Liebe Verzweifelt - Viktor Percy - E-Book

Liebe Verzweifelt E-Book

Viktor Percy

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Beschreibung

Ein Mädchen wartet verzweifelt auf die Antwort ihres Leserbriefs, die über Tod und Leben entscheiden soll. Zufall, dass dieser Brief einem Hund vor die Pfoten fällt? Und Zufall, dass dieser Sofa-Wolf gerade eine kleine Leseschwäche hat und Dog statt God liest? Eine Spurensuche beginnt, und der Nicht-mehr-ganz-Rüde Viktor Percy hat fortan keine freie Minute mehr. Er stellt sich den großen Fragen nach Leid und Behinderung, nach Gott und der Welt und taucht dabei auch unerschrocken in Quantenphysik und fernöstliche Religionen ein. Dies alles nur um die richtige Antwort für den alltäglichen Härtefall zu finden. Denn jede 40 Sekunden nimmt sich irgendwo auf der Welt ein Mensch das Leben, und jede Sekunde ist irgendwer todunglücklich. Wird er mit seiner Mission erfolgreich sein und kann er die verzweifelte junge Frau retten?

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Seitenzahl: 116

Veröffentlichungsjahr: 2021

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für Josef

Inhaltsverzeichnis

Geklautes Vorwort

Kapitel: Der Irrtum

Kapitel: Der Brief

Kapitel: Die Schicksalsfrage

Kapitel: Der Tag X

Kapitel: Die Natur

Kapitel: Gut und Böse

Kapitel: Die Wette

Kapitel: Der, die oder das Höchste Eine

Kapitel: Dimensionen

Kapitel: Die Andere Welt

Kapitel: Selbstmord

Kapitel: Die Nase

Kapitel: Was Tun?

Kapitel: Meine Antwort an Verzweifelt

Kapitel: Deine Antwort

Kapitel: Der Elefant

Schreiben Sie Mr. Lonelyhearts

GEKLAUTES VORWORT

»Die Schönheit dieses Buches beruht weniger auf seinem literarischen Stil oder der Menge und Nützlichkeit der Informationen, die es enthält, als vielmehr seiner schlichten Wahrhaftigkeit. Seine Seiten enthalten den Bericht über Vorgänge, die sich tatsächlich ereignet haben. (…) An Gedankentiefe und Kenntnis der menschlichen Natur mögen andere Werke dieses übertreffen; andere Bücher mögen ihm an Originalität und Umfang gleichkommen; was jedoch seine hoffnungslose und unheilbare Wahrheitsliebe angeht, kann sich nichts bisher Entdecktes mit ihm messen. Mehr als alle anderen Reize wird wohl genau dies den Band in den Augen des ernsthaften Lesers kostbar machen und der Lektion, die diese Geschichte vermittelt, zusätzliches Gewicht verleihen.

London, August 1889«1

Noch vor ein paar Monaten wäre ich in höchstem Maß schockiert und verwirrt gewesen, wenn ich Gedanken von mir Wort für Wort in einem anderen Buch, von einer anderen Person, an einem anderen Ort und zu einer anderen Zeit entdeckt hätte.

Inzwischen bin ich mir sicher – und ich schreibe das der gekrümmten Raumzeit oder vielleicht auch meinem Karma zu (siehe Kapitel 10) –, dass ich bei der spaßigen Bootsfahrt auf der Themse mit an Bord gewesen bin und diese Zeilen mein früherer Herr Chen von mir geklaut hat. Aber wie gut ist es doch, ein Vorwort wirklich im Voraus zu schreiben, und fast hätte mich damals, als ich gegen den brodelnden Teekessel kämpfte, dasselbe Schicksal ereilt wie Verzweifelt: ein Leben ohne Nase, nicht auszudenken!

Süß-saure Erinnerungen. Den vielen Regen während meiner Zeit in England habe ich ausgeblendet.

1 aus: Jerome K. Jerome, Drei Mann in einem Boot. Ganz zu schweigen vom Hund!, aus dem Englischen von Gisbert Haefs, Copyright der deutschsprachigen Übersetzung © 2017 Manesse Verlag, Zürich, in der Penguin Random House Verlagsgruppe, München, S. 5 (Original: Three Men in a Boat. To Say nothing of the Dog!, 1889)

1. KAPITEL DER IRRTUM

Da kämpft also ein Mann gegen einen Wal und damit gegen GOTT. Abenteuerliche Geschichte und noch abenteuerlichere Erklärung, aber ich musste vorsichtiger werden. Sie hatte schon Verdacht geschöpft, und meine nächtlichen Ausflüge gestalteten sich zusehends schwieriger.

Bis heute weiß ich nicht, wie es zu dem folgenschweren Fehler hatte kommen können, der mich über Monate nicht nur meine nächtliche Ruhe kosten sollte.

Ich lag wie immer in Frau Chens Arbeitszimmer, wo sie in ihre Bücherberge vertieft war. Es war kurz vor Mittag, Zeit für unseren Spaziergang, und ich war in Gedanken schon draußen auf der Wiese und schnupperte an ein paar Büschen. Frau Chen schien mir heute ganz besonders von ihrer Lektüre gefangen zu sein, und wie ich mir die Bücher so ansah, stellte es mir die Ohren auf und ich war hellwach: Überall las ich DOG! Zugegeben, wir Hunde sind faszinierende Wesen, aber dass Frau Chen jeden Tag stundenlang über uns lesen musste, wie mir erst jetzt schlagartig auffiel, war ein Schock für mich. Ich kam mir vor, als ob ich mit einem Mal, statt in meinem Hundekorb zu liegen, auf dem Seziertisch gelandet wäre. Noch verwirrter wurde ich, als ich die Titel genauer betrachtete: »Der ferne Hund«, »Der Hundewahn«, »Ein Hund oder viele Hunde«, »Hund ist tot« usw. usw. Dem musste ich auf den Grund gehen und so schlich ich also ab sofort in jeder freien Minute ins Arbeitszimmer, um selbst zu lesen.

Die Nächte waren dafür am besten geeignet, doch Frau Chen hatte einen leichten Schlaf und mich schon mehrmals dabei ertappt, wie ich gerade eine Seite umblättern wollte oder ein Buch vom Regal herunter schubste. Das würde mir jetzt noch fehlen, so kurz vor Abschluss meiner Arbeit, dass sie alles – oder schlimmer noch mich! – wegsperren würde. Erst kürzlich hörte ich, wie sie sich mit Herrn Chen darüber unterhielt, dass ich wohl nicht ausgelastet wäre und sie mehr mit mir spielen oder in eine Hundesportgruppe gehen müssten. Ich und nicht ausgelastet! Und die Sorge, dass ich ihre Bücher anknabbern würde, so wie man das oft von zu Tode gelangweilten Hunden hört, die an Tischbeinen nagen und Teppiche kurz und klein schreddern, war einfach nur lächerlich. Ich wurde also immer vorsichtiger und las und las und las.

Zum ersten Mal stutzig wurde ich, als es darum ging, dass HUND die Welt geschaffen habe. Gut, wir sind schnell wie der Wind, aber eben nur wie. Den Wind haben wir dabei doch nicht gemacht! Und während ich noch über die zwei Windhunde nachdachte, denen ich gelegentlich beim Spaziergang über die Felder begegnete, war ich schon beim nächsten Satz, der HUND für eine Erfindung des Menschen hielt: eine Seifenblase, eine Illusion, ein Traumgebilde. Ich fing zu knurren an, so sehr empörte mich das, sah noch einmal hin und da stellte es mir regelrecht die Nackenhaare auf.

Ich hätte mir selbst in den Schwanz beißen können, war sofort auf allen Vieren, schüttelte mich und am meisten meinen Kopf wegen solch einer Blödigkeit: Ich hatte mich die ganze Zeit verlesen, und nun stand schwarz auf weiß GOD vor mir. Als ob ich jemals SARG statt GRAS gelesen hätte, NEBEL statt LEBEN oder SLIP statt PILS! Aber genau das war mir passiert und mit dieser peinlichen Erkenntnis trottete ich erst einmal zum Futtertrog.

Skizzen des Autors. Knurr!, ich bin nicht zufrieden.

2. KAPITEL DER BRIEF

Durch eine kleine Unaufmerksamkeit war ich also in diese Sache geraten und ich hätte am liebsten alles auf sich beruhen lassen, wenn da nicht dieser Brief gewesen wäre:

»Liebe Miss Lonelyhearts,

ich bin jetzt sechzehn Jahre alt und weiß nicht was ich machen soll und wäre froh, wenn Sie mir sagen könnten was ich machen soll. Als ich noch klein war, da ging’s noch, weil ich mich daran gewöhnte, daß die Nachbarskinder sich über mich lustig machten, aber jetzt möchte ich Freunde haben wie die anderen Mädchen auch und am Samstagabend ausgehen, aber keiner will mit mir gehen, da ich von Geburt an keine Nase habe – dabei tanze ich gut, bin gut gewachsen und mein Vater kauft mir hübsche Kleider.

Ich sitze den ganzen Tag da, schaue mich an und weine. Mitten im Gesicht habe ich ein großes Loch, das die Leute abschreckt, sogar mich selber, man kann es den Jungen nicht verdenken, wenn sie nicht mit mir ausgehen wollen. Meine Mutter hat mich gern, aber sie weint furchtbar, wenn sie mich anschaut.

Womit habe ich nur dieses furchtbare Schicksal verdient? Selbst wenn ich manchmal schlecht war, dann jedenfalls nicht bevor ich ein Jahr alt war und ich bin so geboren. Ich habe Papa gefragt, und er sagt, er weiß es nicht. Er meint, vielleicht habe ich in der andern Welt etwas getan, ehe ich geboren wurde, oder vielleicht werde ich für seine Sünden bestraft. Das glaube ich aber nicht, er ist nämlich sehr nett. Soll ich Selbstmord begehen?

Mit bestem Gruß

VERZWEIFELT«2

Vor dem schicksalhaften Tag hätte ich mit der Kleinen einfach nur mitgeweint, aber nun musste eine Antwort her. Verzweifelt wartete und ich, ehrlich gesagt, auch.

Ich war durch meine DOG-GOD-Lektüre infiziert worden und fragte mich nun Dinge, die mir vorher nie in den Sinn gekommen wären: Warum gibt es so viel Leid in der Welt? Steckt dahinter ein Plan? Wäre es vielleicht besser, gar nicht da zu sein?

So in etwa stelle ich mir Verzweifelt vor. Dass ich nicht zeichnen kann, nervt mich gewaltig!

2 aus: Nathanael West, Schreiben Sie Miss Lonelyhearts, Diogenes Verlag, Zürich, 1972, S. 13/14, aus dem Amerikanischen von Fritz Güttinger, Copyright der deutschsprachigen Übersetzung © 1961, 1972 Diogenes Verlag AG Zürich (Original: Miss Lonelyhearts, New York, 1933)

3. KAPITEL DIE SCHICKSALSFRAGE

Miss Lonelyhearts hatte die Segel gestrichen. Sie – genauer gesagt er, denn hinter dieser Briefkasten-Kummertante verbarg sich in Wirklichkeit ein Zeitungsschreiber, wie ich schnell erkannte – war selbst ganz verzweifelt geworden. Er lag nur noch apathisch im Bett, soff und starrte auf das Kreuz an der Wand in seiner ziemlich schäbigen Bude. Von dem Loch im Gesicht abgesehen, hatte er es auch nicht recht viel besser getroffen als Verzweifelt: Täglich überhäuft mit Briefen von Menschen mit großen und kleinen Sorgen, womit er sich seine Brötchen verdienen musste, schleppte er sich durch ein Leben mit nur wenig Freude.

Immer wieder blickte er auf das Kreuz, und genau hier wollte ich ansetzen, denn der GOTT am Kreuz schien mir die meisten Antworten auf die Fragen nach dem Leid parat zu haben. Außerdem war Frau Chens Bibliothek hierzu am besten bestückt, und so nahm ich die Fährte auf. Und wenn wir Hunde in etwas gut sind, dann doch wohl im Aufspüren und sich Festbeißen! Ich wollte Verzweifelt schreiben, aufgeben gibt es nicht!

Ich ging also wieder an die Arbeit, vergaß meinen Lapsus und nahm mir die erste Frage von Verzweifelt vor:

»Womit habe ich dieses furchtbare Schicksal verdient?«

Darüber schien sie selbst schon viel nachgedacht und mit ihren Eltern gesprochen zu haben, denn klar, die Frage, warum sie so ganz anders als die anderen sei und woher dieser schreckliche Defekt rühre, kommt einem natürlich als erstes in den Sinn, wenn alle nur noch schreiend vor einem weglaufen und man sogar selbst den eigenen Anblick kaum aushalten kann:

»Ich sitze den ganzen Tag da, schaue mich an und weine. Mitten im Gesicht habe ich ein großes Loch, das die Leute abschreckt, sogar mich selber.«

Ihr fehlt nur eine Klitzekleinigkeit, die Nase, und schon können die restlichen 99 Prozent perfekt sein – gut gewachsen, tanzt gut, hübsch gekleidet –, aber das Ruder wird nicht mehr herumgerissen. Das eine Prozent bestimmt alles, und das Leben wird zum Trauerspiel. Genauso wäre es ihr wahrscheinlich auch ergangen, wenn sie statt zu wenig zu viel abbekommen hätte und mit zwei Nasen im Gesicht herumlaufen müsste.

Dies nicht einfach zu akzeptieren, wie es bei uns Hunden so üblich ist, scheint den Menschen viel geholfen zu haben. Sie kamen dabei Viren und Bakterien auf die Spur, Gen-Defekten, Vitaminmangel oder giftigen Substanzen, die schlimme Krankheiten auslösen oder zu Missbildungen führen.

Aber Verzweifelt fragte nicht einfach, warum sie keine Nase hat, sondern was sie Schlimmes getan haben soll, um mit einem Loch im Gesicht bestraft zu werden: Auge um Auge, Zahn um Zahn, und hier nun eben Nase um Nase!

Leid als gerechte Strafe für eine begangene Schuld – eine Schuld, die man nicht einmal selbst begangen haben muss, sondern für die man in Sippenhaft genommen werden kann oder die man in einer ganz anderen Sphäre als dem jetzigen Leben auf sich geladen haben soll? Genau in diese Richtung dachte Verzweifelt:

»Selbst wenn ich manchmal schlecht war, dann jedenfalls nicht, bevor ich ein Jahr alt war und ich bin so geboren. Ich habe Papa gefragt und er sagt, er weiß es nicht. Er meint, vielleicht habe ich in der andern Welt etwas getan, ehe ich geboren wurde, oder vielleicht werde ich für seine Sünden bestraft. Das glaube ich aber nicht, er ist nämlich sehr nett.«

So zu denken, war mir bis dahin völlig fremd, und noch weit schwerer fiel es mir, mir vorzustellen, dass ein hartes Leben erträglicher werden soll, wenn man weiß, dass man sich das so verdient hat. Denn hätte Verzweifelt eine überzeugende Antwort auf ihre erste Frage bekommen, wäre es wohl nicht zu ihrer zweiten Frage gekommen:

»Soll ich Selbstmord begehen?«

Ich musste erst einmal an die frische Luft. Die Rechnung, die Verzweifelt hier aufmachte, wühlte mich richtig auf: Minus mal Minus gleich Plus, also schlechte Tat, z. B. vom Vater begangen, mal weitergegebene Strafe an einen selbst ist gleich akzeptables Leid, mit dem man leben kann?

Kein schöner Spaziergang. Die Formel beschäftigte mich gewaltig. So in ungute Gedanken versunken, hatten mich meine Mit-Tiere noch nie erlebt.

4. KAPITEL DER TAG X

Da standen sie nun vor mir, die zwei Übeltäter, nackt, einen Apfel in der Hand und schauten bedröppelt, was sie angerichtet hatten. Diese beiden, die Urururururururururururururururururururururururururururururur urururururururururururururgroßeltern von Verzweifelt sollten an allem schuld sein.

Die Welt war in Ordnung, es herrschte Frieden, es gab alles in Überfluss, denn GOTT hatte die Erde als einen großen Paradiesgarten erschaffen. Wäre da nicht dieser tückische Baum gewesen, der Baum der Erkenntnis von Gut und Böse, von dem das erste Menschenpaar nicht essen sollte. Sie würden sterben, sollten sie nach seinen Früchten greifen.

Ich knurrte schon, als ich die Schlange im Baum entdeckte, und bellte wie verrückt, doch die zwei Ahnungslosen ließen sich nicht abhalten. Statt kehrt zu machen zurück ins Glück, lauschten sie den Versprechungen der Schlange. Sie war aber auch ausgesprochen clever und je mehr sie redete, desto größer wurde auch bei mir der Appetit auf einen dieser unglaublichen Äpfel.

Zunächst einmal stellte sie klar, dass wir uns alle wohl verhört haben mussten: Der gute GOTT könnte uns doch unmöglich all diese Früchte vorenthalten wollen. Stimmt eigentlich, kamen wir ins Grübeln. Außerdem würden wir keinesfalls sterben, wie angedroht, nein, uns würden vielmehr die Augen aufgehen und wir würden wie GOTT wissen, was gut und böse ist. Darunter konnten wir uns bislang noch gar nichts vorstellen, doch die Neugier war geweckt, und seinem Schöpfer und Vorbild nachzueifern, konnte doch nur eine gute Sache sein. Wie war das gleich noch einmal mit dem Verbot?

»Du darfst essen von allen Bäumen im Garten, aber von dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen sollst du nicht essen; denn an dem Tage, da du von ihm issest, mußt du des Todes sterben.« (1. Mose 2,16-17)