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"Lieben, glauben und hoffen..." handelt vom Leben zweier junger Frauen: der Ukrainerin Ljuba und der Deutschen Gerda, die im Zweiten Weltkrieg auf entgegengesetzten Seiten der Front lebten. Beide Frauen wurden im Jahr 1925 geboren. Sie und ihre Familien — und natürlich auch die von ihnen geliebten jungen Männer — wurden durch die Kriegszeit schwer gezeichnet. Das Schicksal zwang die Frauen zu hassen und zu lieben. Durch ihre Beziehungen entstand ein Band zu ihrem Gegner, ein Band, das von den damaligen Gesellschaften verurteilt wurde. Im Jahr 2001 sucht eine russlanddeutsche Familie nach einer neuen Wohnung in Berlin. Zum Glück — oder ist es eine Ironie des Schicksals? — finden sie eine Traumwohnung. Nach ein paar Monaten erfährt Vera Braun, die 1942 in der Ukraine geboren wurde, dass sie das uneheliche Kind eines deutschen Wehrmachtsoffiziers ist ... und ihre Vermieterin Gerda Mai ihre Tante ...
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Seitenzahl: 206
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Natalia Stuphorn
Lieben, glauben und hoffen...
Roman
mit Gedichten von Norma Escobedo de Driever und Illustrationen von
„Lieben, glauben und hoffen...“ handelt vom Leben zweier junger Frauen: der Ukrainerin Ljuba und der Deutschen Gerda, die im Zweiten Weltkrieg auf entgegengesetzten Seiten der Front lebten. Beide Frauen wurden im Jahr 1925 geboren. Sie und ihre Familien - und natürlich auch die von ihnen geliebten jungen Männer - wurden durch die Kriegszeit schwer gezeichnet. Das Schicksal zwang die Frauen zu hassen und zu lieben. Durch ihre Beziehungen entstand ein Band zu ihrem Gegner, ein Band, das von den damaligen Gesellschaften verurteilt wurde.
Im Jahr 2001 sucht eine russlanddeutsche Familie nach einer neuen Wohnung in Berlin. Zum Glück - oder ist es eine Ironie des Schicksals? - finden sie eine Traumwohnung. Nach ein paar Monaten erfährt Vera Braun, die 1942 in der Ukraine geboren wurde, dass sie das uneheliche Kind eines deutschen Wehrmachtsoffiziers ist... und ihre Vermieterin Gerda Mai ihre Tante...
Copyright (c) 2014 Natalia Stuphorn Landsberger Allee 171c, 10369 Berlin
Die Gedichte: Betrachtungen der Poesie, Die Trauer meiner Verse, Blaue Nacht, Liebesfeuer und Sinnlichkeit des Wortes gehören der Autorin Norma Escobedo de Driever aus ihrem Gedichtband „Mujer y Poesía/Frau und Poesie“ Editionen Trilce, Berlin 2007. Die Gedichte wurden mit freundlicher Genehmigung im Rahmen dieser Geschichte verwendet.
Alle Figuren (Personen) und Geschehnisse dieses Romans sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit zu realen Personen oder Ereignissen aus der Vergangenheit oder Gegenwart ist rein zufällig.
Lektorat: Hannelore Völker, Berlin Verlag: epubli GmbH, Berlin, www.epubli.de ISBN: 978-3-8442-9101-8
Das Leben halte in deiner Hand! Jeder Mensch wählt eigene Wege. Der mutige Geist ist glücklich im Land Die Schwächeren sterben.
so dichtete Ljuba im Literaturunterricht in der Schule, als die Biographie und das Schaffen von A.S. Puschkin auf dem Stundenplan standen.
Diese Worte spiegelten Ljubas lebenslange Überzeugung wieder.
Obwohl es ihr Prinzip war, nur sich selbst zu vertrauen, glaubte sie im weitesten Sinne, in der Tiefe ihrer Seele, doch an einen Gott.
Diesen Glauben, genauer gesagt, diese kleine Hoffnung auf Gott hatte Ljuba von ihrer Großmutter, die sie zum Gottesdienst mitnahm. Das änderte sich aber, als sie in die Schule kam.
Nach dem nächtlichen Gewitter war der Sonntagmorgen besonders feierlich. Die Herbstsonne schien hell und die Pfützen, die sich in den Löchern der unbefestigten Straße gebildet hatten, reflektierten ihre Strahlen. Ein Mädchen, ungefähr drei Jahre alt, ging vorsichtig um die Pfützen herum, um seine Schuhe sauber zu halten. Es trug einen roten Mantel und auf dem Kopf saß eine gestrickte Mütze in Form eines Baretts.
Neben dem Mädchen ging eine Frau im grauen Mantel und mit einem Kopftuch aus Wolle. Sie mochte Mitte vierzig sein und grüßte freundlich jeden Menschen, an dem sie vorbeigingen. Scheinbar gab es im Dorf niemanden, den Agafia Petrowna nicht kannte. Sie kamen langsam, ohne Eile, zu der Kirche aus weißem Stein, geschmückt mit goldenen zwiebelförmigen Türmen. Die Glocken läuteten. Sie riefen die Gläubigen zum Gottesdienst.
Agafia Petrowna blieb vor dem Eingang der Kirche stehen und bekreuzigte sich. Das kleine Mädchen neben ihr machte ihre Bewegungen ganz genau nach. Anschließend gingen beide die Stufen hoch und betraten das Gotteshaus.
Wie zauberhaft war es in der Kirche! Besonders bewunderte das Kind die leuchtenden Kerzen und Öllampen. Große Ikonen in goldenen Rahmen glänzten wie im Sonnenschein. Das schillernde Funkeln begeisterte ihre Seele! Die kleine Nase sog den Geruch von Weihrauch ein und die Psalmen umschmeichelten ihre Ohren.
Sie lauschte den Gebeten, während sie auf der Bank an der Wand saß und dabei mit besonderem Vergnügen die Süßigkeiten kaute, die sie von den neben ihr sitzenden alten Frauen bekam. So wie es in der orthodoxen Kirche üblich ist, dauerte der Gottesdienst drei Stunden. Natürlich war das dem kleinen Ljubchen zu viel, so lange konnte sie nicht stehen. Darum hatte sie sich ziemlich schnell einen freien Platz zwischen alten Menschen und schwangeren Frauen gesucht, für die die Bänke in der Kirche aufgestellt waren. Diese Bilder blieben ihr das ganze Leben lang in Erinnerung.
Als die dreißiger Jahre kamen, zog Ljuba zusammen mit ihren Eltern aus dem Dorf in die Nachbarstadt. Dort wurde sie auch eingeschult. Im September 1939 marschierte die Rote Armee ein und befreite den westlichen Teil der Ukraine von den polnischen Imperialisten. Direkt danach wurde eine sowjetische Regierung eingesetzt.
Ljuba war inzwischen 14 Jahre alt und in der Schule wurde ihr gesagt, dass die Religion „Opium für das Volk“ sei. Die Menschen müssten ihr Leben selbst in die Hand nehmen und nicht auf Gott und den Himmel hoffen.
Voller Überzeugung band Ljuba stolz ihr rotes Halstuch um – ihren Teil der roten Fahne. Sie trug ihr Pionierhalstuch überall, auch außerhalb der Schule vertrat sie ihre Meinung über die siegreiche Zukunft des Kommunismus. Sogar als sie in den Sommerferien zu ihrer Großmutter fuhr, wurde dieser Talisman, ihr rotes Halstuch, unter den Spitzenkragen des Sommerkleides gebunden.
„Gott sei Dank, dass du da bist!“, freute sich ihre Großmutter, als sie ankam, „Wie war es unterwegs, Ljubchen?“
„Gut, Oma! Aber wegen Gott“, Ljuba überlegte einen Augenblick, „dem brauchst du nicht zu danken. Es gibt keinen Gott! Das habe ich in der Schule gelernt. Du solltest doch wissen, dass der Mensch vom Affen abstammt. Man muss an sich selbst glauben“, Ljuba holte Luft, „und natürlich an Genosse Stalin! Ich bin Pionier und morgen am Sonntag gehe ich nicht mit dir in die Kirche. Das ist nichts für mich.“
Die Großmutter schaute auf Ljubas rotes Halstuch und schüttelte betrübt ihren Kopf. „Oh, Ljubchen, wir haben keine Kirche mehr“, Oma Petrowna sprach leise und zeigte mit ihrer Hand zur Seite, „schau mal, da!“ Ljuba blickte in Richtung der Kirche, konnte aber am Gebäude nichts Besonderes erkennen.
Erst später sah sie, dass kein Kreuz auf dem Turm war. Das überraschte Ljuba.
„Wir haben keine Kirche mehr, heute ist dort die Mühle.“ Die betagte Frau sprach jetzt noch leiser und mit dem Blick auf das Gotteshaus. Dann sah Ljuba, dass am Eingang der Kirche viele Säcke mit Korn aufgestapelt waren. Das Mädchen war neugierig geworden und lief schnell die Stufen zur geöffneten Tür hoch. Aus der früheren Kirche war die ganze Einrichtung bereits weggeräumt. Nur undeutlich konnte man durch den Mehlstaub noch an den Wänden die Gemälde der Heiligen erkennen. Ljuba wollte zur Ecke gehen, wo früher ihre Bank gestanden hatte.
„Na, du Pionier, was machst du hier? Besuchst du deine Oma?“, fragte ein großer Mann mit Akne im Gesicht.
Er sprach sie so überraschend an, dass Ljuba zur Wand zurückwich. Mit ihrem Fuß trat sie auf ein kleines Stück Leinwand, das von einer zerstörten Ikone auf dem Fußboden liegen geblieben war. Verängstigt durch das plötzliche Erscheinen des fremden Mannes hob sie den Fetzen schnell auf und sprang flink durch die geöffnete Tür hinaus.
Oma Petrowna sagte, dass der Mann Onkel Bogdan, der Kolchosvorsitzende sei und sie keine Angst vor ihm zu haben brauche. Er wäre gut und hilfsbereit. Onkel Bogdan versuche sogar den Leuten aus der Stadt zu erklären, dass man die Ikonen in Museen noch benötigen würde. Aber nein, alles wurde ins große Feuer geworfen. Und den Priester, Pater Dimitrij, den haben sie hinter dem Zaun zum Kirchhof erschossen.
Ljuba wischte den Staub von der Leinwand. Auf dem Fragment sah sie in die großen, unvergesslichen Augen eines Mädchens. „Die heilige Vera!“, flüsterte Ljuba. Es war ein Stück von ihrer Lieblingsikone, auf der die drei heiligen Mädchen dargestellt waren:
Vera, Nadeschda und Ljubov.
Früher, als Ljuba noch sehr klein war, war sie sehr stolz darauf, dass es auf dieser Ikone drei schöne Mädchen gab, aber das schönste von ihnen war das jüngste: Ljubov. Den vollen Namen konnte Ljuba damals noch nicht aussprechen, darum zeigte sie mit ihrem Fingerchen darauf und sprach: „Ljuba... Ich bin auch Ljuba!“
Nun hielt sie den Rest mit der Abbildung von Vera in den Händen. Vera, das bedeutet Glauben.
Ljuba fragte sich, ob sie wirklich an sich selbst glauben würde. Sie war doch Pionier, oder glaubte sie tief im Innern doch an Gott? Ihre Gefühle waren zwiespältig und insgeheim spürte sie, dass der Allmächtige das Dorf für die entweihte Kirche bestrafen würde.
Die ersten Jahre, in denen der Sozialismus aufgebaut wurde, waren für alle sehr schwer. Trotzdem konnten sich die Menschen nicht vorstellen, dass dieser Wandel nicht von Dauer sein sollte und schon gar nicht, dass in der Nacht zum 22. Juni 1941 deutsche Divisionen ohne Kriegserklärung auf breiter Front von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer in die Sowjetunion einmarschieren würden. Tausende Panzer, Artilleriegeschütze und Millionen Soldaten überrannten mit großer Unterstützung der Luftwaffe die Grenze der UdSSR. Viele Grenzsoldaten der Roten Armee versuchten vergeblich ihre Posten dem Feind nicht preiszugeben und ergaben sich somit ihrem Schicksal: entweder Tod, oder Einkesselung. Die deutschen Panzer umfuhren zielstrebig stark bewaffnete Orte, um möglichst schnell strategisch wichtige Punkte einzunehmen und auch Versorgungslinien der Roten Armee zu unterbrechen. Der Plan ging auf und viele Divisionen der Roten Armee verloren dramatisch an Stärke. Tausende Flugzeuge der Luftwaffe bombardierten die großen, strategisch bedeutenden Städte, darunter war auch die sehr schöne, historische Stadt Kiew - die Hauptstadt der Ukrainischen Sowjetrepublik.
Ljuba wurde von einem ungewohnten Brummen in der Luft wach. In der Ferne hörte sie es donnern, als ob ein Gewitter aufziehen würde. Trotzdem konnte sich die junge Frau nicht vorstellen, was vor sich ging. Draußen war es schon hell, durch die zugezogenen Gardinen schienen die ersten Sonnenstrahlen. Als sie die Vorhänge zu Seite zog, strahlte ihr ein wundervoller Morgen entgegen. Von Regen oder Gewitter war weit und breit keine Spur. Ljuba schaute aus dem Fenster. Die Menschen, die draußen auf der Straße unterwegs waren, hatten es sehr eilig. Sie wunderte sich, dass an einem Sonntagmorgen so viele Soldaten und Offiziere auf der Straße waren. Immer wieder hörte man laute Befehle. Fast schien es, dass sich die Armee aus ihrer Stadt zurückziehen würde.
Nina, Ljubas Mutter, stürzte ins Zimmer: „Töchterchen, es ist Krieg! Die Deutschen haben uns überfallen!“
Mit Augen voller Verzweiflung schaute sie ihre Tochter an und suchte ihre Unterstützung: „Was sollen wir bloß machen? Dein Vater ist gestern nach Kiew gefahren, um sich die Eröffnung des neuen Fußballstadions und das Spiel von Dynamo Kiew anzuschauen. Er und sein „historisches Ereignis“. Und wir, was sollen wir jetzt machen? Wir bräuchten ihn doch hier, aber statt dessen ist jetzt alles ungewiss. Was ist nur mit ihm und was wird aus uns?“ Nina setzte sich auf die Kante von Ljubas Bett. Sie war so verängstigt, dass ihre Knie zitterten und sie nicht mehr stehen konnte.
„Mama, es wird schon gut gehen, bleib ruhig. Vielleicht sind die Deutschen nicht so schlecht, wie du denkst. Und Vater kommt bestimmt zurück, du wirst es sehen. Er lässt uns nicht allein“, Ljuba umarmte ihre Mutter fest.
Ljubas Mutter Nina sah sehr jung aus. Sie trug ein leichtes Kleid aus Seide mit kleinen Tupfen und eine dünne Strickjacke, die nur mit drei Knöpfen geschlossen war. Nina war schon fünfunddreißig Jahre alt, aber Mutter und Tochter konnten auch für Geschwister gehalten werden, so ähnlich sahen sie sich. Bekannte sagten oft, dass Ljuba eine Kopie ihrer Mutter sei. Aber anders als ihre Tochter trug Nina keine Zöpfe mehr. Als Stadtfrau wollte sie lieber einen modischen Haarschnitt. Sie arbeitete als Lehrerin in einer Grundschule und hatte jetzt gerade Sommerferien.
Nina trat ans Fenster: „Siehst du, Ljuba, die Rote Armee zieht aus der Stadt ab. Sie ist sogar so in Eile, dass die Offiziersfamilien nicht mitkommen dürfen. Ich habe es selbst gesehen, in der Sowjetskaja Straße, wo sie wohnten, weinten die Frauen und Kinder beim Abschied.“
Die Kreisstadt, in der Ljubas Familie wohnte, wurde ohne Kampf aufgegeben. Die vielen Männer, die noch nicht zum Militär einberufen waren, blieben im Ort. Schon am nächsten Tag rollten über die mit Steinen gepflasterten Straßen die Motorräder und Lastwagen mit Soldaten der deutschen Armee. Am Rathaus, wo vor nur zwei Jahren die Rote Fahne mit Symbolen von Hammer und Sichel in der oberen linken Ecke den Platz gefunden hatte, an genau dieser Stelle hing jetzt eine andere rote Fahne. Nur in der Mitte sah man einen weißen Kreis, der ein schwarzes Hakenkreuz umrahmte.
In den folgenden drei Monaten unter der neuen Herrschaft veränderte sich in der Stadt alles. Gesetze wurden durch neue, völlig gegensätzliche ausgetauscht. Der Versuch der ukrainischen Nationalisten an die Macht zu kommen, scheiterte. Die Bewohner teilten ihre Nachbarn ganz öffentlich nach ihrer Nationalität in Gruppen ein und nicht nur hinter dem Rücken, wie es früher manchmal vorgekommen war.
„Polacken, Juden und Moskowiten sind deine Feinde“, las Ljuba auf einem Plakat.
„Was soll das? Das kann doch nicht wahr sein! Was für ein Irrsinn! Lech Krasuzki ist ein Pole, Ella Katz eine Jüdin und Nina Iwanowa eine Russin. Sind sie nicht mehr meine Freunde?“ Ljuba dachte über den Spruch auf dem Plakat nach.
Hier und da hörte man immer wieder ein neues deutsches Wort: Blitzkrieg - womit ein sehr schneller Krieg gemeint war. Schon nach ein paar Wochen hatte die deutsche Armee Kiew eingenommen. Überall sprach man davon, dass dies die Strafe des Himmels sei und dass die Deutschen bis nach Moskau marschieren würden...
Ende September, als Ljuba und Nina fast schon alle Hoffnung nach Stepan verloren hatten, klopfte er an die Tür. Die Wiedersehensfreude nahm kein Ende. Er hatte stark abgenommen und nach seinem langen Fußmarsch fast keine Kraft mehr. Als Augenzeuge hatte er den Kampf um Kiew miterlebt. Über den Sonntag, den 22. Juni erzählte er, selbst als am frühen Morgen die ersten Bomben auf die Stadt fielen, wollte keiner wahrhaben, dass ein Krieg begonnen hatte. Das Fußballspiel wurde erst eine Stunde vor Beginn abgesagt und auf den folgenden Tag verlegt. Als dann der Spuk immer noch nicht vorbei war, wurde es auf unbefristete Zeit nach dem Sieg verschoben. Außer Stepan haben nur sehr wenige ihre Eintrittskarten an die Kasse zurückgegeben. Alle hatten die Hoffnung, dass dieser Krieg sich als Missverständnis herausstellt und nicht lange dauern wird. Keiner konnte sich vorstellen, dass dieser Krieg jeden persönlich betreffen würde.
Aus den Nachrichten erfuhr Stepan, dass das Gebiet, in dem seine Familie geblieben war, bereits besetzt ist. Er hatte keine Möglichkeit mehr, zurück nach Hause zu kommen. Erst als auch Kiew von den Deutschen genommen wurde, konnte Stepan endlich wieder zurückgehen.
Auf dem Rückweg, zu Fuß, sah Stepan überall die Spuren des Krieges.
Als er unterwegs war, begann zunächst ein leichter Regen, der immer kräftiger wurde. Stepan sah einen zerstörten sowjetischen Panzer und ihm kam die Idee, dass er vielleicht darin übernachten könnte. Als er sich dem Panzer näherte, sah Stepan die verbrannte Leiche des Fahrers. Er war nur halb aus der Maschine herausgekommen. Innen war es noch schlimmer, denn dort lagen noch weitere Tote. Stepan kroch unter den Panzer und schlief dort fest, um weitere Kräfte für den langen Weg nach Hause zu sammeln.
Sein Weg war sehr gefährlich. Nachts ging er über Felder und Auen, oder wenn sich am Tage die Möglichkeit bot, fuhr er mit jemandem zusammen auf irgend einem Pferdewagen. Ein Fremder, der alleine unterwegs war, konnte schnell verhaftet werden und ein Verhör bei der einheimischen Polizei wollte Stepan auf keinen Fall.
In der Vergangenheit war Stepan Trainer einer Fußballjugendmannschaft. Seit einem Jahr arbeitete er für die Bezirksmiliz, deshalb wusste er, was ihn erwarten konnte. Tagsüber fühlte sich Stepan wesentlich sicherer im Wald. Er konnte sich dort unter den Bäumen oder in Sträuchern hinter Zweigen und Blättern verstecken. Zu trinken gab es Wasser aus einem Bach oder aus kleinen Flüssen. Essen zu finden war ein wenig schwieriger. Aber auch hier hatte der Monat September reichlich für den Wanderer gesorgt. Manche Felder waren noch nicht abgeerntet oder es gab noch Erntereste zu finden. Für eine Person reichte es allemal. Manchmal konnte Stepan etwas eintauschen gegen Brot und andere Lebensmittel. Das Geld war schon längst ausgegeben.
Einmal im Feld sah Stepan etwas besonders Schreckliches. Es war der Rest eines kleinen Zigeunerlagers, das von deutschen Panzern überrollt und vernichtet worden war. Als er die Reste der Zigeunerwagen untersuchte, fand Stepan darin noch Lebensmittel. Die Toten hatten auch noch etwas Geld in den Taschen. Sein Gewissen erlaubte es ihm aber nicht, den Leichen Geld und Lebensmittel einfach so wegzunehmen. Als er eine Schaufel gefunden hatte, begrub er als Gegenleistung die Körper. Die meisten von Ihnen waren Kinder.
Als Nina Stepans Geschichte hörte, sagte sie ihm: „Ja, Stepan. Bei uns hier haben Juden und Zigeuner, egal ob sesshaft oder nomadisch, alle Rechte verloren. Oft werden sie selbst von Nachbarn verraten. Sara Gotlieb, die Frau deines Kollegen, hat zwei Deutsche erschossen und sich selbst getötet. Danach wurden alle Kommunisten, Juden und Zigeuner, die an dem Tag festgenommen wurden, am Stadtrand hingerichtet.“
Ljuba hörte ihrem Vater nicht wirklich zu. Immer wieder suchte sie die Möglichkeit, ihm über ihre eigenen Erfahrungen zu berichten: „Vater, und bei uns hier...“ Aber die Mutter unterbrach sie sofort: „Was ist denn? Hör mal dem Vater zu! Du darfst erst danach etwas sagen!“ Und so lief es ein paar Mal.
Als Stepan zu Ende gesprochen hatte, erzählte Nina ihm von den Veränderungen in der Stadt: „Wir haben hier eine neue Verwaltung. Die Stadtadministration besteht aus dem deutschen Kommandanten und einem Bürgermeister. Ukrainische Nationalisten, die in den Untergrund gegangen waren, begrüßten in der Stadtmitte die Deutschen mit Blumen. Heute arbeiten sie mit den Okkupanten zusammen. Aber man sieht schon, auch wenn sie jetzt noch gemeinsame Ziele haben, später werden sie unterschiedliche Wege gehen. Ihre Interessen sind einfach zu verschieden.“
Nina machte eine kurze Pause und sprach dann weiter: „Deine Stelle bei der Miliz bekam ein Nationalist, der ein Anhänger von Bandera ist. Er fragte mich sehr oft nach dir, und dass ich dir sagen soll, dass du dich bei ihm melden musst, wenn du zu Hause bist. Ich glaube, wir sollten nicht in der Stadt bleiben. Wer weiß, hier ist alles ungewiss!“
Stepan nickte. Danach blickte er Ljuba an. Seine Sorgen wollte er sich aber nicht anmerken lassen. Darum fragte er sie mit einem freundlichen Lächeln: „Na, was willst du mir Neues erzählen?“
„Das neue Schuljahr hat begonnen und die Kinder gehen wieder zur Grundschule. Mama arbeitet dort. Aus Polen kam ein Pfarrer, der die Kirche wieder eröffnet hat, aber da gehen nur alte Leute hin. Im Kino zeigen sie deutsche Filme, aber die Eintrittskarten sind viel zu teuer. Zum größten Teil gehen darum nur Deutsche hin. Ach ja, es wurde auch ein Puff für Deutsche eröffnet. Hundert hübsche Frauen haben sie eingeladen, die Leute sagen, dass mehr als dreihundert kamen.“
Der ehemalige Milizionär pfiff: „Oh, dass wundert mich nicht!“, und lächelte ironisch, „Schöne Weiber gab es bei uns schon immer!“
„Ja, noch was. Sie bieten Jugendlichen an, nach Deutschland zu gehen, um zu arbeiten. Dort kann man Geld verdienen und Karriere machen. Vater, kann ich in Deutschland studieren?“
„An der Hochschule? Was möchtest du werden?“
„Dolmetscherin. Ich denke, das ist heute wichtig. Oder Deutschlehrerin, um in der Schule zu unterrichten.“
„Gehst du zur Schule?“
„Im Moment ist die Schule noch zu. Sie ist jetzt ein Hospital. Ich spüle Geschirr dort.“
So verging eine Woche. Das Leben in der Stadt wurde immer schlechter. Stepan bekam seine Stelle nicht zurück. Die Anonymität der Stadt machte Nina immer ängstlicher. Die Nachbarn misstrauten und verdächtigten alle und jeden. Das ließ Furcht entstehen und Ungewissheit dem Nächsten gegenüber. Hinzu kam, dass sich die Strafaktionen der Deutschen und der Miliz mehrten.
Erst zwei Jahre später, im Herbst des dramatischen Jahres 1941, kam Ljuba gemeinsam mit ihren Eltern wieder ins Dorf.
Dieser Entschluss, die Rückkehr zur Großmutter und zum Leben auf dem Dorf, fiel Ljubas Familie nicht leicht. Sie hofften aber, Hunger und Kälte leichter überstehen zu können, als in der Stadt, wo es an allem mangelte. Aber der Besetzung durch die Deutschen konnten sie nicht entgehen. Auch ihr kleines Dreihundert - Seelen - Dorf war bereits besetzt worden.
Der Weg durch den Wald war nicht ungefährlich. Dort versteckten sich immer noch Soldaten der Roten Armee, die den Kesselschlachten entkommen waren. Außerdem suchten Kommunisten und Juden im Wald Schutz vor den Deutschen und den einheimischen Nationalisten. Sie alle standen in gewisser Weise zwischen Leben und Tod. Einige dieser Verzweifelten nahmen alle Kraft und Mut zusammen und bildeten erste kleine Gruppierungen, die sich später zu großen Partisanengruppen entwickelten. Die größte Triebkraft dieser Bewegung war, dass die im Wald lebenden Menschen Nahrung und warme Kleidung brauchten. Darum hielten sie Leute aus der Stadt und Bauern aus den benachbarten Dörfern an und nahmen sich, was sie brauchten. Auch kleine Gruppen deutscher Soldaten wurden überfallen, um die Trophäen zu bekommen.
Die Familie von Stepan Kraiko hatte Glück und erreichte das Dorf ohne solche Abenteuer. Obwohl es eine schwere Zeit war, fühlte sich Oma Petrowna sehr glücklich, dass ihre Tochter mit Schwiegersohn und Enkelin wieder unter ihrem Dach lebte. Stepan, Nina und Ljuba mussten sich in der Kommandantur im Dorf anmelden. Der diensthabende Offizier las sehr aufmerksam die Papiere, die zweisprachig auf Deutsch und Ukrainisch verfasst waren, und verglich dabei die Gesichter der neu aus der Stadt gekommenen. Ljuba fielen seine großen blauen Augen auf und sie hielt dem direkten Blick stand. Sie spürte bei ihm nichts Böses oder Herrschendes. Es war halt seine Pflicht, an die er sich vielleicht noch gewöhnen musste. Nachdem er die Papiere kontrolliert hatte, schickte er die Familie zum Dorfältesten.
Ljuba ging als Erste zum Ausgang. Als sie die Eingangstür öffnete, blendete sie die untergehende Sonne. Ljuba übersah eine Stufe und fiel, aber jemand fasste sie bei den Schultern und hielt sie aufrecht. Verwirrt schaute Ljuba auf, und blickte direkt in ein Paar dunkle, schwarzbraune Augen. Sie schaute höher und sah die Mütze eines deutschen Offiziers. Als dieser ihre Angst bemerkte, fing er an zu lächeln. Der junge Mann trug Ljuba auf dem Arm die letzten drei Stufen hinunter. Dann wartete er ein Augenblick, bis ihre Eltern herunter kamen, und lief in die Kommandantur. Der Offizier drehte sich nicht mehr um, und war genauso schnell wieder weg, wie er gekommen war. Diese sehr kurze Szene blieb Ljuba lange in Erinnerung.
Auf dem Weg zur Polizei, wo sich der Dorfälteste befand, sprach Nina ihren Mann an: „Stepan, höre zu! Taras macht nach jedem Machtwechsel Karriere. Erinnerst du dich, als er noch als Kellner in der Dorfkneipe arbeitete und die Gäste bestahl? Auch nach unserer Hochzeit bekam meine Mutter eine viel zu hohe Rechnung. Er wirtschaftete das Geld schon immer gern in die eigene Tasche. Bei der Sowjetmacht arbeitete er als Buchhalter im Rathaus, bei den Deutschen ist er sogar Dorfältester. So ist Taras! Nimm ihn als Vorbild, Stepan.“
„Ach was! Meinst du wirklich, Nina? Erstmal wollen wir gut ankommen, dann sehen wir, was uns erwartet“, antwortete Stepan.
Ljubas Vater hatte beschlossen, als Polizist für die neue Macht zu arbeiten. Er dachte, dass er seine Familie so am besten vor den Fremden schützen könnte. Stepan sah in dieser Arbeit auch nichts Schlechtes. Ordnung ist Ordnung, egal, wer herrscht, die Sowjets oder das Deutsche Reich. Die Familie war das Wichtigste von allem.
Außerdem konnte Stepan auch seiner Schwiegermutter helfen, indem er ihr Arbeit als Putzfrau in der Kommandantur besorgte. Eine leichtere Arbeit als die schwere Feldarbeit war es allemal.
Für Ljuba jedoch hatte diese Nähe ihrer Familie zu den deutschen Besatzern dramatische Auswirkungen. Noch vor zwei Jahren wurde das Mädchen von den Jugendlichen aus dem Dorf sehr geachtet. Sie hatte eine gute Schulbildung, trug modische Kleidung und konnte sehr spannend über das Leben in der Stadt berichten. Die Dorfmädchen luden sie zu Besuch ein und die Jungen kamen abends zur Sitzbank vor Ljubas Haus. Natürlich kamen auch andere Mädchen dazu. Es entwickelte sich ein regelrechter Dorftreff. Und Ljuba - „das Stadtfräulein“ - war der Mittelpunkt.
Ljuba las gerne in ihren Büchern oder schrieb Gedichte in ihr Heft, zu denen die Umgebung und das Dorfleben sie inspirierten. Aber meist standen dann ihre Freunde schon vorm Fenster und riefen: „Komm mit, Ljuba! Wir gehen zusammen spazieren!“
„Ich komme in ein paar Minuten, ja, bin gleich bei euch!“, es fiel ihr schwer, sich vom Buch oder dem Heft loszureißen. Aber die Freunde waren wichtiger. Als Ljuba nach draußen ging, erzählte sie begeistert darüber, was sie gerade gelesen oder geschrieben hatte.
Jetzt war die Situation völlig anders. Leider konnte man die Uhr nicht zurückdrehen. Ljuba wünschte sich so sehr, dass es wieder wie damals im Sommer wäre.
