Lienwoon - M. P. Hirt - E-Book

Lienwoon E-Book

M. P. Hirt

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Beschreibung

Liam möchte fort. Er möchte weg von zu Hause. Weg von den reichen Eltern. Weg von der Anomalie. Er möchte etwas Normales erleben. Statt in die Staaten zu fliegen, treibt es den Zwanzigjährigen in ein Dorf namens Lienwoon. Ruhig an der Nordseeküste gelegen, scheint dort für ihn alles normal zu werden. Bis eines Tages etwas Furchtbares passiert. Etwas Unfassbares, das alles verändern sollte. Und plötzlich sieht Liam sich mit Extremen unseres Daseins konfrontiert. Tod, Verzweiflung und Leidenschaft.

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Seitenzahl: 201

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Maximilian P. Hirt wurde 1993 in Reutlingen geboren. Er liebte schon von klein auf das Erzählen von Geschichten und begann im Alter von siebzehn Jahren, erste längere Texte zu verfassen.

Heute studiert er an der Universität in Tübingen Internationale Literaturen und Skandinavistik.

Lienwoon ist sein erster veröffentlichter Roman.

Für alle, die mich in meinem Schreiben unterstützt und sich immer Zeit genommen haben, wenn ich mal darüber reden musste.

Inhaltsverzeichnis

Schreiben Sie!

Eine Art elterliche Behutsamkeit

Die Sehnsucht nach frischer Luft

Schönheit hängt von ihrem Betrachter ab

Falsche Füllung der Leere

Die täuschende Sicht der Ferne

Prozess des Vertrauens

Die verschiedenen Gesichter der Freude

Schönheit zwischen den Welten

Lieber eine Blume als gar ein dürrer Ast!

Intensiv ist das Neue

Detaillierte Unheimlichkeit

Kraft der Überwindung

Stillstand durch echte Kälte

Wissen ist das nächste Vergessen I

Der Geruch von nassem Eisen

Momente im Wandel der Zeit

Wenn das nicht grotesk ist

Schnelle Hilfe der Fürsorglichkeit

Ruhe birgt Kontrolle

Das Gefühl von Ankunft

Befreiende Leerung

Sanfte Worte des Verständnisses

Vergleiche der Umstände

Zu rasch führt nur ins Dunkle

Zarte Füße am Strand

Die Taubheit vor dem Knall

Die Unwissenheit vor dem Knall

Die Ruhe nach dem Knall

Stadien des gebrochenen Bewusstseins

Nach Schatten kommt Licht

Andersartigkeit der Ventile

Größe legitimiert nicht zu allen Taten

Beruhigendes Klopfen

Die Spannung des Lebens

Qualm der Klarheit

Meinungen und ihre Facetten

Nebenbei die Überwältigung

Die erste Seite der Penetration

Bewegungsdrang der Wahrheit

Die zweite Seite der Penetration

Schwere Züge in der Kälte

Verbale Wechselhaftigkeit

Die Schwierigkeit, nicht zurückzublicken

Ein Affekt bringt alles zum Vorschein

Eine hilfreiche Stütze

Wechsel der Bilder

Einsamkeit bietet kein Schutz

Im Schatten des Stillstands

Wissen ist das nächste Vergessen II

Einer dieser wenigen Chancen

Schein, zum Selbstschutz erbaut

Angst zur Gewalt gewandelt

Verzweiflung, dem Tode geweiht

Die paradoxe Kraft der Trauer

Gebrochen treffen wir die Aussichtslosigkeit

Distanz birgt meist Erkenntnis

Die Art elterliche Behutsamkeit

So endet es!

Nachwort des Autors

Schreiben Sie!

Sein Daumen rutschte über das kleine Rädchen. Aus einem Funken entsprang die Flamme. Das zerfranste Ende seiner Zigarette fing an zu glühen und leuchtete kurz auf. Der junge Mann zog fest daran.

»Also, da weiß man gar nicht so recht, wo man anfangen soll. Am besten dort, wo ich selbst noch nicht wusste, was los ist. Ich denke mal, das macht es Ihnen leichter einzusteigen, oder?«

»Was soll die Zigarette?«

»Na, ich rauche.«

»Unübersehbar.«

Liam schlug ein Bein über das andere und sank weiter in den Sitz, die Zigarette dabei zwischen seine Lippen geklemmt.

»Jetzt bleiben Sie mal locker, Gilbert.«

Der ältere Herr beugte sich leicht nach vorne, strich sich seine wenigen Haare von der Stirn und flüsterte: »Wir sitzen hier in einem Zug.«

»Unübersehbar.«

Ein spöttisches Grinsen seitens Liam.

»Darf ich nun anfangen?«

Gilbert, der sichtlich über den Rauch des Glimmstängels verärgert war, fuchtelte mit der Hand umher und erwiderte erst einen kurzen Moment später die Frage des Jungen.

»Äh, mit was denn?«

»Na, ich soll doch erzählen.«

»Schreiben Sie es auf!«

Kräftig zog Liam an der immer kürzer werdenden Zigarette und streichelte seinen Hinterkopf.

»Ich und Schreiben? Ich dachte, Sie machen das. Ich dachte, ich erzähle Ihnen das hier jetzt einfach. So wie man das eben macht. So ein bisschen wie in einem Film.«

Gilbert schüttelte den Kopf.

»Sie schreiben es auf, ist am besten so.«

»Keine Klischees? Zigarette, Zug und der gemütliche Regen da draußen?«

»Keine Klischees! Die bringen einen nicht weiter«, kommentierte der alte Mann, riss ihm den Stummel aus der Hand und drückte ihn auf seinem Notizblock aus.

»Aber die Zigarette, Gilbert!«

Die alberne Bemerkung ignorierend, klopfte er mit seinen schwieligen Händen die Asche von der Oberfläche des Blockes und hielt diesen seinem jungen Gegenübersitzenden entgegen.

»Schenke ich Ihnen. Im Ernst, schreiben Sie! Das können Sie schon und das wird bestimmt gut. Ruhig blumig darf es sein.«

Liam nahm das Bündel aus Papieren, das durch einen spiralförmigen Draht zusammengehalten wurde, und fuhr leicht mit den Fingerkuppen über den Brandfleck, ehe er anschließend in einem undeutlichen Ton fragte: »Meinen Sie?«

»Ja! Würde mich freuen, wenn Sie mir nächste Woche mit ein paar Seiten den tristen Mittwoch versüßen könnten«, sagte Gilbert und stand unter sichtbaren Bemühungen auf.

»Was betrübt Sie denn so sehr, dass Sie von einem fremden Mann eine Geschichte erzählt bekommen wollen?«, stellte Liam die Frage, während sich der alte Herr seinen Mantel anzog.

»Nun, sagen wir es so; Sie würden mir wirklich eine Freude damit bereiten.«

Während er seine Worte sprach, beobachtete Liam, wie die Zunge des Alten hin und wieder über seine Lippen huschte. Es sah nicht albern aus oder ähnelte einer Schlange. Nein, vielmehr war es ein nervöses Zucken.

»Nun, ich hoffe, ich werde Ihren Ansprüchen gerecht!«

Der Zug hielt an. Quietschend öffnete sich die Türe. Ein paar Schritte ging Gilbert schon darauf zu, bevor er sich noch mal umdrehte und mit einem freudigen Lächeln, das dennoch etwas gekünstelt wirkte, antwortete: »Das hoffe ich auch! Bis Mittwoch!«

Noch ein letzter Schritt und er war draußen. Draußen, in der lauten Welt, deren Geräusche binnen weniger Sekunden durch das robuste Schließen der Türe wieder unterbrochen wurden.

Liam starrte hingegen nur ins Leere, blieb mit überschlagenen Beinen sitzen und hielt dabei einen Stift in der Hand, als sei er eine Zigarette.

Eine Art elterliche Behutsamkeit

Nachdenklich fuhr ich mit dem Finger über die glatte Oberfläche. Sie erreichten Einkerbungen, die sie mit ihren Kuppen leicht berührten. Die Gedanken brachten mich weit weg von der Realität. Still saß ich da und strich dabei immer wieder über den alten Lederkoffer. Dann ertönte ein Klingeln.

Ich benötigte eine Weile, bis ich realisierte, woher das Klingeln kam, und ging schlussendlich müden Schrittes zur Sprechanlage, die jeden der vielen Räume unseres Hauses schmückte.

»Schatz, kommst du bitte zum Essen?«, krächzte die Stimme meiner Mutter durch den Hörer.

»Mutter, ich bin gerade noch am Packen.«

»Aber ich habe dein Lieblingsessen gemacht. Ein lang geschmorter Braten.«

»Ich möchte aber … nun, ich komme gleich.«

Sie legte auf.

Ich öffnete meine Tür, ging den endlosen Flur entlang, der mit einem weichen Teppich belegt war und damit meine Schritte, wie die eines einsamen Geistes, fern von jedem hörbaren Geräusch entgegennahm.

Am großen Tisch saßen meine Eltern, ihr Blick regungslos auf das Essen gerichtet, die Hände auf der steinernen Platte ruhend. Sie wendeten ihren Blick auch nicht ab, als ich mich dazusetzte. Erst als ich die Serviette über den Schoß legte und meine Hände ebenso in die ruhige Position brachte, sprach mein Vater: »So, dann wollen wir mal beginnen.«

»Guten Appetit.«

Mein Vater, der durch die kleinen Gläser seiner Brille und dem immer frisierten Haar seine Müdigkeit versteckte, fing an zu seufzen: »Deine Mutter meinte eben, du packst schon.«

Ich brachte erst einmal kein Wort heraus. Das lag nicht an der Tatsache, dass ich ihm eine unangenehme Antwort zu übermitteln hatte, sondern dass der Braten in seiner Konsistenz ungenießbar war. Trocken und ohne Geschmack versuchte ich ihn mit dem Wasser, meine Speiseröhre hinuntergleiten zu lassen.

»Nun, ja. Ich werde morgen gehen.«

»Willst du immer noch nach Leinwood?«

Darauf zuckten die Augen meiner Mutter nervös zwischen meinem Vater und mir hin und her. Das Zucken ihrer Backen, die mit einer viel zu dicken Schicht Schminke bedeckt waren, sprang dabei über zu ihren langen blonden Haaren, die aufgeregt hin und her wippten.

»Es heißt Lienwoon und ja, ich werde dahingehen«, entgegnete ich den beiden und spürte bei jedem einzelnen Wort, wie müde ich mittlerweile war, es ihnen zu erklären.

Ohne den Blick auf mich zu richten, kaute er lange auf dem Fleisch herum und sagte anschließend: »Wieso möchtest du denn nicht nach Amerika?«

»Weil ich einfach eine normale Stadt besuchen möchte. Ich möchte nicht in einem Flugzeug in die Staaten fliegen und mich von einem Hotel zum nächsten bewegen.«

»Wir könnten dich in den Besten der Besten unterbringen.«

»Eben das ist es, was ich nicht will. Ich habe es so satt, immer in dieser Extravaganz zu leben.«

»Andere würden sich darüber freuen«, bemerkte meine Mutter zwischendurch.

»Ich aber nicht.«

Und dann war Ruhe. Still saßen wir da und aßen. Der Raum, in weißes Licht gehüllt und mit Marmorfliesen belegt, wirkte nun kälter als zuvor. Ich, der es nicht ertragen konnte, in ihrer Anwesenheit mit vollem Bewusstsein zu sein, verlor mich wieder in den Gedanken. Selbst als der Nachtisch kam, der einen ebenso vertrockneten Kuchen darstellte, schob ich nur still und routiniert eine Gabel nach der anderen in mich hinein. Mutter und Vater ignorierten mich. Sie unterhielten sich über allerlei Dinge und durch die Abschottung bekam ich nur hin und wieder starke Unebenheiten im Klang ihres Gespräches mit.

Die Müdigkeit wurde schwerer und drückte meinen Körper immer mehr auf den Tisch. Dagegen angekämpft, stand ich auf und machte mir in der Küche einen Kaffee. Mit einer dampfenden Tasse setzte ich mich dann wieder zu ihnen. Sie sprachen einfach weiter und ließen mich in meinem Schweigen alleine. Wenige Augenblicke später, während ich meine letzten Schlucke tätigte, warf ich noch mal einen eindringlichen Blick auf meine Eltern. Nix. Keine Reaktion ihrerseits. Angewidert von ihrer mangelenden Aufmerksamkeit richtete ich mich auf, schob den Stuhl an den Tisch und verließ das Esszimmer.

Das letzte Mahl und das für eine sehr lange Zeit – vielleicht sogar für immer.

Die Sehnsucht nach frischer Luft

Ein starker Ruck und die beiden Holztüren bewegten sich unter der Trägheit ihrer Masse in die jeweils entgegengesetzte Richtung. Der Geruch von mangelnder Änderung drang in meine Nase. Kritisch betrachtete ich das Innere des Kleiderschrankes. Jahrelang hingen sie dort schon. Ich wechselte selten meine Klamotten. Mir gefiel die Eintönigkeit. Generell machte ich mir nicht viel aus Mode. Dabei lächelte ich für einen kurzen Moment.

Manchmal konnte ich nicht anders, als mich über meine eigene Denkweise zu amüsieren. Jahrelang trug ich diese Sachen. Jahrelang war es mir gleich, ob sie besonders toll aussahen oder teuren Marken angehörten. Und trotz dieser unkomplizierten Herangehensweise war ich nie in der Lage, mich warm genug anzuziehen. Mit Daunen gefüllte Jacken hatte ich. Aber nie dann, wenn der Schnee durch die Luft wehte, der Wind pfiff oder ein kalter Tropfen nach dem anderen vom Himmel herabfiel.

Unter diesem Vorwand packte ich nur wenige Shirts, Hosen und dergleichen ein. Obendrauf kam die Daunenjacke, die mich vor der Kälte des Nordens schützen sollte.

»Du solltest etwas Warmes mitnehmen«, sprach eine Stimme, die ich hinter mir wahrnahm.

In der Tür stand Wilma, unsere Haushälterin, die mehr als jeder von der Familie in diesem Haus anwesend war.

»Danke, bin schon dabei.«

»Wo ist das genau, dieses Lienwoon?«

»Oben an der Nordsee«, erklärte ich und lief dabei zwischen dem Schrank und meinem Bett, auf dem der Koffer lag, hin und her.

Die meiste Zeit über verstanden wir uns gut. Sie unterlag der strengen Gehorsamkeit meiner Eltern und machte eine gute Arbeit. Doch trotzdem wirkte sie immer froh und zufrieden und machte jederzeit ein freundliches Gesicht, das von ihren langen blonden Haaren des Öfteren bedeckt war.

»Es wird ruhig hier im Haus, wenn du nicht mehr da bist«, sagte sie und ging ein paar Schritte weiter in mein Zimmer.

»Nun, ich muss hier raus. Aber nett, dass du mich vermissen wirst.«

Meine Ablenkung war deutlich spürbar.

Dessen ungeachtet sprach sie weiter: »Meldest du dich dann auch ab und zu?«

»Nein, ich fürchte nicht.«

»Oh, verstehe«, murmelte sie.

Seit zwei Jahren war sie ständig hier. So hatte sie das kritische Verhältnis zu meinen Eltern durchaus bemerkt und stellte glücklicherweise diesbezüglich keine Fragen mehr.

»Ein schönes Hemd hast du da.«

Sie deutete auf das blaue Hemd, das ich gerade dabei war zu falten, um es einigermaßen ohne Knitter einzupacken.

»Lass mich dir helfen«, sagte sie dann und drängte sich mir auf.

»Nein, das geht schon.«

»Komm schon, ich helf dir.«

Während sie ihr letztes Wort sprach, fuhren ihre großen warmen Hände über meine Arme, bis sie meine Fingerspitzen erreichten.

»Wir hatten doch darüber gesprochen«, bemerkte ich und entwich dem Annäherungsversuch.

Sie war fünfunddreißig und damit fünfzehn Jahre älter als ich, sah aber bei Weitem jünger aus. Seit sie hier eingezogen war, war es von Anfang an ein Spiel des Entrinnens. Das Entrinnen ihrer Begierde. Wieso auch immer, aber ihre Blicke hatten schon bei unserem ersten Aufeinandertreffen den Charakter eines Jägers, der seine nächste Beute beobachtete. Doch behielt ich zumeist die Kontrolle über die Situation.

So ging sie enttäuscht, wie eh und je, aus dem Raum, hielt an der Tür dennoch noch mal an und drehte sich um.

»Mach‘s gut, Kleiner.«

»Du auch«, sprach ich in leisen Worten und beobachtete anschließend, wie sie nach rechts abbog und im dunklen Gewand des Flures verschwand.

Nachdem ich fertig gepackt hatte, setzte ich mich aufs Bett und ließ mir alles durch den Kopf gehen. Ich spürte sämtliche Gefühle in mir aufkommen. Freude, Sehnsucht, Stolz, aber auch Trauer und Angst. Taubheit machte sich breit. Ich saß einfach nur da, ließ die Emotionen auf mich einprasseln und die Ruhe vor dem Sturm auf mich wirken.

Die Nacht dominierte längst und ich öffnete ein Fenster. Frische, kühle Luft, die ohne Weiteres durch die Atemwege in meine Lunge strömte, entfernte alle Gefühle bis auf eines.

Meine Augen richteten sich auf die Sterne, die dank des großen Streulichts der Stadt nur schwach schimmerten, während die Sehnsucht meinen Geist erfüllte.

Schönheit hängt von ihrem Betrachter ab

Eine feuchte Schicht tat sich auf. Alles dahinter verschwamm und die Landschaft wurde im Einklang mit der vorbeiziehenden Bewegung ein einzig grauer Farbton.

Liam legte die Zigarette in seinen Mund und schob sie mit den Lippen in die linke Ecke seines Grinsens, als sie von Gilbert herausgezogen und mit der bloßen Hand zerkleinert wurde.

»Die schöne Zigarette, Gilbert!«

»Schönheit hängt von ihrem Betrachter ab. Einen guten Morgen, Liam!«

Ein tiefer Seufzer kam von dem jungen Mann gefolgt von einem Husten Gilberts, der in den Sitz gegenüber rutschte. Die beiden sagten zunächst nichts und wandten ihre Gesichter voneinander ab. Jeder wusste, worauf der andere hinauswollte, trotzdem dominierte das Schweigen und das Getuschel der wenigen Leute um sie herum bildete die Geräuschkulisse.

Fast keiner fuhr mit diesem Zug. Diese Strecke war unnötig in die Länge gezogen. Über eine Stunde dauerte die Fahrt, die man mit der früheren Verbindung schon in der Hälfte der Zeit überqueren konnte.

»Ich kann jetzt nicht anders, als Sie einfach zu fragen!«, sprach Gilbert und rieb sich nervös die Hände.

»Na gut, fragen Sie mich einfach.«

»Tun Sie nicht so geheimnisvoll. Haben Sie etwas geschrieben?«

Liam, der auf die Frage vorbereitet zu sein schien, zog mit einer Handbewegung ein paar beschriebene Seiten hervor, die von dem alten Mann sofort entgegengenommen wurden.

Die Augen auf die Wörter und Sätze gerichtet, schien Gilbert nicht mehr anwesend. Liam hingegen schaute um sich und zündete eine Zigarette an. Auch nach dem dritten Zug und dem darauffolgenden Aufleuchten des Glimmstängels kam keine Reaktion von dem Gegenübersitzenden. Das hatte schon etwas Einzigartiges an sich. Und auch als Liam aufstand und das Abteil auf und ab lief, wurde er mit keiner einzigen Reaktion Gilberts beschenkt.

Dieses stumme Spiel beendeten folgende Worte, welche der Alte vorlas: »… während die Sehnsucht meinen Geist erfüllte.«

»Gut, Sie sind am Ende«, sagte Liam und setzte sich wieder hin, die Zigarette schnell in den Mülleimer gestopft.

»Das ist gut! Schwierig haben Sie es zu Hause«, bemerkte Gilbert und warf abwechselnd einen Blick auf ihn und die Seiten.

Der Junge versuchte darauf zu antworten, indem er sagte: »So sind nun mal meine Eltern.«

»Es sind nicht unbedingt Ihre Eltern. Ich meine, warum? Warum Lienwoon? Sie hätten die Staaten haben können!«

Kalt und ohne zu zwinkern, lugte Liam durch seine dunklen Haare, welche ihm im Gesicht hingen, auf den Boden und murmelte: »Lienwoon … zunächst war da das Streben nach Normalität. Aber ich will gar nicht groß darauf eingehen. Es macht keinen Sinn, in der Geschichte vorzugreifen.«

»Dann schreiben Sie weiter!«

»Das werde ich wahrscheinlich nicht tun.«

Gilbert war mit einem Gesichtsausdruck geschmückt, der sowohl Verwirrung als auch ein Funken Ärgernis widerspiegelte, als er sagte: »Wieso nicht!? Das ist gut! Sehr gut sogar! Bitte machen Sie weiter. Sie können doch nicht aufhören. Jetzt haben Sie mich schon neugierig gemacht. Ich möchte mehr erfahren. Ich möchte endlich Lienwoon kennenlernen. Die Nordsee ist toll, sicherlich eine schöne Stadt.«

»Glauben Sie mir, das wollen Sie nicht …«

»Bitte, mein Junge! Ich weiß, aller Anfang ist schwer!«

Gepaart mit einem großen Seufzer gab Liam seinen kleinen Widerstand wieder auf: »Ich versuche es, o. k.?«

Von der aufdringlichen Art des alten Mannes überfordert, wandte er sich ab und krempelte sein Hemd nach vorne, wischte über die feuchte Scheibe des Zuges und befreite die Sicht auf das triste Erscheinungsbild des Herbstes.

»Ein schöner Anblick, nicht wahr?«, sprach Gilbert und verzierte sein Gesicht mit einem Lächeln, das von innen kam und gar schon eine Zumutung war.

»Schönheit hängt von ihrem Betrachter ab.«

Falsche Füllung der Leere

Ich drehte mich zur Seite. Meine Arme spürten etwas Kaltes, Glattes, aber zugleich auch viele kleine Unebenheiten. Ich öffnete meine Augen. Im Dunkeln nur schwach zu erkennen, fiel mir auf, dass ich mich an die Wand gedrückt hatte und meine Tapete berührte.

Mein Bett stand in der hintersten Ecke meines Zimmers. Der Raum war weitläufig und in der Mitte standen nur ein paar Sofas, die eine Sitzgelegenheit darstellen sollten, aber vorwiegend nur von mir als Platz zum mittäglichen Schlaf genutzt wurden. Ich neigte meinen Kopf zu meiner Linken und lauschte dem Rauschen, das durch die Reibung an meinem Kissen entstand. Ich spähte durch die Leere über die andere Hälfte meines Bettes, an dem Sofa vorbei in Richtung Schreibtisch. Dieser stand am anderen Ende des Zimmers. Der Computer lief noch, ich hatte zuvor noch alle Nachrichten überprüft. Dann zwang mich mein Harndrang aufzustehen.

Nur in Unterwäsche und einem T-Shirt bekleidet lief ich nach draußen und tapste im Dunkeln über den weichen Teppichboden des Flurs. Das Zimmer von Wilma war noch einen Türspalt weit offen und setzte einen dünnen, langen Fächer an Licht frei, der sich durch die Dunkelheit des Ganges bohrte. Meine Schritte wurden langsamer und ich hoffte darauf, dass ich unbemerkt vorbeikäme.

»Liam, bist du das?«, hörte ich sie flüstern.

Erstarrt wie ein Reh, das im Scheinwerferlicht eines heranfahrenden Autos seinem Verderben entgegenblickt, blieb ich im Schein des Türspaltes stehen.

»Ich weiß, dass du es bist!«

Ich reagierte nicht.

»Komm schon! Ich will dich was fragen.«

Mir war klar, dass ich nicht davonkam. Selbst wenn ich weiterlaufen würde, käme sie hinterher. Sie war so aufdringlich, das wusste ich.

Langsam öffnete ich die Tür und erblickte sie in ihrem Bett, die Decke bis an die Kinnspitze gezogen.

»Guten Abend!«, flüsterte ich.

»Schreibst du mir eine Postkarte?«

»Ich soll was?«

»Na, eine Postkarte schreiben? Oder ist dir das zu viel, weil du schon so vielen anderen schreiben musst?«

»Sehr witzig.«

»Nee, mal im Ernst, was ist mit deinem Lehrer, Herr Lander? Ich glaube, der mochte dich.«

Ich lief ein paar Schritte weiter in den Raum und lehnte mich an den Pfosten des Bettes.

»Lander? Der wäre aber auch der Einzige.«

»Aber mir schreibst du eine, o. k.?«

»Ich gehe nicht in den Urlaub, Wilma.«

»Trotzdem.«

»Ich gehe von hier weg, da ich hier weg muss und nicht weil … «, ich stoppte.

Wilma zog langsam ihre Decke nach unten und legte eine ihrer Brüste frei, ihre blasse Haut im Licht der Nachttischlampe glänzend.

Ich stöhnte und fuhr mir durchs Haar, dabei drehte ich mich ein wenig nach rechts und wieder nach links.

»Was soll das?«

»Mir ist warm, dir etwa nicht? Deine Eltern drehen immer so früh die Heizung auf. Es ist gerade mal Oktober.«

»Noch ein Grund in den Norden zu verschwinden.«

Ich wurde langsam nervös. Die Hitze stieg tatsächlich in mir auf und mein Herz pochte wie verrückt. Sie starrte mich unbewegt an und ich gab mir alle Mühe, nicht zurückzublicken.

»Ich gehe jetzt ins Bett«, sagte ich dann.

Sie zog die komplette Decke mit einem Schwung beiseite und legte ihre kompletten nackten Körper frei. Nur noch Socken trug sie.

»Willst du wirklich schon gehen?«

Ich lief vorsichtig wenige Schritte rückwärts und griff blind zum Türgriff, doch meine Hände erfassten nichts.

»Komm her. Sie wurden schon so lange nicht mehr angefasst.«

»Wilma … lass das! Bitte!«

Ihre Finger strichen langsam entlang ihres Bauches und fuhren durch ihren Schoß.

»Ich bin jetzt weg. Ganz weg. Ich wünsch dir was«, sagte ich trocken und drehte mich um. Mir fiel auf, dass ich in die komplett falsche Richtung gelaufen war und in der anderen Ecke des Zimmers stand. Ohne auch nur einen einzigen Blick auf sie zu werfen, stampfte ich nach draußen und hörte sie nur noch flüstern: »Mach‘s gut! Mein Liam!«

Durch die Leere des Flurs eilte ich wieder zurück in mein Zimmer, anfangs noch mein Schatten vor mir, der durch das durchdringende Licht von Wilmas Zimmer gebildet wurde.

Die täuschende Sicht der Ferne

Binnen weniger Sekunden saugte sich das Papiertaschentuch voll, als meine Mutter es über die einzelnen morschen Balken der Bank bewegte und diese nun den Anschein machte, trocken zu sein. Der unendliche Herbstregen, der aus dem dunklen Himmel, wie aus dem Nichts, zu kommen schien, machte aus jeder einzelnen Unebenheit des Bodens eine Pfütze und das grelle Neonlicht des Bahnhofs, das einige Meter entfernt war, bedeckte diese mit einer leuchtenden Schicht und erweckte den Anschein, als wäre das Wasser von unten beleuchtet.

»So, mein Schatz, es ist trocken. Du kannst dich setzen.«

»Nein, Mutter, ist schon o. k. Du hast es getrocknet, setze du dich«, betonte ich und machte mit meiner Handbewegung meine Absichten deutlich.

Etwas unbeholfen lief sie im Kreis, als wäre sie eine Katze, die sich ihren Schlafplatz zurechtmacht, ehe sie sich auf die Holzkonstruktion setzte und anschließend mit ihren Beinen hin und her wackelte, indem sie ihre Knie hektisch aneinanderstieß.

Mein Vater sagte darauf: »Dort drüben ist eine Toilette.«

»Ich muss nicht. Und hier erst recht nicht.«

Beobachtete man meine Eltern aus der Ferne, wäre man der Vermutung nahe kommen, sie wären lange Zeit nicht mehr an einem Bahnhof gewesen. Bei genauerer Betrachtung hätte sogar der Verdacht aufkommen können, sie seien noch nie an einem Ort dergleichen gewesen.

Auch mein Vater, der sich nicht von der Stelle bewegte und sich mit seiner wenigen Quadratzentimeter große Fläche, auf der er stand, zufriedengab, schien sichtlich unwohl mit der Umgebung.

Zwar war mir dieser Mann fremd, dennoch fühlte ich mit ihm. Ob ich es wollte oder nicht. Ich fand es nicht gerade angenehm, mit meinen Eltern zusammen auf den Zug zu warten, der mich endlich von ihnen wegbringen würde. So lief ich ungeduldig auf und ab und machte jeweils immer einen großen Schritt, um nicht meine Schuhe im grauen Wasser des unebenen Asphalts zu baden.

Hätte man uns von der Ferne beobachtet, wäre sicherlich der Verdacht aufgekommen, wir drei seien eine Familie. Das konnten wir schon immer gut. Die nette Familie spielen und einen Schein erzwingen. Die Stange, bestückt mit unserem Wappen des Zusammenhalts in die Höhe geragt, gleichwohl mit zitternden Armen und falscher Motivation.

Laute Geräusche und kalter Wind beherrschten das Gleis, als der Zug einfuhr und langsam zum Stehen kam. Ich wartete keine weitere Sekunde und setzte mich in Bewegung.

»Also, ich geh dann jetzt rein«, sagte ich mit leiser Stimme und nahm dabei mit einer Hand den kleinen Koffer, in dem mein wichtigstes Hab und Gut enthalten war.

Meine Mutter spielte die Figur der Trauer, mein Vater hingegen sagte wieder nur mit besorgter Miene: »Willst du nicht lieber fliegen? Da bist du gleich da!«

Ohne auf die Bemerkung einzugehen, sagte ich einfach trocken: »Tschüss Vater. Tschüss Mutter.«

Zwei große Schritte und die Sohlen meines Schuhs berührten den Boden des Zuges. Die Türe schloss sich. Meine Eltern nun, dank des schmutzigen und verkratzten Fensters, nur als verschwommenes Bild erkennbar. Ich winkte ihnen kurz und ließ sie stehen. Einsam und allein mit ihrer perfekten Fassade, die noch mehr Risse hatte als das Polster meines Sitzes, auf dem ich mich anschließend niederließ.