Liebstöckel und Wegwarte - Inka Mimberg - E-Book

Liebstöckel und Wegwarte E-Book

Inka Mimberg

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Beschreibung

"Mein erster Eindruck von Signe war, dass sie eine Attitüde natürlicher Arroganz an sich hatte, die mir nicht passte, da ich sie als herrisch wahrnahm. Sie war nicht hochmütig in dem Sinne, dass sie sich über andere erhob. Ihr Umgang mit mir stellte sich als freundlich und verbindlich heraus. Ich durfte nichts gegen sie haben. Es war etwas an ihr, dass mich wütend machte, obwohl sie mir bis dahin kaum etwas erzählt hatte." Die Pandemie lässt die Menschen in Deutschland innehalten. Eine Frau erhält unerwartet Nachricht aus der Heimatstadt ihrer Vorfahren. Sie macht sich daran, die Geschichte ihrer Familie zu verstehen und das Verschwiegene aufzudecken. Dabei ahnt sie nicht, wem sie die wohlgehüteten Familiengeheimnisse anvertraut...

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Seitenzahl: 779

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Prolog

Stellen wir uns eine glückliche Familie im Skiurlaub vor, verehrte Leser. Zwei lange und eine kurze Silhouette auf einer weißen Fläche. Sie sind beschwingt vom Adrenalin des rhythmischen Abfahrtfahrens auf Skiern. Neue modische Skianzüge, Eulenaugen, weil die Sonne ihre Haut rund um die Sonnenbrille gebräunt hat. Nur leicht, denn der hohe Lichtschutzfaktor ihrer Sonnencremes schützt ihre wertvolle Gesichtshaut wirkungsvoll.

Sie empfinden Andacht vor der Schönheit der Natur, denn sie machen Urlaub in der unglaubwürdig schönen Kulisse eines Dorfes in der Schweiz. Dieses Dorf liegt umgeben von vierzehn Bergen, die allesamt um die viertausend Meter hoch sind. Wenn die Sonne mittags am Himmel steht, werden die auf den schneebedeckten steilen Berghängen aufprallenden Sonnenstrahlen unmittelbar durch die blendende Helligkeit des Schneeweißes ins Tal geworfen, welches sich in einen prächtig leuchtenden Trichter sonniger Gemüter verwandelt.

Auf der sonnendurchfluteten Ebene erinnern sehr alte Speicherhütten, die einst aus handgesägten Brettern zusammengezimmert und von der Sonne durch die Zeit schwarz verbrannt wurden und auf Stelzen aus übereinandergeschichteten, hellgrauen Felsbrocken stehen, dass dieser in der Saison kosmopolit erscheinende Ort vor der Entdeckung des Tourismus ein karges Bergdorf war, dessen Bewohner sich täglich wie die Murmeltiere abmühen mussten, um ihre Vorräte für den langen Winter zu besorgen und diese kostbare Nahrung vor Wildtierfraß sorgsam schützen mussten.

Für die Bühne dieses Vereins glückseliger Menschen wird das beliebteste Industrieprodukt des Individualverkehrs in einer Tiefgarage am Ortseingang versteckt, damit Abgase und Lärm das Ferienparadies nicht stören. Kenner schätzen die Annehmlichkeiten eines historisch gewachsenen Skitourismus, die der Ort zu bieten hat.

Auf diese Szene fährt eine rot lackierte Elektrobimmelbahn den lieben langen Tag ihre Runde. Von der Endhaltestelle an der Gondelstation durch die Hauptstraße, an den belebten Cafés und Geschäften vorbei, bis zum letzten Hotel auf der entgegengesetzten Route, und wieder zurück.

Und in diese halb offene Bahn mit gepolsterten Sitzen ist soeben die Mutter mit ihrer vierjährigen Tochter eingestiegen. Sie legt den rechten Arm um die Schulter des Kindes, während sie mit links Skier und Stöcke, die sie neben sich hingestellt hat, in Schach hält. Sie schaut ihre Tochter verliebt an. Sie schmunzelt, denn sie erinnert sich daran, mit welch unkontrollierter Geschwindigkeit das Mädchen noch vor ein paar Minuten die Kinderpiste hinuntergerast war. In vollem Gewahrsam, dass ihre stolze Mutter sie beobachtet, hatte sie sich zu guter Letzt noch etwas Lustiges ausgedacht. Auf den letzten Metern hatte sie eine winzige Erhebung im Schnee als eine Schanze aufgefasst, hatte einen Sprung auf Skiern dargestellt und war kurz darauf in lässiger Körperhaltung auf den mit Kunstrasen belegten Tennisplatz, der nahtlos an die Kinderpiste angrenzt, geglitten. „Dahab ich noch einen Trick gemacht!“ hatte der Kindermund verkündet und zwei blaue Augen hatten verschwörerisch die Mutter angeguckt.

„Hast du noch einen Trick gemacht!“ wiederholt die Mutter nun in der Bimmelbahn, in die sie beide in Eile eingestiegen sind, denn sie haben sie im letzten Moment vor der Abfahrt erwischt und den mühevollen Nachhauseweg zu Fuß, mit klobigen Skischuhen an den Füßen, vermeiden können.

Hier Arm in Arm sitzen zu können, die Sonne im Gesicht, den Leuten zuschauen, wie sie auf den Sonnenterrassen der Cafés sitzen, plaudern und Fendant trinken, machen Mutter und Tochter in diesem Moment so glücklich, dass sie beschließen, an der Station, die ihrer Ferienwohnung am nächsten liegt, noch gar nicht auszusteigen, sondern noch ein paar weitere Stationen mitzufahren. Unterwegs zu sein, in Bewegung, in voller Fahrt, mit leichtem Herzen, das macht die Frau glücklich. Ungebremst, in Freiheit zu sein, das ist ihr wesentlicher Glücksantrieb. Alle Leute, an denen die beiden vorbeikommen, können das sehen. So sehr strahlen Mutter und Tochter. So innig hängen sie aneinander. So eng sind ihre Körper ineinander verkeilt, das Mädchen mittlerweile auf dem Schoß seiner Mutter sitzend. Dabei sind Mutter und Tochter nicht auf Außenwirkung bedacht. Sie spielen Niemandem etwas vor. Sie sind bei sich, genießen den gemeinsamen Nachhauseweg, wollen ihn durch weitere Stationen verlängern, den Tag nicht enden lassen. Die Frau weicht gerne dem Ankommen aus.

Verfolgen wir Mutter und Tochter, verehrte Leser, wie sie das Törchen des Waggons öffnen, als die Bahn zum zweiten Mal in der Nähe ihrer Ferienwohnung haltmacht. Wie die Mutter ihre zusammengelegten Skier mit Hilfe ihrer entgegengesetzt gelegten Skistöcke und den sich daran befindlichen Handgelenkschlaufen geschickt zu einem Paket zusammenbaut, das ihr ermöglicht, Skier und Stöcke gleichzeitig zu tragen. Wie sie die Kleinkindskier ihrer Tochter an ihren Rucksack schnallt, die Hand ihres Kindes nimmt und wie sich beide Hand in Hand auf den Weg zu ihrer Ferienwohnung machen.

Auch auf diesem kurzen Fußweg gibt es noch einiges zu entdecken, das den Abschied vom Tag hinauszögert. Die Auslage eines Geschäfts mit Skisocken im Angebot, schneebedeckte Zweige einer Zeder, die sich in der Sonne in tropfende Wasserhähne verwandeln. Eine Gruppe laut und englisch sprechender Jugendlicher, die ihnen in sehr viel, sehr weiter und sehr offen getragener Skikleidung schwatzend und Flaschenbier trinkend entgegenkommt. Die langen Enden, der tief getragenen Snowboardhosen übertrieben breit nach oben gekrempelt, um den Saum nicht abzutreten oder durch den Straßenschmutz zu ziehen, darunter dünne Schienbeinchen in engen Skisocken und Sneakern, von Helmen und Wollmützen verschwitzte und verwuschelte Haare.

Die Frau nimmt den Biergeruch wahr, der sich für einen kurzen Augenblick in die klare Frühlingsluft der Alpen mischt. Ihre Augen schwenken zu einem glitzernden Gegenstand, der augenscheinlich das helle Sonnenlicht reflektiert. Auf einer Bank steht eine Box aus Aluminium, gefüllt mit alten Büchern, die man entleihen und selbst ein Buch hineinlegen soll. Frau und Tochter setzen sich auf die Vorderkante der Bank und werfen einen Blick in die glitzernde Truhe, denn das Mädchen vermutet, einer Schatzkiste fündig geworden zu sein.

Die Frau wird von einem Titel angezogen, der obenauf liegt. Sie weiß noch nicht, warum. Incertitudes allemandes von Pierre Viénot. Das vergilbte Heftchen mit dem rot gedruckten Titel ist aus dem Jahr 1931, also beinahe hundert Jahre alt. Der Verfasser erklärt auf den ersten Seiten, dass er einige Jahre in Deutschland gelebt habe und mit seinem Büchlein die gesellschaftliche Stimmung dieses Landes wiedergeben möchte. Die Frau glaubt, eventuell eine Sache gefunden zu haben, die ihr nützlich sein kann und nimmt das Büchlein an sich. Sie steckt es unter ihre Skijacke, um wieder beide Hände für das Tragen der Skiausrüstung frei zu haben.

Sie nimmt gerne Gegenstände an sich, die sie auf der Straße findet, vor allem Dinge, die Zeugen eines Lebens in früheren Zeiten sind. Bilderrahmen aus schwerem Holz mit angeknackstem Glas, Garderobenhaken mit Löwenköpfen, verschnörkelte, angelaufene Kommodengriffe mit Jugendstilintarsien, eine übergroße Suppenkelle aus leichtem Aluminium, einen mit blauem Lack verunstalteten Nicolaistuhl, ein großes, schweres Holzbrettchen mit vielen Messerkerben.

Dort, wo sie lebt, hat sie ihr Haus mit diesen Zufallsgeschenken eingerichtet und dekoriert. Die Frau sammelt sie, erweckt sie zu neuem Leben, indem sie sie putzt, repariert, alte Lacke abschmirgelt, Holzflächen ölt, poliert und in Küche, Wohnzimmer und Flur in Szene setzt. Sie tätschelt und streichelt diese Dinge, adoptiert das, was von den früheren Besitzern lieblos abgestoßen wurde. Gegenstände, dessen Kratzer und Flecken gelebtes Leben bezeugen. Niemals nimmt sie einen Straßenfund willkürlich mit. Jedes Mal wiegt sie ihn in ihrer Hand, betrachtet ihn eingängig, wartet, ob er ihr etwas erzählen möchte. Sie überlegt, ob er in ihrem Zuhause eine Funktion erfüllen kann, denn das bloße Zustauben von Dingen, die ungenutzt herumstehen, behagt ihr nicht.

Für das Mädchen ist bald ein Bildband mit Tierzeichnungen gefunden. Alpenmurmeltier, Rothirsch, Steinbock, Wolf, Luchs, Mauereidechse und Braunbär. Die Frau zieht den Reißverschluss ihrer Jacke hoch, damit der neu gefundene Schatz sicher in seinem Kleidungsnest liegt. Sie erhebt sich von der Bank und geht mit ihrer Tochter weiter Richtung Ferienwohnung. Drei schlanke, besonders modische, Jugendliche ziehen an ihnen vorbei. Sie sprechen hebräisch und lachen ausgelassen. Verwundert ob ihres eigenen Erstaunens lauscht die Frau dem Klang der fremden Sprache, die sie im Urlaub noch nie gehört hat. Die Fröhlichkeit der feinen Gesichter, die an ihnen vorüberziehen, wirkt anziehend.

Mutter und Tochter treten ins Appartementhaus, ziehen ihre Handschuhe und ihre Skistiefel im Flur aus, stellen sie sorgfältig an die dafür vorgesehenen Plätze auf Kunststoffplatten, die die schmelzenden Schneereste an den Skistiefeln auffangen sollen. Die Mutter greift nach dem Wohnungsschlüssel im Pantoffel unter der Bank im Flur und schließt die Tür auf. Unter dem Knistern der aneinander reibenden Skijacken und Skihosen betreten Mutter und Tochter ihre Ferienwohnung.

Während die Tochter, sie heißt übrigens Catharina, von ihrer Mutter in ein warmes Schaumbad gesetzt wird, macht sich die Mutter, die den Vornamen Signe hat, noch in langer Skiunterwäsche daran, das bewusst an diesem Morgen stehen gelassene Frühstücksgeschirr - denn es gilt täglich, so schnell wie möglich auf die Piste zu kommen - vom Tisch und in die Spülmaschine zu räumen. First call, last chair steht als Mottostreifen im Innenstoff ihrer Skijacke.

Nun kehrt der Vater nach Hause. Matthias. Er hat noch zwei Runden oben auf dem Gletscher gedreht und dann die Talabfahrt genommen. Am Nachmittag ist sie in dieser Jahreszeit aufgetaut. Der Nassschnee ist durch die Schwünge der Skifahrer zu Buckeln ausgeformt, die das Fahren anstrengend machen. Man muss stets an der richtigen Stelle, von Kuhle zu Kuhle, und nicht im eigenen Rhythmus, seinen Körper und seine Skier herumreißen. Matthias lässt sich erschöpft aufs Sofa fallen und schaltet den Fernseher an. Vor ihm auf dem Couchtisch improvisierter Osterschmuck. Eier, Ausmalbilder, Schokolade im Körbchen.

Und das, was die Familie nun im Fernsehen sieht, macht sie sprachlos, lässt sie beim Bild verharren. Minutenlang. Später wird Catharina in ihrer Kindertagesstätte im wiederholenden Singsang den Satz trällern „Notre-Dame brennt.“

Das Fernsehbild zeigt eine Kirche, die in Flammen steht. Darunter in der Dauerschleife Pariser Kathedrale Notre-Dame brennt. Ursache unbekannt. Feuerwehr im Dauereinsatz. Brand noch nicht gestoppt.

Signe und Matthias ertappen sich bei demselben Gedanken. Ihnen schießt durch den Kopf, dass dies ein Anschlag religiöser Fanatiker sein muss. Bekennungen dazu bleiben aus. Die Ursachenforschung beginnt in den nächsten Tagen. Das Bild der brennenden Kathedrale bleibt bestehen, wird in den Nachrichten täglich gezeigt.

Die Ursache für den Brand wird zunächst nicht geklärt. Man vermutet, dass es bei der Renovierung des Dachgeschosses einen Kurzschluss im Beleuchtungsapparat gegeben haben muss.

Oder ist der Brand dieser Stätte des Christentums der Fingerzweig einer höheren Macht? Wird etwas noch Bedeutenderes geschehen? Signe und Matthias ertappen sich bei einem kurzen Verharren in einer diffusen, vormodernen Ahnung, die sie dann, über sich selbst lachend, beiseiteschieben und sich sorglos den Notwendigkeiten des Tagesablaufs zuwenden.

Bei der jungen Familie im Skiurlaub handelt es sich um Touristen aus Deutschland. Was Signe angeht, so fühlt sie sich befreit und inspiriert, wenn sie über die Landesgrenzen fährt. Fragt man sie, was ihre Heimat ist, kneift sie die schmalen, nahe beieinanderstehenden Augen zusammen und weiß keine rechte Antwort.

Erster Teil

Unwissenheit des Herzens

Signe

Ich kenne diese Frau seit mehreren Jahren und ich weiß mehr über sie, als sie es sich annähernd vorstellen kann. Sie sitzt jede dritte Woche für eine Stunde vor mir auf einem schwarzen Ledersessel, setzt ihre Maske ab, sobald das Luftreinigungsgerät schnurrt, trinkt einen schwarzen Kaffee, nippt am Wasser ohne Kohlensäure und leert ihr Gehirn aus. Sie macht den Mund fast tonlos auf und zu. Wie ein Vogel, der zaghaft Körner vom Wiesenboden des Parks aufpickt und sich stets mit hektischen Blicken vergewissert, dass kein Fresskonkurrent in seine Nähe kommt.

Nach fünf Minuten ängstlichem Wortgepicke, entspannt sie sich merklich. Und nach weiteren fünf Minuten kommen ihre Worte cellotontief sonorend aus ihrem Bauch und setzen sich gemächlich und fett in meinen Raum. Auf meinen Schreibtisch, aufs Regal und in die langen, beigen Vorhänge. Von dort aus muss ich sie nur abholen, wenn Signe den Raum verlassen hat. Ich greife sie aus dem Gardinenstoff, von den Bilderrahmen, aus dem blauen Teppichboden, vom Regal und schreibe sie in meine Akte. Manches denke ich mir hinzu, fülle die Lücken, die zwischen Signes Wörtern klaffen, mit meinen Vorstellungen über sie und den Informationen, die ich im Laufe der Jahre zusammengetragen habe. Meistens lasse ich in meinem Terminkalender zwei Sprechzeiten zwischen Signe und dem nächsten Patienten frei, um genügend Zeit zum Schreiben zu haben. Glücklicherweise habe ich keine Sprechstundenhilfe, der das auffallen könnte.

In manchen Sitzungen erreicht Signe einen Punkt, an dem sie plötzlich weinen muss. Manchmal schreit sie kurz vor Wut auf. Sie hat einen schier unermesslichen Vorrat an Entsetzen, Trauer, Empörung und Angst in sich angestaut.

*

Es gibt nicht wenige Menschen, die ähnliche Symptome wie Signe haben. Wenn sie nur wüssten, was mit ihnen los ist, würden sie ihr Leben besser verstehen. Die meisten haben allerdings kein Interesse, die Wahrheit über ihre negativen Gefühlserbschaften zu erfahren und betäuben sie lieber mit Alkohol und Beruhigungsmitteln. Vielleicht entdecken Sie sich, verehrte Leser, an manchen Stellen wieder, wenn Sie von Signes Geschichte erfahren.

Ihr Fall interessiert mich besonders, weil diese Frau sich anstrengt, die Herkunft ihrer diffusen Gefühle zu begreifen, nur Bilder für diese findet und nicht an die eigentlichen Wurzeln herankommt. Sie setzt alles daran, sich nicht zu belügen, trinkt keinen Alkohol, raucht nicht, nimmt keine Medikamente, treibt Sport, bewegt sich an der frischen Luft, geht regelmäßig zum Zahnarzt und zur Frauenärztin, ernährt sich von unverarbeiteten Lebensmitteln, beschränkt ihren Medienkonsum und geht früh zu Bett. Sie gibt sich die allergrößte Mühe, alles richtig zu machen und dreht sich nur im Kreis. Sie hat durchaus verstanden, dass Anstrengung und Ehrgeiz ihr nicht helfen, sondern, dass das Loslassen eine größere Hilfe wäre. Allein das will ihr einfach nicht gelingen.

Signe kam schon einmal zu mir. Das ist einige Jahre her. Damals war sie von ihrer besten Freundin verlassen worden. Sie erzählte mir in einem erhellenden Moment der Offenbarung, dass sie und ihre Familie von einem Fluch befallen seien. Wir kamen nicht dahinter, was sie mit dieser Vorstellung verband. Später konnte sie sich nicht daran erinnern, das jemals gesagt und gedacht zu haben. Ich ließ sie ziehen, als es ihr besser ging und nahm sie mit großer Neugier wieder auf, als sie in einer neuen Krise steckte.

Man sieht sich zwei Mal im Leben, sagt man. Ich konnte es kaum erwarten, sie wieder vor mir sitzen zu haben. Irgendetwas gab es über diese Frau für mich herauszufinden, was mich weiterbringen würde. Ich spürte das, als sie zum allerersten Mal in meinem Praxiszimmer stand. Für den kurzen Moment, in dem ich in meinem Büro verschwunden war, um meinen Anrufbeantworter abzuhören, hatte ich sie bereits in meinen Praxisraum eintreten lassen. Als ich diesen Raum dannt betrat, sah ich ihren langen Rücken. Sie stand unbeweglich, als ob sie etwas anstarrte. Ich blickte an ihr hoch, verfolgte ihren schmalen, gebräunten Nacken mit seinen feinen, weißblonden Härchen und sah, dass sie am Pferdekopf hängen geblieben war.

Es ist das großformatige Gemälde eines wenig bekannten jungen Malers, das mich eines Abends spontan in einer Kunstgalerie ausgesucht hat. Ja, Sie brauchen mich nicht zu verbessern. Das Bild hat mich erwählt, nicht umgekehrt. Es stellt einen weißen Pferdekopf mit Hals, Rumpf, Vorderbeinen und Hufen dar. Einen Schimmel. Der Gaul hat die Augen aufgerissen und sein Maul ist riesig. Es gefiel mir auf Anhieb gut und es blieb das einzige Bild, das ich jemals gekauft habe. Ich sah es im Vorbeigehen, nach der Arbeit, auf dem Weg zur Straßenbahnhaltestelle, merkte mir den Namen des Galeristen, rief dort an und kaufte es.

Signe schien es zu gefallen oder zumindest interessierte es sie, denn sie fragte mich, wovor das Pferd scheute. Damit brachte sie mich auf das deutsche Wort, das zur Beschreibung des Gemäldes vonnöten war.

Das Pferd scheute, es schreckte wegen einer Sache auf, verharrte im Lauf, wich schreckhaft zurück. Sein Maul war weit aufgerissen, die Nüstern lagen in Falten, seine lange Zunge glänzte nacktschneckenfarben. Das Pferd wieherte. In solchen Situationen fällt für gewöhnlich der Reiter vom Pferderücken oder in der Kutsche gibt es einen merklichen Rumps. Ich konnte die Frage meiner Patientin nicht beantworten und zuckte mit den Schultern, wies sie an, Platz zu nehmen. Das Pferd fortan zwischen uns, das uns beobachtete und uns zuhörte.

*

Die Frage, ob sie ihren Beruf gewählt haben, um ihre eigene Selbsterkenntnis voranzutreiben, würde die Mehrheit meiner Kollegen mit Vehemenz verneinen. Ihnen, verehrte Leser, kann ich zugestehen, dass ein gewisses Interesse an der eigenen Verfassung - neben unserer wissenschaftlichen Begeisterung für die Psyche des Homo sapiens und unserer mitmenschlichen Sorge - uns dazu motiviert, unser Metier zu erlernen. Und jeder in unserer Berufssparte hat gewiss ein Mal in seiner Karriere mit einem Fall zu tun, mit dem er sich leidenschaftlicher und akribischer als mit all seinen übrigen Fällen auseinandersetzt und dabei nicht professionell bleibt.

Jedoch, ich will mein Fehlverhalten weder beschönigen noch verharmlosen und es ist mir bewusst, dass ich meinen Berufstand in Verruf bringe, wenn man öffentlich von meinen Überschreitungen erfährt. Sehen Sie es mir deswegen nach, dass ich fast alle Namen der Figuren in meiner Erzählung erfunden habe. Ich versichere Ihnen, meine geschätzten Leser, die volle Verantwortung dafür zu tragen, mein Schweigegebot gebrochen und in die Privatsphäre meiner Patientin eingedrungen zu sein.

Alles sei schön der Reihe nach erzählt, wie es sich zugetragen hat. Denn dafür lege ich meine Hand ins Feuer der Duftkerze mit Kieferaroma, die ich für meine Praxis kaufe. Alles, was ich hier berichte, entspricht der Wahrheit. Fast nichts ist hinzuerfunden. Und das, was, sagen wir „imaginiert“ wurde, um die Lücken der nachweisbaren Fakten zu füllen, hat zumindest die reiche Phantasiegabe meiner Patientin zur Quelle, die ich in Hypnose- und Aufstellungsséancen beobachten konnte. Sie hat wissende Felder gefunden und ich war Zeuge. Ich ließ währenddessen die Aufnahmefunktion meines Mobiltelefons laufen, sodass ich mich dafür verbürgen kann, dass alles, was ich in meinen hier folgenden Aufzeichnungen niedergeschrieben habe, so geäußert wurde.

Und darin besteht der noch schlimmere Verrat an meiner Patientin. Ich habe sie in ihren empfindlichsten Phasen belauscht, ihre Worte gestohlen. Habe mir zuhause meine Audioaufnahmen bei einem Glas Rotwein und Rumschokolade wieder und wieder angehört und in meine Niederschrift eingesponnen. So einer bin ich. Sie werden mich nicht leiden können. Das nehme ich in Kauf. Schenken Sie ruhig all Ihre Sympathie meiner Patientin oder lassen Sie auch das bleiben. Damit kann ich gut leben. Demungeachtet soll es nun endlich losgehen.

Als Signe damals, nach sechs Monaten, nicht mehr zu mir kam, habe ich angefangen, Nachforschungen zu ihrem Leben und zu dem ihrer Vorfahren anzustellen, denn sie kam damit zurecht, dass ihr Rätsel noch nicht gelöst war, mir aber brannte es auf den Nägeln. Ehe ich mich versah, war die Rekonstruktion ihrer Persönlichkeit meine Freizeitbeschäftigung geworden. Es ist ein heimliches Hobby. Ich kann mich nur Ihnen, verehrte Leser, anvertrauen, niemandem sonst.

Der Grund, warum ich nicht davon loskomme, war mir lange Zeit nicht klar und je nebulöser mir die Angelegenheit wurde, desto tiefer drang ich ins private Leben einer mir fremden Familie ein. Ich befragte ehemalige Nachbarn, studierte Briefe, Tagebücher, Fotos und Schriftstücke, die Signe mir dagelassen hatte, aufs Peinlichste genau, um Spuren, Indizien, Hinweise zu finden, um zu verstehen, wonach ich suchte.

Das war mir das Unheimlichste während meiner Studien zu Signe. Ich ahnte von Anfang an, mit Beginn unserer allerersten Sitzung, dass sie mir bei meiner Suche helfen würde. Das Problem war nur, ich wusste nicht, wonach ich suchte. Das Objekt meiner Bemühungen war mir gänzlich unbekannt. Einmal gab ich mich gar als Interessent an einer Immobilie aus, nur, um in Begleitung einer Maklerin das Haus von innen zu sehen, in dem Signes Vorfahren einst wohnten. Mehrfach habe ich Standesämter und historische Archive angeschrieben, um Lebensdaten und Dokumente zu Signes Familie zu erfragen. Dafür habe ich mir eine Emailadresse zugelegt, in der ich ihren Namen integriert habe. Als meine Patientin habe ich mich ausgegeben. Ein erbärmlicher Trickser war ich. Niemals sind mir Standesbeamte oder Archivare mit Skepsis begegnet. Entweder war meine Täuschung zu gut oder die Hüter der Vergangenheit freuen sich, wenn es überhaupt jemanden gibt, der sich für ihre sorgsam bewahrten, vergilbten alten Blätter interessiert. Obwohl man mir redselig zuraunte, dass es seit Ausbruch der Pandemie gehäufte Nachfragen von Ahnenforschern gäbe.

*

Wenn die Leute nicht wissen, wie die Zukunft aussehen wird, wenden sie sich der Vergangenheit zu. Wenn ihnen ihr eigenes Leben langweilig erscheint, hoffen sie, bei ihren Vorfahren interessante Geschichten zu finden. Wenn die Menschen eine als lebensbedrohlich empfundene Krise durchmachen, wird in ihnen die Neugier wach, wie es die Menschen vor ihnen geschafft haben, Seuchen und Kriege zu überleben.

Denn, dass die eigenen Vorfahren die Krise gemeistert haben, dafür sind die Menschen, die heute leben, der eindeutige Beweis. Alle, die es in der Vergangenheit nicht geschafft haben, die von Krankheiten oder durch Säbel und Kanonen den Tod fanden, haben gegenwärtig keine lebenden Nachfahren mehr.

Genug des amateurhaften Philosophierens über den Sozialdarwinismus. Das alles schreibe ich Ihnen nur, meine äußerst geschätzten Leser, damit sie ein Bild davon bekommen, wie weit meine Schnüffeleien gingen. Ja, ich lege Beichte bei Ihnen ab. Das tue ich. Nehmen Sie Platz auf der schmalen Bank und nehmen Sie sich gerne ein Kissen und eine Karaffe Messwein mit, denn die Geschichte, die ich Ihnen durch das hölzerne Gitter ins Ohr flüstere, wird keine kurze sein.

Insgeheim hoffe ich, dass Sie am Ende, wenn Sie alles erfahren haben, meinen Mangel an Diskretion auf die eine Waagschale und den Gehalt meiner Erzählung auf die andere legen und erst dann Ihr Urteil fällen, ob ich richtig oder falsch gehandelt habe.

Wenn ich Signe davon in Kenntnis setzte, verlöre ich ihr Vertrauen. Unausgeschlossen wäre es nicht, wenn sie mich zu Recht anzeigte, erführe sie von meinen heimlichen Machenschaften. Und auf das Schlamassel, in das ich dann hineingeriete, bin ich wahrlich nicht begierig.

Meine Heimlichtuerei hat zudem strategische Gründe. Je distanzierter ich mich ihr gegenüber verhalte, desto mehr kommt sie ins Reden. Ihre Scham und ihre Wut sind so filigrane Gefühlsgeschöpfe, dass sie diese mit großer Wahrscheinlichkeit vor mir verbergen würde, wenn sie herausfände, dass ich viel mehr über sie weiß, als es ihr recht ist.

Die Tatsache, dass ich Beweggründe und Informationsvorsprung gegenüber meiner Patientin verbergen muss, ist ein herausforderndes Spiel für mich. Ein paar Mal hätte ich mich beinahe selbst verraten, weil ich die falschen Fragen gestellt habe. Fragen, mit denen ich ihr Hinweise auf meine Motive gegeben habe. Aber da Signe ahnungslos ist, hat sie nichts gemerkt. Und so geht mein Spiel weiter.

Verstehen Sie mich nicht falsch, verehrte Leser. Nichts liegt mir ferner, als meiner Patientin Schaden zuzufügen. Um Ihnen gegenüber ehrlich zu sein, muss ich allerdings eingestehen, dass ich sie am Anfang aus mir unbekannten Gründen aus tiefstem Herzen verabscheute. Ich fand ihre Gestalt, ihre Stimme, ihre Gestik und Mimik aufs Tiefste unsympathisch und musste mich zusammenreißen, die mir übliche zugewandte und freundliche Form zu halten.

Mein erster Eindruck von Signe war, dass sie eine Attitude natürlicher Arroganz an sich hatte, die mir nicht passte, da ich sie als herrisch wahrnahm. Sie war nicht hochmütig in dem Sinne, dass sie sich über andere erhob. Ihr Umgang mit mir stellte sich als freundlich und verbindlich heraus. Ich durfte nichts gegen sie haben. Es war etwas an ihr, das mich wütend machte, obwohl sie mir bis dahin kaum etwas erzählt hatte.

So starke negative Gefühle hatte ich bis zu dem Zeitpunkt meiner Begegnung mit Signe nie einem Mitmenschen gegenüber empfunden. Mir fiel keine Erklärung dafür ein. Es war ein erstaunliches, besonderes Gefühl.

Ihr Anblick widerte mich nicht an. Signe hat ein symmetrisches Gesicht und einen durchschnittlich attraktiven Körperbau, eher gut erhalten für ihr Alter. Gerade Zähne, reine Haut, feine Gliedmaßen. Sie sieht im Grunde selbst aus wie ein Pferd, wenn Sie mir den Vergleich gestatten. Er soll nicht anzüglich klingen. Ich schreibe das nur, damit Sie sich das Auftreten meiner Patientin besser vorstellen können.

Signe hat eine gerade, lange Nase. Für eine westdeutsche Frau erstaunlich markante Wangenknochen. Eine hohe Stirn. Ihr Hals ist schmal und endet auf einem Korpus mit geraden Schultern. Auf ihren gebräunten Oberschenkeln zeichnen sich an der Seite Läufermuskeln ab, wie man es bei einem trabenden Pferd oder einem Kurzhaarhund beobachten kann.

Die Nervosität, die sie mitbrachte, erinnerte mich an einen weidenden Gaul im Sommer, der ständig die Mähne schüttelt, um Fliegen abzuwehren. Eine Stute, die nervös auf der Wiese hin und herläuft und versucht, dem Zustand des zwischen den Gattern Eingesperrtseins zu entkommen.

Nach unseren ersten Sitzungen stellte ich fest, dass sie selten dummes Zeug spricht und eher überdurchschnittlich intelligent ist. Das machte den Kontakt mit ihr erträglich und bald sogar angenehm. Die wichtigste positive Eigenschaft, die sie mitbringt, ist, dass sie niemals distanzlos ist. Sie ließe nicht zu, dass jemand anders als sie selbst ihr Problem löst und hält sich höflich zurück. Sie kommt mir nicht zu nah, riecht neutral bis gut. Der Klang ihrer Stimme quält mein Gehör nicht, vor allem, wenn sie zur Ruhe kommt und eine sanfte Tiefe erreicht. Ihr Kleidungsstil beschränkt sich konsequent auf modische Schnitte und dezente Farben. Niemals bleibt der Blick des Betrachters auf Hemdchen mit wirren Aufdrucken oder plakativen Lebensmottos hängen.

Sie verfügt über wenige emotionale Basisfähigkeiten, mit denen es ihr gelingen könnte, sich selbst, ohne meine Hilfe, aus ihrer Angststörung herauszuhelfen und will es doch allein schaffen. Es überrascht, dass sie sich Hilfe holt, da ihr Wunsch nach Unabhängigkeit ihr größter Antrieb ist.

Meine anfängliche Abscheu wich damals schnell einem manischen Interesse an ihrer Person, ohne, dass ich mir eine Erklärung für meine starke Reaktion auf sie zurechtlegen konnte.

Jetzt, da ich sie seit Jahren kenne, hat sich mein Empfinden für Signe gewandelt. Es hat sich ins Gegenteil verkehrt, obgleich ich mich an meine anfängliche Abscheu noch gut erinnern kann. Um ein Leichtes könnte ich meine negativen Gefühle von damals in mir wachrufen. Dies wäre nicht hilfreich. Also unterbinde ich es.

Das Erkennen meiner Abneigung gegenüber Signe war mir ein Geschenk. Nur, weil sie in meinem Leben, von dem ich mehr als zwei Drittel verbraucht habe, aufgetaucht ist, aus dem Nichts, konnte ich mit einer Suche beginnen, deren Notwendigkeit ich vorher nur geahnt habe. Sie gab meinem Leben eine Wendung.

*

Für gewöhnlich pflege ich einen sachlichen Umgang mit meinen Patienten. Ich lasse ihre Akten in meiner Praxis, wenn ich am frühen Abend in die Straßenbahn steige und nach Hause fahre. Dorthin, wo mich zur Zeit niemand erwartet, außer mein altes, geschecktes Katzenmädchen Bredica auf seinem verharrten Sessel am straßenseitigen Fenster meines Wohnzimmers im neunten Stock, auf den ich mich nicht mehr setzen kann und ihn ihr überlassen habe. Nun, auch sie springt sogleich auf und verlässt den Raum, sobald ich ihn betrete.

Dass ich auf Signe so stark reagierte, war mir ein Impuls, der mir helfen sollte, mein eigenes Rätsel zu lösen.

Zurzeit empfinde ich einen gewissen Beschützerinstinkt für sie. Noch ist es mir ein Vergnügen, ihr zuzuhören. Gelegentlich steigt ein leichter Anflug von Schadenfreude in mir auf. Diesen lasse ich mir nicht anmerken.

Ich übe meinen Beruf seit vielen Jahren aus, bin ein alter Fuchs darin und gehe mit Riesenschritten auf meine Rente zu. Oder sagt man alter Hahn? Nein, es ist der Hase. Bitte entschuldigen Sie.

Die therapeutischen Gespräche mit meinen Patienten langweilen mich die meiste Zeit, denn es gibt kaum etwas, das ich nicht einmal irgendwann gehört hätte.

Was mich dagegen martert, ist die Erkenntnis, dass ich Signe niemals verraten kann, welche geheime Verbindung wir möglicherweise haben. Und in dem Moment, wenn ich den Beweis für meinen Verdacht in der Hand halte, werde ich Signe von mir stoßen müssen. Nur kann ich das aus Gründen meiner medizinischen Verantwortung erst tun, wenn sie wieder auf festem Boden steht. Die Angelegenheit ist nicht unkompliziert und erfordert ein anspruchsvolles Timing.

*

Es gibt Menschen, die schon als Kind keine Scheuklappen haben, die alles um sich herum ohne Filter wahrnehmen und bereits in der Mitte des Tages erschöpft von allen Sinneseindrücken sind.

Einige sind von Geburt an so. Sie werden durch den Geburtskanal gepresst, öffnen die Augen, fixieren ihre Eltern, die Hebamme, das Krankenhauszimmer, die Falten der Bettdecke, die Lichter der medizinischen Geräte. Dies tun sie alles nur mit verschwommener Sicht, denn wir wissen, dass sich das Auge des Neugeborenen noch ausbilden muss.

Sie hören den Regen im Krankenhaushof niederprasseln, die Schritte der Pfleger auf dem Flur, das Rollen der Essenswagen, und sie schreien und zappeln so lange, bis sie fest in ein Tuch gewickelt werden. Hände und Beine eng am Körper, damit sie ihre Grenzen spüren und wissen, dass sie bei sich sein dürfen, so wie sie es im engen Nest der Fruchtblase waren, ruhend und lauschend, zappelnd und fühlend, beim fortwährend lauten Rauschen und Glucksen im Mutterleib.

So geschah es, als Catharina geboren wurde. Ihre Mutter Signe spürte sofort, was mit Cathi los war und gab sich alle Mühe, ihr die Begrenzungen zu geben, die sie brauchte, um ein in sich ruhendes Kleinkind zu sein. Woher Signe das wusste? Das fragte sie sich selbst. Niemand hatte es ihr erklärt. Sie hatte kein Buch über Geburten und Säuglingsversorgung gelesen, keinen Kurs besucht, keine Hebamme in der Schwangerschaft aufgesucht. Sie tat es intuitiv, als hätten es ihr die weiblichen Ahnen ganzer Generationen vor ihr im Schlaf zugeflüstert.

Und dabei kannte sie diese Ahnen nicht, denn Signe war zum Zeitpunkt der Geburt ihrer Tochter seit vielen Jahren Waise. Sie hatte weder Mutter noch Großmutter, die ihr die wesentlichen Fragen des Lebens beantworten konnten, nämlich, was man mit einem Säugling anstellt, wie er genährt und beruhigt wird.

War sie auch als solch wachsames und zappeliges Wesen geboren worden, wie sie es bei ihrer Tochter beobachtete? Das konnte Signe nicht beantworten. Sie wusste nur, dass sie als letztes von drei Kindern das erste war, das von ihrer Mutter gestillt wurde. Ihre Mutter hatte sich bewusst dafür entschieden, ihrem dritten Kind die Brust zu geben. Damit hatte sie sich Ende der Neunzehnhundertsiebziger Jahre gegen die verbreitete Lüge durchgesetzt, dass Muttermilch Pestizide enthalte und man seinem Baby möglichst gekaufte Muttermilchersatzprodukte geben solle.

Signe hatte ihre ersten Lebenswochen auf dem Körper ihrer Mutter verbracht und die Wärme und Ruhe bekommen, die sie brauchte. Und ihre Mutter Karin hatte dabei bewusst die Tipps aus dem Buch Die Mutter und ihr erstes Kind ignoriert. In dem Erziehungsratgeber wurde Eltern empfohlen, ihre Kinder gefühlsmäßig abzuhärten, damit sie keine Tyrannen werden. Karin hatte keins ihrer Kinder nachts schreien lassen. Viele Eltern taten das in der falschen Annahme, dass ihr Kind dadurch lerne, allein einzuschlafen. Beim ersten Kind war sie dem geläufigen Ratschlag gefolgt, aber als ihre erste Tochter so lange schrie, bis sie vor Sauerstoffmangel blau anlief, hatte Karin sich geschworen, in Betreuungsfragen nur noch ihrem Bauchgefühl zu vertrauen. Signe war Karins dritte Tochter und hatte als Kleinkind Schutz und Nähe erfahren.

Die erhöhte Wahrnehmung von Stimmungen musste in Signe von Anfang an angelegt, aber erst später zutage getreten sein.

*

Es gibt Kinder, die zu besonders aufmerksamen Wesen werden, weil sie in Familien aufwachsen, in denen sie ihre Eltern, die ihnen ängstlich oder traurig erscheinen, beschützen und glücklich machen wollen. Und es gibt eine Generation von Deutschen, die als Kinder dachte, so wachsam sein zu müssen. Ich meine die Gruppe der deutschen Kinder, die im zweiten Weltkrieg geboren wurden oder während des Krieges Kinder waren.

Es betrifft ebenso die nachfolgende Generation, nämlich die Kinder der Kriegskinder. Kriegsenkel wuchsen in Familien auf, in denen sie ihre Eltern als emotional abwesend empfanden, weil diese ihre mitunter schlimmen Kriegserlebnisse nicht verarbeitet hatten und davon noch als Erwachsene gedanklich verfolgt wurden.

Die Erfahrung der Kriegskinder, im Krieg geboren worden zu sein, die offensichtliche Zerstörung und alltägliche Gewalt, die versteckte Angst und unterdrückte Trauer, die sie als Kleinkinder erlebten, für die sie keine Worte hatten, weil sie des Sprechens noch nicht mächtig waren, all die apokalyptischen Bilder fraßen sich in ihre Gehirne und wurden nicht verdaut. Sie prägten ihre Wahrnehmung von Welt.

Für die erwachsenen Kriegskinder war die Welt insgeheim ein Lebensraum, in der sie ständig einer schwelenden Gefahr ausgesetzt waren. Ein Umfeld, dem man am besten mit Misstrauen und Vorsicht begegnete. Gleichzeitig herrschte der soziale Anspruch, das Leben in vollen Zügen zu genießen, denn es ging einem materiell ausgezeichnet in Deutschland.

Kollektiv unausgesprochene Innenwelt und gelebte Außenwelt passten nicht zusammen. Es knirschte in den Ehen der biologisch erwachsenen Kriegskinder, die in mancher Stunde emotional noch in den Kinderschuhen steckten, die gesehen, anerkannt, geliebt und getröstet werden wollten.

Und viele Kinder dieser Kriegskinderpaare übernahmen die Skepsis gegenüber der Welt, die ihre Eltern ihnen vorlebten. Zugleich erwarteten ihre Kriegskindeltern von ihnen, das Allerbeste aus ihrem Leben zu machen, denn dazu waren sie wegen ihrer glücklichen Geburt in befriedeten Zeiten wahrlich verpflichtet!

Wenn diese Kriegsenkel von einer starken Gemütsbewegung ergriffen werden, brauchen sie Zeit, um ihre Gedanken und Affekte zu sortieren. Sie müssen alles besonders gründlich machen. Sie wägen stets aufs Neue ab, ob eine Deutung, die sie vorgenommen haben, richtig ist.

Sie haben nicht die Möglichkeit, sich selbst zu beschwichtigen, bevor sie die Sache nicht bis zum letzten Fragezeichen aufgeklärt haben. Solange werden Ideen abgewogen und hinterfragt, bis sie sich selbst glauben können.

Ihr permanentes Kontrollverhalten brauchen sie zum Selbstschutz. Wenn solche Filterlosen auch nur in die Nähe einer real existierenden Krisensituation geraten, werden alle mentalen Streitkräfte mobilisiert und in einen voll mit Adrenalin getankten Ausnahmezustand versetzt, der alle Optionen des vorausschauenden Handelns durchspielt.

Nur, kein Außenstehender wird es ihnen anmerken, denn es passiert im Verborgenen. Eine solch löchrige Abwehr mag auf den ersten Blick als mangelnde Widerstandsfähigkeit erscheinen. Tatsächlich reden wir jedoch über die eigentlichen Anführer im Spiel des Lebens, wenn sie es schaffen, ihre Kräfte zu nutzen und nicht vom reißenden Schlund ängstlicher Ungewissheiten herabgezogen werden.

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Vielleicht erlebt jeder Mensch in seinem Leben einen derart außergewöhnlichen Augenblick, der seine bisherige innere Ordnung auf den Kopf stellt. Wenn die Königin den Stock verlässt, schwirren die Arbeitsbienen durcheinander, wissen nicht, wohin. All die Gedanken, Fragen, Erinnerungen und man weiß nicht, was in welche Wabe gehört. Die menschliche Psyche kann nicht unterscheiden, ob ein aufkommendes Gefühl der Gegenwart, der Vergangenheit oder der Zukunft angehört.

Immerhin findet das Gedankenchaos bei den meisten Menschen innerhalb einer eingegrenzten Fläche statt. Das herumschwirrende summende Chaos bleibt im Stock und niemand folgt der alten Königin nach draußen. Auch wenn für kurze Zeit alle Dämonen Achterbahn fahren und Trampolin springen, sie hüpfen weder ins Bodenlose noch all zu himmelwärts. Sie lassen sich schön zurück an ihren Platz pfeifen, weil eben gerade das Nudelwasser überkocht, man seine Lebensmittel aufs Band legen muss, die Ampel grün wird, die Straßenbahn einfährt oder das Kind schreit.

Signe erlebte einen solch ungewöhnlichen Moment, als die Pandemie ausgebrochen war und das Schulministerium die Weisung gegeben hatte, dass zur kurzfristigen Eindämmung der Verbreitung der lebensbedrohlichen Viren vorerst alle Schulen schlössen. Es betraf sie, weil sie Lehrerin war.

Dies geschah an einem Freitagmittag im März. Zwei Monate zuvor hatte man in den Nachrichten gehört, dass in China ein Virus ausgebrochen sei. Anfang März brachten chinesische Wanderarbeiter der Textilbranche die Viren nach Mailand und es wurde klar, dass eine Ansteckung unberechenbare gesundheitliche Folgen hatte. Sie führte zu Fieber, Erbrechen, zeitlich begrenztem Verlust des Geruchs und Geschmacks, ging auf die Atemwege, griff die Lunge an.

Der französische Präsident verkündete in seiner Ansprache an die Nation, Frankreich befinde sich im Krieg gegen das neuartige Virus. Viele Infizierte zeigten wenig oder keine Symptome, so hieß es, steckten aber, auch ohne Symptome, ihre Mitmenschen an.

Das war das Unheimliche an diesem Virus. Es war unsichtbar und unberechenbar. Der Mitmensch wurde zum potentiellen Feind. Signe hielt die Luft an und zog die Nasenflügel ein, wenn sie an einem Spaziergänger vorbeikam.

Zuerst sagte man, dass sich nur Menschen mit Vorerkrankungen und starke Raucher vor einer Ansteckung fürchten müssten. Später hörte man, dass die Krankheit auch gesunden Menschen jüngeren Alters und in seltenen Fällen Kindern arg zusetzen konnte.

Dann überschlugen sich die Ereignisse. In den norditalienischen Krankenhäusern wurden die Beatmungsgeräte knapp. Man sah und hörte Ärzte in Internetvideos, die händeringend davon berichteten, dass sie Tirage machen mussten. Sie entschieden, welche Menschen sie sterben lassen mussten und wem sie eins der knapp gewordenen intensivmedizinischen Geräte gaben. Ein Mensch, dessen Heilung man als weniger wahrscheinlich einschätzte, wurde in dieser Situation nicht mit einem Beatmungsgerät versorgt, zugunsten eines jüngeren Menschen mit besserer Prognose.

In den italienischen Dörfern, wo die Großeltern in einem Haus mit ihren Kindern und Enkelkindern lebten, hatte es viele alte Menschen getroffen. Die Jungen hatten das unsichtbare Virus nichtsahnend zuhause an die Alten übertragen. Und dann durften sie sich nicht einmal von ihnen verabschieden, denn aufgrund der immensen Ansteckungsgefahr wurde Gästen der Zutritt zu den Intensivstationen verwehrt. Ärzte hielten den Dahinsiechenden ein digitales Gerät unter die Nase, damit sie sich zumindest in einem Videogespräch auf ihrem Weg ins Himmelreich von ihren Verwandten verabschieden konnten.

In Deutschland leben die unterschiedlichen Generationen getrennt voneinander. Hier gab es verheerende Ansteckungswellen und Todesfälle in den Altersheimen, weil die Pflegekräfte das Virus hinein schleppten, ohne davon zu wissen, dass sie es in sich trugen. Trotzdem nahmen in Deutschland viele Menschen diese Meldungen nicht ernst und spotteten über die Rückständigkeit italienischer Krankenhäuser. Die Italiener seien chaotisch und im Gesundheitswesen nicht gut aufgestellt.

Italien hatte Pech gehabt, da es das erste europäische Land war, in dem die Pandemie zugeschlagen hatte.

Viele deutsche Hospitäler richteten spezielle Intensivstationen mit Beatmungsgeräten ein und sagten dafür geplante Operationen ab. Als die Pandemiestationen dann vorerst leer blieben, schimpfte man, dass Krankenhäuser mit leeren Betten wirtschaftlich nicht rentabel seien. Der deutsche Gesundheitsminister bat die Bevölkerung, sich überall die Hände zu waschen, denn das Virus verbreite sich besonders über Schmierinfektionen.

Das Ministerium machte Werbung für das Händewaschen mit Seife und verbreitete den praktischen Ratschlag, man solle dabei drei Mal hintereinander ein fröhliches Liedsingen, damit das Händewaschen auch ja lange genug währte. In dieser Zeit gewöhnte man sich das Ritual des Händeschüttelns ab. Zur Begrüßung stieß man nun Ellbogen an Ellbogen oder Faust an Faust.

Signe wurde bei ihrer Beobachtung der epidemiologischen Lage zunehmend nervöser und bestellte sich Schutzhandschuhe aus Baumwolle, die sie fortan trug, sobald sie das Haus verließ.

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Das Naturell einer Krise ist, dass sie nicht vorhersehbar ist und ihr Ende offen. Darin steckt eine immense Unsicherheit. Interessant ist, wie unterschiedlich Menschen auf Krisen reagieren. Ihre Reaktionen hängen davon ab, wie sie veranlagt sind und welche bisherigen Lebenserfahrungen sie gesammelt haben.

Eine Frau wie Signe sollte in der Krise mit großer Eindringlichkeit zu spüren bekommen, dass ihr Leben nicht mit ihrer Geburt begonnen hatte, sondern, dass tief in ihrem - von Vorfahren vererbten – Erfahrungsschatz Kräfte, Ängste und Kreativität gespeichert waren, auf die sie zurückgreifen konnte. Ihre Ahnen hatten ihr vom Guten und Schlechten zu gleichen Teilen mitgegeben. Erstaunliche Bewältigungsstrategien und unverarbeitete schreckliche Erlebnisse. Diese wollten von Signe erkannt werden. Sie spielten mit ihr Fangen und Verstecken. Signe fühlte sich davon belagert. Sie drängten sich auf, wollten sie hinabziehen, wollten gefunden, getröstet und betrauert, anerkannt und gewürdigt werden. Allein, es war ein Schritt für Signe, sich dies einzugestehen, da sie ein Kind der Aufklärung ist, wie wir alle. Wir glauben nicht mehr an Erkenntnisgewinn durch sinnliche und übersinnliche Zugänge. Wir vertrauen wissenschaftlichen Behauptungen. Das Verb sich einer Sache entsinnen ist aus unserem Sprachgebrauch beinahe verschwunden. Nehmen Sie das als Beweis.

Fangen wir nun von vorne an, geschätzte Leser. An Signes Arbeitsplatz geschah es an einem Freitag, den dreizehnten März, in der zweiten großen Pause. Alle Lehrer sollten sich versammeln. Signe hielt sich abseits, in der Nähe der Tür zum Verwaltungstrakt, auf. Die Ansammlung großer Menschenmengen in einem Raum erschien ihr zu diesem Zeitpunkt bereits ungünstig. Damit war sie die einzige. Ihre Kollegen standen dicht an dicht im überfüllten Zimmer. Wie war es möglich, so unbesorgt zu sein? Der Schulleiter richtete sich mit den Worten an sein Kollegium: „Uns erreichte eine Mail vom Ministerium, dass ab Montag die Schulen schließen. Bitte teilen Sie ihren Schülerinnen und Schülern mit, dass sie ihre gesamten Arbeitsmaterialien mit nach Hause nehmen.“

Zwanzig Minuten später erreichte diese Nachricht die Kinder und Jugendlichen. Das Gebäude dröhnte vom lauten Freudengeschrei. Für Signe war es unvorstellbar. So etwas war noch nie passiert.

Neben der Mehrheit der Kinder, die sich unbekümmert freuten, gab es wenige, die zu Signe Blickkontakt aufnahmen. Sie spürte, da war Angst im Blick und die wachsamen Kinder merkten, sie fühlt wie wir. Signe konzentrierte sich darauf, beständig und optimistisch zu wirken. Sie erwiderte die Unsicherheit der Schüler mit einem festen Blick, der Sicherheit ausstrahlte. Dazu war schauspielerhaftes Verstellen notwendig, denn Signe fühlte sich alles andere als sicher.

In ihrem Kopf setzte sich ein Karussell an ungeordneten Gedanken in Schwung. Zwar hatte es sich in den letzten Tagen und Wochen befremdlich angefühlt, dass in den Schulen täglich große Gruppen an Menschen ungeschützt zusammenkamen. Sie hatte täglich mit dieser Ankündigung gerechnet. Jedoch, als es so weit war, beschlich Signe ein Gefühl der historischen Ernsthaftigkeit. Seltsamerweise fühlte sich das nicht neu, sondern vertraut an.

Mit der Entscheidung zur Schulschließung hatte die Pandemie einen erheblichen Stellenwert im gesellschaftlichen Leben eingenommen, denn ihre Folge war, dass Eltern tagsüber arbeiten und währenddessen ihre Kinder betreuen mussten. In diesem ersten Lockdown versperrte man die Kinderspielplätze mit rotweißem Plastikband, damit die Kinder keinen Kontakt zueinander hatten. Öffentliche Veranstaltungen wurden abgesagt. Der Einzelhandel musste seine Ladentüren schließen. Frisöre und Fitnessstudios machten dicht. Nur die Supermärkte blieben geöffnet.

Vor einigen Lebensmittelgeschäften in K. bildeten sich Schlangen. Signe konnte nicht nachvollziehen, wie man sich freiwillig in eine Wartereihe stellen konnte. Das war ein absurdes Verhalten. Der gesellschaftliche Lockdown diente dazu, die Leute zu sozialem Abstand zu zwingen, damit die Ansteckungsrate sank. Das schien Niemand in den Reihen der Schlangestehenden zu begreifen, denn sie standen nahe beieinander. Genauso gut könnte man seine Abendessenspläne ändern oder spontan zu einem anderen Supermarkt fahren. Ist der Mensch ein solches Herdentier, dass er sich dort hinstellt, wo viele seiner Art sind? Kann er nicht für sich entscheiden und seine Gewohnheiten ändern? Dies waren die Gedanken, die Signe bei der Beobachtung ihrer Mitmenschen hatte und die in ihr ein erhebliches Misstrauen keimen ließen.

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Die Menschen machten Hamsterkäufe. Allerdings waren sie spät dran, denn die Prepper hatten sich seit Januar mit Vorräten eingedeckt. Nun, im März, gab es kein Mehl, keine Hefe, keine Nudeln, keine Milch, keinen Reis mehr zu kaufen. Im Internet verbreiteten sich Videos, wie man aus Kartoffeln Hefe herstellen kann. Signe bezweifelte, dass die Mehleinkäufer eigenständig Brot und Pizza buken, denn die Bäckereien und Kühltheken der Supermärkte waren nach wie vor jeden Tag voll mit frischer Ware.

Die Leute kauften Mehl und Hefe für den Ernstfall und ließen die Zutaten notfalls in ihren Kellern vergammeln, von Mehlwürmern oder Mäusen anknabbern. Man machte Witze über des Deutschen wichtigste Reserve, die zuhauf eingekauft wurde und die mittlerweile Mangelware war. Das Toilettenpapier. Der Humor hatte einen faden Beigeschmack. Denn bei näherem Hinhören lachte niemand aus vollem Herzen. Man überspielte seine Angst vor der großen, unbekannten Gefahr.

Es gab weder Not an Hygieneartikeln noch an Lebensmitteln. Nur führte die erhöhte Nachfrage der verunsicherten Bevölkerung zu Lieferengpässen.

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Am Samstagmorgen Mitte März, der Morgen nach der verkündeten Schulschließung, offenbarte Matthias Signe nach dem Frühstück, dass er bereits zu Beginn des Jahres heimlich Vorratseinkäufe unternommen habe. Er führte seine Frau zum Gartenschuppen und öffnete die knatschende Tür. Im schwachen Morgenlicht erkannte Signe mehrere Paletten Nudeln, Reis, Milch, Gemüse in Dosen, Apfelmus, Toilettenpapier, Mehl, Hefe, Milch, Kaffee, Tomatenmark.

Der Anblick dieser Vorräte ließ Signe zusammenzucken. Ohne nachzudenken fragte sie: „Und das Mineralwasser?“

Sie hatte den Keller ihres Elternhauses vor Augen. Ein Bild, das sie lange nicht mehr gesehehen hatte. Im dunklen Vorratskeller hatten ihre Eltern Lebensmittel und Mineralwasserkisten gebunkert. Warum war das so gewesen? Für welchen Ernstfall hatten diese Lebensmittel dort gestanden? Wieso benutzte Signe das Verb bunkern, als sie mir davon erzählte?

Signe zwang sich dazu, ihre Erinnerungen zu ordnen. Es war ihr zumute, als wäre ihr Gehirn nicht mehr ansprechbar. Ihr Körper hatte sich auf Flucht programmiert. Hatte sie genau diesen Augenblick nicht schon einmal erlebt? Wie ein Rauschen im Hintergrund hörte sie ihren Mann antworten: „Wasser wird es immer geben. Aber ich habe noch einen Notstromaggregator gekauft, falls die Pandemie in den Elektrizitätswerken das Personal schachmatt setzt.“

Signe trat rückwärts aus dem Garten, starrte in den Himmel. Sie schaute, weil da eben nichts war, kein Flugzeug zu sehen. Der Flugverkehr eingestellt, um die weitere Ausbreitung der Pandemie über die Landesgrenzen hinweg zu stoppen. Und obwohl der Himmel strahlend blau und ohne Kerosinstreifen und kein Laut zu hören war, kam es Signe auf einmal so vor, als käme von oben ein donnerndes, zerstörerisches Unheil auf sie zu.

Die Einstellung des Flugverkehrs und die Schulschließung waren zwei Geschehnisse, die vorher undenkbar gewesen waren. Die bis zu diesem Zeitpunkt verharmlosend auftretende Regierung hatte vor der realen Bedrohung durch die Pandemie kapituliert und gab zu, dass sie eine echte globale Krise war. Eine Herausforderung, wie sie die Deutschen „seit dem zweiten Weltkrieg“ nicht mehr hätten annehmen müssen, wurde in der öffentlichen Ansprache der Regierungschefin gesagt. Auch wenn sie diesen Satz nur mit einem Ohr mitbekam, weil sie vermutlich gerade mit dem Tischdecken oder Wäscheaufhängen beschäftigt war, klopfte er an Signes Gehirn. Zuletzt waren die Deutschen im Zweiten Weltkrieg derart herausgefordert. Im zweiten Weltkrieg, wuchs das Klopfen zu einem Trommeln an.

Da stand Signe, an diesem Frühlingsmorgen, an einem Samstag nach Bekanntgabe der Schulschließung, draußen, im Garten und guckte. Nach oben. In den wolkenlosen, strahlend hellblauen Nachmitttagshimmel, der Himmel gewesen war, seitdem Menschen auf der Erde lebten und nach oben schauten. Es kam kein einziges Flugzeug. Der Himmel, einfach nur blau und hell und ohne Störung.

Und sie entsinnte sich plötzlich des Geräusches herannahender Flugzeuge. Der Himmel war voll davon. Die Lautstärke war ohrenbetäubend. Es lag ein Gefühl von Panik in der Luft. Musste sie sich auf den Boden schmeißen? Musste sie davonrennen? Musste sie ihr Kind retten?

Stoppt Tieffluglärm! hatte auf einem Poster im Zimmer ihres Vaters gestanden und darunter ein Foto seines Kollegiums.

Signe erinnerte sich an die Düsenjets, die in ihrer Kindheit für Routine-Luftübungen mit irrer Geschwindigkeit über die Städte rasten und dabei einen Höllenlärm machten. Man hörte sie nahen, mit einem grollenden, noch fernen Geräusch. Ehe man sich versah, zischten sie über dich hinweg mit einem durchdringenden Kreischen, das ihr als Kind einen Schlag in die Magengrube gab.

Für die Generation ihrer Eltern, dachte Signe, muss das Geräusch der Kampfflieger noch verstörender gewesen sein, denn sie waren ja, und das wurde Signe in diesem Augenblick bewusst, denn sie waren ja im Bombenhagel zur Welt gekommen.

In diesem Moment durchfuhr sie eine gedankliche Lähmung bei gleichzeitiger Unruhe in allen Gliedern. Gedanken, die sie anfing zu fassen, landeten nach kurzer Zeit in einer Sackgasse, ließen sich nicht zu Ende denken. Gleichzeitig rennen und sich tot stellen wollen.

Bilder tauchten aus Tiefen ihrer selbst auf, die sie nicht greifen konnte. Wie soll das werden? Wo sollen sie hin? Wieso diese Fernsehmeldung über Delphine, die nun in der Bucht vor Venedig auftauchen, weil die Kreuzfahrtschiffe in den Häfen bleiben? Wer will das wissen? Es geht ums Überleben. Auf keinen Fall anstecken. Wieso ist es auf einmal so hell? Wegen des fehlenden Kerosins in der Atmosphäre? Sieht so das Ende der Welt aus? Ein wolkenloser Himmel und eine gleißend helle Sonne? Wie soll sie unterrichten und gleichzeitig Cathi betreuen? Welche Freundin darf sie treffen? Sie haben wirklich alle alten Leute in den Altersheimen isoliert? Sollen sie da alleine sterben? Wer hilft denn jetzt? Wer hat einen Ratschlag?

Wie war es damals in der Stunde Null? Wie konnte ihre Großmutter Anneliese Essen finden? Sie musste ihren guten Schmuck für ein paar Eier und Speck der hartherzigen Bäuerin geben. Das hatte ihr Vater Klaus einmal beiläufig erwähnt. Er hatte wenig über seine Kindheit erzählt. Warum musste sie nur jetzt daran denken? Ihre Eltern waren seit nunmehr zwanzig Jahren verstorben. Signe hatte die Vergangenheit nicht mehr an sich herankommen lassen, weil sie es leid war, über den frühen Verlust zu trauern. Sie wollte leben und alles, was sie sich aufgebaut hatte, Tag für Tag, Stunde für Stunde genießen.

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Die Katastrophe war möglich. Dass es eines Tages so kommen werde, das hatten ihre Eltern ihr geprophezeit, auch wenn dies nur ein Gefühl war, das sie an Signe und ihre Schwestern weitergegeben hatten. Ausgesprochen hatte das niemand. Die Katastrophe, es gab sie nicht nur in Filmen. Sie war wahrscheinlich, sie stand bevor.

Dieser Kellerraum voller Hamstervorräte für den Ernstfall im Elternhaus. Manchmal hatte Signe von ihm geträumt. Ihre Eltern sprachen nicht über diesen Keller. Aber Signe sah die Lebensmittelreserven und Wasservorräte und auf das gefühlsstarke Kind machte dieser Anblick Eindruck, vor allem, weil ihre Eltern nicht darüber sprachen. Das Fundament ihres Elternhauses barg geheime Vorräte, war aus Sorge um die Zukunft gebaut. Hatten ihre Eltern damals Angst vor einer nuklearen Katastrophe? Vor einem dritten Weltkrieg?

Kameraaufnahmen von Autobahnen in China wurden verbreitet, auf denen die Menschen aus Großstädten hinausfuhren. Alle waren in derselben Richtung unterwegs, auf einer Spur. Eine riesige Autokarawane raus aus der Stadt. In den chinesischen Innenstädten bewegten sich Personen in Schutzkleidung, die mit Kanistern Desinfektionsmittel an öffentlichen Orten versprühten. Die verbleibenden Menschen in den großen Städten durften ihre Wohnungen nur für das Einkaufen oder für die Arbeit verlassen und mussten Passierscheine vorzeigen.

An den Pariser Bahnhöfen drängten sich die Städter in die Züge, um in ihre Wochenendhäuser auf dem Land zu gelangen. Würde es aus Deutschland bald ähnliche Bilder geben?

Es zischte hin und her in Signes Kopf, als sie dort im Garten stand und in den Himmel schaute. Ihre Muskeln verkrampften. Unangenehm. Druckgefühl auf der Brust wie in einer zu engen Korsage. Du musst dich zusammenreißen, es wird schon. Von Tag zu Tag denken! Signe zwang sich zu Tätigkeiten, um von ihrer Panik abzulenken. Aber das Chaos ihrer Gedanken war stärker. Kaum Kontrolle möglich. Ein Nebelschleier vor ihren Augen tauchte auf. Sie strengte sich an, ihn wegzuwischen, ohne Erfolg. Sie konnte es nicht bezwingen.

Cathi darf sich nicht um mich sorgen. Signes Panzer schnürte sie so stark ein, dass sie eine Lösung finden musste. Dieser Zustand währte bis zum Nachmittag, bis Signe meinte, kurz davor zu stehen, dass entweder die Synapsen in ihrem Gehirn Funken schlügen oder ihr Herz in zu schnellem Galopp hechelnd, jeden Moment stolpern musste. Da kommen donnernde Flugzeuge am Himmel auf uns zu! Gleich wird alles vernichtet werden!

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Signe und ihre Familie lebten am südlichen Stadtrand von K., in der Gartensiedlung im Volkspark. Es war ein hellhöriges Haus von schlechter baulicher Qualität, direkt in der Besatzungszeit nach dem Krieg gebaut. Doch hatte es eine schöne Form, ausgewählte Natursteinfliesen in Flur und Küche und einen riesigen Garten, was sie und ihren Mann vor drei Jahren dazu bewegt hatten, dem zuständigen Liegenschaftsamt Kaufabsichtserklärungen zu schicken, auf der sie zwei Mal ein neues Gebot abgaben, um sich gegenüber den konkurrierenden Interessenten durchzusetzen. Am Ende durften sie das Häuschen für eine viel zu hohe Summe Geld kaufen. Aber was sollte es? Es war nur Geld und sie fühlten sich wohl.

In einer einzigen Gartensaison hatte Signe aus einer vernachlässigten Wiese voller Gestrüpp und von Himbeerranken überwuchert, einen gleichermaßen eleganten wie einladenden Garten geschaffen, während ihr Mann das Haus von innen mit viel Feinfühligkeit sanierte und Signes Straßengeschenken ihren Platz gab. Sie hatten sich ihr Paradies geschaffen und sich perfekt im Alltag eingerichtet.

Das Haus am Stadtrand lag nur so weit von Signes Arbeitsplatz entfernt, dass sie noch gut mit dem Fahrrad hinfahren und dieses als sportliche Einheit auf ihrem Fitnesskonto gutschreiben konnte. Cathis Kindergarten war einen Katzensprung weit weg. Matthias verband den morgendlichen Bringdienst seiner Tochter mit einem Spaziergang.

Wahrlich, Signe hatte bis zu ihrem vierzigsten Geburtstag viel von dem erreicht, was sich andere Menschen wünschen. Einen klugen und unterstützenden Partner an ihrer Seite, eine gesunde Tochter, eine Tätigkeit, die ihr Spaß machte und ihr ein sicheres Monatsgehalt gab, ein außergewöhnlich schönes Zuhause.

Signe hatte Geisteswissenschaften studiert. Die Gründlichkeit, mit der sie einer Fragestellung nachging und die Begeisterungsfähigkeit für Themen, die ihre Altersgenossen befremdlich fanden, hatten ihre Universitätsprofessoren auf sie aufmerksam gemacht. Nach den Abschlussprüfungen bekam sie von mehreren Professoren angeboten, bei ihnen eine Doktorarbeit zu schreiben. Signes Sicherheitsbedürfnis ging indes so weit, dass sie so schnell wie möglich verbeamtete Lehrerin sein wollte.

Stolz auf sich hatte sie noch nie sein können. Sie wäre es gerne einmal, weil sie neugierig auf dieses Gefühl war. Es erschien ihr merkwürdig, dass sie in Momenten des Erfolgs nicht selig innehalten konnte. Das Gegenteil war der Fall. Wenn Signe ein Ziel erreicht hatte, bekam sie Angst vor der großen Leere und suchte sich schnell eine neue Aufgabe.

Mehr als dies. Manchmal ertappte sie sich bei dem tief sitzenden, kaum zu greifenden Gedanken, dass sie den Erfolg nicht verdient hatte oder dass er nichts wert war. Es machte sie traurig, wenn sie an einem vermeintlichen Ziel angekommen war.

So war es auch mit dem Haus gewesen, was sie allerdings ihrem Mann nicht verriet. Fünf Jahre lang hatte Signe beinahe täglich die Verkaufsannoncen auf dem Immobilienmarkt kontrolliert, ob es irgendetwas gab, das ihren hohen Vorstellungen entsprach und finanziell zu bewerkstelligen war. Es war nicht leicht gewesen, in der Großstadt K. ein solches Wohnobjekt zu finden. Mit ihrer Art, sich an einem Ziel mit aller Kraft festzubeißen, war es ihr am Ende gelungen.

Als sie den Kaufvertrag unterschrieben hatte und mit Notar und Juristin der Liegenschaftsbehörde anstieß, erschien ihr der Moment indes lächerlich banal. Schlimmer noch, als sie das Haus bezogen hatten, ertappte Signe sich bei dem Gedanken, ob dies überhaupt der richtige Wohnort wäre. Hätte sie nicht viel besser nach dem Studium in ihre Heimatstadt zurückgehen sollen? Wäre nicht ein mehrjähriger Auslandsaufenthalt die bessere Option gewesen? War dies überhaupt die richtige Stadt, um sie als Lebensmittelpunkt gewählt zu haben? Wo war das Heimatgefühl? Hätte sie es nicht haben müssen?

So ärgerte Signe sich über sich selbst. Sie verurteilte sich, niemals zufrieden zu sein. Mehr war es nicht, was sie sich wünschte. Es war eher so, dass ein Teil von ihr, jede Minute dazu bereit war, alles hinzuschmeißen, was sie sich aufgebaut hatte, um von neuem anzufangen. Das, was ich neu gebaut habe, reicht nicht an das Alte heran. Da gab es einst etwas, das von makelloser Perfektion und Schönheit war. Allein, es ist unwiederbringlich verloren gegangen.

Signes stark ausgebildete Selbstregulation hielt sie davon ab, einmal Erreichtes wieder hinzuschmeißen. Ihre Gedanken behielt sie für sich, um Matthias nicht zu vergrämen. Signe schämte sich für ihre Rastlosigkeit, für ihre Ungemütlichkeit. Für ihre Befürchtung, niemals ankommen zu können. War es nicht ihre Aufgabe, in der Familie dafür zu sorgen, dass sich alle wohl und zuhause fühlten?

*

Nachdem Signe wie gebannt auf die Hamstervorräte gestarrt hatte und danach in die Luft, zog sie mehrmals ihre Gartenhandschuhe an und aus, ohne sich recht an die Arbeit zu machen. Sie stand unschlüssig vor der Hainbuchenhecke, die gestutzt werden wollte. Sie tat den Akku ins Ladegerät, goss die Kübelblumen und vergewisserte sich mehrfach, ob sie auch wirklich den Deckel der Regentonne verschlossen hatte. Nicht, dass ein Tier hineinfällt und darin ertrinkt oder gar ein Kind! Matthias musste unbedingt die alten Terrassensteine, die neben der Regentonne gelagert waren, woanders unterbringen. Ein Kind, ihr Kind, könnte die Steine als Treppe nutzen, neugierig in die Regentonne schauen, kopfüber hereinfallen und darin den Tod finden.

Sie setzte Nudelwasser auf und stand mit einer Packung Reis unschlüssig vor dem Herd, um zu merken, dass sie Nudeln kochen wollte. Cathi lag ihr in den Ohren, sie solle ihr schnell eine Mango aufschneiden. Signe hielt die Frucht unschlüssig in der Hand. Ihr fehlte das Messer. Sie suchte es überall, denn sie war zwischendurch im Bad gewesen. Am Ende holte sie ein neues Messer aus der Besteckschublade. Als die Mango geschält und geschnitten auf dem Teller lag, fand sie das ursprünglich bereitgelegte Schneidegerät im Kühlschrank.

Das Rauschen im Oberkopf wurde stärker. Druck auf der Brust. Angst, keine Luft mehr zu bekommen. Signe musste raus.

Mit den hingeworfenen Worten „Ich fahr‘ ‘mal eben einkaufen“ verabschiedete Signe sich am späten Nachmittag von Mann und Kind, setzte sich auf ihr Fahrrad, fuhr zum nächstgelegenen Krankenhaus, suchte die Notaufnahme, klingelte und sprach mit brüchiger Stimme, sie habe vermutlich eine Panikattacke und brauche kurz einmal Hilfe. Auf der Bahre, umgeben von zwei resoluten Krankenschwestern, die ihre Sauerstoffsättigung und ihre Herztöne prüften und sie als physisch unversehrt einschätzten, brach der Fluss über die Ufer.

Signe heulte all die Angst heraus, die sich seit Bekanntwerden der Seuche vor einigen Wochen in ihr gestaut hatte. Die Schwestern nickten, blieben gefasst und freundlich. Als der immense Druck verpufft war, schnäuzte sie sich, tupfte die verlaufene Wimperntusche in ein Zellstofftuch und fuhr mit zurückerlangter Klarheit nach Hause. Es war eine Befreiung. Der Nebel vor ihren Augen hatte sich aufgelöst. Draußen war der frühe Abend angebrochen, die Luft war angenehm kühl. Sie glättete die tausend Fragezeichen auf ihrer Stirn.

Signe wusste nun, was auch kommen würde, sie würde diese Pandemie überleben. Das Gefühl der Sicherheit, das sie umgab, genoss sie in vollen Zügen.

*

Es war von kurzer Dauer. Bald schlich sich ein neuer Gedanke zu ihr, den sie mit Neugier und Schauder beschnupperte. War es ihr nicht so ergangen, als wäre sie schon einmal in einer solchen Katastrophenstimmung gewesen? Wann war das? Wie konnte sie sich an etwas erinnern, das sie gar nicht erlebt hatte? Das Gefühl hockte tief im Keller ihrer Erinnerungen. Das waren nicht ihre Erinnerungen, nicht ihre Bilder, und doch waren sie verschwommen und nebelhaft in ihr gespeichert. Was war das? Wo kam das her?

Auf dem Blatt mit den Untersuchungsergebnissen, das Signe in der Ambulanz in die Hand gelegt bekommen hatte, stand unten, es werde empfohlen, dass die Patientin sich in psychotherapeutische Behandlung begeben solle. Signe las diesen Satz, verband aber nichts damit. Sie bezog ihn nicht auf sich, weil sie nun ruhig war und spürte, dass sie es mit allen Monstern dieser Welt aufnehmen konnte. Nach diesem Erlebnis suchte Signe mich nicht auf. Noch nicht.

Auf die Frage, woher der Inhalt ihrer nicht zu greifenden Katastrophenerinnerung kam, fand Signe keine Antwort. Sie empfand auf einmal eine große Nähe zu ihrer Großmutter väterlicherseits und konnte dafür keine Erklärung finden, da sie ihre Oma nie kennengelernt hatte. Sie war lange vor ihrer Geburt gestorben.

Als es die ersten wissenschaftlichen Erkenntnisse zu den Auswirkungen der Pandemie gab und bekannt wurde, dass Kinder nur einen schwachen Verlauf grippeähnlicher Symptome zu befürchten hätten, atmete Signe auf und ertappte sich bei einem Seufzer mit dem Wortlaut: „Gottseidank! Dann wird es keine Kinderlandverschickung geben. Das würde ich nicht ertragen und Cathi auch nicht.“

Sie war überrascht, dass ihr das Wort Kinderlandverschickung in den Sinn gekommen war, denn die hatte es im zweiten Weltkrieg gegeben und dieser war über mehr als sieben Jahrzehnte her. Signe und Matthias lebten in einer Wohnsiedlung, die in der Zeit der britischen Besatzung Deutschlands für Soldaten und Offiziere gebaut wurde, die zusammen mit Amerikanern, Franzosen und Russen Deutschland von der Herrschaft der Nationalsozialisten befreit hatten. Dies war das Einzige, was vom Krieg in Signes Leben geblieben war. Dachte sie.

*

Signe hatte Freude daran, das Grün, das ihr Haus umgab, im Stile eines englischen Cottage Gardens zu gestalten. Sie mochte den traditionellen Stil der Engländer und da sie nun einmal in der englischen Siedlung lebten, konnte genau dies das Leitmotiv der fünfhundert Quadratmeter großen Grünfläche werden. Unmittelbar nach dem Kauf des Hauses hatte sie mit wildem Eifer alle Relikte der pflegeleichten Nachkriegsgartenmode mit der Heckenschere niedergemacht. Den Koniferen hatte sie die Stämme abgesägt und die Wurzeln ausgegraben. Sie hatte den Jägerzaun abgerissen und stattdessen eine Hainbuchenhecke gesetzt. Alte englische Rosensorten rankten nun an den Pfeilern eines Jugendstilpavillons aus Eisen, den sie von einem Scheunenverkauf in Südfrankreich mitgebracht hatte.

In einem Carré aus einer niedrigen Buchshecke wuchs Signes Gemüsegarten. Erbsen, Möhren, Pastinaken, Spinat, Mangold, Rauke, Zucchini, Kürbis und Kopfsalat waren ihre Klassiker. Im Herbst leuchteten in warmem Gelb meterhohe Topinamburblüten. Auf der übrigen Wiese standen drei alte Obstbäume, die mit ihren knorrigen Ästen, vor allem im Winter, wenn sie kahl waren, düster romantisch aussahen.

Signe hatte sie gleich im ersten Jahr beschnitten, sodass Licht und Luft auf die Wiese kam und die Bäume im nächsten Sommer und Herbst wieder eine stattliche Menge an Süßkirschen, Birnen und Äpfeln trugen.

In großen Kreisen rund um die Stämme der alten Bäume hatte sie Wildblumen gesät und Stauden gepflanzt. Schafgarbe von weiß bis dunkelrot, Sonnenhut, Margeriten, Gartennelken. Unter den Bäumen mähte sie den Rasen solange nicht, bis die Blumen verblüht waren. Ihre Nachbarn hielten Signe für eine Landschaftsgärtnerin, so stimmig hatte sie gleich beim ersten Wurf ihren Garten angelegt.

Signe schmunzelte, als diese Fehleinschätzung bei einem Plausch mit einem Passanten offenkundig wurde. Die Wahrheit war, dass Signe sich in der Wartezeit bis zur Schlüsselübergabe wochenlang in historische Gartenbücher und Landhauszeitschriften eingelesen und sich auf einer Kopie ihres Flurstücks ihren Bepflanzungsplan eingezeichnet hatte.