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Ihre Laufbahn bei der Europäischen Kommission fest im Blick, zieht Nadine Lashuk für ein Praktikum nach Minsk. Als sie ihr Herz an einen Weißrussen verliert, ist ihre Verbindung zu diesem exotischen Land, das nicht etwa hinterm Mond, sondern zwischen Polen und Russland liegt, für immer besiegelt. Die junge Deutsche muss lernen, dass ein Besuch bei den Eltern einer Verlobung gleichkommt; eine anständige Frau immer ein Huhn im Kühlschrank und Breschnews Erziehungsratgeber im Regal hat. Und nachdem der erste deutsch-belarussische Nachwuchs das Licht der Welt erblickt, passiert das Unvermeidliche: Die Babuschka plant ihren Einzug bei dem jungen Paar… Eine hintergründige Erzählung über Leben und Lieben zwischen Sowjetismus und Moderne, Ost und West.
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Veröffentlichungsjahr: 2016
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Für Tamara und Sascha, die seit nunmehr zehn Jahren die Kapriolen einer deutschen Schwiegertochter ertragen.
Danke, dass Ihr immer für mich da seid.
Orts- und Eigennamen haben russische oder belarussische Schreibweisen, je nachdem, wie wir sie in unserem Alltag verwenden. Die Umschrift ist der deutschen Aussprache nachempfunden.
ISBN 978-3-492-97337-3
April 2016
© Piper Verlag GmbH, München/Berlin 2016
Redaktion: Regina Carstensen, München
Fotos im Bildteil: Archiv Nadine Lashuk
Karte: Dörte Rehberg, München
Litho: Lorenz & Zeller, Inning am Ammersee
Covergestaltung: Birgit Kohlhaas, kohlhaasbuchgestaltung.de
Covermotiv: Shutterstock
Datenkonvertierung: Kösel Media GmbH, Krugzell
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»Dein Traumprinz wird als Dschingis Khan mit wehenden Haaren durch die Tundra geritten kommen, schwingt dich auf sein Pferd, und dann lebt ihr glücklich und zufrieden in seiner Jurte!« Zusammen mit meinen Kommilitonen saß ich im Kreml, unserer Lieblingsbar in der nordfranzösischen Stadt Lille, wo wir Politikwissenschaft studierten. Sie hatten mir mein bevorstehendes Praktikum in Osteuropa irgendwie realitätsfern ausgemalt. Demokratie will ich nach Belarus und vorher auch noch in die Ukraine bringen, nicht einen Kosaken ehelichen!
Bei der Erinnerung an dieses Treffen lache ich leise in mich hinein. Dann greife ich nach meinem riesigen Koffer, sammle noch meine sonstigen Habseligkeiten zusammen und klettere verschlafen aus dem Nachtzug, der mich von Kiew in die belarussische Hauptstadt Minsk gebracht hat.
Was habe ich für eine Angst ausgestanden in dieser letzten Nacht, denn oft genug hatte ich zu hören bekommen, dass es nicht so einfach wäre, nach Belarus einzureisen. Ständig kreisten meine Gedanken um immer dieselben Fragen: Waren meine Papiere in Ordnung? Hatte ich die Einreisebestimmungen richtig verstanden? Ich war mir mehr als unsicher gewesen. Und dann waren sie da, die belarussischen Grenzbeamten. Sie trugen riesige Mützen, die zusammen mit ihren bitterernsten Mienen ihre Wirkung nicht verfehlten: Sie schüchterten mich und andere arglose Reisende ein. Doch dann war alle Aufregung umsonst gewesen, alles war in Ordnung, alles klappte reibungslos.
Jetzt bin ich in Belarus!
Eine Tatsache, um die mich kaum einer aus der Delegation der Europäischen Kommission in der Ukraine, wo ich den ersten Teil meines Praktikums absolvierte, beneidet. Eine EU-Delegation ist übrigens eine Art Botschaft, in der Diplomaten aus allen EU-Mitgliedsstaaten zusammenarbeiten. Die erfahrenen Kollegen verspotteten mich milde. Ich habe noch ihre Worte im Ohr: »Ach, du bist die, die nach Minsk muss? Du Arme! Na, viel Spaß. Wir sind immer froh, wenn wir da nicht hinmüssen.« So der Tenor ihrer mitfühlenden Bemerkungen. Für mich hatten sie dennoch vielversprechend geklungen, in welcher Hinsicht auch immer.
Alfredo, ein wohlmeinender älterer Diplomat aus Italien, gab mir sogar den Rat, mich nicht zu verlieben: »Das ist die Masche des KGB! Attenzione! Die schicken dir einen gut aussehenden jungen Mann, du verliebst dich, und schwupps, schon spioniert er dich aus!«
Immerhin war nicht von spionierenden Kosaken, die mich in ihre Jurte entführen wollten, die Rede gewesen.
Ich hatte über Alfredos Worte nur lachen können. Bitte, als ob ich mich in einen Belarussen verlieben könnte … Undenkbar! Mein Plan war, das Praktikum zu absolvieren, einen Franzosen zu heiraten, zweisprachige Kinder großzuziehen und dann Weltpräsidentin zu werden. Darum hatte ich schließlich in Frankreich studiert! Und ein Franzose war für mich der Inbegriff eines stilvollen Lebens, eben mit süßen kleinen Kindern, die fließend in der schönsten Sprache der Welt parlieren würden. Mit einundzwanzig darf man noch Träume haben.
Egal. Zwei Wochen lang hatte man mich in Kiew auf Minsk vorbereitet. Ich hatte die Verantwortlichen für Belarus kennengelernt, die aufgrund der angespannten politischen Lage oft in Kiew arbeiteten und nicht in der belarussischen Hauptstadt. Ich hatte Konferenzen zur politischen Lage in der Ukraine und in Belarus besucht und mich in die europäische Nachbarschaftspolitik eingearbeitet.
Alfredo hatte mich bei einem Mittagessen in einem Lokal auf dem Taras-Schewtschenko-Boulevard über die Geschichte von Belarus informiert. Während wir unter Linden und Kastanienbäumen saßen, die Schutz vor der sengenden Julisonne spendeten, bekam ich einen Schnellkurs.
»Belarus, so muss man wissen«, dozierte Alfredo, »ist als Nationalstaat noch nicht sehr erprobt. Gewachsen aus dem Großfürstentum Litauen, wo das Altbelarussische Staatssprache war, hat es nur eine begrenzte Tradition als eigenständiger Staat. Als Teil des Russischen Reichs wurde es 1917 nach dem Sonderfrieden von Brest-Litowsk kurzzeitig als Belarussische Volksrepublik unabhängig. Der junge Staat konnte sich jedoch nicht etablieren, denn die Bolschewiken hatten ihrerseits in Smolensk eine Belarussische Sozialistische Sowjetrepublik ausgerufen, die 1922 die Sowjetunion mitbegründete. Dann begann das neue Sowjetreich zu expandieren, und die Republik Belarus wurde der UdSSR als Belarussische Sowjetische Sozialistische Republik einverleibt, kurz BSSR.«
Alfredo nahm ein Taschentuch aus dem Sakko, das er über seinem gestärkten weißen Hemd trug – er war stets korrekt gekleidet, auch bei 35 Grad Celsius im Schatten. »Himmel, ist das warm heute«, beschwerte er sich. »Hätten wir uns lieber nicht auf die Terrasse gesetzt, drinnen im Restaurant gibt es wenigstens eine Klimaanlage!«
Einem Italiener war es zu heiß! Dieses Praktikum half mir auch dabei, mit nationalen Stereotypen aufzuräumen.
»Ich bin Historiker, musst du wissen. Wenn es dir zu langweilig wird, sag Bescheid, dann versuche ich, mich knapp zu fassen.« Bei diesem Scherz musste er selbst lachen. Alfredo fasste sich nie kurz, schon gar nicht, wenn es um osteuropäische Geschichte der Neuzeit, sein Steckenpferd, ging. Die Kollegen in der Delegation hatten mich gewarnt, bevor wir zu diesem Arbeitsessen aufgebrochen waren.
»Wo war ich stehen geblieben? Ach ja, 1922. Der westliche Teil des heutigen belarussischen Territoriums ist nach dem Rigaer Frieden ein Jahr zuvor, also 1921, dem Polen der Zwischenkriegszeit zugefallen. Nach Jahren einer hoffnungsvollen Entwicklung der jungen BSSR unter Wladimir Iljitsch Lenin fingen Kollektivierung und Repressionen an. In den Dreißigerjahren begann dann – wie in allen Teilrepubliken der UdSSR – ein Prozess der Sowjetisierung und Russifizierung unter Josef Stalin, der zur Folge hatte, dass das belarussische Nationalgefühl im Keim erstickt wurde. Als der Zweite Weltkrieg vorbei war, wurde Belarus als Mitgliedsstaat der Sowjetunion sogar Gründerstaat der UNO. Auf diese Weise dankte man dem belarussischen Volk für seine Heldentaten während des Kriegs, dem jeder dritte Belarusse zum Opfer fiel.«
An dieser Stelle wurde Alfredos Redefluss von einem Kellner unterbrochen, der uns unsere Soljanka brachte. In Kiew isst man gern Soljanka, obwohl die typisch ukrainische Suppe eigentlich Borschtsch ist. Aber Borschtsch, gekocht mit Roter Bete, ist eher eine Wintersuppe.
Während wir die köstliche Suppe löffelten, die mit Zitronen und Oliven sehr sommerlich schmeckte, konnte ich das Gehörte ein bisschen sacken lassen. Jeder dritte Belarusse war im Krieg umgekommen? Wie würde man dann mich als Deutsche dort empfangen? Weiter wollte ich mir das aber nicht ausmalen, besser, ich ließ es auf mich zukommen.
Nach dem Mittagessen zahlten wir und begaben uns zu Fuß zurück zur Delegation. Unterwegs setzte Alfredo seinen Vortrag fort: »Bis Ende der Achtzigerjahre genoss die BSSR ein hohes Ansehen innerhalb der Sowjetunion und verspürte keinerlei Wunsch, selbstständig zu werden. Auf dementsprechend wenig Enthusiasmus stießen denn auch die Auflösung der Sowjetunion und die damit notwendig gewordene Unabhängigkeitserklärung im Sommer 1991.«
Mein »Lehrer« holte Luft, aber nur, um gleich darauf sein Wissen weiter auszubreiten: »Als eine der letzten Sowjetrepubliken wurde Belarus unabhängig und erlebte in den folgenden Jahren eine zweite Blüte als eigenständiger Staat. In Schulen wurde in belarussischer Sprache unterrichtet, im Land fing ein Demokratisierungsprozess an, und es versuchte, sich der Europäischen Gemeinschaft anzunähern. Dann wählte man 1995 jedoch Alexander Lukaschenko zum Präsidenten, und das Land wurde unter ihm zu einem russischen Satellitenstaat mit autoritärem Herrscher an der Spitze. Wie sich in den meisten Nachfolgestaaten der Sowjetunion zeigen sollte, war der Übergang zur Demokratie kein leichter. Das sieht man ja auch hier in der Ukraine, die Orangene Revolution und die Regierung unter Leonid Kutschma haben gezeigt, dass der Demokratisierungsprozess noch lange nicht abgeschlossen ist.«
Recht hat Alfredo, dachte ich. Während des Mittagessens und des kurzen Spaziergangs hatte ich mehr gelernt als in einem Uniseminar zur ukrainischen Außenpolitik.
Nach den zwei Vorbereitungswochen hatte mich meine Praktikumsleiterin mit Tickets für den Nachtzug ausgestattet und Richtung Minsk geschickt. Nicht nur wegen der Grenzbeamten war es eine denkwürdige Nacht gewesen, denn noch nie war ich länger als von Essen nach München in einem Zug unterwegs gewesen. Und jetzt sollte ich gleich eine ganze Nacht auf Gleisen zubringen. Ich durfte erster Klasse reisen, zum Glück, es wäre mir unangenehm gewesen, mit drei Menschen, die ich gar nicht kannte, so viele Stunden ein Abteil zu teilen. Eigentlich war das schon mit einem einzigen Fremden seltsam. Die erste Klasse hatte aber zwei mehr oder weniger gemütliche Betten gehabt und Blümchengardinen. Eine redselige Mitreisende nahm mich unter ihre Fittiche.
Als ich ins Abteil trat, saß dort eine Dame Mitte fünfzig, die sich bereits in ihr Reiseoutfit geschmissen hatte: einen pinkfarbenen Hausanzug aus Frottee. »Guten Tag, djewuschka!«, begrüßte sie mich überschwänglich. Djewuschka war das russische Wort für »Mädchen« oder auch »Fräulein«. »Warten Sie, ich helfe Ihnen mit dem Koffer … Der ist aber groß! Was haben Sie denn nur vor?«
Ich erzählte, dass ich zum Studieren nach Minsk wolle. Alfredo hatte mich geimpft, bloß niemandem auf die Nase zu binden, dass ich in der belarussischen Hauptstadt bei der Europäischen Kommission tätig sein würde. Bloß dem KGB nicht in die Hände spielen.
Die Dame in Pink stellte sich als Ljudmilla vor, »aber nenn mich Luder«. Ich war einigermaßen erstaunt, weshalb ich sie so unflätig beschimpfen sollte, bis mir aufging, dass sie sicher »Ljuda« meinte. Ljuda war sehr nett und zeigte mir unter anderem, wo sich die Toilette im Zug befand. Nach Inspektion dieser Örtlichkeiten – es gab davon zwei, eine war defekt, sodass sämtliche Mitreisende sich die verbliebene teilen mussten – verzichtete ich dankend auf den Tee, den uns die Schaffnerin anbot. Ljuda gab mir wie selbstverständlich etwas von ihrem halben Brathähnchen ab, auch ein hart gekochtes Ei, auf diese Weise wurde es eine kurzweilige Fahrt, bis wir uns auf den Liegen zur Ruhe begaben.
Doch wie gesagt, die Nacht verbrachte ich mehr oder weniger schlaflos, zumal das Schlafen in einem ruckelnden Zug geübt sein will. Und in der Nacht sollte auch das Passieren der ukrainisch-belarussischen Grenze stattfinden. Was, wenn sich zu dieser Zeit herausstellte, dass tatsächlich etwas mit meinen Papieren nicht in Ordnung war? Die Furcht einflößenden Grenzbeamten mit den Riesenmützen hatten letztendlich nur nach meinem Reiseziel gefragt.
Als ich nach kurzem Schlaf aufwache, ist es sechs Uhr morgens, draußen sieht es für einen Julitag recht kühl aus. Ich fühle mich gerädert, ziehe mich etwas unmotiviert an, kämme meine Haare und warte darauf, dass der Zug endlich in Minsk einfährt.
Dann ist es so weit. Aus dem Waggon muss ich tatsächlich klettern. Das ist bei allen osteuropäischen Zügen so, da der Einstieg sich rund einen halben Meter über dem Erdboden befindet. Schon während der Fahrt konnte ich den Grund dafür nicht verstehen, denn überall, wo wir in der ehemaligen Sowjetunion hielten, lagen die Bahnsteige deutlich niedriger als die Türen der einzelnen Abteile. »Das hat mit den sibirischen Bahnhöfen zu tun, im Winter fällt dort der Schnee meterhoch«, klärte mich Ljuda auf. »Und weil in der Sowjetunion immer nach demselben Plan gebaut wurde, gibt es keine Abweichungen.« Gut, dass Ljuda mir die Sowjetunion erklärte!
Und nun stehe ich auf dem Bahnsteig. Mit meinem viel zu großen Koffer schaue ich mich hilflos um. Was für ein Gewusel! So viele Menschen!
Ein Mitarbeiter des EU-Büros in Minsk soll mich, so war es ausgemacht, abholen und zu meiner Unterkunft bringen, aber ich entdecke niemanden, der auf mich wartet. In diesem Moment empfinde ich nur eines: Heimweh nach Kiew, der Stadt, in der ich mich so wohlgefühlt und schnell neue Freunde gefunden habe. Ich vermisse sogar Alfredo, der sich partout weigert, belarussischen Boden zu betreten. »Da kriegen mich keine zehn Pferde hin! Nicht einmal, wenn man mich zu einer Dienstreise dorthin zwingen will.« Er hatte dabei gelacht.
Gerade als ich anfange, Minsk aus Prinzip nicht zu mögen, weil es nicht Kiew ist, spricht mich ein kleiner Mann mit gütigen Augen an: »Nadin? Evropejskaja Kommissija?«
Ich nicke erleichtert. Zumindest hat man mich um sechs Uhr morgens nicht vergessen.
»Ich bin Sascha«, sagt der Mann. In dem Moment weiß ich noch nicht, dass er einer von vielen Saschas ist, die mein Leben bereichern werden. Augenblicklich ist er lediglich der Mann, der mich temporär von meiner Einsamkeit auf einem Minsker Bahnsteig erlöst. Er fragt mich, wie es mir gehe und wohin er mich bringen solle – jedenfalls vermute ich es. Mein Russisch ist ziemlich kläglich, doch ich nenne ihm die Adresse, die mir Bekannte von Bekannten gegeben haben.
In Minsk ein Zimmer in einer Wohngemeinschaft zu finden ist eine lächerliche Hoffnung. So etwas gibt es im Jahr 2006 nicht, ganz zu schweigen von einer Webseite wie »WG-Zimmer gesucht« (schon gar nicht auf Englisch). Als unbezahlte Praktikantin ist es also nicht gerade einfach, eine Unterkunft zu finden. Eigentlich fast unmöglich. In Kiew hatte ich zuerst die Adresse einer Frau bekommen, die mir ein Zimmer für 350 Euro in Minsk vermieten wollte. Zu dieser Zeit ist das ein guter Monatslohn für einen Belarussen, aber nie im Leben die Miete für ein einzelnes Zimmer. Doch das wusste ich nicht, und die Vermieterin wusste, dass ich das nicht wusste. Wohlmeinende Menschen in Kiew klärten mich auf und trieben über drei Ecken eine andere Wohnung auf. Als Sascha nun diese Adresse vernimmt, erwidert er erstaunt: »Oh, das ist aber weit! Wollen Sie da wirklich hin?«
Nun, ich habe keine andere Wahl, also ja.
Er setzt sich in Bewegung, meinen Riesenkoffer hinter sich herziehend. Wir durchqueren eine unterirdische Bahnhofshalle, gehen eine Treppe hinauf, und schon stehen wir auf dem Bahnhofsvorplatz. Vor mir erheben sich zwei uhrenbewehrte mehrgeschossige Türme aus der Stalin-Ära, die das »Tor zur Stadt« markieren, hinter mir der Bahnhof, neu und ein Glasmonstrum. Es ist Montagmorgen, und die Stadt erwacht gerade zum Leben. Die Szenerie mit den mustergültigen Stalin-Bauten kommt mir mehr als surreal vor. Verschlafen und gleichsam in einem realsozialistischen Traum, tapere ich hinter Sascha her, zu einem alten Volvo mit diplomatischem Kennzeichen.
Nachdem er den Koffer ins Auto gewuchtet hat, ordnet er sich in den mir unübersichtlich erscheinenden Stadtverkehr ein. Wir fahren stadtauswärts, in Richtung Westen. Meine neue Unterkunft liegt in der Vulica Jassenina, der Essenin-Straße. Ich finde das sympathisch, schließlich komme ich gebürtig aus Essen. Sascha erklärt: »Essenin ist einer der Volksdichter der Sowjetunion.« Damit ist die Erklärung aber auch schon beendet, er scheint kein zweiter Alfredo zu sein. Leicht benommen schaue ich während der langen Fahrt aus dem Fenster und stelle fest, dass Minsk ganz anders ist als Kiew. Wo in Kiew buntes Treiben und anheimelndes Chaos herrschen, besticht Minsk mit Ordnung. Ordnung, die fast bis zur Sterilität reicht, wenn man es nicht ganz so wohlwollend betrachtet. Was ich an diesem Morgen tue.
Neben der auffälligen Sauberkeit sind es vor allem die großen Prachtstraßen, Prospekte genannt, die sich schnurgerade durch die Stadt ziehen und die mir ins Auge fallen. Über den größten und ödesten dieser Prospekte fahren Sascha und ich gerade, uns höflich anschweigend. Der Dziarschinski-Prospekt, der stadtauswärts führt, trägt seinen Namen zu Ehren von Felix Dziarschinski, dem Gründer der ersten Geheimpolizei Sowjetrusslands. Der Sicherheitsdienst in Belarus heißt wie zu Sowjetzeiten immer noch KGB: Komitee für Staatssicherheit der Republik Belarus. Dziarschinskis Andenken wird in Belarus hochgehalten – gegenüber dem gelben KGB-Gebäude mit seinen vier überirdischen und sechs geheimen unterirdischen Stockwerken thront nämlich seine Büste. So kann der Gründervater bestens beobachten, wer in das KGB-Gebäude ein und aus geht.
Je weiter wir die Prachtstraße vom Minsker Hauptbahnhof nach Westen fahren, desto mehr weichen die Zuckerbäckerbauten des Zentrums wenig beeindruckenden Geschäftsgebäuden. In Minsk bemisst sich die Wichtigkeit eines Orts unter anderem an seiner Nähe zur Metro, und die führt noch nicht in den Westen der Stadt. Im Lauf der Jahre wird sich das ändern, das gesamte Stadtgebiet wird Metrogebiet, wodurch die Quadratmeterpreise für Wohnungen ins Unermessliche steigen und Hotels und Bürohäuser protzige Glasfassaden erhalten. 2006 ist Minsk allerdings noch um einiges gemütlicher, denn nach den Geschäftsgebäuden erreichen wir ein Viertel, das aus kleinen hübschen Holzhäuschen besteht.
Während wir Straße für Straße hinunterrasen (die breiten Prospekte, die damals noch nicht überfüllt sind, laden zum Rasen regelrecht ein!), dämmert mir allmählich, dass wir uns immer weiter von meiner Arbeitsstelle im Zentrum entfernen. Der morgendliche Weg dorthin kann nur anstrengend werden, besonders anfangs, denn noch sind mir die Stadt und ihr öffentliches Nahverkehrssystem unbekannt.
Nach ungefähr vierzig Minuten biegt Sascha links ab und hält vor einem mehrere Hundert Meter langen Plattenbau. Ich blicke mich um und registriere, dass es genau genommen ein ganzes Viertel ist, das aus Plattenbauten besteht. Und zwar ein Viertel am äußersten Stadtrand, danach beginnt ein Feld. Sascha sieht mich von der Seite an, als wollte er fragen: »Na, Mädel, hab ich es dir nicht gesagt?«, und zuckt mit den Schultern. Er ist, wie ich noch erfahren soll, wenn auch wortkarg, so doch ein Meister der nonverbalen Kommunikation. Niemand kann ausdrucksreicher die Schultern zucken als Sascha.
Wir steigen aus, und mein Begleiter wuchtet den Riesenkoffer aus dem Auto, nimmt mir den Zettel mit der Haus- und Wohnungsnummer ab und schaut sich suchend um. Als er den Eingang gefunden hat, zerrt er den Koffer vor das Haus und schellt.
»Allo?«, bellt eine weibliche Stimme aus der Gegensprechanlage. Sascha stellt uns vor, und die Tür surrt. Wir stehen in einem dunklen Flur mit einem beißenden Geruch nach Urin und undefinierbaren Abfällen, der für viele osteuropäische Plattenbauten typisch ist. Das liegt an dem Abfallsystem, das sich auf jeder Etage befindet: Es gibt einen Schacht, in den man seinen Müll wirft, der dann im Keller gesammelt wird. Dort gärt er vor sich hin und verbreitet den Gestank im gesamten Haus.
Ich fühle mich sofort in die russische Provinz versetzt, in der ich während eines Schüleraustauschs gelandet war. In Nischni Nowgorod im Jahr 2000 hatte es in den engen und dunklen Hausaufgängen ganz ähnlich gerochen.
Mit einem verdächtig unzuverlässig aussehenden, ziemlich versifften Aufzug fahren wir nach oben in den siebten Stock, wo uns eine dicke Frau in einem verwaschenen Kittel empfängt. Die Dame hat fettige, braune Haare und riecht, als wenn sie ihre Dusche längere Zeit nicht benutzt hätte. Die bunten Blümchen auf ihrem Kittel wirken fröhlich, während ihr Gesicht ganz und gar grimmig ausschaut. Nicht sehr einladend, finde ich.
Die Wohnung wirkt, als wäre sie noch nicht fertig renoviert. Die dicke Frau führt uns in eine verkommen aussehende Küche, in der zwei finstere Gestalten an einem Tisch sitzen. Tapeziert ist nur eine Wand, die andere besticht durch nackten Beton. Die Küchenmöbel wirken zusammengesucht, die Türen des Hängeschranks stehen weit auf und enthüllen ein malerisches Durcheinander aus Teeschachteln, Zucker und Getreidekörnern. In der Ecke stapeln sich Holzlatten, die anscheinend irgendwann den nicht vorhandenen Fußboden bilden sollen.
Die Gestalten stellen sich nicht vor, aber ich vermute, dass es sich um Dima und Sergej handelt, jene beiden Jungs, bei denen ich das Zimmer gemietet habe. Der eine ist klein und untersetzt, hat eine nicht nur beginnende Glatze sowie eine krumme Nase. Er ist um die dreißig und wohnt offensichtlich noch bei seiner Mutter; so auch sein etwas jüngerer Bruder, der ihm sehr ähnlich sieht. Im Gegensatz zu diesem hat er aber noch einige spärliche blonde Haare. Beide tragen Unterhemden im Feinrippstil und grau melierte Jogginghosen. Die dicke Frau ist bestimmt ihre Mutter – von der in den Wohnungsverhandlungen jedoch nie die Rede war.
Sascha betrachtet mich zweifelnd und sagt: »Soso, und hier willst du jetzt wohnen …?« Witzbold. Wo soll ich denn sonst hin in dieser Stadt? Mich stört nicht einmal, dass er mich duzt. Anscheinend wirke ich mehr als kindisch auf ihn. Und in diesem Moment fühle ich mich auch wie ein kleines, naives Mädchen. Mit aller Macht überfällt mich ein Gedanke: Du kennst hier in Minsk niemanden! Du bist am Stadtrand, in der Hauptstadt der letzten Diktatur Europas. Dreieinhalb Monate wirst du jetzt mit diesen äußerst fragwürdig aussehenden Menschen in einer Bruchbude zusammenwohnen. Ohne Telefon. Wenn du abhandenkommst, wird dich deine Mama niemals finden. Schluchz.
Leise kriecht Panik in mir hoch, aber bevor ich zu Sascha sagen kann: »Nehmen Sie mich mit, auch wenn ich Sie nicht kenne! Sie sehen auf jeden Fall vertrauenerweckender aus als diese zwielichtigen Gestalten!« (was definitiv die vernünftigste Entscheidung wäre), bricht in mir die abenteuerlustige Weltenbummlerin durch. Ich will mein Praktikum in dieser Diktatur machen, ich habe allen gesagt, dass das für mich überhaupt kein Problem sei – und deshalb will ich das jetzt unbedingt durchziehen. »Vse horosho – alles ist gut«, versichere ich Sascha tapfer. »Wir sehen uns dann später im Büro.«
Nur zögernd verlässt mein Begleiter die Wohnung, nicht bevor er vielsagend die Augenbrauen hochgezogen hat. Ich wende mich Sergej und Dima zu und versuche, mich in gebrochenem Russisch vorzustellen. Aber sie blocken ab und geben vor, mich nicht zu verstehen. Auf einen nicht sehr freundlich klingenden Zuruf der dicken Frau erhebt sich maulend einer der beiden Jungs und zeigt mir mein »Zimmer«: eindeutig eine Abstellkammer, in der die Balken von der Decke hängen, auch ist sie noch nicht einmal tapeziert. Hier soll ich bleiben? Allein unter ungewaschenen, unfreundlichen Menschen, die sich nicht einmal die Mühe machen, sich mit mir zu verständigen?
Die Weltenbummlerin ist auf einmal gar nicht mehr mutig, kleinlaut schleicht sie sich auf Zehenspitzen davon, im Flurspiegel werfe ich mir noch einen mitleidigen Blick zu.
In einer (gesunden) Kurzschlussreaktion behaupte ich gegenüber dem obskuren Jungvermieter: »Danke, aber mir fällt gerade ein, dass mein Chef in der Kommission gesagt hat, ich dürfe auf keinen Fall mehr als zehn Minuten von der Arbeitsstelle entfernt wohnen, eine größere Distanz sei nicht zulässig. Unglaublich, diese Regelungen der Europäischen Union, nicht wahr? Leider kann ich hier nicht wohnen. Kannst du mich bitte ins Büro der Kommission bringen?«
Fluchend stimmt er zu. Ich kann nachvollziehen, dass er nicht begeistert ist, eine lukrative Einnahmequelle zu verlieren. Aber dieses Mitleid träfe den Falschen. Als ich ein paar Minuten und eine unterkühlte Verabschiedung vom Bruder und von der Mutter später in einem alten Lada sitze, legt er mir vertraulich-betulich seine dreckige Hand aufs Knie und meint: »So schlimm ist es doch bei uns gar nicht.«
Ich widerstehe dem Reflex, ihm auf die Finger zu hauen. Immerhin sitzt er am Steuer und fährt mich in einem Affentempo zum Dziarschinski-Prospekt Richtung Stadtzentrum. Sterben will ich am ersten Tag in Minsk ja nun doch nicht. Also beiße ich die Zähne zusammen und schweige eisig und eisern. Irgendwann biegt Dima oder Sergej – ich will gar nicht mehr wissen, wer wer ist – von der Hauptstraße, dem Unabhängigkeits-Prospekt, rechts ab. Wir fahren eine Straße steil bergab, auf einen Fluss zu. Es sieht eigentlich ganz nett aus in Minsk, merke ich langsam. Das Zentrum erkenne ich an den Stalin-Bauten im monumentalen Zuckerbäckerstil, gestrichen in Pastell- und Sandtönen. Ein kleiner Fluss schlängelt sich durch die Stadt, umgeben ist er von einer Parkanlage. Keine Spur mehr von unansehnlichen Plattenbauten und einer Vorstadteinöde. Durch das offene Seitenfenster riecht es nach vielen Autos ohne Katalysator.
Vor einem grauen Gebäude hält Dima/Sergej und schaut zweifelnd auf den Zettel mit der Adresse, den ich ihm in die Hand gedrückt hatte. Das Haus hat mit der schicken Villa der Delegation der Europäischen Kommission in Kiew nichts gemein. Dieses Bürogebäude hier hat acht Stockwerke, und nicht einmal die europäische Fahne ist irgendwo gehisst. Einzig ein kleines Schild weist darauf hin, dass sich in diesem Haus das Büro der EU-Vertretung in Minsk befindet. Außerdem beherbergt es eine Arztpraxis, die Filiale der Weltbank, eine Nichtregierungsorganisation und zwei belarussische Firmen.
Ich steige aus und versuche, würdevoll den fraugroßen Koffer aus dem Lada zu zerren, da ich mit keiner männlichen Hilfe rechne. Und so ist es auch. Schließlich verabschiede ich mich von meinem Fahrer, sage knapp: »Spasiba i do swidanija! – Danke und auf Wiedersehen!« Bestimmt nicht, denke ich im Stillen, den will ich wirklich nicht mehr wiedersehen. Das sollte bei zwei Millionen Einwohnern auch vermeidbar sein.
Das EU-Büro residiert unter dem Dach. Zum Glück gibt es einen Aufzug, jedoch nicht ganz bis nach oben. Die letzten zwei Etagen muss ich den mörderisch schweren Koffer die Treppe hochhieven, sodass ich verschwitzt und zerzaust in den Büroraum stolpere. Dort steht Sascha, die gute Seele, als hätte er auf mich gewartet. Ich freue mich so, ihn zu sehen, dass ich ihn am liebsten umarmen möchte. Er ist immerhin der einzige Mensch, den ich in diesem Land mehr oder weniger kenne. Es ist fast so, wie einen guten alten Freund zu treffen. Leise raune ich ihm zu: »Das ging ja gar nicht!« Er nickt weise und wissend und zieht mal wieder die Augenbrauen hoch.
In diesem Augenblick betritt ein blonder Mann den Büroraum. Er ist jung, dennoch bedeutend älter als ich und fast zwei Meter groß. Freundlich lächelt er mich an. »Hello, I am Janis«, sagte er auf Englisch. Er ist der EU-Büroleiter und somit für die nächsten Monate mein Chef.
»Ich bin Nadine, die Praktikantin«, stelle ich mich vor, »und leider habe ich keinen Schlafplatz. Es wäre also super, wenn ich heute Nacht im Büro übernachten könnte!« Mit einem Anflug von Melodramatik erzähle ich von meinem aktuellen Wohnungsdesaster. Obwohl seit meiner Ankunft in Minsk kaum mehr als zwei Stunden vergangen sind, habe ich das Gefühl, schon verdammt viel erlebt zu haben. Meine Nerven sind nicht nur leicht angespannt. Und ich tue mir auch ein bisschen leid.
Janis’ Blick wandert zu etwas hinter mir, zu meinem Riesenkoffer. »Oh, ich bin mir sicher, dass wir eine Lösung finden«, sagt er, und in dem Moment möchte ich am liebsten auch ihm um den Hals fallen. Endlich jemand, der sich um mich kümmert (hoffentlich) und mich nicht meinem Schicksal überlässt. Und jemand, den ich verstehen kann, weil er Englisch und nicht nur Russisch spricht!
Bevor ich Janis aber mit meiner Umarmungsanwandlung in Verlegenheit bringe, kommt eine rundliche Frau mit einem offenen und grell geschminkten Pfannkuchengesicht um die Ecke. »Oooh, wer ist das denn hier?«, ruft sie fröhlich und sprudelt gleich weiter, ohne eine Antwort abzuwarten. »Ich bin Walentina. Möchtest du einen Kaffee? Hast du gefrühstückt? Ich habe Blini mitgebracht. Du siehst ja ganz ausgehungert aus!« Ehe ich mich versehe, sitze ich an einem Tisch mit Janis, Sascha und Walentina. Wir trinken Kaffee. Es ist der erste von vielen, die noch folgen sollen, nur unterbrochen von unzähligen After-Work-Wodkas.
An diesem 3. Juli 2006 wird nun bei Koffein beratschlagt, was aus mir und meinem Koffer werden soll. Neue deutsche Praktikantin ohne Kontakte, ohne finanzielle Mittel und ohne ausreichende Russischkenntnisse sucht Bleibe für sofort. Keine einfache Aufgabe, denn in Belarus steht die Aufnahme von Ausländern nicht gerade hoch im Kurs. Seit den Wahlen im Frühjahr, bei denen Lukaschenko haushoch gewonnen hat, ist die politische Situation angespannt. Der Westen und die Opposition sind sich sicher, dass die Wahlen weder frei noch fair waren, sondern zu Lukaschenkos Gunsten manipuliert. Es kam in der Folge zu Protesten, bei denen viele Oppositionsanhänger verhaftet wurden. Einige von ihnen sind noch 2016 in politischer Gefangenschaft.
Viele Belarussen fürchten, dass Ausländer einen persönlichen KGB-Beamten mitbringen, der unter dem Fenster steht und lauscht oder die Telefonleitung anzapft. Zumindest Letzteres ist nicht völlig abwegig. Einen solchen Schattenherrn wollen die Belarussen natürlich nicht gern in ihrer Nähe wissen, nur weil sie einem Ausländer ein Zimmer vermieten. Allgemein stehen sie zum KGB so wie zu Weisheitszähnen: Er ist da, ein notwendiges Übel, dessen Sinn sich einem jedoch nicht komplett erschließt. Doch solange man ihn nicht bemerkt, kann man ganz gut mit ihm leben. Leider ist er hin und wieder lästig und verursacht Scherereien.
Zurück zu meinem Wohnungsproblem. Belarus wäre nicht Belarus, würde sich nicht morgens bei dieser ersten Kaffeerunde Folgendes abspielen:
Janis sagt: »Also, ich habe ein Sofa. Du kannst auf jeden Fall die erste Nacht bei mir bleiben, danach finden wir schon etwas Passendes.«
Walentina sagt: »Aber Janis! Das geht gar nicht. Zwei unverheiratete junge Leute … Nein, nein, Nadine, du kannst mit zu mir kommen und auf meinem Sofa schlafen!«
Woraufhin Sascha sagt: »Also, ich habe eine Tochter in deinem Alter. Die spricht auch Englisch. Und in zwei Wochen zieht sie in eine eigene Wohnung, eine große Wohnung. Wenn du die ersten Nächte bei uns schläfst, könnt ihr später eine Mädels-WG aufmachen.«
Am Ende leuchtet Saschas Argument allen ein, und so erhält er den Zuschlag.
Ich kann mein Glück kaum fassen, denn eine WG hatte ich ja vor meiner Anreise zu organisieren versucht – und war dann bei Dima und Sergej gelandet, die jetzt schon in meinen Gedanken Lichtjahre entfernt sind.
Zaghaft gebe ich dennoch zu bedenken: »Sascha, das ist ja sehr freundlich von Ihnen, aber Sie kennen mich doch gar nicht! Wer weiß, was Ihre Frau und Ihre Tochter dazu sagen? Wollen Sie nicht erst mal mit Ihnen sprechen?«
Mit großen Augen schauen Walentina und Sascha mich an.
»Was soll ich denn da fragen?«, sagt Sascha schließlich. »Du brauchst eine Unterkunft, wir haben Platz, keine Diskussion!«
Das ist also meine erste Begegnung mit der sprichwörtlichen belarussischen Gastfreundschaft, denke ich im Stillen.
Später, am Abend, stellt sich heraus, was »wir haben Platz« bedeutet: Vier Erwachsene teilen sich eine kleine Zweizimmerwohnung in Uruchcha. Dieser Stadtteil liegt am östlichen Rand von Minsk, recht weit weg von der Vulica Jassenina, weiter entfernt ist kaum vorstellbar. Die Plattenbauten sind dennoch ähnlich, nur hier äußerlich etwas mehr in die Jahre gekommen.
Saschas Ehefrau, Sina, ist eine kleine Frau mit großen Augen. Sie sieht wie ihr Mann einfach so freundlich aus, dass ich sie direkt in mein Herz schließen muss. Sina arbeitet in der Britischen Botschaft als Hauswirtschafterin, wobei ich vermute, dass ihr Mann sie dort noch tagsüber angerufen und darüber informiert hat, dass es einen neuen Mitbewohner geben wird, denn sie schließt mich in die Arme – ich überrage sie um Haupteslänge – und heißt mich mit einem Schwall Russisch willkommen. Über ihren Kopf hinweg gewinne ich einen ersten Eindruck von der Enge der Wohnung. Von einem schmalen, L-förmigen Flur gehen zwei Zimmer ab, das Wohn- und das Schlafzimmer; Küche und Bad befinden sich außer Sichtweite, hinter dem abknickenden Flur.
Sina zeigt mir nun die beiden Räume, die so aussehen wie wahrscheinlich Millionen anderer postsowjetischer Wohnungen. Im Wohnzimmer steht eine dunkle Schrankwand, stenka genannt, mit einer Glasvitrine, in der eine Menge Bücher untergebracht sind. In der Sowjetunion war Papier ein kostbares Gut, sodass Bücher sehr wertvoll waren; deshalb bewahrt man sie auch heute noch pfleglich auf. Dann erkenne ich ein Sofa, auf dem viele bunte Plüschtiere ihr Zuhause haben, einen Sessel sowie einen Fernseher. Das Wohnzimmer ist gleichzeitig das Schlafzimmer von Tochter Tanja.
»Tanja arbeitet noch, sie kommt gleich«, erklärt mir Sina. »Sie ist auch in der Britischen Botschaft angestellt.«
Die Couch ist ausziehbar. Jede Couch, die ich noch in Belarus kennenlernen werde, ist ausziehbar. Das liegt daran, dass Belarussen häufig und mit Leidenschaft Übernachtungsgäste beherbergen.
Das Elternschlafzimmer liegt dem Wohnzimmer direkt gegenüber. Ein Traum aus apricotfarbenem Satin streckt sich über das Bett, an den Fenstern hängen Rüschenvorhänge, was sich in dieser verwohnten Plattenbauwohnung irgendwie seltsam ausnimmt. Aber so ist Belarus, Baby. Ein Land der Kontraste in allen Belangen.
In dem unglaublich vollgestellten Flur sind überall Regale angebracht, auf denen sich Nippes, Parfumfläschchen, Bürsten und Zeitschriften stapeln, ganz zu schweigen von dem ebenfalls zum Bersten vollgestopften obligatorischen Wandschrank mit Schiebetüren. Ein Belarusse entsorgt niemals etwas. Nicht einmal Plastiktüten. Die werden ausgewaschen, zum Trocknen aufgehängt und wiederverwendet. Nicht anders bei den Tüten, in denen Zucker und Salz verkauft werden. Plastik scheint in der Sowjetunion ein ebenso knappes Gut gewesen zu sein wie Papier. Aber ich schweife ab …
Während ich mich umschaue, starrt mich ein Paar Augen aus dem Halbdunkel des Flures an. Erschrocken schreie ich auf.
»Keine Angst, das ist nur Murka, unsere Katze!«, erklärt Sina.
Na bravo, auch mit einer Katze – einer weißen Angorakatze – teilen sie sich ihre kaum mehr als fünfzig Quadratmeter! Erwähnte ich schon, dass ich eine Katzenhaarallergie habe? Egal. Und die paar Katzenhaare auf dem Plüschsofa machen doch nichts.
Sina führt mich nun vom Flur, der mit mir, den beiden Gasteltern, Murka und meinem Riesenkoffer mehr als voll ist, in die Küche. Hier bietet sich ein ähnliches Bild wie zuvor: Viel muss auf wenigen Quadratmetern Platz finden. Auf dem Herd brutzelt etwas in Fett, es ist brüllend heiß in dem stickigen Raum. Ein überdimensional großer Kühlschrank, auf dem ein Fernseher steht (Bestandteil jeder belarussischen Küche), findet hier genauso Platz wie eine Eckbank, ein Tisch und eine Küchenzeile.
Wir winden uns umeinander in der Miniküche, dann zeigt Sina mir die sanitären Anlagen. Bad und Toilette sind zwei getrennte Räume. Das Badezimmer ist zwei Quadratmeter groß und beheimatet neben einer Wanne noch ein Waschbecken und eine deutsche Bosch-Waschmaschine, die bestimmt mindestens so alt ist wie ich.
Nachdem ich mir die Hände gewaschen habe, tun wir das, was Belarussen immer machen, wenn Besuch kommt: Wir setzen uns an den Küchentisch und essen. Es gibt frittierten Blumenkohl. Sina, die Hauswirtschafterin in der Britischen Botschaft, ist nebenher noch Weltmeisterin im Frittieren. Morgens und abends beglückt sie die Familie mit in Fett gebratenen Speisen. Kein Wunder, dass ich in den kommenden dreieinhalb Monaten in Minsk acht – ACHT! – Kilo zunehme. Zurück in Deutschland, wird meine Mutter mich am Flughafen beinahe nicht erkennen.
Für einen eventuellen nächsten Aufenthalt in einer Gastfamilie mache ich mir eine mentale Notiz: Wohnt man in einer Gastfamilie, sollte man entweder klarstellen, dass man nicht an jeder frittierten Mahlzeit teilnimmt, oder seine Joggingschuhe mitbringen. Auch wenn Belarussen ihr Essen für gesund halten: Es ist eine Katastrophe für den Cholesterinwert und für die Figur.
Nach dem Essen höre ich einen Schlüssel in der Tür, und Murka flitzt Richtung Eingang. Nach einer Weile steht eine kleine Person in der Küche. Tanja. Sie hat braune Haare und ist modisch in Jeans und einem Top mit Strasssteinen gekleidet. Ihre Schuhe haben einen ziemlich hohen Absatz, trotzdem ist sie wie ihre Mutter gut einen Kopf kleiner als ich, wobei ich mit meinen eins fünfundsechzig auch nicht gerade baumhoch bin. Erstaunt reißt Tanja die Augen auf, als sie mich sieht. Anscheinend wurde sie von ihrem Vater nicht auf eine neue Mitbewohnerin vorbereitet. Sie fängt sich aber schnell.
»Hello, I am Tanja«, sagt sie, nachdem wir einander vorgestellt wurden. Freundlich befragt sie mich auf Englisch über meinen Tag und wie ich in die missliche Lage geraten sei, ohne Wohnung ein Praktikum in einem fremden Land zu beginnen. Ich habe das Gefühl, dass ich auf sie nicht besonders helle wirke, verständlicherweise. Wir quatschen ein bisschen, doch schnell werde ich müde. Bei einem solch langen und aufregenden Tag ist das auch nicht weiter verwunderlich. Ich gehe davon aus, dass Tanja und ich uns das Wohnzimmer teilen, aber wie selbstverständlich zieht sie vor dem Schlafengehen ins Zimmer ihrer Eltern.
Das ist wirklich beeindruckende Gastfreundschaft! Die drei zusammen in einem Zimmer, und ich habe eines für mich. Unangekündigt, ungeplant – und trotzdem werde ich herzlich aufgenommen. (In den kommenden dreieinhalb Monaten nimmt Familie Bender übrigens nie einen Rubel von mir, weder für Miete noch fürs Essen.)
Schon am ersten Tag in Minsk habe ich gelernt: Die belarussische Gastfreundschaft ist unermesslich. Wirken die Leute auf der Straße auch unfreundlich und verschlossen, sobald sie dich kennen, werden sie dich nötigen, ihre letzte Kartoffel zu essen, während sie selbst hungern. Als ich in meinem Bett liege und diesen vollkommen absurden Tag an mir vorbeiziehen lasse, muss ich auch daran denken, wie alles begonnen hatte.
Die Suppe erinnert mich an meinen Sommer in Kiew, an Mittagessen auf dem Taras-Schewtschenko-Boulevard – außerdem ist sie ideal, um deutsche Gäste aufgrund ihrer exotischen Kombination zu begeistern.
1 große Zwiebel, 500 g Wurst (am besten Jagdwurst; in Belarus nimmt man Sardelki, das unknackige Pendant zu unserer Knackwurst), 200 g Speckwürfel (auch jedes andere Fleisch, dessen man habhaft werden kann, ist perfekt; die Suppe eignet sich prima zur Resteverwertung), 1 Glas Letscho (Paprikagemüse), 1 Paprikaschote, 4 dicke Gewürzgurken und etwas Gurkenflüssigkeit, 2 l Fleischbrühe, 1 Bio-Zitrone (sonst wird die Suppe bitter!), schwarze Oliven (nach Belieben), Salz, Pfeffer
Zwiebel, Wurst und Speck zusammen anbraten und mit der Fleischbrühe ablöschen. Letscho und die Paprikaschote hinzugeben. Anschließend die Gewürzgurken in Scheiben schneiden und mitköcheln; etwas Gurkenflüssigkeit hinzufügen. Zitrone heiß abwaschen, in Scheiben schneiden und in die Suppe tun, Oliven gegen Ende der Kochzeit hinzugeben. Mit Salz und Pfeffer abschmecken.
Ca. 45 Min. einköcheln lassen.
Dazu werden Brot und Smetana (Sauerrahm) gereicht. Statt Smetana gehen auch Schmand oder Crème fraîche.
Eine unbekannte Nummer tauchte auf dem Display meines französischen Handys auf. Als Studentin einer französischen Eliteuniversität hatte ich soeben mein letztes Jahr am Institut für Politikwissenschaft (Institut d’Etudes Politiques) in Lille hinter mich gebracht. Meine Freundin Eva und ich waren an jenem regnerischen 31. Mai 2006 gerade dabei, für die Feier anlässlich unserer bestandenen Abschlussprüfung – sie trug den schaurigen Titel »Grand Oral« – einzukaufen, als das Handy klingelte. Ich nahm ab, und eine weibliche Stimme ergoss einen Schwall russischer Wörter in mein Ohr. Im ersten Moment verstand ich nur Bahnhof. Zuerst dachte ich, es handle sich um den Anruf aus einem dieser Callcenter, bei dem manchmal Menschen aus exotischen Ländern Meinungsumfragen durchführen, aber irgendwann hörte ich das Schlüsselwort heraus, das mein Leben für immer ändern sollte: »Evropejskaja Kommissija.« Doch noch war es nicht so weit.
»Allo? Vy tam? – Sind Sie noch dran?«, fragte die Frau am anderen Ende der Leitung
»Ah oui, bonjour, Madame, c’est Nadine à l’appareil – Ah, guten Tag, Madame, hier ist Nadine am Apparat.«
Mist, falsche Sprache. Russisch, Nadine, Russisch! Die Sprache, über die du vor Monaten in deinem Lebenslauf behauptet hast, du sprächest sie auf Arbeits- und nicht auf niedrigstem Schulniveau. Hm, streng dich an, das hier ist anscheinend die Delegation der Europäischen Kommission in der Ukraine. Die, bei der du dich um einen Praktikumsplatz beworben hast. Also, Russisch!
»Zdravstvujtje. Da, ja tut. A kto tam? – Guten Tag. Ja, ich bin hier. Und wer ist dort?« Sehr geistreich, ich muss schon sagen.
Wieder folgte ein Schwall auf Russisch. Eva schaute mich nur mäßig erstaunt an. Wir waren es mittlerweile gewohnt, Anrufe aus weit entfernt gelegenen Ländern zu bekommen. Die französische Elitekaderschmiede bereitete junge Weltpräsidenten und -präsidentinnen auf ihren Einsatz vor – wir sollten Diplomaten, Kanzler, Minister werden und in die Welt ausschwärmen. Der große Praktikumssommer lag vor uns, und Telefonate aus Mauretanien, Montenegro oder Madagaskar kamen bei uns regelmäßig vor. Allerdings sprachen die Anrufer alle englisch oder französisch. Dass ich während eines Gesprächs russisch reden sollte, war eher eine Ausnahme.
Meine Gesprächspartnerin am anderen Ende der Leitung wurde ungeduldig. »Sprechen Sie nun eigentlich Russisch oder nicht?«, fragte sie mich leicht ungehalten, jetzt auf Englisch.
Ich bejahte, sagte aber, Englisch sei mir vertrauter. Und so fuhr die Frau in dieser Sprache fort. Nun verstand ich auch, worum es ging: Sie schlug mir ein Praktikum vor, zunächst für zwei Wochen in der Delegation in Kiew, anschließend für dreieinhalb Monate in Minsk, Weißrussland. Beginn sei in einem Monat, um Anreise und Unterkunft müsse ich mich selbst kümmern. Unbezahlt sei das Praktikum, ja natürlich. Eine E-Mail mit Einzelheiten werde folgen. Das war’s dann auch schon, do swidanija. Auf Wiedersehen!
Aufgelegt.
Wie vom Donner gerührt stand ich noch immer im Nieselregen auf dem Supermarktparkplatz in Lille.
»Uuuuuuund?«, fragte Eva aufgeregt.
Ich berichtete ihr, was ich von dem Anruf behalten hatte. Inzwischen durchgeweicht vom nordfranzösischen Dauerregen, schwangen wir uns auf unsere Fahrräder und fuhren nach Hause. Dort setzten wir uns in Evas winziges Studentenzimmer und hielten Kriegsrat. Eva trocknete sich ihre langen braunen Haare, die vom Nieselregen durchnässt waren und sich lockten, mit einem Handtuch. Sie stammte aus dem ländlichen Rheinland, hatte aber nichts von einer stämmigen rheinischen Bäuerin, sondern wirkte mit ihren langgliedrigen Fingern, der hellen Haut und der edlen Aristokratennase eher wie eine englische Lady. Das mochte daran liegen, dass sie alles Britische schätzte und ihren Tee, wie auch jetzt, am liebsten mit Milch trank.
»Europäische Kommission in der Ukraine, das ist gut«, fing Eva an.
»Ja, aber ich wäre nur zwei Wochen in der Ukraine«, gab ich zu bedenken.
»Und den Rest der Zeit?«
»In Weißrussland.«
»Oh.«
Die Präsidentschaftswahlen in Weißrussland im Frühjahr des Jahres waren von heftigen Protesten begleitet gewesen, und der despotische Lukaschenko hatte einige der Demonstranten noch immer festgesetzt. Viel mehr wussten wir nicht über das Land, da wir uns im Seminar mehr mit der Ukraine beschäftigt hatten, was die EU-Außenbeziehungen betraf.
»Ich glaube, ich muss mal dringend recherchieren«, stellte ich ein bisschen beschämt fest. Als angehende Politikwissenschaftlerin so wenig über die Nation zu wissen, in der ich eventuell den Sommer verbringen sollte, war irgendwie nicht gut.
»Ich google das mal«, sagte Eva und hatte schon ihren Laptop hochgefahren. »Also … Wie heißt das Land denn nun? Weißrussland? Belarus?«
»Mmh, keine Ahnung, ich glaube, man kann beides sagen.«
»Hier«, meinte Eva schließlich. »Der offizielle Name ist ›Republik Belarus‹. Die Belarussen«, sie betonte das Wort, »pochen darauf, dass ihr Land nicht Weißrussland, White Russia oder Byelorussia genannt wird, sondern verweisen auf ihre Eigenstaatlichkeit, die auf die Kiewer Rus – das ist der Ursprungsstaat da unten im Osten, ein mittelalterliches Großreich – und nicht auf Russland zurückgeführt wird. In Belarus wohnen also die Belarussen, und sie sprechen Russisch, aber auch Belarussisch. Der Ausdruck ›Weißrussland‹ wird trotzdem in den deutschen Medien verwendet, weil sonst niemand weiß, was gemeint ist. Tun wir den Belarussen doch den Gefallen und reden von Belarus.« Eva war immer schon brillant bei der Zusammenfassung und Wiedergabe von Texten. »Oh, hier habe ich einen Artikel zur aktuellen politischen Lage gefunden. Der ist lang, warte, ich mache uns noch einen Tee.« Sie stand auf, goss weiteren Tee auf und machte es sich wieder im Schneidersitz auf dem Sofa bequem.
»Listen carefully«, sagte sie. »Am 19. März fanden in Belarus Präsidentschaftswahlen statt, und Lukaschenko gewann die Wahlen nach offiziellen Angaben mit 83 Prozent der Wählerstimmen. Am Abend, als das Wahlergebnis bekannt gegeben wurde, versammelten sich spontan Tausende von Menschen auf dem riesigen Oktoberplatz im Zentrum von Minsk. Sie protestierten gegen Wahlfälschungen, gegen die Unterdrückung, gegen die Russifizierung des Landes durch einen Präsidenten, der alles, was Belarussisch ist, als oppositionell und damit als potenziell subversiv abstempelt.
2006 ergab sich zum ersten und bisher letzten Mal in der neueren Geschichte des Landes die Möglichkeit, sich des Despoten zu entledigen. Beflügelt von der Orangenen Revolution im Nachbarstaat Ukraine und unterstützt von jungen Menschen, sah es im späten März tatsächlich so aus, als könnte ein Abtreten Lukaschenkos möglich sein.
So entschlossen sich nach den Protesten einige Hundert junge Leute, auf dem Oktoberplatz zu bleiben und eine Zeltstadt zu errichten. Trotz eisiger Temperaturen campten sie dort. Für eine Woche war der Oktoberplatz vergleichbar mit dem Maidan in Kiew. Jeden Abend kamen viele Minsker nach der Arbeit auf den Platz und skandierten ›Schande!‹ (gemeint war Lukaschenko) und ›Lang lebe Belarus!‹. Während Lukaschenko vom Präsidentenpalast auf die Menge schaute, bekam er es wohl mit der Angst zu tun, als die Proteste weiter zunahmen. In der Nacht zum 24. März ließ er den Platz räumen. Hunderte junger Leute wurden gewaltsam abtransportiert, geschlagen und festgesetzt.« Eva blickte vom Computer hoch, um zu sehen, ob ich ihr noch zuhörte. Tat ich, und so bekämpfte sie weiter meine Bildungslücke:
»Doch Lukaschenko hatte sich in einem getäuscht: Der Wille der jungen Demonstranten war damit keinesfalls gebrochen. Durch die Massenverhaftungen und eingepfercht in völlig überfüllten Gefängniszellen, lernten sich die jungen Leute noch besser kennen, bildeten eine eingeschworene Gemeinschaft und knüpften Kontakte, durch die sich später Netzwerke entwickelten. Zumeist zu Haftstrafen von vierzehn Tagen verurteilt, fühlten sie sich nicht kriminalisiert, sondern wurden in ihren eigenen Augen und in denen der anderen Regimegegner zu Helden.«
