Liebesnester und Paradiesbäume - Jonas Goebel - E-Book

Liebesnester und Paradiesbäume E-Book

Jonas Goebel

0,0

Beschreibung

„Ich habe nichts gegen die Kirche, das Theologiestudium und das Christentum. Ich bin jeweils ein Teil davon. Wobei ich genauer sein muss: Ich habe an sich nichts gegen die Kirche, das Theologiestudium und das Christentum. Denn ich habe dieses Buch angefangen zu schreiben, weil ich mich noch nie so geschämt habe Theologie zu studieren, mich Christ zu nennen und dieser Kirche anzugehören, wie an diesem ganz bestimmten herbstlichen Morgen. Und dieses tief-beschämende Gefühl, dass da etwas nicht stimmt mit den Kirchen, der Theologie und dem Christentum in unserem Land, das lässt mich einfach nicht mehr los.“ Da stimmt etwas nicht mit unseren Kirchen, unserer Theologie und unserem Christentum! Aber was ist es? „Liebesnester und Paradiesbäume“ macht sich auf eine unterhaltsame und kurzweilige Reise, bei der das Grundprinzip des Christentums entdeckt wird. Eine Reise, die provozierend und nachdenklich Fragen stellt. Wie kann aus theologischer Leere wieder vernünftige Lehre werden? Was heißt es wirklich ein Christ zu sein? Was ist Glaube – und was gerade nicht? Mit wem saß Jesus an einem Tisch und mit wem sitzen wir heute in unseren Kirchengemeinden zusammen? Gehen Sie auf eine Reise, die von einer Kirche träumt, die ihre Aufgabe entdeckt, von einer Theologie, die ihre Grundlage versteht, und von einem Christentum, das seinem Namen gerecht wird!

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 139

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



INHALT

PROLOG

DER SYSTEMFEHLER

EIN NEUES GEBOT

DAS GRUNDPRINZIP

EIN MENSCH

DIE FRUCHT

DIE GROSSE GESCHICHTE

WDLROF

KEINE RETTUNG

PARADIESBÄUME

LIEBESNESTER

THEOLOGISCHE LEERE

EPILOG

ANHANG

DIE BIBEL ALS GRUNDLAGE

DAS ALTE TESTAMENT

DIE URSPRACHEN

BIBELSTELLEN-REGISTER

PROLOG

Es ist ein kühler, ungemütlicher Morgen in Berlin. Leichter Nieselregen fällt aus dem trostlos grauen Himmel auf die mindestens genauso trostlos grauen Gehwegplatten. Kurz nach 8 Uhr. Wäre ich Kaffeetrinker würde ich jetzt sagen, dass ich dringend einen Kaffee benötige. Aber damit mir Kaffee schmeckt, muss derart viel Milch dazu – da kann ich die Milch auch einfach so trinken.

Es sind nur wenige hundert Meter von meiner Wohnung zur Universität und ich genieße die Minuten an der frischen Luft auf dem Weg zu meinem ersten Seminar. Das Wasser, die noch leeren Touristenboote auf der Spree, die Trauerweide an der betonierten Flaniermeile, erste ortsunkundige Frühaufsteher, die einen Stadtplan entfalten, eine laut ruckelnde, quietschende Straßenbahn, die sich nur mühsam um die Kurve windet.

Und dann ist sie da, die theologische Fakultät der Humboldt Universität in Berlin. Haben Sie das Gebäude der theologischen Fakultät schon einmal gesehen? Ein Palast ist das, das sage ich Ihnen! Und was für eine Lage! Direkt an der Spree gelegen. Gegenüber die Museumsinsel und der Berliner Dom. Große, wirklich große Fenster, hohe Decken, eine nagelneue Bibliothek – hier Theologie studieren, da fühlt man sich schon fast geehrt. Kein Vergleich mit der Bruchbude in Hamburg und den beengten Verhältnissen in Greifswald.

Berlin ist die dritte und wohl letzte Station in meinem Studium der evangelischen Theologie. Würden wir uns auf einer Feier treffen und die üblichen Floskeln austauschen, dann würden Sie mich jetzt vielleicht fragen, wieso ich denn gerade Theologie studieren würde. Meine Antwort wäre, dass ich das einerseits aus Überzeugung tue, also auch wirklich an diesen ganzen Bibel-, Gott-, Jesus-Kram glaube und dass ich andererseits später wirklich gerne Pastor in der evangelischen Landeskirche werden möchte. Wahrscheinlich würden Sie dann „Aha“ oder „Interessant“ sagen und denken, dass das immerhin besser sei als einen Bachelor in „Irgendwas mit Medien“ zu machen.

Die S-Bahn dröhnt und rattert, ein ICE schleicht Richtung Hauptbahnhof. Der Wind lässt ein paar alte Zeitungen über die kaltgrüne Wiese flattern. Die üblichen Obdachlosen schlafen noch bei der Brückenunterführung. Etwas weiter werden die ersten Mülleimer schon auf Pfandflaschen kontrolliert. Immerhin fahren die Segways (das sind diese elektronischen „Ich-lehne-mich-nach-vorne-oder-hinten“ Fortbewegungsmittel, die gerne für überteuerte Stadtführungen genutzt werden) noch nicht um diese Uhrzeit.

Vielleicht fragen Sie mich, wie es ist, Theologie zu studieren und ich würde antworten, dass ich wirklich gerne Theologie studiere und das Studium nur empfehlen kann. (Fragen Sie mich nicht wieso, aber ich habe fast immer bei Gesprächen über meinen Glauben, mein Studium und meinen Berufswunsch das Gefühl betonen zu müssen, dass ich das wirklich alles glaube, gerne tue, werden möchte). Wahrscheinlich würden Sie mich aber zunächst fragen, wie man denn auf die Idee käme, Theologie zu studieren? „Tja“, würde ich Ihnen sagen und dann versuchen zu erklären, dass ich mich in meiner Heimatgemeinde sehr wohlgefühlt habe, die eine sehr gute Jugendarbeit gemacht haben, ich dort viele gute Freunde finden konnte und schließlich eins zum anderen kam. Und ja, ich glaube. So komisch das für Sie klingen mag. Ich glaube aus rein rationalen Gründen (also weil mir der christliche Glaube einleuchtet und sinnvoll erscheint) und weil ich Dinge mit Gott erlebe, die ich nicht leugnen kann und die mir eigentlich nichts anderes übrig lassen, als an ihn zu glauben. Oder mich freiwillig einweisen zu lassen. Ach ja: Erwähnte ich, dass ich auch wirklich gerne Pastor werden möchte?

Spätestens jetzt hätten Sie wahrscheinlich das Gefühl, sich ein neues Bier holen oder plötzlich dringend die nächstgelegenen Örtlichkeiten aufsuchen zu müssen. Aber verlassen wir die Feier und kommen wir auf den Punkt.

Ich habe nichts gegen die Kirche. Ich habe nichts gegen das Theologiestudium und nichts gegen das Christentum. Ich bin jeweils ein Teil davon.

Wobei ich genauer sein muss: Ich habe an sich nichts gegen die Kirche, das Theologiestudium und das Christentum.

Denn ich habe dieses Buch angefangen zu schreiben, weil ich mich noch nie so geschämt habe Theologie zu studieren, mich Christ zu nennen und dieser Kirche anzugehören, wie an diesem ganz bestimmten herbstlichen Morgen in Berlin. Und dieses tief-beschämende Gefühl, dass da etwas nicht stimmt, mit der Theologie, den Kirchen und dem Christentum in unserem Land, das lässt mich einfach nicht mehr los.

So sitze ich hier und schreibe Ihnen. Von meinem tief-beschämenden Gefühl. Von meinen Gedanken, meinen Zweifeln. Und meinen Träumen. I have a dream. Man wird ja wohl in meinem Alter noch träumen dürfen? Ich sitze hier und schreibe Ihnen. Von dem, was mich in meinem gesamten Theologiestudium am meisten bewegt hat. Von dem, was wie kein anderes Thema mein Herz berührt hat. In diesem Sinne sind diese und alle folgenden Worte eine echte Herzensangelegenheit.

Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich bin kein herausragender Theologe, werde nicht das beste Examen ablegen. Das, was Sie gerade lesen, ist keine anspruchsvolle theologische Literatur.

In meinem Studium habe ich viele sehr begabte Menschen kennengelernt, vor denen ich großen Respekt habe. Und was habe ich für beeindruckende Bücher von großartigen Denkern gelesen! Was ich damit sagen möchte: Dieses Buch wird nicht richtig sein. Es wird vieles zu kritisieren geben und sicherlich wird die meiste Kritik auch nicht grundlos sein. Dieses Buch hat noch nicht mal den Anspruch neu zu sein. Wenn ich eines in den letzten Jahren gelernt habe, dann, dass alles Wichtige in der Theologie schon gesagt wurde. Es wird nur regelmäßig wieder vergessen, damit jemand anderes es irgendwann später leicht verändert neu entdecken kann (eigentlich eine sehr nette Begebenheit; Was wohl all die Theologen ansonsten machen würden?).

Also: Erwarten Sie nichts bahnbrechend Neues und erwarten Sie keine intellektuellen Wolkengüsse von mir. Sicherlich hat schon jemand Klügeres als ich sich mit meinen Fragen herumgeschlagen und sicherlich hat schon jemand Wortgewandteres als ich sie beantwortet.

Aber ich lade Sie ein, mich auf den folgenden Seiten auf (m)einer Reise zu begleiten. Einer Reise durch meine Gedanken, Gefühle und Erkenntnisse. Einer Reise zu dem, was mir so sehr auf dem Herzen liegt, dass ich es einfach aufschreiben musste.

Soviel vorweg: Es wird sich alles um die Liebe drehen. Die Liebe, von der Jesus Christus gesprochen hat. Die Liebe, die das Grundprinzip des Christentums ist. Und es wird um unsere Kirchen, die Gemeinden in unserem Land gehen. Um unser Verständnis davon, was es heißt ein Christ zu sein. Um das Theologiestudium an unseren Universitäten.

Und vor allem darum, dass da etwas nicht stimmt mit unseren Kirchen, unserem Christentum und unserem Theologiestudium.

Ich freue mich, wenn Sie mich auf der nun folgenden Reise begleiten. Am Ende unserer Reise werden wir bei Paradiesbäumen, Liebesnestern und einer großen Theologischen Leere landen. Aber unser eigentliches Ziel wird ein Traum sein. Ein Traum von einer Kirche, die ihre Aufgabe entdeckt. Ein Traum von einer Theologie, die ihre Grundlage versteht. Ein Traum von einem Christentum, das seinem Namen gerecht wird.

Das Ziel unserer Reise wird das Paradies auf Erden sein.

Ein kleines Stück vom Himmel auf Erden.

Mitten unter uns.

DER SYSTEMFEHLER

Theologie ist meistens zäh. Manchmal muss sie das vielleicht auch sein.

An besagtem nasskalten Morgen saß ich in einem Seminar über ein Buch des Alten Testaments: Das Buch Hiob. Kennen Sie die Geschichte? Hiob ist ein guter, gläubiger Mann mit Frau, Haus und Kindern. Doch eines Tages beginnt das Elend. Er wird krank und verliert seinen Besitz. Da er sich keiner Schuld bewusst ist, klagt er Gott an: „Wieso leide ich, Gott? Was habe ich getan? Wieso tust du mir das an? Gott, was soll das?“

Durchaus Fragen, die wir heute kennen, oder nicht?

Ich vermute, dass die Frage nach dem Leid eine der meistgestellten Fragen unter Christen wie Nicht-Christen ist. Wie kann es einen guten und allmächtigen Gott geben, angesichts all des Leidens auf der Welt?

Spannend! Welche Antwort werde ich als Pastor später geben können? Welche Antwort kann ich geben, wenn Sie mich auf der nächsten Feier fragen?

Aber noch spannender ist, dass Gott im Buch Hiob antwortet! Er reagiert auf das Rufen und Klagen Hiobs! Ja, Wahnsinn oder? Da klagt und ruft einer zu Gott und bekommt tatsächlich eine Antwort! Unsere Erfahrung ist doch häufig eine andere: Wir klagen und rufen – aber niemand antwortet.

Also, was antwortet Gott? Was sagt er Hiob? Was kann ich daraus mitnehmen, wenn ich demnächst gefragt werde?

Glauben Sie mir, ich habe mich wirklich auf dieses Seminar gefreut (sehen Sie, da passiert es schon wieder. Ich versuche Sie zu überzeugen, dass ich mich wirklich darauf gefreut habe).

Nach den ersten Sitzungen kam dann aber die Ernüchterung. So richtig spannend wurde es nicht. Wir haben viel über den Text im Buch Hiob geredet. Die Grammatik analysiert, einzelne Worte bis zur allerletzten möglichen Bedeutung erforscht, Einflüsse von anderen Traditionen ermittelt. Aber es kamen kaum praktische Ergebnisse zustande. Was war mit dem spannenden Thema des Buches? Was war mit der großen Frage der Menschheit, was sagte Gott denn nun wirklich zu Hiob, was war denn nun die Antwort auf die Frage nach all dem Leid?

Okay, ich hatte wohl falsche Erwartungen an das Seminar, sagte ich mir. Innerlich stellte ich mich darauf ein, die restlichen Seminarwochen entspannt in der letzten Reihe zu verbringen und darauf zu hoffen, dass sich zumindest ab und zu etwas Sinnvolles ergeben würde. Und in der Zwischenzeit dann eben Spiegel-Online lesen.

So saß ich auch an diesem herbstlichen Morgen in der letzten Reihe des Seminars. Drinnen Spiegel-Online, draußen der Nieselregen. Draußen war es noch nicht ganz hell und drinnen ich noch nicht ganz wach (dummerweise hat pure Milch nämlich nicht die gleiche Wirkung wie Kaffee). Entfernt sah ich durch den Nieselregen die Brückenunterführung, bei der ich eben auf meinem Hinweg die Obdachlosen schlafen sah. Etwas weiter vorn der Mülleimer, in dem eben noch nach Pfandflaschen gesucht wurde.

Im Seminar waren wir gerade dabei Silben zu zählen.

Dabei wurde festgestellt, dass einer von 12 Versen, die wir an diesem Tag genauer untersuchten, einige Silben mehr hat, als der durchschnittliche Vers des Hiob-Buches.

Ein untrügliches Zeichen für einen aufgeweckten Theologen, dass hier irgendwas mit dem Text nicht stimmt! Da hat offensichtlich jemand später noch etwas in den Text eingefügt! Also haben wir uns Gedanken gemacht, wann, wer, was hier warum verändert hat.

Wir haben Silben gezählt.

In einem Palast aus Glas und Beton.

Und ich sah die Brückenunterführung und den Mülleimer.

Ich will keine unnötige Dramatik und Schwere in diesen Moment legen. Aber es ist die Wahrheit, wenn ich Ihnen schreibe, dass mir in diesem Moment ohne Vorwarnung die Tränen kamen und ich mich plötzlich einfach nur noch geschämt habe.

Geschämt vor den Menschen.

Geschämt vor Gott.

Geschämt vor mir selbst.

Geschämt.

So sehr geschämt.

Wir haben Silben gezählt.

In einem Palast aus Glas und Beton.

Ich sah die Brückenunterführung und den Mülleimer.

Und ich fragte mich – so abgedroschen diese Frage für Sie auch klingen mag – wo Jesus an diesem Morgen wohl gewesen wäre.

Hätte er neben mir gesessen und Silben gezählt? Hätte er sich gemeldet und darüber diskutiert, welcher Teilvers nicht ursprünglich sei und deshalb verworfen werden sollte?

Oder hätte ich ihn irgendwo draußen auf der Straße entdecken können?

Zwischen dem Palast der Theologen und der Brückenunterführung liegen eigentlich nur rund 300 Meter. Aber in diesem Moment trennte uns ein ganzes Universum.

Ich hatte den restlichen Tag noch andere Seminare und es war schon wieder dunkel, als ich die schweren Türen des hell erleuchteten und angenehm temperierten Palasts hinter mir schloss. Das Nieseln hatte sich zu leichtem Regen entwickelt, die Touristenboote – nun mit einer Handvoll Touristen gefüllt – fuhren über die Spree, die Trauerweide stand immer noch auf der Flaniermeile, eine S-Bahn ratterte wieder über die Brücke und eine ganze Klasse an Schülern lärmte auf der anderen Straßenseite.

Der Platz bei der Brückenunterführung war leer. Es hatte irgendwann offensichtlich reingeregnet. Zumindest war der Boden nass.

Langsam machte ich mich auf den Heimweg und betete unentwegt. Ich ging durch die dunklen Straßen Berlins und bat Gott um Vergebung ohne genau zu wissen, warum und wofür eigentlich.

Ich hatte doch gar nichts getan.

Oder war genau das mein Problem?

Ich bemerkte ein dumpfes, schweres Gefühl tief in mir, dass irgendetwas hier nicht stimmte. Da passte etwas nicht ins Bild. Ich wusste nicht was, aber mein Gefühl sagte mir, dass hier irgendetwas ganz gehörig schief lief.

Irgendwo war ein Fehler im System.

Ich wusste nur noch nicht wo.

Als ich nach Hause kam, lieh ich mir von meinen Mitbewohnern zwei Thermoskannen aus, füllte sie mit heißem Tee, zog mich warm an und wanderte für fast zwei Stunden durch die Straßen Berlins. Es war ein mickriger und jämmerlicher Versuch der Wiedergutmachung.

Ich wurde zwei Liter Tee an ein paar Obdachlose los und schlief abends unruhig, verwirrt und traurig ein.

Irgendwo war ein Fehler im System.

Ich wusste nur noch nicht wo.

EIN NEUES GEBOT

Ich bin kein Bibel-Ass. Ganz im Gegenteil: Immer wieder beneide ich andere Menschen um ihr gutes Bibelwissen. Dabei studiere ich nun schon seit einigen Jahren Theologie und lese auch privat gerne in der Bibel. Vielleicht kann ich mir Dinge einfach nicht so gut merken wie andere Leute. Doch ein Vorteil daran ist, dass ich immer mal wieder einen Bibelvers höre oder lese und freudig überrascht denke: Was, das steht auch in der Bibel? Das habe ich ja noch nie gelesen/gehört!

Genau das geschah während einer Predigtreihe eines amerikanischen Predigers zum Thema „Christen“, die ich einige Wochen nach besagtem herbstlichem Morgen mir online ansah. Andy Stanley sprach darüber, woher der Begriff „Christ“ eigentlich kommt, wann er von wem wohl zuerst geführt wurde, was man heute unter dem Begriff „christlich“ so alles verstehen kann und was das eigentlich bedeuten würde „Christ zu sein“.

Stanley orientierte fast alle seine Hauptgedanken an einem Vers. Und während er ihn immer tiefer auslegte, wurde mir immer klarer, dass dieser Vers vermutlich der Schlüssel auf der Suche nach dem Systemfehler war. Endlich hatte ich eine Idee davon, was schief lief! Endlich besaß ich eine Ahnung davon, warum ich das Gefühl hatte, dass irgendwas nicht stimmte mit der Kirche, dem Christentum, der Theologie – zumindest in der Form wie ich sie zumeist erlebte.

Also, worüber sprach Andy Stanley?

Er sprach über einen Vers, den Jesus zu seinen Jüngern gesagt hat:

Ich gebe euch ein neues Gebot: Liebt einander! Genauso wie ich euch geliebt habe, sollt ihr einander lieb haben. Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid.1

Ich hatte das sicherlich schon mehrmals gelesen. Aber mir war nie wirklich bewusst gewesen, dass Jesus hier ein neues Gebot gegeben hatte. Und noch weniger war mir klar, dass dieses neue Gebot „die Liebe“ war. Wussten Sie, dass man uns Christen an der Liebe erkennt?

An der Liebe werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid.

Und plötzlich fiel mir ein Vortrag ein, den ich im vorigen Sommer auf einer Konferenz in Chicago gehört hatte. Ganz ehrlich: Ich fand ihn schrecklich. Der Redner, ein „Bob“ (man muss es so richtig breit und lang mit dickem amerikanisch Akzent aussprechen), wurde schon mit den Worten vorgestellt: „Wenn wir alle nur ein wenig wie Bob wären, dann wäre diese Welt eine bessere“. Seien Sie ehrlich, nach der Einleitung hätten Sie ihn auch nicht gemocht. Als er dann noch – für mich typisch amerikanisch – eine Geschichte an die nächste reihte, über die Bühne sprang und – nun ja, wie gesagt: ich fand den Vortrag schrecklich. Wirklich.

Aber Bob prägte durch seinen ganzen Vortrag zwei Worte, die sich bis heute tief in mein Gehirn gegraben haben (erwähnte ich schon, wie schwierig dieser Vorgang normalerweise ist?).

Love does.

Liebe ist ein Verb.

Liebe ist ein Tuwort.

Liebe agiert. Liebe handelt. Liebe tut.

Love does.

Und einige Tage später las ich zufällig, was Paulus an die Gemeinde in Korinth über die Liebe schreibt:2

Stellt euch vor: Ich kann die Sprachen der Menschen sprechen und sogar die Sprache der Engel. Wenn ich es ohne Liebe tue, klinge ich wie ein dröhnender Gong oder wie ein schepperndes Becken. Oder stellt euch vor: Ich kann reden wie ein Prophet, kenne alle Geheimnisse und habe jede Erkenntnis. Oder sogar: Ich habe einen Glauben – so fest, dass er Berge versetzen kann. Wenn ich dabei keine Liebe empfinde, bin ich nichts. Stellt euch vor: Ich verteile meinen gesamten Besitz. Oder ich bin sogar bereit, mich bei lebendigem Leib verbrennen zu lassen. Wenn ich es ohne Liebe tue, nützt mir das gar nichts.

Prophetische Eingebungen werden aufhören, das Reden in fremden Sprachen wird verstummen, Erkenntnis wird ein Ende finden.

Aber die Liebe hört niemals auf.

Was bleibt, sind Glaube, Hoffnung, Liebe – diese drei.