Lieber Herr General - Martin John - E-Book

Lieber Herr General E-Book

John Martin

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Beschreibung

November 2011: Die Bundeswehr hat ungefähr 5000 Soldaten im Kampfeinsatz in Afghanistan, ein paar davon kämpfen sogar. Was macht der Rest eigentlich den ganzen Tag? Was machen wir da eigentlich? Wie fühlt es sich an mittendrin zu sein und dann doch nur am Bildschirm zu sitzen? Was bekommt man, wenn man im Thai-Massagesalon einer Militärbasis nach einem Happy-End fragt? Dieses Buch enthält die Antworten auf diese und viele weitere Fragen in Briefen, die der Autor aus dem afghanischen Mazar-e Sharif nach Hause und an seinen General geschrieben hat - in einer erfrischend ungewöhnlichen Betrachtungsweise. Der Autor war von November 2011 bis März 2012 als Offizier im Auslandseinsatz der Bundeswehr in Afghanistan.

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Seitenzahl: 103

Veröffentlichungsjahr: 2013

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LIEBER HERR GENERAL MARTIN JOHN

Tredition Verlag, Hamburg 2013

IMPRESSUM

LIEBER HERR GENERAL MARTIN JOHN (HRSG.)

ISBN 978-3-8495-6944-0 1. Auflage, September 2013

Die gedruckte Version dieses Buches erhalten sie mit der ISBN 978-3-8495-6845-0

GESTALTUNG

POLITIKWERFT

BILDNACHWEIS

Martin John

VERLAG

tredition GmbH

Grindelallee 188

20144 Hamburg

Telefon: +49 (0) 40 . 41 42 778 . 00

INHALTSVERZEICHNIS

November 2011

Dezember 2011

Januar 2012

Februar 2012

März 2012

Epilog

VORWORT

Ich wünsche Ihnen alles Gute! Schreiben Sie ab und zu mal!

Herr General, ich habe vor regelmäßig nach Hause zu schreiben. Wenn Sie kein Problem damit haben, dass es etwas informell wird, dann nehme ich Sie in meinen privaten Verteiler auf.

Nein, nein, das geht schon klar…

BONN, HARDTBERG | OKTOBER 2011

NOVEMBER 2011

MAZAR-E SHARIF | 07.11.2011

Das erste Wochenende ist schon rum. Auch wenn ich hier 24 Stunden am Tag im Dienst bin, vergeht die Zeit schnell. Offensichtlich bin ich gesund und schreibfähig hier angekommen. Von Köln/Wahn aus über Hannover und Termez/Uzbekistan. Dort übernachtet, dann 20 Minuten Flug nach Mazar-e-Sharif (MES). Eigentlich hätten die mich auch in der Lüneburger Heide aussetzen können, denn von den Flugzeugen aus war unterwegs nichts zu sehen. Termez wirkt nicht wirklich fremd für das geübte Bundeswehr-Auge. In MES landete ich dann übermüdet direkt im Lager und bin seitdem keinen Meter aus dem Lager raus. Hier ist zwar alles sandig und jeder Quadratzentimeter Boden ist entweder betoniert oder geschottert, aber ich denke es wäre keine Herausforderung diese Umgebung daheim nachzubauen. Erst als heute der Sandsturm aufgezogen ist, habe ich gemerkt wo ich gelandet bin. Der Dienst gestaltet sich auch wie in der Heimat: Papierkrieg an der Einschleusungsfront, Formulare und Unterschriften, eine Belehrung nach der anderen darüber, dass man keine brennenden Hunde streicheln sollte und keine Handgranaten in den Mund nimmt. Ich wollte natürlich herausfinden, warum man das nicht machen soll, aber mir wollte auch auf wiederholtes Bitten kein Munitionsausgeber eine Handgranate geben. Begründung: Vor Kurzem hat hier wohl Einer aus meiner Dienstgradgruppe eine Granate verloren. Vom Krieg bekommt man hier außer auf Papier und Bildschirmen nichts mit. Natürlich schaffen die neue Uniform und die sandgetarnten Gefechtsfahrzeuge eine gewisse Atmosphäre. Ich bin auch nicht unglücklich, dass niemand auf mich schießt. In den nächsten Tagen werde ich mich hier erstmal bekannt machen müssen. Wenn nicht über Leistung, dann durch sonstige Auffälligkeiten. Die erste konnte ich gerade verbuchen, als ich beim aufziehenden Sandsturm einen Gehörschutzstopfen in die Mündung meiner Pistole steckte. Die Kameraden konnten sich noch nicht einigen, ob es genial oder daneben ist.

MAZAR-E SHARIF | 14.11.2011

Nach dem Sandsturm fiel dann die Temperatur letzte Woche innerhalb eines Tages um 20 Grad und schon hatten wir Schnee und es war echt kalt. Der Wettertyp liegt hier sowieso öfters daneben. Ich habe mich für die angekündigten 20 Grad nach dem Schneetag angezogen, nur um dann zu frieren, als ich tatsächlich mal länger draußen sein musste. Ich vermute fast, die haben hier dem Kachelmann Asyl gewährt. Ich habe auch endlich festgestellt warum alle so angespannt sind und es so schwer ist Kontakte zu knüpfen. Meine erste Vermutung war ja die Zwei-Dosen-Regelung: jeder bekommt nur zwei Dosen Bier am Tag, aber das mit den Dosen und den Inhalten wird recht weit ausgelegt…, - aber tatsächlich liegt es wohl an mir selbst! Bei jedem lauten Geräusch schrecke ich zusammen. Ich dachte ich bin der Entspannte hier, aber es stimmt gar nicht. Hoffentlich vergeht das bald. Eines freut mich hier auf jeden Fall – abgesehen von den schneidigen Autos und den Uniformen und der anständigen und ständigen Bewaffnung (immer noch keine Handgranaten für mich!) – ich habe einen Soldaten unter meinem Kommando. Kompetenz in „Leadership“ ist so eine Sache, man braucht dafür halt Personal. Das hat mir in Bonn immer gefehlt. Ich wusste gar nicht mehr, wie sehr. Ich konnte auch nicht erwarten endlich loszulegen mit meiner Arbeit, aber aus Respekt vor meiner Vorgängerin wollte ich ihre Arbeit nicht sofort auf den Kopf stellen. Also warte ich noch, bis sie nach Hause fliegt. Zumindest habe ich schon ein Kommunikationskonzept aufgestellt und angefangen es umzusetzen, damit hier endlich mal alle kapieren das OR keine Schreibvariante des menschlichen Hörapparates ist, sondern Operations Research heißt. Mit ein bisschen Glück erkennen auch noch ein paar Leute, dass es was bringt.

Mir wurde außerdem noch eine wesentliche Entdeckung zuteil: Es gibt hier eine Konstruktion, die nennt sich „offizielle Nebentheke“. Das sind Gemeinschaftsräume, die nicht öffentlich verwaltet, sondern von den Einheiten selbst betrieben werden. Wie in den öffentlichen Einrichtungen bekommt man dort für seine Rationskarte etwas zwei-Dosen-Regel-taugliches zum Trinken. Der wesentliche Vorteil von den Dingern ist die behelfsmäßige und dafür umso gemütlichere Atmosphäre. Wie man das halt vom Übungsplatz kennt. Der Kniff an der ganzen Geschichte ist, dass man die Dinger erstmal finden muss. Ein Eingeweihter führte mich eines Nachts zur Nebentheke der Sanitäter …

Ansonsten habe ich überlegt, ob ich meine Ernährung auf Schokoladenpudding umstelle. Den gibt es hier immer in der Truppenküche. Im Gegensatz zur restlichen Verpflegung streut die Qualität des Puddings nicht so enorm, der ist ja auch im Becher. Ein bisschen Stabilität in einer instabilen Gegend. Ist doch super!

Derweil scheitere ich an den Grundlagen der Statistik, weil ich zu lange auf die 20 Bildschirme in meinem Büro starre, die die Heizung, wenn sie nötig wäre, völlig ersetzen und die Klimaanlage grundsätzlich überlasten. Zum Glück habe ich die schwerste Waffe des Diplompädagogen mitgenommen: Statistik für Human- und Sozialwissenschaftler, sonst nur Gewicht und Wurfgeschoss, jetzt Lebensretter! Wer hätte das gedacht?

IMMER NOCH MAZAR-E SHARIF | 21.11.2011

Hätte nie gedacht, dass ich mich mal über verregnete, graue, kalte Tage freue. Der Vorteil daran ist, dass man nicht die ganze Zeit den feinen Sand auf den Zähnen und überall sonst auch hat. Die Lunge wiehert auch nicht mehr regelmäßig um Hilfe und man braucht sich keine Sorgen um giftiges Getier zu machen, das hier wohl sonst immer rumkreucht und -fleucht. Ansonsten kehrt hier bereits so etwas wie Arbeitsalltag ein. Gerade erst hörte ich das Sprichwort „Hier ist jeden Tag Mittwoch, außer Freitag, da ist Sonntag!“. Wer den Einsatz kennt, weiß was damit gemeint ist. Für alle anderen möchte ich den iPhone-Spruch adaptieren: „Wenn Du nicht im Einsatz warst, warst Du nicht im Einsatz!“. Nein, im Ernst, ich erkläre es wenn ich zu Hause bin.

Also ein bisschen was zum Alltag: Der fängt hier meistens mit dem Aufstehen an – schon mal gar nicht so gut, oder?! Dann meine neue Lieblingsbeschäftigung: Die Suche nach dem Stoppuhrtypen. Duschen darf ja hier maximal vier Minuten dauern - wegen Wüste und so, kein Wasser, das volle Programm eben. Ich habe aber noch niemanden mit Stoppuhr im Duschraum gesehen, aber der Stoppuhrtyp lauert bestimmt auf den Moment, wenn ich mutig werde. Das läuft hier bestimmt wie daheim mit der Polizei. Die erwischt einen auch immer genau dann, wenn man genau nicht mehr mit ihr rechnet. Mein Führerschein kann davon ein Liedchen singen. Der musste nämlich nicht mit in den Einsatz, sondern macht Urlaub im Landratsamt. Also immer erstmal den Duschraum nach dem Stoppuhrtypen absuchen. Davon mal ganz abgesehen, laden Bauweise und Zustand der Duschen auch nicht wirklich zum Wellnessaufenthalt ein. Der sich anschließende tägliche Vorgang am Waschbecken, an dem der Vorgänger Teile seiner Körperbehaarung netterweise für mich dagelassen hat, geht dann auch recht zügig vonstatten. Als Menschenfreund übernehme ich die Reinigung selbstverständlich gerne! Schon ehrlicher freue ich mich darüber, dass ich mir dann nie Gedanken machen muss, was ich so anziehe. Ein Vorzug des Soldatenberufs, der sich hier noch deutlicher herausstellt, von wegen immer Mittwoch und so. Farbe: wie gestern! Muster: wie gestern! Jacke: wie gestern – es sei denn, ich habe gestern gefroren, dann ja oder ich hab gestern geschwitzt, dann nein! Dann noch die Accessoires - hätte nie gedacht, dass ich dieses Wort mal schreibe, musste die Schreibweise jetzt erstmal googlen, also erst zweimal c dann zweimal s (und na klar: „googlen“ ist ein Rechtschreibfehler) – na ja, auf jeden Fall Accessoires (nur üben übt): Erkennungsmarke, Schal, Hut und Kanone! Die Mädels stehen voll drauf!

Ein Accessoire hat bereits meine besondere Wertschätzung gewonnen: Das Ärmelabzeichen! Bei der Einkleidung im Heimatland erhält jeder Einsatzsoldat ein Klettabzeichen, auf dem die Abkürzung für die Bezeichnung des Einsatzes drauf steht. Bei mir also: ISAF, so schön als Schriftzug unter einem schlicht gehaltenen Wappen der NATO - falls mal wieder einer vergessen hat, was er gerade macht, á la: „Bin ich jetzt KFOR oder ISAF? Ach ja, da steht‘s!“. Dieses Abzeichen nennt sich Patch oder Badge, so genau will sich niemand festlegen. Ich sage jetzt einfach mal Patch. Da dieses „Patch“ ja zum ankletten ist, kann man es auch abkletten. Dann kann man nämlich was viel cooleres dran machen, was einen als Soldaten besonders hervorhebt, weil ja sonst alle gleich aussehen. Am harmlosesten ist da noch die genauere Eingrenzung des Einsatzverbandes: RC-North mit einer kleinen topograpfischen Darstellung des Verantwortungsbereiches. Interessanter werden dann schon selbst entworfene Abzeichen für die Einheiten: Da wären Schraubenschlüssel für die Instandsetzer, Raketen für die Flugabwehr, Gardestern für die Feldjäger, ach ja: und Hello-Kitty für den Luftumschlagzug. Kein Spaß! Die Soldaten aus dem Lagezentrum sind teilweise noch besser: Ein komischer Vogel als Wappen umrahmt von dem Spruch: Operative Hektik ersetzt geistige Windstille!. Ich find‘s lustig. Das ist so ein bisschen wie ein Virus: Oh, was hast Du denn da, das ist ja toll, das darfst Du, dann mach ich das auch, aber noch schräger… Als dann schließlich einer der Soldaten dem kommandierenden General mit einem Namensschild – die kann man nämlich auch an- und abkletten – gegenübergetreten ist, welches da lautete „Porno-Ralle“, ist diesem der Kragen geplatzt. Gleich beim nächsten Antreten wurde dann verkündet, dass jeder, der mit so einem Fantasie-Patch oder -Namensschild angetroffen wird, die Blaue Moschee in MES mit der Zahnbürste putzen darf – also im übertragenen Sinne, so ist es zumindest bei mir angekommen. Also habe ich jetzt mein Patch mit einem Maulwurf mit Fliegerbrille, verziert von dem Spruch „Einmal mit Profis arbeiten – nur fünf Minuten“ erst mal an die Pinnwand gehängt und trage es nur Nachts heimlich. Schade eigentlich! Hab übrigens immer noch keine Handgranate bekommen und alle sehen mich immer doof, verwundert oder genervt an, wenn ich wieder davon anfange. Vielleicht sollte ich meine Ansprüche an den Krieg so langsam zurückschrauben, so auf Nebelgranate oder Kompass oder so. Nein aber im Ernst, eigentlich jammere ich auf höchstem Niveau. Nicht jeder von den Jungs hier im Einsatz hat eine feste Unterkunft, betonierte Wege, regelmäßiges Essen, eine einigermaßen zumutbare Dusche und ein sauberes Büro. Rein praktisch könnte ich hier auch im Dienstanzug rumlaufen. Mal drüber nachdenken…

UND TÄGLICH GRÜSST MAZAR-E SHARIF | 28.11.2011

Ich habe den Stoppuhrtypen gefunden! Zum Glück hat er mich nicht erwischt, sondern einen Kameraden angeraunzt, der sich doch erdreistet hatte, das Wasser im Waschbecken laufen zu lassen, während er seinen Rasierer abspülte. Arme Sau! Natürlich ziehe ich den jetzt jedes Mal damit auf, wenn ich ihn sehe, bin aber gleichzeitig der menschgewordenen Bedrohung durch den Stoppuhrtypen gewahr. Es ist alles schon ziemlich deutsch hier. Was noch fehlt, sind die kleinen Zäune und Hecken um die Grundstücke. Ansonsten hat hier nämlich alles seine Ordnung zu haben: Die Fußwege sind gerade und gefegt, die Fluchtwege dürfen nicht zugestellt werden, die Parkplätze sind alle schon beschriftet und überall hängen Schilder, was man darf und was nicht. Schon ein bisschen wie zu Hause. Aber noch ein bisschen von meinem Alltag: Sport!

Als Kind war ich ja immer gerne draußen, aber hier ist das Draußen so eine Sache. Entweder holt man sich hier früher oder später von dem Staub oder den Bakterien was weg - oder der bombigen Stimmung unter gewissen Teilen der Bevölkerung. Also musste ich dahin, wo ich echt ungern bin: In den Paviankeller aka Muckibude aka Fitnessbereich. Da wo die Eisenfresser sich die Hundertkiloscheiben mit einer Hand zuwerfen. Ich glaube das Schlimmste an den Buden ist die schlechte Luftzirkulation. Ich verzichte auf eine näher gehende Beschreibung des Geruchs. Da ich ja sowieso der größte Gewichtheber aller Zeiten bin, nutze ich erstmal das Laufband. Die Bedienung ist ja schon mal ganz interessant gewesen und zum ersten Mal in meinem Leben hat der Boden meinen Füßen gesagt, wie schnell sie laufen