Verlag: FISCHER E-Books Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2015

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E-Book-Beschreibung Zurück auf Liebe - Mary Kay Andrews

Liebe und andere Nervenzusammenbrüche – eine Andrews zum Spaßhaben, zum Weinen und zum Verlieben.Keeley Rae Murdock, eine seriöse 34-jährige Innenarchitektin, will morgen ihren Verlobten heiraten. Doch der vernascht beim Probedurchlauf im Country Club kurzerhand die Trauzeugin. Und das gleich im Saal neben dem Trauzimmer! Keeley verliert die Fassung. Sie bekommt den Tobsuchtsanfall ihres Lebens: Sie verpasst der Trauzeugin einen saftigen Fausthieb ins Gesicht, wirft Gläser an die Wand, ritzt in das Auto ihres Verlobten das Wort Arschloch und wirft dem Pfarrer das Beweismaterial mitten ins Gesicht – einen roten Stringtanga.Danach ist nichts mehr, wie es war. Die ganze Stadt hält sie für eine hysterische Zicke, und die Familie des Verflossenen übt sogar finanziellen Druck aus. Aber Keeley will es jetzt allen zeigen: Sie nimmt den Designauftrag eines ausgeflippten Typen an, der gerade neu in die Stadt gekommen ist …

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E-Book-Leseprobe Zurück auf Liebe - Mary Kay Andrews

Mary Kay Andrews

Zurück auf Liebe

Roman

Aus dem Amerikanischen von Christiane Winkler

FISCHER digiBook

Inhalt

In Liebe Jeanne M. Trocjeck [...]Madison in Georgia ist [...]1234567891011121314151617181920212223242526272829303132333435363738394041424344454647484950515253545556575859606162636465666768Grits n’ GreenDanksagung

In Liebe Jeanne M. Trocjeck gewidmet,

sie ist die beste Schwägerin.

»Gott sei Dank, Schätzchen.«

Madison in Georgia ist ein sehr realer, bezaubernder Ort, aber diese Geschichte ist frei erfunden, genau wie die Figuren, Ereignisse und Dialoge in diesem Roman. Ähnlichkeiten mit lebenden oder bereits verstorbenen Personen sind reiner Zufall.

1

Wäre die trunksüchtige Mookie, eine Cousine meines Verlobten, nicht anwesend gewesen, wäre Daddy noch angesehenes Mitglied des Oconee Hills Country Club, da bin ich mir ziemlich sicher. Aber Mookie verträgt nichts Hochprozentiges. Sie kann ohne mit der Wimper zu zucken Tag und Nacht Bier und Wein trinken, aber sobald man ihr einen Mai Tai oder, Gott bewahre, eine Margarita vorsetzt, fordert man eine Katastrophe förmlich heraus.

Es war mein Probedinner, Gastgeber waren die Jernigans, ich war die zukünftige Braut. Darum lag es, glaube ich, auch nicht in meiner Verantwortung, eine Erwachsene und Mutter von zwei Kindern von der Margaritamaschine fernzuhalten, auch wenn sie zu den Brautjungfern gehörte. Nichtsdestotrotz war ich diejenige, die, als Mookie auf der Tanzfläche die Kontrolle verlor, mit einer Erdbeermargarita bespritzt wurde. Und das quer über mein blaues Kleid aus Rohseide von Tahari.

»Herrgott nochmal«, zischte GiGi, meine zukünftige Schwiegermutter. Sie war natürlich geschickt zur Seite gesprungen, so dass ihr mit Perlen besetztes Kleid fleckenfrei blieb. »Ich hatte dir doch gesagt, dass du sie nicht zur Hochzeit einladen sollst. Du weißt ja, wie sie ist.«

»Keeley«, jaulte Mookie und stürzte sich mit ihrem halbleeren Glas auf mich. »Es tut mir soooo leid. Komm, ich helfe dir beim Saubermachen.«

Dann verschlapperte sie den restlichen Drink auf meinen Rücken.

»Ist schon in Ordnung«, sagte ich und biss die Zähne zusammen. »Es ist nur ein kleiner Fleck.«

Mookies Mutter, die ein derartiges Verhalten gewöhnt war, packte sie am Arm und zog sie zur Tür, so dass sie keine weitere Szene machen konnte, während alle Frauen sich um mich scharten, mich abtupften und so viel Wirbel machten, dass ich am liebsten geschrien hätte. Ehrlich gesagt wollte ich schon seit ein paar Wochen nur noch schreien.

Genug! Genug Partys. Genug Geschenke. Genug Mittagsrunden und Tees, genug kitschige Junggesellinnenabschiede, genug Ohs und Ahs der Familie und Freunde über das perfekte Paar.

Auch AJ hatte genug. »Können wir nicht einfach irgendwo hinfahren und uns für ein paar Wochen das Hirn rausvögeln, dann zurückkehren und wieder normal sein?«, fragte er mich schließlich eines Abends vor dem Probedinner.

Es war eine anstrengende Woche gewesen. Ich hatte bereits einen Empfang im Haus meines Daddys hinter mir – zu dem alle aus dem Landkreis gekommen waren und sich die Hochzeitsgeschenke angesehen hatten –, sowie das Mittagessen der Brautjungfern, bei dem GiGi angedeutet hatte, wie schrecklich sie es fände, dass meine Mom nicht zur Hochzeit eingeladen worden sei. Als wüsste ich, wo meine Mom die letzten 20 Jahre verbracht hatte.

Und das waren nur die kleineren Veranstaltungen. An besagtem Abend hatten AJ und ich uns durch eine Grillparty für Braut und Bräutigam gequält, die einer seiner ehemaligen Kumpel von der Studentenvereinigung geschmissen hatte.

Als er mir die Frage stellte, trug AJ gerade eine Grillschürze mit der Aufschrift Heißer Kerl! und die gefütterten Topfhandschuhe, die seine Tante Norma ihm zum Junggesellenabschied geschenkt hatte. Genaugenommen war AJ unter der Schürze nackt. Und er trug einen Topfhandschuh auch nicht an der Stelle, für die seine Tante Norma ihn vorgesehen hatte.

Ich drängte AJ mit der Grillzange in eine Ecke, dann kam eins zum anderen, und bald kugelten wir auf dem Boden seines Apartments herum. Ich verlor meine Kochmütze und meine anderen Kleidungsstücke, alles Weitere können Sie sich denken.

»Hii-ckss! Hii-ckss.« Sein ganzer Körper schüttelte sich. Ich schob ihn weg, obwohl es mich nicht wirklich überraschte. Manchmal wird AJ so, wenn ihn, äh, die Leidenschaft packt.

»Atme, Baby, atme«, wies ich ihn an und rutschte unter ihm weg.

»Nein«, stieß er unter Schluckauf hervor. »Keeley, mach weiter.« Er versuchte mich wieder zu sich herunterzuziehen. »Komm schon. Es geht mir gut.«

»Hii-ckss! Hii-ckss! Hii-ckss.« Sein Körper zuckte bei jedem Schluckauf heftig.

Ich hatte Angst, er würde sich selbst verletzen. Verdammt, ich hatte Angst, er würde mich verletzen. Ganz abgesehen davon, dass ich unkontrollierten Schluckauf nicht gerade anturnend finde. Nicht einmal dann, wenn der Hickser die Liebe meines Lebens ist.

Ich rappelte mich auf, lief zum Waschbecken und füllte einen Becher mit Wasser. »Hier, AJ«, sagte ich und half ihm auf die Beine. »Es wird besser, wenn du aufstehst. Komm schon, Liebling, trink etwas Wasser, Keeley zuliebe.«

»Ich (hii) brauche kein verdammtes (ckss) Wasser«, stotterte AJ. Trotzdem trank er einen Schluck.

»Noch einen«, drängte ich ihn und rieb ihm seinen nackten Rücken. Er packte meine freie Hand und strich sie sich über den Bauch. Der Mann gab nie auf.

»Nicht jetzt«, sagte ich, kicherte und entzog mich ihm. Doch er zog mich wieder an sich. Ich hielt ihm den Becher hin. »Erst, wenn du das ganze Wasser ausgetrunken hast.«

Er blickte finster drein, schlürfte es dann aber doch.

»Langsamer«, sagte ich. »Du weißt doch, dass es nur so hilft.«  

»Ich weiß selbst, was hilft«, sagte er und hatte wieder diesen gewissen Blick in den Augen. »Komm her und …«

Doch ich hatte bereits meine Klamotten genommen und rannte damit ins Schlafzimmer, um mich anzuziehen.

»Hey!«, rief er hinter mir her. »So war das nicht abgemacht.«

Ich drückte auf den Knopf am Türknauf. »Ich weiß«, rief ich durch die verschlossene Tür. »Ich habe dich reingelegt.«

Als er endlich den Schlüssel zum Schlafzimmer gefunden hatte, zog ich bereits den Reißverschluss meines Rockes zu.

»Mann, Keeley«, sagte er und machte seinen bezaubernden Schmollmund. »Ich hätte es heute Abend so gerne noch einmal getan.«

Ich versuchte seinen Schmollmund wegzuküssen, doch er wollte nichts davon wissen.

»AJ«, sagte ich und schob seine Hände von dem Rockknopf weg, den er zu öffnen versuchte. »Also wirklich. Bis zur Hochzeit sind es nur noch ein paar Tage. Ich habe morgen früh ein Meeting und noch unzählige Dinge zu erledigen. Ich kann nicht einfach hierbleiben und die ganze Nacht mit dir herumalbern.«

»Komm schon, Baby«, flüsterte er, zog den Reißverschluss an meinem Rock herunter und schob ihn über meine Hüfte hinauf. »Wenn wir erst einmal verheiratet sind, wird es nicht mehr so viel Spaß machen. Dann ist es offiziell.«

Ich schob ihn verletzt von mir.

»Willst du damit sagen, dass der Sex mit mir dann langweilig ist? Nur weil wir verheiratet sein werden? Na dann vielen Dank.«

»Du weißt doch, wie ich das meine«, sagte AJ und fasste wieder nach mir.

Ich wandte mich von ihm ab und nahm meine Schuhe und Tasche. Mein Wagen stand draußen. Ich eilte zur Eingangstür.

AJ band sich die Schürze um die Taille und folgte mir hinaus zum Wagen. Sein süßer weißer Po glänzte in der Juninacht. »Damit will ich doch nicht sagen, dass wir keinen Spaß mehr haben werden«, sagte er und sah sich im Garten um, ob uns irgendwer beobachtete.

AJs Wohnung lag in der Remise hinter The Oaks, der Vorkriegsvilla seiner Eltern. Ich sah hinauf zum beleuchteten Fenster im zweiten Stock, das zum Schlafzimmer seiner Eltern gehörte.

»Ich habe nur gemeint, dass es dann nicht mehr verboten ist«, sagte AJ. Er blickte auch hinauf zum Schlafzimmerfenster seiner Mutter und drückte mich dann gegen meine Autotür. Er ließ die Schürze auf den Boden fallen und stand splitterfasernackt vor mir. »Komm schon, gib’s doch zu, dich turnt es auch an, dass wir entdeckt werden könnten.«

Es war ganz offensichtlich, dass er bereits wieder erregt war.

»Nein«, sagte ich entschieden. »Du magst vielleicht einen Hang zum Exhibitionisten haben, ich aber nicht. Jetzt sei ein braver Junge und sag gute Nacht.«

Er drückte sich an mich. »Ich werde ein braver Junge sein. Ein sehr braver Junge. In deinem Auto«, flüsterte er und küsste meinen Hals. »Wir haben es schon seit ewigen Zeiten nicht mehr in deinem Auto getan.«

»Nein.«

»Dann in meinem Auto?«

Er besaß einen BMW Z3 Roadster. Als wir es das letzte Mal in seinem Auto getan hatten, brauchte ich danach einen Chiropraktiker, um meine Wirbelsäule wieder ins Lot zu bringen.

Dann setzte er ein teuflisches Grinsen auf. »Ich weiß, Moms Auto. Der Rücksitz des Escalade ist wie für die Liebe geschaffen.«

Das reichte mir. Ich meine, das ist doch pervers, abartig.

Ich schubste ihn sanft von mir, er stolperte und fiel rückwärts mit seinem Hinterteil auf den mit Muschelsand bedeckten Boden der Einfahrt.

»Aua«, jaulte er auf.

»Gute Nacht, Liebling«, sagte ich. Ich stieg in den Wagen, schloss die Tür und fuhr in die pechschwarze Nacht Georgias hinaus.

Seitdem war eine Woche vergangen und die längste verdammte Party in der Geschichte von Madison war gerade mal einen Tag her. Am nächsten Morgen sollte die Hochzeit stattfinden. Noch einen Tag, und ich war Mrs Andrew Jackson Jernigan. Keeley Murdock Jernigan.

»Noch einen Tag«, murmelte ich zu mir selbst und schlängelte mich durch die Frauenhorde.

»Hier«, sagte meine Tante Gloria und kam resolut mit einer Flasche Soda auf mich zu. »Geh auf die Damentoilette, zieh das Kleid aus und befeuchte es mit dem Soda. Sonst kriegst du den Erdbeerfleck nie wieder aus der Seide raus.«

»Danke«, erwiderte ich und warf ihr einen dankbaren Blick zu.

Ich eilte gerade den Gang im Oconee Hills Country Club entlang, als ich es hörte. Ein schwaches Geräusch. Es kam aus einem Zimmer rechts vom Gang. Aus dem Sitzungssaal.

Ich blieb vor der Tür stehen.

»Pssst!«, dann ein leises Kichern.

»Hii-ckss. O Gott, mach das noch mal.«

Ich erstarrte. Ich hatte das Gefühl, eine Faust bohre sich in meine Brust. Mir wurde schwindelig. Übel. Ich musste zur Damentoilette. Ich stolperte zwei Schritte voran.

»Keeley macht das nie so.«

Wieder ein Kichern.

Jetzt hatte ich meine Hand an der Tür.

»Hii-ckss, hii-ckss, hii-ckss!«

Ich riss die Tür auf.

Andrew Jackson Jernigan, der Mann meiner Träume, nur mit einem weißen Smokinghemd und schwarzen Socken bekleidet, stand mir zugewandt da. Vor ihm saß meine Brautjungfer Paige Plummer mit ihrem kessen kleinen Arsch auf dem glänzenden Sitzungssaaltisch aus Mahagoni, hatte ihr kesses rotes Chiffoncocktailkleidchen bis zur Taille hochgeschoben und ihre Beine um die Hüfte meines Verlobten geschlungen.

»Heeee.« AJs Kopf kippte zur Seite. Der Mund zuckte. »O mein Gott«, sagte er, aber diesmal anders. Er zog sich von Paige zurück und griff hinunter zu seiner Hose.

»Was?«, fragte Paige und drehte ihren Kopf. Ihre kessen kleinen roten Lippen formten ein erstauntes Oh, als sie mich da stehen sah.

»O mein Gott«, sagte Paige und hüpfte vom Tisch. Paige war Werbetexterin, hatte aber nie wirklich originelle Sprüche auf Lager. »O Gott, Keeley.«

Irgendetwas überkam mich. Ich hatte noch die Flasche Soda in meiner Hand, gleich darauf schleuderte ich sie durch den Sitzungssaal auf AJ. Er versuchte sich zu ducken, da er aber die Hose immer noch auf Halbmast trug, war seine Reaktionsmöglichkeit eingeschränkt. Glücklicherweise war die Flasche aus Plastik. Unglücklicherweise war sie voll. Sie traf ihn direkt über seinem linken Auge, er ging wie ein Stein zu Boden.

»Verdammt«, brüllte er.

»Keeley!«, schrie Paige.

Ich hatte nichts mehr, das ich werfen konnte. Fürs Erste.

2

Paige flitzte auf die andere Seite des Tisches und suchte nach ihrem kessen roten Stringtanga. Ich fand ihn zuerst.

»Du Schlampe«, schrie ich. »Wie kannst du nur? Du bist meine beste Freundin. Wie kannst du …?«

»Hör zu Keeley. Das hat nichts zu bedeuten«, sagte AJ und stand langsam auf. Er fummelte mit den Fingern an seiner Gürtelschnalle herum. »Du weißt doch, wir haben heute Abend alle viel getrunken … und du weißt, wie das ist, Liebling. Du weißt, dass ich nach ein paar Drinks ziemlich ungehemmt werden kann.« Er besaß noch die Frechheit, mir zuzuzwinkern.

Ich nahm den Tanga und schlug ihm das Zwinkern aus dem Gesicht. »Mit meiner Brautjungfer?« Ich wirbelte herum und stellte mich vor Paige, die sich diskret zur Tür schleichen wollte. »Du solltest mir mit dem Schleier helfen und mein Bouquet halten«, kreischte ich. »Und nicht mit dem Bräutigam vögeln, du miese Schlampe.«

»Hey!«, sagte Paige spitz. »Wer ist hier eine Schlampe? Du warst es doch, die ihn direkt beim ersten Date vernascht hat.«

»Halt’s Maul.« Ich zog sie an den Haaren heran und klatschte ihr eine. Direkt hier im Sitzungssaal des Oconee Hills Country Club vor den Ölporträts von über 40 ehemaligen Vorsitzenden, inklusive AJs Großvater Chub Jernigan, der finster auf mich herabblickte.

»Auuuaaaa«, jaulte Paige. Sie fasste sich an die Wange. Zufrieden stellte ich fest, dass meine Hand einen fetten Abdruck auf ihrer Gesichtshälfte hinterlassen hatte und meine Handfläche Paiges Make-up aufwies.

Ein paar Sekunden später stürzte Paige sich auf mich. Bei knapp 1,80 Meter Größe überragte ich sie um fünf Zentimeter, aber Paige war mal Mittelblockerin beim regionalen Vizemeister, der Mädchenvolleyballmannschaft des Morgan County High, gewesen. Sie war zwar kleiner, aber ich hatte vergessen, wie durchtrainiert sie war und dass sie einer Gesellschaftsschicht entstammte, die wir in Madison als pöbelige Unterschicht bezeichneten.

»Schlampe«, kreischte sie und stürzte auf mich. Sie krallte ihre langen, rotlackierten Fingernägel in mein Gesicht und stieß mit solcher Wucht ihren Fuß samt High Heels der Schuhgröße 36 gegen mein Schienbein, dass mir die Luft wegblieb.

Ich wollte sie abwehren, aber AJ ging dazwischen und packte mich am rechten Unterarm. Er hatte auch Paige an der Schulter gepackt.

»Mädels!«, sagte er. »Kommt schon. Seid wieder nett zueinander. Beruhigt euch.«

Ich wand mich aus seinem Griff. »Nett sein? Beruhigen? Du hast dich mit ihr hier reingeschlichen und sie auf dem Tisch des Sitzungssaals gebumst – während unseres Probedinners? Während ich, meine ganze Familie und der Pfarrer im selben Gebäude sind. Und du willst, dass ich mich beruhige?«

Er machte ein besänftigendes Gesicht. Er brachte sogar beinahe eine Träne zustande. »Hey, Keeley. Es tut mir leid. Schatz, ich wollte dich nicht verletzen. Du weiß doch, ich liebe dich über alles. Paige und ich haben nur herumgealbert. Dann ist uns die Sache etwas entglitten. Das ist alles. Stimmt’s, Paige?« Er sah meine ehemals beste Freundin an und suchte nach Bestätigung. »Paige, sag es ihr. Wir waren beide nur ein wenig betrunken, stimmt’s?«

Doch Paiges tiefblaue Augen blitzten boshaft auf. »Klar, AJ! Betrunken und gelangweilt. Du hast dich mit Keeley zu Tode gelangweilt. Deshalb hast du dich mit dem Escalade deiner Mom letzte Woche zu meiner Wohnung geschlichen. Warum sonst hätten wir es die Woche zuvor in deinem Büro in der Bank treiben sollen?« Sie grinste mich höhnisch an. »Keeley, Süße. Du legst immer so viel Wert auf Anstand. Sagst: ›Paige, das ist billig. Paige, sei nicht so niveaulos.‹ Aber es ist genau so, wie meine Mom immer sagt. Wenn sie es zu Hause nicht bekommen, dann holen sie es sich woanders. Und ich bin das Woanders.«

»Paige!«, flüsterte AJ. »Du lügst. Sag ihr, dass das alles gelogen ist. Ich habe niemals –«

Ich gab ihm gar nicht erst die Möglichkeit, den Satz zu beenden. Ich wirbelte herum und schnappte mir eine Golftrophäe, die neben der Tür auf einem kunstvoll verzierten Regal stand. Es war auch nicht irgendeine Trophäe. Es war der AJ »Chub« Jernigan Memorial Cup, ein großer Henkelpokal aus Sterlingsilber mit schicken geschwungenen Lettern und einer Büste von Opa Chub vorne drauf.

»Du Schwein«, schrie ich und schleuderte den Pokal in seine Richtung. Ich verfehlte ihn meterweit, schlug dafür aber zwei Clubvorsitzende hinter ihm von der Wand. Dann drehte ich mich um und stolzierte aus dem Raum.

Und rannte frontal in meine zukünftige Schwiegermutter.

»Keeley!«, stieß GiGi aus. »Was um alles in der Welt ist hier los? Jeder im Club hat dich kreischen gehört. Bist du verrückt?«

»Mama«, sagte AJ, lief zu ihr und stellte sich hinter sie. »Wir hatten nur eine kleine Auseinandersetzung, mehr nicht. Red mit ihr. Sag ihr, dass sie übertreibt.«

»Keeley?«, sagte GiGi streng. »Liebling, du willst doch nicht einen Abend vor deiner Hochzeit so einen Aufstand machen. Das ruiniert das Fest.«

Ich sah über GiGis Schulter hinweg. Die Gäste waren ihr in den Flur gefolgt und standen nun dichtgedrängt zusammen, gackerten, flüsterten und starrten mich an.

»Er hat mich mit Paige betrogen!«, schrie ich. »Hinten im Sitzungssaal.«

»Keeley«, flüsterte GiGi und packte mich an den Schultern. »Jungs sind halt Jungs. Jetzt reiß dich zusammen. Du machst hier gerade eine Szene.«

»Er ist kein Junge mehr!«, sagte ich. »Er ist 34 und mit mir verlobt.«

»Psssst«, säuselte sie und schüttelte mich ein wenig. »Glaub mir, das Mädchen bedeutet ihm nichts.«

»Aber mir bedeutet es alles«, sagte ich. Ich spürte förmlich, wie die Wut in mir aufstieg, immer stärker wurde und außer Kontrolle geriet. »Die Hochzeit ist vorbei«, schrie ich. »Ihr könnt nach Hause gehen.«

Das Geflüster und Gegacker wurde lauter.

»Das meine ich ernst«, rief ich, schob mich an GiGi und Mookie und meiner Tante Gloria und allen anderen vorbei. »Geht nach Hause!« Ich bahnte mir den Weg in den Ballsaal, in dem die Band spielte, und entdeckte meinen Vater, der mit seinen Kumpels aus dem Golfclub an einem Tisch saß.

»Daddy, es ist vorbei«, schluchzte ich. »Die Hochzeit ist abgesagt. Ich will nach Hause.«

Daddy hatte die obersten Knöpfe seines steifen weißen Hemds geöffnet, seine schwarze Fliege lag zusammengerollt auf dem Tisch neben einem Glas Scotch on the rocks. Jetzt stand er auf, sein freundliches altes, wettergegerbtes Gesicht nahm plötzlich verängstigte, aufgeregte Züge an. Seine Pokerkumpel verließen den Tisch.

»Vorbei? Was meinst du mit vorbei, Keeley? Soll das ein Witz sein?«

»Hör zu, Wade«, hörte ich GiGi sagen. Sie stand hinter uns. Sah perfekt aus. Kein Haar verrutscht. Und völlig gefasst. »Keeley ist nur ein wenig aufgebracht. Zuerst hat Mookie ihr Kleid ruiniert, dann hatten sie und AJ eine Auseinandersetzung, und sie hat überreagiert. Wade, ich denke, es ist besser, wenn du sie nach Hause bringst, damit sie sich vor dem großen Tag morgen noch einmal ausschlafen kann.«

»Es wird morgen keinen großen Tag geben«, schrie ich. »Ich werde diesen falschen, verlogenen, betrügerischen Hurensohn um keinen Preis heiraten.«

»Liebling«, begann Daddy.

»Das meine ich völlig ernst«, sagte ich mit zitternder Stimme. »Ich werde AJ Jernigan nicht heiraten, selbst wenn er der letzte Mann auf Erden wäre.«

»Keeley, Engelchen«, nun stand AJ höchstpersönlich neben mir.

Und da verlor ich die Fassung. Im wahrsten Sinne des Wortes. Vielleicht war es eine chemische Reaktion, vielleicht auch hormonell bedingt. Ich wusste es nicht.

Doch ich bekam einen wahren Tobsuchtsanfall.

Ja genau. Und danach war nichts mehr wie vorher.

Eine Minute zuvor hatte ich im Ballsaal des Oconee Hills Country Club gestanden und war eine sachliche, seriöse, 34-jährige erfolgreiche Profi-Innenarchitektin gewesen, die von der Gesellschaft respektiert wurde. In der nächsten Minute wurde ich zu einer Urgewalt der Natur. Die vernünftige Keeley Rae Murdock, die immer zwischen Gut und Böse unterscheiden konnte, war schockiert und entsetzt. Doch ich war nicht mehr imstande, mich zu beherrschen.

Unser Pfarrer, Dr. Richard Wittish, Pastor der Madison First United Methodist Church, eilte auf mich zu und wollte mich trösten.

»Keeley«, murmelte er ruhig, sein freundliches Gesicht rot vor Unbehagen. »So nicht. Komm, wir gehen in ein anderes Zimmer. Da können wir zur Ruhe kommen und um Erkenntnis beten.«

Doch ich klatschte ihm Paiges Stringtanga ins Gesicht. Dasselbe Gesicht, das schon mein ganzes Leben lang von der Kirchenkanzel auf mich herabgeblickt hatte. »Ich will keine Erkenntnis, Dr. Wittish«, schrie ich. »Ich möchte Paige Plummer und AJ Jernigan verdammt nochmal UMBRINGEN!«

»Keeley!«, stöhnte GiGi. »Reiß dich zusammen.«

Ich griff nach Daddys Drink und pfefferte ihn an die Wand. »Nein, GiGi, reiß du dich zusammen. Und krieg erst mal deinen hinterhältigen, verlogenen Sohn in den Griff, wenn du schon mal dabei bist.«

Jetzt drängte sich AJs Daddy Big Drew vor. Er war groß und wirkte sehr distinguiert mit seinem an den Schläfen ergrauenden Haar und seinem breiten roten Gesicht. Er war abgetaucht, nachdem die Kellner die Vorspeise serviert hatten. Vermutlich hatte er sich hinausgeschlichen, um heimlich eine Zigarre zu rauchen. Zu Hause erlaubte ihm GiGi nämlich nicht zu paffen. »Junge Dame, nun mal ernsthaft«, sagte er mit einer Stimme, die durch den verstummten Ballsaal dröhnte. »Für so eine Szene gibt es keinerlei Grund.«

»Wie wäre es mit dieser Szene?«, fragte ich und sah mich suchend nach etwas um, das ich werfen konnte. Dann sah ich es. Auf jedem der runden Tische hatte GiGi ein kleines Geschenk platziert. Jeder Gast sollte eine handbemalte Limoges-Schnupftabakdose erhalten, auf deren Deckel in goldenen Lettern (24 Karat!) Keeley &AJ eingraviert war. Ich streckte meine Hand nach Daddys Tisch aus, stieß dabei die Weingläser zu Boden und schnappte mir sechs Dosen. »Hier«, schrie ich und pfefferte die erste Dose auf den glänzenden Eichenboden des Ballsaales. »Hier ist die erste Szene. Und hier kommt noch eine.«

Ich blickte mich im Raum um und hoffte auf Zustimmung. Doch alle schienen wie erstarrt. Meine Tante Gloria stand in der Tür, hielt sich die Hände an den Hals und starrte mich schockiert an. Doch ich konnte mich nicht mehr beherrschen. Ich packte die anderen Schnupftabakdosen, pfefferte sie an die Wand. Ich schleuderte auch eine auf AJ, und als seine Mutter zu stöhnen begann, pfefferte ich auch eine auf sie.

Nun kam Bewegung in den Raum. Die Bandmitglieder packten hastig ihre Instrumente weg. Männer griffen eilig nach ihren Ehefrauen und diese nach ihren Handtaschen, weil sie offenbar fürchteten, zur nächsten Zielscheibe zu werden. Kellner sammelten Gläser und Porzellan ein, damit die nicht auch noch dem Gemetzel zum Opfer fielen.

Schließlich bereitete Daddy meinem Wutausbruch ein Ende. Er stand auf, schlang seine großen, bärenartigen Arme um mich und drückte mich an sich. »Keeley«, flüsterte er und strich mir über das Haar. »Liebling, hör auf damit. Komm jetzt. Es ist vorbei. Du musst AJ nicht heiraten. Du musst niemanden heiraten, wenn du nicht willst.«

Der Ausdruck auf seinem Gesicht hätte mich fast umgebracht. Sorge. Angst. Schmerz. Er glaubte, ich würde Amok laufen.

»Daddy, es tut mir leid«, flüsterte ich. Ich rannte aus dem Ballsaal an den flüchtenden Hochzeitsgästen, entsetzten Kellnern, meinem Verlobten und meiner ehemals besten Freundin vorbei.

Ich lief die Eingangsstufen vom Country Club hinunter, an den jungen Parkplatzwächtern vorbei, die sich zusammengedrängt heimlich eine geklaute Flasche Bier teilten. Erst als ich auf dem Parkplatz angekommen war, wurde mir klar, dass ich keine Ahnung hatte, wohin ich gehen sollte.

Ich blickte zurück. Die Leute strömten aus dem Country Club. Ich musste schnell fliehen. Aber wie? Ich war mit AJ zum Club gekommen. Sein roter Z3 war nicht schwer zu finden. Er hatte ihn in der ersten Reihe geparkt und das Dach offen gelassen. Ich ging hin und blickte auf die schwarze Lederausstattung. Zum ersten Mal wurde mir bewusst, dass ich noch immer Paiges Stringtanga in der Hand hielt. Ich drapierte ihn auf dem Lenkrad. Der Autoschlüssel baumelte im Schloss. Typisch AJ.

Sollte ich einfach den Wagen nehmen und losfahren? Aber wohin? Und um was zu tun?

Ich hatte eine bessere Idee. Ich griff nach dem Schlüssel und betrachtete kurz den glänzend roten, frisch polierten Autolack.

Die Parkwächter liefen über den Parkplatz und holten die Wagen der Gäste. Ich musste mich beeilen. Meine Buchstaben waren groß und fett und sahen beängstigend aus. Die Handschrift ähnelte der eines Serienkillers. Hervorragend. Ich wollte ihm Angst machen.

»Arschloch!«, flüsterte ich triumphierend und las noch einmal, was ich in zwölf Zentimeter großen Buchstaben in den Lack graviert hatte. Dann riss ich mir den Verlobungsring vom Finger und schmiss ihn in den Wagen. »Arschloch.«

Da hörte ich jemanden husten. Ich sah mich um. Zum ersten Mal bemerkte ich den großen kanariengelben Oldtimer-Cadillac, der neben AJs Auto parkte. Ein Mann saß drin und lachte sich schlapp.

»Asch-loch«, sagte er und lachte wieder.

»Was haben Sie da gesagt?«, giftete ich ihn an.

»Asch-loch«, wiederholte er. »Sie haben es falsch geschrieben.«

3

Ich hatte den Kerl noch nie zuvor gesehen. Er war bestimmt nicht aus Madison. An so einen Wagen hätte ich mich erinnert. Er schien Mitte 40, hatte rotes Haar, das an den Schläfen langsam ergraute und sah ganz gut aus – wie eine Art Frischluftfanatiker im Smoking.

»Kennen wir uns?«

»Nicht wirklich«, sagte er. Er zeigte auf AJs Auto. »Sehen Sie, Sie haben ein R vergessen, so heißt es Aschloch.«

»Kümmern Sie sich um Ihre eigenen verdammten Angelegenheiten«, zischte ich und warf die Haare zurück, als wäre mir das egal.

Die Leute gingen zu ihren Autos. Ich musste von hier verschwinden. Also lief ich mit ein paar flotten Schritten über den Parkplatz. Verdammt. Ich hatte meine Schuhe vergessen. Hochhackige Riemchensandalen eignen sich nicht unbedingt zum Laufen. Und mein trägerloses Seidenkleid auch nicht.

Ist doch egal, sagte ich mir. Ich wollte um keinen Preis wieder reingehen und Daddy bitten, mich nach Hause zu fahren. Nicht nach der Vorstellung, die ich gerade abgeliefert hatte. Ich rannte förmlich vom Parkplatz auf die zweispurige, asphaltierte Straße hinaus, die in den Ort führte. Meine Wohnung lag weniger als zwei Meilen von hier entfernt. Meistens lief ich eine Meile in zehn Minuten. Aber dabei trug ich für gewöhnlich kein Cocktailoutfit.

Nach knapp 500 Metern meldeten sich meine Waden schmerzhaft. Und ich spürte, wie ich an den Zehenspitzen erste Blasen bekam. Ich musste mein Kleid über der Brust festhalten, damit nicht alles runterrutschte.

Eine Uhr trug ich nicht, aber es war inzwischen stockdunkel. Also musste es nach neun Uhr sein. Mücken schwirrten mir ums Gesicht, Falter flatterten leise in der schwülen Nachtluft. Ein Angestellter der Straßenwartungsarbeiten hatte erst vor kurzem das Gras am Straßenrand gemäht. Der warme grüne Duft wäre in jeder anderen Nacht herrlich gewesen. Aber heute Nacht schlangen sich die abgetrennten Grashalme um meine Knöchel, und meine Pfennigabsätze versanken ein paar Zentimeter in der feuchten Erde. Ich seufzte und zog die Sandalen aus. Barfuß käme ich schneller nach Hause.

Die Autos fuhren langsamer, sobald sie sich mir näherten. Die Leute verrenkten ihre Hälse, um mich zu mustern, sahen dann aber schnell weg und fuhren eilig an mir vorbei, um mir nicht in die Augen sehen zu müssen. Ich war die neueste Verrückte im Ort.

Dann kam der große gelbe Cadillac und fuhr an den Straßenrand. Er zwang mich weiter auf den grasbedeckten Straßenrand.

»Hey«, sagte ich sauer.

»Selber hey«, rief der Fahrer. »Kommen Sie, Keeley, steigen Sie ein. Ich bringe Sie in den Ort.«

Woher kannte er meinen Namen? Ich warf noch einmal einen Blick auf das Auto. Es hatte ein Verdeck aus weißem Leder, glänzende Radkappen und auch noch mit weißem Leder bezogene Sitze. Der Wagen sah wie das Auto eines Zuhälters aus.

»Uh-hu«, sagte ich. »Mein Daddy hat mir immer gesagt, dass ich nicht zu Fremden ins Auto steigen soll.«

»Wir sind nicht wirklich Fremde«, sagte er. »Wir wurden einander zu Beginn des Abends vorgestellt. Auf der Party. Bevor Sie ausgerastet sind.«

»Ich habe Sie noch nie zuvor gesehen«, sagte ich. Aber insgeheim merkte ich, dass ich ihn von irgendwoher kannte.

»Natürlich haben Sie das. Ihre Cousine Janey hat uns einander vorgestellt. Kommen Sie schon, Keeley. Zu Ihrer Wohnung sind es noch mindestens zwei Meilen.«

Ein Schauer lief mir über den Rücken. Ein rothaariger Fremder in einem Zuhälterauto. War das der Preis für Berühmtheit? Hatte ich bereits einen Stalker? »Woher kennen Sie meinen Namen? Und woher wissen Sie, wo ich wohne?«

Er schüttelte ungeduldig den Kopf. »Sie heißen Keeley Murdock und wohnen über dem Sofageschäft im Ort. Und wenn Sie Ihren Hintern nicht sofort in den Wagen schwingen, lasse ich Sie hier stehen.«

»Das ist kein Sofageschäft«, sagte ich. »Es ist ein Studio für Inneneinrichtung. Außerdem wüsste ich nicht, dass wir uns je begegnet wären. Ich brauche keine Mitfahrgelegenheit. Ich laufe gerne. Ich liebe es sogar.«

Er zuckte die Achseln. »Wie Sie wollen. Ich habe gesehen, wie der Jernigan Mob direkt hinter mir den Country Club verlassen hat. Sie werden in ein paar Minuten hier sein.«

Ich hüpfte auf den Vordersitz des Zuhälterautos. »Beeilen Sie sich und fahren Sie schon los, bevor man mich mit Ihnen sieht«, wetterte ich los.

Er trat das Gaspedal durch, die Hinterreifen der gelben Landyacht wirbelten Dreck auf. Wir rasten die asphaltierte Straße zum Ort entlang. Ich sah zu meinem Fahrer hinüber, und als sein Mund sich zu einem Schmunzeln verzog, zerrte ich wieder mein Mieder hoch.

»Ist das Blut?«, fragte er und zeigte auf den roten Fleck vorne auf meinem Kleid.

»Nein, verdammt«, sagte ich. »Hab schlecht gezielt. Das ist nur Erdbeerdaiquiri.«

Er zuckte zusammen.

»Wie war noch mal Ihr Name?«, fragte ich.

»Will.«

»Will, und wie noch?«

»Mahoney.«

Der Name sagte mir etwas. Ich sah ihn mir genauer an. Er war groß, sogar größer als ich, und sein Smoking saß nicht richtig. Sein rotes Haar berührte kaum den Kragen seines Smokingjacketts. Zum Glück trug er keinen Vokuhila. Mein Ruf mochte zwar ruiniert sein, aber ich hatte trotzdem noch gewisse Ansprüche.

Will Mahoney hatte genau die Sommersprossen, die mit so einer Haarfarbe einhergehen, und dunkelbraune Augen, die mehr sahen, als es vermutlich gut war.

»Will Mahoney? Sind Sie nicht der Kerl, der Mulberry Hill abreißen will?«

»Haben Sie ein Problem damit?«, fragte er.

Eines sollten Sie über Madison in Georgia wissen: In dem Ort stehen lauter Vorkriegsvillen. Und zwar aus der Zeit vor dem Bürgerkrieg. Genaugenommen ist unser Bundesstaat bekannt dafür, dass William Tecumseh Sherman im Sezessionskrieg während seines Marsches zum Meer, als er alles niederbrannte und zerstörte, Madison verschonte, weil er sah, wie schön es war. Er legte einfach die Streichhölzer beiseite und aß stattdessen dort zu Abend.

Nun ja, wie dem auch sei, das ist die Geschichte.

Mulberry Hill war eine riesige Villa mit Schindelfassade, und sie lag etwas abseits des Highway 441 und war, um ehrlich zu sein, nicht unbedingt das schönste Gebäude am Ort. Sie stand schon lange leer, und die meisten Leute warteten nur darauf, dass sie irgendwann von alleine zusammenbrach.

»Das ist ein historisches Wahrzeichen«, sagte ich jetzt missbilligend. »Wie dem auch sei, was hatten Sie bei meinem Probedinner verloren? Ich kenne Sie nicht, und die Jernigans bestimmt auch nicht.«

»Ihre Schwiegermutter hat mich eingeladen«, sagte Mahoney.

»GiGi? Das glaube ich Ihnen nicht. Sie war doch die Erste, die Unterschriften zur Rettung von Mulberry Hill gesammelt hat.«

»Ich habe es mir anders überlegt«, sagte er. »Das Haus bleibt stehen. Ich habe sogar dem historischen Verein Geld gespendet. Ich bin der neue beste Freund Ihrer Schwiegermutter.«

»Sie ist nicht meine Schwiegermutter«, stellte ich klar.

»Nein, nach heute Abend bestimmt nicht mehr«, pflichtete Mahoney mir bei. Er grinste nun noch breiter. »Sie haben da drinnen eine bühnenreife Show abgeliefert. Kein Wunder, dass die Band sich verabschiedet hat.«

Er hatte es also mitbekommen. Meine Demütigung war perfekt. Ich starrte aus dem Fenster auf die an uns vorbeirauschende Landschaft. »Ich möchte nicht darüber reden.«

Wir kamen nun zum Glück in den Ort. Noch fünf Minuten und ich wäre zu Hause in meiner Wohnung. Dann konnte ich mein ruiniertes Kleid verbrennen, das Telefon abstellen und mir ernsthaft überlegen, in einen anderen Bundesstaat auszuwandern.

»An der nächsten Ampel rechts«, sagte ich zu ihm. »Ich wohne zwei Häuserblocks weiter.«

»Ich weiß, wo«, sagte Mahoney. »Glorious Interiors, richtig? Ihre Tante kümmert sich um das Geschäftliche? Sie wohnen in der Wohnung darüber im zweiten Stock. Hübsches Gebäude. Ich habe mir schon überlegt, es zu kaufen.«

Unser Gebäude hatte aufwendige Stuckarbeiten und seit Mitte der 50er den alten Krämerladen beherbergt. Mein Großvater hatte es vom alten Besitzer gekauft und daraus Murdocks Kurzwarenladen gemacht, den er bis kurz vor seinem Tod Ende der 80er führte.

»Unser Gebäude kaufen? Träumen Sie weiter. Gloria hat dieses Gebäude von meinem Großvater geerbt. Es ist seit über 50 Jahren in Familienbesitz. Sie wird es nie verkaufen. Vor allem nicht an Sie.«

»Meinetwegen«, sagte er. »Ich würde einer heißblütigen Frau wie Ihnen, Keeley Murdock, auch nicht in die Quere kommen wollen.«

Er fuhr den Wagen neben meinen fünf Jahre alten roten Volvo, der gesetzeswidrig in der Ladezone parkte. Nur dass es unsere Ladezone war. Der Parkplatz, auf den ich rechtlich gesehen Anspruch gehabt hätte, war Stoßstange an Stoßstange von Autos zugeparkt. Deren Fahrer aßen vermutlich in einem der vielen neuen Restaurants zu Abend, die erst seit kurzem in der Innenstadt aus dem Boden geschossen waren und sie belebt hatten.

Unsere Geschäftsfassade mit der fröhlichen, schwarzweiß gestreiften Markise, die bis über den Gehsteig reichte, war sanft beleuchtet. Ich hatte die Schaufenster Anfang der Woche selbst mit einer hübschen französischen Chaise dekoriert, die ich im Marché aux Puces vor den Toren von Paris erstanden hatte und mit einem Stapel glänzender Hutschachteln von Hermès und Chanel sowie herrlichem Golddamaststoff von Pierre Frey ergänzte. Diesen Verweis auf Frankreich hatte ich bewusst gewählt, weil AJ und ich kommendes Wochenende unsere Flitterwochen in einer Villa in der Provence hatten verbringen wollen.

»Mist«, sagte ich ruhig und sah zum Schaufenster mit all seinem unverhüllten, mädchenhaften Optimismus hinüber. Ich musste umgehend das Schaufenster umgestalten. Gleich nach der Überdosis Schokolade, die ich mir verpassen würde.

Ich stieg aus dem Auto und heftete meinen Blick auf das aussagekräftige Schaufenster. »Danke, dass Sie mich mitgenommen haben«, murmelte ich, ganz die wohlerzogene Südstaatenschönheit.

»Hey«, sagte er und beugte sich zu mir. »Vergessen Sie die nicht.«

Ich errötete. Meine Schuhe. Der Preis dieser Manolo Blahniks in Größe 42 hätte jede Karrierefrau erröten lassen. Ich griff danach und murmelte noch irgendein Dankeschön, was aber wie ein »Tschüs, verschwinde« gemeint war.

Doch Will Mahoney verstand die Andeutung nicht. Er fuhr auch nicht los. Er blieb stehen und nahm noch nicht einmal seine Hand von meiner.

Er sah mich nur lange, eindringlich an.

»Kommen Sie zurecht? Heute Nacht? Ich meine …«

»Es geht mir gut«, sagte ich und zwang mich zu einem aufgesetzten Lächeln. »Großartig. Danke der Nachfrage. Alles ist toll.« Ich spürte, wie mir eine glühende Träne die Wange herunterrollte.

»Aber in einem muss ich Ihnen recht geben«, sagte er. Einen Augenblick hatte ich das Gefühl, als drücke er meine Hand. Ich zog sie schnell weg.

»AJ Jernigan ist wirklich ein Arschloch«, sagte Will Mahoney. »Egal, wie Sie es schreiben.«

4

Gloria besaß einen Schlüssel zu meiner Wohnung und zögerte nie, ihn auch zu benutzen. Schließlich war sie eigentlich die Besitzerin des Gebäudes. Und zugleich meine Arbeitgeberin. Eigentlich. Und dieser Morgen war keine Ausnahme. Sie machte sich nicht einmal die Mühe, an meine Schlafzimmertür zu klopfen, bevor sie hereinstürmte. »Keeley?«

Ich zog mir die Bettdecke über den Kopf. »Keeley wohnt hier nicht mehr.«

»Du Glückspilz«, sagte Gloria ironisch. Sie beugte sich herab und küsste die Bettdecke ungefähr auf Höhe meiner Stirn.

»Es ist fast Mittag, weißt du das. Komm schon, Schätzchen, ich habe heiße Schokolade und zwei Schoko-Eclairs dabei. Einer ist für dich, aber wenn du nicht sofort aus dem Bett steigst, esse ich deinen gleich mit.«

»Ich habe keinen Hunger«, sagte ich, drehte mich weg und wickelte mich wie eine Mumie ein. Ich war erstaunt darüber, dass das der Wahrheit entsprach. Letzte Nacht hatte ich dagesessen und auf eine Tüte mit Hershey’s Kisses gestarrt, die noch von Weihnachten übrig war. Aber ich war nicht in der Lage gewesen, auch nur einen zu essen. Allerdings hatte ich eine Flasche Tequila und ein Pint Harvey’s Bristol Cream geleert.

»Wie du willst«, sagte Gloria. Ich hörte das Rascheln einer Papiertüte und spähte unter der Decke hervor.

»Du siehst wie eine wandelnde Leiche aus«, sagte Gloria und knabberte an dem Eclair. »Hast du unsere ganzen Alkoholbestände ausgetrunken, bevor oder nachdem du dieses bezaubernde Schaufenster dekoriert hast?«

Gute Frage. Darüber musste ich erst einmal nachdenken.

O ja. Den Tequila hatte ich in meinem eigenen Likörschrank gefunden, und da ich in Sachen Likör ein echter Waschlappen war, hatte ich ihn mit einem Viertel Orangensaft gemixt. Irgendwann nach Mitternacht war ich dann zu beschwipst gewesen, um runterzugehen und das Schaufenster neu zu gestalten. Aber der Schwips war vorbeigegangen, also hatte ich die Kochecke im Atelier durchstöbert und war auf Harvey’s Bristol Cream gestoßen, die dort vermutlich seit den Tagen meines Großvaters gestanden hatte.

»Beides«, sagte ich und verzog bei der Erinnerung daran das Gesicht. Mein Kopf pochte, und mein Mund schmeckte wie ein Katzenklo.

»Interessant, dieser Einsatz von Symbolik und Metaphern im Schaufenster«, sagte Gloria und nippte an ihrem Kaffee. »Ich empfand das Brautkleid im Mülleimer als eine effektive Gegenüberstellung von Industrie und Empfindsamkeit. Allerdings fürchte ich, dass ein paar unserer älteren, konservativeren Kunden sich von AJs aufgeschlitzten Fotos abgeschreckt fühlen könnten. Ganz zu schweigen von der Symbolik der Intimdusche, die du in dieser speziellen Vignette hast hängen lassen.«

Gleich darauf fuhr mir ein stechender Schmerz durch mein linkes Auge. »Die Intimdusche hatte ich ganz vergessen.«

Gloria nickte nachdenklich. »Wo um Himmels willen hast du die aufgetrieben? Ich wusste gar nicht, dass es so etwas noch gibt.«

»Die war im Lager. Ich habe sie vor langer Zeit einmal unter einer Schachtel mit Schnitten von Butterick gefunden, die Großvater weggeräumt hatte, als Nanna starb.«

»Schön«, sagte Gloria schnell. »Ich habe diesbezüglich heute Morgen um acht Uhr einen Anruf erhalten. Und noch bevor ich mir die Zähne putzen und mir die Haare kämmen konnte, waren drei weitere aufgebrachte Nachrichten auf meinem Anrufbeantworter. Zwei davon von GiGi.«

»Oh.«

»Sie hat auch bei deinem Daddy angerufen. Zweimal.«

»Und … Äh, wie geht es Daddy?«

»Den Umständen entsprechend versucht Wade sich tapfer zu schlagen. Heute ist er rausgegangen, um die Zeitung zu holen, fand stattdessen aber eine Kündigung seiner Mitgliedschaft im Country Club.«

»Oh.«

»Eine Rechnung mit Angaben der zerstörten Einzelposten war auch dabei. Offenbar hast du dem Chub-Jernigan-Pokal eine fiese Delle zugefügt. Ganz zu schweigen von dem Porzellan und den Kristallgläsern, die du zertrümmert hast.«

»Entschuldige«, sagte ich und sprang aus dem Bett. Ich schaffte es kaum ins Badezimmer, um mich zu übergeben. Dann brauchte ich weitere zehn Minuten, um den restlichen Tequila und die Bristol Cream aus meinem traumatisierten Verdauungssystem zu befördern.

Während ich kraftlos versuchte, den Badezimmerboden mit den neuen, mit KJM bestickten Handtüchern zu wischen, kam Gloria herein und zeigte wortlos auf die Badewanne.

»Heißes Wasser«, sagte sie und stellte die Dusche an. »Und zwar viel. Dann komm und rede mit mir. Ich bin im Atelier.«

Ich ließ die Dusche so lange laufen, bis das heiße Wasser aufgebraucht war. Als meine Haut schrumpelig und rot angelaufen aussah, kam ich heraus, schlüpfte in eine alte Jeans und ein T-Shirt der John Mayer Band und band mir ein Handtuch um die nassen Haare.

Gloria saß an ihrem Rollschreibtisch in der Nische, die wir als Büro nutzten. Wir hatten einen großen Bauerntisch aus Kiefernholz im Verkaufsraum. Dort breiteten wir unsere Waren aus, zeigten Stoffproben, Teppichmuster und Möbelkataloge, aber im Büro fand die wirkliche Arbeit von Glorious Interiors statt.

Ich hatte das Gefühl, als säße meine Tante Gloria schon seit ich denken konnte an diesem großen goldfarbenen Eichenrolltisch. Er hatte einst dem früheren Besitzer des Merchant’s Mercantile gehört, aber nachdem Großvater das Geschäft gekauft hatte, stellte sich heraus, dass er zu groß war, um ihn rauszutragen, ohne dabei die Eingangstür zu demolieren. Also wurde er mit dem Haus verkauft.

Die kleinen Fächer und Schubladen des Schreibtisches enthielten akribisch geordnet Geschäftsbriefpapiere, Korrespondenz und bezahlte und unbezahlte Rechnungen. Gloria verwendete als Stifthalter eine Teetasse aus edlem Haviland Porzellan und trug seit ich denken konnte immer dieselbe schlichte Schildpatt-Lesebrille auf der Nasenspitze. Wenn ich es mir recht überlegte, trug sie auch dieselbe Frisur: einen gepflegten kastanienbraunen Pagenkopf, bei dem sie eine Seite hinter das Ohr schob, so dass man ihre klobigen, mit Diamanten besetzten Ohrstecker sah, ohne die ich sie nie gesehen hatte.

»Wer hat heute Morgen noch angerufen?«, fragte ich und setzte mich auf den Schreibtisch.

Sie verdrehte die Augen. »Paiges Mom.«

»Mist.«

»Sie hat behauptet, dass sie sich einen Anwalt genommen hat, um dich wegen Rufmord zu verklagen, abgesehen von den Strafanträgen wegen gefährlicher Drohung und Körperverletzung.«  

Ich legte meinen Kopf auf den Schreibtisch und stöhnte. Das kühle Holz fühlte sich an meiner brennenden Wange angenehm an.

»Ich würde der Sache mit Lorna Plummer und ihrer Tochter an deiner Stelle keine weitere Beachtung schenken«, sagte Gloria. »Erstens weiß ich zufällig, dass Lorna ihrem Anwalt Graham Anthony noch immer 3000 Dollar schuldet, weil er ihre letzte Scheidung abgewickelt hat. Der würde ihr also nicht einmal ein Glas Wasser reichen, wenn sie in der Hölle schmorte. Und zweitens bezweifle ich, dass der Sheriff den beiden auch nur eine Minute zuhören würde.«

Ich brachte ein Lächeln zustande. Howard Banks, der Sheriff von Morgan County war seit 30 Jahren glücklich verheiratet, aber alle wussten, dass er seit der Highschool in Gloria Murdock verliebt war.

Gloria küsste ihre Fingerspitze und legte sie auf meine Wange. »Das war’s, Liebling. Lächle. Siehst du? So weh tut das gar nicht. Versuch es noch mal, okay?«

»Ich kann nicht.«

Sie seufzte. »Na ja, es ist auch noch etwas früh. Willst du gar nicht darüber reden?«

Ich presste meine Lippen zusammen und schüttelte den Kopf. »Es tut mir leid«, krächzte ich.

»Psssst!«, sagte Gloria erbittert. »Wage bloß nicht, dich zu entschuldigen. Du hast nur getan, was notwendig war. Mir graut allein bei dem Gedanken, was passiert wäre, wenn du in diesen abscheulichen Jernigan-Haufen eingeheiratet hättest.«

»Aber du mochtest AJ doch …«, fing ich an. »Daddy vergöttert ihn.«

»Nein!«, sagte sie und schlug bekräftigend auf den Tisch. »Wir haben uns mit ihm abgefunden. Wegen dir, Keeley. Wade und ich hatten von Anfang an ernsthafte Bedenken, was AJ betraf. Ich meine, er war einfach zu gut, um wahr zu sein. Er wirkte so charmant und süß, hat mich immer geküsst und deinen Daddy SIR genannt, in Großbuchstaben.«

»Du hattest ihn durchschaut?«, fragte ich verwirrt. »Warum hast du nie was gesagt?«

»Du hättest nicht auf mich gehört«, sagte Gloria. »Du warst bis über beide Ohren verliebt. Und wir hatten nie etwas Schlechtes über ihn gehört. Nicht wirklich. Wir hatten nur das Gefühl, dass sich hinter der Fassade etwas … verbergen könnte.«

»Etwas Widerliches«, fügte ich hinzu. »Und ich habe das nie bemerkt. Ich hatte nie den Verdacht, dass er mich betrügen könnte. Erst gestern Abend, als ich die beiden auf frischer Tat ertappt habe. Wie konnte ich nur so dumm sein?«

Nun kamen mir Zornestränen. Ich schluchzte so heftig, dass ich kaum Luft bekam. Gloria beugte sich über mich, strich mir über das Haar und beruhigte mich wie ein Baby.

»Wie konnte er nur?«, heulte ich. »Wie konnte er mir das nur antun?«

»Ach, Liebling«, sagte Gloria leise und mit trauriger Stimme. »Er ist ein Mann, mehr nicht. Sie sind alle gleich, weißt du. Jeder Einzelne von ihnen. Sie haben nur unterschiedliche Namen und Adressen, aber sie sind alle dieselben verdammten armseligen Wichte.«

5

Schließlich hörte ich zu weinen auf, ging wieder nach oben und versuchte mir ein menschliches Aussehen zu verleihen. Aber der Spiegel war an diesem Morgen nicht mein Freund. Ich tupfte Concealer auf die schwarzen Ringe unter meinen Augen, doch gegen ihre Rötung konnte er nichts ausrichten. Ich fügte ein wenig Lidschatten und Wimperntusche hinzu, legte Rouge auf und tupfte Lipgloss auf den Mund. Für mein langes braunes Haar hätte ich mehr Zeit gebraucht, doch dafür hatte ich heute Morgen keine Geduld. Ich band sie zu einem Pferdeschwanz hoch und zuckte vor Schmerz zusammen, als der Haargummi zu fest saß.

Mein Haar. Gütiger Himmel! Ich hatte am Mittag einen Termin bei Mozella im La Place. Wir hatten seit Wochen an einer Hochsteckfrisur getüftelt, die meinen langen Hals und den gewagten Ausschnitt hinten am Brautkleid zur Geltung bringen sollte. Übrigens derselben, 12000 Dollar teuren, cremefarbenen Seidensatin-Robe von Vera Wang, die ich vergangene Nacht über die Mülltonne des Geschäftes in unserem Schaufenster drapiert hatte.

Ich musste sofort Mozella anrufen und den Termin absagen. Bei dem Gedanken biss ich mir so fest auf die Lippe, dass sie zu bluten anfing. Mozella war nicht irgendeine einfache Frisur- und Haarspraykünstlerin. Und sie war vor einem Jahr aus Atlanta nach Madison gezogen, nachdem eine der Kundinnen ihres schicken Salons ihr ein Date mit ihrem neuesten Exmann arrangiert hatte.

Jetzt war Mozella mit einem Anästhesisten im Ruhestand verheiratet, der ihr ein nagelneues Geschäft in Madison eingerichtet hatte, und die Exfrau fuhr glücklich jeden Monat 50 Meilen von Atlanta zu uns, um sich Strähnchen machen zu lassen. Niemand machte Strähnchen so gut wie Mozella. Und niemand, und damit meinte ich wirklich niemand, sagte nicht mindestens 24 Stunden im Voraus einen Termin bei Mozella ab.

Meine Hände zitterten, als ich die Nummer des La Place wählte.

Wie immer ging Oscar, der Empfangschef, dran. »Ha-bitte?«

Oscar hatte kubanische Wurzeln, kam in Tampa zur Welt und sprach schon seit seiner Geburt Englisch. Er ahmte den Ricky-Ricardo-Akzent nach, weil er sich dadurch glamouröser vorkam.

»Oscar, hier ist Keeley«, sagte ich und holte tief Luft. »Ich, äh, muss, fürchte ich, meinen Termin heute absagen.«

»Nein«, sagte er kategorisch. »Das ist unmöglich.«

»Ich bezahle es natürlich«, sagte ich schnell. »Aber ich muss ihn wirklich absagen.«

»Nurrrr einen Moment«, sagte Oscar kühl.

»Mozella«, hörte ich ihn rufen. »Mozella, hier ist jemand am Apparat, sie sagt, sie sei Keeley Murdock und will den Termin absagen. Ich habe abgelehnt. Besser, du redest selbst mit ihr.«

»Idiot, gib mir das Telefon«, hörte ich Mozella sagen.

»Keeley. Liebes, alles in Ordnung?«

»Hast du davon gehört?«

»Na ja … schon.«

»Wer hat es dir erzählt?«, fragte ich.

»Du meinst, wer es mir gestern Abend oder heute Morgen als Erstes erzählt hat?«

»Du hast schon gestern Abend davon gehört?« Ich wusste nicht, warum mich das so überraschte, die Buschtrommeln von Madison verbreiteten bereits fröhlich die Neuigkeit über meine gescheiterte Verlobung.

»Ich wollte früh herkommen, um GiGi die Haare zu machen«, sagte Mozella. »Sie rief mich bereits um elf Uhr gestern Abend an.«

»Du musstest dir bestimmt ganz schön was anhören, was?«

Mozellas Lachen glich einem trockenen Gerassel. Sie war Anfang 50 und hatte nicht vor, auf ihre tägliche Schachtel Zigaretten zu verzichten. Nicht einmal für ihren reichen Medizinmann. »Das kannst du laut sagen.«

»Und alle anderen im Ort haben dir ihre eigene Version erzählt, nicht wahr?«

»Es war recht bunt gemischt«, gab Mozella zu. »Aber ich gebe ja nicht viel auf Tratsch, wie du weißt.«

Ich schluckte. Mozella war eine Meisterin des Tratsches. Sie wusste über jedes Zipfelchen schmutziger Wäsche im Ort Bescheid, und sie wusste es immer als Erste.

»Ich nehme an, du weißt also auch, dass ich diese Hochsteckfrisur nicht brauche«, sagte ich schließlich. »Oder die Maniküre und Pediküre.«

»Ja, ich weiß«, sagte Mozella. »Der Rest deiner Hochzeitsgäste hat angerufen und auch abgesagt.«

»Sogar Paige?«, ich würgte ihren Namen fast heraus.

»Oh, neiiiin«, sagte Mozella. »Ich schaue gerade aus dem Fenster und sehe, dass ihr Wagen vorfährt. Sie und ihre Mama, beide.«

»Würdest du mir einen Gefallen tun?«, fragte ich.

»Wenn ich kann.«

»Rasier sie kahl.«

»Das würde ich ja gerne, Liebling«, sagte Mozella. »Aber das ist nicht gut fürs Geschäft. Aber ich sag dir was, wie wäre es, wenn ich mit Paiges Haarfarbe etwas herumexperimentieren würde? Ich könnte ihr eine Spülung mit orangefarbener Nuance verpassen.«

»Ich zahle doppelt, wenn du das tust«, sagte ich.

»Das geht auf meine Rechnung«, sagte Mozella. »Ich konnte das kleine Flittchen noch nie ausstehen. Sie jammert ständig wegen ihrer sensiblen Kopfhaut. Und sie gibt null Trinkgeld. Von ihrer Mutter will ich gar nicht erst anfangen.«

»Musst du nicht«, sagte ich. »Danke, Mozella. Schick mir die Rechnung, okay?«

»Keine Rechnung«, sagte Mozella. »Früher oder später werde ich dir die Hochsteckfrisur noch verpassen, und dann wird sie so großartig sein, dass wir beide damit Geschichte schreiben werden.«

Ich verdrückte ein paar Tränen und legte auf. Gloria saß auf dem Sofa in meinem kleinen Wohnzimmer mit einem gelben Notizblock in der Hand. Es war ihre berühmte Aufgabenliste, das wusste ich.

»Ich habe schon beim Cateringservice, dem Club und dem Blumenhändler angerufen«, sagte sie und fuhr mit dem Finger die Liste hinunter. »Und ich werde einen kleinen, geschmackvollen Zettel an die Kirchentür hängen, damit jeder weiß, der es noch nicht gehört hat, dass die Hochzeit abgesagt wurde.« Ihre Stimme klang so sachlich, als diskutiere sie über Gardineninstallation.

»Hast du Haare und Nägel abgesagt?«, fragte sie, den Stift bereit, um ein Häkchen zu machen.

»Ja. Mozella wusste es natürlich schon.«

»Natürlich.«

»Bis auf Paige und Lorna haben alle anderen auch abgesagt.«

»Glaubst du, sie hat heute Abend ein großes Date geplant?«, fragte Gloria.

»Ich will gar nicht an sie denken«, sagte ich. »Für mich ist sie gestorben. Es gibt sie gar nicht mehr.«

»Sag mal«, fragte Gloria und neigte ihren Kopf. »Wie um alles in der Welt seid ihr beide überhaupt Freundinnen geworden? Ich meine, ich will ja nicht den Snob rauskehren, aber mir war schon immer schleierhaft, was euch beide verbindet.«

Ich zwirbelte eine Haarsträhne um meinen Finger und dachte darüber nach. »Ich nehme an, weil wir zusammen in der ersten Klasse waren. Ich weiß noch, dass sie die Erste in der Klasse war, die einen BH trug. Und sie war die Erste, die ihre Tage bekam und ihre Beine rasierte. Ich fand sie total cool.«

»Und ich wette, dass sie auch bei vielem anderem die Erste war«, sagte Gloria ironisch.

»Ja.« Ich musste lachen und dachte an ein paar von Paiges berüchtigten Großtaten in der Mittelstufe. »Sie hat jeden Jungen bekommen, den sie wollte. Und irgendwann hat sie vermutlich auch alle gehabt.«

»Genau wie ihre Mama«, sagte Gloria. »Beides Flittchen.«

»Als ich klein war, hat Paiges Mutter Lorna nicht wie ein Flittchen auf mich gewirkt«, sagte ich und dachte daran zurück. »Sie war so nett zu mir, weißt du. Nachdem Mama gegangen war.«

Gloria nickte und trommelte mit ihrem Stift auf den Notizblock.

Wir sprachen nicht viel über meine Mutter. Ich war sieben, als sie uns verließ. Alt genug, um mich an die kleinen Alltagssachen zu erinnern, etwa dass sie jeden Morgen als Erstes eine Pepsi trank, den Küchenboden jeden Abend vor dem Zubettgehen wischte und an den Klang ihrer sanften, tiefen Stimme, wenn sie unendlich lange Telefonate mit ihren Freundinnen führte, an den Duft ihres Parfums Joy von Patou. Ich besaß noch heute den Flakon, den sie auf ihrer Kommode stehen gelassen hatte. Nur ein paar Tropfen des Parfüms waren auf dem Boden des matten Fläschchens übrig geblieben, aber ab und zu öffnete ich es, roch daran und dachte an sie.

»Keeley, du kennst mich«, sagte Gloria. »Ich mache kein Geheimnis daraus, dass mir viele böse Dinge zu – Gott hab sie selig – Jeanine Murray Murdock einfallen. Aber eines muss man ihr zugestehen, deine Mama war nicht wie Lorna.«

»Vermutlich nicht«, pflichtete ich ihr bei. »Aber für mich als Kind war Lorna wie eine Ersatzmutter. Sie behandelte Paige und mich wie Erwachsene, weißt du. Wir durften ihr Make-up benutzen, und sie zeigte uns, wie wir unsere Haare machen sollten. Ich erinnere mich, wie ich zum ersten Mal Krabbencocktail aß, während sie uns die Haare machte und auf ihren Freund wartete.«

»Vermutlich den Ehemann einer anderen Frau«, sagte Gloria und schürzte die Lippen. »Keine Ahnung, wie viele Männer in ihrem Haus schon ein- und ausgegangen sind. Dein Daddy machte sich jedenfalls riesige Sorgen, dass Lorna schlechten Einfluss auf dich haben könnte. Aber er konnte dich und Paige auch nicht trennen. Ihr hieltet wie Pech und Schwefel zusammen.«

»Ich weiß«, sagte ich »Selbst auf der Highschool, als sie wirklich wild wurde, blieben wir Freundinnen. Und sogar am College, als ich wegging und sie zu Hause blieb und aufs Junior College ging, blieben wir Freundinnen.«

»Macht der Gewohnheit«, stöhnte Gloria und hob die Augenbrauen. »Das hat nicht nur Gutes.«

»Leider ist man erst hinterher immer klüger«, erwiderte ich.

»Okay«, sagte Gloria und klopfte wieder auf ihre Liste. »Machen wir uns an die Arbeit. Wer sagt das Festzelt und die Eisskulptur ab? Ich oder du?«

Genau in dem Moment klingelte es. Als wir Großvaters Lager im zweiten Stock in eine Wohnung für mich umgebaut hatten, hatte Gloria den Elektriker beauftragt, eine Klingel anzubringen, die mich darauf hinwies, wenn unten jemand die Tür öffnete.

»Ich habe die Tür nicht abgeschlossen, als ich reingekommen bin, aber auf dem Schild steht, dass wir geschlossen haben«, beruhigte Gloria mich. »Geh schnell runter und schick den Kunden weg.«

»Und was ist, wenn es AJ ist?«, fragte ich und geriet in Panik.

»Sei nicht albern«, sagte Gloria. »Er wird sich hüten, hier vorbeizukommen. Nachdem du gestern Abend gegangen warst, hatten wir noch eine kleine Auseinandersetzung.«

»Hallo?«, rief eine Männerstimme die Treppe hinauf. »Ist da wer?«

»Einen Augenblick«, rief Gloria. »Geh schon«, forderte sie mich auf.

Ich ging langsam die Treppe hinunter und spähte um die Ecke ins Atelier. Was, wenn es wirklich AJ war?

»Hallo«, sagte der rothaarige Fremde und sah herauf. Dann starrte er auf mein Hochzeitskleid, das Gloria vorübergehend über meinen Zeichentisch gehängt hatte. »Will Mahoney. Wissen Sie noch? Ihr Chauffeur.«

»Ich erinnere mich«, sagte ich matt. »Gehen Sie einfach, okay?«

6

Gloria rauschte an mir vorbei. »Hallo«, sagte sie und ergriff Will Mahoneys Hände, als handle es sich um einen wertvollen, verloren geglaubten Schatz. »Ich bin Gloria Murdock. Bitte entschuldigen Sie das Verhalten meiner Nichte. Man hat ihr erst kürzlich das Herz gebrochen, außerdem ist sie morgens nicht unbedingt in Höchstform.«

Sie schenkte ihm ihr typisches Megawattlächeln.

Meine Tante war nie im herkömmlichen Sinne eine Schönheit, weder in ihren besten Jahren, das waren die 70er, noch heute, aber dafür besaß sie eine äußerst wirksame Geheimwaffe: ihr Lächeln.

Gloria hatte ein Lächeln, das Männer dazu brachte, ihren Hut zu ziehen – selbst wenn es nur eine speckige Kappe war –, und Frauen veranlasste, sie zum Essen einzuladen, ihr ihre Geheimnisse anzuvertrauen und auch noch die Rechnung zu bezahlen. Ich habe gesehen, wie Hunde bei diesem Lächeln aufhörten zu bellen und Kinder zu weinen. Gloria wusste, was es bewirkte – und setzte es schamlos ein.

»Sie müssen Will Mahoney sein«, sagte sie und fügte noch ein Zwinkern hinzu.

»Sie kennen mich?«

»Natürlich. Ich wollte gestern Abend mit Ihnen reden, aber dann wurde es ja etwas … unschön.«

»Keeley, wusstest du«, sagte Gloria und wechselte nahtlos das Thema, »dass Mr Mahoney die BH-Firma gekauft hat?«

Ich sah von Mahoney zu meiner Tante und dann wieder zu ihm.

»Ach ja?«

Mahoney nickte. »Schloss, Lager und patentierte Bügel-BHs.«

Loving Cup Intimates oder kurz die BH-Firma, wie jeder sie im Ort nannte, war von Jacob und Dora Krichevsky, zwei ukrainischen Geschwistern aus Brooklyn, gegründet worden, die vor der Wirtschaftskrise zunächst einen Lampenschirmbetrieb unten im Süden hatten aufziehen wollen.

Niemand wusste so recht, warum sie sich ausgerechnet in Madison, Georgia, niederließen, doch das hatten sie. Der Überlieferung zufolge war die üppige Dora verzweifelt auf der Suche nach einem Kleidungsstück gewesen, in das sie ihren Busen Körbchengröße D zwängen konnte. Als sie eines Tages das Gerüst eines Lampenschirms mit Seide überzog, kam sie auf die Idee, Rosshaar und Draht in ihren eigenen Büstenhalter zu flechten.

Jacob, ein Hobbybastler, wurde ungewollt in die Unternehmung reingezogen und half ihr, das Kleidungsstück zu entwerfen. So wurde Loving Cup Intimates einer der zehn größten BH-Hersteller des Landes und schrieb Dessousgeschichte.

Jedes vorpubertäre Mädchen in den Südstaaten träumte von dem Tag, an dem es sich die erste, sehr schlichte rosa Schachtel kaufen und damit zum Verein der Loving-Cup-Frauen gehören durfte. Im Haus meines Daddys lag auf dem Dachboden bestimmt noch meine eigene erste Loving-Cup-First-Blush-Schachtel – so hieß, glaube ich, das Modell für kleine Mädchen.

Irgendwann in den 80ern verlor Loving Cup aber den Kontakt zu den Frauen. Die Firma wechselte viermal den Besitzer, und soweit ich wusste, arbeitete sie nur noch mit minimalem Personal und exportierte ihre Ware vorwiegend in Länder der Dritten Welt, wo die Frauen sich keine Luxuswäsche leisten konnten.

»Wenn ich recht verstanden habe, wollen Sie die Firma völlig umbauen«, sagte Gloria anerkennend. »Große Umstrukturierungen und Personal einstellen. Ein Glücksfall.«

»Wenn Sie das schon alles wissen, dann wissen Sie wohl auch schon, dass ich Mulberry Hill gekauft habe.«

Glorias Lächeln wurde ein wenig schwächer. »Sie wissen ja, wie klein der Ort ist, Neuigkeiten machen schnell die Runde. Und Mulberry Hill ist für viele Leute in Madison von historischer Bedeutung.«

Er hob beschwichtigend eine Hand. »Ms Murdock, darf ich Ihnen Zeit und Mühe sparen … Sie haben vermutlich gehört, dass ich es dem Erdboden gleichmachen wollte. Ehrlich gesagt erschien mir das sinnvoll. Aber ich habe es mir anders überlegt.«

»Nennen Sie mich doch Gloria, nicht Ms Murdock«, sagte meine Tante zu ihm. »Dann ist das Haus also wieder auf dem Markt?«

Er schüttelte nachdrücklich den Kopf. »Ganz und gar nicht. Ich werde es behalten.«

Gloria klatschte erfreut in die Hände. »Wunderbar.« Sie warf ihm einen koketten Blick zu. »Ich nehme an, es braucht etwas Arbeit.«

Er erwiderte ihren Blick. Auch er beherrschte das ziemlich gut. »Ich dachte, dass Sie mir vielleicht dabei behilflich sein könnten. Ich möchte, dass Mulberry Hill wieder etwas Besonderes wird. Etwas … Erstaunliches.«

»Wir sind Innenarchitekten, keine Zauberkünstler«, warf ich ein.

»Keeley!«, zischte Gloria. »Benimm dich.«

»Ich habe einen Bauunternehmer engagiert«, sagte Mahoney. »Und einen Architekten und diverse Handwerker. Sie haben schon mit der Arbeit begonnen.« Er sah auf die Uhr. »Genaugenommen müssten sie gerade die Küche hinter dem Haus abreißen.«

Er sah zu mir hoch, und seine braunen Augen wirkten dabei ein wenig zu aufmerksam.

»Was ich brauche, ist ein Innenarchitekt. Ich habe Bilder von Ihrer Arbeit in Zeitschriften gesehen. Ich persönlich kenne mich mit so was nicht besonders gut aus, aber die Sachen haben mir gefallen. Dieses Landhaus, die Pferdefarm. Das ist alles sehr schön.«

»Les Morgans Haus? Barnett Shoals Farm? Haben Sie das in der Oktoberausgabe der Veranda gesehen? Wie nett von Ihnen, dass Sie es erwähnen. Mit Les zu arbeiten war traumhaft. Sehr engagiert, offen für neue Ideen.«

»Und reich«, warf ich ein. »Barnett Shoals Farm war ein Zweimillionenprojekt. Haben sie für Mulberry Hill ein Budget veranschlagt?«

»Ich zahle so viel, wie nötig ist. Wir müssen von Grund auf beginnen. Sie haben doch gesehen, in welchem Zustand Mulberry jetzt ist, oder?«

»Nicht wirklich«, sagte Gloria. »Es stand so lange leer, ich weiß nicht, ob ich seit meiner Kindheit je wieder in dem Haus gewesen bin. Haben Sie sich einen Zeitrahmen überlegt?«

»Natürlich«, sagte Mahoney. »Das Haus muss bis Weihnachten fertig sein.«

»Welches Weihnachten?«, fragte Gloria.

»Kommendes Weihnachten«, sagte Mahoney. »Jetzt ist erst Juni. Wir müssten also genügend Zeit haben. Sobald wir den Rohbau, die Stuckarbeiten, die Verkabelung und Dachdeckerarbeiten hinter uns haben, könnten wir Möbel und so kaufen und die Maler an die Arbeit schicken.«

Gloria kriegte sich nicht mehr ein vor Lachen. »Vielleicht sollte ich Ihnen mitteilen, Mr Mahoney, dass Glorious Interiors nur aus uns beiden besteht. Aus mir und Keeley. Im Augenblick wüsste ich nicht, ob wir ein weiteres Projekt überhaupt annehmen können. Erst recht nicht in diesem Ausmaß.«

»Wie meinen Sie das?«, fragte Mahoney. »Wollen Sie damit sagen, dass Sie den Auftrag nicht übernehmen werden?« Er schüttelte verblüfft den Kopf. »Sie weisen mich gerade ab?«

»Was Sie verlangen, ist unmöglich«, erklärte ich. »Sechs Monate, um ein ganzes Haus zu restaurieren? Selbst ohne andere Aufträge wäre das unmöglich. Man kann ja nicht einfach losziehen und Dinge kaufen, wissen Sie?«

»Warum denn nicht?« Er fuhr sich mit den Fingern durch sein dunkelrotes Haar, so dass die Haarspitzen abstanden. Er brauchte dringend einen neuen Haarschnitt. Heute Morgen trug er ausgewaschene Jeans, Arbeitsschuhe und ein verwaschenes rotes T-Shirt. Er hatte sich nicht rasiert, auf seinem Kinn sprossen überall rotgraue Bartstoppeln. Er wirkte eher wie ein Lastwagenfahrer als ein erfolgreicher Geschäftsmann.

»Weil das so nicht funktioniert«, sagte Gloria sanft. »Wir machen für unsere Kunden vorwiegend Maßarbeit. Schöne Möbel, Stoffe, Wandbekleidungen, dafür braucht man Zeit. Man muss die Dinge bestellen, und manchmal müssen sie maßgefertigt werden. Wenn wir Antiquitäten kaufen, suchen wir nur nach dem Besten. Keeley und ich fahren zu Versteigerungen nach Atlanta, Charlotte, Nashville und New Orleans.«