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– Es war einmal wunderbares Reiseland. Sein Name? Libyen. – Du meinst wohl: Lybien? – O nein: Libyen. So wie Liebelei. Und ich frage mich ständig: Was hat Libyen nur an sich, dass es die Menschen zur Liebelei verführt? – Na, wenn es schon so heißt ... – Ich weiß nicht recht ... Noch dazu, wo hier drei Menschen betroffen sind, ein Mann und zwei Frauen. – Na klar. Zwei Frauen sind eine zu viel. Nur, wie kann es überhaupt so weit kommen? – Ja, weißt du, auf einer Studienreise durch Libyen erlebt der Reiseleiter eine ausschweifende „Liebelei“ mit zwei Freundinnen. Und beide vergucken sich so heftig in ihn, dass sie ihn einfach nicht mehr „hergeben“ wollen. Diese amouröse Reise stellt nicht nur sein Leben total auf den Kopf. Sie führt ihm auch vor Augen, wie viele Frauen ticken.
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Veröffentlichungsjahr: 2026
Es war einmal ...
Ja, es war einmal ein wunderbares Reiseland voller phantastischer Landschaften und unglaublicher Sehenswürdigkeiten. Sein Name: Libyen.
Seit Libyen nicht mehr als Schurkenstaat gehandelt wurde, begannen Gäste in großer Zahl ins Land zu strömen. Groß war die Neugier auf das „Nordkorea Arabiens“, auf die Wunder der Sahara, auf die reichen, zum Teil unglaublich gut erhaltenen Überreste aus der griechischen und römischen Antike, die man bisher bestenfalls aus Büchern kannte.
Aber nur für acht fette Jahre war es Touristen vergönnt, Libyens Schätze gefahrlos zu bewundern, nämlich von 2003, als Gaddafi zum ersten Mal Touristenvisa ausstellen ließ, bis zum Februar 2011. Damit ist es nach dem schrecklichen Bürgerkrieg und der Ermordung des Langzeittyrannen Gaddafi nun für wer weiß wie viele magere Jahre vorbei. Heute versinkt Libyen im Chaos eines Bürgerkriegs. Und es zerreißt mir das Herz, wenn ich daran denke, wie dieses so interessante Land von einem blutrünstigen und grenzenlos eitlen Tyrannen ins Unglück gestürzt wurde.
Alles begann in der Nacht von Samstag, dem 7., auf Sonntag, den 8. Februar 2004.
Eine Tiroler Reisegruppe unter meiner Leitung, landete von Wien kommend, am Flughafen von Bengasi, der zweitgrößten Stadt Libyens. und wurde von den Zöllnern fast bis auf die Unterhosen gefilzt. Alles wurde ausnahmslos durchleuchtet, auch die Koffer. Schier endlos dauerten die Kontrollen, wohlgemerkt, mitten in der Nacht. Und erst allmählich wurde mir klar, wonach sie suchten: nach dem von Allah und Gaddafi strengstens verbotenen Alkohol.
Nach einer verdammt kurzen Nacht bestiegen wir, begleitet von einem Fremdenführer namens Omar und einem Polizisten, der ungeniert den Reiseleitersitz in Beschlag nahm und uns überallhin begleitete, ohne allerdings jemals das Wort an uns zu richten, einen offensichtlich hochbetagten Reisebus.
In diesem stellte ich meinen Reisegästen erst einmal den Omar vor, der uns auf der gesamten Reise führen sollte, bat sie dann, mich einfach Peter zu nennen, und gab schließlich eine kurze Vorschau auf die heutige Fahrt, ehe ich das Mikrophon an Omar weiterreichte.
Etwa eine Stunde fuhren wir in einer weiten savannenartigen Ebene entlang der Küste in Richtung Osten. Währenddessen tauchte vor uns und rechterhand ein ferner Höhenrücken auf, und Omar erklärte, dies sei das sogenannte Grüne Gebirge – grün, das heißt, mit Buschwerk und niedrigen Bäumen bewachsen und landwirtschaftlich genutzt, weil sich an ihm die feuchten Meereswinde stauen. Und dann entfernten wir uns von der Küste, und unser Bus quälte sich auf kurvenreicher Straße im Schneckentempo mehrere hundert Meter ins Grüne Gebirge hinauf. Dort erwartete uns aber zu unserer Enttäuschung kein Gebirge, sondern wieder eine weite Ebene, nur da und dort unterbrochen durch niedrige Hügel. Im Übrigen sah es hier aus wie in Mitteleuropa im Frühjahr, wenn sich der Winter zurückmeldet. Viele Bäume waren nämlich von Schnee bedeckt.
Nein, das war natürlich kein Schnee, sondern blühende Mandelbäume. Und das war ein wahres Fest fürs Auge. Und als nach einiger Zeit die Hügel häufiger und höher wurden, erfreuten zahllose Weinterrassen unsere Augen. Nur trugen sie gar keine Weinstöcke. Sie waren völlig verwildert. Sie stammen, laut Omar, von den italienischen Siedlern. Vereinzelte Weinberge gebe es noch. Aber die Trauben würden „selbstverständlich“ zu Rosinen verarbeitet.
Und dann durften wir endlich aussteigen und unsere ersten Sehenswürdigkeiten bewundern. Das waren zunächst die kärglichen Überreste zweier spätrömischer Kirchen und eines kleinen Museums mit Mosaiken, die diese einst verschönert hatten. Bald danach zuckelten wir im Schritttempo durch eine spektakuläre Felsschlucht zum Meer hinab, um das kleine Museum und die Ruinen der griechischen Stadt Ptolemais zu besichtigen. Offenbar waren die Bremsen nicht mehr ganz verlässlich.
Nun, das Museum war für mich kein Problem. Aber ich wusste nicht, wo es anschließend zu den Ausgrabungen ging. Ich hatte nichts dergleichen erspäht. Und in meinem Führer hatte ich zwar einen schönen Plan von den Ausgrabungen; aber weder war das Museum eingezeichnet noch der Weg, den der Besucher einzuschlagen hat. Und Omar war plötzlich wie vom Erdboden verschluckt.
Also musste ich raten und folgte meiner Nase. Auf einem kaum erkennbaren Trampelpfad führte ich auf gut Glück, wie der Rattenfänger von Hameln, meine Reisegäste entweder in die Irre oder zu den Ausgrabungen. Es dauerte nicht lange, da war ich, wie schon während der ersten Besichtigung, von einem charmanten Damenflor umringt, genauer, von zwei jungen Damen, die mich ob meiner Vorträge und Erklärungen mit Lobeshymnen überhäuften und dadurch ein wenig von meiner Sorge um den richtigen Weg ablenkten.
Übrigens, der Weg war doch richtig. Meine Nase hatte mich richtig beraten.
Das Ausgrabungsgebiet erwies sich als riesig.
„Und doch“, erklärte ich, „ist erst ein winziger Teil von Ptolemais ausgegraben. Wir müssen uns daher mit einem kleinen Rundgang begnügen. Jetzt wird’s ja schon bald finster. Wobei der Ausdruck Rundgang vielleicht nicht ganz zutreffend ist. Denn sämtliche Straßen bilden, soweit die Archäologen bisher festgestellt haben, ein Netz aus lauter schnurgeraden und sich in rechtem Winkel schneidenden Linien wie in Barcelona und New York. Die Hauptstraßen sind von Gehsteigen begleitet, und diese sind, zumindest hier, von Säulenhallen überdacht, auch wenn wir uns das heute gar nicht mehr vorstellen können, weil die Trümmer wie Kraut und Rüben durcheinander liegen.“
Als wir ins Hotel zurückkamen, war’s längst finster. Aber ein Abendessen bekamen wir noch. Satt wurde ich zwar nicht. Aber daran war ich selber schuld. Mein Gaumen ist halt skandalös heikel. Und es wäre den Schicksalsgöttern gegenüber höchst undankbar gewesen, mich zu beklagen.
Als ich nämlich wie üblich zu spät kam (bekanntlich das ständige Los eines Reiseleiters), war für mich ein Platz schon reserviert, noch dazu ein besonders schöner, nämlich der zwischen den erwähnten zwei jungen Damen. Und sie versüßten mir nicht nur das Festmahl mit ihrem süßen Geplauder. Sie sorgten sich sogar um mich wie überängstliche Mütter um ihre Kinder, die ihrer Ansicht nach zu wenig essen, und äußerten die Befürchtung, ich könnte verhungern. Aber ich erklärte ihnen, so schnell verhungere man nicht; die Gefahr des Verdurstens sei bei weitem größer, und begann sie meinerseits mit Lobeshymnen zu überhäufen, weil ich mich durch ihre Fürsorge geehrt und geschmeichelt fühlte. Zugleich drängte es mich, mit ihnen Bruderschaft zu trinken.
Was gab es überhaupt Köstliches zu trinken? Nun ja: Wasser. Und importiertes alkoholfreies Bier. Aber dagegen sträubte sich in mir alles.
Und als hätten die zwei Hübschen meine Gedanken lesen können, hob die eine ihr Wasserglas und sagte: „Prost, Herr Reiseleiter! Ich bin die Eva.“ Danach hob die andere ihr Wasserglas und sagte: „Prost! Ich bin die Christa.“ Und dazu lachten sich die beiden tot.
Überrascht und gerührt, hob ich mein Wasserglas und sagte: „Prost, die Damen! Ich bin der Peter. Aber geht das überhaupt, ohne Bruderschaft zu trinken?“
Und Eva: „Ja, wirklich wahr. Was tut man in einem Land wie Libyen, wenn man nicht einmal Bruderschaft trinken darf?“
Und Christa: „Ah, ich wüsste schon was. Wartet es nur ab.“
Kann man mit Wasser Bruderschaft trinken?
Nein, natürlich nicht. So dachten wir anfangs. Doch unsere Fröhlichkeit stieg allmählich in ungeahnte Höhen, sodass wir immer mehr neidische Blicke ernteten. Und schließlich war der Punkt erreicht, an dem es ganz selbstverständlich erschien, mit Wasser Bruderschaft zu trinken. Und der Lohn der guten Tat? Zwei süße Küsse: einer von Christa und einer von Eva.
Worauf ich kichernd sagte: „Und jetzt gehen wir an die Bar, einen heben. Ja?“
„Ja, noch ein Gläschen Wasser“, erwiderte Eva und prustete vor Lachen.
Christa prustete nicht, sondern sagte mit gewichtiger Miene: „Ich weiß schon, was wir jetzt machen. Wir gehen zu uns und füttern den Herrn Reiseleiter mit Schokolade, damit er uns nicht verhungert.“
„Oh, das wäre aber supernett“, sagte ich, ehrlich begeistert von der Aussicht auf weitere Nahrungszufuhr.
Also „hoben wir die Tafel auf“ und begaben uns in ihr Zimmer. Dort angekommen, verschwand Christa als Erstes im Bad, und ich blieb mit Eva allein zurück. Diese Gelegenheit nutzte ich sofort aus, um ihr, vom Übermut beflügelt, vorzuschwärmen, wie süß ihr Bruderschaftskuss gewesen sei, und wie schade es doch sei, dass man einen solchen nicht wiederholen kann.
„Wer sagt, dass man ihn nicht wiederholen kann?“, erwiderte sie, schelmisch grinsend, trat auf mich zu und drückte mir einen zweiten Bruderschaftskuss auf die Lippen. Und der war so süß, dass mich der Übermut vollends überwältigte. Ich schlang meine Arme um sie und erwiderte ihren Kuss und spürte im nächsten Moment ihre Zunge in meinem Mund und begrüßte diese mit meiner Zunge und merkte nicht, dass inzwischen Christa aus dem Bad herausgetreten war und mit rotglühenden Wangen wie erstarrt in der Türe stehen blieb.
Aber Eva merkte es. Sie löste sich zu meinem leisen Bedauern von mir und war ebenfalls erstarrt. Ich war selbst erstarrt, aber nicht durch Christas plötzliches Erscheinen, sondern durch geheimnisvolle Schwingungen, die Evas Kuss in meinem Innern ausgelöst hatte.
Christa erwachte als Erste aus ihrer Erstarrung. Sie lachte hell auf und sagte: „Na, das ist aber schnell gegangen.“
Eva erwachte als Nächste und begann ebenfalls zu lachen. „Wir haben doch nur den Bruderschaftskuss wiederholt.“
Und ich: „Ja, ich hab nämlich so bedauert, dass man ihn nicht wiederholen kann.“
Und Christa, noch immer lachend: „Und da hat dir die Eva das Gegenteil bewiesen, ja?“ Und zu Eva gewandt und mit dem Kopf in Richtung Bad deutend: „Wolltest du nicht auch schon längst ...“
Diese verstand den Wink mit dem Zaunpfahl und trollte sich ergeben ins Bad. Doch im selben Augenblick legte sich Christas Heiterkeit. Mit ernster Miene murmelte sie: „Aber willst du das überhaupt? Jetzt hat dich ja schon die Eva ...“
„Aber dein Bruderschaftskuss war noch viel süßer.“
„Wirklich? Dann wäre dir das also nicht unangenehm?“
„Unangenehm? Du scherzt.“
Nun leuchteten ihre Augen auf, und sie trat an mich heran, und ich trat an sie heran, und wir umarmten uns voller Andacht, und unsere Lippen, unsere Zungen vereinigten sich zu einem unbeschreiblich süßen Kuss. Er schweißte unsere Lippen und unsere Zungen zusammen, verwirrte unsere Sinne. Und sogleich lösten (wie Homer sagen würde) die Knie sich uns und das liebe Herz, und wir merkten nicht, dass Eva längst wieder aus dem Bad herausgetreten war und uns amüsiert (oder neidvoll) zuschaute. Wir merkten es erst, als plötzliches Händeklatschen unsere Andacht störte. Da beendeten wir sie mit vielem Bedauern und starrten Eva an, und meine Augen sahen sie und sahen sie nicht. Denn meine Sinne waren noch ganz erfüllt von Christas Kuss und Christas Umarmung, und die geheimnisvollen Schwingungen, die Evas Kuss in mir ausgelöst hatte, waren geradezu unbedeutend im Vergleich zu den Schwingungen, die jetzt meinen ganzen Körper erfüllten.
Wie aus weiter Ferne hörte ich Evas Stimme: „Jetzt hab ich geglaubt, du willst unseren Herrn Reiseleiter mit Schokolade füttern, damit er uns nicht verhungert?“
„Ja, ja“, hörte ich Christa stammeln. „Ja, selbstverständlich. Wie kann man nur ...“
Sie warf mir einen flammenden Blick zu, stürzte sich eilfertig auf ihren Koffer, wühlte ein Weilchen darin herum und hielt schließlich triumphierend eine Tafel Schokolade in die Höhe. Und damit begann sie mich nun liebevoll zu füttern.
Montag, 9. Februar 2004. Der zweite Tag in Libyen.
Wieder verließen wir Bengasi in Richtung Osten, und wieder durchquerten wir das Grüne Gebirge, heute freilich noch weiter als gestern. Diese Gelegenheit nutzte Omar, um über die Geschichte Libyens zu referieren.
Diese besteht laut Omar in erster Linie aus dem heroischen Abwehrkampf gegen die Italiener, die das Land den Türken entrissen und kolonisiert haben, übrigens mit der Begründung, Nordafrika habe schon vor zwei Jahrtausenden zu Rom gehört und unter dessen Obhut geblüht, während die Türken die Region hatten verkommen lassen. (Diese zwei Behauptungen entsprechen in der Tat der geschichtlichen Wahrheit.)
