Liebesleben und Geschlechterkampf - Tekla Reimers - E-Book

Liebesleben und Geschlechterkampf E-Book

Tekla Reimers

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Beschreibung

Als dritte Tochter einer patriarchalischen Familie möchte Alix männlich sein. Sie will Freiheit und Abenteuer. Ihre beiden älteren Schwestern Margarete und Clarissa suchen nach der Liebesehe mit dem Richtigen. In den wilden 70-ern, zu Zeiten sexueller Revolution finden alle drei ihre orgastische Potenz innerhalb und außerhalb ehelicher Beziehungen. Diese Entwicklung wird beispielhaft erzählt als Erfahrungsbasis für biologische Erkenntnisse zu Sexappeal, Gewaltanwendung und Bindungen zwischen den Geschlechtern. Sexuelle Freiheiten und ziemliche Gleichstellung in Ausbildung und Gesellschaft sind westeuropäischen Frauen nicht von selbst zugefallen. Gesetze, auch Sitten sowie Gewohnheiten mussten dafür öffentlich errungen und im Leben jedes Einzelnen mühselig durchgesetzt werden: in Elternhaus, Liebe und Ehe, Universität, Arbeitswelt... Dieses populärwissenschaftliche Buch verwendet eine in den USA gebräuchliche 'faction'-Methode der Darstellung. Die 'fiction'-Kapitel über Alix und ihre Schwestern sind als Erzählungen gekennzeichnet. Sie basieren auf wirklichen Ereignissen der 2.Frauenbewegung in Westdeutschland. Die ´fact´-Kapitel erklären, welche Naturfaktoren im Geschlechterverhältnis wirken, ihre biologische Funktion und wie man/frau damit zur eigenen Lust umgehen kann. Auch zur Befreiung von natürlichen Zwängen. Diese naturwissenschaftlichen Ergebnisse machen viele Eigenschaften des Jetzt-Menschen aus seiner Sexualität verständlich. Daher lässt sich einsehen, was durch Umwelteinflüsse, insbesondere frühkindliche Sozialisation und Erziehung kulturell veränderbar ist.

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Seitenzahl: 260

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Tekla Reimers

Liebesleben und Geschlechterkampf

Biologische Gleichheit - Differenzen - Bindungen aus weiblicher Sicht

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

1. Gleichheit der Geschlechter

2. Erzählung I: Alix wächst heran und überschreitet die weibliche Rolle.

3. Die großen Frauen und das starke Geschlecht

4. Erzählung II: Alix‘ Schwestern suchen den Mann fürs Leben

5. Frauen und Männer sind gleich reizvoll

6. Schönheit

7. Erzählung III: Alix erlebt sexualisierte Gewalt und wird Eine, die das Wissen liebt

8. Darwins Kampfgesetz, Gewalt und List

9. Kindliche Kampfspiele

10. Erzählung IV: Alix emanzipiert sich für eine eigene Karriere

11. Frauenmacht und Männerherrschaft

12. Wirtschaftliche Macht und Geschlechterhierarchie

13. Erzählung V: Alix findet eine Liebesehe und ihre Berufung zur Naturwissenschaft

14. Liebeswonnen und Informationsstoffe

15. Sexualerregung

16. Erzählung VI: Alix sucht ihre orgastische Potenz

17. Gleichheit in orgastischer Lust

18. Bindungen durch Geschlechtsliebe

Angeführte und zitierte Literatur

Stichwortverzeichnis

Impressum neobooks

1. Gleichheit der Geschlechter

Biologisch betrachtet lassen sich die alten Geschichten über Frauen in Männerkleidern, die von echten Männern nicht zu unterscheiden sind, auch heute immer wieder bestätigen. Mehr noch: sogar ohne Kleider - zum Beispiel in der Sauna - sehen Frauen und Männer von hinten oftmals gleich aus. Körperhöhe, Schulterbreite, Hüftumfang, Muskulatur, Behaarung oder Länge der Beine, all diese Merkmale variieren total innerhalb eines Geschlechts und zwischen den Geschlechtern. Allein die Vorderansicht des Menschen, mit Busen oder Penis, ist normalerweise eindeutig weiblich oder männlich.

Diese biologische Tatsache wird im Alltagsleben durch sexistische Konventionen der Bekleidung verdeckt. Zu Grunde liegt ihr die bisexuelle, zwittrige Potenz aller Zellen: Jede einzelne Körperzelle eines Menschen enthält Entwicklungsmöglichkeiten für beide Geschlechter, was daher auch für die Organe gilt und ebenfalls für den menschlichen Embryo. Die Zellen einer genetischen Frau, wie die eines genetischen Mannes, sind befähigt einen vollständig weiblichen Körper auszubilden, ebenso wie einen vollständig männlichen. Anfangs sind für jeden einzelnen Embryo Entwicklungen aller Eigenschaften beider Geschlechter möglich. Ob eine Zelle, ein Organ, schließlich ein Mensch sich in mehr weiblicher oder mehr männlicher Richtung gestaltet und heranwächst, hängt von den Einflüssen ab, denen die jeweiligen Zellen im Körper ausgesetzt sind. Bei Säugetieren und Menschen kommen diese allein aus inneren Bedingungen: Chromosomen, Genen auf dem Y-Chromosom sogenannten Geschlechtsrealisatoren und Hormonen.

Beispielsweise bedeutet das: die Knorpelzellen im Schultergürtel einer Frau können zu männlicher Schulterbreite auswachsen, wenn sie in der Jugend von männlichen Hormonen in genügender Menge beeinflusst werden. Das Gleiche geschieht mit den Hüftknochen des Mannes unter Östrogeneinfluss. Entsprechendes gilt für alle anderen Geschlechtsmerkmale.

Deshalb sind die Geschlechter im Körperbau nicht alternativ, sondern variieren entlang einer graduellen Skala zwischen weiblichen und männlichen Extremen, den W<—>M-Polen. Es gibt alle erdenklichen Kombinationen maskuliner und femininer Merkmale an Muskulatur, Fettpolsterung, Gesichtsbildung und Behaarung. Sämtliche möglichen Variationen erblicher Konstitution zwischen femininem Mann mit reichlich Unterhaut-Fettgewebe, grazilem Knochenbau und spärlicher Behaarung und viriler Frau: schmalhüftig, langbeinig, mit breitem Kreuz, harten Muskeln und behaartem Körper kommen heutzutage in der Weltbevölkerung vor.

Die statistischen Mittelwerte von Messungen körperlicher Merkmale der Geschlechter verschweigen ihren oft großen Überschneidungsbereich, die Gemeinsamkeiten. In der Biologie sind Eigenschaften, die als zweigestaltig zwischen den Geschlechtern gelten (=sexualdimorph), immer als getrennte Häufigkeitsverteilungen erfasst und dargestellt worden. Das Ausmaß sexueller Unterschiede drückt sich infolgedessen als Abweichung der arithmetischen Mittelwerte aus und wird zumeist in Prozentzahlen der Geschlechterrelation festgestellt: Die männlichen Messwerte sind dabei willkürlich als hundertprozentig (100%!) gesetzt worden und die weiblichen dann jeweils darauf bezogen. So erscheinen Frauenkörper ungefähr 95-prozentig, irgendwie unvollständig gegenüber dem - willkürlich zum Ganzen erhobenen – Mann. Männliche Werte ergeben in dieser Darstellung einen Vollmenschen, weibliche nur einen Teil davon - eben ca. 95%. Eine Umkehrung der Geschlechterrelationen wäre genauso richtig, d.h. die weiblichen Messwerte könnten als 100% gesetzt werden und männliche Werte darauf bezogen. Das Männliche erschiene dann, mit ungefähr 108%, als irgendwie überschießend, das menschliche Normalmaß überschreitend.

Was den Kern der Sache eigentlich sogar besser träfe, denn das genetische Basisprogramm aller Säugetiere ist weiblich. Zwingend auch für den Menschen aufgrund seiner Stammesgeschichte. Die Ausbildung männlicher Merkmale muss in jedem individuellen Körper extra angestoßen werden - von einigen Genen auf dem Y-Chromosom, den Geschlechtsrealisatoren. Sie wandeln die zwittrigen Keimdrüsen eines Embryos in Hoden, die ihrerseits durch Männlichkeitshormone die Körperzellen beeinflussen sich in männliche Richtung auszuwachsen. Ohne diesen permanenten Einfluss von Hodenhormonen, gestalten sich in allen Menschenkörpern sämtliche Gewebe und Organe rein weiblich. Alle männlichen Eigenschaften müssen also über das genetische Grundprogramm hinaus eigens hervorgerufen werden, bei jedem Mann, während einer Phase vor der Geburt und in der Pubertät. Das hat sich naturhistorisch so ergeben, letzten Endes durch die Evolution eines weitgehend leeren Y-Chromosoms bei der Entstehung von Säugetieren.

Bei normalverteilten Werten kann der Streuungsbereich gleicher Messdaten überwiegen, wenn die Mittelwerte nicht stark voneinander abweichen. Für die menschliche Körperhöhe ist das weltweit gemessen worden. Nehmen wir die gesamte Weltbevölkerung in den Blick, so verschwimmen die statistischen Unterschiede zwischen Frauen- und Männerkörpern. Dann überlappen etliche Mittelwerte der männlichen und weiblichen Merkmale von Bevölkerungen mit verschiedener Abstammung: Bei Asiaten der Äquatorregion sind beide Geschlechter, in Körperbau, Behaarung und Gesichtsbildung, dem femininen Pol angenähert, bei den meisten Afrikanern dem maskulinen. Diese Art der Betrachtung erweist Europäerinnen als gleich groß wie asiatische Männer - auch statistisch. Im Durchschnitt sind Holländerinnen tatsächlich ebenso groß wie Süditaliener; und durchschnittlich hoch gewachsene Afrikanerinnen nilotischer Abstammung überragen die Männer benachbarter Bantuvölker um einen halben Kopf. Solche Beispiele für gleiche Körpergröße von Frauen und Männern mit verschiedener Abstammung lassen sich fast beliebig viele finden.

Es gibt kaum eine überschneidungsfreie Trennung der Geschlechter in Merkmalen des Körperbaus - zumal wenn Bevölkerungen verschiedener Abstammung beteiligt sind, etwa nilotische Afrikaner und Bantuvölker oder australische Ureinwohner und Südeuropäer. Wenn allein die körperliche Eignung ausschlaggebend wäre, müssten in Gegenden wie New York oder San Franzisko, mit ihrem Völkergemisch aus Asien, Afrika und Europa, die Baukolonnen, Bergleute, Stahlwerker oder Cowboy-Trupps immer auch Frauen dabei haben. Vor allem Schwarze und Nordeuropäerinnen. Überdurchschnittlich große und starke Frauen können sich körperlich zweifellos, in den traditionellen Männerberufen, behaupten.

Das kulturelle Konzept vollkommen verschiedener Geschlechter, die sich gegenseitig ergänzen, - wie es insbesondere von dem griechischen Philosophen Platon formuliert wurde - verlangt aber nach eindeutiger Unterscheidung weiblicher und männlicher Menschen. In den europäischen Traditionen platonisch-christlicher Ideale der Mädchenerziehung versteckten große, starke Frauen ihre Körperkraft durch Kleidung und Haltung, trainierten ihre Muskeln nicht, schwächen sich heutzutage gar mit Diäten, um ihren Körper den gesellschaftlichen Forderungen für weibliche Schönheit anzupassen.

2. Erzählung I: Alix wächst heran und überschreitet die weibliche Rolle.

Wenn ich meine Haare abschneide, immer Hosen trage und auf Bäume klettere, könnte ich doch auch ein Junge werden, dachte Alix, reiten und kämpfen kann ich genauso gut wie die. Ich werde einfach der Sohn sein, den mein Vater sich wünscht! Mit zehn Jahren war ihr noch niemals die Idee unüberwindlicher Geschlechtsunterschiede gekommen. Sie fühlte sich stark und groß genug, es mit den meisten Jungen ihrer Klasse aufzunehmen. So klug wie die war sie allemal. Was ihr noch fehlte, würde sie schon lernen.

In ihrer kleinen Stadt, an der großen Straße nach Norden schien nahezu jedes Unglück letzten Endes vom verlorenen Krieg herzurühren. Wie Alix vermutete, lag dort irgendwo auch die dunkle Ursache dafür, dass ihr Vater nur Töchter bekommen hatte: Als er in den II.Weltkrieg ziehen musste zeugte er Margarete, die Älteste. Clarissa nachdem er aus der Schlacht um Stalingrad mit knapper Not entkommen war und schließlich sie selbst, Alix, kurz nach seiner Heimkehr aus amerikanischer Gefangenschaft. Ihre Mutter hatte schrecklich gelitten, allein mit zwei kleinen Kindern: unter der Angst vor Bomben, der Sorge um ihren Mann, dem vollkommenen Mangel an allem, was das Leben angenehm machte. – Doch Alix’ Vater war mit dem Ergebnis all der Mühsal überhaupt nicht zufrieden.

Nach ihrem Entschluss ein Sohn zu werden, benahm Alix sich so frech und laut, wie irgendein Junge. Das ging ein, zwei Jahre ganz gut, dann wurde sie im Schulunterricht, zweimal kurz hintereinander, getadelt. Beim dritten Mal bekämen die Eltern eine Nachricht, von wegen „nicht tragbar für ein Gymnasium“.

Der Vater fand höhere Bildung für seine Töchter sowieso unnötig. „Mädchen heiraten ja doch“, sagte er und hoffte insgeheim auf Schwieger- und Enkelsöhne für seine Firma, die traditionsreiche Holzhandlung ‚Schulz und Söhne’. Deshalb suchte er unter seinen Töchtern schon lange dringend nach einer Kandidatin fürs Büro. Alix‘ vorzeitiger Schulabgang käme ihm gerade recht und er könnte sie zwingen ihre Ausbildung bei ihm als Buchhalterin zu machen. Da steckte sie lieber erst mal zurück.

Indessen herrschte Alix’ Mutter im Hause der Familie Schulz. Sie bestimmte über Essen und Kleider, Kinder und Dienstboten. Ganz wie Friedrich Schiller in seinem Nationalepos bürgerlicher Gesittung dichtete: „Drinnen waltet die züchtige Hausfrau, die Mutter der Kinder...“. Solange Köchin, Waschfrauen und Kindermädchen finanzierbar waren, blühte diese Art innerfamiliäres Matriarchat. Die Mutter führte ihren Haushalt, indem sie Anweisungen gab, wie gekocht, wie gewaschen und wie ihre drei Kinder versorgt werden sollten.

Bevor Alix eingeschult worden war, während die beiden älteren Mädels bereits zur Grundschule mussten, hatte die Mutter für sich und ihre jüngste Tochter das Frühstück im Salon auftragen lassen. Gemütlich tranken sie ihren Tee mit Milch, plauderten, die Mutter warf einen Blick in die Zeitung. Danach gingen sie zur Schneiderin, manchmal zum Frisör oder machten Besorgungen in der Stadt. In ihren hübschen Kleidchen, mit einer blassblauen Schleife in den blonden Locken, fühlte sich Klein-Alix an der Hand ihrer Mutter, wie eine Prinzessin.

Dies bürgerliche Glück hatte allerdings nicht lange gedauert: Das letzte Dienstmädchen verschwand ersatzlos Anfang der Sechzigerjahre, denn das deutsche Wirtschaftswunder bot von da an auch ungelernten weiblichen Arbeitskräften besser bezahlte Jobs in Industrie und Gewerbe. Alix’ Mutter stand dann selber am Herd und am Waschzuber. Alles Übrige mussten die Töchter tun: putzen, bügeln und backen, einkaufen, Hund und Viehzeug füttern, Hühner, Gänse, Enten, außerdem die Gartenarbeit für Gemüse, Kartoffeln, Obst. Als Jugendliche schufteten die Mädels wie Mägde.

So verlebte Alix ihre Kindheit in einer Welt von Frauen: Was ihre Mutter, die Schwestern und Dienstmädchen taten, wollten oder auch nur dachten, bestimmte den Gang ihrer Tage, wurde zum Maßstab ihres Menschenbildes. Denkanstöße, Inspiration, praktische Kenntnisse und Handlungsvorgaben erhielt sie von diesen Frauen. Alles, was im Hause passierte geschah durch ihre weibliche Tätigkeit.

Zwar setzte der Vater den materiellen Rahmen des tagtäglichen Frauenregiments in Alix’ Familie: durch das verfügbare Haushaltsgeld und seine geschäftliche Tüchtigkeit im Holzhandel bestimmte er über ihren sozialen Status in der Kleinstadt. Doch blieben diese männlichen Voraussetzungen familiärer Existenz dem Ablauf des Alltags weitgehend äußerlich. Sein patriarchalisches Normenkonzept aus deutsch-nationaler Vergangenheit wirkte eher herausfordernd als ehrwürdig auf die Nachkriegsgeneration. Clarissa machte sich einen Sport daraus es zu unterlaufen, Alix schliff ihren rebellischen Geist daran es zu hinterfragen. Die Mutter half ihnen dabei. Sie hatte selbst eine höhere Schule besucht, ihr Abitur glänzend bestanden und von einem akademischen Beruf geträumt - vor der Ehe. Nun hasste sie den nimmer-endenden Stumpfsinn ihrer nichtsdestoweniger notwendigen Hausarbeit.

Daher mochte es kommen, dass Alix den ‘Menschen an sich’ ganz selbstverständlich weiblich dachte. Ob sie nun über Halbgötter wie Herakles, den trojanischen Krieger Hector oder einen Indianerhäuptling las, sie bemerkte keinen Wesensunterschied zu sich selbst und nahm die Helden - quasi ohne Ansehen des Geschlechts - als persönliche Vorbilder. Allerdings faszinierten sie noch mehr die Märchen und Legenden von Frauen, die ihre Abenteuer in einer Männerrolle bestehen: Amazonen, Walküren oder als Söhne verkleidete Königstöchter. Daran änderten auch monatliche Blutungen nichts, die sich bei Alix mit 13 regelmäßig einstellten. Sie musste dann 5 Tage lang lästige Polster aus Zellstoff zwischen den Beinen tragen – wie ihre älteren Schwestern. Alle Frauen eigentlich. Meist witzelte sie mit Clarissa über solche ‚lustigen Tage’ und nutzte die Gelegenheit körperliche Anstrengungen zu verweigern – Sport, schwimmen, schwere Arbeiten mit Haushaltslasten, Viehzeug oder Gemüseanbau.

In der kleinstädtischen Langeweile ihrer Pubertätsjahre träumte sie sich als weiblichen Winnetou mit langen, goldenen Haaren, niederfallend bis zur Hüfte, und blitzblau strahlenden Augen. Sie fantasierte sich in eine Wildnis, wo sie allein lebte: Ihre Blockhütte stand versteckt in einem unzugänglichen Tal; es gab ein murmelndes Bächlein worüber sich eine riesige Trauerweide wölbte. Ihre Zweige reichten ringsherum bis zur Erde nieder und bildeten eine grüne Höhle. Daneben graste ihr weißes Pferd. Sie war schlank und hoch gewachsen, mit Mokassins an sehr langen Beinen und einem Jagdanzug aus weichem, braunem Wildleder, wie ein Indianer. Viele Jäger und Kundschafter des wilden Westens hatten diese rätselhafte Gestalt flüchtig zu Gesicht bekommen. Keiner wusste wer sie war.

Als die wirkliche Alix vierzehn Jahre alt wurde, fand schließlich ein erträumter ‘Old Shatterhand’ den Weg zu ihrem wilden Garten Eden. Er war hingerissen und irgendwie musste es zu einem alles auflösenden Kuss kommen - aber dann wusste sie nicht weiter und eigentlich auch nichts Rechtes mit ihm anzufangen. So endete ihre Tagträumerei.

Damit ihr Mädchentraum wahr werden könnte, beschloss Alix reiten zu lernen. Bei einem benachbarten Bauern gab es Pferde und ihr Vater brachte seiner 3.Tochter das Nötigste bei an Kenntnissen und Fähigkeiten, welche noch aus seiner Militärzeit in der Kavallerie stammten. Bald durfte Alix als Pferdepfleger und Bereiter beim Nachbarn mithelfen, wann immer Schule und Hausarbeit ihr Zeit ließen. Sie liebte diese starken, empfindsamen Tiere und durchstreifte in den folgenden Jahren mit ihnen die ländliche Umgebung ihrer Heimatstadt.

Nach dem Abitur wollten Alix’ Klassenkameraden etwas Konkretes werden: Arzt, Lehrer, Rechtsanwalt oder wenigstens Großverdiener. Sie aber glaubte, nun stünde die Welt ihr offen. Die Höhen und Tiefen der menschlichen Existenz wollte sie erleben: Algeriens Sonne und Norwegens Eis. Dies gerade, weil sich ihr geistiger Horizont von ganz links nach ganz rechts erstreckte, über eine christlich-buddhistische Mitte, in Anlehnung an Hermann Hesse. Denn die Bücher von Sartre, Camus und Brecht hatten sie genauso beeindruckt wie Romane von Knut Hamsun und Friedrich Nietzsches philosophische Schriften. Darüber hinaus war Alix zu der festen Überzeugung gelangt, dass der Mensch auf dieser Welt sei, um sich nützlich zu machen, damit alle genug zu essen hätten und eine warme Wohnung. Etwas unbestreitbar Nützliches zu tun, ein zukünftiger Broterwerb und die weite Welt in Afrika oder Asien zu erleben, schien ihr durch ein Studium der Agrarwissenschaften erreichbar. Außerdem hatte sie beim Galoppieren über sonnige Felder, ‚auf dem Rücken der Pferde’, ihr höchstes Glück empfunden.

Alix ergriff somit einen Männerberuf. Als Praktikantin der Landwirtschaft auf einem Versuchsgut der regionalen Universität lernte sie Kühe melken, Schweine mästen, Trecker fahren, mähen und pflügen. Das konnte sie schließlich alles gut machen, nur blieb sie merkwürdig unpassend für solche Arbeiten. Die Bedienungshebel waren zu klobig für ihre kleinen Füße und zu schwergängig für ihr Gewicht. Mit 1,65m war Alix nun ausgewachsen und mittelgroß, wohl muskulös, doch von eher zierlichem Körperbau.

Oft waren ihre Kraftreserven schon mittags erschöpft und sie schlief auf dem erstbesten Stuhl im Sitzen ein. Als Treckerfahrerin schaffte sie ebenso viel wie ihre - sämtlich männlichen - Kollegen, aber mit der Forke, der Schaufel oder Sackkarre höchstens die Hälfte. Wenn etwas mit der Hand zu laden war - Futter, Mist, Kunstdünger oder was eben anlag - wurde sie häufig gebeten, lieber für Unterhaltung und Bier zu sorgen. Auf dem großen Gutshof, wo Alix ihr praktisches Lehrjahr absolvierte, mochten solche Mängel an Körperkraft noch durchgehen, aber ein normal rechnender Bauer hätte sie sicher nicht eingestellt.

Manchmal fragte Alix sich, ob sie einfach zu klein geraten sei für die Landarbeit oder ob es einer Frau prinzipiell unmöglich wäre in einem Männerberuf mitzuhalten. Sind weibliche und männliche Körper gleich groß und stark, gleich begabt für den Lebenskampf und körperliche Arbeit?

3. Die großen Frauen und das starke Geschlecht

Körperhöhe

Die Strecke zwischen Scheitel und Sohle ist der am meisten genetisch bestimmte Faktor menschlicher Körpergröße. Zusammengesetzt hauptsächlich aus Rumpfproportion und Beinlänge. Die erwachsene Körperhöhe wird von zahlreichen Genen mit jeweils kleiner Wirkung kontrolliert, die zu verschiedenen Zeiten während des Heranwachsens in Kindheit und Jugend ihren Einfluss entfalten. In all seinen Einzelheiten ist dieser Mechanismus bislang noch nicht geklärt, kann aber vereinfacht in drei Wachstumsphasen dargestellt werden: Eine erste Aktivierung von bestimmten Genen reguliert pränatales Wachstum, eine zweite mit anderem Genlocus steuert das Längenwachstum in der Kindheit, eine dritte genetische Aktivität an einem weiteren Komplex von Erbanlagen den pubertären Wachstumsschub. Jede dieser Entwicklungsphasen verwirklicht einen Teil des erblichen Programms für die erwachsene Körperhöhe eines Menschen. Alle sind hormonell vermittelt und empfindlich gegen Umwelteinflüsse, insbesondere die Ernährung und körperliche Belastungen, wie Schlafmangel, Krankheit und Überarbeitung. Auch seelischer oder sozialer Stress kann die Sekretion des Wachstumshormons beeinträchtigen. Andererseits bringen Fleisch und andere lysinhaltige Nahrungsmittel bei Kindern bis zu 2cm mehr an Körperhöhe hervor. Training und körperliche Übungen haben keinen messbaren Einfluss.

Insgesamt können umweltbedingte Wachstumshemmungen die realisierte Körperhöhe um circa 10cm gegenüber der genetisch möglichen zurückbleiben lassen, wie eine weltweite Untersuchung, über den Einfluss von Armut und Mangelernährung auf die menschliche Körpergröße ergab. Die ökonomisch besser gestellten jugendlichen Afrikaner, aus der Stadt Kingston auf Jamaika beispielsweise, sind gegen Ende ihres pubertären Wachstumsschubs, mit siebzehn Jahren durchschnittlich 12cm größer als ihre Altersgenossen afrikanischer Abstammung in ländlichen Gegenden.

Demnach wäre es wohl möglich den sexuellen Unterschied an Körperhöhe verschwinden zu lassen, wenn männliche Kinder und Jugendliche generell in Armut lebten, weibliche dagegen wohl situiert. Wie wir alle wissen, ist das historisch niemals der Fall gewesen - eher war es umgekehrt: In streng patriarchalischen Familien essen zuerst der Vater und die Söhne, danach bekommen die Mutter und die Töchter was übrig bleibt. Das ist im mittelalterlichen Europa meist durch Tischsitten so geregelt gewesen und führte dazu, dass in weniger guten Zeiten die Frauen kaum je ein ordentliches Stück Fleisch abkriegten.

Wie viel Mangelernährung und ein schweres Leben ausmachen kann, belegt auch das Phänomen einer allgemeinen Vergrößerung der Nordeuropäer seit dem Mittelalter: Diese ‘säkulare Akzeleration’ kann ebenfalls auf verbesserte Lebensumstände, vollwertige Ernährung und behütetes Wachstum in Kindheit und Jugend zurückgeführt werden. Zumal nicht nur europäische Bevölkerung von dieser Tendenz zur Vergrößerung erfasst wurde, sondern sogar Buschleute der Kalahari-Wüste Südafrikas und australische Ureinwohner, die von ihrer traditionellen Lebensweise als Jäger und Sammler zu mehr Sesshaftigkeit übergegangen sind. Auch bei ihnen bewirkte eine gleichmäßigere und bessere Versorgung mit Nahrung und Wasser ein vermehrtes Längenwachstum. Solche historischen Variationen der Körperhöhe – ohne dramatische Veränderungen des Genmaterials - betrugen im Durchschnitt bis zu 10cm. Sie werden interpretiert, als mehr oder weniger weit gehende Ausnutzung der genetischen Veranlagungen einer Bevölkerung.

Es ist demnach wahrscheinlich, dass Anfang der Siebzigerjahre weltweit von Eveleth und Tanner gemessene Werte für Frauen - wegen negativer Umwelteinflüsse - niedriger verwirklicht waren, als es von ihrem genetischen Programm her möglich wäre. Dafür spricht auch eine deutliche Vergrößerung der Europäerinnen in den letzten zwanzig Jahren. Die Maße der Konfektionsgrößen für Damenoberbekleidung von 1982 erwiesen sich bereits 1992 als nicht mehr passend - die Frauen waren höher gewachsen, erreichten nicht selten 1,80m, und waren um die Hüften breiter geworden. Der sexuelle Unterschied an durchschnittlicher Körperhöhe kann sich also verringern, wenn die Frauen den Männern sozial gleich gestellt werden. Um wie viel, lässt sich heute noch nicht abschätzen.

Gänzlich verschwinden wird er allerdings nicht, weil es sich dabei um ein sekundäres Geschlechtsmerkmal unserer Spezies handelt. Diese sind erbliche Eigenschaften, die sich erst beim Erwachsenen geschlechtsverschieden ausbilden z.B. Busen und Bart. Männliche Körper reifen langsamer als weibliche; ihr jugendlicher Wachstumsschub setzt später ein und dauert um zwei bis drei Jahre länger, als der von Mädels gleicher Abstammung. Dieses unterschiedliche Wachstumsmuster der Geschlechter während der Pubertät zeigen alle geografischen Varietäten des Jetzt-Menschen: Asiaten und Afrikaner ebenso wie Europäer und Aborigines. Es stammt also aus einer früheren Epoche der Humanevolution, vor Ausbreitung des Homo sapiens über die fünf Kontinente. Sehr wahrscheinlich ist es ein Erbstück aus unserer äffischen Naturgeschichte: Dort finden sich sehr ähnliche Differenzen im körperlichen Wachstum der Geschlechter, welches ebenso hormonell vermittelt ist und auch verschieden lange dauert. Diese biologische Zweigestaltigkeit (=Sexualdimorphismus) unserer Spezies ist eine natürliche Voraussetzung sexueller Verhältnisse in jeder Bevölkerung mit einheitlicher Abstammung.

Zusätzlich haben klimatische Anpassungen das genetische Wachstumsprogramm von Jetzt-Menschen vielfältig gestaltet. In der Hitze nahe dem Äquator wurde die eingeborene Bevölkerung erblich kleiner und zierlicher, dagegen im kalten Norden größer und kompakter. Nach den Klimaregeln von Bergmann und Allen geht es bei solcher natürlichen Selektion der Körpergröße von Säugetieren um die konstante Einhaltung einer Körpertemperatur um 37°C. Das Verhältnis von Wärmeerzeugung des Körpervolumens und Wärmeabgabe über die Körperoberfläche ist dafür wesentlich. Ein kleiner Körper hat relativ mehr Oberfläche, als ein großer Körper von gleicher Gestalt, denn Körperoberfläche und Körpervolumen stehen zueinander nicht in linearem Verhältnis. Zusätzlich vergrößern alle Teile, die über das Körperzentrum hinausragen dessen Oberfläche überproportional und strahlen entsprechend mehr Wärme ab. Daher haben in kalten Klimazonen lebende Varietäten aller Säugetierarten kürzere Körperanhängsel: Schwänze, Ohren, Nasen, auch kürzere Beine und Arme. Die Hitze in Äquatornähe selektierte die eingeborene Menschen zu insgesamt mehr Körperoberfläche und weniger Volumen: Sie sind klein und zierlich oder lang und schmal. Diese Klimaanpassungen aus der Frühzeit des Homo sapiens haben sich bei späterer Auswanderung als umweltstabil erwiesen, sind also Bestandteile des genetischen Programms für die jeweilige körperliche Konstitution klimatisch angepasster Stämme und Völker geworden.

Insgesamt können sich genetische, sexuelle und umweltbedingte Einflüsse, auf die Körperhöhe von Jetzt-Menschen, zu Unterschieden bis 25cm im Durchschnitt addieren. Global variieren die Mittelwerte für ethnisch einheitliche Populationen zwischen 1,55m und 1,80m. Infolge der beschriebenen Klimaanpassungen ihrer Vorfahren rangieren viele europäische und afrikanische Frauen am hoch gewachsenen Ende dieser Skala, asiatische, mediterrane und australische Männer erreichen dagegen meist nur den mittleren und unteren Bereich.

Es wäre möglich die Kategorien unserer Wahrnehmung körperlicher Eignung anders zu fassen, als nach dem Geschlecht. Beispielsweise für körperliche Schwerarbeit, auf dem Bau oder in der Landwirtschaft, könnte eine Körperhöhe von mindestens 1,70m zur Voraussetzung gemacht werden. Alix wäre unter solchen sozialen Bedingungen gar nicht erst in die Lage gekommen Futtersäcke zu schleppen. Bei manchen Berufen gibt es so etwas schon lange: Gardesoldaten dürfen, überall in Europa, ein bestimmtes Maß nicht unterschreiten, weibliche Models auch nicht, und Boxer werden nach Gewichtsklassen eingeteilt. Kein Schwergewicht darf im Wettkampf gegen ein Leichtgewicht antreten. Dem Sexismus am Arbeitsmarkt wäre mit solchen geschlechtsneutralen Regelungen eine wichtige biologische Begründung entzogen. Es würden nicht mehr Frauen und Männer separat vermessen und kategorisiert, sondern groß und klein gewachsene Menschen unterschieden, die es eben in beiden Geschlechtern gibt.

Körpergröße

Trotz und innerhalb aller genetischen und sexuellen Variabilität menschlicher Körper, hat unsere Gattung Homo doch einen deutlichen Geschlechtsunterschied an Körpergröße aus ihrer Naturgeschichte mitgebracht: Männer und Frauen aus demselben Genpool mit gleicher Abstammung von eingeborener Bevölkerung, wo auch immer, unterscheiden sich im arithmetischen Mittel um fast 10 cm an Körperhöhe und 5 - 10 kg an Gewicht. Die weltweiten Messungen der Anthropologen Eveleth und Tanner ergaben nordeuropäische Männer als durchschnittlich 8 - 10 cm länger und einige Kilo schwerer wie Frauen derselben Ethnien. Die gleiche Geschlechterrelation fanden sie unter Afrikanern der Bantuvölker, australischen Aborigines, Süd-Chinesen oder Schwarzfuß-Indianern und ähnliche bei fast allen einzeln vermessenen Bevölkerungen einheitlicher Abstammung..

Wobei das Gewicht ein ziemlich untauglicher Messwert ist, um einen biologischen Geschlechtsunterschied an Körpergröße zu bestimmen. Es schwankt allzu sehr mit dem Ernährungszustand einer Bevölkerung - wohlhabende Menschen wiegen fast immer etliche Kilo mehr als arme, egal ob männlich oder weiblich. Auch Modeströmungen beeinflussen diesen Messwert. Er wird dennoch herangezogen, weil auch die Gesamtheit von Muskulatur und Knochendicke darin erfasst ist: Üblicherweise wird Körpergröße in Diagrammen als Verhältnis von Länge zu Gewicht dargestellt.

Das Ausmaß dieses tatsächlich biologischen Unterschieds an Körpergröße, zwischen weiblichen und männlichen Menschen, ist bislang sehr überschätzt worden - eben weil das Augenmerk der Forscher auf die Verschiedenheit der Geschlechter gerichtet war, nicht auf ihre Übereinstimmungen. Zumeist kursieren Vorstellungen vom Sexualdimorphismus des Jetzt-Menschen - auch in der Wissenschaft -, die sich an den sexuellen Größenverhältnissen von Schimpansen orientieren. Das ist aber ein falscher Vergleich, weil er den körperlichen Unterschied, an Länge und Gewicht, wesentlich größer erscheinen lässt, als er in Wirklichkeit ist. Um den genetisch programmierten Größenunterschied von Frauen und Männern anschaulich zu machen, mittels verwandter Affenspezies, lassen sich die Verhältnisse bei Makaken am ehesten heranziehen. Menschen ähneln in sexuellen Unterschieden an erwachsener Körpergröße den Meerkatzen.

Körperkraft

In der Kraftentfaltung unterscheiden sich weibliche von männlichen Körpern vor allem durch einen höheren Fettanteil relativ zur Muskelmasse. Gemessen wird im Verhältnis zur Gesamtoberfläche des Körpers. Dieser sexuelle Unterschied entsteht während des pubertären Wachstumsschubs und ist ein Effekt der muskelbildenden Eigenschaften von männlichen Hormonen. Deren Wirkungen sind allgemein bekannt geworden durch Doping und Bodybuilding.

Die im Augenblick verfügbare Muskelkraft ist ganz überwiegend vom Querschnitt der Muskelspindeln abhängig. Sie sind bei Männern androgenvermittelt nach der Pubertät im Durchschnitt breiter. Selbst sportlich durchtrainierte Mädels, deren Muskulatur ein deutlich vermehrtes Breitenwachstum erzielt hat, erreichen nicht den Mittelwert ihrer männlichen Altersgenossen, auch nicht einmal im Alter von dreizehn Jahren, wenn sie den Jungen gleicher Abstammung im jugendlichen Wachstumsprozess voraus sind. Diese Unterschiede an augenblicklicher Muskelleistung lassen sich als Druckkraft der rechten Hand erfassen: Europäische Männer erreichen mit achtzehn Jahren im Durchschnitt 50 kg an Dynamometerdruck, Europäerinnen desselben Alters um die 30 kg. Überschneidungen der weiblichen und männlichen Messwerte sind dabei gering.

Die über den Augenblick hinausgehende Kraftanstrengung ist sehr von Leistungen des Blutkreislaufs und der Atmung abhängig. Zwischen Frauen und Männern gleicher Abstammung gibt es auch darin verschiedene arithmetische Mittelwerte und Häufigkeitsverteilungen, die sich nur wenig überschneiden. Für Europäer wurden folgende Durchschnittswerte gemessen:

- Das Fassungsvermögen der Lunge (=Vitalkapazität) erwachsener Frauen beträgt bei maximaler Anstrengung 3,2 Liter als Luftvolumen für Ein- und Ausatmung, bei Männern 4,3 Liter.

- Der Ausnutzungsgrad dieser Luftmenge ist in weiblichen Lungen niedriger, weil sie weniger Alveolar-Oberfläche an kleinen Lungenbläschen haben. Die Frauen brauchen 24,6 Liter Luft, um einen Liter Sauerstoff zu entnehmen, für die Männer genügen 20,6 Liter.

- Der weibliche Kreislauf hat relativ zum Körpervolumen eine kleinere Blutmenge, als der männliche, und niedrigeren Gehalt an rotem sauerstoffbindendem Farbstoff (=Hämoglobin). Weil darauf Befähigungen beruhen, die energieliefernden Sauerstoffmoleküle aufzunehmen, ergibt sich bei gleicher Kraftanstrengung für weibliche Körper eine höhere Herzschlag-Frequenz.

Zweifellos ist es möglich durch sportliches Training, sowohl den Querschnitt der Muskelspindeln zu vergrößern, als auch die Vitalkapazität der Lunge zu steigern. Beispielsweise verdoppelt Rudern regelmäßig die Leistungen des Kreislaufs. Doch gibt es im weiblichen Körper eine Grenze für solche Trainierbarkeit der Kraftentfaltung: Sehr starke körperliche Übung, wie sie für vermehrtes Muskelwachstum und eine bedeutende Erhöhung der Vitalkapazität erforderlich ist, versetzt den Organismus in einen innerlichen Stresszustand. Infolgedessen schüttet die Nebennierenrinde vermehrt ihre Hormone aus, wobei, neben dem aufputschenden Adrenalin, auch mehr von den Androgenen dieser Drüse ins Blut gelangen. Und diese vermännlichenden Hormone bewirken – aufgrund der bisexuellen Potenz aller Zellen - auch im weiblichen Körper ein Wachstum männlicher Merkmale. Wenn derartige Stress-Situationen andauern, kann die Nebennierenrinde sich unumkehrbar vergrößern und der weibliche Körperbau dermaßen männlich werden, dass die weibliche Fruchtbarkeit verschwindet. Übermäßiger Kraftsport kann, auf diese Weise, bei jungen Mädels im Entwicklungsalter u.a. die Beckenknochen vermännlichen und zu einer Verengung des Geburtskanals führen, die das Gebärvermögen der betroffenen Frauen beeinträchtigt.

Mit dem jugendlichen Wachstumsschub richtet sich zugleich der Energiestoffwechsel geschlechtsspezifisch aus: Männer haben, infolge ihrer relativ höheren Muskelmasse, im Durchschnitt einen anderen Grundumsatz, als Frauen gleicher Abstammung. Ein Messwert hierfür, der sogenannte ‚Reifequotient’, klammert Unterschiede an Körpergröße aus, indem er die gesamte Zellmasse eines Körpers - Muskeln und Nicht-Muskeln - ins Verhältnis setzt zur Körperoberfläche. Europäerinnen erreichen nach diesem Maß mit 16,9kg Gewicht je m2 Oberfläche eine körperliche Reife, sodass ihre Menstruation einsetzt, ein monatlicher Abbau und Abfluss ungenutzter Gebärmutterschleimhaut durch die Scheide. Dieses Menarchegewicht ergibt sich bei guter Ernährung eines weiblichen Körpers zwischen seinem 12. und 15. Lebensjahr. Jedoch können durch Hungerzeiten, Magersucht oder Leistungssport so abnorm niedrige Werte in diesem Verhältnis von Zellmasse je Körperoberfläche entstehen, dass Menstruationen ausbleiben. Wenn bei erwachsenen Frauen der Anteil an Körperfett unter 22 Prozent ihres Körpergewichts sinkt, verschwindet damit auch ihre Fruchtbarkeit.

Die sexuellen Unterschiede an Muskulatur, Nicht-Muskelmasse und Energiestoffwechsel interpretieren Biologen als natürliche Anpassungen des weiblichen Geschlechts für Schwangerschaft und Stillen, denn bei Frauen wachsen, zusätzlich zu allen anderen Organen des Jetzt-Menschen, noch eine große Gebärmutter und zwei Milchdrüsen sowie Fettpolster als Vorrat für etwaige Milchbildung. Die Natur hat gleichsam vorgesorgt: in Frauen, ohne genügende Nahrungsreserven für eine Schwangerschaft und ausreichende Stillphase, entstehen Kinder gar nicht erst. Was auch den Schluss zulässt, dass diese weiblichen Eigenschaften, an Energiestoffwechsel und Fettspeicherung, aus einer weit zurückliegenden Epoche der Humanevolution stammen; einer Zeit, ohne soziale oder sexuelle Nahrungsteilung, in der jedes Individuum für sich selbst Futter suchen musste - wie es die Affen heute noch tun. Anders formuliert: Hätte es bei unseren äffischen Vorfahren bereits treu sorgende Väter oder Familienernährer gegeben, die stillende Mütter mit zusätzlicher Nahrung versorgten, wäre eine geschlechtsspezifische Ausrichtung des Energiestoffwechsels nicht selektiert worden. Doch für Mütter, die ihren Milchfluss jahrelang mit Selbsterbeutetem aufrecht halten müssen und auch noch Babys tragen, war eine Anpassung erwachsener Frauenkörper an längerfristige Belastbarkeit offenbar wichtiger als momentane Kraftentfaltung ihrer Muskulatur.

Heutzutage wirkt der biologisch überkommene Fruchtbarkeitszyklus der Frau eher hinderlich und kräftezehrend als zweckmäßig angepasst. Daraus ‚lustige Tage’ zu machen, - wie Clarissa und Alix - ist sicherlich mit das Beste, was Frauen mit diesem schwierigen Naturerbe tun können: sich allerlei mühsamen Pflichten der Gesellschaft zu entziehen, eine Auszeit nehmen, um in Ruhe das eigene Frausein zu genießen, das lebendige Wunder ihrer Körperkräfte neue Menschen hervorbringen zu können. Gleichsam mit Zauberkraft.

All monatlich tagelang, mehr oder weniger aus der Vagina zu bluten ist aber nicht einmal natürlich, denn im Naturzustand menstruieren Frauen ebenso selten wie wild lebende Schimpansinnen einen Eisprung haben, immer nur in den wenigen Monaten zwischen dicht aufeinanderfolgenden Schwangerschaften, Geburten und Stillzeiten während ihres fruchtbaren Erwachsenenalters. Jahrzehntelang all monatlich fast eine ganze Woche hindurch Hormonumschwünge und blutigen Ausfluss von Schleimhaut-Zellen der Gebärmutter zu bewältigen ist ein Ergebnis kultureller Entwicklungen, infolge Familienplanung, gesunkener Kindersterblichkeit und gestiegenem Bevölkerungswachstum sowie nicht zuletzt weiblicher Persönlichkeitsbildung.

Mit hormonellen Verhütungsmitteln können Frauen sich diese kulturbedingten Lasten erleichtern und ihrem Körper die - für heutige Umweltanpassung - unnütz wirkenden Anstrengungen weitgehend ersparen. Eireifung sowie Eisprünge ereignen sich dann nicht mehr spontan; Auf- und Abbau von Zellen in der Gebärmutterwand wird mittels Hormongaben zuträglich geregelt - je nach derzeitigen medizinischen Erkenntnissen mehr oder weniger -, ebenso das An- und Abschwellen der Brüste. Dramatische Schwankungen der Libido bleiben aus. Die Gesundheit des weiblichen Körpers wird durch weniger Menstruationszyklen nachweislich verbessert, weil insbesondere biologische Überforderungen der Gewebe in Gebärmutter und Brustdrüsen entfallen und damit die Wahrscheinlichkeiten von Wucherungen in diesen Organen sinken.

Knochenbau

Generell variiert die Knochenbreite gleichsinnig wie die Körperhöhe. Es gibt relativ grazilen Knochenbau bei den zierlichen, klein gewachsenen Varietäten der Äquatorregion an Männern und Frauen, aber auch deutliche sexuelle Unterschiede. Insbesondere bei Europäern sind weibliche Gelenke im Durchschnitt wesentlich schmaler als männliche.

Ein anderer Einflussfaktor für Belastbarkeit und Befähigungen zur Schwerarbeit ist die Dichte des Knochengewebes. Die statistischen Werte sind gleich für weibliche und männliche Skelette, variieren aber zwischen geografischen Varietäten des Jetzt-Menschen. Beispielsweise haben Afrikaner im Durchschnitt dichtere Knochen als Europäer.

Im Knochenbau ergibt sich durch Östrogeneinfluss auf die Beckengestaltung und Androgeneinfluss auf das Wachstum des Schultergürtels ein deutlicher Geschlechtsunterschied. Weibliche Becken sind breiter und höher, im weltweiten Durchschnitt. Eine flachere Stellung der Darmbeinschaufeln schafft Raum für einen querovalen Beckenausgang mit deutlich größerem Durchmesser als beim Mann. Die größere Höhe des weiblichen Beckens bietet den nötigen Platz für eine umfangreiche Gebärmutter. Dies sind offenkundig Anpassungen des Frauenkörpers im Kontext einer biologischen Fortpflanzung mit aufwendiger Schwangerschaft und Lebendgeburt großköpfiger Babys.

In der männlichen Gestalt bildet sich - während des pubertären Wachstumsschubs – ein geschlechtsspezifischer Schwerpunkt im Bereich von Brustkorb und Schultern. Auch hierbei gibt es hormonabhängig individuelle Variationen, doch zeigt die Häufigkeitsverteilung für Messwerte von Schulter- und Beckenbreiten des Jetzt-Menschen nur geringe Überschneidungen der Geschlechter – falls nicht Afrikaner in die Messreihen einbezogen sind. Denn die Afrikanerinnen sind in ihrer Beckenbreite dem männlichen Pol der W <⎯> M –Skala angenähert.