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Lios Körper ist ihr Albtraum, daran ändert auch ihr Freund Max nichts. Als sie ungeplant schwanger wird, starrt sie nicht nur fassungslos auf den positiven Test, weil jemand wie sie doch gar nicht schwanger werden kann, sondern auch auf das Ende einer mühsam erarbeiteten Normalität. Sie ist unfähig, Max von der Schwangerschaft zu erzählen, und genauso unfähig, diese zu beenden. Während das Kind in Lios Bauch wächst, prasseln Erinnerungen auf sie ein: an ihre kalte Mutter, ihren hilflosen Vater und an all das andere, das sie für immer vergessen wollte. Zum ersten Mal stellt sie sich ihrer Vergangenheit - und riskiert damit, dass alles zusammenbricht.
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Seitenzahl: 211
Veröffentlichungsjahr: 2023
Ein mutiger Debütroman voller Wucht
»Puff, puff machen die Liebesroman-Stereotype, während sie implodieren: Dieses Buch modernisiert ein ganzes Genre. Seine Figuren sind angedetscht und überfordert und tapfer und hoffnungsvoll, kurz: Sie sind wie wir.« Mareike Fallwickl
Vor drei Monaten war ich sicher, dass ich nicht schwanger werden konnte. Dann war ich sicher, dass der Abbruch erfolgreich gewesen und ich in meinem Körper wieder allein war. Ich lag in beiden Fällen daneben.
Lios Körper ist ihr Albtraum, daran ändert auch ihr Freund Max nichts. Als sie ungeplant schwanger wird, starrt sie nicht nur fassungslos auf den positiven Test, weil jemand wie sie doch gar nicht schwanger werden kann, sondern auch auf das Ende einer mühsam erarbeiteten Normalität. Sie ist unfähig, Max von der Schwangerschaft zu erzählen, und genauso unfähig, diese zu beenden. Während das Kind in Lios Bauch wächst, prasseln Erinnerungen auf sie ein: an ihre kalte Mutter, ihren hilflosen Vater und an all das andere, das sie für immer vergessen wollte. Zum ersten Mal stellt sie sich ihrer Vergangenheit – und riskiert damit, dass alles zusammenbricht.
Scharfsinnig, berührend und hochkomisch zugleich erzählt Caroline Schmitt von versehrten Körpern und Seelen, von der Kompliziertheit der Liebe und der großen Sprachlosigkeit, die alles umgibt. Vor allem aber erzählt sie die Geschichte einer großen Befreiung.
Caroline Schmitt, Jahrgang 1992, studierte Journalismus an der University of the Arts London. Sie lebt in Berlin und arbeitet als freie Journalistin für Deutsche Welle, ZDF und funk. LIEBEWESEN ist ihr erster Roman.
Caroline Schmitt
LIEBEWESEN
Roman
Vollständige E-Book-Ausgabe
des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes
Eichborn Verlag
Originalausgabe
Copyright © 2023 by Caroline Schmitt
Copyright © 2023/2024 by Bastei Lübbe AG, Schanzenstraße 6 – 20, 51063 Köln
Vervielfältigungen dieses Werkes für das Text- und Data-Mining bleiben vorbehalten.
Umschlaggestaltung: Barbara Thoben, Köln
Umschlagmotiv: © Mark Tennant
eBook-Produktion: hanseatenSatz-bremen, Bremen
ISBN 978-3-7517-4269-6
eichborn.de
lesejury.de
Vor drei Monaten war ich sicher, dass ich nicht schwanger werden konnte. Dann war ich sicher, dass der Abbruch erfolgreich gewesen und ich in meinem Körper wieder allein war.Ich lag in beiden Fällen daneben.
»›Suche großzügige Lady, die mir Kokain besorgen kann. Außerdem darf ich den Fiat meiner Mutter nicht mehr nutzen. Wäre also gut, wenn du ein Auto hast‹«, las Mariam vor und spreizte ihre frisch lackierten Fingernägel von ihrem Handy weg.
Wir hatten den ganzen Sonntag am See verbracht und genossen jetzt in der Hollywoodschaukel auf unserer Dachterrasse die ersten Luftzüge unter dreißig Grad.
»Habe leider kein Auto, sonst gern«, sagte ich mit vollem Mund.
Mariams Taboulé war auch schon mal besser gewesen. Leider lag ihre Priorität aktuell nicht auf meiner kulinarischen Versorgung, sondern auf der romantischen.
»›Liebe Damenwelt‹«, las sie weiter, »›wenn ihr wisst, was ihr wollt, packt die anderen Kontakte weg. Dann wird nämlich geschrieben und nicht nach zwei Sätzen abgebrochen. Ich war sportlich unterwegs bis zu meinem 18. Lebensjahr. Alles andere sind meine Gene.‹«
Mir taten die Leute leid, die sich auf diesen intellektuellen Wühltischen nicht so wie wir nur die Zeit vertrieben, während der Nagellack trocknete, sondern nach Liebe suchten.
»Soll das heißen, der Typ hat siebzehn Jahre lang keinen Sport gemacht?«, fragte ich.
Mariam verzog das Gesicht, sodass ihre Sommersprossen verrutschten, und swipte weiter.
»Apropos Sport. ›Warst du schon mal Stand-up-Paddeln? Ich könnte dir zeigen, wie es geht.‹«
»Sind bei diesem selbstlosen Angebot die Hilfestellungen inklusive?«
Mariam grinste.
»Oh«, sagte sie dann.
»Was?«
»Es geht noch weiter. Seine Katze liegt im Sterben, deshalb ist hier ein Crowdfunding-Link.«
»Sind Tinder-Spenden steuerlich absetzbar?«
Mariams Daumen bewegte sich in Lichtgeschwindigkeit nach links. Wenn sie Single wäre und nicht nur ab und zu für mich swipen würde, hätte sie innerhalb von zwei Tagen eine Sehnenscheidenentzündung. Manchmal schüttelte sie gelangweilt den Kopf, dann seufzte sie tief oder lachte spöttisch auf. Nur, wenn sie ein vorlesewürdiges High- beziehungsweise Lowlight entdeckte, leuchteten ihre Augen auf.
»Oha, jetzt kommt’s«, sagte Mariam. »›Was du mitbringen solltest: Leidenschaft für Reisen, Yoga und Kaffee, weiße Sneaker und Umweltbewusstsein in Form von Kastanien-Waschmittel und einer Holzzahnbürste. 2,10 m, bitte sei größer.‹«
»Haha, das ist nicht schlecht«, sagte ich. »Schreib: ›Ich wohne in einem Baumhaus und bin zwei Meter elf groß. Meine starken Schultern reichen für uns beide.‹«
»Warum tindere ich eigentlich für dich, wenn du die besseren Lines raushaust?«
»Weil ich lieber nichts mit Menschen zu tun haben möchte, die abwechslungsreiche Bilder von ihren abwechslungsreichen Leben auf eine Plattform stellen, auf der Netflix, Empathie und ›Vino‹ als Hobbys zählen.«
Mariam schüttelte den Kopf und tippte wild auf ihrem Handy herum. Vermutlich schickte sie Fotos von ihren Brüsten an Elias.
Über ein Jahr lang hatte sie ihrer Ex Marlene hinterhergetrauert, nachdem sie ihr auf einer Hochzeit von Bekannten beschwipst, aber todernst eröffnet hatte, dass sie gern mit der Familienplanung beginnen würde. Marlene wollte vieles und am besten sofort, eine Familie gehörte allerdings nicht dazu. Um sich und Mariam Zeit, Streit und als Kompromisse getarnte Enttäuschungen zu ersparen, hatte sie kurzen Prozess und noch auf der Tanzfläche Schluss gemacht, während das Brautpaar aneinander rumfummelnd ins Glück torkelte. »Ich tue das, weil ich dich liebe«, hatte Marlene gesagt, bevor Herbert Grönemeyer fragte, ob Gefühle sich lohnten und was die Zeit heilte.
Während ihres Liebeskummerjahres hatte Mariam sich möglichst viele Türen offengehalten oder ließ sie sich aufhalten. Als sie dann Elias kennenlernte, knallte sie die anderen Türen zu, so angstfrei und selbstverständlich, als wäre sie nie verletzt worden.
Elias war Arzt, Anfang dreißig und hatte, entgegen ihren Vorurteilen gegenüber der Spezies Mann, weder Angst vor Mariams Bisexualität noch vor der Zukunft, auch nicht vor einer gemeinsamen. Ihre Beziehung hielt immerhin schon zwei Monate und lief gut, was ich daran merkte, dass Mariam mich nicht ständig fragte, was diese Nachricht oder jene kurzfristige Absage bedeuten könnte.
Jetzt wollte sie mich mit einem ähnlichen Gift versorgen, weil gute Beziehungen »alles so einfach« machten. Aha.
»Der Zahnbürstentyp geht nächste Woche mit dir baden«, sagte sie.
»Hä?«
Mariam prustete los.
»Ihr trefft euch in seiner Badewanne.«
»Willst du mich verarschen?«
Offensichtlich hatte sie in der Zwischenzeit doch nicht mit Elias geschrieben.
Ich warf mich mit ausgestreckten Armen auf sie, damit mein Nagellack nicht verschmierte. Mariam hatte unsere Nägel mit Azurblau bepinselt, sodass wir in diesem Sommer wenigstens gedanklich am Meer sein könnten. Jetzt versuchte sie vergeblich, sich aus meinem Klammergriff zu strampeln.
»Gib mir das Telefon!«, rief ich.
»Nur, wenn du es nicht kaputtmachst!« Mit einem Schmollmund reichte sie mir ihr Handy.
»Max! Was machst du am Wochenende?«, hatte sie vor fünf Minuten in meinem Namen geschrieben.
»Wenn es nicht regnet, bin ich am See, bei Regen in der Badewanne. Für dich würde ich mir sogar einen Bademantel überwerfen, Lio.«
»Bisschen heiß für Bademäntel, meinst du nicht?«
»Okay, der ist also gestrichen.«
»Was bleibt ohne Bademantel von dir übrig, Max?«
»Sag du es mir, Lio. Ich hoffe jedenfalls auf Dauerregen am Samstag. Es ging doch um ein Kennenlernbier in der Badewanne? Oder habe ich da wieder projiziert?«
»19 Uhr?«
Mariam hatte ausnahmsweise kein einziges Emoji benutzt, was ich ihr hoch anrechnete.
»Der Typ kennt Kommas und weiß, was Projizieren heißt?«, fragte ich.
Sie nickte stolz.
»Max wird dich aus deinem selbstgewählten Zölibat befreien.«
»Sicher, dass du dir beim Schwimmen keinen Sonnenstich geholt hast?«, fragte ich.
Es war ausgeschlossen, dass ich jemals mit irgendjemandem in eine Badewanne steigen würde.
»Gefällt euch das Bild?«
»So konzentriert habe ich sie schon lange nicht mehr gesehen«, sagte Max, der mich vor zehn Minuten das erste Mal gesehen hatte.
Er legte mir den Arm um die Schultern. Ich glotzte auf das Bild, das mich künstlerisch in den Bann zog, mir aber vor allem ein kurzes Durchatmen von diesem Date bescherte, auf dem ich gar nicht sein wollte. Mariam hatte den Ort nach anhaltenden Protesten meinerseits von Max’ Badewanne auf eine kleine, mäßig besuchte Vernissage verlegt und mich mit den Worten »Stell dich nicht so an, es ist nur irgendein mittelattraktiver Durchschnittstyp, den du nie wieder sehen wirst« aus der Tür gescheucht.
Max trug ein blaues Hemd mit weißen Punkten. Er war natürlich keine zwei Meter zehn groß, sonst hätte ich nie bemerkt, dass seine Haarfarbe je nach Lichteinfall entweder dunkelblond oder rötlich war. Mittelattraktiv war leicht untertrieben. Nach unserer verkrampften Begrüßung, die wir beide schnell wieder vergessen wollten, weil sie ein fatales Licht auf unsere eigentlich sehr unverkrampften Persönlichkeiten warf, hatte Max eine Flasche Wein aus seiner Lederjacke gezogen und seitdem dafür gesorgt, dass mein Pappbecher immer gefüllt war. Das war rührend, aber unnötig, weil eine gut bestückte Bar mit kostenlosem Alkohol die Besucher:innen ohnehin bei Shopping- beziehungsweise Investitionslaune halten sollte.
Max stupste mich an. Mein unprofessioneller Input war gefragt.
»Ein tolles Bild«, bekräftigte ich. »Gefällt mir gut!«
Die Leinwand war fast so groß wie mein Bett. Darauf prangte eine Explosion aus goldgelben Farben auf kalten Blautönen. Von oben tropften dicke und dünne Farbnasen aus zwei hellen Kreisen auf blattähnliche Gebilde herab. Die obere Bildhälfte war laut und hell, die untere dunkel und leise. Durch den lasierenden Farbauftrag, den Begriff kannte ich von Mariam, konnte man die unteren Lagen nur erahnen. Mein Blick kam kaum hinterher, er schwebte von einer Schicht zur nächsten.
»Der Schaffensprozess war so intensiv«, sagte die Person, die das Werk offenbar angefertigt hatte, auf das ich immer noch starrte.
»Das kann ich mir vorstellen«, sagte Max anerkennend.
»Warum kommt mir deine Stimme eigentlich so bekannt vor?«, fragte die Künstlerin ihn.
»Ich bin beim Radio«, sagte Max. »Planet Pop. Morning-Show. Jede zweite Woche. Zusammen mit Kat, die das wesentlich besser macht als ich.«
»Wie aufregend!«, staunte die Künstlerin.
»Geht so«, sagte Max.
Ich nickte wissend. So gelangweilt hatte ich ihn schon lange nicht mehr gesehen.
»Du solltest über einen eigenen Podcast nachdenken«, stichelte ich. »Wegen deiner tollen Stimme.«
»Schatz, jetzt hör aber auf.« Max tätschelte mir die Schulter. »Running Gag«, erklärte er der Künstlerin.
»Wollt ihr die Geschichte hinter dem Bild hören?«, fragte sie.
»Deshalb sind wir hier«, sagte Max.
»Mein Mann hat mich nach fünfzehn Jahren Ehe und zwei Kindern von jetzt auf gleich verlassen. Er hat entschieden, dass er auf Männer steht. Jetzt trägt er Ohrringe und Blümchenhemden, und ich stehe vor den …«
»Na ja, das ist keine Entscheidung«, unterbrach Max sie und fügte hinzu: »Tut mir leid.«
»Blümchenhemden gehören in jeden Kleiderschrank«, murmelte ich, und: »Mir auch.«
»Das weiß ich natürlich, aber wir sind ja unter uns.« Sie zwinkerte verschwörerisch. »Jedenfalls bin ich wie eine Irre auf unserem Speicher herumgeschlichen, wühlte mich durch Fotoalben von früher und suchte nach Antworten. Die lagen da natürlich nicht rum. Schwul ist schwul. Dann habe ich im Suff einen Zug ans Meer gebucht, ein Wochenende nicht geschlafen und mir alles von der Seele gemalt.«
»Zu gehen ist auch nicht leicht«, belehrte ich eine zwanzig Jahre ältere Frau. »Auf deinen Mann bezogen, meine ich. Ex-Mann.«
»Er hat uns beiden die Chance gegeben, von vorne anzufangen. Eigentlich ist das ein Geschenk«, lenkte sie ein.
Max’ Blick verdüsterte sich.
»Hat es denn funktioniert? Das Von-der-Seele-Malen?«, fragte ich.
»Natürlich nicht.« Sie grinste. »Das Bild kann man übrigens kaufen!«
»Ach so? Was soll es denn kosten?«, fragte Max.
»Wenn du deine Freundin noch dieses Jahr heiratest, kriegst du es für 500 Euro weniger.«
Die Künstlerin schien ihre Scheidung tatsächlich nicht sonderlich gut verkraftet zu haben.
»Hast du eine Visitenkarte?« Max tat so, als wolle er eine Nacht über dieses Angebot schlafen und sich dann melden.
Während die Künstlerin ihre Visitenkarten suchte, flüsterte ich Max ins Ohr: »Schatz, du bist gut.«
Er füllte meinen Becher mit Rotwein auf und streifte mit den Lippen meine Wange, als er raunte: »Blümchenhemden, ja?«
»Wollt ihr nicht noch bleiben?«, fragte die Künstlerin. »Hinten haben einige schon mit der Afterparty losgelegt. Übrigens, ich bin Martina!«
Max und ich tauschten einen Blick, beide weder gewillt noch imstande, diese Witzveranstaltung zu verlassen und ein ernstes Gespräch führen zu müssen, und nickten begeistert. Die Afterparty war ein verkapptes Werkstattgespräch, das die vier an der Ausstellung beteiligten Künstler:innen mit einer Hingabe führten, als säßen sie auf dem Eröffnungspanel der documenta. Zwei Männer, eine Frau und Martina hockten auf klapprigen Stühlen um eine Weinkiste herum, auf der weitere volle Becher standen. Max und ich setzten uns dazu, nickten hoch interessiert und schnitten, wenn niemand hinsah, immer anspruchsvollere Grimassen. In den Gesprächen ging es viel um subversive Prozesse, Crossmedialität und metaphorische Schubladen. In Zukunft sollte sich noch mehr aufgelöst, hinterfragt und gestritten werden. Als der Begriff Katharsis zum dritten Mal fiel und die Künstler:innen allmählich etwas lallten, was der inhaltlichen Qualität der Diskussion zum Glück keinen Abbruch tat, hatte ich die Nase eines Schweinchens und die Vorderzähne eines Osterhasen.
»Oh, so spät schon!«, rief Max plötzlich aus und schaute auf sein Handy. »Wir müssen dringend noch auf einen Geburtstag!«
»Wie schade! Wir hätten ewig mit euch weitermachen können«, sagte Martina.
Die anderen nickten zustimmend.
»Time flies when you’re having fun«, sagte ich und stand auf.
Die anderen nickten wieder. Das Gefühl kannten sie gut.
»Ich melde mich wegen des Bildes!«, rief Max, bevor die Tür hinter uns ins Schloss fiel.
Als wir lachend die Treppe hinunterstolperten, spürte ich den Alkohol. Max wohl auch.
»Tanz für mich!«, sagte er und öffnete seine beiden oberen Hemdknöpfe.
Er ließ sich auf eine Stufe fallen und spielte Elvis Presleys Blue Suede Shoes von seinem Handy ab.
Ich kletterte auf die Fensterbank und bewegte mich so schnell, wie der wenige Platz es zuließ.
Well, it’s one for the money
Two for the show
Three to get ready
Now go, cat, go
Mit meinen perlweißen Reeboks rutschte ich über den glatten Stein und schüttelte alles, was ich hatte. Dann verbeugte ich mich tief, wobei ich fast von der Fensterbank fiel. Max hob mich zurück auf den Boden und zappte weiter durch seine Playlist. Als ich sah, dass ihr mehrere Tausend Menschen folgten, erklärte Max, dass er früher regelmäßig aufgelegt habe, natürlich ausschließlich mit Platten. Heute wüssten die Kinder gar nicht mehr, dass man sich Musik erarbeiten konnte und sollte und dass alles unter zwei Minuten nichts mit Kunst zu tun hatte.
Schließlich wiegten wir zu Michelle Gurevichs Party Girl hin und her wie zwei, die sich zwar viel auf ihre Teilnahme am Tanzkurs in der neunten Klasse einbildeten, die korrekte Rumba-Schrittfolge aber für überbewertet hielten.
I’m a party girl
Crazy girl
See my lips how they move
Can’t you see I’m a natural?
Life of a party girl
Sexy girl
I used to be so fragile
But now I’m so wild
Dann hörten wir, wie sich oben die Tür öffnete und Geräusche ins Treppenhaus drangen.
»Renn!«, hauchte ich gespielt panisch, schließlich waren wir auf einem Geburtstag.
Wir stürmten die Treppe hinunter und kamen erst zwei Straßen weiter zum Stehen.
»Eine Sache noch, Bonnie«, keuchte Max.
Als er meine Hand nahm, wollte ich sofort nach Hause. Allein.
»Was?«, fragte ich.
»Gehst du nächstes Wochenende mit mir baden?«
Als ich eine halbe Stunde später die Tür unserer WG aufschloss und leise eintrat, hörte ich aus Mariams Zimmer Kichern.
»Lio?!«
Ich versuchte, auf Zehenspitzen in mein Zimmer zu schleichen, damit Mariam mich nicht ausfragen würde.
»Komm bloß rein!«
Ich hasste meine Zehenspitzen.
»Seid ihr nackt?«, fragte ich.
»Ja«, rief eine Männerstimme.
»Nein!« Mariam klang entrüstet.
Sie und Elias lagen vollständig bekleidet auf ihrem Bett und schauten irgendeine amerikanische Late-Night-Show.
»Auf einer Skala von eins bis zehn, wie dankbar bist du mir?«, fragte Mariam und pausierte das Video.
»Fünfeinhalb«, schätzte ich grob.
»Bist du betrunken?«
»Auf keinen Fall.«
»Hey, Lio, wir haben noch Nachos übrig. Soll ich dir einen Teller holen?«, fragte Elias, der entweder Mitleid mit mir hatte oder dem dieses Verhör unangenehm war.
Ich nickte begeistert.
»Küsst er gut?« Mariam zog die Augenbrauen hoch.
»Keine Ahnung«, sagte ich.
»Ihr solltet doch rummachen! You had one job!«
»Aber er tanzt nicht schlecht.«
Mariam gähnte.
Zum Glück kam Elias mit einer Portion Nachos zurück, die unter Jalapeños, Tomaten, Mais, Koriander, Sour Cream und sehr viel Käse kaum zu sehen waren. Erst bei diesem Anblick merkte ich, wie ausgehungert ich war.
»Wie sieht’s aus, hast du Lust auf eine längere Radtour am Wochenende? Mari kommt nur mit, wenn du auch dabei bist«, sagte er und zeigte auf seine Freundin, die augenscheinlich schon wieder damit beschäftigt war, sich die Moderatorin der Show nackt vorzustellen.
»Habe leider schon Pläne«, murmelte ich möglichst leise, in der Hoffnung, dass Mariam mich überhörte.
Leider sprang sie auf, riss dabei ihren Laptop vom Bett und stürzte auf mich zu. Da Mariam mich seit fünf Jahren zu überreden versuchte, jemanden in mein Herz zu lassen, »weil manche Menschen zu toll sind, um sie draußen stehen zu lassen, so wie ich zum Beispiel«, und ich in diesen fünf Jahren nicht ein einziges Mal ›Pläne‹ gehabt hatte, die nichts mit ihr, meinem Studium oder der Arbeit zu tun hatten, wusste sie, dass es um ihren blöden one job gar nicht so schlecht stand.
»Lio ist betrunken und verliebt! Lio ist betrunken und verliebt! Lio ist betrunken und verliebt!«, rief sie und drückte mir einen Kuss auf den Mund.
»Nächstes Mal komme ich wieder mit«, sagte ich zu Elias, während Mariam mich umständlich im Arm hielt und dabei auf und ab hüpfte. »Mit der Alten kann ich dich doch nicht allein lassen.«
Ich hatte Mariam auf einer Uni-Rollschuhparty mit dem Motto Advent, Advent, dein Nervenkostüm brennt kennengelernt. An der Kasse bekam man eine Handvoll Gutscheine für Drinks ausgehändigt, für die zu Recht niemand Geld bezahlt hätte. Es sollte gesoffen, gerollt und übereinandergestolpert werden, was genauso würdelos war, wie es klang.
Mangels angemessenem Schwips, der meine fehlende Balance mit Selbstbewusstsein hätte ausgleichen können, hielt ich mich am Tresen fest und schaute auf die Uhr. Maximal dreißig Minuten würde ich hierbleiben, ich war schließlich nicht zum Spaß an der Uni. Die Barkeeperin war gerade dabei, Shots mit einer Studentin mit schwarzen, schulterlangen Locken zu kippen, die sich lautstark über die Band beschwerte.
»Ich würde heute Abend gern noch richtige Musik hören. Und heute Nacht will ich einen richtigen Penis und keinen Dildo in mir haben.«
Ich lachte nervös auf, weil ich mich weder mit echten noch mit gefälschten Penissen auskannte und keinerlei Interesse hatte, etwas an diesem Umstand zu ändern.
»Ist doch so!« Sie gab der Barkeeperin ein Zeichen, mir auch einen Tequila zu machen.
»Ich wünsche viel Erfolg bei beidem«, sagte ich und prostete ihr zu.
»Danke. Ich bin übrigens Mariam, oder Mari, wie du willst.«
»Mariam klingt schön«, erwiderte ich. »Lio.«
Ich biss in die Zitrone und kippte den Tequila runter, falsche Reihenfolge, egal. Mariam trug einen schwarzen Minirock aus Cord, ein Flanellhemd und drei klobige Goldketten übereinander. Das einzig Markante an meinem Outfit war der dilettantisch aufgetragene Glitzerlidschatten.
»Ich drehe noch eine Runde, kommst du mit?«
Mariam wartete meine Antwort nicht ab. Sie bewegte sich entschlossen, aber langsam auf eine Masse zu, die im Kreis gegen den Uhrzeigersinn stolperte und glaubte, auch sonst ganz unkonventionell zu sein. Ich kontrollierte den Doppelknoten an meinen Rollschuhen und wankte hinter ihr her.
»Das ist so schrecklich, dass es witzig ist!«, rief sie.
»Wieso schrecklich? Ich freue mich seit Wochen auf diesen Abend!«
»So sahst du auch aus, als du diese Weihnachtskirmes betreten hast.«
Unsere Arroganz hielt zwei Runden. Dann waren wir Teil einer Gruppe graziler Menschen, die nicht um die Wette, sondern gemeinsam rollten, die lebensbejahendste Armee der Welt, das Ganze hatte etwas von Schlittschuhlaufen, nur in Warm und mit vier Rollen auf jeder Seite, links, rechts, links, rechts, so schlecht war die Band gar nicht, eigentlich war sie sogar recht gut. Als Mariam eine halbe Pirouette drehte und mich zu sich in die Mitte kommandierte, fragte ich mich zum ersten, aber nicht zum letzten Mal, warum sie mich ausgesucht hatte. Mariam schien sich gar nichts zu fragen, sondern griff nach meiner Hand. Die gehörte zu einem Körper, der plötzlich showtanzen konnte, so wie die Leute im Fernsehen, nur noch schöner, wir waren zwei händchenhaltende Funkenmariechen, die fasziniert auf ihre fliegenden Beine starrten, um die herum gerollt wurde und für die sich irgendwann niemand mehr interessierte, weil Rollen demokratisch war und auf Rollschuhen alle Menschen gleich schön waren.
»Hey, willst du bei mir einziehen?«, schrie Mariam plötzlich in mein Ohr.
Nach Stunden auf der Tanzfläche hatten zuerst unsere Oberschenkel und dann widerwillig auch wir kapituliert. Inzwischen wummerte Techno aus den Boxen. Neben einer saßen wir und lehnten unsere Köpfe schwer atmend gegen die Betonwand.
»Wie bitte?«, fragte ich.
»Gründest du eine WG mit mir? Ich suche eine Mitbewohnerin. Und halt Sex. Aber in erster Linie eine Mitbewohnerin.«
»Meinst du das ernst?«
»Ja! Ist das erste Mal heute Abend.«
»Was, wenn ich voll psycho bin?«, fragte ich rein hypothetisch.
»Hauptsache, du tanzt gut!«
Ich schüttelte den Kopf, um zu testen, ob sich meine Antwort dadurch ändern würde.
»Ich mache dir einen guten Preis!«, schrie Mariam. »Die Wohnung gehört meinem Vater, der lässt bei der Miete sicher mit sich reden.«
Ich lächelte, und dann grinste und dann lachte ich.
»Ist das ein Ja?«
»Ja!«
Mariam hielt mir feierlich ihre Hand hin. Ich besiegelte den Deal, der auch ohne preisliches Entgegenkommen zustande gekommen wäre. Dann stand sie ruckartig auf und schlitterte mit offenen Rollschuhen zur Bar, um irgendetwas Sprudelndes aufzutreiben.
Ich wollte plötzlich nichts lieber als einen kalten Eimer Wasser. Ich hatte vergessen, wer ich war, dass Übermut selten guttat, und außerdem musste ich los, dringend schlafen, ab acht Uhr morgens waren alle Plätze in der Bibliothek belegt, ja, auch samstags, nein, das konnte Mariam nicht wissen, weil sie Kunst und Deutsch auf Lehramt studierte. Mein Biologiestudium bestand aus Auswendiglernen, Rechnen, Staunen, Fragen und leider auch aus Physik. In der Schule hatte mein brachiales Verständnis von physikalischen Prozessen ausgereicht, jetzt war damit Schluss. Bulimielernen brachte nichts, man musste bulimieverstehen. Unser Professor hatte im November die zweite Grillsaison eröffnet und nicht vor, simulierende Amateur-Einsteins mitzuschleppen, deren primäre Lebensinhalte weder Quantentheorie noch Statistik waren und die somit an der mathematisch-naturwissenschaftlichen Fakultät nichts verloren hatten.
Auf dem Weg nach draußen streckte Mariam der Barkeeperin ihre Einwegkamera hin, mit der sie jeden Monat nur ein Foto machte, und bat sie, uns zu fotografieren.
»Das kommt an unseren Kühlschrank«, sagte Mariam. »Der ist schön rosa.«
Auf dem Bild halten wir uns aneinander fest und haben zwei identische Sonnenbrillen auf den Nasen, deren Herkunft auch Jahre später ungeklärt blieb. Mariam schaut amüsiert-lässig, ich amüsiert-panisch, weil ich in wenigen Sekunden auf den Hintern fallen würde.
An der Bushaltestelle gab sie mir ihre Nummer und umarmte mich innig. Ich dachte während Umarmungen immer nur daran, wie selten ich Menschen berührte, wann auch und vor allem warum auch? Dann wartete ich, ob ich traurig wurde, weil Körperkontakt wichtig war, auch für das Immunsystem, aber ich spürte nur ein leichtes Unwohlsein wegen der Berührung eines anderen Menschen. Besonders gut fühlte sich das nicht an, das konnte mir niemand weismachen. Ich zählte immer die Sekunden, bis eine Umarmung aufhörte, bei Mariam kam ich bis sechs, das war übertrieben lang, obwohl man sich vermutlich in Umarmungen wie ins Studierendenleben fallen lassen musste, dann würde alles wie von selbst laufen.
»Bin unterwegs«, schrieb ich Max, als ich im Bus saß.
»Ich lasse das Wasser schon mal ein. Stelle es mir peinlich vor, gemeinsam darauf zu warten, dass die Wanne voll wird. So, wie wenn man sich im Zug voneinander verabschiedet hat, aber die Tür nicht aufgeht.«
»Warte lieber noch, das Badesalz muss am Anfang rein.«
»Ach, du bringst wirklich welches mit?«
»Hab drei Duftrichtungen dabei: Bali, Toskana oder Baggersee. Ich bin so gespannt, welcher Typ du bist.«
»Eindeutig Baggersee, Bali ist für Loser. Hoffentlich können wir uns überhaupt einigen? Zeit genug zum Streiten haben wir ja, während das Wasser läuft und läuft und läuft …«
Ich schaute auf die Haltestelle, an der wir gerade hielten. Ein zweites Date war ein Gesichtsverlust mit Ansage, und mein Gesicht befand sich gerade in den besten Jahren. Noch könnte ich rausrennen, Max bestürzt über irgendeinen Notfall informieren, tote Oma, tote Katze, tote Libido, nach dem dritten Reanimationsversuch haben wir aufgegeben, RIP. Ich könnte seine Nummer löschen und vergessen, dass es Männer wie ihn gab, vor denen Frauen wie ich keine Angst haben mussten.
Stattdessen blieb ich sitzen und sah prüfend an mir hinab. Für die nicht sonderlich originelle Komposition aus schwarzer Leinenhose und altem Bandshirt hatte ich eine Stunde gebraucht. Meine Garderobe war kein Ventil, um mich und meine Launen auszudrücken, sekundäre Geschlechtsteile öffentlichkeitswirksam zu präsentieren oder Spaß zu haben. Ich besaß Kleidung, um möglichst selten nackt sein zu müssen. Wenn sie mich nicht blasser machte, als ich war, und meine Oberschenkel und Hüften nicht speckiger wirken ließ, als sie waren, umso besser. Mariam hatte mir für das Date einen BH und einen Slip aus halbdurchsichtigem schwarzen Stoff geschenkt, was bequemer war, als es aussah.
»Ich trage gute Unterwäsche. Die darfst du gern kommentieren, um die Zeit zu überbrücken, bis die Wanne voll ist«, schrieb ich Max und verlor den Rest meiner Selbstachtung.
»Werde ich tun und mich dabei nicht anzüglich-chauvinistisch fühlen. Du hast’s ja erlaubt.«
»Du hast den Freifahrtschein Richtung Baggersee.«
