Liebesgeflüster - Unverschämt direkt - Nikita Nolan - E-Book

Liebesgeflüster - Unverschämt direkt E-Book

Nikita Nolan

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Beschreibung

Marina wird bald ihr Herzensstudium antreten, um Gynäkologin zu werden, doch sie hat ein großes Problem: Sie kann nicht über intime Dinge reden. Ihre letzte Hoffnung setzt sie in Andor, den studentischen Hausmeister ihrer Schule. Er soll bereits vielen jungen Frauen bei ihren speziellen Problemen geholfen haben. Doch seine Methoden sind unverschämt direkt und sprengen nicht nur Marinas mentale Grenzen … Hinzu kommt ihr unmoralischer Nebenjob. Nicht nur dass seine Ausübung ihre Zunge auf Form und Konsistenz eines Waschlappens anschwellen lässt. Auch gefährdet er ihren Nachhilfeunterricht und die Gefühle, die sie für Andor zu entwickeln beginnt. Werden Andors Lektionen erfolgreich sein oder wird er diese beenden, wenn er herausfindet, für welche delikate Angelegenheit Marina seine »Nachhilfe« wirklich benutzt? Und was ist mit ihren Gefühlen? Darf sie diese zulassen oder sollte sie sich den Studenten doch lieber aus dem Kopf schlagen, bevor sie wegzieht? 

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Veröffentlichungsjahr: 2024

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Nikita Nolan

Liebesgeflüster – Unverschämt direkt

 

Klappentext

 

Marina wird in wenigen Monaten ihr Herzensstudium antreten, um Gynäkologin zu werden, doch sie hat ein großes Problem: Sie kann nicht über intime Dinge reden. Ihre letzte Hoffnung setzt sie in Andor, den studentischen Hausmeister ihrer Schule. Er soll bereits vielen jungen Frauen bei ihren speziellen Problemen geholfen haben. Doch seine Methoden sind unverschämt direkt und sprengen nicht nur Marinas mentale Grenzen …

 

Hinzu kommt ihr unmoralischer Nebenjob. Nicht nur, dass seine Ausübung ihre Zunge auf Form und Konsistenz eines Waschlappens anschwellen lässt. Auch gefährdet er ihren Nachhilfeunterricht und die Gefühle, die sie für Andor zu entwickeln beginnt.

 

Werden Andors Lektionen erfolgreich sein oder wird er diese abbrechen, wenn er herausfindet, für welche delikate Angelegenheit Marina seine »Nachhilfe« wirklich benutzt? Und was ist mit ihren Gefühlen? Darf sie diese zulassen oder sollte sie sich den Studenten doch lieber aus dem Kopf schlagen, bevor sie außer Landes zieht?

 

 

 

 

 

Nikita Nolan

 

 

Liebesgeflüster

Unverschämt direkt

 

 

Humorvoller New-Adult-Roman

 

 

Es handelt sich um ein Bundle zweier Kurzromane.

Die Geschichte ist abgeschlossen.

 

Auflage 2024

© 2023 Dominique Daniel – alle Rechte vorbehalten.

Dominique Daniel

Speyerer Str. 2

16515 Oranienburg

[email protected]

www.instagram.com/autorin.nikita.nolan

 

Texte: © Copyright by Dominique Daniel

Cover- und Umschlaggestaltung:

Ina Glahe – www.lektorat-und-design-ina-glahe.de

Lektorat: Jacqueline Luft – Lektorat Silbenglanz

Katharina Luckow – Lektorat ARGUS

Korrektorat: Jacqueline Luft – Lektorat Silbenglanz

Katharina Luckow – Lektorat ARGUS

 

 

Sämtliche Figuren und ihre Erlebnisse entspringen dem Geist der Autorin. Etwaige Ähnlichkeiten zu realen Personen und Gegebenheiten sind rein zufällig – mit Ausnahme von öffentlichen Personen oder Medien.

 

 

 

 

 

 

 

 

»Sie würde dieses verdammte Studium schon bezahlt bekommen. Andor würde ihr dabei helfen. Unbewusst. Niemals würde sie ihm verraten, weshalb sie sich wirklich an ihn gewandt hatte.«

 

 

 

Kapitel 1

 

 

 

Da ist er.

Schwerfällig zog Marina die Bluetooth-Stecker aus ihren Ohren. Sie hatte sich lange genug hinter der Hecke versteckt. Der Podcast vom letzten Campusmagazin war bereits seit zwei Minuten zu Ende und sie konnte keine Ausrede mehr finden, um ihre eigene Feigheit vor sich selbst zu rechtfertigen.

Mit faultierlahmen Bewegungen verstaute sie die Stöpsel in ihrem Behälter, ohne dabei den jungen Mann, der gerade die Pflanzkübel neu bestückte, aus den Augen zu lassen.

Das ist so verrückt.

Aber ihre Cousine hatte es ihr geschworen. Dieser Typ würde ihr Problem lösen. So wie er es auch bei der Freundin ihrer Cousine getan hatte.

Er ist der Hausmeister.

Mit jeder Sekunde, die sie hier verharrte und ihn anstarrte, wurde sie unsicherer. Dabei war es nicht ihr erster Versuch, den braunhaarigen Mann mit den dichten Augenbrauen und dem markanten Gesicht anzusprechen.

Du willst ihn ja nicht küssen.

Marina schüttelte den Kopf. Was ging bloß in ihrem Hirn vor sich? Warum boykottierte es ihr Vorhaben so dermaßen? Sie wollte ihm doch bloß eine Frage stellen. Und wenn sie Katharina glauben durfte, war der Mann ein Profi. Er würde sie nicht auslachen. Im schlimmsten Fall würde er ablehnen.

Und dann bin ich aufgeschmissen.

Sie kam sich albern vor. Ihr Problem war lächerlich und buchstäblich nicht auszusprechen. Aber sämtliche Versuche, es selbst in den Griff zu bekommen, waren gescheitert. Weder ihre Cousine – und schon gar nicht ihre Freundin Laura – hatten ihr bei dessen Bewältigung helfen können. Insbesondere Laura schien ihre Phobie eher für einen Witz zu halten und selbst Katharina betrachtete sich als gescheitert. Aber musste sie deshalb wirklich einen wildfremden Typen um Hilfe bitten? Wie sollte ausgerechnet er sie bei einem so pikanten Thema unterstützen, wenn sie nicht einmal ihren Freundinnen gegenüber den Mund aufbekam?

Vielleicht weil er genau das ist: ein wildfremder Typ, leistete ihr Gehirn endlich mal einen produktiven Beitrag. Er ist genau deine Zielgruppe. Wenn er dir helfen kann, ist dein Problem nicht nur ein bisschen gelöst. Sondern du wirst dein Leben lang keine Hemmungen mehr haben.

Der Mann richtete sich auf, streckte den Rücken durch und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Mit Schrecken stellte Marina fest, dass die Schubkarre mit den Pflanzen inzwischen leer war. Er war fertig mit seiner Arbeit. Gleich würde er verschwinden und es würden wieder Wochen vergehen, bis sie ihm begegnete – noch dazu in einer so einsamen Situation wie jetzt, während all die Schüler in ihren Klassenzimmern saßen und nur sie nach ihrem Zahnarzttermin zu spät bei der Schule angekommen war. Aber als sie ihn erblickt hatte, war der laufende Englischunterricht in den Hintergrund gerückt. Sie hatte eine ärztliche Entschuldigung für den Zeitraum, auf zehn Minuten kam es nicht mehr an. Aber viel länger durfte sie nicht mehr trödeln, denn der Hausmeister trat gerade hinter seine Schubkarre und war im Begriff, abzuhauen!

»H-hey!«, rief sie, bevor sie weiter darüber nachdachte. Sie schlich aus ihrer Deckung und glaubte beinahe, er habe sie nicht gehört. Ein winziger Hoffnungsschimmer à la »Tja, du hast es versucht, es sollte wohl nicht sein« blitzte in ihr auf.

Memme, kommentierte eine fiese Stimme in ihrem Ohr und ließ Marina zusammenzucken.

Doch dann drehte sich der Mann in dem Blaumann zu ihr herum. Es trennten sie keine zehn Meter, er blinzelte und – zog sich einen Stöpsel aus dem Ohr.

»Kann ich dir helfen?«, erkundigte er sich.

Ogottogott, hallte es in ihrem Kopf wider und ihr Körper versteifte sich. Flucht war unmöglich, Angriff ebenfalls. Sie war in eine Schockstarre verfallen.

Die Miene des Mannes wechselte in Besorgnis und er trat mit seiner Schubkarre auf sie zu.

»Alles in Ordnung?«, fragte er fast schon fürsorglich.

Doch sie war unfähig zu reagieren.

Zwei Meter von ihr entfernt, stellte er die Karre ab.

»Klaaar.« Was war das denn bitte? Es sollte lässig klingen, doch am liebsten hätte Marina den Kopf auf die Pflastersteine zu ihren Füßen geschlagen. Viel peinlicher ging es kaum. Aber bis auf ihren Mund, der sich vermutlich nur zum Atmen geöffnet und dabei versehentlich ein Wort verloren hatte, wollten ihr die Gliedmaßen noch immer nicht gehorchen.

»Sicher? Du siehst eher so aus, als wenn du gerade einen Schlaganfall hast.«

So alt ist er gar nicht, stellte Marina fest. Aus der Nähe betrachtet, war sein kerniges Gesicht mit dem Dreitagebart sogar recht ansehnlich. Die braunen Augen blickten offen, sein eckiges Kinn wirkte energisch. Die braunen Haarspitzen in seiner Stirn waren vom Schweiß verklebt.

Marinas Kehle verließ ein viel zu schrilles Lachen. Eilig schlug sie sich die Hände vor den Mund und glotzte zu ihm empor.

Seine Augenbrauen waren irritiert in die Höhe geschossen. Sicherlich würde er gleich einen Krankenwagen rufen, sie musste aussehen, als wäre sie kurz vorm Durchdrehen.

Immerhin gehorchte ihr Körper ihr jetzt wieder.

»Es ist … Ich bin …«, stotterte Marina. Dann atmete sie tief durch, straffte ihre Schultern und erklärte selbstbewusst: »Du bist zu komisch.«

O nein, was war das denn jetzt?!

»I-ich meine die Situation! Die Situation ist komisch.«

»Allerdings«, stimmte der Mann ihr zu, konnte es aber nicht so meinen, wie Marina es tat. Denn er wusste ja noch nicht, worum es ging.

»Ich … bin etwas nervös«, gab sie zu.

»Merkt man gar nicht.«

Der lapidare Spruch brachte Marina aus ihrem gerade gefassten Redefluss. Auf der Suche nach ihren abhandengekommenen Worten schaute sie den leeren Schulhof hinab.

»Wie kann ich dir helfen?«, fragte er und half ihr damit zurück auf die Spur.

Marina nickte bekräftigend.

»Helfen! Genau das ist, was ich dich fragen wollte.« Sie strich sich eine lose Haarsträhne hinters Ohr und vermied es, ihn anzusehen. Stattdessen starrte sie auf ihre Ballerinas. »Du bist doch Andor, oder? Meine Cousine meinte, du … hilfst Frauen bei … diversen Angelegenheiten.«

Zack, jetzt war es raus.

»O nein, vergiss es. Das mache ich nicht mehr.«

Ob des entschiedenen Ausrufs zuckte Marinas Kopf empor.

Andor legte die Hände an die Griffe der Schubkarre. »Ich fürchte, dafür musst du dir einen anderen suchen.«

»Aber du … Du weißt doch gar nicht, was ich für ein Problem habe.« Marinas Enttäuschung überwog ihre Scham. Mit einer so harschen Abfuhr hatte sie nicht gerechnet.

»Ihr Mädels habt unterm Strich doch alle das gleiche Problem: einen Typen, der’s euch nicht richtig besorgen kann.«

Marinas Kinnlade klappte hinunter. Äh, wie bitte, was? An was für einen Kerl hatte ihre Cousine sie denn da verwiesen? Sie war nun wirklich nicht …

»H-halt!«, rief sie Andor zurück, der ihre Verwirrung genutzt hatte, einige Meter zwischen sie zu bringen. »Ich bin … Ich habe nicht …«

Unter einem theatralischen Seufzen stellte er die Schubkarre wieder ab und wandte sich mit einer dramatisch langsamen Drehung zu ihr um. »Ich habe keine Lust mehr, den Gigolo für irgendwelche untervögelten Weiber zu spielen. Schon gar nicht, wenn sich am Ende herausstellt, dass sie einen Freund haben, der offenbar seinen Aggressionstherapeuten nicht regelmäßig aufsucht. Aus der Nummer bin ich raus.«

»Ich habe keinen Freund.«

Das Gespräch wurde immer schräger.

»Noch besser! Dann geht es also gar nicht um ein gegenwärtiges Problem, sondern du suchst nur jemanden zum Ficken. Danke, kein Bedarf.«

Marinas Ego vermeldete eine Kränkung, aber dies war gerade nicht das größte Übel. Offensichtlich wurde sie missverstanden. Und diese Beleidigung wollte sie nicht auf sich sitzen lassen.

»Das ist überhaupt nicht wahr!«, klärte sie den Mann auf, der ihr bereits wieder den Rücken zugewendet hatte. »Ich suche … jemanden zum Reden.«

Nun war es raus. Ihre absurd lächerliche Angst.

Andor hielt inne und verschränkte mit hochgezogener Braue die Arme vor der breiten Brust. »Hast du keine Freunde?«

»Natürlich habe ich Freunde.« Trotzig spiegelte sie seine Geste. »Aber … sie können mir nicht helfen. Mein Fall ist etwas … schwieriger.« Marina seufzte. »Ich werde nach dem Abitur studieren. Ich möchte Gynäkologin werden. Leider ist es so … Es geht bei dem Beruf nicht nur darum, Babys auf die Welt zu holen. Auch andere Themen spielen dabei eine Rolle und … ich bekomme den Mund nicht auf.«

»Ja, das merke ich«, erwiderte Andor und ermunterte sie mit einer Handbewegung zum Weitersprechen.

»Nein, ich meine, genau das ist mein Problem. Ich kann nicht …«, druckste Marina herum und rollte die unausgesprochenen Wörter dabei über ihre Zunge. Wörter, die ihr kaum zu denken gelangen. O Gott, das war einfach nur peinlich! Ihr Gesicht glühte, vermutlich hätte sie mit der Hitze, die es ausstrahlte, ein Ei ausbrüten können. »Ich kann einfach nicht darüber sprechen. Punkt.«

Andor blinzelte. Sie beobachtete sein Mienenspiel, wie es in ihm arbeitete und er ihre Aussage zu begreifen versuchte.

»Du kannst nicht über Sexualität sprechen?«

Ein erleichtertes Ausatmen, das sie buchstäblich nach vorn klappen ließ, strömte aus ihrem angespannten Körper. Marina richtete sich auf, rang sich ein verlegenes Lächeln ab und nickte. »Genau.«

»Wow. Das ist … schräg.«

Immerhin lacht er nicht.

»Kann man so sagen. Und?«

»Bist du dir sicher, dass das dann der richtige Beruf für dich ist?«

»Bin ich so eine harte Nuss, dass selbst deine legendären Fähigkeiten an ihre Grenzen stoßen?«

Andors Lippen verzogen sich zu einem jungenhaften Grinsen. »Nicht, nachdem ich nun weiß, dass du auch ganze Sätze sprechen kannst.«

Marina presste die Lippen zusammen. Sie merkte selbst, wie kindisch sie sich verhielt.

»Ich finde deinen Fall interessant«, gab Andor nach und fasste wieder nach den Griffen der Schubkarre. »Treffen wir uns um sechzehn Uhr vor dem Schultor?«

Marina nickte – dankbar und entschlossen.

 

 

 

Kapitel 2

 

 

 

Marina saß in der Schulcafeteria und drehte ihre halbvolle Trinkflasche zwischen den Händen. Die Musik in ihrem Ohr nahm sie kaum wahr. Genauso wie sie den ganzen Tag kaum wahrgenommen hatte. Sie hatte völlig neben sich gestanden. Immer wieder hallte das Gespräch mit Andor in ihrem Kopf nach, spielte sich ab wie eine defekte CD, die sie nicht ausschalten konnte.

Sie begriff noch immer nicht, was sie getan hatte. Sie hatte wirklich den Hausmeister ihrer Schule gebeten, mit ihr zu üben, über … intime Dinge zu sprechen. Schon allein dieser Gedanke brachte sie ins Stottern. Sie konnte froh sein, wenn er ihr am Ende dazu verhalf, irgendwie durchs Studium zu kommen.

Darüber wirst du dir gar keine Gedanken machen müssen, flüsterte der gehässige Kobold. Denn mit der verklemmten Art wirst du dir das Studium gar nicht leisten können.

Marina schob den Lautstärkeregler an ihrem Smartphone bis zum Anschlag. Serj Tankian brüllte ihr ins Ohr und vertrieb damit die fiese Stimme aus ihrem Kopf.

Sie würde dieses verdammte Studium schon bezahlt bekommen. Andor würde ihr dabei helfen. Unbewusst. Niemals würde sie ihm verraten, weshalb sie sich wirklich an ihn gewandt hatte. Marina war klar, dass ein Job in einem Imbiss oder bei dem sie Regale im Supermarkt befüllte, ihr diesen absurd teuren Traum nicht ermöglichen könnte. Aber der Job, den sie zur Finanzierung ihres Studiums ins Auge gefasst hatte, würde ihr nicht nur Flexibilität und das nötige Kleingeld bringen, sondern sie in gewisser Weise sogar auf die Facharztausbildung vorbereiten.

Sofern Andors Unterricht tatsächlich etwas brachte.

Marina packte ihre Trinkflasche zurück in den Rucksack und erhob sich von ihrem Stuhl. Es war Viertel vor vier. Vielleicht käme Andor ja ein paar Minuten früher zum Treffpunkt. Ihr Herz schlug unregelmäßig, passte sich dem wilden Takt des Metal-Songs an, der noch immer aus ihren Knopfsteckern schallte. Die leeren Gänge des Schulgebäudes bedrückten sie, gleichermaßen war sie froh, dass niemand ihre Verabredung mit dem Hausmeister beobachten würde.

Ihr zögerlicher Gang trug sie hinaus auf den Innenhof, einmal quer hinüber bis zum Einfahrtstor zu den Parkplätzen und Fahrradständern. Bei ebenjenen hielt sie, um ihr eigenes Fahrrad abzuketten und sich dem ersehnten wie beängstigenden Treffen mit Andor zu stellen. Es war kein besonderes Fahrrad mehr, aber es erfüllte seinen Zweck. Zumindest zählte es nicht in die Rubrik Räder, die sich lohnten, gestohlen zu werden.

Auf dem Sattel sitzend, einen Fuß auf dem Boden abgestellt, den anderen auf einem Pedal, wartete Marina lässig vor dem Tor. Jedenfalls hoffte sie, dass es lässig wirkte. Nach dem Auftritt heute Morgen hatte sie einige Coolness-Punkte aufzuholen. Und die würde sie sicher nicht bei Andors Lektionen sammeln.

Die Minuten vergingen, ohne dass Andor in Sichtweite kam.

Er hat mich wohl vergessen.

Niedergeschlagen nestelte sie ihr Smartphone aus der Jackentasche, um die Musik in ihren Ohren lauter zu stellen und damit die Enttäuschung während der Heimfahrt zu übertönen. In diesem Moment hielt ein Auto auf der Straße neben ihr. Der Fahrer ließ sein Fenster herunter.

»Entschuldige, hat länger gedauert«, rief Andor ihr zu. »Willst du einsteigen oder mir hinterherfahren? Wir müssen nur ein paar Straßen weiter.«

»Ich fahre.« Marina konnte ein erleichtertes Lächeln nicht unterdrücken. Schnell stopfte sie Smartphone und Bluetooth-Stecker zurück in die Tasche und reihte sich direkt hinter dem sich langsam in Bewegung setzenden Fahrzeug ein. Zum Glück war die Straße um diese Uhrzeit nicht mehr allzu befahren und Marina bemühte sich, mit dem Auto, das höchstens 30 km/h fuhr, mitzuhalten. Was auf ihrer alten Mähre nicht gerade einfach war. Am Ende kam sie keuchend und triefend vor der Hauseingangstür von Andors Wohnblock an.

»Ach herrje, hat das Fahrrad keine Gänge?«, fragte Andor, als er sie beobachtete, wie sie ihr Rad anschloss.

»Doch, drei«, klärte Marina ihn schnaufend auf. »Aber der Dritte klemmt. Ich fahre ständig im Zweiten.«

»Das ist übel.«

»Mein Zustand ist übel.« Marina kramte mit zittrigen Fingern nach ihrer Wasserflasche im Rucksack. Das war’s mit ihrer Coolness. Aber sie musste schleunigst was trinken, bevor sie hier auf dem Treppenabsatz zusammenklappte.

Andor wartete schweigend, bis Marina wieder genug Kraft gesammelt hatte, um ihm zu folgen. Natürlich wohnte er im vierten Stockwerk. Alles andere wäre ja auch witzlos gewesen.

Marina hatte keine Erwartungen an seine Wohnung gehabt. Genau genommen hatte sie sich bis vor ein paar Minuten nicht einmal Gedanken darüber gemacht, wo sie hinfuhren. Und jetzt war sie hier in der Wohnung eines wildfremden Typen. Niemand würde sie finden!

Eilig nestelte sie ihr Smartphone aus der Jackentasche und schickte ihrer Cousine unkommentiert ihren Standort. Immerhin würde sie bei ihr nicht in Erklärungsnot geraten, sie selbst hatte ihr Andor doch wegen ihres Problems empfohlen.

»Kaffee, Cola?«, fragte Andor.

Marina erschrak, als er so plötzlich in dem offenen Türrahmen rechts von ihr erschien, und taumelte dabei gegen die Türklinke in ihrem Rücken.

»Sorry, ich wollte –«

»Nichts, danke.« Mit zusammengepressten Zähnen rieb sich Marina die geprellte Stelle.

Andor zuckte mit den Schultern und bedeutete ihr mit einem Kopfnicken, ihm zu folgen.

Sie schlüpfte aus den Ballerinas, bevor sie seiner stummen Aufforderung nachkam und ihm hinterhereilte. Der Flur mündete in ein Wohnzimmer, das gleichzeitig sein Schlafzimmer zu sein schien. Direkt vor ihr im Raum stand eine Dreisitzercouch vor einer Schrankwand mit Fernseher, dazwischen ein Couchtisch. Zu ihrer Rechten ein großes ungemachtes Bett. Und das war’s auch schon.

Andor zog die Vorhänge beiseite und die restlichen Sonnenstrahlen des Spätfrühlings erhellten die Wohnung. Das Licht gab ihr einen seriösen, weniger heruntergekommenen Eindruck und Marina atmete auf.

Andor schwang sich über die Sofalehne und bedeutete ihr, sich neben ihn zu setzen.

Jetzt ist er also da, dachte Marina unbehaglich. Langsam streifte sie die Riemen ihres Rucksacks von den Schultern und stellte ihn auf dem Boden neben dem Sofa ab, bevor sie sich neben ihrem neuen Lehrer niederließ. Unbewusst imitierte sie seine Geste, zog ein Bein unter ihren Po, sodass sie sich gegenübersaßen.

Der Duft von Vanille stieg in ihre Nase und gab dem Junggesellenambiente damit eine irritierende Feminität.

Was tue ich hier eigentlich?

Sie faltete ihre Hände im Schoß zusammen. Ihr linker Daumen verselbstständigte sich, erkannte im Nagelbett des rechten eine vermeintliche Bedrohung, die es zu beseitigen galt. Ihr Herzschlag beschleunigte. Es war nicht nur der Grund ihrer Anwesenheit, der sie so aufrieb, sondern auch die Tatsache, dass sie sich tatsächlich allein in die Wohnung eines Mannes gewagt hatte – noch dazu eines völlig Fremden. Noch nicht einmal mit ihrem Ex war sie allein in dessen Haus gewesen.

Andors Räuspern und sein scheeler Blick auf ihre unruhigen Finger schreckten sie aus ihrer selbstzerstörerischen Tätigkeit. Ertappt klammerte sie sich stattdessen an ihren Fuß, der in einer fadenscheinigen Socke steckte.

Von einer Peinlichkeit in die nächste.

Hätte sie gewusst, dass sich der Tag so entwickelte, hätte sie Strümpfe angezogen, die besser in Schuss waren.

»Ich schlage vor, wir lernen uns erst mal kennen«, eröffnete Andor die Therapierunde und überging dabei freundlicherweise ihren Fettnäpfchenmarathon. »Ich weiß schließlich nicht mal, wie du heißt.«

»Marina.« Das war eine Frage, die sie beantworten konnte. »Marina Kämmer, ich gehe in die Abschlussklasse.«

»Okay, Marie«, entschied sich Andor ungefragt, ihren Namen abzukürzen. »Ich heiße Andor Kleinschmidt, war vor vier Jahren ebenfalls noch Schüler auf deiner Schule und bin jetzt Student im Ingenieurwesen für Elektro- und Informationstechnik.«

Die Verwunderung über den seltsamen Spitznamen, den er ihr gegeben hatte, ertrank unter der letzten Information.

»Du studierst? Was machst du dann als Hausmeister an unserer Schule?«

»Mir mein Studium finanzieren.« Andor grinste und Marina kam sich dämlich vor. »An drei Tagen die Woche komme ich, um irgendwas zu reparieren, auszubessern, aufzubauen … Was Hausmeister halt so tun.«

Langsam wich die Anspannung aus ihren Gliedern. Andor schien ein ganz normaler Kerl zu sein. Und auch wenn sie es nicht gern zugab, beruhigte sie das Wissen, dass er anscheinend mehr draufhatte, als Pflanzkübel zu bestücken. Sie schämte sich ein wenig. Sie hatte von seiner Hausmeistertätigkeit nicht sehr viel gehalten. Jetzt, nachdem sie wusste, dass er es tat, um sich sein Studium leisten zu können, gefiel es ihr sogar. War sie so oberflächlich? Sie wollte gar nicht daran denken, wie die Leute über sie reden würden, wenn sie später … Oh, was tat man nicht alles für seine Träume!

»Und wie geht es jetzt weiter?«, fragte Marina.

»Ich denke, wir versuchen erst mal herauszubekommen, was du von mir erwartest.«

»Ich dachte, das hätten wir geklärt?«

»Ich bin mir nicht sicher, ob ich dein Problem genau verstanden habe.«

Marina entgleisten die Gesichtszüge. Anhand Andors Miene erkannte sie, dass er sehr gut wusste, was sie sich von ihm erhoffte. Er wollte es sie aussprechen hören.

»Ich hasse dich jetzt schon.«

»Sehr gut. Menschen, die man hasst, ist man eher bereit, vulgäre Schimpfworte an den Kopf zu werfen.«

»Ich will nicht ausfallend werden.«

»Aber vulgär?«

Marina kniff die Lippen zusammen. Was stellte dieser Typ bloß an? Er wirkte so unschuldig, wie er dieses eklige Wort aussprach. Und sie saß hier, mit angezogenen Beinen, verkrampften Schultern und zugenähtem Mund.

»Ich möchte«, begann Marina bedächtig, »dass du mir hilfst zu lernen, jene Wörter auszusprechen, die ich zum Bestehen meines Studiums benötige.«

Lügnerin, zwitscherte der Kobold in ihrem Kopf. Du weißt ganz genau, dass das nicht der wahre Grund ist.

»Ich werde dir nicht helfen, bevor du nicht in der Lage bist, wenigstens das Wort Sex in den Mund zu nehmen. Sicher, dass du keinen Kaffee willst? Ich mach mir einen.«

»Und bist du dir sicher, dass da ein Kaffee reicht?«, rief sie ihm hinterher.

Sie hörte Andor von der Küche aus lachen.

Nach wenigen Minuten kam er mit einer Tasse zurück. Anhand des Ratterns hatte Marina bereits erkannt, dass er das Getränk aus einem Vollautomaten pressen ließ und keine herkömmliche Filterkanne aufsetzte.

Kurz darauf saß Andor ihr wieder gegenüber, das dampfende Gefäß in der Hand. Der Duft des Heißgetränks mischte sich unter die Vanillenote.

Doch weder der süßliche Geruch noch Andors lockere Art trugen dazu bei, dass sich Marina wohler fühlte.

Du Versagerin, vermeldete der Kobold in ihrer Ohrmuschel. Du bist so lächerlich. Es sind nur drei Buchstaben. So wirst du nicht mal zum ersten Semester zugelassen.

»Ich möchte, dass du mir hilfst, über intime Dinge zu sprechen«, platzte es aus ihr heraus.

Andor hob die Augenbrauen und nippte an seiner Tasse.

»Dass du mir hilfst, die Körperteile zu benennen, die ich aussprechen muss und auch über gewisse Aspekte der … körperlichen Zuneigung.«

»Du klingst nicht wie eine angehende Gynäkologin, sondern wie eine verschrobene Tante in den Fünfzigern.«

Marina plusterte die Wangen auf. Da hatte sie sich solche Mühe gegeben – nur für diesen abfälligen Kommentar!

»Aber ich will nicht so sein«, meinte Andor gönnerhaft und stellte das Getränk auf den Tisch. »Das war ein Anfang. Wir versuchen was anderes. Ich stelle dir eine Frage und du antwortest mit Ja oder Nein. Einverstanden?«

»Ja.« Marina nickte. Sie musste nicht selbst reden. Nur zuhören. Das würde sie schaffen.

»Gut, das Spielprinzip hast du offenbar verstanden. Wir fangen leicht an. Du gehst in die Abschlussklasse?«

»Ja.«

»Du möchtest Gynäkologin werden?«

»Ja.«

»Weil du dir gern andere Vaginen ansiehst?«

»Was? Gott, nein!« Marina schüttelte den Kopf, dass ihr die Haare um die Wangen stoben. Was sollte diese Frage?

Doch Andor schien völlig unbeeindruckt. »Weil du gern Brüste anfasst?«

»Wie kommst du –« Marina verstummte, schluckte ihre Wut hinunter. »Nein.«

»Weil dich der Gedanke erregt, andere Frauen mit einem Ultraschallgerät zu penetrieren?«

»Ich werde niemanden penetrieren und schon gar nicht erregt mich so was!«, empörte sich Marina über seine Unverfrorenheit.

»Du klingst schon ziemlich erregt.«

»Ja, erregt über die Dreistigkeit, mir so was zu unterstellen.«

»Na, herzlichen Glückwunsch, dann haben wir schon mal herausgefunden, dass ich dich erregen kann.«

»Wir haben herausgefunden, dass du mich aufregen kannst.«

»Und dass du durchaus in der Lage bist, Wörter wie penetrieren und erregen auszusprechen«, stellte Andor mit einem Schmunzeln fest.

»Das ist überhaupt nicht –« Marina stockte. Doch, er hatte recht. Sie hatte ihm in ihrer Ereiferung einfach wild nachgeplappert. »Ich glaube nicht, dass das zählt.«

»Völlig unerheblich. Wir wissen nun schon mal, dass deine Lippen zu der Formung dieser Wörter fähig sind. Ich frage noch einmal: Sicher, dass du keinen Kaffee möchtest?«

 

 

 

 

Kapitel 3

 

 

 

Marina lag in ihrem Bett, leise Klänge dudelten aus ihren Kopfhörern, sollten ihr dabei helfen, diesen verrückten Tag abzuschließen. Doch es brachte nichts. Immer und immer wieder drängte sich dieser absurde Dialog mit Andor zwischen die Zeilen von Toxicity.

Sie hatte den Kaffee abgelehnt und war kurz danach nach Hause gefahren. Dieses erste Gespräch mit ihrem neuen Mentor hatte kaum eine halbe Stunde gedauert und sie war schon fix und alle.

Das wirst du nicht schaffen.

Marina knurrte. Ihr war völlig unklar, wann sie sich diesen kleinen Giftzwerg eingefangen hatte. Er war wirklich wie Herpes, tauchte ständig auf, um ihr ihre eigene Unzulänglichkeit vorzuführen. Und schien dabei wahrhaftig in ihrem linken Ohr zu leben. Es war nicht nur eine Stimme in ihrem Kopf, die sie verhöhnte, sondern etwas viel Penetranteres, Realistischeres. Und sie wusste, sie konnte dieses Ding nur loswerden, indem sie ihm keine Nahrung mehr bot. Es nährte sich von ihrer Unsicherheit.

»Ich zieh das durch«, erklärte sie dem Kobold den Kampf, rollte sich auf die Seite und stellte die Musik lauter, um diese fiese Stimme nicht mehr zu hören.

 

***

 

Am nächsten Morgen auf dem Weg zur Schule fiel ihr ein, dass sie mit Andor gar kein neues Treffen verabredet hatte. Und sie besaß auch seine Handynummer nicht.

Marina seufzte. Da hatte sie endlich den Mut aufgebracht und ihre abenteuerliche Mission in Angriff genommen. Und dann wurde sie durch so eine Unachtsamkeit wieder ausgebremst.

Du boykottierst dich selbst.

Marina fuhr auf den Parkplatz der Schule ein und ließ ihr Fahrrad in Richtung der Fahrradständer ausrollen.

Es würden wieder Tage vergehen, bis sie Andor zufällig irgendwo in der Schule begegnete.

So ein Quatsch!, fiel es ihr plötzlich ein. Der euphorische Gedanke brachte das hämische Kichern des Kobolds zum Verstummen. Du weißt doch, wo er wohnt! Wenn er nicht da ist, steckst du einfach einen Zettel mit deiner Handynummer in seinen Briefkasten.

Marina freute sich über diesen Einfall, auch wenn es sie nervös machte. Es bedeutete, dass sie heute wieder hinfahren müsste und im schlimmsten Fall traf sie Andor sogar an. Sie war noch nicht bereit für eine zweite Session.

Doch, Rina, du wirst das durchziehen. Besser heute als morgen. Sie schloss ihr Fahrrad an, bevor sie sich zum Unterricht aufmachte. Gleichzeitig hallte ihr neuer Kosename in ihrem Kopf wider. Marie.

 

»Was ist heute los mit dir?«, erkundigte sich Laura.

»Was?« Erschrocken hob Marina den Blick von ihrem Smartphone und schaute ihre Freundin an, als hätte diese sie bei etwas Verbotenem ertappt. Denn genauso fühlte sie sich gerade. Die Nachricht ihrer Cousine, die erst jetzt auf ihre gestrige Standortsendung reagiert hatte, hatte sie aus dem Konzept gebracht. Sofern das an diesem Tag überhaupt noch möglich war. Und Lauras neugierige hellblaue Augen trugen nicht gerade dazu bei, ihre Fassung wiederzufinden.

»Genau das meine ich«, erklärte Laura und zog an dem Strohhalm in ihrem Smoothie. Der Lärm in der Cafeteria übertönte das saugende Geräusch, das sie vermutlich dabei machte. »Du bist heut total abwesend.«

Sie würde ihrer Freundin nicht von ihrem Arrangement mit Andor erzählen. Ganz bestimmt nicht. Laura kannte ihr Problem und hatte es doch nie nachvollziehen können. Am Ende war eine Diskussion darüber in einen Streit ausgeartet, in dem Laura sie angefahren hatte, sie solle sich nicht so anstellen und sie würde sich nur so affig haben, um Aufmerksamkeit zu erregen. Marina hatte die Unterhaltung damals abgebrochen und war mit wässrigen Augen aus der Wohnung der Freundin gestürmt. Seitdem vermieden sie beide das Thema. Auch wenn sich Marina sicher war, dass Laura diese News spannend gefunden hätte.

»Ja, kann sein«, nuschelte Marina. »Ich hatte echt eine schlechte Nacht.«

Das war nicht einmal gelogen.

Doch Laura ließ nicht locker. »Schlecht geträumt?«

»Kann ich nicht sagen.« Marina senkte ihren Blick auf ihr Handy und vertiefte sich in eine mögliche Erklärung gegenüber ihrer Cousine. Sollte sie ihr sagen, wo sie gestern gewesen war? Was sich an diesem Standort befand? Ihre Cousine hatte ihr Andor selbst empfohlen. Allerdings, wollte Marina ihr jetzt wirklich Rede und Antwort stehen?

»Wie, du kannst es nicht sagen?«

»Ich bin ständig aufgewacht«, behauptete Marina und entschied, die Nachricht an ihre Cousine auf einen späteren Zeitpunkt zu verschieben. »Deshalb kann ich nicht sagen, ob ich schlecht geträumt habe. Ich war irgendwie andauernd wach.«

»Ach so.« Endlich widmete sich Laura wieder ihrem Getränk.

 

***

 

Marinas Herz raste, als sie den Unterrichtsraum verließ und sich zwang, nur gemächlich zu den Fahrradständern zu schlendern. Ihr Verstand hatte es nicht eilig, aber ihr Puls drängte ihren Körper in unangenehmer Weise fast gehetzt vorwärts. Die ganze Zeit hatte sie gehofft, ihr würde etwas furchtbar Wichtiges dazwischenkommen. Doch dem war nicht so. Und selbst wenn, hätte sie noch immer ein paar Minuten erübrigen können, um die Telefonnummer in Andors Briefkasten zu werfen.

Ich muss ja nicht klingeln, überlegte Marina, während sie ihr rechtes Bein über den Fahrradsattel schwang. Er ist wahrscheinlich eh nicht da.

Genau, vermeldete die kratzige Stimme in ihrem Ohr und schlug damit Marinas auf der Fußmatte erschienenen Hoffnung die Tür vor der Nase zu.

Mit verkniffenem Mundwinkel trat sie in die Pedale und schlug den Weg in Richtung des Wohnparks ein. Für sie sahen alle Häuserblocks gleich aus und so dauerte es eine Weile, bis sie Andors Aufgang gefunden hatte. Die lange Suche hatte nicht eben dazu beigetragen, dass sie sich wohler fühlte. Marina glaubte, die Blicke sämtlicher Nachbarn aus deren Fenstern auf sich zu spüren, wie sie grübelten, ob Marina wohl eine potenzielle Einbrecherin wäre. Als sie endlich Andors Namen an einem der Klingelschilder entdeckte, war sie am Ende sogar etwas enttäuscht, dass auch nach dreimaligem Klingeln und etwa vier Minuten des Wartens noch immer keine Reaktion erfolgte.

Immerhin blieb auch der Kobold in ihrem Kopf ruhig, während sie ihre Handynummer auf einen abgerissenen Zettel schrieb und ihn samt ihrem Namen in den Briefkasten mit dem Aufdruck »Kleinschmidt« einwarf.

 

 

 

Kapitel 4

 

 

 

Es gelang Marina auch den restlichen Nachmittag nicht, einen klaren Gedanken zu fassen. Immer wieder blickte sie auf ihr Handy, in der Hoffnung, eine Nachricht von Andor vorzufinden. Selbst beim gemeinsamen Abendessen mit ihren Eltern brachte sie kaum einen Bissen runter. Sie konnte es kaum erwarten, wieder in ihr Zimmer zu flüchten und ihr Smartphone zu checken. Nachdem gegen zwanzig Uhr eine erneute Nachricht ihrer Cousine eintraf, die bekundete, dass sie nun selbstständig rausgefunden habe, wem dieser Standort zuzuordnen sei, und dass sie alles wissen wolle, schaltete Marina deprimiert ihr Mobiltelefon aus.

 

***

 

Auch am nächsten Morgen und den gesamten restlichen Donnerstagmittag blieb ihr Telefon stumm. Marina überlegte bereits, ob Andor es sich anders überlegt hatte und nicht weiter mit ihr üben wollte.

Er hat gestern einfach nicht mehr in den Briefkasten geschaut, redete sie sich Mut zu und versuchte, sich wieder auf den Unterricht zu konzentrieren. Zwar hatte sie den Studienplatz so gut wie sicher. Aber entscheidend hierfür war das Bestehen ihrer Abschlussprüfungen, die in einem Monat begannen. Sie sollte bei den Wiederholungen also gut aufpassen, wenn sie nicht riskieren wollte, dass ihre Aktion mit Andor nicht völlig umsonst war. Dann lerne ich zumindest was fürs Leben.

 

Der Schultag endete ohne eine Nachricht von Andor und Marina wollte bereits niedergeschlagen den Heimweg antreten, als ihr Smartphone klingelte. Ein stetiges Klingeln. Ein Anruf!

Aufgeregt nestelte sie das brummende Gerät aus ihrer Jackentasche und nahm das Gespräch der ihr unbekannten Rufnummer mit gemischten Gefühlen entgegen.

»Marie?«

»Hä?« Marina schüttelte den Kopf. »Ich glaube, Sie sind falsch –«

»Hier ist Andor.«

»Ach so. Würdest du mich bitte nicht Marie –«

»Ich steh gerade vor meinem Briefkasten«, unterbrach er sie erneut. »Ich hab dich wohl gerade verpasst?«

»Hä?«, wiederholte sie ihre stumpfsinnige Antwort.

»Ich spreche doch mit Marina, oder?«

»J-ja, klar.« Der abrupte Themenwechsel hatte sie aus dem Konzept gebracht. »Sorry, ich … Nein, ich bin noch an der Schule.«

»Vielleicht sollten wir erst mal an deinem Sprachfehler arbeiten, bevor wir die komplexen Wörter in Angriff nehmen«, witzelte Andor. »Wie sieht’s aus, hast du Zeit?«

»Jetzt?« Sie gab sich die Antwort selbst, bevor Andor sie endgültig als hoffnungslosen Fall abschreiben würde. »Ja, bin in fünf Minuten da.«

Sie wartete nicht mehr, ob er noch etwas sagen wollte, sondern beendete das Gespräch. Sie hatte sich genug blamiert.

 

»Ich hab mir für heute was Neues überlegt«, eröffnete Andor direkt, nachdem Marina auf seinem Sofa Platz genommen hatte.

Sie beobachtete, wie er einen Laptop unter seiner zerknüllten Bettdecke hervorzog. Ein plötzlicher Schmerz schoss durch ihren Zeigefinger und erschrocken trennte sie ihre rangelnden Hände voneinander. Ein roter Film bildete sich neben dem lädierten Nagel. Als Andor mit dem aufgeklappten und hörbar schnaufenden Gerät neben ihr über die Sofalehne stieg, versteckte sie ihre Hände eilig unter ihren angewinkelten Beinen. Sie musste sich das nervöse Pulen abgewöhnen. Ihre Hände würden später ihr wichtigstes Werkzeug sein.

Marina unterdrückte ein angespanntes Schlucken. Was würde jetzt kommen? Sie wagte nicht zu fragen. Ein Blick in den links von ihr stehenden dunklen Fernsehmonitor verriet ihre Anspannung auch äußerlich. Ihre Augen waren schreckgeweitet, ihre Bobfrisur vom Fahrtwind zerzaust. Und ihr verrutschter Rundausschnitt legte ihren zartrosafarbenen BH-Träger frei. Sie zog die Hände unter ihren Beinen hervor und richtete möglichst unauffällig ihr Sweatshirt, bis sie von Andor unterbrochen wurde.

Er stellte ihr den Laptop direkt auf den Schoß.

Der Duft von Kaffee mit einem Hauch Vanille stieg ihr in die Nase. Sie schnupperte unwillkürlich.

Kommt das von ihm?

»Laut vorlesen«, störte Andor ihre wirren Gedanken.

Marina blinzelte den Bildschirm an. Sie brauchte einige Sekunden, um die ihr gestellte Aufgabe in all ihrer Tücke zu erfassen.

»Nein.« Ohne darüber nachzudenken, klappte sie das Gerät zusammen und stellte es zwischen sich und Andor auf das Sofa.

Eine Lawine schallenden Gelächters dröhnte plötzlich in ihrem linken Ohr. Der Kobold kugelte lachend durch ihre Gehirnwindungen.

Entschlossen nahm sie den Laptop wieder auf den Schoß und klappte ihn auf.

Der Vorgang hatte keine zwei Sekunden gedauert.

»Ein Prämenstruelles Syndrom bezeichnet komplexe Beschwerden, die vor dem Eintreten der Regelblutung in jedem Monatszyklus auftreten können«, las Marina vor. Sie hob argwöhnisch eine Augenbraue und schielte zu ihrem Lehrmeister hinüber.

Das ist zwar nicht angenehm, aber nicht schwer, befand Marina und stürzte sich auf den nächsten Absatz.

»Die Syphilis ist eine bakteriell verursachte, se-«

Scheiße, zu früh gefreut.

Ein erneuter verstohlener Blick zu Andor. Dieser schaute unter seinen dichten dunklen Brauen zurück, ermutigte sie mit einem Nicken zum Weiterlesen.

»… übertragbare Infektionskrankheit –«

»Da fehlt was«, unterbrach Andor sie und tippte unübersehbar auf das eine Wort, was ihr die Stimme geraubt hatte.

Marina kniff die Lippen zusammen.

Der Kobold kicherte.

»… sessuell übertragbare Krankheit …« Es war nur ein Nuscheln zwischen zusammengebissenen Zähnen. Sie wagte nicht mehr, Andor anzusehen, sie spürte sein strafendes Starren auch so auf ihrem überhitzten Gesicht. »Eines der ersten Symptome der Erkrankung ist ein schmerzloses Ulkus.«

»Klingt nach einer spaßigen Karriere«, bemerkte Andor trocken.

»Ich möchte den Beruf machen, um Frauen zu helfen«, erklärte Marina. »Nicht, um Spaß daran zu haben. Wie wir bereits vorgestern geklärt haben …«

Andor hob die Augenbrauen, langte nach der PC-Maus und öffnete mit einem Klick einen bereits bestehenden Tab auf dem Bildschirm.

Marina seufzte und las laut weiter: »Während des Besuchs beim Gynäkologen besteht die Möglichkeit, dem Arzt Fragen über die …« Pflanzen, Rina, da steht nur was von Pflanzen! »Fortpflanzungs- und … Du willst mich verarschen, oder?«

Doch Andor schüttelte den Kopf und tippte wieder auf den Bildschirm.

»Können wir nicht das mit den Ja-Nein-Fragen noch mal machen?«

»Wenn du den Absatz gelesen hast.« Andor erhob sich von der Couch, kletterte über die Sofalehne und ging in Richtung seines Bettes.

»Was tust du?« Marina blickte ihm hinterher.

Er begann, seine Bettdecke aufzuschütteln. Sie fand zwar auch, dass dieses kleine Zimmer durchaus ein bisschen Ordnung gebrauchen könnte, aber das konnte er doch machen, wenn er keinen Besuch hatte.

»Lies«, befahl er, ohne sie dabei anzusehen.

Und endlich begriff sie, was er vorhatte.

Marina holte tief Luft. Und bevor ihr die Zeit davonlief oder sich der kleine Kobold in ihrem Kopf erneut meldete, beendete sie den Absatz in aller Hast: »… und sexuelle Funktion und zur Anatomie, einschließlich sicherer Sexpraktiken, wie zum Beispiel die Verwendung von Kondomen zur Minimierung der Risiken von sexuell übertragbaren Krankheiten zu stellen.« Hastig klappte sie den Bildschirm zu und pustete die angehaltene Luft aus. Sie hatte es geschafft.

»Ich habe zwar kein Wort verstanden, von dem, was du da runtergerattert hast«, bemerkte Andor und trat direkt hinter sie, »aber immerhin sieht mein Bett jetzt wieder ordentlich aus.«

»Freut mich, dass ich dir helfen konnte«, versuchte Marina, ihr abklingendes Unbehagen mit einem Witz zu überspielen.

Andor griff über ihre Schulter nach seinem Laptop. Sein Arm strich dabei an ihrer rechten Halsbeuge vorbei, der süßlich-herbe Geruch stieg ihr wieder in die Nase. Unverkennbar war er die Quelle des aromatisierten Kaffeeduftes.

Marina zuckte unmerklich zusammen.

Zu viel Nähe nach einem solchen Thema.

Falls Andor ihr Zucken bemerkt haben sollte, ignorierte er es. Er hob das Gerät von ihrem Schoß und stellte es wieder hinter sich auf das Bett.

»Beim nächsten Mal möchte ich dich verstehen, wenn du mir etwas vorliest.«

Marina wusste nicht, ob sie sein Engagement schätzen oder es verteufeln sollte.

»Immer noch Lust auf eine Fragerunde?«

 

 

 

Kapitel 5

 

 

 

Am Abend saß Marina mit gemischten Gefühlen auf ihrem Bett. Sie fühlte sich ausgelaugt. Das Vorlesen der wenigen Zeilen hatte ihr mehr abverlangt, als sie erwartet hatte. Für eine Fragerunde hatte sie keine Kraft mehr aufgebracht.

Nun musste sie ihre verbliebenen Reserven zusammenraffen und sich der letzten unangenehmen Situation dieses Tages stellen. Sie musste Katharina antworten.

Die Buchstaben, die vor ihr auf ihrem Smartphone aufleuchteten, hießen sie eine Lügnerin.

Ich habe mich bisher nur einmal mit ihm getroffen, stand dort. Ich wollte ihn erst mal kennenlernen. Ich bin noch nicht sicher, ob ich mich noch einmal mit ihm treffen werde.

Sie könnte ihr berichten, dass sie heute gemeinsam Kaffee getrunken und über die Schulzeit gesprochen hatten. Was immerhin die Wahrheit war, denn genau das hatten sie nach ihrer Unterrichtssession gemacht. Dennoch kam es Marina wie ein Schwindel gegenüber ihrer Cousine – ihrer engsten Vertrauten – vor. Aber allein bei dem Gedanken daran, Katharina von ihren ersten zwei kläglichen Unterrichtseinheiten zu berichten, stieg Marina die Hitze in die Wangen. Die Erinnerung an das, was sie getan hatte – einem fremden Typen Ausschnitte aus einem Bericht über sexuelle Krankheiten vorzulesen – war so abstrus, dass sie sich einzureden versuchte, es wäre nie passiert. Es jemand anderem zu erzählen, würde diese Illusion zerstören. Und sie war noch nicht so weit, sich einzugestehen, dass sie offenbar völlig verrückt geworden war.

Ach, was soll’s.

Marina sendete die Nachricht ab. Für den Anfang war diese kleine Lüge zu verzeihen, denn eigentlich war bislang kaum etwas Erzählenswertes vorgefallen. Dafür würde sie, wenn sie ihre Cousine das nächste Mal sah, hoffentlich etwas zu berichten haben.

Das funktioniert aber nur, wenn du jetzt auch deine Hausaufgaben machst, ermahnte sie sich selbst und wandte sich damit den bereits im Favoritenverlauf ihres Handys hinterlegten Websites zu. Erst stumm, dann flüsternd, las sie die dortigen Fachberichte. Ein unsichtbarer Druck auf ihrer Brust erschwerte ihr das Aussprechen, ein Kribbeln zwischen ihren Schulterblättern raubte ihr die Konzentration. Obwohl sie allein war, weigerte sich ihr Geist, sich mit den Wörtern zu identifizieren, die er las. Sie klangen fremd in ihren Ohren, nicht einmal ihre Stimme schien die ihre zu sein. Zu kieksend, zu kurzatmig.

Du bist zu prüde für diesen Beruf. Der Kobold kicherte.

Und machte ihr dadurch bewusst, dass noch etwas anderes fremd in ihren Ohren war und nicht nach ihr klang.

»Und wenn ich dich rausätzen muss«, nuschelte Marina kampfbereit und nahm einen weiteren Artikel in Angriff.

 

***

 

Das nächste Treffen hatten sie erst für den kommenden Montag in drei Tagen vereinbart, denn am Freitagnachmittag hatte Andor bereits Termine gehabt und ihr selbst wäre nicht in den Sinn gekommen, ihn am Wochenende zu belästigen. Zumal sie bereits mit Laura zum Lernen verabredet war und sie ihrer Freundin nicht erklären könnte, was ihr denn plötzlich so Wichtiges dazwischengekommen wäre. Letztlich endete das »Lernen« nach einer halbstündigen Vokabelabfrage in einem Supernatural-Marathon und auch wenn das nicht der Erfolg war, den Marina für sich selbst anstrebte, zauberte ihr die Erinnerung ein Lächeln ins Gesicht. Es war ein lustiges Wochenende gewesen. Sicherlich nicht so produktiv wie geplant, aber immerhin lange nicht so peinlich, wie es wohl mit einer weiteren Therapiesitzung bei Andor geworden wäre.

Außerdem hatte sie so zumindest den Sonntagabend Zeit gehabt, an ihrer Aussprache zu arbeiten. Und so kam es, dass sie an diesem Montagnachmittag neben Andor auf der Couch saß und einen Artikel über die Anwendung verschiedener Verhütungsmethoden nahezu problemlos und verständlich vorlas.

Seufzend beendete sie ihren Vortrag und wandte sich anschließend mit gespannter Miene dem braunhaarigen Mann zu ihrer Rechten zu. Der nickte und pfiff leise durch seine Zähne.

Marina lächelte erleichtert und strich sich eine ihrer Haarsträhnen hinters Ohr.

»Verrat mir, wie du das geschafft hast.«

Ganz einfach: Ich habe meinem Gehirn in den letzten Tagen eingebläut, dass der geschriebene Text nichts mit mir zu tun hat, dass das nicht meine Worte sind. Mein Verstand hat gelernt, sich von dem Text zu distanzieren.

Marina würde eher dem gesamten Wohnblock die eben gelesenen Artikel vortragen, als ihm das zu verraten. »Ich hab viel geübt.«

»Das merkt man. Nachdem das mit dem Ablesen so gut klappt, gehen wir einen Schritt weiter.«

O Gott, bitte nicht.

Nur ihrem Überlebensinstinkt war es zu verdanken, dass ihr Körper schnell genug reagierte und sie ihre schreckgeweiteten Augen zu ihren Füßen hinabsenkte. Bemerkte Andor, was seine Worte gerade in ihr anrichteten, würde der Jäger in ihm sofort die Chance erkennen und sein Opfer überwältigen. Er würde ihren Betrug entlarven.

»Wir machen wieder eine Fragerunde. Aber diesmal antwortest du richtig auf meine Fragen. Einverstanden?«

Noch während ein Teil von Marinas Gliedmaßen damit beschäftigt war, ihre golfballgroß auseinandergerissenen Augenlider wieder auf ein normales Maß zueinander zu pressen, schluckte der, der für ihre Existenz verantwortlich war, hörbar und ließ sie nicken. Ihre Hände verkeilten sich ineinander, nahmen den Wettkampf gegen ihre ausgefransten Nagelbetten auf.

»Wir üben ja hier nur das Aussprechen von dem, was du später im Studium und im Beruf als Gynäkologin anwenden musst. Ich frage mich, ob du in der Lage sein wirst, es auch zu praktizieren, wenn dir schon das Sprechen solche Schwierigkeiten bereitet.«

Marina hatte Andor bislang wohlweislich verschwiegen, dass das, was sie hier übten, für ihr Studium nur mäßig interessant sein würde. Dem fachspezifischen Studium für einen gynäkologischen Bereich ging ein fünfjähriges Medizinstudium voraus und das würde sie auch ohne Andors Hilfe bewältigen. Zumindest wenn es um die Aussprache von medizinischen Begrifflichkeiten ging. Viel wichtiger war es, ihr gegenwärtiges Problem zu lösen. Aber Andor davon zu berichten, ihm zu beichten, wofür sie seine Hilfe tatsächlich benutzte, würde das Ende ihres Unterrichtes bedeuten. Sie wäre für ihn genau die Art Frau, von der er sich geschworen hatte, fernzubleiben.

»Was ist deine genaue Frage?«

Dusch.

Die Wand, gegen die sie gerade in ihrer gedanklichen Versunkenheit angerannt war, war unübersehbar, gigantisch wie ein Gebirge. Und sie hatte sie voll mitgenommen. Und jetzt musste sie damit leben, dass er ihre Steilvorlage ausnutzte.

»Wirst du in der Lage sein, diesen Beruf auch praktisch auszuüben?«

Ihr Daumen sendete einen qualvollen Hilferuf durch ihre Nerven und mit einem unterdrückten Aufstöhnen zwang sie ihre Hände zur Ruhe.

»Ich werde es lernen. So wie ich das Sprechen darüber lerne. Aber der theoretische Teil bringt mich auf jeden Fall schon weit ins Studium rein.«

Lügnerin.

»Warum willst du Gynäkologin werden?«

»Ich will Frauen helfen. Das habe ich schon mal erzählt.«

»Wobei? Bei der Behandlung von Geschlechtskrankheiten? Bei Geburten?«

Marina biss sich auf die Unterlippe. »Bei ungewollten Schwangerschaften.«

Andor blinzelte. »Bei Abtreibungen?«

»Ich hoffe, ich kann junge Mädchen darüber aufklären, bevor es so weit kommt«, erklärte Marina und besah sich lieber Andors Wohn- und Schlafbereich anstatt diesen selbst. Hatte er sein Bett neu bezogen?

»Hat das einen besonderen Grund?« Andor stellte diese Frage sehr vorsichtig.

Sie konnte sich ausmalen, wie unsicher er sie gerade musterte. Wie seine dunklen Augen die unausgesprochene Frage hinzufügten, ob sie jetzt ein Terrain betraten, auf dem er nichts verloren hatte.

»Keinen persönlichen.« Marina spürte, wie die Anspannung aus ihm wich, auch ohne ihn anzusehen. Ihre eigene hingegen blieb. »Eine Freundin wurde mit fünfzehn ungewollt schwanger. Sie hatte große Angst, es ihren Eltern zu sagen. Sie wollte das Baby nicht, durfte es ohne die Zustimmung ihrer Eltern aber nicht … abtreiben.« Allein die Erinnerung an dieses Erlebnis, die Verzweiflung ihrer Freundin, ließ die Tränen in ihr aufsteigen, sie wollte das Thema nicht vertiefen. Sie holte tief Luft und erklärte: »Ich möchte verhindern, dass junge Frauen in solch eine Situation geraten. Und wenn es doch passiert, dann möchte ich ihnen helfen.«

Andor schien zu merken, dass sie nicht weiter darüber sprechen wollte. Vor allem bewegten sie sich hier auf einem Themengebiet, das jedenfalls nicht sein Steckenpferd war.

»Und du glaubst, dass du in der Lage wärst, solche Eingriffe durchzuführen? Wenn eine Frau mit entblößtem Unterleib vor dir liegt und du etwas aus ihr herausschaben musst, was mal ein Mensch werden wollte?«

»Ich kann Blut sehen.« Marina versuchte, zur Sachlichkeit zurückzufinden.

Andor lachte. »Und kannst du auch die Vaginen anderer Frauen sehen? Und vor allem sie anfassen?«

Marina zog eine Grimasse und bemühte sich, sämtliche Professionalität an den Tag zu legen, zu der sie fähig war. Auch wenn ihr Gesicht vermutlich bereits die Farbe eines Ferkels angenommen hatte.

»Ich bin guter Hoffnung, dass der Anlass, aus dem ich dies tun werde, die Peinlichkeit solcher Situationen überschatten wird. Scham ist bei solchen Eingriffen völlig unangemessen.«

»Ein weiser Ratschlag!«, rief Andor aus. »Und warum kannst du ihn dann nicht anwenden, wenn es um das bloße Sprechen geht? Es sind nur Wörter. Deine Patientinnen werden wissen wollen, was du da unten an ihnen rumfuhrwerkst.«

»Sie sind doch keine kaputten Autos.«

»Darum geht es doch gar nicht.« Andor rollte mit den Augen. »Spielen wir das mal ganz einfach durch. Ich gebe zu, ich kenne mich mit dem Werdegang einer Frauenarztpraxis nicht besonders aus. Aber wie würde ein Arzt ein Mädchen begrüßen, das zum ersten Mal zu ihm kommt?«

»Kommt drauf an, was das Mädchen möchte und wie alt es ist«, beantwortete Marina die Frage in aller Sachlichkeit.

»Strapazier meine Nerven nicht.«

Der autoritäre Ton ließ Marina zusammenzucken.

»Es würde vielleicht so ablaufen: Das Mädchen, nennen wir es Tina, wird von einer Schwester in eine Umkleidekabine geführt, wo es sich untenrum ausziehen soll. Tina wird warten, bis der Arzt sie in den Untersuchungsraum ruft und dann dort, vielleicht mit Händedruck, begrüßt werden. Der Arzt wird sagen: ›Bitte setz dich auf diesen Stuhl.‹ Sie wird sich setzen und der Arzt sagen: ›Dann gucken wir mal, ob alles in Ordnung ist. Rutsch bitte ein Stück runter an die Kante und stell dann deine Füße links und rechts auf den Stützen ab.‹«

»Ich bekomme gerade mehr Einblick in den Arbeitsalltag eines Frauenarztes, als ich je zu hoffen gewagt habe«, bemerkte Andor nüchtern. »Können wir jetzt bitte zum Punkt kommen?«

»Der Arzt wird dann zu einem Gerät greifen, das wie ein … Stock aussieht.« Marina räusperte sich verlegen. »Er wird einen Gummi darüber ziehen und es … Na, er wird jedenfalls etwas sagen wie –«

»Halt, stopp«, unterbrach Andor sie mit einem verschlagenen Unterton. »Das interessiert mich jetzt aber doch. Was macht er mit dem Stock in dem Gummi?« Die Art, wie er es betonte, machte deutlich, was er von ihrer Beschreibung hielt.

»Dieser Stock ist ein Ultraschallgerät, aber das hätte der Arzt Tina im weiteren Verlauf noch erklärt«, merkte Marina etwas spitz an. »Er … tut ein Gel darauf.«

»Spannend! Warum tut er das?« Andor beugte sich vor, stützte das Kinn auf seine Handfläche und schaute Marina aus großen Augen an, als berichtete sie, kürzlich ein Einhorn ausgebrütet zu haben.

»Na, damit es … nicht so … unangenehm ist.« Musste sie das jetzt wirklich aussprechen? Ein Blick in Andors Miene verriet ihr, dass sie nicht drum herumkommen würde. Und wenn sie noch so lange rumdruckste. »Beim Einführen.«

»Wo ist die Offenheit hin, die du eben noch beim Vorlesen hattest?«, erkundigte sich Andor unerwartet. Sein Tonfall klang nicht mehr sonderlich verbindlich. Eher lauernd.

»Aufgebraucht«, scherzte Marina.

»Marie, hast du beim Vorlesen geschummelt?«

»Bitte nenn mich nicht so.«

»Lenk nicht ab!«

Sie zuckte unter dem aggressiven Ton zusammen. »Wie hätte ich das tun können?«, holte sie zu einer scheinheiligen Gegenfrage aus und hoffte, dass ihr keine kleinen Hörner aus der Stirn wuchsen.

»Ich hab keine Lust, meine Zeit zu verschwenden«, erklärte Andor plötzlich. »Wenn du nicht bereit bist, ernsthaft an deinem Problem zu arbeiten, bin ich es auch nicht.«

Marina straffte den Rücken, ihr Atem stockte. Beendete Andor etwa gerade ihren Nachhilfeunterricht? Das konnte sie unmöglich zulassen!

»Doch, natürlich will ich ernsthaft daran arbeiten«, versicherte sie eilig. »Es ist nur … Es ist nicht so einfach für mich. Deswegen machen wir es ja.«

»Das ist mir bewusst. Aber wir bewegen uns in so kleinen Schritten vorwärts, dass ich das Gefühl bekomme, jemand würde den Weg in der Zeit verlängern, in der wir ihn begehen.«

Marina wusste nicht, ob sie die Metapher wirklich begriff. Aber ihr war klar, dass sie sich jetzt zusammenreißen musste.

»Okay, ich hab nicht ganz ehrlich gespielt.« Sie entschied, in die Offensive zu gehen. »Beim Vorlesen kann ich mich von dem Text distanzieren. Er stammt nicht von mir.«

»Und warum kannst du dieses Denken nicht anwenden, wenn du mir den normalen Ablauf in einer Arztpraxis schilderst? Ich erwarte doch nicht von dir, dass du deine sexuellen Fantasien in allen Details vor mir ausbreitest.«

Marina presste die Lippen fest aufeinander.

Ja, warum nicht?, kicherte der Kobold in ihrer Ohrmuschel boshaft.

»Weil das immer noch meine Wörter sind. Wörter, die ich mir ausgesucht habe«, erklärte Marina ihr Problem. Und in diesem Moment wurde es ihr tatsächlich erstmals bewusst. Es war nicht das Aussprechen der Begriffe, das ihr Schwierigkeiten bereitete. Es war die Sorge um das, was Leute über sie denken würden, wenn sie genau dieses Wort benutzte. »Wenn ich einen Fachausdruck verwende, ist das für eine Gynäkologin sicher angemessen. Aber was, wenn meine Patientin nicht versteht, was ich ihr im Fachjargon erkläre? Wie wird sie mich angucken, wenn ich auf ihre Frage, was«, Marina holte tief Luft, »Vagina bedeutet, plötzlich im Oma-Style antworte, dass ich ihr Bärchen meine?« Marinas Wangen glühten. Sie hatte das Gesicht so weit von Andor abgewandt, dass er wahrscheinlich die kurzen Haarsträhnen ihrer Bobfrisur in ihrem Nacken zählen konnte. Trotz angestrengten Lauschens vernahm sie jedoch kein unterdrücktes Lachen hinter sich. Den Hals hatte sie zwischen die Schultern gezogen und wäre dies physisch möglich, hätte sie ihren Kopf ebenfalls darin versteckt.

Doch das befürchtete Kichern blieb aus. Stattdessen hörte sie ein leichtes Schmunzeln aus Andors Worten heraus: »Ich bezweifle, dass du eine solch inkompetente Antwort geben würdest.«

Marina fühlte die Anspannung von sich weichen. Endlich traute sie sich, den Kopf langsam wieder aus ihrem Brustkorb emporzustrecken und sich umzudrehen.

»Immerhin kommen wir deinem Problem langsam näher. Du fürchtest, was andere über dich denken könnten.«

Marina fiel ein Stein vom Herzen. Er hatte es auf den Punkt gebracht.

»Nun, was Patienten angeht, kann ich dir versichern, dass sie dich für eine sehr kompetente Ärztin halten werden, wenn du ihnen sachlich begegnest. Vielleicht sollten wir das erst mal in deinem Kopf verankert bekommen. Und wenn du diese Etappe gemeistert hast, dann können wir uns ja mit alternativen Bezeichnungen beschäftigen, damit du später tatsächlich nicht in Erklärungsnot gerätst.«

 

 

 

Kapitel 6

 

 

 

Marina hockte neben ihrem geparkten Fahrrad auf dem Fahrradständer und ließ den Blick über die hohen Mauern der Neubauten schweifen. Zum vermutlich ersten Mal in ihrem Leben war sie froh, dass ihre Eltern vor sechs Jahren mit ihr aus der Stadt in ein Dörfchen gezogen waren, wo der nächste Nachbar zehn Meter entfernt hinter einem Sichtschutzzaun mit zusätzlich zwei Meter hoher Hecke lebte. Denn hier zwischen diesen unpersönlichen Mauern hatte sie das Gefühl, dass man sie aus den hochgelegenen Fenstern beobachtete, dass man ihr ansah, was sie hertrieb. Sie saß in diesem kahlen Innenhof wie auf einem Präsentierteller.

Nervös schaute sich Marina um, hatte kaum noch ein Gehör für den Podcast, der aus ihrem Bluetooth-Stecker schallte.

Sie wartete schon bald eine halbe Stunde, aber Andor war nicht zu erreichen. Ob er ihre Verabredung vergessen hatte?

In dem Moment, in dem sie sich entschloss, die dreißig Minuten noch voll zu machen, sah sie Andors blaues Auto auf den Parkplatz fahren.

Mit gemischten Gefühlen erhob sie sich von dem Stahlgestell und nestelte die Knopfstecker aus ihren Ohren.

»Sorry, dass du warten musstest«, entschuldigte er sich gehetzt und presste den Schlüssel in die Hauseingangstür. »Ich musste noch einem Kommilitonen helfen.«

»Kein Problem.«

Sie würde ihm sicher nicht sagen, dass jede Minute, die sie länger vor seiner Haustür verharrte, sie nervöser machte und ihren Fluchtinstinkt anheizte. Sie wollte wirklich nicht von einem Mitschüler gesehen werden. Auch wenn man vielleicht nicht wusste, wer sie war, bestand die Gefahr, dass zumindest Andor und sein besonderer Ruf hier nicht unbekannt waren. Die scheelen Blicke, die man ihr in seiner Gesellschaft zuwerfen würde, wollte sie nicht ertragen.

Eilig folgte sie ihm in den Hausflur.

Marina wartete mit dem ihr schon vertrauten flauen Gefühl im Magen auf seinem Sofa im einzigen Raum der kleinen Wohnung, während sie Andors Kaffeemaschine in der Küche arbeiten hörte. Wenige Sekunden darauf flog ihr plötzlich ein kleiner Ring mit zwei Schlüsseln daran auf ihre im Schoß verschränkten Hände. Sie unterdrückte ein schmerzhaftes Aufjaulen und nahm den kleinen Bund auf.

»Für Haus und Wohnung«, erklärte Andor, der neben ihr stand. »Da du mich sicherlich noch öfter besuchen wirst und ich dich bisher praktisch regelmäßig hab warten lassen.«

»Das kann ich nicht annehmen.« Erschrocken streckte sie ihm die Schlüssel entgegen.

»Doch, sicher.« Andor ignorierte ihre Geste und setzte sich wieder Richtung Küche in Bewegung. »Hier gibt’s nichts zu stehlen. Und wenn doch, weiß ich ja, wer’s war.«

Marina senkte die Hand und zwirbelte den Ring zwischen den Fingern.

Meint er das ernst? Wer bitte gibt einer Fremden einen Schlüssel zu seiner Wohnung? Ein Schreck fuhr durch ihre Glieder, unwillkürlich versteifte sie sich. Es sei denn … O Gott, hat sich Andor etwa in mich verliebt?

Der Bund entglitt ihr und rutschte zwischen ihre auf dem Sofa gekreuzten Füße. Ängstlich huschte ihr Augenmerk zu Andor empor, der sich gerade über die Sofalehne schwang und sich neben sie setzte.

»Gibst du all deinen Schülerinnen einen Schlüssel?«, fragte sie mit dünner Stimme, während ihre Finger blind nach dem heruntergefallenen Objekt tasteten. Ihr Blick wanderte dabei über sein markantes Gesicht, seine Out-of-bed-Frisur, die dichten Brauen über den braunen Augen.

»Ich hab dir gesagt, dass ich das eigentlich nicht mehr mache«, erinnerte er sie und stellte seinen Kaffeebecher neben sich auf den kleinen Tisch. Das dumpfe Geräusch, das er dabei verursachte, holte Marina aus ihrer Tagträumerei.

Reiß dich zusammen, woran denkst du!

»Aber tatsächlich habe ich das schon manchmal getan, ja.«

»Du bist ganz schön vertrauensselig.«

»Diese Art von Unterricht – wenn man es so nennen möchte – erfordert ja auch eine gewisse Vertrauensbasis, oder findest du nicht?«

Marina dachte darüber nach und nickte langsam. Ja, wer seinen Körper – oder wie sie zumindest ihre Gefühle und Gedanken – in seine Hände legte, musste eine Menge Vertrauen aufbringen.

Vielleicht interpretiere ich da zu viel hinein …

»Übrigens waren nicht nur Schülerinnen bei mir.«

Es war ein beiläufiger Satz ohne Betonung. Dennoch gelang es ihm, Marinas volle Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.Sofort warf ihre Fantasie die Motoren an.

»Du meinst, weil einige von ihnen die Schule schon beendet haben.« Sie entschied sich für die unverfänglichste Schlussfolgerung. Er konnte doch nicht wirklich …

»Das auch«, räumte Andor ein und sie sah ein Schmunzeln an seinen Mundwinkeln zucken.

Das geht dich nichts an, rief sie sich zur Ordnung.

»Okaaay«, meinte Marina mit völlig überzogener Tonlage und schaute sich verlegen im Wohnzimmer um. »Was steht also heute auf dem Programm?«

»Wir machen da weiter, wo wir aufgehört haben.« Andor hob die Schultern. Seine dunklen Brauen verschwanden unter den losen Haarsträhnen auf seiner Stirn, die Augen blickten interessiert, doch seine Lippen kämpften gegen den Drang an, sich zu einem Grinsen zu verziehen. »Wie war das noch mal mit diesem Gel auf dem Stock?«

 

 

 

Kapitel 7

 

 

 

Es war ihr an diesem Nachmittag bei Andor zu ihrer eigenen Überraschung ein echter Durchbruch gelungen. Sie hatte ihren Bericht abgeliefert, mit aller Professionalität, die sie am Abend zuvor eingeübt hatte. Es war ihr schon schwergefallen, die Wörter in ihren eigenen vier Wänden ohne Zuhörer auszusprechen, mit Andor war das noch ein ganz anderes Thema gewesen. Zu ihrem Glück verhielt er sich ebenso professionell wie sie. Er lachte nicht, unterbrach sie nicht. Stellte keine peinlichen Fragen und ermutigte sie stattdessen zum Weitersprechen, indem er sie zum Schluss in die Rolle der behandelnden Fachärztin schlüpfen ließ. Dass sie am Ende ein Aufklärungsgespräch mit einem erwachsenen Mann geführt hatte, der über weit mehr Erfahrung verfügte als sie, war Marina erst auf dem Nachhauseweg bewusst geworden. Am Abend war sie jedoch stolz auf sich selbst ins Bett gefallen. Sie würde durch das Studium kommen.

Als wenn es darum ginge, höhnte der gehässige Kobold in ihrem Kopf. Sie sah vor ihrem geistigen Auge, wie er sich mit seinem viel zu langen Zehennagel etwas aus den Zähnen pulte. Deine paar Vokabeln nützen dir einen Scheiß bei dem, was du vorhast.

Ekelhaft. Der Kobold ätzte sie an. Verzweifelt warf Marina den Kopf auf ihrem Kissen hin und her, in der Hoffnung, dieses kleine Geschwür dadurch hinauszuschleudern.

Verschwinde!, schrie sie gegen sein Gelächter an.

Nachdem er sie die letzten zwei Tage in Ruhe ihre Erfolge hatte feiern lassen, dröhnte sein Hass jetzt umso schmerzhafter. Marina presste Zähne und Augenlider zusammen, hielt sich gegen das diabolische Kreischen die Ohren zu, das jeder irdischen Grundlage entbehrte.

»Ich schaffe das«, murmelte sie entschlossen. Dann steckte sie sich ihre Kopfhörer in die Ohren und schlief zu der donnernden Musik von System of a Down ein.

 

***

 

»Wo treibst du dich eigentlich ständig rum, hm?« Lauras Worte klangen beiläufig, während sie ihr Smartphone über den vor ihr stehenden Salat hielt und offensichtlich versuchte, ihr Mittagessen trotz der unzureichenden Cafeteria-Beleuchtung ins rechte Licht zu rücken.

Marina kaute auf ihrem Hamburger und krauste die Stirn unter ihrem Pony.

»Wieso ständig?« Sie wischte sich mit einer Serviette die Mayonnaise aus dem Mundwinkel. Jetzt schön cool bleiben. »Ich hab mich gestern mit meiner Cousine getroffen. Hab ich doch gesagt.«

»Das hast du.« Laura nickte. Mit einem Seufzen legte sie ihr Smartphone vor sich auf den Tisch und sah Marina direkt ins Gesicht. Ihr hellblauer Blick und ihre gerade Haltung verkündeten Ärger. Laura glaubte ihr nicht. »Nur weiß ich, dass das nicht stimmt. Ich hab Katharina gestern zufällig in der Stadt getroffen.«

Ups.

Marinas Synapsen leisteten Höchstarbeit, sprühten Funken, von denen sie kurzzeitig hoffte, sie mögen dem Kobold den Hintern versengen. Dann seufzte sie und setzte eine entschuldigende Miene auf.

»Okay, ich war zu Hause. Laura, es tut mir leid. Ich hatte gestern einfach keine Lust auszugehen.«

»Verarsch mich nicht!«

Marina zog erschrocken den Kopf zwischen die Schultern, die anderen Schüler in der Mensa unterbrachen kurzzeitig ihre Gespräche, um ihnen teils erboste, teils neugierige Blicke zuzuwerfen. Doch zu ihrem Glück senkte Laura ihre Stimme wieder.

»Katharina hat es mir gesagt. Warum erzählst du mir so was nicht? Ich dachte, ich bin deine beste Freundin.«

Sie hatte es ihr gesagt?

Marina schloss die Augen und schickte ein Stoßgebet zum Himmel. Sie würde mit Katharina ein ernstes Wort reden müssen. Dass man ein so delikates Thema nicht einfach herausposaunte, sollte ihrer Cousine doch wohl klar sein. Vor allem dann, wenn man selbst offenbar als Alibi herhielt.

»Es war mir peinlich.«

»Und wieso? Vor deiner besten Freundin muss dir nichts peinlich sein. Wenn ich überlege, was du alles über mich weißt …«

Marina spürte das Brennen ihrer Wangen langsam nachlassen. Ja, Laura hatte sicher schon einige Dinge zum Besten gegeben, die sie lieber nicht gewusst hätte. Aber einen völlig Fremden zu bitten, ihr beizubringen, über Sexualität zu reden, das hatte auch ihre beste Freundin noch nicht getoppt.

»Ich finde das nicht unbedingt vergleichbar«, murmelte Marina und widmete sich wieder ihrem Burger. Nachdem der erste Schreck über das unfreiwillige Lüften ihres Geheimnisses abgeebbt war, fühlte sie sich erleichtert. Endlich brauchte sie Laura nicht mehr anlügen und konnte sogar mit ihr über die Dinge reden, die sie bewegten. Anscheinend hatte ihre Freundin doch mehr Verständnis für sie, als sie angenommen hatte. Sie kam sich mies vor, so wenig Vertrauen in sie gehabt zu haben.

»Stimmt, Nachhilfe zu nehmen ist ja auch ein ganz furchtbar heikles Thema.« Laura rollte mit den Augen und griff wieder nach ihrem Smartphone.

Marina stoppte mitten im Atemzug.

Nachhilfe.

Laura wusste keine Details.