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Ein Traum geht für die Schmuckdesignerin Cassandra Wellington in Erfüllung, als sie nach Venedig reist, um einen Vertrag mit ihrem Lieblingsglasproduzenten zu unterschreiben. Sie ist wie vor den Kopf gestoßen, als dieser ihr im letzten Moment mitteilt, eine Vereinbarung mit einem anderen Unternehmen getroffen zu haben. Doch zum Glück trifft sie erneut auf den attraktiven Restaurator Nikos, der sie tröstet. Umso größer ist ihr Schock, als sich Nikos als der Unter-nehmer entpuppt, der ihr das Gazetti-Glas vor der Nase weggeschnappt hat. Ihre beste Freundin Alexandria über-redet sie daraufhin, Nikos' Interesse an ihr auszunutzen und ihn während eines Dates zu überreden, den Vertrag an sie abzutreten – was gehörig schiefgeht.
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Seitenzahl: 234
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Leandra Lewe
© tensual publishing Mettingen 2021
Tensual ist ein Imprint von dead soft verlag
http://www.deadsoft.de
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© the author
Cover: Irene Repp
http://www.daylinart.webnode.com
Bildrechte: © zigres – shutterstock.com
1. Auflage
978-3-946408-19-2
978-3-946408-20-8 (epub)
Ein Traum geht für die Schmuckdesignerin Cassandra Wellington in Erfüllung, als sie nach Venedig reist, um einen Vertrag mit ihrem Lieblingsglasproduzenten zu unterschreiben. Sie ist wie vor den Kopf gestoßen, als dieser ihr im letzten Moment mitteilt, eine Vereinbarung mit einem anderen Unternehmen getroffen zu haben. Doch zum Glück trifft sie erneut auf den attraktiven Restaurator Nikos, der sie tröstet.
Umso größer ist ihr Schock, als sich Nikos als der Unternehmer entpuppt, der ihr das Gazetti-Glas vor der Nase weggeschnappt hat. Ihre beste Freundin Alexandria überredet sie daraufhin, Nikos’ Interesse an ihr auszunutzen und ihn während eines Dates zu überreden, den Vertrag an sie abzutreten – was gehörig schiefgeht.
„Haben Sie keine Augen im Kopf?“, rief Cassandra aufgebracht und hockte sich auf den mit Zetteln übersäten Boden.
Der Gedanke, dass dieser tollpatschige Mistkerl ihren Ausruf nicht verstanden hatte, verärgerte sie. Ändern konnte sie daran aber nichts. Es war ihr nun einmal in Englisch herausgerutscht und sich in Italienisch zu wiederholen, machte keinen Sinn mehr. Der grobe Kerl mit der stinkenden Zigarre in dem zur Grimasse verzogenen Gesicht war längst im Nebenraum verschwunden.
Was soll’s, versuchte sie sich selbst zu beruhigen und sammelte ihr Zettelwerk weiter ein. Es gab wichtigeres zu bedenken. Sie musste konzentriert bleiben. Trotz ihrer Begeisterung für Venedig war sie doch nur eine Besucherin, die bald schon wieder aus der wundervollen Lagunenstadt abzureisen gedachte. Vielleicht war es sogar ganz gut, dass dieser ungehobelte Kerl sie nicht verstanden hatte. So musste er sich selbst ausmalen, was sie ihm hinterhergerufen hatte – und in seiner Vorstellung war sie bestimmt nicht so nett, wie sie es tatsächlich gewesen war.
Cassandra bemerkte einen Schatten neben sich. Einen Moment später erspähte sie aus den Augenwinkeln eine Hand, die nach zwei Blättern griff, die außerhalb ihrer Reichweite lagen.
„Grazie!“, bedankte sie sich in ihrem gebrochenen Italienisch. Sie war sich nicht zu schade, höflich zu sein. Immerhin hatte sie Anstand. Ebenso wie der galante Gentleman, der ihr seine Hilfe ohne jegliche Schuld an dem Malheur angeboten hatte. „Grazie mille!“
Sie schaute auf und erstarrte.
Die Augen des Fremden schienen ihr bis in die Tiefen ihrer Seele zu schauen. Es gelang ihr nicht, sich abzuwenden, denn sie waren von einem außergewöhnlichen Blau – und doch so vertraut! Woher nur?
„Sie können ruhig bei ihrer Muttersprache bleiben. Das würde mir sogar sehr gefallen.“ Seine Stimme klang nach Stunden des Rezitierens, tief und rau und dabei doch anziehend und irgendwie weich. „Ich spreche Italienisch nur sehr rudimentär.“
„Sie sind also nicht von hier?“, fragte Cassandra das Offensichtliche, weil sie ihr Gegenüber schon viel zu lange ohne ein Wort angestarrt hatte. Röte schoss ihr in die Wangen.
Wenn er es bemerkte, gefiel es ihm, denn er schenkte ihr ein strahlendes Lächeln und reichte ihr eine Hand, um ihr aufzuhelfen, ehe er ihr die aufgesammelten Blätter überreichte. „Ich bin auf Geschäftsreise. Darf ich annehmen, dass es Ihnen nicht anders geht?“
Er deutete auf die an ihre Brust gedrückten Papiere.
„Sie müssten nicht fragen, wenn ich mich nicht so dumm angestellt hätte.“ Woher kam das denn? Es war doch nicht ihre Schuld, dass dieser unsympathische Tölpel sie angerempelt hatte. „Ich bin sonst äußerst tough.“
„Das glaube ich Ihnen ungefragt.“ Ein weiteres Lächeln. Es schien die Sonne in den Raum zu locken. Dabei fasste er in seine Brusttasche und hielt ihr etwas Kleines hin. „Meine Karte.“
Cassandra nahm sie nach kurzem Zögern an. Sie wusste nicht einmal, wieso sie es tat, oder wieso sie ihren Blick einfach nicht von den strahlend blauen Augen abwenden konnte. Wieso nur schlug ihr Herz so schnell? An Liebe auf den ersten Blick glaubte sie nicht und sie war auch kein Schulmädchen mehr, das sich von einem schönen Gesicht oder breiten Schultern beeindrucken ließ … egal wie schön oder breit sie auch immer sein mochten. Um Eindruck auf Cassandra Wellington zu machen, musste man etwas auf dem Kasten haben – und Geld alleine reichte dabei nicht. Taten vor Worten, war ihr Lebensmotto und sie würde es auch dieses Mal nicht vergessen.
„Vielen Dank“, sagte sie nur aus Höflichkeit und brachte es endlich fertig, sich von seinen herrlichen Augen zu lösen. „Herr … Nikos Angelopoulos?“
„Sie haben es richtig ausgesprochen! Bravo!“
Cassandra erwiderte das Lächeln und nahm ihren galanten Kavalier das erste Mal ganz in Augenschein. Er war groß, überragte sie beinahe um anderthalb Köpfe, war gut gebaut und verbrachte wohl die eine oder andere Stunde im Fitnessstudio. Und er war verdammt elegant gekleidet! Was für die Frau das Negligé war für den Mann von Welt der passende Anzug – und dieses Meisterwerk der Schneiderkunst musste regelrecht um den hochgewachsenen Körper genäht worden sein. Das ließ auf einen nicht unwesentlichen Batzen Geld auf seinem Bankkonto schließen.
Nichts war Cassandra unwichtiger als das.
„Sie sind also … Grieche?“, fragte sie von ihrer eigenen Neugierde überrascht.
„So ist es! Lassen Sie sich nicht von meiner Augenfarbe täuschen! In mir fließt das Blut antiker Eroberer und Philosophen!“ Er lachte und seine dunklen Locken sprangen dabei um seine Wangen. „Auch ich bin für die eine oder andere Eroberung in meinem Metier bekannt!“
Cassandra lief rot an, denn ehe ihr Gegenüber zu Ende gesprochen hatte, war sie davon ausgegangen, dass er mit dem Erfolg seiner Schürzenjägerei angeben wollte. Wie nur kam sie darauf, dass ein Mann von Format Wert auf derartiges legte? Und hatte er mit seiner Galanterie nicht bereits bewiesen, dass er ein anständiger Kerl war?
Oder täuschte ihr Instinkt sie doch nicht, und er gab sich nur als Gentleman, um sie zu verführen? Wozu sonst hätte er ihr seine Visitenkarte überreichen sollen?
„Welche Geschäfte haben sie denn nach Venedig geführt?“, fragte sie eilig, weil sie sich erneut zu viel Zeit des Schweigens erlaubt hatte.
„Die einzigartige, unverkennbare Architektur dieses Juwels unter den Städten.“ Nikos zwinkerte ihr selbstsicher zu und deutete auf die ihr überreichte Karte. „Mehr verrate ich Ihnen allerdings nicht! Wenn Sie mehr wissen wollen, müssen Sie sich auf ein Dinner mit mir treffen.“ Cassandra setzte erbost zum Sprechen an, als er ihr um einen Hauch zuvorkam: „Nun muss ich Sie aber verlassen. Das Geschäft ruft! Und Sie wissen doch bestimmt, was man über unpünktliche Menschen sagt, nicht wahr?“
Sie war erneut einen Moment zu spät, um etwas zu erwidern. Da sie ohnehin unschlüssig war, was sie von dem Kerl halten sollte, hob sie nur die Hand zum Gruß und betrachtete ihn beim Davoneilen. Er machte auch von hinten eine verdammt gute Figur. Auch ein Rücken konnte verzückten, wie man so schön sage. Und sein Hinterteil erst!
Cassandra schüttelte schmunzelnd den Kopf. Was dachte sie da nur? Es war unpassend, einem Fremden hinterher zu gieren, auch wenn er sich ihr mehr oder weniger aufgedrängt hatte. Sie warf einen letzten Blick auf die Karte in ihrem eleganten Eierschale-Weiß und der erhabenen Schrift – und zerknüllte sie. Immerhin war sie nicht nach Venedig gekommen, um sich von Liebeleien ablenken zu lassen. Es ging um ihre Karriere, um ihren seit Kindheitstagen verfolgten Traum und ihre damit untrennbar verbundene Vision des Schmuckdesigns. Sie wollte der Welt Schönheit zum erschwinglichen Preis für jedermann schenken. Darauf und nur darauf durfte sie sich konzentrieren, ehe sie die Heimreise antrat.
Beim Gedanken an ihre zerbrochene Beziehung zog sich Cassandras Herz einen Augenblick zusammen. Dann aber war er überwunden und sie schaute positiv in die Zukunft. Welches Glück es war, dass sie Juliano schon während des Studiums kennengelernt hatte! Es musste Schicksal gewesen sein, dass der aufstrebende Stern am Glasbläserhimmel in ihr Leben getreten war, als sie beide nur von ihren eigenen Unternehmen hatten träumen können.
Sie fuhr zusammen und schaute reflexartig zur Seite. Eine laute Stimme hatte sie aufgeschreckt. Dabei war sie nicht einmal an sie gerichtet. Cassandra entspannte sich wieder und setzte sich an die Bar, um auf den Kellner zu warten. Sie war bescheiden genug, um ihre Italienischkenntnisse als primitiv einzuschätzen, aber dass der große, schwere Mann seine junge Frau kleinhielt, erkannte man schon an ihrer Haltung im Vergleich zu seiner. Das bedrückte und verärgerte Cassandra im selben Maß. Es war eine niederschmetternde Behandlung, die sich in ihrer Familie mehrmals wiederholt hatte. So hatte ihre Mutter eine glänzende Tanzkarriere für ihren späteren Ehemann aufgegeben. Zuvor war ihr Großvater vom passionierten Rennfahrer für seine große Liebe zum Handwerker geworden. Noch härter hatte es Cassandras über alles geliebte Urgroßmutter getroffen, die eine talentierte Schauspielerin gewesen war. Der Bühne auf ewig entsagt hatte sie nur wegen ihres Verlobten, der in Künstlerinnen nichts weiter als Huren gesehen hatte.
Cassandra warf einen Blick über die Schulter zur zierlichen Gestalt, die mit hängenden Schultern nur nickte, während sie einen weiteren Redeschwall über sich ergehen lassen musste. Niemals würde Cassandra sich von einem Partner ins Bockshorn jagen lassen, niemals aus den Augen verlieren, was ihr wirklich wichtig war. Schon als kleines Mädchen hatte sie eine Wahrheit für sich erkannt: Liebe zerstörte Träume.
Sie würde diesen Fehler nicht machen! Einmal, nur einmal, war sie beinahe vom rechten Weg abgekommen und hatte einem Mann erlaubt, ihre heilige Regel zu brechen – nur um von ihm verlassen zu werden. Die Erinnerung versetzte ihrem Herzen einen weiteren Stich. Wie klein musste ein Mann sein, die angeblich über alles Geliebte fortzustoßen, nur weil sie alle Kraft in ihren Traum investierte?
Cassandra strich sich eine goldene Strähne aus dem Gesicht und brachte ihre Frisur damit in Ordnung. Sie wollte professionell wirken, wenn sie Juliano gegenübertrat. Sie waren schließlich nicht mehr die halben Kinder, die nur von einer Zusammenarbeit geträumt hatten.
Und Patrick? Inzwischen war ihr Ex wahrscheinlich verheiratet und nutzte den Sozialstaat aus, um mit drei Kindern und einer Vollzeithausfrau über die Runden zu kommen. Es sei ihm vergönnt, dachte Cassandra und schüttelte den Kopf. Jedem das seine, flüsterte ihre innere Stimme. Manche Menschen waren eben mit Kind und Kegel zufrieden. Cassandra aber wollte mehr. Niemals würde sie den Moment vergessen, als ihre Urgroßmutter – damals nur noch ein Schatten ihrer selbst – sie auf den Schoß gehoben und ihr ein Paar Ohrringe gezeigt hatte. Das Licht hatte sich in dem herrlichen Blau gespiegelt und ihr beinahe den Atem geraubt. Sie hatte gedacht, das wertvollste Kleinod auf der ganzen weiten Welt anzublicken – nur um von ihrem lachenden Vorbild zu hören, dass es nichts weiter als billige Requisiten eines Theaterstücks waren, in dem sie vor über sechs Jahrzehnten mitgewirkt hatte. Es war der Wendepunkt in Cassandras Leben gewesen. Modeschmuck herzustellen, der jede Kostbarkeit aus Edelsteinen und Gold an Schönheit überflügeln sollte … Diese Idee hatte sie niemals losgelassen und sich in späteren Jahren noch verstärkt, denn all die schrecklichen Geschichten von Blutdiamanten hatten ihrem jugendlichen und unbedarften Selbst einen ordentlichen Schrecken eingejagt.
Die Urli würde Augen machen, von wo aus sie auch immer über sie wachte, dachte Cassandra und schaute erneut zur Seite, als sie eine ihr wohlbekannte Stimme hörte. Sie stammte von ihrer Freundin Alexandria, die in dem wundervollen Hotel arbeitete, in das Juliano sie zum Vertragsabschluss geladen hatte. Sie lauschte ein wenig und fühlte sich nicht schuldig dabei, denn sie wollte ihre Italienischkenntnisse verbessern, wenn sie schon in der herrlichen Lagunenstadt verweilte. Das war kein leichtes Unterfangen, denn die in Venedig geborenen Italiener sprachen untereinander natürlich Venesiàn – eine Form des Venetischen, die sich in Vokabular, Grammatik und vor allem in der Aussprache wesentlich vom Schulitalienisch unterschied. Cassandra hatte durch ihre Freundin und ihre Arbeitskollegen zumindest genug Venezianisch aufgeschnappt, um Alexandrias Schmähreden zu erkennen. Der hübschen Dunkelhaarigen war aber schon an ihrem Gehabe anzusehen, dass sie immer noch wütend auf ihren Chef war. Cassandra hingegen war nicht ungehalten, weil ihr geplanter Urlaub zur Hälfte ausgefallen war. Im Gegenteil! Sie hatte ein richtig schlechtes Gewissen gehabt. Immerhin hatte sie von Anfang an geplant, ihr Business voranzutreiben. Sie war nur zu verlegen gewesen, es ihrer liebsten Freundin zu gestehen. Davon abgesehen, saß ihr noch immer der Vorwurf in den Knochen, sie würde sich nur um ihre Arbeit kümmern und sich um nichts und niemanden sonst scheren. Es kam ihr also durchaus gelegen, dass ihre liebe Alex die Hälfte ihres Besuches arbeiten musste.
„Na, bist du sehr nervös?“, fragte sie diese just in diesem Moment von hinten.
„Ich bin doch nicht nervös“, schwindelte Cassandra, um es sich selbst einzureden. Vor ihrer besten Freundin hatte sie keine Geheimnisse. Sie wandte sich ihr mit einem Lächeln zu. „Ist Juliano noch immer im Gespräch? Oder soll ich mich vielleicht schon bereit machen?“
„Trink lieber noch einen Schluck zur Beruhigung!“ Alexandria klopfte ihr mit der Rechten mitfühlend auf die Schulter, während sie das Tablett mit den leeren Gläsern geschickt mit der Linken balancierte. „Sein Gesprächspartner hat sich wieder hingesetzt und packt gerade erst seinen zweiten Aktenkoffer aus. Juli sieht ein wenig überfordert aus. Es kann also noch dauern, bis er Zeit für dich hat.“
„Das darf doch nicht wahr sein!“
Sie würde ihm den Hals umdrehen! Was bildete er sich denn ein? Nur weil sie Studienkollegen gewesen und immer noch Brieffreunde waren, verschob er ihre Termine nach hinten und zog ihr irgendwelche Manager vor? So führte man keinen erfolgreichen Betrieb. Auf einen Geschäftsführer musste man sich verlassen können, egal ob Sturm, ob Schneegestöber oder – passend zu Venedig – eine Überschwemmung.
„Ich hole dir besser einen Tee, damit du dich etwas beruhigst“, meinte Alexandria und zwinkerte ihr zu. „Du wirst nämlich schon ganz rot im Gesicht! In einem Cartoon würde dir bestimmt schon Rauch aus den Ohren kommen. Hey! Wieso setzt du dich nicht zu uns in den Aufenthaltsraum? Luigi kann dir eine Kleinigkeit zaubern.“
„Danke, das ist lieb … aber ich bleibe doch lieber hier und gehe noch einmal alles in Ruhe durch.“
Es war fast traurig, dass sie einem Freund mit Zahlen und Gewinnprognosen kommen musste. Und doch konnte sie nicht anders, als Juliano für seine Professionalität zu bewundern. Sie selbst war eine Karrierefrau und auch sie schreckte vor Vetternwirtschaft zurück, wenn es um ihren Betrieb ging. Wie also hätte sie ihm deswegen zürnen können? Es war ungerecht, Juliano seine Geduld mit möglichen Geschäftspartnern vorzuwerfen. Immerhin hatte auch Cassandra sich alles selbst erarbeiten müssen und war stolz darauf. Sie war nur verstimmt, weil sich Juliano ihr gegenüber ungalant verhielt und sie so lange warten ließ. Wirklich verärgerte sie allerdings die Tatsache, dass er sie vertröstet hatte, anstatt sofort zu unterzeichnen. Das stieß ihr natürlich auf, denn es weckte Sorgen in ihr und ließ ihre Gedanken im Dreieck springen.
Wieso hatten sie nicht schon alles unter Dach und Fach gebracht? Sie hatten sich doch schon während ihrer Studienzeit hoch und heilig versprochen, zusammenzuarbeiten! Und ihr naiv verfasster Vertrag war von einem Anwalt in perfektes Amtsenglisch übertragen worden – mit einer ganzen Liste diverser Anhänge und Klauseln! Warum musste Juliano denn alles noch einmal durchgehen, ehe er ihn unterschrieb? Sie hatten alles geklärt – mehrfach! Was war denn seit ihrem letzten Gespräch passiert?
Ein Grund mehr, sich die Zahlen noch einmal anzusehen. Wenn Juliano es auf ein professionelles Gespräch anlegte, konnte er eines haben! Sie war schließlich eine Geschäftsfrau.
Über ihr Zettelwerk gebeugt verlor Cassandra ihr Zeitgefühl, denn als Alexandria ihr genervt auf die Schulter klopfte, waren beinahe dreißig Minuten vergangen – und ihre Freundin hatte scheinbar mehrmals versucht, ihre Aufmerksamkeit zu erregen.
„Was machst du denn? Los! Los! Los! Träum’ nicht vor dich hin!“
Cassandra beherzigte diesen Ratschlag, ohne ein Widerwort und eilte nach rechts durch den offenen Bereich, der in die Bar überging. Der Speisesaal war ein exquisit ausgestatteter Raum mit Stuck und vergoldetem Blattwerk an allen Ecken und Enden, um die Herrlichkeit der venezianischen Blütezeit widerzuspiegeln, als der Orienthandel des Abendlandes untrennbar mit der Lagunenstadt verbunden gewesen war. Juliano saß am hinteren Ende des Raumes an einem Fenster, das bis zum Boden reichte und durch das man die Lichter der Stadt im Wasser des Kanals funkeln sehen konnte. Cassandra spürte freudige Erregung in sich aufkommen und versuchte schnell, diese zu vertreiben. Sie musste sachlich beim Gespräch bleiben. Und doch schlich sich der Gedanke in ihr Bewusstsein, dass ihr Geschäftspartner sie nicht nur in dieses Nobellokal eingeladen hatte, weil ihre gemeinsame Freundin hier arbeitete. Plante Juliano etwa, sie mit all dem Pomp abzulenken, um sie irgendwie über den Tisch zu ziehen? Dann wünschte sie ihm Glück dabei! So leicht war sie nämlich nicht auszutricksen. Im Gegenteil! Wenn sie sich völlig unbeeindruckt gab, brachte sie vielleicht ihn aus dem Konzept.
Cassandra zog einen Mundwinkel hoch und hoffte, dass man ihr das Gefühl der Überlegenheit nicht ansehen konnte. Sie verlangsamte also ihren Schritt und gab sich gelassen, als sie an den Tisch kam und Juliano die Hand reichte. Von dem Kerl, für den er sie versetzt hatte, war nichts mehr zu sehen. Wie schade! Sie hätte gerne ein Gesicht gehabt, um es mit all ihren negativen Gefühlen zu verknüpfen. Dabei war dieses doch wirklich unschuldig an Julianos unprofessionellem Zeitmanagement. Wenn er schon zwei Termine an ein und demselben Abend ansetzte, musste ein tüchtiger Geschäftsmann genau darauf achten, sich nicht zu verzetteln. Die Schuld lag eindeutig bei Juliano. Wieso also war sie wütend auf einen Mann, den sie nicht einmal gesehen hatte? Was war nur los mir ihr an diesem Tag?
Julianos Händedruck war wie immer kräftig und herzlich. Das Lächeln auf seinen Lippen ebenso. „Entschuldige bitte, dass ich dich habe warten lassen!“
„Wenn du schnell unterschreibst, komme ich schon noch rechtzeitig ins Bett, um morgen in aller Früh bei deinen Brüdern aufzuschlagen. Ich möchte auch ihnen persönlich erklären, wie meine Wünsche aussehen.“
Etwas stimmte nicht. Sein Mund verwandelte sich zu einem dünnen Strich, seine Lider flatterten einen Moment nur über seine moosgrünen Augen und sein Blick wich zu dem beinahe ruhigen Wasser nur zwei Schritte zu einer Rechten.
„Ist etwas passiert?“, übernahm Cassandra die Führung, weil sie an diesem Abend schon zu lange hingehalten worden war.
„Etwas Gutes“, brachte ihr Gegenüber nach einem weiteren Moment heraus. Er stotterte beinahe. „Für mich und meinen Betrieb. Du weißt doch, wie ich ihn mir erträumt habe … und ich habe es doch gerade erst geschafft, meine Brüder zum Einstieg zu überreden.“
„Ich soll sie also nicht besuchen, weil …?“
Noch leichter konnte sie es ihm gar nicht mehr machen. Wie sie Männer hasste, die nicht ihren „Mann“ stehen konnten, wenn es darauf ankam!
„Weil unsere Zusammenarbeit warten muss.“
„Was?“ Es war ihr zu laut über die Lippen gekommen und viel zu emotional. So verhielt sich eine gute Geschäftsfrau nicht. Andererseits saß sie nicht nur in dieser Funktion vor Juliano. Immerhin verband sie eine kurze, aber intensive Freundschaft an der Universität. „Was soll das heißen? Du weißt, dass ich im nächsten Quartal mit meiner neuen Kollektion beginnen will!“
„Natürlich! Denkst du etwa, ich hätte dich nur aus Bosheit nach Italien gelotst? Das Ganze ist für mich eine noch größere Überraschung als für dich.“
„Was genau ist denn nun geschehen?“, presste Cassandra unter Aufbringung all ihrer Selbstbeherrschung hervor. „Gab es einen Vorfall in der Familie?“
„Nein, nein! Nichts dergleichen! Mach dir keine Sorgen! Es ist … um ehrlich zu sein … Es ist eine großartige Entwicklung. Wie ein Wunder! Ein großer Unternehmer hat mich aufgesucht und mir einen Exklusivauftrag für die nächsten fünf Jahre angeboten … Stückmengen, die ich nicht einmal zu träumen gewagt hätte! Ich musste erst einmal durchrechnen, ob ich diese überhaupt stemmen kann.“
Cassandra spürte ihr rechtes Augenlid zucken. Sie war sprachlos. Zum ersten Mal in ihrem Leben war sie derart überfahren, dass ihr nicht einmal ein Schimpfwort über die Lippen kommen wollte. Ihre Hände ballten sich allerdings zu Fäusten. Es brauchte mehr als gute Erziehung, dass sie Juliano nicht ins Gesicht schlug.
„Du hast mich nach Venedig bestellt, nur um mir das zu sagen?“
„Nein, nein, nein!“ Er wedelte mit den Händen vor dem Gesicht. Es sollte sie wohl beschwichtigen, regte sie aber nur noch mehr auf. „Bis vor zwei Tagen wusste ich selbst noch nichts davon! Als ich zuerst darauf angesprochen wurde, dachte ich, Mario oder Geovanni spielen mir einen ihrer Streiche.“
Machte das irgendwas an seinem Verrat besser? Cassandra war erneut sprachlos. Es war wohl auch besser, dass sie nichts sagte. Freundschaften brachen genauso schnell wie Liebschaften. Wer hätte das besser gewusst als sie? Aber konnte sie ihr Gegenüber denn überhaupt noch ihren Freund nennen, nachdem er sie für einen lukrativeren Auftrag zur Seite gestoßen hatte?
„Hier geht es nicht nur um die fünf Jahre … fünf Jahre, Cassandra, … die ich abgesichert wäre! Es geht auch um Folgeaufträge und die Werbung, die mir eine prestigeträchtige Zusammenarbeit wie diese verschafft!“
So viel also zum Thema Freundschaft! Juliano hatte seine Entscheidung offensichtlich bereits getroffen. Die einzig stolze Handlung wäre gewesen, ohne ein weiteres Wort aufzustehen und einfach zu gehen. Sie spürte das und konnte doch nicht anders, als bitter zu fragen: „Und was wurde aus deinem Traum vom kleinen Betrieb, der familiär bleiben und das Kunsthandwerk weniger Profis hochhalten soll? Wie willst du Massenaufträge abfertigen, ohne deine Ideale zu verkaufen?“
Juliano atmete laut aus. Seine Stirnfransen flogen regelrecht hoch. „Wir müssen doch alle irgendwann erwachsen werden.“
Das war der Punkt, an dem sie entweder zuschlagen oder gehen musste. Sie war eine impulsive, starke Frau, aber sie hatte auch eine gute Erziehung genossen. Cassandra erhob sich also und marschierte mit bewusst schwingenden Hüften zur Bar zurück.
Hatte er tatsächlich knappe zehn Minuten auf der Treppe gestanden und sich die Linien der Reliefs eingeprägt? Er ließ sich zu sehr hinreißen, dachte Nikos mit einem Kopfschütteln. Wer aber konnte ihm vorwerfen, sich vom Charme Venedigs bezaubern zu lassen, da Architektur sein Leben war? Architektur und schöne Frauen.
Nikos stockte auf der letzten Stufe und schaute überrascht zur Bar. Er hatte sich gewünscht, diese besonders schöne Frau wiederzusehen, aber nicht im Traum damit gerechnet, es noch in derselben Nacht zu tun. Nun war er froh, sich ausgiebig frisch gemacht und seinen Anzug gewechselt zu haben.
Als er sich ihr näherte, zögerte er aber. Etwas war anders als zuvor. Seine namenlose Aphrodite sah unglücklich aus. Was war in der einen Stunde passiert, die er in seiner Hotelsuite verbracht hatte? Es konnte doch nicht sein, dass ein Mann eine derart hinreißende Frau versetzt hatte! Wenn es so war, dann verdiente sie ohnehin jemand besseren. Er hätte sich zu gerne für diesen Posten beworben.
Nein. Nikos erinnerte sich an ihr Gespräch. Sie war für ein Geschäftsessen gekommen, was ihre mitgebrachten Unterlagen bewiesen hatten. War eines ihrer Unternehmen also spektakulär gescheitert?
Was auch immer der Grund dafür war, sie sollte nicht länger traurig sein. Nikos musste sie trösten. Es war die Pflicht eines Gentlemans, die Tränen der Damen zu trocknen. Dass diese spezielle Dame eine der atemberaubendsten Frauen war, der er je begegnet war, spielte dabei nur eine untergeordnete Rolle. Er hätte auch einem Mauerblümchen oder einer Dragqueen den starken Arm gereicht.
„So sieht man sich wieder“, begann er an ihrem Barhocker angekommen und setzte sein schönstes Lächeln auf. „Darf ich mich setzen?“
„Das Hotel gehört nicht mir. Sie dürfen sich also setzen, wo auch immer Sie möchten.“
Das war nicht die Antwort, die er sich erhofft hatte, aber damit konnte er arbeiten. Ein Scherz war oft der beste Eisbrecher. „Wie schade, dass Ihnen dieses Gebäude nicht gehört! Es ist nämlich hinreißend. Beinahe so hinreißend, wie die Dame vor mir. Aber Schmeicheleien beiseite! Ich wollte schon immer hier absteigen. Als mich die Arbeit nach Venedig geführt hat, gab es für mich keine Alternative.“
„Verständlich. Es ist ein ausgezeichnetes Hotel mit einem gutem Namen und wunderbaren Angestellten.“ Ihre Stimme wurde sanft bei den letzten Worten und ihr Blick weicher. „Man fühlt sich wohl hier.“
„Nicht nur das! Können Sie sich vorstellen, dass dieses Hotel einmal ein waschechter Palast war?“
„Nur zu gut. Venedig ist eine Stadt mit Palästen an scheinbar jeder Ecke.“ Sie schmunzelte. „Ist es nicht verwunderlich, dass diese meist als Casa … also einfach nur als ‚Haus‘ … bezeichnet werden?“
Nikos spürte Freude in sich erwachen, als ihre Mundwinkel noch weiter nach oben wanderten. Es war ihm gelungen, sie von ihrer Trauer abzulenken.
„Man könnte es Bescheidenheit nennen, wenn die Italiener als bescheidenes Völkchen bekannt wären.“ Er gab dem Kellner ein Zeichen, das Glas seiner Sitznachbarin erneut zu füllen und ihm dasselbe zu bringen. Danach schenkte er ihr erneut all seine Aufmerksamkeit. „Wussten Sie, dass das Casa zu einem einfachen Ca’ abgekürzt wird?“
„Ich habe es mehrfach gelesen, aber mir nichts dabei gedacht. Es ist ja auch nicht so, dass ich immer erkenne, wenn ich vor einem stehe.“
„Man erkennt die Casa meist an den wundervollen Arkadenreihen im Erdgeschoss. Dieses Gebäude ist ein Paradebeispiel dafür. Seine Baumeister verdienen diesen Titel zu Recht! Aber auch im Inneren ist es ein architektonischer Traum! All das detaillierte Blattwerk! Und sehen Sie das Fries zu Ihrer Rechten? Man nennt es Anthemion. Palmblätter, die sogenannten Palmetten, und Lotusblüten reihen sich in perfekter Harmonie aneinander, um das Auge zu erfreuen, es aber auch bei langer Betrachtung nicht zu ermüden. Ein wahrer Künstler hat diesen Raum erschaffen …“
Nikos stoppte. Er bemerkte, dass er über beide Ohren strahlte. Bestimmt hatte sich auch ein hingerissener Blick auf sein Gesicht geschlichen. Er konnte einfach nicht anders! Die Schönheiten dieser Stadt begeisterten ihn immer wieder aufs Neue. Nur deswegen war er ins Schwärmen geraten und langweilte sein Gegenüber bestimmt. Als er die junge Frau entschuldigend anschaute, konnte er aber kein Ennui an ihr ausmachen. Im Gegenteil! Ihr Lächeln war herzlicher geworden und ihre Augen leuchteten im Licht beinahe golden.
„Sie kennen sich verdammt gut mit Architektur aus.“ Ihre Gefühlslage schien zwischen beeindruckt und belustigt zu schwanken. Konnte man mit Fachgesprächen über die Schönheiten der Baukunst also bei kultivierten Frauen landen? „Mein Name ist übrigens Cassandra.“
War das wohl der erste Schritt zur Vertiefung ihrer Bekanntschaft? Nikos hoffte es, zeigte es aber nicht. Er wollte nicht zu forsch wirken, also ignorierte er ihre späte Vorstellung. „Ich kenne mich notgedrungen, aber auch dank meiner Leidenschaft, sehr gut damit aus“. Er schenkte ihr ein weiteres Lächeln und wischte sich die Locken aus dem Gesicht. „Ich renoviere alte Kunstbauten, wie Kirchen, Synagogen et cetera.“
„Das klingt nach einer spannenden Arbeit.“
„Ich würde es nicht ‚Arbeit‘ nennen. Wie sagt mein Vater immer? ‚Suche dir eine Profession, die du liebst, und du wirst niemals arbeiten müssen.‘“
„Ein kluger Mann!“ Cassandras Augen strahlten auf. Sie waren von einem dunklen Braun – wie die Zedernhölzer aus längst vergangenen Zeiten. Ihr golden schimmerndes Haar verlieh ihnen noch mehr Ausdruck, denn sie waren die einzig harte Farbe in ihrem blassen Gesicht mit den beinahe rosigen Lippen … so voll, wie zum Küssen gemacht …
Nikos konnte Cassandra kaum folgen, als sie weitersprach: „Das hätte meiner Urgroßmutter gefallen. Sie war eine begnadete Schauspielerin, wenn man ein paar alten Zeitungsberichten Glauben schenken darf.“
„Das glaube ich ungefragt! Bei einer Urenkelin wie Ihnen!“
Sie schmunzelte, biss sich auf die Lippen und legte den Kopf verführerisch schief. „Dabei kennen Sie mich doch gar nicht!“
Noch nicht, fügte Nikos in Gedanken hinzu und sagte doch nur: „Erlauben Sie mir ein wenig Detektivarbeit? Sie stammen aus England … aus dem Südosten?“
„Das ist richtig! Woher wissen Sie das?“
„Ihr Englisch“, klärte er Cassandra mit einem Zwinkern auf. „Es geht ein wenig in die Received Pronounciation.“
„Sie wissen, was die RP ist? Ich bin beeindruckt!“
„Auch ich bin beeindruckt, allerdings nicht von Ihrer edlen Aussprache.“
Bildete er sich das ein, oder schlich sich ein Hauch von Röte auf ihre Wangen? Zu gerne hätte er seine Hände darauf gelegt, um zu prüfen, ob sich Hitze darin sammelte. Woher nur kam diese unglaubliche Anziehungskraft?
„Sie müssen mich für eine totale Versagerin halten!“, wechselte Cassandra so schnell das Thema, dass Nikos ihr nicht folgen konnte. Nur weil sie das ihr gereichte Glas fest umklammerte, kam er doch noch darauf, ehe sie weitersprach. „Meinen Kummer in Alkohol zu ertränken! Dazu müssen Sie wissen, dass ich mich sonst nicht gehen lasse. Die gescheiterte Verhandlung fand aber mit einem Freund … Bekannten … nein, ehemaligen Studienkollegen statt. Das hat mich doch sehr getroffen.“
„Degradieren Sie den Mann gerade zu einer ‚persona non grata‘?“
