofort angeboten, hier zu überwintern. Woraufhin du den Hörer aufgelegt hast.“

„Kein Wunder“, entgegnete Vater. „Ihr denkt doch wohl nicht allen Ernstes, ich komme mit der ganzen Familie hier an. Nach alledem …“

„Nach alledem? Wonach, frage ich dich. Fangen wir nicht schon wieder damit an.“

Vater holte tief Luft. Dann fuhr er etwas leiser fort.

„Erstens: Von einem Orkan war nie die Rede. Das ist wieder eine von Jutkas Übertreibungen, die du, wie immer, ohne zu hinterfragen übernommen hast …“

„Wohnt ihr unter eine Plane oder nicht?“

„Lasst das mal unsere Sorge sein …“

„Entschuldige bitte, mein lieber Bruder, aber du hast angerufen, um das zu erzählen. Jutka erinnert sich daran.“

„Ich habe angerufen, um euch zum Hochzeitstag zu gratulieren, und Jutka hat mich gefragt, wie der Winter war.“

„Woraufhin du erzählt hast, dass in Nyék ein Orkan gewütet hat“, sagte Tante Judit verschnupft. 51 10/8/2013 11:39:31 AM

„Nein, Jutka, daraufhin habe ich gesagt, in Nyék sei der Winter keine Angelegenheit der Vergangenheit, sondern der Gegenwart. Denn es herrsche ein anderes Klima als in der Innenstadt.“

„Wobei deine Stimme voller Vorwurf war“, sagte Tante Judit.

„Das war kein Vorwurf, sondern nur das Feststellen einer Tatsache. Aber ich wundere mich über nichts, ich habe am Telefon genau gehört, dass die Geschichte bei Lajos in der Wanne ganz verzerrt ankam.“

„Erstens: Die Wanne lassen wir mal schön aus dem Spiel“, ergriff wieder Onkel Lajos das Wort. „In Nyék gibt es auch eine Wanne und fließend Wasser. Ich bin nicht bereit, diese Anspielungen auf mich zu beziehen.“

„Den Teufel werde ich Anspielungen machen. Den Teufel …“

Hier gab Vater auf. Ich sah es ihm an. Traditionsgemäß weinte er beinah vor Wut.

„Vater, komm“, sagte Gerda und fügte eisig hinzu. „Tomi, verabschiede dich auch in unserem Namen.“

„Und zweitens: Wenn ihr nun einmal unter einer Plane schlaft, Kleiner, dann muss irgendetwas unternommen werden.“

„Ihr sollt bitte gar nichts unternehmen, Lajos. Wenn ihr irgendetwas unternehmt, kommt dabei nämlich genau das heraus. Es ist immer das Gleiche, immer. Komm, Tamás. Vielen Dank für die Gastfreundschaft.“

Vater war schon im Flur und schnappte sich die Übergangsjacken.

„Kleiner Bruder, du bist ein großer Esel. Wir wollten dir helfen.“

„Ihr habt schon genug geholfen. Ihr sollt mir nicht mehr helfen. Das wäre die größte Hilfe.“

„Lajos und ich wissen ja, dass dir dein Stolz im Weg steht …“

Daraufhin winkte Vater nur noch ab und verließ schnell die Wohnung. Ich blieb da, um mich zu verabschieden und mich für das Verhalten meiner Mutter, meines Vaters und meiner Schwestern zu schämen.

„Lass meinem Bruder seinen Stolz“, sagte Onkel Lajos barsch zu Tante Judit. „Und du, sprich mal ein ernstes Wort mit deinem Vater“, wandte er sich an mich, küsste mich wie immer auf beide Wangen und verabschiedete sich von mir. Tante Judit tat es ihm gleich und drückte mir dabei einen durchlöcherten Karton in die Hand. In diesem saß der kleine Kater auf einem Umschlag, in dem hundert Forint für Katzenfraß waren – den wir nie fanden.

„Das haben dein Muttilein und ich noch besprechen können“, sagte sie, um mich zu beruhigen. „Wenn Katerchen größer wird, zieht er in den Garten. Pass auf dein Muttilein auf, sie wird noch einen Nervenzusammenbruch bekommen.“

Mit dem Karton in der Hand eilte ich vorsichtig die Treppe hinunter. Ich holte die anderen am Kai ein. Erika und Gerda trösteten Mutter. Vater sprach leise und höflich zu ihnen.

„Bitte, hier ist die Gelegenheit. Ihr könnt ja zurückgehen. Lajos und Jutka haben euch angeboten, bei ihnen zu wohnen, bis bei uns zu Hause wieder Ordnung herrscht. Das ist eine einzigartige Chance. Macht ruhig. Geht.“

„Ach, komm schon, Vater“, antwortete Erika.

„Ich habe euch gesagt, dass es dazu kommen wird“, sagte Gerda kopfschüttelnd.

„Du Esel, streng dich an“, sagte etwas, das jedoch nur ich hörte.

Mutter sagte nichts.

„Wir hätten wenigstens noch etwas essen können“, sagte ich. „Es ist so viel übrig geblieben.“

Gerdas Blick durchbohrte mich. Vom Balkon aus der dritten Etage drang Tante Judits Stimme zu uns.

„Eure Knochen, mein István! Ihr könnt doch nicht ohne die Knochen gehen. Eure kleinen Knochen! Sie sind hier geblieben. Schickt Tomilein hoch, um sie zu holen. Tomilein, mein Engelchen, komm zurück und hol die Knochen.“

Die Spaziergänger, die an diesem Ostermontag den Kai entlang schlenderten, blickten überrascht zum Balkon.

„Unsere kleinen Knochen“, sagte Mutter mit einem Seufzer und lächelte beinah. „Lauf hinauf und hol unsere Knochen.“

Doch noch bevor ich hätte losgehen können, um unsere Knochen zu holen, erschien Onkel Lajos ebenfalls auf dem Balkon, schob Tante Judit beiseite und rief:

„Gebt acht auf eure Köpfe.“

Dann warf er geschickt eine Plastiktüte auf den Fußweg neben uns. Es waren Hühnerknochen darin.

„Du Esel, streng dich an, zu lieben“, sagte eine Stimme neben uns, aber es war keiner da. Selbst ich hörte sie kaum. Und wir machten uns auf den Weg nach Hause, nach Nyék, unter die Plane.

3.„DAS CHRISTKIND ISTAUFERSTANDEN“