Liebe und andere Notlügen - Mary Kay Andrews - E-Book
Beschreibung

Nie war Rache süßer Mary Bliss ist fassungslos, als sie eine Nachricht ihres Ehemanns Parker findet: Er will sie und ihre gemeinsame Tochter Erin nicht nur verlassen, er hat auch die Konten leergeräumt. Um ihr Gesicht zu wahren, lässt sich Mary zu einer winzigen Notlüge hinreißen: Sie erzählt den Nachbarn, dass Parker bloß auf Dienstreise sei. Aber ganz so leicht will Mary ihren untreuen Ehemann nicht davonkommen lassen. Sie beschließt, seine Lebensversicherung abzuräumen. Das kleine Hindernis, dass Parker quicklebendig ist, sollte sich ja überwinden lassen. Doch plötzlich taucht der attraktive Privatdetektiv Matt auf, der Parker aufspüren soll …

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MOBI

Seitenzahl:571


Mary Kay Andrews

Liebe und andere Notlügen

Roman

Aus dem Amerikanischenvon Susanne Goga-Klinkenberg

FISCHER digiBook

Inhalt

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1

Mary Bliss McGowan und Katharine Weidman hatten den Punkt erreicht, an dem es kein Zurück mehr gab. Eine halbe Flasche Tanqueray. Limonen. Jede Menge Eis. Jede Menge Zeit. Es war der Dienstag nach dem Memorial Day, der ganze Sommer lag noch vor ihnen, grün und verführerisch wie der Rasen vor einem Bestattungsinstitut. Leider war ihnen das Tonic Water ausgegangen.

»Hör mal, Kate«, sagte Mary Bliss. »Warum gehen wir nicht einfach zu Bier über?« Sie deutete auf ihren Getränkekühler. Er hatte Räder und einen langen Griff, und sie zog ihn an so manchem Abend zum Pool des Fair Oaks Country Club, wie sie als kleines Mädchen ihr rotes Wägelchen durch die Stadt gezogen hatte. »Ich habe vier Molson Lights dabei. Von dem Chinin im Tonic Water schwellen meine Knöchel an.«

Sie streckte ein sonnengebräuntes Bein in die Höhe, deutete auf ihre rosa lackierten Zehennägel und runzelte die Stirn. Sie sahen aus wie Schweinezehen, ganz rosig und feucht.

»Vielleicht sollten wir Schluss machen.« Mary Bliss schaute sich um. Für einen Dienstagabend war es ziemlich voll gewesen, doch nun zerstreute sich die Menge – die Leute gingen heim oder essen oder nach drinnen, zurück zur Klimaanlage und den sinnlosen sommerlichen Sitcom-Wiederholungen.

Glühwürmchen umschwärmten die Lichter auf der Veranda. Sie spürte, wie die Flügel über ihre nackten Arme strichen, doch sie leuchteten nie für Mary Bliss und bissen sie auch nicht. Jemand hatte es geschafft, die Lautsprecher am Pool mit dem Radio zu verbinden. Ein Oldie-Sender, The Tams und die Four Tops, dieselbe Musik, die sie ihr Leben lang gehört hatte, obwohl es nicht ihre Oldies waren, sondern die der Generation vor ihr.

Sie und Katharine waren jetzt die einzigen Erwachsenen. Drei oder vier Jungs im Teenageralter planschten im Pool und warfen einen Wasserball hin und her. Der Rettungsschwimmer, der älteste Sohn der Finleys – Shane? Blaine? – saß auf dem Hochstuhl am Pool und funkelte sie böse an. Er wollte vermutlich abschließen und sich mit Freunden treffen.

»Nein«, sagte Katharine und quälte sich aus ihrem Liegestuhl. »Kein Bier. Ist noch zu früh. Außerdem bin ich keine Biertrinkerin.« Sie zog Mary Bliss an der Hand. »Na, komm schon. Das Winn-Dixie hat noch auf. Wir besorgen uns Tonic Water. Wir fahren oben ohne.«

Mary Bliss kicherte, ein Geräusch, das ihr gar nicht gefiel. »Wohlerzogene junge Damen fahren nie oben ohne.«

Katharine verdrehte die Augen.

Der rote Jeep der Weidmans stand allein auf dem Parkplatz des Clubs und glänzte im gelben Licht der Straßenlaternen wie ein runder, reifer Apfel. Mary Bliss ging zur Fahrertür und streckte die Hand aus. »Lass mich fahren, Kate.«

»Wieso? Glaubst du, ich bin betrunken?«

»Der Gin ist halb leer, und ich hatte nur ein Glas«, sagte Mary Bliss sanft.

Katharine setzte sich achselzuckend auf den Beifahrersitz.

Mary Bliss ließ den Motor an und fuhr rückwärts vom Parkplatz. Die Luft strich wunderbar kühl über ihren schweißnassen Hals und die Schultern.

»Ich kann nicht glauben, dass Charlie auf den Jeep verzichtet hat«, sagte sie. »Ich dachte, er wäre sein Baby. Ist er bezahlt?«

»Was kümmert mich das?«, fragte Katharine, warf den Kopf nach hinten und fuhr sich mit den Fingern durch die langen blonden Haare. »Mein Anwalt sagt, wir hätten Charlie an den Eiern. Jetzt ist es Zeit, zuzudrücken. Außerdem war vereinbart, dass Chip ihn im Herbst mit nach Clemson nimmt. Ich fahre ihn diesen Sommer einfach als Spaßauto. Und wir haben doch Spaß, oder?«

»Ich dachte, Studienanfänger dürften auf dem Campus kein Auto haben«, sagte Mary Bliss.

»Das weiß Charlie aber nicht.«

Mary Bliss runzelte die Stirn.

»Halt den Mund und fahr«, befahl Katharine.

Das Winn-Dixie war praktisch menschenleer. Eine einsame Kassiererin zählte lustlos Kleingeld in der offenen Schublade. Katharine packte vier Flaschen Tonic Water auf das Kassenband, dazu ein Sunbeam-Brot, eine Schachtel Zigaretten und einen Plastikbehälter mit Hühnersalat.

»Haben Sie eine Value-Club-Karte?«, fragte die Kassiererin, ihre Finger verharrten über den Tasten.

»Ich habe was Besseres«, sagte Katharine bissig und holte einen Zwanzigdollarschein aus der Tasche ihrer Shorts. »Bargeld. Können wir das jetzt erledigen?«

Im Neonlicht des Ladens leuchtete Katharines tiefgebräuntes Gesicht krankhaft grün. Ihre Haaransätze mussten nachgefärbt werden. Und es war, wie Mary Bliss registrierte, auch höchste Zeit, dass Katharine auf den Bikini verzichtete. Nicht, dass sie fett gewesen wäre. Katharine Weidman war schlank wie eine Tanne. Sie joggte jeden Morgen bei Wind und Wetter gute sechs Kilometer. Aber sie war immerhin über vierzig und die Haut an Hals, Brust und Schultern warf allmählich Falten. Ihre Brüste waren nicht sehr groß, begannen aber schlaff zu werden. Mary Bliss zupfte am Ausschnitt ihres ordentlichen schwarzen Badeanzugs. Sie fand es schrecklich, wenn Frauen über fünfunddreißig halbnackt in der Öffentlichkeit herumliefen – als wollte die ganze Welt sehen, was sie zu bieten hatten. Sie verstaute ihre Vorzüge lieber fein säuberlich.

Mary Bliss verzog das Gesicht, als Katharine ihre Einkäufe in eine Plastiktüte packte.

»Seit wann kaufst du Hühnersalat im Winn-Dixie?« Sie schnippte mit dem Finger gegen den Plastikbehälter.

»So übel ist er gar nicht. Chip liebt ihn, aber Jungs essen natürlich alles. Außerdem ist es verdammt nochmal zu heiß zum Kochen.«

»Deine Mutter hat den besten Hühnersalat gemacht, den ich je gegessen habe. Manchmal träume ich sogar davon. Er schmeckte wie der im Magnolia Room in der Innenstadt.«

Katharine lächelte verhalten. »Die meisten sagen, sogar besser. Mama hat immer gesagt, am Hühnersalat kann man die gute Erziehung einer Dame erkennen. Weißes Fleisch, fein geschnitten, dazu eine gute Mayonnaise und so weiter. Sie hat mal von einer Frau aus dem Norden erzählt, die in eine der Coca-Cola-Familien eingeheiratet hatte. ›Sie tat dunkles Fleisch in den Hühnersalat. Weißer Abschaum.‹«

»Sie würde sich im Grab umdrehen, wenn sie wüsste, dass du ihren Enkel mit dem Zeug aus dem Supermarkt fütterst«, sagte Mary Bliss. Sie stand neben dem Jeep, die Schlüssel schon in der Hand, als Katharine sie grob zu Boden riss.

»Was ist denn jetzt los?«

»Runter«, flüsterte Katharine. »Bevor sie uns sieht.«

»Wer denn?«, fragte Mary Bliss. Sie schob Katharines Hand von ihrer Schulter. »Lass mich aufstehen. Ich sitze auf einem Kaugummi.«

»Das ist Nancye Bowden.« Katharine spähte am Wagen vorbei und duckte sich wieder. »Sie sitzt da drüben in dem silbernen Lexus, gleich neben dem gelben Toyota. Mein Gott!«

»Was? Was ist denn los?« Mary Bliss reckte den Kopf in die Höhe, um einen Blick zu erhaschen. Im Lexus saß nur eine Person. Ein Mann. Ein Mann mit dunklen Haaren. Er hatte den Kopf nach hinten geworfen, die Augen zugekniffen, den Mund zu einem großen O geöffnet, als lachte er über irgendetwas.

»Katharine Weidman, du bist verrückt. Ich sehe keine Spur von Nancye Bowden.« Sie wollte aufstehen. »Mir schlafen die Beine ein. Lass uns nach Hause fahren.«

Katharine watschelte im Entengang zur Beifahrerseite und glitt auf den Sitz. Sie duckte sich, so dass ihr Kopf kaum über das Armaturenbrett ragte. »Ich sage dir, sie ist da drin. Du kannst ein Stück von ihrem Kopf sehen. Genau da, Mary Bliss. Mit dem Kerl. Schau dir sein Gesicht an. Kapierst du es denn nicht?«

Mary Bliss hatte ihre Brille nicht dabei. Sie blinzelte und versuchte, das Gesicht des Mannes genauer zu erkennen. Vielleicht lachte er ja doch nicht.

»Oh. Mein. Gott.«

Mary Bliss schlug sich die Hände vors Gesicht. Sie spürte, wie es in der Dunkelheit rot erglühte. Dann fächelte sie sich Luft zu.

»Mann, bist du verklemmt«, gackerte Katharine. »Hast du das etwa nicht gewusst?«

»Dass Nancye Bowden auf dem Parkplatz des Winn-Dixie abhängt und mit Männern in teuren Autos Oralsex hat? Nein, ich glaube, sie hat versäumt, es bei unserer letzten Begegnung im Gartenclub zu erwähnen. Weiß Randy Bescheid?«

Mary Bliss drehte den Zündschlüssel und rollte vom Parkplatz, wobei sie einen großen Bogen um den Lexus machte. Sie würde sterben, wenn Nancye Bowden sie hier sähe.

»Das nennt man blasen. Und ja, ich bin mir ziemlich sicher, dass Randy weiß, was Nancye so treibt. Aber du kannst es nicht über dich bringen, es auszusprechen, was?« Katharine schaute Mary Bliss eindringlich an.

»Du hast ein schmutziges Mundwerk, Katharine Weidman. Woher soll ich denn wissen, was für perverses Zeug Nancye in letzter Zeit so treibt?«

»Wir waren wohl alle im Seaside, als es passiert ist. Ich dachte, du weißt Bescheid. Nancye und Randy haben Schluss gemacht. Sie ist in eine Wohnung in Buckhead gezogen. Er bleibt mit den Kindern im Haus, zumindest bis im Herbst die Schule wieder anfängt. Seine Mutter passt auf sie auf, während er bei der Arbeit ist. Der Lexus-Typ ist Professor drüben in Emory. Das hat Nancye jedenfalls den Mädels bei Ansley Murphys Babyparty erzählt.«

»Ich konnte nicht zu Ansleys Party kommen, weil wir mit Erin zu einem Fußballturnier nach Macon mussten«, sagte Mary Bliss. »Aber ich kann nicht fassen, dass ich nichts mitbekommen habe, die wohnen doch genau gegenüber. Die Bowdens? Ganz sicher? Meine Güte, das ist schon das dritte Paar in der Gegend, seit der Sommer angefangen hat.«

»Mit uns sind es vier«, sagte Katharine. »Weißt du, wie sie unser Ende der Straße nennen? Split City.«

2

Mary Bliss setzte den Blinker, als sie sich ihrer Einfahrt näherte. Katharine schaltete ihn wieder aus, wobei sie den Drink verschüttete, den sie sich auf der Rückfahrt vom Club gemixt hatte. Wenn Mary Bliss richtig gezählt hatte, war es Katharines siebter Gin Tonic an diesem Abend.

»Das machst du immer«, sagte Katharine. »Für wen blinkst du eigentlich? Es ist fast Mitternacht. Hier ist kein Mensch unterwegs. In Fair Oaks leben sechshundertsiebenundachtzig Leute, und sechshundertfünfundachtzig von ihnen liegen schlafend in ihrem Bett. Wir sind als Einzige in dieser verdammten Stadt noch wach. Wir sind die Einzigen, die einen Puls haben, verdammt nochmal.«

Mary Bliss blinkte erneut und bog ab. »Nach meiner Zählung sind es sechshundertvierundachtzig. Parker ist vermutlich noch auf und wartet auf mich. Und vergiss bitte nicht, mindestens eine unserer Nachbarinnen ist auch noch wach und hat auf dem Parkplatz des Winn-Dixie Geschlechtsverkehr. Außerdem verstößt es gegen das Gesetz. Stell dir vor, jemand rast jetzt hinter uns die Straße entlang, ein Krankenwagen oder die Feuerwehr. Die fahren uns glatt hintendrauf. Du kannst ja gern wie eine gesengte Sau fahren, aber wenn ich am Steuer sitze, fahre ich genau so. Sicher.«

»Bei dir ist immer alles sicher«, knurrte Katharine und wischte mit ihrem Strandkleid den Gin Tonic vom Sitz auf. »Du bist die einzige Frau, die ich kenne, die sich noch im Sarg anschnallen würde. Und wenn du schon ins Detail gehen willst, dann hat Nancye Bowden, soweit ich es gesehen habe, in diesem Lexus keinen Geschlechtsverkehr gehabt.«

»Ich bin sehr froh, dass du an meine Beerdigung und Nancye Bowdens Sexleben denkst, wo du dein eigenes Leben gerade gegen die Wand gefahren hast«, sagte Mary Bliss. »Du bist wirklich ein Wrack, Katharine. Kein Wunder, dass Charlie dich verlassen hat. Es überrascht mich nur, dass er so lange gewartet hat.«

»Ha!«, blökte Katharine. »Charlie mag runde Zahlen. Er wollte warten, bis wir genau zwanzig Jahre verheiratet waren. Nicht neunzehn oder einundzwanzig, zwanzig mussten es sein. So konnte er seinem Therapeuten nämlich sagen, dass er es zwei Jahrzehnte lang versucht hat und alles hoffnungslos ist. Dann steht er nicht als Schwein da, verstehst du?«

Mary Bliss schaltete den Motor aus und schnallte sich ab. »So schlimm ist er eigentlich gar nicht. Charlie ist ein anständiger Kerl. Ich glaube ja immer noch, ihr beide hättet es geschafft, wenn ihr euch nur angestrengt hättet. Und jetzt sieh dich an. Du bist ein Wrack. Charlie ist in Therapie. Chip ist unglücklich. Kommt es dir nicht vor, als würde dein ganzes Leben außer Kontrolle geraten?«

Katharine gab sich gekränkt. »Hey, du bist meine beste Freundin. Du musst auf meiner Seite stehen. Warum willst du mir nicht glauben, dass ich ohne den Idioten besser dran bin? Außerdem mag ich es gern, wenn alles außer Kontrolle gerät. Normal hatte ich lange genug. Normal ist scheiße.«

»Ich wünschte nur, ihr hättet es mit einer Paartherapie versucht.«

»Hey«, sagte Katharine laut, fest entschlossen, Mary Bliss vom Therapie-Thema abzulenken. »Habe ich dir erzählt, was ich heute gemacht habe?«

»Du meinst gestern.« Mary Bliss sah auf die Uhr. »Mitternacht ist offiziell vorbei. Und es läuft mir kalt über den Rücken, wenn ich daran denke, was du getan haben könntest.«

Katharine kicherte. »Ich habe mit Grimmy telefoniert. Besser gesagt, sie hat mich angerufen. Sie hat nach Charlie gefragt. Er ruft sie nämlich nicht zurück. Er ist vor zwei Monaten ausgezogen und hat seiner Mami immer noch nicht gebeichtet, dass er sich scheiden lässt. Sagt immer, ihr altes Herz würde das nicht überstehen. Was blanker Unsinn ist. Grimmy stellt sich nur dumm. Die alte Schachtel spielt noch Bridge, wenn wir alle tot und begraben sind. Charlie will Grimmy bloß nicht gestehen, dass es Ärger im Paradies gibt.«

»Du hast es ihr doch nicht gesagt?« Mary Bliss McGowan und mit ihr die ganze Stadt hatten entsetzliche Angst vor Katharines Schwiegermutter. Sarah Grimes Weidman, nur Grimmy genannt, war achtzig Jahre alt und, soweit Mary Bliss wusste, noch nie von jemandem übers Ohr gehauen worden. »Hatte Grimmy letztes Jahr nicht eine Bypass-Operation?«

»Sicher doch«, antwortete Katharine. »Sechs Wochen danach hat sie mit der Sonntagsschulklasse der Fair Oaks First United Methodist Church eine Kreuzfahrt nach Alaska gemacht. Ich bin es leid, auf Zehenspitzen um die alte Hexe herumzuschleichen. Als sie mich gestern angerufen hat, habe ich gesagt: ›Hör zu, Grimmy. Du musst dich dringend mal mit Charlie unterhalten. Er hat dir etwas Wichtiges mitzuteilen.‹«

Katharine fischte in ihrem Plastikbecher, bis sie die Limonenscheibe gefunden hatte, und saugte geräuschvoll daran. »Weißt du, was Grimmy gedacht hat? Sie dachte, Charlie hätte einen Haufen Geld an der Börse verloren. Das nenne ich Verdrängung. Sie glaubt noch immer, Chip wäre ein Siebenmonatsbaby. Das einzige fünf Kilo schwere Frühchen der Welt.«

Sie schüttelte den Kopf. »Mein Gott. Also habe ich gesagt: ›Die Sache ist die, Grimmy. Charlie hat mich verlassen, und ich lasse mich von ihm scheiden, Schluss, aus. Er ist zu seiner Freundin gezogen. Dein Sohn geht auf die fünfzig zu und wohnt mit einer Neunundzwanzigjährigen namens Tara zusammen. Und jetzt zu den weiteren Nachrichten: Ich bin nicht naturblond und habe mit fünfzehn meine Jungfräulichkeit verloren. Außerdem ist Chip nicht auf die Woodward Academy gegangen, weil er Lacrosse spielen wollte, sondern weil seine Noten für Westminster nicht gut genug waren und wir es uns nicht leisten konnten, eine neue Bibliothek zu stiften, um ihn trotzdem reinzubekommen.‹«

»Und was hat sie gesagt?«, fragte Mary Bliss gedämpft.

»Sie hat aufgelegt. Zehn Minuten später hat sie wieder angerufen und mit verstellter Stimme nach Chip gefragt. Ich habe aufgelegt. Das hat so gutgetan, dass ich sie dann angerufen und aufgelegt habe, als sie sich gemeldet hat.«

»Schrecklich. Selbst für Grimmy. Wenn sie nun einen Herzinfarkt bekommen hat? Hättest du dann kein schlechtes Gewissen?«

»Überhaupt nicht«, sagte Katharine und schüttelte heftig den Kopf. »Ich hoffe, ihr fliegt ein Ventil weg. Wenn sie stirbt, bekommt Chip die ganzen Coca-Cola-Aktien. Und er redet nicht mal mit seinem Vater.«

»Darf ich dir einen Rat geben?«

»Nein, darfst du nicht.«

Mary Bliss legte trotzdem los. Sie hatte Katharine ungefragt Ratschläge gegeben, seit sie sich beim Schwimmfest des Fair Oaks Country Club kennengelernt hatten. Damals war Chip sieben und ihre eigene Tochter Erin sechs gewesen, und Mary Bliss hatte Katharine beiseitegenommen und taktvoll angedeutet, dass ein Bikini mit Stringtanga nicht die ideale Bekleidung für eine Kinderveranstaltung sei. Katharine hatte sie ausgelacht und gesagt, sie benehme sich wie eine alte Jungfer, bevor sie ihr eine Weinschorle anbot. Seitdem waren sie Freundinnen. Katharine nahm ihre Ratschläge nie an, aber Mary Bliss fühlte sich einfach besser, wenn sie die Stimme der Vernunft blieb.

»Kate, du solltest das in Ordnung bringen. Zerstreite dich nicht mit Charlies Freunden und Verwandten. Hör auf, ihm obszöne Nachrichten auf dem AB zu hinterlassen. Hör auf, das ganze Zeug bei Victoria’s Secret zu bestellen und es mit seiner American-Express-Karte zu bezahlen, nur um Tara zu ärgern. Sieh den Tatsachen ins Auge. Charlie ist nicht über dich hinweg. Warum sonst kommt er sonntags immer zum Essen zu dir? Doch nicht wegen Chip. Der redet nicht mal mit ihm. Charlie kommt, weil er dich sehen will. Damit der Kontakt nicht abreißt.«

Katharine schnaubte verächtlich. »Der Zug ist abgefahren, Schätzchen. Wir beide wissen, dass er bei mir schmarotzt, weil Tara, die alte Schlampe, nicht mal Popcorn in der Mikrowelle machen kann. Und so erhält er für sie die Spannung. Aber bei mir ist die Luft raus. Vertrau mir, M.B., es ist vorbei.«

»Willst du wirklich behaupten, du willst ihn nicht zurück? Jetzt auf der Stelle? Wenn er vor deiner Tür auftauchen und sagen würde, es ist ein schrecklicher Fehler gewesen und er will mit dir nach Paris fahren und dir beweisen, wie sehr er dich noch immer liebt?«

»Nicht mal wenn er mit einem Zwölfkaräter und einem Dreißig-Zentimeter-Penis auftauchen würde und ausnahmsweise wüsste, was man damit anfangen kann.« Katharine ließ ungeduldig das Eis in ihrem Becher klirren, weil sie sich noch einen Drink mixen wollte, wusste aber, dass Mary Bliss sich nur wieder in eine Moralpredigt hineinsteigern würde.

»Da wir gerade von Verdrängung sprechen«, sagte Mary Bliss. »Sei ehrlich, Süße. Er ist nicht über dich hinweg. Ihr seid erst ein paar Monate getrennt. Du und Charlie passt so gut zueinander. Ihr seid zu verkorkst für alle anderen. Das ist Schicksal, Katharine. Außerdem kennst du ja meine Theorie über die Ehe.«

Katharine zerbiss absichtlich ein Stück Eis, weil sie wusste, dass es Mary Bliss nervte, genau wie platzende Kaugummiblasen und trommelnde Finger. »Was für eine schräge Theorie soll das sein? Die, nach der man moralisch verpflichtet ist, mit einem Mann, der mehr als Hunderttausend im Jahr verdient und eine komplette Krankenversicherung inklusive Zahnvorsorge besitzt, mehr als einmal im Monat Sex zu haben?«

»Das habe ich nie gesagt. Sei nicht geschmacklos.«

»Spirituelle Verpflichtungen? Kinder aus zerbrochenen Ehen, die Scham und Schuldgefühle in sich tragen?«

»Du weißt genau, wovon ich rede«, sagte Mary Bliss und ignorierte das knirschende Eis. »Eine Ehe ist wie ein Pudel. Pudel haben eine gewisse Lebenserwartung. Oft aber lebt das arme Ding einfach weiter, auch wenn es nicht mehr auf der Höhe ist. Der Pudel mag alt und blind sein und auf den Teppich pinkeln, aber er besitzt eine eigene Lebenskraft. Es ist egal, ob du glaubst, es sei vorbei. Es ist erst vorbei, wenn alle Karten ausgespielt sind. Und in deiner Ehe sind noch nicht alle Karten ausgespielt, Katharine. Glaub mir, ich habe das so oft erlebt. Du bist jetzt verletzt und durcheinander und versuchst, Charlie irgendwie zu treffen. Aber dabei tust du dir nur selber weh.«

»Mein Gooootttt«, sagte Katharine und tastete auf dem Boden nach der Ginflasche. »Was ist das für ein Stilmittel? Ein Anachronismus? Dann ist es der übelste Anachronismus, den ich je gehört habe. Die Ehe mit einem inkontinenten Pudel zu vergleichen.«

Mary Bliss hatte Englisch im Hauptfach studiert. »Man nennt es Analogie.«

Katharine hatte die Flasche gefunden und goss sich zitternd Gin in den Plastikbecher ein. Die Tonic-Flasche war außerhalb ihrer Reichweite gerollt, also verzichtete sie auf die Etikette. Sie hatte die Nase voll von Etikette und noch mehr von gutgemeinten Ratschlägen. »Das ist das schlimmste verdammte Aneurysma in der Geschichte der westlichen Zivilisation.« Sie wusste, dass sie betrunken war und nuschelte. Sturzbetrunken. Sturzbesoffen, und das schon vier Abende hintereinander. Sie fühlte sich super.

Sie setzte sich aufrecht hin und hielt den Becher vor sich, um zu signalisieren, dass sie etwas Wichtiges zu sagen hatte.

»Meine Ehe ist überhaupt nicht wie so ein blöder Pekinese. Nur zu deiner Information, Mrs McGowan, meine Ehe ist tot. Herzstillstand. Kein Puls, keine Gehirnaktivität. Ganz gewiss keine sexuelle Aktivität. Geh rein, Mary Bliss. Sag Parker McGowan, was für ein glücklicher Mann er ist. Verdammt, blas ihm einen, wenn du schon dabei bist. Ich kann nach Hause fahren. Ist ja nur eine Straße weiter.«

Mary Bliss riss Katharine den Becher aus der Hand und warf ihn aus dem Autofenster. »Hör auf. Du bist ekelhaft. Lass den Wagen stehen und geh zu Fuß. Ich komme mit.«

»Nie und nimmer. Charlie kreuzt jeden Abend hier auf, wenn er glaubt, ich wäre schon im Bett. Wenn der Jeep nicht da ist, ruft er an und veranstaltet ein Höllentheater. Wenn er ihn hier sieht, denkt er, ich würde dir und Parker einen vorheulen.«

»Vielleicht denkt er auch, dass du ihn vermisst«, sagte Mary Bliss. »Vielleicht ist er schon zur Vernunft gekommen. Er würde doch nicht nach dir suchen, wenn er dich nicht vermissen würde, du Idiot.«

»Er ist der Idiot«, sagte Katharine und gähnte. »Er vermisst nicht mich, sondern den Jeep.« Sie griff hinüber und öffnete Mary Bliss’ Tür. »Na los. Geh rein. Parker denkt vermutlich, du bist von Außerirdischen entführt worden.«

Mary Bliss griff nach ihrer Strandtasche. »Parker weiß, dass ich mit dir unterwegs bin. Und er findet auch, dass du und Charlie euch versöhnen solltet. Das hat er Charlie sogar gesagt.«

Katharine kletterte über die Mittelkonsole auf den Fahrersitz. Trotz ihres Rausches war sie erstaunlich flink.

»Weißt du, was das Problem mit dir ist? Du gehst immer davon aus, dass jede Ehe wie deine ist. Du hast keine Ahnung, wie eine richtige Ehe aussieht. Du und Parker, ihr seid wie Ozzie und Harriet, Mary Bliss. Ihr seid Dinosaurier.«

»Mag sein. Nettes Aneurysma.« Sie warf Katharine einen Kuss zu. »Träum was Schönes, Kate. Und vergiss nicht, die Tür abzuschließen.«

3

Überall brannte Licht, der Fernseher dröhnte, und der CD-Player in der Küche spielte Erins derzeitige Lieblingsmusik, eine Art Gangster-Rap, deren üble Texte die dicke Ader in Mary Bliss’ Stirn empört pochen ließen.

Sie ging ins Haus, schaltete Lampen, Fernseher und CD-Player aus. Sie schaltete die Alarmanlage in der Küche ein, räumte schmutziges Geschirr in die Spülmaschine und stellte sie an.

Das Schlafzimmer war dunkel. Sie sah nur das grüne Leuchten des Radioweckers. Halb eins. Sie tastete sich zum Kleiderschrank, ließ den feuchten Badeanzug und die Shorts in den Wäschekorb fallen und zog ein sauberes Nachthemd an.

Im Badezimmer putzte sie sich die Zähne und trug Feuchtigkeitscreme auf, wobei sie beim Gedanken an Katharines faltigen Hals die Stirn runzelte. Ihre eigene Mutter hatte noch mit über fünfzig eine seidig glatte Haut gehabt, bis der Krebs begann, sich durch ihren Körper zu fressen und ihre Haut durchsichtig und wachsgelb zu färben. Mary Bliss blickte in den Spiegel, um zu sehen, ob sie Spuren ihrer Mutter an sich entdecken konnte. Sie hatte ganz sicher Mamas Augen – grün-braun, mit dunklen Wimpern und überraschend dichten, dunklen Augenbrauen.

Doch die Nase hatte sie von Daddy – klein, sachlich, eine Arbeiternase –, dazu volle, üppige Harker-Lippen, wie ihre Mutter erklärt hatte, wobei sie ihre eigenen schmalen Lippen geschürzt hatte, um anzudeuten, dass die Harker-Lippen kein wünschenswertes Familienerbe seien.

Erin hingegen war durch und durch eine McGowan, das sagten alle. Grandma hatte im Piedmont Hospital durchs Fenster der Säuglingsstation geschaut und vor Freude gekräht, als sie ihre lange, schmale Enkelin entdeckte. »Schaut euch die Füße an! Sie hat ganz sicher die Füße ihres Daddys.«

Mary Bliss hatte eine Bestandsaufnahme gemacht und mehrere Merkmale ihrer Familie an ihrer kleinen Tochter wiedergefunden – die Form der Ohren, den langen Hals, die hohe Stirn, sogar Mary Bliss’ dichtes, dunkles Haar. Sie hatte besorgt mitangesehen, wie Erin wuchs und sich veränderte, und dabei ängstlich gehofft, dass die kleinen Spuren ihrer eigenen Familie, der Menschen, die lange tot waren, an ihrem eigenen Kind erhalten blieben.

Sie schaltete das Licht im Badezimmer aus, ging leichtfüßig zum Bett und schlug die Decke zurück. Keine Kissen. Sie lächelte in sich hinein. Parker hatte sie wieder einmal gestohlen. Er klaute ihr immer die Kissen.

»Liebling?«, flüsterte sie vorsichtig. Sie rückte nah an die warme, schläfrige Gestalt in der Mitte des Bettes heran. »Parker? Bist du wach?«

Doch der Geruch stimmte nicht. Parfüm statt Deodorant. Und langes, dichtes Haar, das sich über eine nackte Schulter ringelte.

»Mommy?«, fragte Erin schläfrig. »Wo ist Daddy?«

4

Sie saß im Wandschrank auf dem Boden, die Nachricht in der Hand, und wählte Parkers Handynummer. Keine Antwort. Sie wählte noch einmal, blinzelte auf das Display ihres eigenen Handys, um sich zu vergewissern, dass sie sich nicht geirrt hatte. Die Nummer stimmte, doch es meldete sich niemand.

Mary Bliss legte das Telefon weg und schaute auf die Nachricht.

Das Schwein hatte es nicht mal für nötig gehalten, ein richtiges Blatt zu benutzen, nur die Rückseite eines Werbeumschlags.

»MB«, stand dort zu lesen.

»Ich bin weg. Mamas Pflegeheim ist bezahlt. Sag Erin, ich rufe an, wenn alles geregelt ist. Du bist eine gute Frau und es tut mir leid, dass es nicht geklappt hat. Herzlich, A. Parker McGowan.«

»Mama?«

Mary Bliss kroch zur Schranktür. Erin hatte sich in die große Steppdecke gewickelt und kauerte mitten auf dem breiten Doppelbett. Ihre dunklen Haare standen zu Berge. Eine Seite des übergroßen T-Shirts war von ihrer schmalen Schulter gerutscht und ihre haselnussbraunen Augen blickten verstört und schläfrig. Wie so oft erinnerte ihre Tochter sie an ein frisch geschlüpftes Entenküken. Mary Bliss spürte einen scharfen Schmerz, der ihre rechte Herzkammer durchzuckte. Aber es war nur Liebe.

»Hast du schon wieder vergessen, dass Daddy wegfahren wollte?«

Natürlich. Wegfahren. Ganz weit weg.

»Ich Dummkopf«, sagte Mary Bliss, schnitt eine Grimasse und schlug sich mit der Hand an die Stirn. »Katharine hat mir am Pool Gin Tonic eingeflößt. Du weißt, was mit deiner Mama passiert, wenn sie harten Alkohol trinkt. Natürlich ist Daddy weggefahren. Nach Dallas, glaube ich. Wann bist du nach Hause gekommen, mein Schatz?«

Die Lügen gingen ihr mühelos über die Lippen. Mary Bliss schluckte und spürte, wie ihr die Galle hochstieg. Es waren nur kleine Lügen.

»Der Film ging bis um zehn. Aber Lizbeth musste unbedingt noch einen Big Mac mit Pommes essen, also sind wir zu McDonald’s gegangen. Ich schwöre dir, das Mädchen hat einen Bandwurm. Nie einen Pickel und kein Kilo zu viel. Das macht mich wahnsinnig. Und heute Abend hat sie mir gesagt, dass sie auf Andrew Gilbert steht. O mein Gott! Kannst du dir das vorstellen? Letztes Jahr wollte er sich jeden Tag mit ihr verabreden, und sie hat ihn keines Blickes gewürdigt. Ich wollte hier Letterman sehen, das Kabelfernsehen in meinem Zimmer spielt verrückt. Bin wohl eingeschlafen. Ist Daddy wirklich in Dallas?«

Ein dünner Schweißfilm trat auf Mary Bliss’ Oberlippe. Sie schaute nach unten. Ihr Nachthemd war durchweicht, es klebte an Brust und Armen. Sie musste ruhig atmen, klar denken.

Sie stand auf und ging unsicher zum Bett, stützte sich mit der rechten Hand am Bettpfosten ab, dankbar für den Halt.

»Liebes, wenn ich ehrlich bin, kann ich nicht alles im Kopf behalten. Du kennst doch Daddy. Ständig auf Achse. Wegen dem Urlaub und so hat Libby wohl vergessen, mir seinen Terminplan zu schicken. Ich schaue morgen früh nach.«

Erin nickte und gähnte breit. »Kann ich bei dir schlafen? In meinem Zimmer ist es so heiß. Ich glaube, du musst jemanden wegen der Klimaanlage kommen lassen. Ich wecke dich auch nicht, wenn ich zur Arbeit gehe.«

Erin hatte einen Ferienjob bei Gap. Dort verdiente sie mehr als im Club, wo sie letzten Sommer Rettungsschwimmerin gewesen war, und bekam einen Rabatt auf Kleidung.

»Weck mich ruhig«, sagte Mary Bliss und legte sich ins Bett. »Ich kann nicht den ganzen Tag schlafen, nur weil Sommer ist. Lehrerinnen müssen auch in den Ferien was tun.«

Es war eine stillschweigende Übereinkunft im Hause McGowan. Wann immer einer von ihnen weg war, schlief Erin im Ehebett. Niemand fand es seltsam oder unangemessen, obwohl sie siebzehn und in der letzten Klasse der Fair Oaks Academy war. Meist teilte ohnehin Mary Bliss das Bett mit ihr. Parker hatte eine Softwareberatungsfirma und war jeden Monat zwei oder drei Wochen unterwegs.

Sie wartete, bis Erin sanft und regelmäßig atmete, und warf dann einen Blick über den Kissenberg, den ihre Tochter wie eine Burgmauer um sich errichtet hatte.

Erin war ein unruhiges Baby gewesen und hatte erst mit vier Jahren durchgeschlafen. Jetzt schien sie das alles nachzuholen. Selbst wenn Schule war, schlief sie so lange wie möglich, machte nachmittags gern ein Nickerchen und blieb samstags meist bis mittags im Bett.

Mary Bliss küsste ihre Fingerspitze und legte sie sanft auf den Kopf ihrer Tochter.

Sie nahm die Nachricht, die zerknittert und feucht von ihrem eigenen Schweiß war, und las sie noch einmal. Sie fuhr mit den Händen durch die Kleidungsstücke, die auf Parkers Seite des Kleiderschranks hingen. Seine Hemden, Hosen, Anzüge, Sakkos und Krawatten waren unberührt. Aus dem Schuhregal ragten die Spitzen von Budapestern und Slippern. Sie öffnete die oberste Schublade der Kommode. Dunkle Socken, säuberlich aufgerollt. Keine weißen. Sie öffnete die Schublade darunter. Seine Unterwäsche war weg. Das galt auch für Shorts und T-Shirts. Wieder betrachtete sie die Schuhreihen. Keine Tennisschuhe. Er hatte in der Tat gepackt, aber nicht für eine Geschäftsreise.

Sie schaltete das Licht im Schrank aus und schlich nach unten in den Hobbyraum.

Parker hatte gelacht, als sie sagte, es sei ihr Traumhaus. Eigentlich war es nur ein kleiner Bungalow im Craftsman-Stil, der in der hübschesten Straße von Fair Oaks stand. Das Haus war völlig heruntergekommen, als sie es kurz vor Erins Geburt gekauft hatten. Parker wollte immer nach Druid Hills ziehen, weil er diesen Vorort von Atlanta hübscher fand. Er wollte, dass sie Mitglied im Druid Hills Country Club wurden, einem der exklusiveren Golfclubs in der Stadt.

Parker hatte vorgehabt, mit Golf anzufangen, sobald sein Geschäft richtig gut lief. Der Fair Oaks Country Club war ganz nett, besaß aber nicht den Glamour der bekannteren Clubs. In den vergangenen fünf Jahren waren die Immobilienpreise in Atlanta steil in die Höhe gegangen, und Fair Oaks galt mittlerweile als ausgesprochen exklusiv. Ihr gemütliches Haus mit den vier Schlafzimmern und den zwei Bädern, das auf einem zweitausend Quadratmeter großen Grundstück stand, war plötzlich das Zehnfache des ursprünglichen Kaufpreises wert. Mary Bliss wurde ganz schwindlig, wenn sie daran dachte.

Der Hobbyraum war eigentlich für ihren kleinen Jungen gedacht. Sie hatte gewartet, Erins Bettchen darin aufbewahrt, zusammen mit der Spielkiste und dem Wickeltisch. Dann wurde sie dreißig, und dann wurde Parker vierzig, und sie wusste, dass es kein zweites Kind geben würde. Sie hatte sich deswegen gegrämt, das Thema Unfruchtbarkeit Parker gegenüber aber nie angesprochen, der mit seinem Leben überaus zufrieden war.

Als Erin zwölf war, hatte Mary Bliss im Ausverkauf ein Ledersofa entdeckt, einige Bücherregale anfertigen lassen und den Schreibtisch von Parkers Großvater aus der Textilfabrik aufgearbeitet, bis das alte Walnussholz wie Satin schimmerte.

Sie setzte sich an den Schreibtisch und sah sich um. Kein Papier im Faxgerät. Keine Nachricht auf dem Anrufbeantworter. Die Schreibtischplatte war sauber aufgeräumt. Klinisch sauber. Es stimmte also. Parker war weg.

Wieder spürte sie den stechenden Schmerz in der Brust. Wenn sie nun einen Herzinfarkt bekäme? Genau jetzt – während Parker Gott weiß wo war und Erin in ihrem Bett schlief.

Nein, befand sie, das war kein Herzinfarkt. Es war Panik. Angst. Wieder spürte sie die Übelkeit, die sie vorhin überkommen hatte, als sie die Nachricht zusammengekauert im Licht der Schrankbeleuchtung gelesen hatte.

Soweit sie wusste, hatten sie ein prima Leben. Keine großen Auseinandersetzungen, keine Geldsorgen. Mary Bliss unterrichtete an einer städtischen Schule, kümmerte sich um den Haushalt, kochte, arbeitete ehrenamtlich für die Kirche und Erins Privatschule. Einmal in der Woche besuchte sie Parkers Mutter Eula im Heim. Sie gaben Dinnerpartys und fuhren in Urlaub. Verdammt nochmal, das war doch keine kaputte Familie. Sie hatte eine normale, glückliche Ehe geführt. Oder etwa nicht?

Das Problem war, dass eine Hälfte dieser Ehegleichung verschwunden war und nicht mehr dazu befragt werden konnte.

Sie ertappte sich dabei, wie sie flüsternd betete. »Bitte, lass es nicht wahr sein. Bitte, lass es nicht wahr sein.« Mary Bliss presste die Lippen aufeinander, um sich am Beten zu hindern.

Die Kontoauszüge lagen in der untersten Schublade, fein säuberlich mit Gummiband zusammengehalten. Nachdem sie geheiratet hatten, hatte sich Mary Bliss um die Rechnungen gekümmert. Sie war gut darin; sie addierte gerne Zahlen, stellte einen Haushaltsplan auf, hielt das kleine Familienschiff über Wasser. Doch vor einem Jahr hatte Parker plötzlich darauf bestanden, seine Computersoftware könne das alles viel besser, und sie hatte ihm zögernd die Aufgabe überlassen.

Es hatte sie gekränkt, dass er ihr den Verantwortungsbereich entzogen hatte, aber sie hatte ihm das Scheckbuch überlassen, und nachdem sie sich einige Monate lang keine Sorgen mehr um hohe Gebühren für Auszahlungen an Geldautomaten gemacht hatte, stellte Mary Bliss fest, dass sie die Buchhaltung nicht ganz so sehr vermisste, wie sie gedacht hatte.

Alles war im Computer, ganz sicher. Sie wusste nur nicht, wo. Sie wusste, wie man Solitär und Blackjack spielte, wie sie E-Mails von Parker und ihren Freundinnen und ehemaligen Klassenkameraden abrief, doch der Rest war ein Buch mit sieben Siegeln.

Sie warf einen Blick auf die Kontoauszüge. In den ersten beiden Monaten des Jahres sah alles gut aus. Der Stand des Girokontos war ein bisschen niedrig, aber Parker machte das absichtlich, weil die Bank für Girokonten keine Zinsen zahlte.

Im März waren die Kontostände dramatisch gesunken.

Sie blätterte weiter zum neuesten Kontoauszug. Mai. Erst vor zwei Tagen verschickt. Sie las die Zahl auf dem letzten Blatt, kniff die Augen zu, schaute noch einmal hin. Das musste ein Irrtum sein. Aber dort stand die richtige Kontonummer.

Vor einem Jahr hatte Parker vom Flughafen in San Diego aus angerufen und sie gebeten, über Telefonbanking Geld von einem Konto auf ein anderes zu transferieren. »Das ist idiotensicher«, hatte er gesagt, als sie erklärte, sie wisse nicht, wie das gehe. »Du hörst dir einfach die Anweisungen an und tippst den richtigen Code ein.«

Sie warf wieder einen Blick auf den Kontoauszug. Die Rufnummer fürs Telefonbanking stand oben auf dem ersten Blatt. Sie wählte die Nummer, folgte den Anweisungen und horchte, den Stift in der Hand.

Null. Null Dollar auf dem Girokonto. Null Dollar auf dem Sparkonto. Null Dollar auf ihrem Tagesgeldkonto.

Sie hörte ein Knacken und schaute auf ihre Hände. Sie hatte den Stift in der Mitte durchgebrochen.

5

Mary Bliss schaffte es kaum bis zur Gästetoilette. Nachdem sich der erste Krampf gelegt hatte, konnte sie die Tür mit dem Fuß zutreten, so dass ihr Würgen nicht durchs ganze Haus schallte. Sie hatte keine Ahnung, wie lange sie dort verharrte, auf den kalten Fliesen, die Arme ums Klo geschlungen, jammernd und schluchzend und fluchend und betend.

Schließlich rappelte sie sich auf, schrubbte ihr Gesicht mit kaltem Wasser ab und spülte den Mund mit einer winzigen Probeflasche Mundwasser aus, die sie im Schrank unter dem Waschbecken entdeckt hatte.

Aus dem Spiegel starrte ihr eine Frau mit rotgeränderten Augen entgegen, blass unter der Sommerbräune.

»Herrgott«, stöhnte sie.

Nach einer Weile schleppte sie sich zurück in den Hobbyraum. Parker hatte nicht einmal versucht, seine Tat zu verbergen. Sie fand die Rechnungen in der oberen Schreibtischschublade, die Mahnungen ordentlich mit Büroklammern an den Umschlägen befestigt. Atlanta Gas Light. Georgia Power. Southern Bell. Cablevision. Finanzamt Fulton County. Piedmont Savings and Loan. Visa, American Express, Talbot’s, Land’s End.

Nachdem sie alle Umschläge geöffnet und den Tatsachen ins Auge geblickt hatte, war der Schreibtisch mit Papieren übersät, die ihr Leben der letzten vier Monate nachzeichneten. Die Abendessen in Babette’s Café und bei Bones. Erins Kleid für den Abschlussball, 240 Dollar. Vier Stahlgürtelreifen für den Minivan. Zwei schwarze Koffer und sechs Sporthemden aus Baumwoll-Piqué von Land’s End für insgesamt 377,86 Dollar.

Weitere Hinweise gab es nicht. Keine Flugtickets, Hotelreservierungen oder Mietwagen. Nichts, das Parkers Verrat erklärte, seine Entscheidung, das kleine Familienschiff geradewegs in die Untiefen der Erniedrigung und Verzweiflung zu steuern.

Mary Bliss griff über das Papierchaos nach dem gerahmten Foto, das neben dem Telefon stand. Ein alter Schnappschuss, schwarzweiß. Parker, seine Mama, sein Daddy (du liebe Zeit, Grandpa Mac hatte es mit Eula ganz schön schwer gehabt) und Mary Bliss mit der kleinen Erin auf dem Arm. Sie standen vor dem Ferienhaus in der exklusiven Cloister-Anlage. Grandpa hatte sie über Ostern dorthin eingeladen, kurz bevor er krank wurde. Im Hintergrund sah man eine Palme, und sie waren alle sonnengebräunt und lächelten wie eine Südstaatenversion der Kennedys. Auf dem Foto hielt Mary Bliss Erin in die Kamera; Parkers Hand ruhte leicht auf ihrem nackten Hals, während sie ihn hingerissen anschaute. Ein Träger ihres Strandkleids war von der Schulter gerutscht. Grandpa Mac schaute lächelnd auf das Baby und Eula starrte den Fotografen an, die Lippen zu einem missglückten Grinsen verzogen.

Es war das letzte Foto von Grandpa Mac, bevor ihn der Krebs erwischte. Immerhin ging es schnell. Al McGowan war ein durch und durch guter Mensch gewesen. Was würde er sagen, wenn er wüsste, dass sein Sohn sie in einem solchen Chaos hatte sitzenlassen?

Mary Bliss nahm das Foto und schlug es gegen die Tischkante. Das Glas zersplitterte in tausend Teile. Sie schob sie mit der Handkante in den Eimer.

Parkers Stellplatz in der Garage war leer, nur ein kleiner Ölfleck zeugte davon, dass hier einmal ein Lexus gestanden hatte. Sie lehnte sich ans Garagentor und schloss die Augen, roch Benzin, Unkrautvernichter und Dünger. Wo steckte er? War er einfach losgefahren und hatte sie zurückgelassen wie einen Stapel Altpapier?

»Du bist eine gute Frau«, hatte Parker geschrieben. Gut wozu? Zum Verlassen?

Die Zikaden zirpten unablässig. Draußen auf der Veranda hockte sich Mary Bliss in den alten Korbschaukelstuhl und wiegte sich im Rhythmus der surrenden Insekten.

Eigentlich hatte der Sommer gerade erst begonnen, doch die Hitze legte sich schon wie eine feuchte Decke über sie. Ihr Nachthemd klebte an Rücken und Beinen, ihre Haare waren schweißnass. Bald würde die Bezirksverwaltung wieder das Wasser rationieren. Ihr Rasen, die mehrjährigen Pflanzen und Farne welkten in vorauseilendem Gehorsam. Und ihre Tomaten, die Early Girls, konnten Trockenheit gar nicht vertragen. Sie stand auf, ging ums Haus und schaltete den Rasensprenger ein.

Dann schaukelte sie weiter und horchte auf das leise Zischen des Wassers, das auf das ausgedörrte Gras rieselte. Ein Moskito summte um ihren Kopf, eine Motte tanzte im Licht. Allmählich wurde der dunkelblaue Samthimmel heller, zerfloss zu Purpur, dann zu einem Pfirsichton. Die Straßenlampen gingen aus und die Lampen auf der Veranda gegenüber an. Eine Viertelstunde später war auch das Nachbarhaus erleuchtet. Diskrete kleine Zu-Verkaufen-Schilder waren in den Vorgärten der Gasparinis und Weidmans emporgeschossen wie die ersten Giftpilze des Sommers.

Die Steuern in Fair Oaks waren astronomisch, und alle schickten ihre Kinder auf Privatschulen. Eine Scheidung bedeutete gewöhnlich, dass die Finanzen neu geordnet werden mussten. Mary Bliss konnte noch immer nicht fassen, dass Katharine ihr Haus verkaufen wollte. Es war das größte und älteste in der Gegend, doch Katharine hatte verkündet, es sei ein Mausoleum und sie wolle sich lieber eine der Eigentumswohnungen kaufen, die gerade auf dem alten Connelly-Gelände entstanden.

Genau gegenüber fiel das perlmuttfarbene Morgenlicht unvorteilhaft auf das Haus der Bowdens. Es war ganz schön heruntergekommen. Der Rasen musste gemäht werden, das Unkraut wuchs so hoch wie die Azaleen auf der Kieferninsel, und neben der Haustür stapelten sich die Zeitungen von vier oder fünf Tagen. Randy Bowdens kleiner grüner Saab rollte rückwärts aus der Einfahrt. Mary Bliss duckte sich im Schaukelstuhl, damit Randy sie nicht bemerkte. Gewiss, er tat ihr leid. Ob er wohl wusste, was seine Frau letzte Nacht auf dem Parkplatz des Winn-Dixie getrieben hatte?

Erst als der Saab verschwunden war, fiel ihr ein, dass sie sich lieber selbst bemitleiden sollte. Parker war weg, und wie es schien, mit ihm ihr ganzes Geld.

Die Morgenstille wurde vom kaputten Auspuff eines rostigen weißen Cadillac gestört, der die Straße entlangratterte. Sie wusste blind, dass dieser Wagen niemandem aus Fair Oaks gehörte. Als er vorbeirollte, sah sie einen dunklen, sehnigen Arm im Fahrerfenster und eine aufgerollte Zeitung, die in den Vorgarten der Bowdens segelte und auf dem Plattenweg landete, nicht weit von den anderen vergilbten Zeitungen.

Der Arm schoss wieder hervor und diesmal segelte die Zeitung aus dem Cadillac vor ihr eigenes Haus.

Immerhin hatte Parker noch den Rasen gemäht. Bei seinem Rasen verstand er keinen Spaß, verwöhnte ihn mit Eisenzusätzen und Dünger, lockerte ihn zweimal jährlich, im Frühjahr und im Herbst, stutzte und jätete, bis er der grünste Rasen der ganzen Straße war.

Die McGowans hatten im Gartenclub so oft den Preis für den »Vorgarten des Monats« gewonnen, dass es schon peinlich war.

Nun, da Parker weg war, würden sich die Nachbarn wohl bald über ihr Unkraut, ihre dürren Azaleen und ihre vergilbenden Zeitungen mokieren. Wenn ein Garten in Fair Oaks vor die Hunde ging, war es gewöhnlich das erste Anzeichen einer Ehekrise.

»Willkommen in Split City«, sagte sie zu sich.

6

»Du bist spät dran«, sagte Katharine und warf einen Blick auf die schmale Platinuhr an ihrem tiefgebräunten Handgelenk.

Es war nach zehn. In den Sommerferien trafen sie sich jeden Morgen abwechselnd beieinander zu Hause auf eine Cola.

Sie musterte Mary Bliss stirnrunzelnd und hielt ihr die Tür auf. »Du siehst absolut beschissen aus. Dabei habe doch ich den Kater.«

Mary Bliss presste die Lippen aufeinander, um eine erneute Welle von Übelkeit zu unterdrücken. Sie ließ sich auf einen der hochlehnigen Stühle am Esstisch fallen. »Ich hab letzte Nacht schlecht geschlafen. Wäre heute Morgen beinahe nicht gekommen.« Sie blinzelte im grellen Sonnenlicht, das durch die Fenster fiel, hinter denen sich der Rosengarten der Weidmans erstreckte.

Katharine goss Cola light in zwei geschliffene Highball-Gläser und fügte eine Limonenscheibe hinzu. Dann holte sie ein Tablett Plunderteilchen mit Frischkäse aus dem Kühlschrank, die sie auf einem der Porzellanteller ihrer Mutter arrangiert und mit Erdbeeren und frischen Minzblättern garniert hatte.

Mary Bliss warf einen matten Blick auf den Snack. »Du hast Stil, Katharine. Das habe ich immer bewundert. Bei dir sehen selbst Fertigteilchen nach Gourmetmagazin aus.«

»Ich dachte immer, du hältst mich für eine Schlampe«, sagte Katharine und schob sich eine Erdbeere in den Mund.

»Du redest wie eine. Aber alles, was du tust, wirkt so elegant, dass ich dir verzeihe.«

Die Cola rann wohltuend durch ihre trockene Kehle. Noch einen Schluck.

»Frag mich, warum ich schlecht geschlafen habe.«

»Wollte Parker eine Doppelvorstellung?« Katharine wackelte mit den Augenbrauen, als wäre sie Groucho Marx, sah aber eher aus wie Bette Midler, die Groucho Marx nachahmte.

Mary Bliss’ Gesicht fiel in sich zusammen. Ihre Oberlippe zitterte, dann ihr Kinn, dann bebte ihre Hand so stark, dass sie die Cola über den Fliesentisch schüttete.

»Was ist? Was ist denn?« Katharine nahm ihrer Freundin das Glas aus der Hand. »Liebling, du kannst Kate alles erzählen. Was ist denn? Willst du noch eine Cola? Es gab ein Zwölferpack im Angebot für 1,99 Dollar.«

Mary Bliss schüttelte heftig den Kopf und ihr kamen wieder die Tränen. Sie schluchzte, schlug die Hände vors Gesicht und verschmierte dabei ihren Lippenstift, so dass sie aussah wie eine Dreijährige, die mit Mamas Make-up herumgespielt hatte.

Katharine war verblüfft. Bis auf den Lippenstift war Mary Bliss ungeschminkt, was gar nicht zu ihr passte. Ohne Grundierung, Wimperntusche und Concealer verließ sie gewöhnlich gar nicht erst das Haus.

»Erzähl«, Katharine ergriff das Handgelenk ihrer Freundin. »Bitte, Schatz, du machst mir Angst. Hat es was mit Erin zu tun? Geht es ihr gut?«

»Es ist wegen Parker. Er hat mich verlassen. Nachricht im Kleiderschrank und kein Geld auf den Konten.«

Katharine stand auf und ging zum Küchenschrank. Sie nahm eine Handvoll Pillenflaschen heraus und las blinzelnd die Etiketten, bis sie das Richtige gefunden hatte. Sie öffnete die Flasche und schüttete eine kleine blaue Tablette in ihre Handfläche. Dann öffnete sie eine weitere Flasche und holte eine rot-blaue Kapsel heraus.

»Nimm die.« Sie drückte Mary Bliss die Tabletten in die Hand.

»Medikamente?« Sie klang entsetzt.

»Mund halten und schlucken«, sagte Katharine. Sie griff nach ihrer Cola und hielt sie Mary Bliss an die Lippen. »Runter damit.«

Mary Bliss gehorchte. Sie kniff die Augen zu. Als die Tabletten ihren Hals herunterrutschten, hatte sie eine Vision. Der Beginn einer Abwärtsspirale. Sie sah es genau, Medikamente und Cola light. Das Tal der Puppen, nur diesmal in Fair Oaks, Georgia.

Trotzdem, heute Morgen brauchte sie jede Hilfe, die sie bekommen konnte. Von einem Mal würde sie doch nicht süchtig, oder?

Sie schluckte und stieß von der Kohlensäure auf.

»Was war das denn?« Sie wischte sich das Gesicht mit einer Serviette ab. »Halcion? Ativan?«

»Midol«, erklärte Katharine. »Mit einem Diuretikum als Zugabe. Ich sage es dir wirklich ungern, aber ich bin deine beste Freundin. Du solltest kein Wasser einlagern, Mary Bliss. Also: Was war das für ein Scheiß mit Parker?«

7

Katharines Küche war verwüstet. Der elegante Schwarz-Weiß-Fliesenboden war mit leeren Coladosen übersät. Die Plunderteilchen waren fünf Minuten nachdem Mary Bliss mit der Schilderung ihrer katastrophalen Finanzlage begonnen hatte, verschwunden. Danach hatte Katharine eine Schachtel Mini-Tiefkühlpizza, eine Tüte Doritos und ein Glas Pfirsich-Salsa aufgetischt. Von der Salsa wurde Katharine durstig, also hatte sie Bananen-Daiquiris in der Küchenmaschine gemixt. Sie aß und trank, während Mary Bliss redete. Je schlimmer die Geschichte wurde, desto hungriger und durstiger wurde Katharine.

Als das Diuretikum zu wirken begann, redete und weinte und pinkelte Mary Bliss und trank Katharines teures Mineralwasser, nur essen wollte sie nichts.

Um zwölf litten sie unter Brechreiz und waren erschöpft.

Sie schleppten sich ins Fernsehzimmer und lümmelten auf den beiden passenden Sofas vor Charlie Weidmans Großbildfernseher, in dem Oprah ohne Ton lief.

»Bist du wirklich pleite?«, fragte Katharine noch einmal. »Und er ist wirklich weg?«

Mary Bliss nickte. »Darum war ich ja so spät dran. Ich habe den Filialleiter der Bank angerufen, damit sie es noch mal im Computer überprüfen. Ich habe auch bei der Hypothekenbank angerufen und fünfundvierzig Minuten in der Warteschleife gehangen, bis sich das Mädel endlich meldete und mir sagte, dass Parker seit Februar die Raten nicht gezahlt hat. Dann habe ich Libby angerufen, Parkers Assistentin. Sie war genauso schockiert wie ich.«

Zum ersten Mal an diesem Morgen lächelte Mary Bliss aufrichtig.

»Immerhin ist er nicht mit ihr durchgebrannt. Wenn ich ehrlich bin, war ich immer ein bisschen eifersüchtig auf sie. Parker hat ständig von ihrem tollen Hals geschwärmt. Der würde aussehen wie der von Audrey Hepburn. Und sie zieht sich wirklich hübsch an. Du weißt schon, Sachen von Ann Taylor und so.

Jedenfalls war das Bürotelefon abgestellt. Ich habe sie zu Hause angerufen. Libby war ebenso hysterisch wie ich. Als sie am Morgen ins Büro kam, schleppte der Hausmeister gerade sämtliche Akten und so in einen Lagerraum. Man wollte sie gar nicht erst reinlassen. Parker ist drei Monate mit der Miete im Rückstand. Und Libbys Gehaltsscheck ist auch geplatzt. Ihre Bank sagt, Parkers Geschäftskonto ist am Freitag aufgelöst worden.«

»Was ist denn mit euren Wertpapieren?«

»Es sieht nicht gut aus. Ich habe unseren Börsenmakler angerufen. Er war überrascht, von mir zu hören. Parker hatte ihm gesagt, ich leide unter bösartigem Knochenkrebs, weshalb er unser Vermögen liquidieren will. Die Versicherung würde die Knochenmarktransplantation nicht bezahlen, weil das Verfahren als experimentell gilt.«

»Der Hurensohn«, schrie Katharine. »Parker ›Arschloch‹ McGowan. Mal ehrlich, M.B., ich hätte nicht gedacht, dass er die Eier dafür hat. Dir Knochenkrebs anzudichten. Mann, das ist übel.«

»Ich weiß«, schniefte Mary Bliss. »Und das von einem Mann, der sich wild vorkommt, wenn er Schokostreusel auf seinen fettfreien Frozen Yoghurt tut.«

Katharine trommelte mit ihren langen Fingernägeln auf dem Beistelltisch. Mary Bliss warf ihr einen Blick zu, woraufhin Katharine die Hand in den Schoß legte.

»Er hat Giro- und Sparkonten leergeräumt, eure Aktien verkauft, und dir droht die Zwangsvollstreckung des Hauses. Kreditkarten?«

»Am Limit.«

»Dein Auto?«

»Abbezahlt. Wobei der Verkaufswert eines 98er Minivan mit hundertdreißigtausend Kilometern auf dem Tacho nicht gerade üppig ist.«

»Immerhin hast du einen fahrbaren Untersatz. Was ist mit der Versicherung?«

Mary Bliss seufzte. »Erin und ich sind über die Schule krankenversichert. Da habe ich auch eine Lebensversicherung. Parker hat immer gesagt, es wäre zu teuer, uns über ihn zu versichern. Bei Eula sah das natürlich anders aus, sie war als Vizepräsidentin der Firma gelistet. Nett, was?«

»Er ist ein Schwein«, verkündete Katharine.

»Das sind nur leere Worte. Die Firma ist pleite. Außerdem hat er geschrieben, für Eula sei gesorgt. Wenigstens etwas.«

»Werden Lehrerinnen nicht den ganzen Sommer über bezahlt, auch während der Ferien?«

»O ja. Mein Gehalt dürfte ungefähr für die Stromrechnung reichen.«

»Dieser Betrüger. Dieser beschissene Betrüger. Was hast du Erin erzählt?«

»Dass er auf Geschäftsreise ist. Sie glaubt, er wäre in Dallas.«

»Hast du eine Ahnung, wo er wirklich steckt?«

»Der Lexus ist weg. Und er hat zwei Koffer und mehrere Sporthemden bei Land’s End bestellt. Du kennst doch Parker, der hat sich keine Klamotten gekauft, seit wir uns verlobt haben. Ich habe bei dem Versandhaus nachgefragt. Er hat sich die Sachen ins Büro liefern lassen. Zu mehr Detektivarbeit war ich heute Morgen nicht fähig.«

Ein unbehagliches Schweigen senkte sich über den Raum. Oprah umarmte ein kleines, zappelndes Kind im Rollstuhl. Katharines Getrommel wurde schneller. Sie räusperte sich.

»Eine andere Frau?«

»Keine Ahnung. Das war auch mein erster Gedanke. Ein Mann wie Parker lässt sich gern umsorgen. Zuerst von Eula, dann von mir, dann von Libby, wenn auch nur im Büro. Aber wer könnte sonst noch im Spiel sein?«

Sie schaute Katharine forschend an.

»Du hättest es mir doch gesagt, wenn du was wüsstest, oder?«

Katharine wirkte gekränkt. »Machst du Witze? Habe ich dir nicht gerade eben das mit dem Wasser gesagt? War ich nicht die Einzige, die dir mitgeteilt hat, dass deine Knöchel ein bisschen zu fleischig für Caprihosen sind? M.B., wenn ich je geahnt hätte, was der Arsch vorhat, wäre er seines Lebens nicht mehr froh geworden. Aber er hat es verdammt geschickt angestellt. Ich hatte keinen Schimmer. Und ich sage dir was. Wenn jemand es gewusst hätte, dann ich. Ich spüre so was. Das weißt du.«

Katharine besaß tatsächlich die erstaunliche Eigenschaft, einen Mann anzusehen und sofort zu wissen, zu welchen Niederträchtigkeiten er fähig war. Selbst Charlie hatte sie monatelang verdächtigt, bevor sie die ersten Beweise fand.

Jetzt trommelten beide mit den Fingerspitzen.

»Soll ich dir die Nummer meiner Anwältin geben?«, fragte Katharine.

»Wofür?«

»Für die Scheidung, du Trottel.«

Mary Bliss hob das Kinn, ihr Blick war stählern. Zum ersten Mal an diesem Morgen war sie ganz ruhig. »Keine Scheidung. Ich will ihn tot sehen.«

Katharine tätschelte ihr die Hand. »Ich weiß. Ich will ihn auch tot sehen für das, was er dir und Erin und anderen Frauen angetan hat. Ich will Parker McGowan leiden sehen. Ich will, dass man ihn steinigt und nackt durch die Straßen von Fair Oaks schleift. Und das bekommen wir hin. Meine Anwältin ist die boshafteste, rücksichtsloseste Frau, der du je begegnet bist. Sie macht sogar mir Angst. Sie wird Parker so in den Arsch treten, dass er es nie vergisst.«

»Das reicht nicht«, sagte Mary Bliss leise. »Tot reicht nicht.«

Katharine nickte erneut. Sie hatte genauso empfunden, als sie gesehen hatte, wie Charlie vor seinem Büro zu dieser Frau ins Auto gestiegen war. Sie hatte sogar eine Waffe dabei gehabt, eine kleine 22er, die sie nach einigen Einbrüchen in der Nachbarschaft gekauft hatte. Sie steckte in ihrer Prada-Handtasche. Sie hatte die Pistole genommen, mit der Faust umschlossen und ernsthaft mit dem Gedanken gespielt, Charlie und seine kleine Schlampe zu erschießen.

Aber sie war nicht schnell genug gewesen. Außerdem hatte sie keine Ahnung, wie man das Ding abfeuerte. Aber der Wille und die Absicht waren dagewesen. Ihre Anwältin Gina Aldehoff hatte ihr später erklärt, dass viele ihrer Mandantinnen ihren Exmann töten wollten.

»Aber Mord hat keine Zukunft«, hatte Gina gesagt. »Scheidung ist besser. Keine hässlichen Flecken. Vertrauen Sie mir, es ist genau wie in diesem Countrysong.«

Katharine hörte keine Country-Musik und war schockiert, dass eine Harvard-Absolventin wie Gina das tat.

»Welchem Song?«

Gina grinste. »›She Got the Goldmine, I Got the Shaft.‹ Ich besorge Ihnen die CD.«

8

Mary Bliss ballte so fest die Fäuste, dass ihre Fingernägel in die Handflächen drangen und warmes Blut aus den winzigen Schnitten quoll.

Auf dem Weg zum Pflegeheim hatte sie Bibelzitate aufgesagt, um sich zu beruhigen, und überlegt, wie sie Parkers Mama die Sache beibringen sollte.

»Immer nett«, sagte sie sich. »Immer nett bleiben.«

Eula McGowan hob den Deckel von der Schüssel und betrachtete stirnrunzelnd den Inhalt, als hätte sie das gleiche Essen nicht schon hundertmal gesehen.

O nein. Unfassbar, jetzt hielt sie es auch noch an die Nase und schnüffelte wie ein alter Bluthund daran. Wenn Mary Bliss ehrlich war, erinnerte Eulas fleischiges, runzliges Gesicht tatsächlich an einen Bluthund.

Sie lächelte. Eula, die alte Bluthündin, die sich witzigerweise etwas auf Mary Bliss’ Kochkünste zugutehielt.

Eula hatte von Anfang an klar gesagt, dass Parker unter seinen Möglichkeiten geheiratet hatte.

Dann hatte sie sich daran gemacht, Mary Bliss die Feinheiten des Kochens beizubringen. Sie hatte auf der Rückseite einer braunen Papiertüte eine Liste aufgestellt. Mayonnaise von Duke’s. Ketchup von Heinz. Teebeutel von Luzianne. Mehl von White Lily. Backfett von Swan’s Down. Weißer Thunfisch von Chicken of the Sea. Maisgrütze von Martha White. Zucker von Dixie Crystal. Champignoncremesuppe von Campbell’s. All das bildete Eula zufolge die Grundlage einer guten Südstaatenküche.

Nicht, dass Eula hätte kochen können. Nicht für Geld und gute Worte. Das war Lenas Aufgabe. Zu Eulas Zeiten tat keine wohlhabende weiße Frau mehr, als den Weihnachtsnachtisch zuzubereiten oder dann und wann einmal Erdnusskrokant.

Eula beäugte den Bananenpudding, bemüht, nicht zu gierig zu wirken. Dann betrachtete die alte Frau stirnrunzelnd das Baiser, als wäre etwas daran nicht gut.

»Wie soll ich das alles essen«, beklagte sie sich und wedelte mit der von Leberflecken übersäten Hand über der Bananenpudding-Schüssel herum. »Hältst du mich für einen Landarbeiter?«

Mary Bliss zwang sich zu einem Lächeln, das eher zur Grimasse geriet. Ihre Kiefermuskeln schmerzten, weil sie sich so bemühte, freundlich zu wirken.

»Die Schwestern können sie für dich in den Kühlschrank stellen, Grandma. Dann kannst du davon essen, wenn dir danach ist.«

»Ha!«, schnaubte Eula. »In dem Kühlschrank bewahren sie die Urinproben auf. Ich würde nichts daraus essen, und wenn man mir Geld dafür gäbe.«

»Na schön«, sagte Mary Bliss bedächtig. »Dann stelle ich den Pudding und dein Essen in den kleinen Kühlschrank hier. Vielleicht möchtest du ja Mrs Caldwell von nebenan oder deinen anderen Besuchern etwas mitgeben.«

Von wegen andere Besucher, dachte Mary Bliss, das war der Witz des Jahrhunderts. Eula war so eine widerliche alte Hexe, dass nur Verwandte sie besuchten. Die anderen Frauen aus ihrem Bridgeclub unten in Griffin waren entweder tot, selbst im Pflegeheim oder erleichtert, dass sie Eula McGowan nicht mehr ertragen mussten.

»Verlene Caldwell hat die schlimmsten Blähungen der Welt«, erklärte Eula. »Und raucht wie ein Schlot. Der Frau Bananen zu geben wäre unverantwortlich. Das ganze Ding hier könnte in einer Rauchwolke explodieren.«

Sei nett, wiederholte Mary Bliss bei sich. Du musst nett zu Parkers Mama sein. Sei nett, und sie wird dir verraten, was sie weiß. In Wahrheit hätte Mary Bliss Eula am liebsten erwürgt oder ihr die Schüssel mit dem verfluchten Bananenpudding auf den Kopf gehauen. Sie wünschte sich, sie hätte gemahlenes Glas unter die Bananen gemischt.

Oder Gift. Ameisengift. Sie hatte von einer Frau in Anniston, Alabama, gelesen – nicht weit von dort, wo Mary Bliss aufgewachsen war –, die ihre halbe Familie mit Ameisengift getötet hatte. Zuerst die beiden Ehemänner, dann ihre Stiefmutter, ihre Schwiegermutter und eine Cousine zweiten Grades. Mary Bliss meinte sich zu erinnern, dass sie ihnen das Ameisengift in selbst eingelegten Mixed Pickles verabreicht hatte. Oder war es eingelegte Wassermelonenrinde?

4200 Dollar im Monat. So viel kostete Eula McGowans Heimplatz mit Privatzimmer und Bad im Fair Oaks Assisted Living. Weitere 600 Dollar monatlich für Medikamente, die ihr verschrumpeltes altes Herz schlagen ließen. Mary Bliss hatte keine Ahnung, wie hoch die Arztrechnungen waren. Die Versicherung von Parkers Firma hatte sie immer bezahlt.

Doch nun gab es keine Firma mehr. Und Parker war verschwunden. Genau wie das Wertpapierdepot und der Anlagefonds.

Mary Bliss häufte einen Berg Pudding auf den geblümten Porzellanteller, den sie von zu Hause mitgebracht hatte, und reichte Eula einen Löffel.

Die Dame schaufelte das Essen so rasch wie möglich in sich hinein und inhalierte förmlich die Dünste von selbstgekochtem Essen und reifen Bananen.

Mary Bliss faltete die Hände im Schoß und zwang sich zur Ruhe.

»Grandma«, sagte sie langsam, »wo ist Parker?«

Eula drehte den Löffel um und leckte ihn mit ihrer breiten rosa Zunge ab, die Mary Bliss an geräucherten Rückenspeck erinnerte. Sie verspürte einen Würgreiz.

»Weg«, sagte Eula, wobei ihr Pudding aus dem Mund floss.

»Das weiß ich. Er hat mir eine Nachricht hinterlassen. Hat er dir gesagt, wohin er will? Ich mache mir wirklich Sorgen um ihn, Grandma. Das passt gar nicht zu ihm.«

»Hast wohl Geldsorgen«, sagte Eula und weidete sich an Mary Bliss’ Unglück.

Mary Bliss wurde rot. Sie hatte sich so bemüht. So sehr.

Sie erhob sich langsam von dem Besucherstuhl aus Plastik und schloss die Schwingtür zum Flur.

Dann kniete sie sich neben den Rollstuhl auf den Linoleumboden. Ihr Gesicht fühlte sich heiß an, sie atmete schnell. Sie hielt ihr Gesicht ganz nah an Eulas, legte die Hände um ihren Schädel und drückte mit beiden Händen zu. Sie spürte die vogelähnlichen Knochen unter ihren Fingern.

Eulas milchige Augen quollen hervor und auf ihrer Stirn pochte eine purpurrote Ader. Mary Bliss legte ihre Daumen an Eulas Schläfen und bat Jesus Christus, ihren persönlichen Retter, sie an dieser schrecklichen Tat zu hindern. Für den Fall, dass es nicht funktionierte, bat sie den Herrn vorsichtshalber, sie vor dem Gefängnis zu bewahren, in dem sie von Frauenbanden und Wärterinnen vergewaltigt würde, bevor man ihr die Todesspritze verabreichte, von der in den Nachrichten immer die Rede war.

Mary Bliss hielt in ihrem Gebet inne.

»Alte Dame«, flüsterte sie heiser. »Meine Hypothek ist in zwei Wochen fällig. Erins Schulgeld in einem Monat. Dein jämmerlicher, mittelloser, rückgratloser Arsch von einem Sohn hat uns gemolken und sich danach in Luft aufgelöst. Es ist kein Geld mehr da. Er hat sich die Lebensversicherung auszahlen lassen und ist verschwunden. So. Wenn du mir nicht jetzt, in dieser Sekunde, sagst, wo Parker ist, zerquetsche ich dich wie eine Made.«

Eula keuchte wie ein Akkordeon aus dem Pfandhaus.

Mary Bliss drückte weiter zu und grübelte nach dem Namen von Katharines Anwältin, nur für den Fall, dass Grandma aus lauter Biestigkeit einen Schlaganfall bekam.

»Insel«, japste Eula.

»Wie bitte?« Mary Bliss beugte sich näher zu ihr. Ihre Daumen ruhten auf Grandmas Ohren.

»Irgendeine Insel«, sagte Eula und sog so schnell sie konnte die Luft ein. »Mehr weiß ich nicht. Mehr hat er mir nicht gesagt. Eine Insel.« Ihre klauenartigen Hände tasteten nach der Klingel, doch Mary Bliss kam ihr zuvor.

»Du solltest mir besser die Wahrheit sagen. Ich bin mit jeder Krankenschwester und Helferin in diesem Heim befreundet. Nicht eine von ihnen würde zögern, mir einen Gefallen zu tun. Jeden Gefallen. Ich hoffe, du verstehst mich, Grandma.«

Eula nickte.

»Na schön. Guten Appetit. Und falls du von Parker hörst, sagst du mir lieber heute als morgen Bescheid. Er hat nämlich nicht nur mich verlassen, sondern auch deine Enkelin. Erin. Selbst wenn ich dir egal bin, denk wenigstens an sie. Sie ist dein einziges Enkelkind. Die letzte McGowan.«

Eula zuckte zusammen, als die Tür hinter ihrer Schwiegertochter zuschlug.

Nachdem sie Grandmas Zimmer verlassen hatte, riss Mary Bliss sich zusammen. Sie hatte bei der Heimleitung nachgefragt und festgestellt, dass Parker ausnahmsweise die Wahrheit gesagt hatte. Grandmas Rechnungen für die nächsten beiden Jahre waren bezahlt.

Zu Hause holte Mary Bliss sich eine Cola und hörte den Anrufbeantworter ab. Zwei Nachrichten von Inkassofirmen, eine von Katharine und eine von Nancye Bowden.

»Mary Bliss«, hatte sie gesagt. »Du musst mich anrufen. Sofort.«

Nancye Bowden war der letzte Mensch, mit dem sie jetzt sprechen wollte. Außerdem kam Erin um sechs von der Arbeit. Mary Bliss kochte das Lieblingsessen ihrer Tochter, Makkaroni mit Chili, gemischten Salat mit Gorgonzola-Soße und Maisbrot.