Liebesbeben - Peter Relling - E-Book

Liebesbeben E-Book

Peter Relling

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Beschreibung

Die Fahrt über die raue See von Wyk auf Föhr nach Helgoland macht nur wenigen richtig Spass, darunter auch zwei jungen Menschen, die nicht seekrank werden, darüber aber ins Gespräch kommen. Schon auf der Hinreise besprechen sie, wie sie die Zollbestimmungen umgehen können. Danach reffen sie einander wieder in Wyk, wo er Urlaub bei Verwandten macht und wo sie Praktikumssemester absolviert. Entsprechend kurz ist ihre Zeit. So richtig kennen lernen beide sich, als sie auf geliehenen Fahrrädern eine Inselrundfahrt unternehmen, doch zu der von ihm ersehnten Annäherung kommt es auch dabei nicht.

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Seitenzahl: 239

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Peter Relling

Liebesbeben

eine Sommernovelle

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Eine Sommernovelle

August 1960 - Vorbemerkung

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

11.

12.

13.

14.

15.

16.

17.

18.

19.

20.

21.

22.

23.

24.

25.

26.

Impressum

Eine Sommernovelle

Dieses ist eine Novelle, die an bestimmten Orten spielt. Die Orte sind real, alles andere ist frei erfunden.

August 1960 - Vorbemerkung

Diese Novelle spielt in einer Zeit, in der nur wahlberechtigt war, wer dass 21. Lebensjahr erreicht hatte.

Noch galten die Gesetze zur Verführung Minderjähriger, zur Unzucht allgemein, zum vorehelichen Geschlechtsverkehr, denen man nur dadurch begegnen konnte, wenn es vor der Geburt eines Kindes zu Verehelichung kam.

Auch Homosexualität war ein Straftatbestand.

Als strafbar galt auch, wenn jemand einem nicht verheirateten Paar die Möglichkeit zur Liebesvereinigung gewährte und möglicherweise einen Raum dafür zur Verfügung stellte. Das leistete dem Gesetz zufolge der damals auch verbotenen Prostitution Vorschub.

1.

Es wehte aus West, fast aus der Richtung, in die die Rüm Hart steuerte, nachdem sie Wittdün auf Amrum verlassen hatte. Ihr Kurs war Südwest, Richtung Helgoland, zunächst aber durch die Watten und Sandbänke hindurch die Norderaue entlang, die sich dann mit der Süderaue verband. Beide Ströme näherten sich nur durch die seitlich begrenzenden Sände und Untiefen der offenen Nordsee.

Aber man sah schon lange kein Land mehr, als die ruhige Fahrt noch durch die seeseitig gelegenen Sände begünstigt wurde. Es war ein schöner Tag, die See war tiefblau, die Wellen trugen weisse Schaumkronen, die im Sonnenlicht aufstrahlten und das Blau der See noch vertieften.

Der blaue Himmel liess die Fahrt nach Helgoland in einem besonders schönen und klaren Licht erscheinen. Die Menschen an Bord drängten sich auf dem Sonnendeck, wo nur noch wenige Plätze frei waren. Einige, besonders die jungen Leute tanzten ausgelassen auf dem Vorschiff zur Musik aus den Lautsprechern, die an den Aufbauten festgeschraubt waren. Es war Musik, die junge Menschen liebten, ein wenig Jazz, ein bisschen lateinamerikanische Tänze, englische und deutsche Schlager, Rock´n Roll.

Der Wind war nicht heftig, aber stark und deutlich, aber die Geschwindigkeit von etwa 12 kn des kleinen Seebäderschiffes addierte sich hinzu, so dass der Wind, der fast von vorn zu kommen schien, gefühlt etwa 6-7 Windstärken betrug.

Es war nicht kalt in diesem August, im Gegenteil, der Wind war eher warm, im Grunde bestes Segelwetter. Viele an Bord, besonders die im Windschatten der Kommandobrücke, hatten die Windjacken ausgezogen und sassen nun mit nackten Oberarmen und Hälsen da, einige junge Männer sogar mit nacktem Oberkörper. Die Sonne brannte auf ihrer Haut, aber sie spürten es nicht, weil der Wind die Hitze des Sonnenbrandes davon trug und die Haut angenehm kühlte. Aber der Wind nahm nur die Hitze, der Sonnenbrand blieb, und er wurde umso heftiger, je näher die Rüm Hart der Hochseeinsel Helgoland kam. Solange der Wind kühlte, nahm niemand wahr, wie sehr die Sonne ihn bereits verbrannt hatte. Im Gegenteil: Die ihre Windjacke anbehalten und möglicherweise noch enger zugezogen hatten, wurden von einigen belächelt, von anderen sogar offen verspottet. Die Spötter begriffen erst auf Helgoland, im Schutz vor dem Wind, aber noch in der warmen Sonne, dass sie während der dreistündigen Fahrt von Wittdün aus einen heftigen Sonnenbrand davon getragen hatten.

Man hatte sich an das leichte Stampfen des kleinen Seebäderschiffes gewöhnt. Schliesslich fuhr man schräg gegen Wind und Wellen. Die Wellen waren zwar nicht hoch, aber die Rüm Hart war auch nur ein kleines Schiff, auf der Fahrt nach Helgoland gerade einmal zugelassen für 300 Personen. Damit war sie zehnmal kleiner als die Wappen von Hamburg, die, von Hamburg über Cuxhaven kommend, auch täglich die Reede von Helgoland ansteuerte.

Die Wappen lief Helgoland von März bis Oktober täglich an, wenn nicht gerade ein in dieser Zeit seltener Sturm es verhinderte. Im Gegensatz zur Rüm Hart, für die eine Fahrt nach Helgoland eine Sonderfahrt war, die in Nordfriesland auf dem Festland und auf den Inseln mit Plakaten als besondere Tagesfahrt angekündigt wurde. Und es war wohl auch berechtigt, die Fahrt nach Helgoland als Sonderfahrt zu bezeichnen: In der Hochsaison kamen innerhalb von zwei Wochen gerade einmal soviel Passagiere zusammen, dass die Rüm Hart fast ausgelastet war. Von diesen Fahrten musste dann die eine oder andere noch ausfallen, weil es auf der Nordsee zu stürmisch war und für die Passagiere zu gefährlich. Nicht für das Schiff! Das war für diese Gewässer gebaut, aber die Fahrgäste würden in den Fahrgasträumen hin und her geschleudert werden, fast alle wären seekrank, und der eine oder andere würde sich erhebliche Prellungen zuziehen, wenn nicht sogar Knochenbrüche. Nachdem es wärend einer Fahrt von Husum aus in der Vergangenheit einmal Verletzte gegeben hatte, und das unter Behinderten, für die das Schiff extra gechartert worden war, untersagte die Reederei Helgolandfahrten bei zu starkem Wind und Wetter, und die Fahrgäste bekamen den Fahrpreis zurück. Und zuviel Wind für die Fahrgäste war jede Windstärke ab 6 Bft. Bei diesem Wind bauten sich schon Wogen auf, deren Höhe 4 m und mitunter sogar mehr erreichte, vor allem im Helgoländer Becken, auch Hamburger oder Helgoländer Loch genannt, einem Teil der Nordsee nahe Helgoland mit mehr als 50 m Wassertiefe, das Wellenhöhen zuliess, die sonst in der südöstlichen Nordsee eher unbekannt waren.

Claudia hatte diese Fahrt gebucht, heute als ihre erste Freizeit vom Wyker Krankenhaus. Ihr waren die Nordsee und die Landschaft fremd. Sie kam aus einem Bereich des Nordschwarzwaldes, in dem es kein flaches Land gab, erst recht keine Nordsee. Sie war nach Wyk auf Föhr gegangen, um das geforderte Praxissemester ihres Medizinstudiums zu absolvieren. Es war nicht ganz einfach gewesen, dafür einen Platz zu finden, der auch weit genug von Heidelberg entfernt lag, ihrem Studienplatz, und von zuhause, einem Bauernhof im Schwarzwald. Sie hatte verhindern wollen, das sie von ihren Eltern auf dem landwirtschaftlichen Anwesen vereinnahmt wurde und auch, dass sich Eltern oder Geschwister auf den Weg machten, um sie während ihrer Praktikantenzeit zu besuchen. Hamburg war mit der Bahn zu leicht erreichbar: mit den neuen Zügen war es von Stuttgart aus nur noch knapp eine Tagesfahrt! Teuer zwar, aber wer wusste schon, was die Geschwister sich Verrücktes ausdachten, um die angehende Ärztin einmal zu besuchen?! In Heidelberg kam sie fast an jedem Wochenende in den Genuss eines Verwandtenbesuches! Davon musste sie sich endlich einmal befreien, und da war die umständliche Anreise nach Wyk auf Föhr gerade richtig! Von Stuttgart aus war man fast zwei Tage unterwegs, bis man endlich am Ziel war. Nur mit dem Nachtzug oder mit einem Auto konnte man die Reisezeit verkürzen. Wer sie hier besuchen wollte, musste sich schon für einen Sommerurlaub auf Föhr interessieren, sonst lohnte die weite Anreise nicht!

Es war das Jahr 1960, der Osten rasselte mit dem Säbel, der Eiserne Vorhang verhinderte das Ein- und Ausreisen von Menschen, worunter besonders die Ostdeutschen litten, denn Deutschland war geteilt seit dem zweiten Weltkrieg. Im Westen hatte man sich eine Verfassung gegeben, das Grundgesetz, an das sich alle gewählten Parteien hielten, während die sogenannte Verfassung in der sich bildenden DDR nicht das Papier wert war, auf dem sie gedruckt wurde. Diese Differenzen hatten zwar erhebliche Nachteile für die Entwicklung der Staaten, der Politik und vor allem auch der Menschen, aber weder auf der einen Seite noch auf der anderen nahm man es ganz bewusst wahr: Die Kinder wuchsen in einem eigenen Umfeld auf, dass sie kannten und für sich nutzten. Auch Claudia war so aufgewachsen, behütet und beschützt von ihrer eigenen Familie, und abgeschirmt von politischen Vorgängen in Deutschland.

Sie war „behütet“ aufgewachsen im Kreise ihrer Eltern und ihrer vier Geschwister. Sie hatte alles kennen gelernt, was man als Landwirt wissen muss. Sie hatte mit gearbeitet auf dem elterlichen Hof, sobald sie alt genug war für Handreichungen und schliesslich auch für richtige Arbeiten. Das hatte sie zu einer respektabel starken Frau gemacht.

Aber sie war auch überdurchschnittlich intelligent, hatte das Gymnasium in Pforzheim besucht und mit einer Abiturnote von 1,2 abgeschlossen. Das reichte gerade noch für die Zulassung zum Studium der Humanmedizin. Ihren Studienplatz fand sie in Heidelberg, nicht sehr weit entfernt von zuhause, was sie aber bald ein wenig bereute: Er war zu nah am elterlichen Hof gelegen. Nicht selten kam einer ihrer Brüder am Freitagnachmittag an und nahm sie mit nach Hause, wo ihr Einsatz dringend gebraucht wurde. Hätte sie die medizinische Hochschule in Hannover, Hamburg oder Kiel als Studienplatz erhalten, wäre ihr das erspart geblieben. Dabei machte sie die ihr übertragene Arbeit auf dem elterlichen Hof gern, sie ersparte ihr, sich körperlich fit zu halten, eine Notwendigkeit, die fast alle anderen Kommilitonen in die neu gegründeten Fitnessstudios trieb. Aber leider kamen diese Anforderungen vom elterlichen Hof stets zu Unzeit, wenn sie das Wochenende dafür verplant hatte, in einem Fachbereich zu lernen, in dem sie schwach war. Das musste sie dann in Nachtschichten wieder aufholen, wenn sie sich keine schlechte Note erlauben wollte. Und eine Note schlechter als eine zwei erlaubte ihr Ehrgeiz nicht!

Sie hatte für das Praktikum nicht bleiben wollen, weil ihre Eltern sie gleich wieder in die Bewirtschaftung des Hofes mit eingespannt hätten. Vom Hof würde sie nichts haben, sie war die Zweitjüngste von fünf Geschwistern, die sich vielleicht einmal um das Erbe streiten mussten, und sie hatte deshalb das Medizinstudium gewählt, um damit ihren Anteil am Erbe vorweg nehmen. Auch die übrigen Geschwister waren klug genug gewesen, sich einen Beruf zu wählen, der sie vom Hof unabhängig machte, was natürlich Geld kostete, und was als Vorwegnahme des späteren Erbes ganz oder zum Teil angerechnet werden würde. Üblicherweise erhielt der Älteste den Hof. Er musste dann seinen Geschwistern ihren Anteil am Erbe ausbezahlen. Ob er dazu in der Lage wäre, wenn der Erbfall eingetreten war, das bezweifelten alle Geschwister, und deshalb hatten sie sich für eine Lehre in einem Handwerk und danach für ein Studium entschieden, die Brüder waren bereits Ingenieure geworden, eine Schwester hatte auch schon eine Meisterprüfung abgelegt. Nur Claudia und ihre jüngste Schwester waren noch in ihrer Ausbildung. Claudia hatte nach dem Praxissemester noch mindestens sechs Semester an der Uni Heidelberg vor sich. Sie hatte das Krankenhaus Wyk auf Föhr gewählt für ihr Praktikum, weil es weit genug entfernt lag vom elterlichen Hof und von Einflüssen ihrer Eltern und ihrer Brüder.

Sie hatte sich davon versprochen, dass sie von Besuchen naher oder entfernter Verwandter verschont bleiben würde. Aber sie hatte sich nichts versprochen von den Praktikum. Was sollte ihr das Klinikum einer Nordseeinsel wie Föhr auch bieten können? Weiterbildung etwa? Was hatte diese Klinik schon zu bieten gegenüber den mit allerbester Technik und neuesten Geräten ausgerüsteten Kliniken wie Heidelberg? Nordseeklinik! Ein ruhiger Job? Sie sollte sich wundern!

Aber heute hatte sie frei! Den freien Tag wollte sie nutzen, um mehr von der Nordsee zu sehen und zu erfahren, und sie hatte deshalb auf Anraten von Schwester Hanna im Krankenhaus, mit der sie das Zimmer teilte, die Seefahrt nach Helgoland gewählt. Schwester Hanna hatte ihr lapidar erklärt, entweder sie werde seekrank, dann habe sie ein- für allemal die Nase voll von der See, oder aber sie geniesse die Fahrt und würde die Nordsee so lieben lernen, dass es sie immer wieder hierher zurückzöge. Und nun genoss sie die Fahrt! Von Seekrankheit keine Spur! Sie liess sich von den Wellen wiegen, die das kleine Seebäderschiff ruhig und gemächlich auf und ab bewegten.

Sie war auf dem Vorschiff, wo mit ihr gemeinsam etliche Jungen und Mädchen tanzten, fast jeder für sich allein, nach einer Musik, die deutlich, aber nicht überlaut aus den beiden Lautsprechern an den Aufbauten ertönte. Die Stimmung war gut, aber nicht ausgelassen, nur wenige tanzten gemeinsam miteinander: Die kannten einander offenbar und nutzten nun eine Chance, die ihnen an Land sonst erst abends geboten wurde.

Doch plötzlich wurde die Musik unterbrochen und von der Kommandobrücke aus kam die Anweisung, das Vorschiff zu räumen, denn die See würde in wenigen Minuten bewegter werden und auf dem Vorschiff könne sich dann niemand mehr gefahrlos aufhalten. Ausserdem müsse man damit rechnen, dass das Schiff mit dem Bug in Wellentäler tauchen könne, und dass die nächste Welle dann das gesamte Vorschiff unter Wasser setzen würde. Es seien genügend Plätze für alle an Bord vorhanden, im Salon oder auf dem Sonnendeck, die sie noch besetzen könnten. Die Tür zum Vorschiff würde in wenigen Minuten geschlossen, damit kein Wasser in den Salon dringe. Damit würde dann jeder, der sich nicht von Vorschiff entferne, schutzlos der Gewalt der Nordsee ausgeliefert sein, und der Nässe an Deck.

Claudia entschied sich für das Sonnendeck. Viele Plätze waren bereits besetzt, es gab keinen freien Tisch mehr, zwar noch einige Plätze an wenigen Tischen, von denen sie sich einen hätte aussuchen können, aber sie entdeckte ganz achtern über dem Heck an backbord eine Kunststoffkiste nahe der Reling. Sie sah den auf den Deckel aufgedruckten Hinweis, darauf kein Gepäck zu lagern, weil der Inhalt aus Rettungsmitteln bestehe. Sie hielt sich selbst nicht für ein Gepäckstück und konnte jederzeit wieder aufstehen. So entschied sie sich, darauf Platz zu nehmen, nach aussenbords zu sehen, die heran rollenden Wellen zu beobachten und mit den Bewegungen des Schiffs in Einklang zu bringen. Der Abstand der Rettungsmittelkiste von der Seereling war ideal, so dass sie ihre Füsse auf einen der waagerechten Relingsstreben stellen und dennoch bequem sitzen konnte.

Kaum sass sie, als das Schiff vorn steuerbords tief wegtauchte! Man hatte der Eindruck, es seien mehrere Meter! Tatsächlich waren es nicht mehr als vielleicht gerade einmal 2,0 m. Gischt sprühte weit nach beiden Seiten und wurde vom Wind am Schiff entlang getrieben, dann neigte es sich zur Backbordseite und wurde am Bug angehoben, um gleich darauf wieder nach Steuerbord zu schlingern. Einige Schreie gingen durch die Reihen der Passagiere, entsetzte - was Claudia veranlasste sich umzudrehen, um zu sehen, ob jemand Hilfe benötigte, aber es schien nicht so - aber auch genussvolle.

Sie blickte wieder auf die Nordsee, die nun ein ganz anderes Gesicht zeigte: Die Wellen waren höher geworden - auch für die Rüm Hart - viele hatten grosse Schaumkronen, weil der Wind sie schneller zu treiben versuchte, als sie rollen konnten. Das Schiff steckte seinen Bug immer wieder in eine Welle, bevor es emporgehoben wurde und die Welle unter ihm hindurch rollte. Die Rüm Hart drehte nun ein wenig westlicher. Damit kamen die Wellen mehr noch von vorn, das Schlingern wurde geringer, das Stampfen heftiger.

Täglich kamen Seebäderschiffe aus Hamburg, Bremerhaven, Büsum und Hörnum, alle deutlich grösser als die Rüm Hart und natürlich wesentlich ruhiger in den Wellen.

Ein vergleichbar kleines Schiff kam gelegentlich von einer der Ostfriesischen Inseln. Es hiess Langeoog, was aber nicht bedeutete, dass es auch von der Insel gleichen Namens kam. Viel wahrscheinlicher war, dass die Langeoog von der Insel Norderney kam. Abgefahren war sie wohl in Norddeich und hatte dann nach einem Zwischenstopp auf Norderney Kurs auf Helgoland genommen.

Der Aufenthalt auf der Insel Helgoland für alle Tagesgäste war zwischen dreieinhalb und vier Stunden lang. Das reichte für einen Inselrundgang und für einen zoll- und steuerfreien Einkauf, mit dem für viele Gäste ein Teil des Fahrpreises wieder gut gemacht wurde. Für Dauerfahrer lohnte es sich, einmal wöchentlich nach Helgoland zu fahren, um günstig Waren einzukaufen, die auf dem Festland verzollt und versteuert natürlich viel teurer waren. Am besten von Büsum aus, denn von dort aus war der Fahrpreis nach Helgoland und zurück der günstigste, und die Fahrzeit die kürzeste.

Im Jahr 1960 gab es noch keine Erleichterungen, noch keine zollfreien Zonen zwischen den Grenzen von Nachbarländern, und überall an den westdeutschen Küsten, auch auf der Ostsee, warb der Schiffstourismus mit dem Angebot des zollfreien Einkaufs, den so genannten Butterfahrten. Helgoland bildete keine Ausnahme. Nur das Warenangebot war hier deutlich grösser als auf den Butterschiffen: Über die vielen Sorten Tabakwaren und Schnaps hinaus konnte man hier auch Kleidung oder technische Geräte, wie auch Fotoapparate, günstiger einkaufen als auf dem Festland. Die Fahrten nach Helgoland waren selbst für Hamburger gefragt, obwohl der Fahrpreis von dort aus schon das Budget eines Reisenden strapazieren konnte - was jeder natürlich durch den zollfreien Einkauf zu kompensieren versuchte. Aus dem Grunde gab es den Zoll auf Helgoland, der die an Bord zurückkehrenden Gäste fragte, ob sie etwas „anzumelden“ hätten. Das traf natürlich angeblich für niemanden zu, obwohl alle nach Belieben schmuggelten, nur jene, die sich erwischen liessen, hatten zum Spott der anderen auch noch den Schaden! Denn sie mussten ihre eingekauften Produkte nicht nur verzollen und versteuern, sondern sie hatten auch noch mit einer empfindlichen Strafe zu rechnen. Der Staat liess sich nun einmal nur ungern betrügen!

2.

Schon bevor er los gefahren war, hatte Hans sich überlegt, dass ein Zollvergehen nicht nur Strafe kosten würde, sondern möglicherweise sogar Einfluss auf seinen Studienplatz haben könnte, wenn er nämlich nach einem entsprechenden Verfahren wegen Zollvergehen und Steuerhinterziehung als vorbestraft galt. Vorbestraften wurde der Studienplatz an der Bauschule in Hamburg verwehrt, und er war nicht sicher, ob das auch für Straftaten während des Studiums galt. Aber er nahm es an!

In der Beziehung wollte er kein Risiko eingehen! Zwei Semester hatte er hinter sich, das dritte stand nach der Sommerpause bevor. Jedes Semester kostete ihn neben seinem Verdienstausfall noch 150,- DM an Studiengebühren, und 120,- DM für eine Krankenversicherung. Beides war Pflicht! Wer ihr nicht nachkam, wurde für das nächste Semester nicht zugelassen! Hinzu kamen Ausgaben für Fachliteratur und Material zum Notieren und Aufarbeiten des Gehörten, für Zeichenmaterial, Bleistifte und Tintenstifte: für alles, was man brauchte, um bei dieser Ausbildung über die Runden zu kommen. Niemand erhielt etwas geschenkt, alles musste bezahlt werden, alles, auch die Monatskarte für die Bahnfahrt von seinem Wohnort nach Hamburg Hauptbahnhof, die 22,- DM kostete.

Ein gelernter Mauerer erhielt damals einen Stundenlohn von 2,89 DM brutto! Nach den üblichen Abzügen für Steuern, Sozial- und Rentenversicherung blieben davon für einen alleinstehenden Gesellen knapp 1,70 DM übrig: Also kostete eine Monatskarte zum Studienplatz Hans soviel wie 14 Arbeitsstunden auf einer Baustelle. Schichten im Hafen beim Aufbau eines neuen Gaswerkes besserten sein Budget auf: Eine Doppelschicht brachte 47,09 DM netto! Und davon waren bereits alle Steuern und Sozialabgaben abgezogen.

Musste er dazu verdienen?

Seine Eltern hatten ein Baugeschäft seit der Währungsreform, und sie verdienten auch damit. Aber sie hatten 1952 ein Haus gebaut, unten Lager, oben Wohnung, an dem sie noch abbezahlen mussten. Der Betrieb wuchs und wuchs und mit ihm natürlich auch die Kosten für eine Erweiterung, für neue Lastwagen, für Personal, und was am Ende übrig blieb, war ein arbeitsreiches Leben ohne finanzielle Sorgen, allerdings auch ohne grosse Sprünge: Wenn man an einem Sonntag einmal weg wollte, an die Küste, um dort ein wenig Sonne zu tanken, nahm man den kleinsten der Lastkraftwagen, einen Lieferwagen, mit dem man bei einem Kunden einmal aushelfen konnte, wenn er vergessen hatte, eine bestimmte Ware zu bestellen. Einen PKW gab es lange nicht in dem Betrieb.

Der Vater fuhr mit einem Kleintransporter die bestellten Waren aus, und die Mutter sass derweilen im Betrieb. Sie gab Waren aus, nahm Waren ein, und mitunter musste sie mit dem Fahrer des Lieferanten auch einmal 10 t Zement ausladen und mit einer Sackkarre ins Lager transportieren. Hans half immer, wenn er konnte und wenn er Zeit dazu hatte. Aber es wurde immer mehr Arbeit, je mehr das Geschäft wuchs! Obwohl er lang wurde wie eine Bohnenstange, legte er zuerst in der Breite kaum zu. Er war kräftig, aber schmal! Am Ende seines Wachstums ging er dann auch in die Breite, aber das war eher unauffällig, und es geschah während seiner Lehrzeit zum Maurer. Plötzlich passte ihm kein Anzug mehr, plötzlich war er um mehr als 15 kg schwerer geworden, nahm, wenn es sein musste, auch einmal zwei Zementsäcke je 50 kg auf den Nacken und ging damit ganz locker davon, und als er dann einen Führerschein hatte, durfte er an den Wochenenden Material für Vaters Betrieb zu dem Kunden bringen. Auch nach Beginn des Studiums. Von da an bezahlte der Vater ihm seine Arbeit. Nur, wenn er mehr verdienen wollte, oder wenn er mit seinen Kommilitonen etwas gemeinsam machen wollte, was Geld kostete, ging er für eine Doppelschicht mit ihnen in den Hafen.

Er war sonst ein eher lockerer Typ, dem es auf die eine oder andere Unregelmässigkeit nicht ankam, wenn sie nicht den gesetzten und vor allem den gesetzlichen Rahmen sprengte, und die Grenze zur Legalität gar nicht oder nicht allzu weit überschritt. Ein eher langweiliger Typ? So konnte man es sehen. Und seine Schulkameraden und vor allem die Mädchen unter ihnen hatten es wohl so gesehen. Er war ein Einzelgänger geblieben, dessen Freundschaften eng begrenzt waren, was auch an seinen Eltern lag.

Vorsichtig war er, das traf es besser! Eine Überschreitung der legalen Grenzen hatte er schon immer zu vermeiden versucht, und bisher war es ihm auch in der Weise gelungen, dass ihm bisher noch kein strafbares Verhalten angelastet werden konnte. Wozu auch?, hatte er sich stets gefragt! Er fand es absurd, eine Bank zu überfallen, um zu Geld zu kommen. Für wenige tausend DM, die einem in die Hände fallen mochten, eine jahrelange Haft zu riskieren und danach als Vorbestrafter weder über Geld noch über eine geregelte Arbeit zu verfügen, das war ihm keine Überlegung wert. Er würde es nicht einmal für eine Million Mark tun! Und das nicht etwa aus Feigheit, sondern aus nacktem Kalkül. Er wusste, dass eine Million nur nach viel klang, dass sie aber nicht ausreichen würde, ihn ein Leben lang zu ernähren, ohne dass es aufgefallen wäre. Hans war keineswegs feige! Er war vorsichtig.

Nur in einer Beziehung verliess ihn stets sein Mut: bei Frauen. Er hatte sich ein paar Mal eine Abfuhr geholt, weil die jeweils Angesprochene nichts mit ihm zu tun haben wollte. Vielleicht war sie schon vergeben, oder er war nicht ihr Typ gewesen. Dass seine Mutter zu allem Überfluss auch noch eine ausgesprochen herrische Person war, die stets die gesamte Familie zu dominieren versuchte, was sich auch auf Hans Erziehung ausgewirkt hatte, trug zu seinen Hemmungen bei. Er schloss von ihrem Verhalten auf das anderer Frauen und fragte sich, was er in einem solchen Fall tun würde. Es ergab sich dabei fast von allein, dass er Frauen und auch gleichaltrigen Mädchen stets mit einem Übermass an Respekt begegnete.

Dabei war Hans nicht unattraktiv, aber sicher kein Frauenschwarm. Aber immerhin ein junger Mann, der sich sehen lassen konnte: mehr als 190 cm gross, schlank und deshalb eher schmal wirkend, was aber deutlich täuschte, denn in seiner Jacke konnte ein breitschultriger Kleinerer verschwinden wie ein Baby. Nur Hans sah man es nicht an, dass er kräftiger und breiter gebaut war als viele seiner Altersgenossen. Er hatte es schwer, Konfektionskleidung zu kaufen. Das meiste war ihm zu klein, zu schmal oder zu eng. Und bei Schuhen erging es ihm ähnlich! Er wollte auf Helgoland probieren, etwas Passendes für sich zu finden, wenn ihm die Zeit dazu blieb.

Hans hatte vor seinem Studium seinen Gesellenbrief als Maurer erworben, und das mit der Gesamtnote zwei, ohne die er nicht einmal zur Aufnahmeprüfung zum Ingenieurstudium an der Bauschule Hamburg zugelassen worden wäre. Seine Schwächen in Mathematik und Physik hatten ihn ein Semester Studienzeit gekostet: Schon in der Berufsschule hatte er ein Defizit bei seinen Mathematikkenntnissen festgestellt, und im zweiten Semester seines Studium war es offenbar geworden: In manchen Dingen hatte er, wie es ein Dozent unter einer von ihm abgegeben Arbeit formulierte, nicht einmal den Schimmer einer Ahnung!

Er wiederholte das Semester und kam nun ins dritte. Er hatte zuvor Erfahrungen gesammelt als Maurerlehrling an verschiedenen Baustellen, hatte die Aufnahmeprüfung zur Bauschule bestanden, aber er hatte noch keinerlei erotische Erfahrungen sammeln können. Er war der Meinung, das müsse sich wohl ergeben. Seine Eltern offenbar auch! Was er über Sex wusste, hatte er aufgeschnappt. In der Schule war im Biologieunterricht ausführlich von Bienen die Rede gewesen, aber nicht gerade von denen, die man gelegentlich in speziellen Vierteln Hamburgs auf der Strasse traf - nur da nannte man sie anders - und die einen pubertierenden Jungen in seinem Alter wirklich zu interessieren begannen!

Er wusste inzwischen sehr wohl, welchen Zweck der kleine Fortsatz bei ihm zwischen den Beinen zu erfüllen hatte, wenn er nicht gerade pinkeln musste, sondern sich beim Anblick einer weiblichen Schönheit versteifte. Und das geschah ihm nun immer häufiger! Mitunter war das schon bei einem Foto der Fall, und er konnte diese Forderung nur dadurch besänftigen, dass er selbst Hand anlegte. Und deshalb wusste er auch, dass es Sperma war, was er dann abspritzte, wozu er eine Toilette aufsuchte. Hatte er sich erst einmal erleichtert, dann sah er die Welt schon viel nüchterner an und die Reize attraktiver Frauen deutlich gelassener!

Die Fahrt nach Helgoland von Wyk auf Föhr aus hatte er auf Anregung seines 15 Jahre älteren Vetters angetreten, der mit seiner Familie auf Föhr wohnte und ihn gebeten hatte, ihm einen besonderen Whisky mit zu bringen, den man zu einem vernünftigen Preis nur auf Helgoland erwerben könne. Hans hatte keine Verwendung für Schnäpse irgendwelcher Art, und deshalb konnte er seinem Vetter diesen Gefallen gern tun - wenn der ihn auch bezahlte! Das war nicht selbstverständlich, denn Hans war Gast in der Wohnung seines Vetters. Um diese Jahreszeit war normalerweise jedes Bett an einen Kurgast vermietet, aber in diesem Monat waren zwei Wochen nicht belegt, so dass Hans bei seinen Verwandten auf Föhr Urlaub machen konnte. Hans genoss es! Und er freute sich auf die Fahrt nach Helgoland!

Plötzlich neigte sich die Rüm Hart zuerst deutlich und relativ lange nach Steuerbord. Dann folgte ein Anheben und Überholen des gesamten Schiffs zur Backbordseite.

Die Rüm Hart setzte nun deutlich härter ein in die Wellen, und Spritzwasser kam über das ganze Schiff. Der Kapitän hatte schon einige Minuten vorher das Vorschiff sperren sperren lassen, auf dem einige junge Leute zu heissen Rhythmen zu tanzen versucht hatten, weil es dort nun einfach zu nass wurde. Also verteilten sich die Gäste vom Vorschiff auf der gesamten Rüm Hart, wobei viele versuchten, auf dem Sonnendeck hinter der Kommandobrücke einen Platz zu finden. Einigen gelang es, andere kehrten aufs Restaurantdeck zurück, andere versuchten, noch einen der Liegestühle zu ergattern, die im Freibereich im Heck unter dem Sonnendeck des Schiffes zur Verfügung gestellt worden waren. Hier sassen sie dann auch einigermassen trocken: Das Spritzwasser von vorn schoss an ihnen vorbei. Nur, dass einige Seekranke den gleichen Platz aufgesucht hatten, um wenigstens an der frischen Luft zu sein, störte anfangs ein wenig. Aber nur vorübergehend: Sie kotzten still und ergeben vor sich hin, aber sie belästigten keine anderen Passagiere damit, wenn die sich ihnen nicht in den Weg stellten. Gelegentlich stieg auch eine Welle hoch genug ein, dass sie flach über das Achterdeck wusch und das Erbrochene mitnahm. Die nicht Seekranken nahmen dann die Füsse hoch, damit das Wasser unter ihnen hindurch laufen konnte, den Seekranken war es egal. Sie reagierten nicht!

Auf dem Sonnendeck oben war es nicht wesentlich anders, nur die Nordsee wusch das Erbrochene nicht fort. Es blieb liegen und stank - was durch den immer noch deutlichen Wind rasch davon getragen wurde. Die Besatzung würde es wohl während der Liegezeit vor Helgoland wegspülen.

3.

Hans sass bisher einigermassen geschützt auf dem Sonnendeck unmittelbar hinter den Aufbauten der Kommandobrücke. Feucht war es hier zwar auch, aber nicht nass. Er sah in den überdachten Mittelaufbau hinter den Brücke hinein. Dort stapelten sich die Fahrgäste fast aus Angst vor der nach jedem Eintauchen des Schiffes überkommenden Nässe. Nur wenige blieben auf dem Sonnendeck. Darunter eine junge Frau, oder ein Mädchen, ganz genau war es nicht erkennbar, weil sie sich ganz in Windschutzkleidung eingehüllt hatte. Sie hatte ganz hinten auf einer Kiste mit Rettungsmitteln Platz genommen und die Beine fast hoch gelegt. Hans hatte sie schon gesehen, als sie vom Vorschiff nach oben gekommen war, allein, ohne Begleiter, und so sass sie noch immer da. Und sie scherte sich nicht darum, ob sie nass wurde oder nicht. Sie blickte interessiert auf die Nordsee, auf die inzwischen respektablen Wellen, in denen die Rüm Hart ihren schwankenden Kurs hielt, auf den Horizont, der absolut leer war, und schien sich an ihrem Platz ausgesprochen wohl zu fühlen. Von Seekrankheit bei ihr keine Spur!

Hans überwand aus einem Impuls heraus seine Hemmungen weiblichem Geschlechts gegenüber, gab seinen ziemlich gut geschützten Platz hinter der Kommandobrücke auf, der sofort von einem anderen Fahrgast wieder besetzt wurde, und ging zu ihr und der Rettungsmittelkiste, auf der sie allein sass. Von dem Spritzwasser, das die Rüm Hart mit jedem Eintauchen hoch schaufelte, war hier nichts mehr zu spüren. Die Tropfen flogen an diesem Platz vorbei.