Liebesnetz - Nicole Schaper - E-Book

Liebesnetz E-Book

Nicole Schaper

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Beschreibung

Der Buch-Tipp für alle frustrierten Singles (...und glücklichen Paare, die mal Singles waren): Funktioniert die Partnersuche online? Und wenn ja, wie? Oder ist die freie Wildbahn doch der bessere Heiratsmarkt für die 32-jährige Lena, die als freudlos unbemannter Single nach dem großen Fang im "LIEBESNETZ" fischt? Spritzig, lustig und so wahr...

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Seitenzahl: 294

Veröffentlichungsjahr: 2016

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LIEBESNETZ

…oder warum "Toter Kofferfisch" kein guter Profilname ist

Nicole Schaper

BUCH

LenaistAnfang 30 und hat augenscheinlich alles: Freunde, Familie, ein Cabrio, Schlupflider, einen Ex-Freund, eine Affäre und jede Menge Anwärter, die Lenas Beziehungsstatus von "freudlos unbemannt" in etwas anderes verwandeln möchten.

Internet-Dating ist Lenas großes Hobby und sämtliche Taktiken anwendend, hofft sie jedes Mal auf den großen Fang im "Liebesnetz".

Lenas beste Freundin Rebecca ist dabei stets an ihrer Seite und weitaus weniger sentimental bei der Auswahl, Festsetzung und Freilassung der potenziellen Partner.

So wird sich durch Lenas Leben geklickt, gechattet, gemailt und natürlich auch getroffen - und somit die Protagonistin geschliffen, bis sie, mehr oder minder unfreiwillig, endlich die richtigen Wege geht und Entscheidungen in ihrem Leben fällt.

AUTOR

http://nicoleschaper.jimdo.com/

KAPITEL

1

2

Einblicke. Ich bin, wer ich bin.

April. Manuel.

3

Am Tag darauf. Neugier.

4

Das Glück der Erde. Pepper.

5

Leben. Im Salon von T&T

6

Damals. Ex Alex.

7

Mai. Lolli.

8

Später im Mai. Wigand.

9

Am nächsten Tag. Montagsblues.

10

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29

30

Neue Woche. Neues Glück?

Juni. Weiter geht´s!

Juni. Ralf.

Juli. Und nichts in Form.

August. Jonas.

September. Gregor.

September. München.

Oktober. Klärende Gespräche.

Oktober. Weihnachtsplanung.

Novemer. Wigang und Felix, die Glücklichen.

Dezember. Geburtstagsüberraschung.

Januar. Ich fahr´Ford und komm´nie wieder.

März. Auf den Hund gekommen.

April. Till.

Juli. An der Nordseeküste.

August. Bestellung mit Anspruch.

September. Oliver.

Mai. Und wieder frei?

Ein Jahr später. Im Sonnenschein.

Nachwort

Danksagung

Einblicke. Ich bin, wer ich bin.

DONNERSTAG.

"Du solltest Deine Ansprüche mal runterschrauben und von Deinem hohen Ross steigen, dann würde es auch endlich klappen!".

Ich blicke genervt an die Decke bei diesem Standard-Zitat meiner Mutter am Ende eines wer weiß wievielten Anrufs ihrerseits, nach einem wer weiß wievielten Date ohne weitere Aussichten meinerseits. Es wird Zeit, das Telefonat schleunigst zu beenden. Jetzt!

"Ja, Mama. Danke. Ich muss auch echt Schluss machen. Kuss an Papa, Tschüss!"

Damit schmeiße ich den Hörer auf die Basisstation und mich auf die Couch, ein lautes "AHHHHH!!!" von mir gebend.  Ich trample noch ein bisschen mit den Füßen auf der Sofalehne herum und lege meine Arme quer über den Kopf, um mich vor der Welt im Allgemeinen und meiner Mutter im Besonderen optisch zu distanzieren.

Natürlich darf sie das (um Erlaubnis würde sie eh nicht bitten), sprich: Mir ihre verbale Pauschal-Klatsche um die Ohren hauen, ebenso wie mein Vater. Zum einen, weil sie eben meine Eltern sind und ich bin schließlich irgendwie ihr Werk. Zum anderen, weil sie letzten Endes ja doch meistens recht behalten und schlussendlich, weil ich ohne sie einfach nicht da wäre, wo ich heute bin. Im positiven Sinne gemeint. Meine Eltern dürfen mir auch zum Geburtstag ein Schild an die Haustür kleben mit dem Wortlaut:"Hier lebe ich unter meinem Niveau, aber weit über meinen Verhältnissen", weil, wie ich ungern in meinem Alter zugebe, sie mir meine Verhältnisse gelegentlich mitfinanzieren. Wenn so gar nichts mehr geht am Geldautomaten.

Tja, und das bin dann wohl ich: Lena Schweitzer, 32 Jahre jung, Single und in diesem - für meine Eltern haltlosen - Zustand seit anderthalb Jahren.

An der Optik liegt es wohl nicht, denn da bin ich, meistens jedenfalls, eigentlich passabel aufgestellt. Zumindest sollte ich mich nicht beschweren. Sagt man mir zumindest nach. Manchmal sogar direkt.

Ungeachtet der Tatsache, dass alle meine, mir zumindest bekannten, Familienmitglieder Vollblut-Hamburger sind, muss irgendein Vorfahr aus exotischeren Gegenden stammen, denn sowohl meine Mutter, als auch ich sind braunäugig und brünett und in der angenehmen Lage, das Wort "Lichtschutzfaktor" nur dem Namen nach zu kennen.

Ansonsten ziert mich eine ausgeprägte Sanduhrfigur, sprich Tits-and-Ass sind naturell bedingt schon da und gerade letzteres ist in Geringeres als Konfektionsgröße 40 nicht reinzubringen. Was mich aber keinesfalls zum Unwohlsein rührt, denn die Männerwelt zeigt sich deswegen, meistens jedenfalls, nicht minder interessiert.

Ich sag mal so: Sicher ist einVictorias´ SecretUnterwäsche-Model eine Augenweide. Aber will man mit einem verheiratet sein? Wenn der Personal Fitnesscoach mehr Zeit mit der Gattin verbringt, als der vermutlich völlig normal gebaute (im Gegensatz zum Fitnesscoach) Ehemann?

Und wenn die Antwort auf die Frage: "Was essen wir denn heute?" wahlweise aus "Reis mit Hühnchen" oder "Hühnchen mit Reis" besteht, ist doch, zumindest in kulinarischer Hinsicht, der Ofen schon lange aus.

Gut, es mag auch anders sein. Ich kenne niemanden aus der Branche und meine Freunde sehen alle aus wie normale, gesunde Menschen, die den täglichen Kampf mit dem inneren Schweinehund um Kalorien und Sport mal gewinnen und mal verlieren.

Weiterhin bin ich Unternehmerin. Wobei das jetzt nicht im ökonomischen Sinne gemeint ist. Eher kapitalistisch. Ich unternehme sehr viel, um den angenehmen Seiten des Lebens ein Zuhause oder eine Nutzfläche zu bieten. Ich liebe schöne Dinge und die Art, mir diese anzueignen: Ob beim Shopping, im Internet, bei meinem Friseur Thorsten oder bei meinem schwulen Nageldesigner Tom. 

Ich fülle eigens einen drei Meter langen Kleiderschrank, wobei ich dennoch standhaft behaupte, ich hätte "drei Meter nichts anzuziehen". Das gilt im Übrigen natürlich auch für meine Schuhe. Wie soll man je ein zum Outfit passendes Paar Schuhe aus dem Schrank (beziehungsweise in meinem Fall aus der zum Schuhschrank umgebauten Abstellkammer) zaubern, wenn man doch schon nichts zum Anziehen hat?! Eben. Geht nicht.

Ich hab keine Klamotten und keine Schuhe, zumindest nie die Richtigen, und genau das ist der springende Punkt: Deswegen kaufe ich neue. Häufiger.

Klingt jetzt alles schwer nach Tussi, aber so schlimm bin ich wirklich nicht. Ich besitze jedenfalls keinen Chihuahua, den ich in einer ebenso wenig vorhandenen pinkfarbenen Handtasche durch die Gegend schwingen könnte.

Ich hab halt Spaß am Leben und erfreue mich an Vielem, arbeite auch hart dafür, genieße die Früchte daraus (plus gelegentliche finanzielle Zuwendungen seitens meiner Erzeuger) und reinvestiere. In mich. 

Weiterhin liebe ich meinen Freundeskreis, der überschaubar ist, aber der mich erdet und mir fast genauso wichtig ist, wie meine Familie. Eine zentrale Rolle in diesem Kreis der Erlesenen, wie ich ihn spaßeshalber oft nenne, spielt meine längste Freundin Rebecca, benannt nach dem gleichnamigen Roman, den ihre Mutter in den Tagen um ihre Geburt las.

Da zwischen Becky und mir praktisch kein Blatt passt seit unserem Teenager-Alter, haben wir beide nach unserer gemeinsamen Schulzeit die gleiche Ausbildung gemacht und sind Verwaltungsfachangestellte geworden. Wir erachteten dies damals als einzig sinnvolle Konsequenz, unseren Leben durch einen identischen Beruf eine möglichst große Schnittmenge zu verpassen.

Heute arbeiten wir immer noch für die gleiche Behörde - von mir gern als "Verein" betitelt - wenn auch in unterschiedlichen Sachgebieten.

Nach ihrer Trennung vor einem Jahr von einem etwas seltsamen Gnom, zog Becky in die Wohnung schräg über meiner, die zufälligerweise gerade frei wurde, als Räuber Hotzenplotz der Meinung war, Becky sei ihm nun dochzujung undzuhübsch, so dass eine Beziehung zwischen ihnen keinen Sinn mache und sie vor die Tür setzte.

Ungeachtet der Tatsache, dass eigentlich ihre Jugend und Schönheit der Anlass war, weswegen sie auf Biegen und Brechen bei ihm einziehen sollte. Wobei sie genauso alt ist wie ich, nur der Gnom war halt deutlich älter.

Kann man mögen, muss man nicht.

Entsprechend weise enthielt ich mich jeglicher Warnungen, und monatelang jeglichen Kontaktes, bis die Chose eben Geschichte war, und das ging widererwarten recht schnell. Vielleicht begünstigte die freie Wohnung in meiner unmittelbaren Nachbarschaft Beckys schnelle Verarbeitung der Trennung, aber das ist nun müßig, darüber nachzudenken. Becky ist mein Fels in der Brandung, meine Inspiration, mein Gewissen und ich danke wem auch immer es zu verdanken ist, dass sie und ich nicht auf den gleichen Männertyp stehen, denn dann hätte unsere Freundschaft sicher nicht so lang so eng sein können.

Ich persönlich finde, ich bin bei allem Schnickschnack, mit dem ich mich reichlich und gern umgebe, doch recht bodenständig geblieben, kann über mich selbst lachen und nehme mich im Großen und Ganzen nicht so ernst.

Jedes Mal, wenn ich zu Becky sage, sie soll sich nicht so wichtig nehmen, wenn sie wegen irgendeiner Kleinigkeit an die Decke geht, sagt sie: "Ichbinaber wichtig!"

Nun ja, bedingt gesehen ist das ja für jeden zutreffend. Wenn zu mir einer sagt: "Komm, wir gehen außerhalb des Great Barrier Riffs nach großen weißen Haien tauchen", dann nehme ich mich auchsehrwichtig und bleibe schön zu Hause.

Ansonsten bin ich da eher wie Bridget Jones. Wobei die ja noch um Perfektion bemüht war und die Fettnäpfchen unfreiwillig mitnahm. Mir hingegen ist bewusst relativ egal, was andere Leute von mir denken könnten. Ich bin gut erzogen, daher benehme ich mich per se schon mal vernünftig. Trotzdem gehe ich auch mal in meiner Pyjamahose ungeschminkt zum Bäcker. Warum auch nicht? Andere stehen da in Jogginghose und schwitzen vor sich hin, wo ist da bitte der Unterschied?

Der Kreis meiner erlesenen Freunde ist jedes Mal empört, wenn sie von meinen ist-mir-doch-egal-Auftritten irgendwo hören. "Was ist, wenn Dein Traummann plötzlich neben Dir steht?", kriege ich immer wieder zu hören.

Tja, das ist dann in erster Linie Pech. Und zwar seines. Denn wenn mich mein Traummann nicht in Pyjamahose mag, dann ist er auch nicht mein Traummann. So.

April. Manuel.

Ich betreibe Internet-Dating.

Nicht, dass das etwas Anrüchiges oder Schlimmes wäre. Ich suche ja nur die große Liebe, eine feste Beziehung, den Mann fürs Leben, das Sahnehäubchen auf dem Törtchen! 

Internet-Dating ist meine einzig genutzte Methode des sogenannten "Social Networkings", denn ich bin nicht Facebook. Ja, das gibt es.

Ich habe reale Freunde, die ich anrufen und treffen kann, wann immer mir danach ist, und keine "Follower" oder wildfremde Menschen, die meine Fotos und Kommentare "liken". Die Macht des Unternehmens Facebook macht mir einerseits Angst, zollt aber ebenso meiner Bewunderung. Ich bin mir sogar fast sicher, dass Marc Zuckerberg irgendwann Präsident der Vereinigten Staaten wird.

Getwittert habe ich im Leben auch noch nichts (allein schon das Wort "Hashtag"!) und der tiefere Sinn sonstiger online Darstellungsvarianten hat sich mir bisher ebenfalls nicht erschlossen.

Internet-Dating bzw. die Möglichkeit, eine Kontaktanzeige bei Internet-Partnervermittlungen zu schalten, ist ein bisschen so, wie Immobilienbörsen: Man beschreibe das zu vermittelnde Objekt (also sich selbst) möglichst interessant, erwähne Innen- und Außenausstattungen, gebe Baujahr und Größe an und lade ein bis mehrere Fotos von sich hoch (im Idealfall).

Je interessanter und/oder schöner das erstellte Profil, desto zügiger ist man wieder vom Markt. Denkt man jedenfalls. Man kann selbst suchen und die Profile durch Filter passend für einen machen, oder sich auch einfach finden lassen und auf Zuschriften warten.

Dann schreibt man sich eine Weile oder telefoniert und wenn die Sympathielage geklärt ist, verabredet man sich.

Klingt einfach? Ist es auch. Theoretisch.

Es birgt sicher eine Gefahr, aber wenn man einiges beachtet, dann ist diese überschaubar. Oder jedenfalls nicht bedrohlich: Man treffe sich immer an belebten Orten, im Café oder Restaurant oder Stadtteilfesten, niemals allein. Man gebe unter gar keinen Umständen Festnetz-Telefonnummer oder gar Adresse preis, bevor man das Gegenüber nicht besser kennt und so vor Stalking einigermaßen sicher ist. Und man hinterlasse grundsätzlich immer Angaben daheim, mit wem man sich wann und wo trifft, und melde sich nach erfolgtem Treffen umgehend zurück. In meinem Fall allein schon, um die Neugier der Nachbarin und zeitgleich besten Freundin zu befriedigen.

Somit ist fast die größte Gefahr des Internet-Datings die, dass der Typ klotzhässlich ist. Wobei man auch dies umgeht, indem man sich niemals - und ich sage niemals! - mit jemandem trifft, von dem man vorher kein Foto gesehen hat.

Und was dann natürlich leider noch passieren kann ist, dass der Typ sich als Vollpfosten herausstellt. Egal in welcher Hinsicht. Da gibt es mehrere, will sagen, unendliche Facetten.

An das Objekt "Vollpfosten des vergangenen Abends" gelang ich auf dem üblichen Weg, nämlich indem ich mir letzte Woche die wie folgt gefilterten Herren auf der von mir bevorzugten Online-Plattform anzeigen ließ:

SUCHE:Frau sucht Mann

GEWÜNSCHTES ALTER:32 - 42

RAUCH-GEWOHNHEITEN:Nichtraucher, Gelegenheitsraucher

FRISUR:egal

FIGUR:normal - sportlich

KINDERWUNSCH:unentschlossen

WAS SUCHST DU:feste Beziehung

Und dabei fand ich IHN! Wie ich dachte. Ein ganzer Kerl, ganz ohne Tiernahrung, Typ Jake Gyllenhaal, inklusive dieses unfassbaren Dackelblicks. Braune, leicht gewellte Haare umspielten ein markantes, zaghaft lächelndes Gesicht und wie gesagt: Diese Augen! Die schauen Dich an und Du willst direkt losrennen und ihm eine warme Milch kochen.

Da darf man nicht lange fackeln. Solche Jungs sind rares Gut und ruckzuck unter der Fuchtel einer anderen Milchkocherin.

Ich schrieb ihm also eine Nachricht voller Vorfreude von meinem eigenen Profil aus, welches ich damals unter dem Online-User-Namen "Sunshine" angelegt hatte.

Man kann natürlich auch seinen eigenen Vornamen wählen, was die wenigsten allerdings tun, denn hier wird versucht, durch einen kreativen Profilnamen bereits Aufmerksamkeit und Interesse zu erzeugen.

Das ist ungefähr so, wie beim Lesen einer Speisekarte: "Chateaubriand" klingt nun mal weitaus feiner und interessanter, als "Doppellendensteak", obwohl es letztlich das gleiche darstellt.

Als ich mein Profil anlegte, dachte ich, "Sunshine" ist ein lebensbejahender Name und macht direkt gute Laune.

Was einer der Besucher meiner Profilseite dabei dachte, sich "Toter Kofferfisch" zu nennen, ist mir bis heute ein tiefstes Rätsel. Im Optimalfall hat er Humor. Ausgehend vom schlechtesten Fall (und der Optimismus verlässt einen schnell beim Onlinedating) ist der Typ ein Messie und stinkt bis zum Himmel, analog zu seinem Profilnamen.

Auch einem anderen Besucher meines Profils namens "Der Würger", der mir in einer aufgeschlossenen Mail höflich seine Vorliebe für Halstücher und eng geknöpfte Krägen darlegte, empfehle ich an dieser Stelle den Besuch anderer Kontaktbörsen, die mehr auf Fetische ausgelegt sind. Sachen gibt´s!

Aber zurück zu Jake Gyllenhaal alias "Manu77_HH", woraus der durchschnittlich intelligente Internetnutzer bereits Rückschlüsse auf Namen, Geburtsjahr und Wohnort zieht, dem ich also aufgrund seines hübschen Antlitzes folgende Nachricht per Mail zukommen ließ:

Von: Sunshine

An: Manu77_HH

19:20 Uhr, Dienstag, 14. April

Hi, schöne Augen hast Du! Ich habe heute mal wieder diese Singlebörse besucht und im Nirvana aller 1000 Männer zwischen 30 und 40 im Großraum Hamburg fand ich Dein Foto auf den ersten Blick am interessantesten. Dein Profil ebenfalls (obwohl ich mir natürlich nicht auch noch 1000 Profile durchgelesen habe...). Da ich nicht weiß, wie lange Du nun dort schon registriert und ggf. in der Zwischenzeit verheiratet oder ausgewandert bist, warte ich einfach mal ab, ob Du Dich meldest. Kurz zu den Eckdaten: Ich wohne in Hamburg, habe einen Job, eine eigene Wohnung, habe Hobbies, Freunde, Eltern, Auto, bin 1,64m groß, habe 2 Beine, 2 Arme, einen eigenen Kopf und sehr gespannt auf Deine Nachricht.Liebe Grüße von Sunshine

So, das reichte. Ab jetzt muss man Geduld aufbringen. Wer keine Geduld hat, oder bei jeder Kontaktaufnahme gleich die große Liebe erwartet, der sollte die Finger vom Onlinedating lassen und sich lieber eine Katze zulegen. Das klingt jetzt sehr gelassen und für einen Menschen, dessen biologische Uhr bereits leise tickt und für den fünf Minuten Stillsitzen einem alptraumhaften Erlebnis gleichkommt, also Menschen wie mich, ist das mit der Geduld…nun ja. Leicht dahingesagt, schwer zu leben. Aber was soll ich machen? Katzen mag ich nicht besonders und ich suche nun mal einen Mann.

Manu77_HH hatte scheinbar ähnlichen Zeitdruck, denn ich bekam seine Antwort sogar noch am selben Abend:

Von: Manu77_HH

An: Sunshine

20:56 Uhr, Dienstag, 14. April

Oh... vielen Dank...Ich bin noch da. Und ich schreibe mal zurück...einfach so. Allzu lange bin ich auch noch gar nicht registriert.Nun bin ich gespannt, ob da was von dir kommt…Viele Grüße aus HH nach HH, Manuel

Okay, kein Mann großer Worte, aber das sind die meisten Männer nicht. Jedenfalls nicht bei der schriftlichen Darlegung von Fakten. Ich klappte den Laptop zu, was mich zugegebenermaßen eine riesen Überwindung kostete, aber Männer mögen es im Allgemeinen nicht, endlos zugetextet zu werden. Außerdem hoffte ich, mich dadurch interessant zu machen. Die Konversation führte ich daher erst am folgenden Abend fort:

Von: Sunshine

An: Manu77_HH

19:07 Uhr, Mittwoch, 15. April

Freut mich, so schnell von Dir zu hören! Wieso gibst Du Kontaktanzeigen auf? Okay, mich könntest Du fragen: "Warum liest Du welche?".Keine Ahnung. Es ist eine nette Art, Menschen kennenzulernen, die man ansonsten nie getroffen hätte...die etwas andere Art jemanden zu treffen. Ich find´s interessant herauszufinden, welcher Mensch hinter einem Foto und Text steht. Jedenfalls bin ich gespannt darauf mehr von Dir zu erfahren. Dir noch einen schönenTag und sonnige Grüße. Sunshine alias Lena

Von: Manu77_HH

An: Sunshine

19:23 Uhr, Mittwoch, 15. April

Guten Abend, Lena!

Ich mache das aus ähnlichen Gründen wie du beschrieben hast: Es ist etwas Neues und irgendwie spannend. Aber ich weiß auch, dass viele Spinner sich hier tummeln und das anonyme Medium ausnutzen. So einer bin ich aber nicht. Wie du schon sagst, es ist interessant herauszufinden, wer hinter einem Foto oder Text steckt. Und oft gewinnt man die Erkenntnis, dass der Sympathiefaktor beim Gegenüberstehen immer noch das Entscheidende ist (zum Glück). Ein Foto und Geschriebeneskönnen dann völlig ihr Gewicht verlieren. Man kann ja vieles im Text behaupten, um sich selbst ins Rampenlicht zu bringen. Aber das mache ich natürlich auch nicht. Also, dann noch einen schönen Abend und bis hoffentlich bald!Gruß, Manuel

Ich saß mit dem Laptop auf dem Schoß auf meinem Sofa und grinste vor mich hin. "Treffer!", sagte ich laut zu mir selbst, stand auf, ging in meine kleine, zum Wohnzimmer hin offene Küche und holte eine Flasche Prosecco aus dem Kühlschrank. Viel mehr befand sich auch nicht darin. Eine Packung Diät-Margarine, ein Becher Kräuterquark (ich liebe Pellkartoffeln mit Quark) und eben diese Flasche Blubberwasser. Selbstgewähltes Single-Elend. Ich könnte ja einkaufen gehen, aber wozu? Kochen für mich selbst kommt, außer dem Zubereiten meiner geliebten Pellkartoffeln, fast nie vor, da treffe ich mich lieber mit Freunden und gehe essen.

Ich stellte also die Flasche auf den Tresen, der die Küche vom Wohnraum optisch trennt, entkorkte diese und goss mir ein gutgemeintes Glas ein. "Prost!", dachte ich, setzte mich wieder auf die Couch und las Manuels Nachricht erneut.

Die las sich wirklich ganz wunderbar. Er hatte richtig viel, ausführlich und intelligent geantwortet. Das ist keine Selbstverständlichkeit in diesem Business. Hoch erfreut war ich bereit, dem Fang persönlich ins Auge zu blicken. Prosecco-schlürfend schrieben wir uns noch eine Weile hin und her und verabredeten uns schließlich für gestern Abend bei meinemnichtLieblings-Italiener in der Stadt.

Noch ein Dating Tipp: Geh niemals beim Erstkontakt zu Deinem Lieblings-Irgendwas. Habe immer im Kalkül, dass Du ansonsten nie wieder dorthin kannst, in dem nicht ungewöhnlichen Fall, dass Du Dich mit dem Typ bis auf die Knochen blamiert hast! Alles bereits vorgekommen. Ich weiß schon, warum ich meinen Optimismus in dieser Sache hinter vielen Lagen Skepsis, Vorsicht und Misstrauen verberge. Aber dank Manuel begann doch wieder ein wenig Hoffnung in mir zu keimen.

"Man darf alles verlieren, nur die Hoffnung nicht!"

Das hat früher ein Schulkamerad von mir immer in die Poesiealben geschrieben, auch in meines. Da konnte man schon im Kindesalter erkennen, dass kreatives Schreiben vielen Männern einfach abgeht. Ich meine, er hat es wirklich ausnahmslos inallePoesiealben geschrieben, jahrelang. Jedes Mädchen, das gerade hoffnungsvoll in ihn verliebt war, gab ihm ihr Album und hoffte inständig, dass er sich für sie einen anderen Eintrag ausdachte. Hat er nicht. Aber…schließlich sollte man die Hoffnung ja nie verlieren. Doof war der nicht. 

Nach mehreren Stunden am gestrigen Abend vor meinen drei Metern, diversen anprobierten und verworfenen Outfits, die sich im Anschluss als wirrer Haufen auf meinem Bett stapelten, Haare hochgesteckt, Haare zum Zopf, Hut auf, Hut ab, Lockenstab, Glätteisen und schlussendlich mit offenen Haaren,  stöckelte ich schließlich erhobenen Hauptes, vollständig und zu meiner Zufriedenheit bekleidet zu meinem feuerroten Cabrio.

Jetzt nicht vor Neid erblassen. Mein-Cabrio (mit Bindestrich, denn das ist sein Eigenname) ist zwar eines, aber nichtmeines. Mein Ex-Freund hat mir das Auto zur freien Verfügung und bis auf Widerruf da gelassen, weil er es im Augenblick nicht braucht und ich über eine Tiefgarage verfüge, in der das etwas in die Jahre gekommene Vehikel gut untergebracht ist. Außerdem halte ich ihn (den Wagen) instand und zahle alle anfallenden Reparaturen und diese steigen leider proportional zum Alter des Fahrzeugs.

Natürlich ist mein Ex-Freund einer der Hauptgründe, warum ich den ganzen Zinnober hier überhaupt nötig habe. Mir macht Internet-Dating Spaß ohne Frage, aber ich möchte eine feste Partnerschaft, einen Mann an meiner Seite, der auch mein bester Freund ist und mit dem ich alt werden kann und möchte.

All das hatte ich. Dachte ich. Dachte er auch. Aber dann hat es aufgehört nach vier Jahren. Bei ihm. Bei mir nicht.

Ich für meinen Teil liebe Alex noch immer und bin auch der Meinung, dass das niemals aufhören wird. Das Internet-Dating ist für mich der zwanghafte Versuch, mich abzulenken und irgendwo aus den Tiefen des World Wide Web vielleicht doch noch einen Traumprinzen herauszufischen, der so viel toller ist als Alex.

Wobei Alex nicht toll ist. Er ist kein Arsch, aber er ist trotzdem ganz weit weg vom Traummann. Aber ich liebe ihn nun mal, ohne dass ich es näher erklären könnte. Muss ich ja glücklicherweise auch nicht.

Ich fuhr also zum verabredeten italienischen Restaurant, parkte Mein-Cabrio, zog den Lippenstift nochmal nach, sammelte alle herausgefallenden Dinge zurück in meine zuvor umgekippte Handtasche aus dem Beifahrer-Fußraum, erhob mich wieder aus diesem und… erschrak zu Tode! Dicht vor meinem Fenster stand wer, bzw. dessen behoster Genitalbereich und hielt eine rote Rose vor das selbige.

"Atmen, Lena, atmen! Und NICHT nachdenken!", sagte ich leise zu mir selbst.

Ich atmete also, wie mir befohlen, tiiiiief eiiiiiiin und nochmal auuuuuus, bevor ich vorsichtig die Tür öffnete, so dass der Mensch an meinem Fenster zwangsläufig beiseitetreten musste, stieg aus dem Auto, lächelte höflich und hielt Manuel (das musste er schließlich sein) meine Wange hin und hauchte dazu ein leises: "Hallo."

Mehr aus allgemeiner Sprachlosigkeit statt aus Faszination.

Ganz im Gegensatz zu meinem Date, der mich aufgeregt wie ein Zehnjähriger beim Topfschlagen bei den Schultern packte, mir einen feuchten Schmatz auf die Wange drückte und begeistert in die Nacht hinaus rief: "Ich freue mich so sehr, Dich endlich kennenzulernen! Toll, dass es geklappt hat! Du siehst bezaubernd aus, Lena!"

Hilfe, kann der Typ auch Sätze, die nicht mit Ausrufezeichen enden?

Er hielt mir die Rose hin und sagte: "Für Dich!"

Ach was.

Ich neige leider dazu, ziemlich schnell zu denken und mir genauso schnell eine Meinung zu bilden. Die fräst sich dann, gerade bei Skepsis und Nichtgefallen, ganz tief in meine Mimik, so dass man mir aus zehn Metern Entfernung schon ansieht, dass ich mit irgendwas oder irgendwem gerade nicht d´accord bin. Dies wissend, dankte ich wem auch immer für die Dämmerung, bemühte mich artig zu lächeln und damit meine Gesichtszüge weich zu zeichnen, während ich ihm das mir vor die Nase gehaltene Gewächs aus der Hand nahm und selbiges mit einer lockeren Handbewegung auf den Beifahrersitz warf.

Rote Rosen zum ersten Date? Auch im Singular ein totales No-Go. Der Mann kennt mich doch gar nicht! Ich könnte Rosen doof finden oder eine Blumen-Intolleranz haben! Jedenfalls zu viel scheiß Romantik für eine wildfremde Person.

"Hey, willst Du die Rose nicht mit rein nehmen?"

Entsetzen schwang in Manuels Stimme, der mit hängenden Schultern und Armen neben meinem Auto und mir verharrte und mich passend zu seiner Stimmlage musterte.

Die Stirn in Falten legend, starrte ich ihn fragend an: "Was? Äh, nein. Wieso sollte ich?"

"Na, damit Du den heutigen Abend auch etwas davon hast und nicht erst zu Hause!", entgegnete er mir bestimmt.

Ah, natürlich. Hätte ich ja auch selbst drauf kommen können, ich Depp.

Und er konnte nur mit Ausrufezeichen sprechen.

Also kroch ich wieder ins Auto, nahm die Rose an mich, schüttelte innerlich den Kopf und widerstand dem kurzfristig aufkeimenden Versuch, die Tür zu schließen, zu verriegeln und einfach abzuhauen. Aber ich besann mich auf mein Poesiealbum und dachte an die schwindende Hoffnung, der ich noch eine Chance einräumen wollte.

Den Weg über den Parkplatz besah ich mir den im Profilbild vorgegaukelten Jake Gyllenhaal genauer. Es war nicht fair. Jake Gyllenhaal gegenüber. Manuels Foto versus Jake versus der Wahrheit, oder besser: der Gegenwart.

Zweifellos war der Typ auf dem Profilbild von Manuel auch Manuel. Aber vor Jahren aufgenommen. Oder sollte ich besser sagen…vor Kilos. Ich bin auch keine Size-Zero-Twiggy, aber Grundregel Nr. 1 bei der online Partnersuche sollte eigentlich Ehrlichkeit sein. Was das Alter und die Optik und damit auch die Aktualität des Bildmaterials angeht. Nicht so hier.

Jake Gyllenhaal schenkte mir einen letzten Blick, machte laut "Pffft!" und ritt alsPrince of Persiaauf einem imaginären, schwarzen Hengst durch die Nacht auf und davon. Tschüss, Prinz. Hello Mister Moppel!

Wie gesagt, es stört mich überhaupt nicht, wenn jemand nicht wie das männliche Pendant zum Bond-Girl aus den Fluten des Internets steigt. Wenn ich dies vorher weiß und die Optik, aufgrund anderer positiver Merkmale, längst in den Hintergrund getreten ist. Aber durch Vortäuschung falscher Tatsachen sich Vorteile zu erwirken, finde ich beschämend. Ich kam mir irgendwie betrogen vor. Der eigentlich so süße Dackelblick kam durch die Schweinsäuglein im Vollmondgesicht nicht mehr durch, und wie Manuel so neben mir Richtung Restaurant-Entrée schlenderte und mich dabei begeistert anstrahlte, dachte ich an meine LieblingsserieShopping Queen… Guido Maria Kretschmer würde bei unserem Anblick leicht den Kopf schütteln und mit hochgezogenen Augenbrauen und der Hand am Kinn nüchtern sagen: "Lena. Der Typ tut nichts für Dich", wie bei einem Kleid, das einem schlichtweg nicht steht.

Moppel, äh, Manuel und ich setzten uns gegenüber in die bereits gut gefüllte Lokalität.

"Ist hübsch hier, oder?", begann ich einen Smalltalk und schaute mich ängstlich um, besorgt jemanden zu kennen, von dem ich nicht hätte erkannt werden wollen mit meiner Begleitung.

"Ah, pfui, schäm Dich, Lena", ermahnte ich mich innerlich, aber Manuel antwortete bereits freudig: "Ja, sehr hübsch. Passt zu Dir!"

Oh nein, bitte nicht die Schleim-Nummer! Nicht von dem, nicht jetzt und nicht hier!

"Machst Du das öfter? Ich meine, Dich mit Männern treffen aus dem Internet?", fragte er mich sodann interessiert.

Während ich noch mit dem Ausloten der Umgebung beschäftigt war, nickte ich beiläufig und zuckte kurz mit den Schultern: "Ja, schon. Und Du? Also Frauen treffen?"

"Ja, klar. Gelegentlich. Ich bin beruflich viel unterwegs und da hat man abends im Hotel Zeit zum Surfen. Bisher allerdings ohne nennenswerte Erfolge."

Er schaute traurig ins Nirgendwo hinter mir, hob dann jedoch seinen Blick und sah mir fest in die Augen: "Aber ich bin mir absolut sicher, die Richtige wird irgendwann auftauchen. Vielleicht ja heute schon?!"

Jetzt grinste Manuel mich mit seinen Pausbäckchen zuversichtlich an und erinnerte mich an ein großes, gesundes Bauernkind. Er nahm die Ellenbogen vom Tisch, lehnte sich hinten an und verschränkte die Arme siegesgewiss vor sich.

Ich mag Komplimente, wirklich. Jede Frau tut das. Aber nicht fünf Minuten nach dem ersten Kennenlernen. Manuel schien meinen Unmut gar nicht zu bemerken und philosophierte fröhlich weiter über die Chancen im Internet bezüglich der Partnersuche und ich war kurz davor, ihn einfach zu fragen: "Sag mal, Dein Profilbild ist aber schon…älter?", hatte aber Angst, aus Versehen "dünner" zu sagen und hielt deswegen meinen Mund.

"Ciao!Buona sera! Was Sie wollen trinken?" Der für uns zuständige Kellner hielt jedem von uns galant eine Speisekarte hin und erwartete unsere Getränke-Bestellungen.

"Wir nehmen eine Flasche Bardolino und eine große Flasche Wasser, bitte!", orderte Manuel bestimmt. Nicht, dass er nicht meinen Geschmack getroffen hätte, aber gefragt werden möchte ich schon noch.

"Ist doch in Ordnung, oder?", fiel ihm offenbar seine Erziehung wieder ein und guckte mich erwartungsvoll an.

"Ja, danke, passt schon."

Wir lächelten den Kellner an, der flugs abrückte. Manuel klappte ungelenk die Speisekarte auf und klemmte diese zwischen Tischkante und seinen Bauch. Hm. Ja. Kann man so machen, aber muss man das? Er hatte überhaupt so eine eigenartige, fast linkische Art, sich zu bewegen. Ich fokussierte ihn, konnte aber überhaupt nicht näher spezifizieren oder deuten, warum er mir die ganze Zeit schon so seltsam vorkam, mal von den platten Anmach-Sprüchen und der Rose abgesehen. Mich beschlich eine innere Unruhe, wie wenn man an einem Verkehrsunfall vorbeifährt und zwangsläufig das Tempo drosselt, um "was" zu erkennen, obwohl man eigentlich gar nichts sehen will.

Schließlich schob ich meine wirren Gedanken vorläufig beiseite und klappte ebenfalls die Karte auf, überlegend, ob mein Date wohl die Rechnung am Ende übernahm und ich mir somit mal was gönnen sollte, oder ob ich lieber nichts riskierte und auf Pizza oder Pasta zurückgriff. Ich schaute vorsichtig zu Manuel hinüber, der umständlich die Seiten umblätterte und entschied mich für ´Selbstzahler´.

"Va bene!"

Unser Kellner knallte schwungvoll die Flasche Wein auf den Tisch, nachdem er unsere Gläser befüllt hatte, nahm die Bestellungen für das Essen entgegen und entschwand erneut.

Ich erhob mein Glas: "Schön, dass…", weiter kam ich nicht, denn Manuel warf gutgelaunt ein: "Hatte ich überhaupt schon erzählt, was ich beruflich mache?"

"Nein, mir nicht", und statt mit mir anzustoßen, fing Manuel an, von seinem Job zu reden. Und redete. Und redete. Und redete. Er redete so viel, dass ich bis heute immer noch nicht weiß, was er beruflich macht. Ich kniff kurz die Lippen zusammen, dachte "dann eben nicht" und genoss meinen Wein mit mir allein. Ein leichter, angenehmer Dusel umhüllte bald meinen Kopf, da ich nicht groß zu Wort kam und außer trinken und Manuel weiter intensiv zu beobachten, mir nichts zu tun einfiel. Gegessen hatte ich an dem Tag auch noch nicht viel, um dem Rotweinbad eine solide Grundlage zu bieten.

"Buon appetito!", strahlte der charmante Kellner mich eine gefühlte Stunde später über die abgestellten, dampfenden Pasta-Teller hinweg an. Verträumt und weinselig strahlte ich zurück, denn der kam meinem Beute- und Bedarfsschema deutlich näher, als mein derzeitiger Tischherr…aber Luigi (oder so), der Verräter, deutete - den Blick auf meine rote Rose geheftet - nur schnell eine leichte Verbeugung an, verschwand und überließ mich meinem Schicksal.

Manuels Gesicht währenddessenüberstrahlte den Glanz des Kristalls und Porzellans: "Ah, das schaut aber lecker aus! Ich hab auch richtig Hunger jetzt!"

Das sieht man, dachte ich und schob lustlos meine Gabel durch eine Röhrennudel.

"Guten Appetit, Lena!"

Dann nahm er das Besteck in die Hand wie sein erstes Kinderbesteck. Ich sah Löffelchen und Schieber mit Donald Duck drauf in Wurstfingern verschwinden. Nur, dass es sich hierbei um die WMF Version für Erwachsene und ohne Entenhausen drauf handelte. Er fasste es ganz weit unten an, schloss die komplette Faust drum herum und drehte beim Essen die Hände mit den Handrücken zu mir. Unwillkürlich zog ich die Stirn in Falten, um schärfer zu sehen oder vor dem folgenden Schrecken gewappnet zu sein. Ich fragte mich, wenn es vielleicht aus körperphysiologischen Gründen nicht anders ging, wie er wohl Spaghetti aufrollt oder ein Steak schneidet. Mit Penne kann man ja nicht viel falsch machen, aber er konnte sich ja nicht ausschließlich von Penne ernähren? Obwohl…naja, seine Körperfülle sprach eindeutig dafür. Während ich ihn weiter anstarrte, bekam ich endlich die Auflösung des Rätsels in voller Abstraktion präsentiert: Beim überfälligen Anstoßen auf unser ach so wunderbares Treffen und diesen ersten wunderbaren Abend (mit Ausrufezeichen!) erhob er in Unüberlegtheit oder einfach Übermut schwungvoll sein Glas Bardolino.

Meine Augen trafen auf seine kompletten Hände am Glasstiel, deren Anblick er mir bis dato durch findige Manöver verwehrt hatte: Der Mann kaute Fingernägel! Und das nicht erst seit gestern. Plus Finger, weil Nägel waren da ja nicht mehr. Das wundgeknabberte Nagelbett wölbte sich bereits über den winzigen Rest von Nagel. Pfui Teufel! Mir blieb augenblicklich eine Nudel im Hals stecken und ich war schlagartig satt.

Nicht falsch verstehen, ich habe für die meiste Not echt Verständnis und Nagelbeißer sind wirklich schlimm dran. Aber es ist ja nicht so, dass da kein Kraut gegen gewachsen ist. Und als erwachsener Mann, auf die 40 zugehend, studiert und in einem kommunikativen Beruf (soweit ich das erinnere), da darf man einfach sich nicht mehr der Leidenschaft eines Pubertierenden hingeben und seinen Körper derartig verstümmeln. Ich nahm einen großen Schluck Wein, um dem Nudelteig in meinem Mund Starthilfe zu geben und atmete tief ein paar Mal tief ein und aus, um einer Hypoventilation entgegenzuwirken.

"Alles gut?" Manuel hielt prompt in seiner Nahrungsaufnahme inne und schaute mich besorgt an.

"Ja, danke, alles bestens. Schmeckt super", versuchte ich eine Notlüge und vermied ab da jeglichen Blickkontakt auf seine Hände.

Hilfe, war mir schlecht. Ich würgte ungefähr die Hälfte meines Essens hinunter, bestellte mir einen doppelten Ramazotti und spülte nach, während Manuel sich nach dem vollständigen Inhalieren seines Gerichts kurz entschuldigte und auf die Örtlichkeit entschwand. Das Alleinsein sofort sinnvoll nutzend, wühlte ich zügig mein Handy aus der Tasche und schrieb Rebecca eineWhatsApp-Nachricht:

Lena on tour:

Becky, das ist definitiv NICHT mein Traummann.

Becks Gold:

Brauchst Du Hilfe?

Ich kann in solchen Fällen mit "Ja" antworten oder einfach nur das Wort "Hilfe" senden, dann ziehen wir füreinander eine Show ab. In der Regel läuft das so, dass die Hilfegebende die Hilfesuchende anruft und ein Mords-Theater aufführt, mit Heulen und Geschrei und was halt dazugehört. Die Hilfesuchende wendet sich daraufhin an die männliche Begleitung und sagt (mit der Hand auf dem Mikro): "Es tut mir furchtbar leid, aber meine Freundin hat sich ganz fürchterlich mit ihrem Freund gestritten. Er hat sie verlassen und nun will sie ihn umbringen oder so, und…es tut mir leid, aber… ich muss los. Ich melde mich bei Dir und wir holen das hier nach."

Was natürlich nie passieren wird.

Und ins Telefon: "Halt durch Süße, ich bin in einer Viertelstunde bei Dir." Jacke, Tasche, raus und weg.

Lena on tour:

Nee, geht schon.

Becks Gold:

Ok, melde Dich, wenn Du zu Hause bist.

Konnte der Abend überhaupt noch schlimmer werden? Ich glaubte nicht, wurde jedoch eines Besseren belehrt. Ungefragt übernahm Manuel die Rechnung, nachdem wir beschlossen hatten, zu gehen, indem er einfach, ohne auf den Bon zu schauen, einen 100 Euro-Schein auf den Tisch warf.

Das war mir in zweierlei Hinsicht unangenehm. Erstmal hasse ich diese Art der Protzerei, wenn jemand Geld nicht ehrt und damit die nicht, für die es keine Selbstverständlichkeit ist, mit Hundertern um sich zu werfen. Weiterhin, weil mich das in einen Zugzwang brachte, den ich nicht wollte. Wenn man Hälfte-Hälfte macht, oder gleich nur seinen Kram bezahlt, dann sind das geklärte Verhältnisse. Bei einer Einladung habe ich, gut erzogen wie ich bin, stets das Gefühl, dem anderen etwas schuldig zu bleiben.

Was gut ist, wenn das Date gut läuft, aber absolut ungeil, wenn man sich auf den folgenden Abschied-für-immer freut.

Er half mir in meinen Trenchcoat (bei der Berührung seiner abgekauten, leicht feuchten Fingerkuppen an meinem Nacken beim Mantel-Überstreifen wurde mir gleich wieder übel) und begleitete mich zum Auto.

"Es war ein wunderbarer Abend, ich habe ihn sehr genossen. Du bist eine tolle Frau…"