Liebesbriefe aus Australien - Eva Menzel - E-Book

Liebesbriefe aus Australien E-Book

Eva Menzel

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Beschreibung

Das Eintreffen eines Briefes aus dem fernen Australien verändert mit einem Schlag Monas Leben. Denn obwohl dieser eigentlich ihrer Mitbewohnerin gilt, schreibt Mona dem Unbekannten selbst als "Melanie" zurück. Mit jedem Brief verliebt sie sich mehr in den geheimnisvollen Robin, was ihr sonst so beständiges Leben zunehmend ins Wanken geraten lässt – und ungeahnte Wahrheiten mit sich bringt.

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Seitenzahl: 253

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Eva Menzel

Liebesbriefe aus Australien

Impressum

© 2015 Eva Menzel

Druck und Verlag: epubli GmbH, Berlin, www.epubli.de

ISBN 978-3-7375-3622-6

Printed in Germany

Für meinen wundervollen Ehemann, der immer an mich glaubt und für meine Eltern, die mir vieles ermöglicht haben.

Kapitel 1:

Zum wiederholten Male wischte ich mir den Schweiß aus der Stirn und drosselte mein Tempo allmählich, um meinen Puls wieder auf Normalniveau herunter zu bringen.

Ich jogge für mein Leben gerne. Es befreit mich von den alltäglichen Sorgen und Pflichten und hinterher fühle ich mich jedes Mal so gut, dass ich um nichts in der Welt auf dieses Gefühl verzichten möchte.

Auch an jenem Tag, einem Dienstag mitten im Frühling, war ich wieder einmal stolz auf mich, nachdem ich meine übliche Strecke von zehn Kilometern gelaufen war und wieder zurück in unsere Straße einbog, in der ich zusammen mit meiner Mitbewohnerin Melanie eine großzügige Drei-Zimmer-Wohnung im ersten Stock eines sechs Parteien Hauses bewohnte. Wie immer nach meinem schweißtreibenden Training warf ich zunächst einen Blick in unseren schmalen Briefkasten, bevor ich hoch in die Wohnung ging, um mich gründlich zu duschen. Doch diesmal dauerte der Weg bis ins kühle Nass länger als gewöhnlich, da mein Blick beim Aussortieren der Post sofort auf den großen Umschlag fiel, der zwischen den üblichen Rechnungen und Werbeanzeigen hervorblitzte. Dass er an meine Mitbewohnerin adressiert war, wunderte mich umso mehr, da diese meines Wissens noch nie zuvor persönliche Post erhalten hatte - zumindest, seitdem sie vor knapp zwei Jahren bei mir eingezogen war.  Beim näheren Betrachten stachen mir außerdem sofort die vielen Stempel sowie der Vermerk „Luftpost“ ins Auge. Da ich von Natur aus neugierig bin, schaute ich sofort auf der Rückseite nach, von wem dieser außergewöhnliche Brief stammte. In ordentlicher Schrift stand dort in schwarzen Buchstaben der Name eines mir unbekannten Mannes mit einer Adresse in Sydney, Australien!

„Wow“, dachte ich anerkennend und fuhr mir dabei gleichzeitig überrascht durch meine feuchten braunen Haare „Melanie bekommt Post von einem Typen aus Australien. Wie cool!“ 

Bestimmt war sie genauso erfreut wie ich, wenn sie den Brief bekam, darum zögerte ich nicht lange und wartete mit dem weiteren Aussortieren der Post, bis ich in der Wohnung war, damit ich Melanie den Brief gleich zeigen konnte.

Wie gewöhnlich um diese Uhrzeit - ein Blick auf mein Handgelenk verriet mir, dass es genau elf war - befand sich meine Mitbewohnerin gerade in ihrem Zimmer, um die Stunde bis zur Vorlesung dazu zu nutzen, sich den Stoff vom Vortag gründlich durchzulesen und einzuprägen. Wie ich wusste standen in ihrem Studiengang - Biologie - bald einige wichtige Prüfungen an. Doch, worum es dabei genau ging, wusste ich nicht, da ich mich nie sonderlich für das Fach interessiert hatte und auch nicht die örtliche Universität besuchte. Seit gut einem Jahr arbeitete ich in einem kleinen, gemütlichen Café in einer ruhigeren Gegend der lauten Innenstadt und verdiente mein Geld damit, Bagels zu schmieren, Shakes und heiße Getränke zuzubereiten und Sachen aus dem Lager zu holen. Wenn ich einmal die Spätschicht erwischt hatte, musste ich zudem alle Tische und Stühle wieder gerade rücken, die Flächen gründlich wischen und den Laden zusperren. Heute hatte ich allerdings meinen freien Tag, den ich wie gewöhnlich dazu genutzt hatte, meinem Lieblingssport am Morgen nachzugehen und, an dem ich später noch einkaufen wollte.

Melanie zog damals bei mir ein, da ich im Internet eine Anzeige geschaltet hatte, in der ich das dritte Zimmer in meiner Wohnung, das ich anfangs als praktisch, später als überflüssig empfand, zur Miete an Studenten freigegeben hatte. Kurze Zeit später meldeten sich in etwa fünf davon bei mir. Dreien sagte ich sofort ab, da es männliche Bewerber gewesen waren, die sich auf gut Glück beworben hatten, obwohl ich in der Annonce ausdrücklich um eine Mitbewohnerin gebeten hatte. Neben Melanie hatte mich dann noch eine etwa 40-jährige Langzeitstudentin besucht, um sich das Zimmer anzusehen - dieser erteilte ich allerdings ebenfalls eine Absage, nachdem sie die komplette Wohnung neu einrichten und einen ausführlichen Putzplan aufstellen wollte. Zugegebenermaßen hatte ich es mit Melanie dann doch am besten getroffen, auch wenn wir so gut wie nichts gemeinsam hatten - und damit meinte ich nicht nur ihre Vorliebe für und meine Abneigung gegen Biologie - und selten etwas zusammen unternahmen - vom gemeinsamen Kochen und Fernsehen einmal abgesehen. Außerdem interessierte sie sich neben ihrem anspruchsvollen Studium für Mode, Stars und Männer - letztere brachte sie sogar manchmal nach einer Party mit nach Hause, obwohl sie genau wusste, wie wenig ich davon hielt. Ich hingegen machte lieber Sport und war eng mit meiner Familie und meinen Freunde verbunden. Dennoch war sie ein nettes, freundliches Mädchen, das auch mal bereit war, das Putzen und Aufräumen zu übernehmen - zumindest was Küche und Bad betraf.  In ihren eigenen vier Wänden sah es meistens eher chaotisch aus, auch wenn ich das Gefühl hatte, dass trotzdem ein System dahinter steckte. Schließlich war sie in ihrem Studienjahrgang eine der besten und engagiertesten, wie ich mitbekommen hatte, und verpasste selten eine Vorlesung. Sie ging zwar gerne und oft feiern, aber die Uni vernachlässigte sie deswegen kein Stück, was ich bewunderte, wie ich zugeben musste. Klar, ich musste meine zwei Jobs - an manchen Tagen war ich zusätzlich in einem Second-Hand-Laden tätig - unter den Hut kriegen, aber so einen Berg zu lernen hatte ich höchstens Mal vorm Abitur gehabt und da waren die Fächer im Vergleich zu Melanies Biologiestudium wohl eher unkompliziert gewesen. Damals hatte ich mich allerdings so rein gestresst, dass ich die Nächte vor den Klausuren kaum ein Auge zugemacht hatte und mit meinen Leistungen hinterher nur mittelmäßig zufrieden gewesen war. Jedenfalls hatte ich anschließend keine Lust mehr gehabt, überhaupt jemals wieder so viel zu lernen, weshalb ich mich bis heute - drei Jahre nach meinem Abitur - mit Minijobs über Wasser hielt. Ob ich jemals meinen Weg zur Uni finden würde, wusste ich nicht. So wie es momentan für mich lief, war ich zufrieden: ich verdiente mit beiden Jobs immerhin genug, um meinen Teil der Miete und die Einkäufe zu bezahlen und hatte oft sogar ein paar Euro übrig, um mir ab und zu einen ausgiebigen Shoppingtag zu gönnen.

Was Melanie wiederum anging, so bezahlte sie nicht einmal ihren Teil der Miete, geschweige denn die Studiengebühren oder ihre vielen teuren Klamotten selbst, die sie tagtäglich zur Schau trug. All das übernahmen ihre Eltern, die beide offenbar ein gutes Vollzeitgehalt bezogen und Melanie und ihrer jüngeren Schwester das Geld nur so in den Rachen steckten - dabei schien Melanie nicht einmal ein enges Verhältnis zu ihnen zu haben. Ihre Eltern wohnten, genau wie meine, auch nicht hier in der Stadt, sondern weiter weg. Meine Eltern und Geschwister sah ich so oft es nur ging, auch wenn ich mal ein oder zwei Stunden mit dem Zug fahren musste - aber das ging ja im Vergleich zu den 600 Kilometern, die Melanie von ihrer Heimatstadt trennten…

Jedenfalls führte Melanie trotz ihrer finanziellen Abhängigkeit ein recht selbstständiges Leben und lernte so viel wie möglich, um mit der Bestnote dieses Jahr ihren Bachelor zu machen - den Studienabschluss, der für alle Länder und Fächer in Europa gleich war

und, den man nach drei Jahren in der Tasche hatte. Ihre weiteren Pläne kannte ich nicht - vielleicht wollte sie danach erst mal versuchen, ihr eigenes Geld zu verdienen, oder eine Zeit lang reisen…

Womöglich zog sie es ja auch nach Australien, wie ihren Brieffreund, dessen ungeöffnete Nachricht ich meiner Mitbewohnerin nun übergeben wollte und deshalb nach meinem Ankommen in der Wohnung ein paar Mal gegen ihre Zimmertür klopfte.

„Mel, du hast Post bekommen“, informierte ich sie dabei, wohlwissend, dass sie einen Brief, der eine kilometerlange Reise hinter sich hatte, bestimmt nicht erwartete. Dennoch öffnete sie die Tür, um mir „Guten Morgen“ zu sagen und sich die Rechnungen, die sie vermutete, kurz anzusehen, bevor sie diese wie üblich an ihre Eltern weiterleiten würde.

„Was ist das denn hier?“, fragte sie, erstaunt über den dicken Brief, den ich ihr überreichte, nachdem sie ihren blonden Schopf durch die Tür gesteckt hatte. Sie drehte den Umschlag um, genau wie ich es vor einigen Minuten im Treppenhaus getan hatte. Als sie jedoch den Absender sah, ließ sie den Brief augenblicklich fallen, sodass er aufgrund seines Gewichts rasch den Fußboden erreichte. Es sah fast so aus, als wäre sie über den Absender des Briefes nicht sonderlich erfreut und hätte sich sogar erschreckt, als sie seinen Namen gelesen hatte.

„Den Brief kannst du getrost wegschmeißen, ich will ihn gar nicht erst lesen!“, sagte sie in einem leicht verärgerten Tonfall und wollte schon wieder die Türe hinter sich zu ziehen, doch ich hielt sie auf und fragte besorgt:

„Alles in Ordnung, Mel? Wer…wer ist denn dieser Robin überhaupt?“

„Ach, der kann mir echt gestohlen bleiben“, war Melanies patzige Antwort. Doch als sie sah, dass ich mich damit nicht zufrieden geben wollte, meinte sie versöhnlich:

 „Hast du vielleicht Lust auf einen Kaffee? Dann mach ich uns welchen und erzähl dir, warum ich den Brief nicht lesen mag, okay?!“

Zwar war ich verwirrt von ihrem plötzlichen Sinneswandel, aber gleichzeitig viel zu neugierig. Darum nickte ich hastig und folgte ihr in die Küche.

Nachdem sie zwei Pads in die Kaffeemaschine eingelegt und den Knopf betätigt hatte, füllten sich unsere Tassen augenblicklich mit der dampfenden Koffeinbrühe. Bei dem herrlichen Geruch vergaß ich fast, dass ich vom kühlen Schweiß auf meiner Haut fröstelte und unter die Dusche musste. Wie üblich gab ich zwei Stück Zucker und einen Schluck Milch in meinen Becher, als Melanie den Kaffee brachte. Danach sah ich sie aufmunternd an und hörte ihr gespannt zu.

„Also, du weißt ja, dass ich auf der Uni ziemlich viele Leute kennenlerne - meistens auf den Mensaparties“, fing sie an und ich nickte dabei, während ich an dem heißen, wohltuenden Gebräu nippte.

„Vor circa drei Monaten hab ich Robin auf so einer Feier kennen gelernt. Naja, jedenfalls hat es sofort zwischen uns gefunkt und wir haben... du weißt schon, also man kann sagen, wir waren ein Paar“, versuchte sie mir zu erklären, während ich mich an Melanies diverse Männerbekanntschaften und einen gewissen Robin zurückzuerinnern versuchte - erfolglos.

Doch Melanie lieferte schon die Erklärung:

„Ich hab ihn nie hierher mitgebracht - wir waren immer nur bei ihm… er hat echt eine megaschöne Wohnung, du weißt schon, so im Altbau-Stil mit hohen Stuckdecken, echt der Wahnsinn und, naja, ich hab ihm erzählt, ich wohne alleine… weiß auch nicht, warum, ist ja keine Schande, in einer WG zu wohnen, aber irgendwie war‘s mir peinlich, weil doch seine Bude so super war…

Ach ja, und irgendwann fing er dann von Australien an und, dass er nach seinem Master ein halbes Jahr dort leben wird - er hat sich das Geld dafür schon jahrelang zusammengespart und sogar sein Auto dafür verkauft und so…“

Je länger Melanie erzählte, desto neugieriger wurde ich, auch wenn ich jetzt schon wusste, dass ihre Beziehung - dass so ein Wort in Melanies Wortschatz überhaupt existierte! - wohl kein allzu glückliches Ende genommen hatte.

„Also fragte ich ihn eines Tages, wie es dann wohl mit uns weitergehen würde - ehrlich gesagt hatte ich mich doch ganz schön in ihn verliebt... und daraufhin sagte er mir, er wolle mir schreiben. Schreiben?! Das war doch keine Antwort, verdammt! Ich dachte, er macht einen Scherz, doch kurz darauf hat er sich einfach aus dem Staub gemacht, ohne ein weiteres Wort, ohne an mich zu denken. Nur eins hat er noch gesagt, nämlich, dass eine wirklich gute Beziehung große Distanzen übersteht. Aber ich glaube, das war einfach nur eine verdammte Ausrede, weil er mich nicht mehr sehen wollte und zu feige war, mit mir Schluss zu machen!“, entfuhr es Melanie nun wütend und sie stürzte viel zu hastig ihren süßen Kaffee hinunter. Nachdem sie anscheinend nichts mehr weiter hinzuzufügen hatte, meldete ich mich vorsichtig zu Wort:

„Aber... er hat dir doch nun geschrieben, nicht wahr?!“

Emotionslos zuckte Melanie die Achseln.

„Na und - denkst du im Ernst, ich will nach all dem noch lesen, was er mir zu sagen hat? Es spielt doch eh keine Rolle mehr - ich brauche keinen Freund, der mich einfach verlässt, um in die große weite Welt hinauszuziehen. Ich hab genug Freunde und manche davon sind besser im Bett, als er es je sein könnte“, meinte sie trocken und erhob sich.

„Ich werde den Brief jedenfalls wegschmeißen - Robin ist für mich gestorben, so sieht‘s aus.“

Irgendwie konnte ich sie sogar ein Stück weit verstehen und hörte in all ihrer Wut ihre Enttäuschung heraus, die sie nach Robins plötzlichem Verschwinden wohl damals empfunden hatte. Jetzt wirkte sie zwar so, als ließen sie die Vergangenheit und Robins plötzlich aufgetauchter Brief kalt, doch ob ich ihr das so ganz abnahm, wusste ich nicht.

„Mona, jetzt guck mich bitte nicht so vorwurfsvoll an, ich hab wirklich genug Stress momentan mit der Uni und allem, da kann ich einen unzuverlässigen Exfreund jetzt am wenigsten gebrauchen,

ganz ehrlich…“, kommentierte sie meinen verblüfften Gesichtsausdruck und ging dann rasch in ihr Zimmer. Nur, um wenige Minuten später, nachdem ich gerade unsere Tassen abgespült und in den Schrank gestellt hatte, wieder mit einer großen Tasche herauszukommen, in der sie immer ihre Unisachen verstaute.

„Und genau jetzt muss ich auch schon los, sonst verpasse ich noch die Vorlesung heute bei Herrn Fischer - und der ist verdammt gut.“

Inzwischen lächelte sie wieder und blickte drein, als hätte unser persönliches Gespräch nicht stattgefunden.

„Also dann…“, verabschiedete sie sich und schloss kurz danach die Haustür.

Ein flüchtiger Blick zu ihrer Zimmertür verriet mir, dass sie vergessen hatte, den Brief aufzuheben und zu entsorgen. Also, was sollte ich damit tun?

„Das ist nicht deine Sache, Mona!“, meldete sich eine Stimme in meinem Inneren, als ich den Brief vorsichtig aufhob, noch einmal einen Blick auf den Absender und den Namen des fernen Kontinents warf, und ihn anschließend auf die Küchentheke legte. Wenn Melanie ihn zum jetzigen Zeitpunkt nicht lesen wollte, blieb er eben erst mal hier liegen. Vielleicht überlegte sie es sich ja noch einmal, dachte ich mir, und beschloss, erst einmal zu duschen und danach eine Einkaufsliste mit den wichtigsten Lebensmitteln zu schreiben, die wir für die nächsten Tage brauchen würden.  In der Regel besorgte ich meistens die Einkäufe - streng genommen hätte natürlich jede von uns etwas zum Zusammenleben beitragen sollen, aber Einkaufen machte mir Spaß. Außerdem hatte Melanie wie gesagt kein eigenes Geld, das sie dafür hätte nehmen können, also ersparte ich ihr das eben.

Während ich noch so darüber nachdachte, welchen Jogurt meine Mitbewohnerin am liebsten aß, schweiften meine Gedanken doch wieder zu dem Brief ab, der da so unachtsam neben der Obstschale lehnte. Was hatte Melanie schon zu verlieren, dachte ich mir, während ich mir vorstellte, wie dieser Robin all seinen Mut zusammen genommen und seiner Exfreundin, von der er wusste, dass sie reichlich sauer auf ihn war, aus einem fremden Land einen Brief geschrieben hatte - dem Gewicht nach zu urteilen, einen mit mehreren Seiten.  Ob Melanie von diesem Robin wirklich so enttäuscht gewesen war, wie sie es mir gerade geschildert hatte? Oder ob sie der Beziehung von Anfang an keine richtige Chance gegeben hatte? Immerhin war Melanie mit keinem Mann bisher so lange zusammen gewesen. Zumindest nicht, seit ich sie kannte, wenn ich das richtig mitbekommen hatte - von Robin hatte ich ja bisher auch nichts gewusst.

Andererseits, dachte ich zu Melanies Verteidigung, hatte es die hübsche stupsnasige Blondine bestimmt auch nicht leicht, mit ihrem Aussehen einen Mann zu finden, der nicht nur auf Sex mit ihr aus war -

ihr Ruf eilte ihr eben voraus. Vielleicht war dieser Robin aber ein ganz anderer Mann, vielleicht hatte er Melanie wirklich gern gehabt, und konnte es ihr nur nicht richtig zeigen?!

Warum dachte ich eigentlich so intensiv darüber nach? Robin war schließlich nicht mein Exfreund - „schön wär‘s", dachte ich in Gedanken an meinen langjährigen Partner.

Doch, da ich in diesem Augenblick nicht über diesen nachdenken wollte, beeilte ich mich nun hastig, unter meine wohlverdiente Dusche zu kommen und anschließend einkaufen zu gehen.

Kapitel 2:

Als ich im Supermarkt ankam, der nur wenige hundert Meter von unserer Wohnung entfernt lag, war es bereits früher Nachmittag und sämtliche Oberstufenschüler sowie Rentner und Familien mit kleinen Kindern waren im Laden zusammengetroffen. Normalerweise mochte ich das Gedränge, das dort um diese Zeit herrschte, nicht besonders. Vor allem, wenn man hinter jemandem an der Kasse stand, der den gesamten Jahresvorrat an Lebensmitteln aufs Band gehievt hatte und dann noch ewig lange mit dem Kassierer über irgendetwas diskutierte.

An diesem Tag jedoch ließ ich mir mehr Zeit, meinen Wagen durch die engen Gänge zu schieben und las mir die Zutatenliste einzelner Produkte genauer durch. Die Hektik, die um mich herum herrschte, konnte ich gut ignorieren. Schließlich hatte ich heute mal einen freien Tag und konnte mir alle Zeit der Welt lassen, nachdem ich mich beim morgendlichen Joggen so verausgabt hatte. Gerade hatte ich einen ordentlichen Vorrat an Obst und Gemüse zusammengestellt, da tippte mir jemand auf die Schulter.

„Tschuldigung, ich hätt‘ gern gewusst, wo die Eier sind“, wurde ich angesprochen und dabei wohl aufgrund meines roten T-Shirts  für eine Mitarbeiterin der Supermarktkette gehalten. Glücklicherweise konnte ich trotzdem Auskunft geben und setzte meinen Weg ungehindert fort. Am Süßigkeitenregal angekommen entschied ich mich, mir eine Packung Schokoladenkekse zu gönnen, obwohl ich genau wusste, dass die sich meistens als Hüftgold absetzten.  Aber heute war ich immerhin aktiv gewesen, das musste doch belohnt werden!

Nach dem Bezahlen stellte ich fest, dass ich es mal wieder zu gut  gemeint hatte, und mir wie schon so oft viel Gewicht auflud - aber irgendwie schaffte ich es trotzdem nach Hause, ohne dass ich die Taschen unterwegs einmal absetzten musste. Für Vorbeigehende sah es zwar mit Sicherheit seltsam aus, als ich mit zwei überfüllten Stoffbeuteln durch die Straßen schlurfte und dabei trotz guter Kondition keuchte,  doch das ließ mich heute kalt.

Zurück in der Wohnung verlagerte ich das meiste in den Kühl- und Vorratsschrank und machte mir anschließend noch einen Kaffee, den ich zu meiner Packung Kekse trinken wollte. Mit der Schachtel in der Hand ging ich in Richtung Couch, als mein Blick auf einmal zur Seite fiel und ich ungewollt den Brief wieder sah. Irgendwie brachte mich dieser schon wieder ins Grübeln. Doch, so sehr ich darüber nachdachte, ich fand keine Erklärung dafür, warum Melanie den Brief nicht einmal lesen wollte.

Plötzlich kam ich auf die Idee, dass zwischen meiner Mitbewohnerin und ihrem Ex vielleicht mehr passiert sein könnte, als nur der Streit wegen Robins Abreise. Könnte er sie vielleicht wegen einer anderen verlassen haben? Das klang unlogisch, da er sich ja offensichtlich tatsächlich in Australien befand und sicherlich keinen gekannt hatte, als er dorthin geflogen war. Allerdings konnte es doch sein, dass er sie vor seiner Abreise hintergangen hatte. Vielleicht kam Melanie ja genau in dem Moment ins Schlafzimmer, als Robin und Kira… Moment mal, Kira?! Wie kam ich jetzt darauf?!

Ach ja, das war ja dieses billige Weibsstück, auf das sich mein ach so treuer Freund auf unsrer Abschlussfahrt nach Paris - Paris! Die Stadt der Liebe, wohlgemerkt… -  eingelassen hatte. Hätte ich nach dieser Aktion den Brief meines Exfreundes gelesen und einen auf verständnisvoll getan?! Wohl kaum. Nein, ich hätte ihn vor seinen Augen in klitzekleine Stücke gerissen, damit der Mistkerl mal gemerkt hätte, wie weh es getan hatte, als er das mit meinem Herzen gemacht hatte! Tja, leider hatte er mir keinen Brief geschrieben… seine Entschuldigung klang noch nicht einmal besonders aufrichtig! Ich hatte es danach richtig genossen, an unserem letzten Abend der Reise vor seinen Augen mit Davie, dem englischen Austauschschüler, herumzuknutschen - verdammt gut küssen konnte der! Mehr lief allerdings nicht, Erik war bisher mein einziger fester Freund gewesen, mit dem ich natürlich auch mein erstes Mal gehabt hatte. One-Night-Stands waren nichts für mich und trotz der Aktion von Erik glaubte ich immer noch an die große Liebe.

Jedenfalls… 1:0 für Melanie, falls sich Robin vor seiner Abreise wirklich so scheiße benommen hatte.

Doch aus irgendeinem Grund - sei es nun weibliche Intuition oder bloße Vermutung - glaubte ich, dass es bei der Sache nicht ums Betrügen ging. Das hätte mir Melanie bestimmt erzählt, egal, ob sie damals gedemütigt wurde. Außerdem gab es noch tausend andere Gründe für Streit in einer Beziehung - alle hatte ich während meiner vierjährigen Beziehung zu Erik schon durchlebt. Und darauf war ich nicht im geringsten stolz, falls das so klang. Da wären natürlich die klassischen Streitpunkte wie Eifersucht, Beziehungspause oder Lügen und ebenso Langeweile - wobei die in einer zweimonatigen Beziehung eher nicht so schnell auftrat. Vielleicht war Robin ja schlecht im Bett. Ach nein, damit hätte Melanie sicherlich geprahlt - es sei denn, es war andersrum… was für eine Blamage.

So wütend konnte sie außerdem nicht auf diesen Robin sein - schließlich hatte sie den Brief ja nicht zerrissen, sondern schlichtweg ignoriert - oder war das etwa noch schlimmer?! Das hieße nämlich, Robin war ihr egal! Und sagte man nicht, dass Hass besser als Gleichgültigkeit war, da man so immerhin irgendein Gefühl für die verachtete Person hatte?! Andererseits hatte Melanie den Brief nicht weggeworfen. Sie hatte ihn ja kaum fünf Sekunden in der Hand gehabt, nachdem ich ihn ihr gebracht hatte… ob das jetzt gut war oder schlecht, wusste ich nicht. Dennoch meinte ich, einen kleinen Anflug von... Angst auf ihrem Gesicht entdeckt zu haben, als sie den Absender las. Oder war es eher der Schock?

Ich konnte nur mit Sicherheit sagen, dass Robin Melanie einen ziemlich langen Brief aus Australien geschickt hatte. Den zu schreiben war sicherlich nicht leicht für ihn gewesen. Er wäre bestimmt am Boden zerstört, wenn Melanie den Brief nicht wenigstens lesen würde…

Vorsichtig nahm ich den braunen Umschlag noch einmal in die Hand und strich ihn dabei behutsam glatt. Mit einem Mal schien es immer verlockender, einen Blick auf den Inhalt zu werfen. Doch dazu hatte ich wirklich kein Recht. Ich konnte mich nicht einfach in eine längst vergangene Beziehung einmischen, mit der ich nichts zu tun hatte.

Konnte ich Melanie umstimmen und dazu bringen, den Brief selbst zu lesen? Wohl kaum - nach ihrer Rede von heute Morgen, hatte sie den Brief inzwischen wahrscheinlich längst vergessen und konzentrierte sich stattdessen lieber in der Uni auf die Lehre des Lebens oder so etwas. Außerdem war Melanie ein unglaublich sturer Mensch, der sich ungern in irgendwelche Sachen hineinreden ließ. Wenn sie also beschlossen hatte, von ihren Eltern wegzuziehen oder mit dem tollsten Jungen aus ihrem Kurs zu schlafen oder eben den Brief von ihrem Ex nicht zu lesen, dann tat sie das auch. Von ihren Eltern ließ sie sich wohl noch weniger sagen, als von mir, aber ich würde sie trotzdem nicht umstimmen können, was das Lesen des Briefes betraf. Und so würde der Brief früher oder später im Altpapier verschwinden, ob das Entsorgen nun ich oder Melanie erledigte - es spielte keine Rolle. Robin würde sich wahrscheinlich trotzdem eine schöne Reise in Australien machen, doch er würde sich bestimmt immer fragen, was aus seinem Brief geworden war. Und ich würde mich immer fragen, was wohl gewesen wäre, wenn Melanie den Brief doch gelesen und Robin verziehen hätte und zurückschreiben würde…

Vielleicht sollte ich den Brief einfach aufmachen und selbst lesen - wenn dieser Robin vielleicht gar nicht so ein schlechter Kerl war, könnte ich das Melanie ja sagen. Womöglich würde sie sich sogar dafür bedanken - sonst hätte sie doch niemals erfahren, dass Robin sie zurück wollte. Vielleicht sollte ich in dieser komplizierten Angelegenheit vermitteln. Dann wäre ich die Heldin, die…

Verdammt, dachte ich mir in diesem Moment, das hörte sich nach einer ziemlich miesen Ausrede dafür an, dass ich vor Neugier schier platzte, je länger ich den Brief in der Hand hielt. Und dennoch könnte ich irgendwie recht haben… Das würde ich jedoch nie erfahren, wenn ich den Brief nicht lesen würde. Was würde das ausmachen, dachte ich mir, wenn Melanie nach meinem Lesen immer noch nichts mehr von Robin wissen wollte, war das Ganze eben umsonst.

Inzwischen war mein Kaffee unter der Maschine bestimmt kalt geworden und auf Kekse hatte ich keinen Heißhunger mehr. Darum schnappte ich mir augenblicklich den Brief und setzte mich damit in mein Zimmer aufs Bett - vorsichtshalber mit verschlossener Tür, obwohl ich wusste, dass Melanie noch mindestens drei Stunden in der Uni sein würde. Doch, statt den Brief einfach aufzureißen, streichelte ich ihn erst einmal vorsichtig und sah mir die Schrift des Unbekannten nochmals genauer an. Für einen jungen Mann schien er eine ganz ordentliche Handschrift zu haben. Überhaupt einen Mann zu finden, der heutzutage - im Zeitalter von E-Mails, SMS und Voice Mail - überhaupt noch Briefe schrieb, war nahezu unmöglich. So einer konnte doch nicht von Natur aus schlecht sein…

Nach einigen Minuten des stillen Betrachtens  gab ich mir endlich einen Ruck und öffnete langsam, mit angehaltenem Atem, den Umschlag, in dem sich ein etwa vier Seiten langer Brief befand. Schon auf den ersten Blick bemerkte ich, dass die Sauberkeit der Handschrift sich durchgesetzt hatte. Geschickt faltete ich die einzelnen Seiten auseinander und las gezielt den Anfang des weit hergekommenen Briefes.

Liebe Melanie, begann er - kein ungewöhnlicher Anfang - es tut mir leid, dass ich mich erst jetzt bei dir melde - ein Blick auf das Datum verriet mir, dass der Brief vor etwa einer Woche abgeschickt worden war.

Vor drei Tagen bin ich hier in Australien, genauer gesagt Sydney, angekommen - ob er das für eine lange Zeit hielt? Oder meinte er, weil er sich überhaupt so lange nicht gemeldet hatte? Ungeduldig las ich weiter, ohne mir über jedes einzelne Wort Gedanken zu machen.

Eine Entschuldigung wäre schon längst fällig gewesen, das weiß ich. Doch nach dieser Sache neulich… weißt du, da wusste ich einfach nicht, wie es mit uns weitergehen sollte. Vielleicht habe ich falsch reagiert und es war sicherlich feige von mir, mich einfach nicht mehr zu melden, aber ich sah keinen anderen Ausweg… ich wünsche mir von ganzem Herzen, dass du mir das verzeihst und wir noch einmal über den Vorfall sprechen können - vielleicht war alles nur ein großes Missverständnis. Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass du mir nicht egal bist, Melanie. Du bist eine ganz besondere Frau für mich und ich hoffe, wir bleiben in Kontakt.

Dass ich dir einen Brief geschrieben habe, soll in erster Linie zeigen, wie viel du mir bedeutest. Der andere - unromantischere - Grund dafür ist die Zeitverschiebung. Hätte ich dich anrufen wollen, wärst du wahrscheinlich gerade in der Uni gewesen oder hättest geschlafen. Da ich bis jetzt noch keinen Job habe, weiß ich auch noch nicht, ob sich daran in den nächsten Wochen etwas ändern wird. Aber, falls du gerne persönlich mit mir sprechen möchtest, lass es mich bitte wissen, dann finden wir einen Weg, versprochen!

Hier im Studentenwohnheim, in dem ich kurzfristig untergekommen bin, ohne wirklich hier zu studieren, gibt es einen Telefonanschluss und mit einer günstigen Telefonkarte kann ich bestimmt auch mal nach Deutschland telefonieren. Das macht Brad, mein Zimmergenosse aus Amerika, auch oft, hat er mir erzählt. Er ist echt funny, wie man hier sagen würde ;-)

Gestern hat er mir hier in der Gegend - einem Vorort von Sydney - ein Internetcafé gezeigt, in dem ich mir einen Lebenslauf angelegt habe. Demnächst will ich in der Innenstadt nach einem Job fragen. Wobei mir im Moment egal ist, als was ich arbeiten werde, denn nach dem teuren Flug muss ich erst einmal wieder zu Geld kommen. Mit dem Visum ist das aber geregelt, bis 30 darf man hier nämlich als Ausländer eine Arbeitserlaubnis beantragen. War auch gar nicht so schwer, eines zu bekommen - Papierkram eben.

Und wie läuft es bei Dir so zurzeit? Macht dir das Biologiestudium noch Spaß? Ich habe dich als sehr ehrgeizige Person kennen gelernt und bin mir sicher, du wirst als Beste abschneiden bei den Endprüfungen dieses Jahr. Vielleicht fängst du dann auch etwas Sinnvolleres an, anstatt wie ich mein ganzes Geld auf den Kopf zu hauen, um ins Ausland zu reisen ;-)

Aber das ist natürlich Quatsch, bisher finde ich es hier echt toll, und bin froh, nicht gleich in den Berufsalltag eingestiegen zu sein - trotz meines erfolgreichen Masterabschlusses.

Das einzig Traurige ist natürlich, dass du nicht mit mir hier sein kannst. Ich bin mir sicher, du wärst von der Stadt total begeistert - hier kann man nämlich shoppen bis zum Umfallen. Viel habe ich zwar leider noch nicht gesehen, aber das wird sich in nächster Zeit bestimmt ändern!

Wenn du willst, darfst du mir gerne an die Adresse auf dem Umschlag zurückschreiben, daran ändert sich bis auf Weiteres nichts. Ich würde mich jedenfalls sehr freuen, mal wieder etwas von dir zu hören und hoffe, du bist nicht zu sehr enttäuscht von mir…

Liebste Grüße und a big hug from Sydney

Dein Robin

Ich las die letzten Zeilen gleich noch einmal. Dann noch einmal und danach den ganzen Brief noch einmal von Anfang an. Den Großteil des Inhalts hatte ich verstanden - der klang nicht weiter persönlich, sondern eher wie ein kleiner Reisebericht auf einer Postkarte… doch was war mit dem Rest? Was meinte er mit dieser Sache, die zwischen den beiden vorgefallen war und mit dem möglichen Missverständnis?

Diesen Teil konnte ich mir als außenstehende Person schwer erschließen. Dennoch hatte mich mein Gefühl nicht betrogen: Robin schien in der Tat ein aufrichtiger, emotionaler und rücksichtsvoller Mensch zu sein. Den einzigen Fehler, den er möglicherweise begangen hatte, hatte Melanie verschwiegen, denn es war eindeutig, dass sie mir nicht die ganze Wahrheit über ihre Trennung von Robin gesagt hatte. Was ich jedoch nachvollziehen konnte - schließlich war ich nicht ihre beste Freundin und der Vorfall war vermutlich persönlich…