Liesels Flucht - Friederike von Buchner - E-Book

Liesels Flucht E-Book

Friederike von Buchner

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Beschreibung

Diese Bergroman-Serie stillt die Sehnsucht des modernen Stadtbewohners nach einer Welt voller Liebe und Gefühle, nach Heimat und natürlichem Leben in einer verzaubernden Gebirgswelt. "Toni, der Hüttenwirt" aus den Bergen verliebt sich in Anna, die Bankerin aus Hamburg. Anna zieht hoch hinauf in seine wunderschöne Hütte – und eine der zärtlichsten Romanzen nimmt ihren Anfang. Hemdsärmeligkeit, sprachliche Virtuosität, großartig geschilderter Gebirgszauber – Friederike von Buchner trifft in ihren bereits über 400 Romanen den Puls ihrer faszinierten Leser. Toni schritt durch den langen Flur der Bergwacht in Kirchwalden. Am Ende des Gangs stand eine Tür offen. Leo, der Leiter der Bergwacht, sah von seinem Schreibtisch auf und winkte Toni herbei. Er deutete mit dem Finger auf die Sitzgruppe in seinem Büro. Für einen kurzen Moment hielt er die Sprechmuschel des Telefonhörers zu und sagte: »Grüß Gott! Setz dich, Toni, bin gleich fertig!« Es dauerte auch nicht mehr lange, dann war das Dienstgespräch zu Ende. Leonhard Gasser, der für alle nur der Leo war, kam auf Toni zu und begrüßte ihn herzlich. Er schaute auf die Uhr. »Dienst zu Ende! Da kann ich mir ein Bier erlauben«, lachte Leo. Er lud Toni auch zu einem Bier ein. Sie prosteten sich zu. »Kannst dir schon denken, warum ich hier bin, Leo.« »Mei, Toni, jetzt mach es nicht so spannend. Wie viel Geld wurde gespendet?« Toni griff in die Hosentasche und schob Leonhard den Bankbeleg hin. »Mei, der Betrag kann sich wirklich sehen lassen. Des ist ein richtiger Batzen Geld.« »Ja, es hat sich keiner lumpen lassen. Alle haben sehr großzügig gespendet. Der alte Alois, Anna und ich haben gestaunt, als wir des Bierfass mit dem Schlitz geöffnet hatten. Ich hätte nicht gedacht, dass so viel zusammenkommt.« »Es war auch ein schöner Hüttenabend und alle wussten, dass es für eine gute Sache ist. Wie steht es mit der Genehmigung für die Kletterwand am Schulhaus?« »Darum kümmert sich der Fellbacher. Ich habe heute Vormittag mit ihm gesprochen. Er meinte, die Behördenmühlen mahlen etwas langsam, aber er versuche im Hintergrund, über seine Freunde aus

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Seitenzahl: 126

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Toni der Hüttenwirt – 147 –Liesels Flucht

Kein Talent für die Liebe?

Friederike von Buchner

Toni schritt durch den langen Flur der Bergwacht in Kirchwalden. Am Ende des Gangs stand eine Tür offen. Leo, der Leiter der Bergwacht, sah von seinem Schreibtisch auf und winkte Toni herbei. Er deutete mit dem Finger auf die Sitzgruppe in seinem Büro. Für einen kurzen Moment hielt er die Sprechmuschel des Telefonhörers zu und sagte:

»Grüß Gott! Setz dich, Toni, bin gleich fertig!«

Es dauerte auch nicht mehr lange, dann war das Dienstgespräch zu Ende. Leonhard Gasser, der für alle nur der Leo war, kam auf Toni zu und begrüßte ihn herzlich. Er schaute auf die Uhr.

»Dienst zu Ende! Da kann ich mir ein Bier erlauben«, lachte Leo.

Er lud Toni auch zu einem Bier ein. Sie prosteten sich zu.

»Kannst dir schon denken, warum ich hier bin, Leo.«

»Mei, Toni, jetzt mach es nicht so spannend. Wie viel Geld wurde gespendet?«

Toni griff in die Hosentasche und schob Leonhard den Bankbeleg hin.

»Mei, der Betrag kann sich wirklich sehen lassen. Des ist ein richtiger Batzen Geld.«

»Ja, es hat sich keiner lumpen lassen. Alle haben sehr großzügig gespendet. Der alte Alois, Anna und ich haben gestaunt, als wir des Bierfass mit dem Schlitz geöffnet hatten. Ich hätte nicht gedacht, dass so viel zusammenkommt.«

»Es war auch ein schöner Hüttenabend und alle wussten, dass es für eine gute Sache ist. Wie steht es mit der Genehmigung für die Kletterwand am Schulhaus?«

»Darum kümmert sich der Fellbacher. Ich habe heute Vormittag mit ihm gesprochen. Er meinte, die Behördenmühlen mahlen etwas langsam, aber er versuche im Hintergrund, über seine Freunde aus der Politik, die Sache anzutreiben.«

»So ist es gut! Wozu hat man schließlich seine Freunde?«, lachte Leo.

Sie prosteten sich wieder zu.

»So, jetzt können wir schon mal Angebote einholen, Leo. Wir waren uns einig, dass die Bergwacht in die Planung einbezogen wird. Du kennst dich da besser aus. Schließlich sollen die Kinder und auch Erwachsene an der Kletterwand trainieren, damit sie fit für die Berge sind. Wenn nur ein Unfall verhindert wird, dann war es bereits die Mühe wert.«

»Des stimmt, Toni. Sag mal, wie geht es dem kleinen Bruno?«

»Besser geht’s ihm, immer besser. Des wird schon. Der Martin ist sehr hoffnungsvoll. Der Bub hatte einen Schutzengel.«

»Schutzengel haben wir alle in Waldkogel, Toni. Da kann sich der Teufel auf dem Gipfel des ›Höllentors‹ noch so viele Gemeinheiten ausdenken und anzetteln, die Engel vom ›Engelssteig‹, die stehen uns immer bei.«

Die Freunde lächelten sich an. Sie verstanden sich. Es bedurfte keiner Worte. Beiden fielen viele Geschichten ein, die mit den beiden Bergen in Zusammenhang standen. Immer wieder kam es vor, dass die Waldkogeler von Fremden deswegen belächelt wurden. Sie hielten die Sache für Humbug, bis sie selbst solch ein Wunder erlebten.

Leonhard schmunzelte.

»Toni, erinnerst du dich, wie wir als Buben nachts mal auf den Gipfel vom ›Engelssteig‹ klettern wollten?«

Sie lachten beide.

»Diese Idee hatte bestimmt schon jeder Bub in Waldkogel. Zum Glück hat uns damals Pfarrer Zander abgefangen. Wer weiß, was sonst geschehen wäre?«

»Wahrscheinlich wäre es uns ergangen, wie Bruno neulich.«

Toni und Leonhard hingen eine Weile ihren Gedanken nach, jeder für sich. Sie dachten an die Legende der Engel vom ›Engelssteig‹, die nachts über eine unsichtbare Leiter vom Gipfel des Bergs hinauf in die Himmel stiegen. Dabei brachten sie die Gebete, Wünsche und Hoffnungen der Menschen hinauf zum Herrgott, seinem Buben Jesus, der Heiligen Mutter Gottes Maria und allen Heiligen und Seligen.

Immer dann, wenn auf der anderen Seite des Tals über dem Gipfel des ›Höllentors‹ eine dunkle Wolke stand und die Angst in Waldkogel umging, wandten sich die Waldkogeler an die Engel. Sie waren davon überzeugt, dass die schwarze Wolke Unheil ankündigte, denn dann war der Satan vor das Tor auf dem Gipfel des Bergs getreten.

Leonhard stand auf und holte die Kataloge über die Kletterwände, die er besorgt hatte. Toni und er saßen noch eine ganze Weile zusammen und sprachen ausführlich über das Vorhaben.

*

Es war schon weit nach Mitternacht. Über Waldkogel ging ein Sturzregen nieder. Es war wie eine Erlösung, als nach Wochen der Hitze und Trockenheit, der Himmel die Schleusen öffnete. Mensch und Tier atmeten auf.

Die junge Tierärztin Doktor Beate Brand stand auf der überdachten Terrasse und sah hinaus in den Garten, der auf der Rückseite ihres Hauses lag, in dem sie auch ihre Tierarztpraxis hatte. Neben ihr saß Carry, eine hellbeige Mopshündin. Sie gehörte einer alten Dame aus der Neubausiedlung im Ortsteil Marktwasen, der zu Waldkogel gehörte. Sie war einige Tage verreist. Beate hatte ihr angeboten, den Hund zu hüten. Carry hob den Kopf, drehte sich um und rannte davon.

»Was hast du, Carry?«

Beate folgte dem Hund. Carry stand hinter der Eingangstür und schnüffelte.

»Ist da draußen jemand?«

Beate machte das Hoflicht an und schaute durch die Glasscheibe. Es regnete in Strömen, deshalb konnte sie nichts erkennen. Carry scharrte mit der Pfote an der Tür. Beate nahm den Hund auf den Arm und öffnete die Tür. Auf der Türschwelle kauerte eine Gestalt.

»Liesl!«, stieß Beate aus. »Was tust du da? Warum hast du nicht geklingelt? Wenn Carry dich nicht gehört hätte, denn würdest du wohl noch bis zum Morgen hier auf dem Boden sitzen. Komm rein! Wie siehst du denn aus?«

Marlies Kempfer, die Liesl gerufen wurde, stand auf. Sie sah Beate an. Diese erkannte, dass die Nässe in Liesls Gesicht nicht vom Regen kam, sondern Tränen waren.

»Schaust nicht gut aus! Was ist?«

Liesl fiel Beate weinend um den Hals.

»Lass mich erst mal den Hund absetzen«, sagte Beate.

Danach legte sie den Arm um Liesl, die laut schluchzte und führte sie in die Küche. Sie gab ihr ein Handtuch für ihre nassen Haare und zog ihr die Jacke aus, wie bei einem Kind. Marlies ließ alles mit sich geschehen.

Sie saß wie ein Häufchen Elend am Tisch, während Beate Kaffee machte. Erst als die beiden Becher gefüllt waren, sagte Beate:

»Willst du mir endlich den Grund deines nächtlichen Überraschungsbesuchs nennen?«

»Meine Hochzeit ist geplatzt!«

»Wie bitte? Ihr heiratet nicht?«

Beate starrte Marlies überrascht an. Sie konnte kaum glauben, was sie soeben gehört hatte.

Ein weiterer Weinkrampf schüttelte Marlies. Carry, die kleine Mopshündin, sah Beate an. Dann ging sie um den Tisch herum, stellte sich auf die Hinterpfoten und stützte sich mit den Vorderpfoten gegen Marlieses Beine.

»Sie will dich trösten«, bemerkte Beate.

Marlies nahm den Hund auf den Schoss und streichelte das Tier gedankenverloren.

»Dein Kaffee wird kalt.«

Marlies nickte Beate zu und trank.

»Holger hat eine andere Frau. Er ist wohl schon länger mit ihr zusammen. Ich hasse ihn!«

Beate schüttelte den Kopf.

»Hass ist ein sehr starkes Gefühl, Liesl. Starke Gefühle kosten Kraft. Wenn er dich so hintergangen hat, dann solltest du keinerlei Gefühl mehr für ihn opfern.«

Marlies seufzte tief. Sie trank wieder einen Schluck Kaffee.

»Das ist leichter gesagt, als getan. Ich bin ins Uferlose gestürzt, als ich ihn mit ihr überraschte. Alle im Krankenhaus wussten es seit Langem. Keiner hat auch nur ein Wort gesagt oder eine Andeutung gemacht. Das sind schöne Kollegen! Ich habe gekündigt.«

Beate schaute Marlies überrascht an.

»Ja, du hast schon richtig gehört. Ich werde mir eine neue Arbeit suchen. Am besten gehe ich gleich ins Ausland. Ich habe gehört, in Nordschweden werden Krankenschwestern gesucht. Je weiter ich fortgehe, umso besser.«

Beate stand auf. Sie holte ein nasses kaltes Tuch und gab es Marlies.

»Ich sehe schlimm aus, nicht?«

»Das kann ich nicht abstreiten, Liesl. Aber willst du nicht der Reihe nach erzählen?«

Marlies putzte sich die Nase und drückte das kalte Tuch für einen Augenblick auf das Gesicht. Sie trank wieder einen Schluck Kaffee.

»Die Oberschwester hat meine Kündigung nicht angenommen. Sie sagte, es sei nur eine Kurzschlussreaktion. Sie hat mir all meine Überstunden freigegeben. Sie meinte, ich sollte Abstand gewinnen und zur Ruhe kommen. Die hat gut reden! Mein Leben liegt in Scherben. In meiner Wohnung hängt mein Brautkleid im Schrank. Ich wollte demnächst heiraten. Ich habe alles organisiert. Ich habe die Einladungen verschickt. Ich habe das Restaurant gebucht. Ich habe die Tischdekoration ausgesucht.«

Beate fiel auf, dass Marlies nur von sich selbst sprach.

»Hat Holger nicht bei den Hochzeitsvorbereitungen geholfen?«

»Was soll Holger schon gemacht haben? Er sagte, ich solle alles machen, er habe viele Dienste im Krankenhaus. Damals glaubte ich ihm. Jetzt bin ich mir nicht mehr so sicher. Ich vermute, wenn er Nachtdienst hatte, war er bei ihr.«

Dicke Tränen rollten Marlies über die Wangen.

Es war ganz still in der Küche. Nur das Ticken der Wanduhr war zu hören. Beates Herz war voller Mitleid. Marlies und Beate waren Schulfreundinnen und studierten an der gleichen Universität, Beate Tiermedizin und Marlies Humanmedizin. Auf der Fete der Fachschaft für die Erstsemester war Marlies ihrem Traumprinzen begegnet. Ja, Holger war Marlies’ Traummann gewesen, seit sie ihn damals im ersten Semester kennenlernte. Sie setzte alles daran, ihn für sich zu gewinnen. Ihr Studium wurde immer unwichtiger. Es gab nur noch Holger Berg. Nach dem Physikum hörte sie mit dem Medizinstudium ganz auf. Sie nahm eine Arbeit als Krankenschwester auf der Intensivstation an. Sie mietete eine Wohnung und Holger zog bei ihr ein.

Ihre Rede war damals gewesen: »Er soll sich auf sein Studium konzentrieren. Zuerst macht er sein Examen, dann verdient er Geld. Dann drehen wir den Spieß um. Wenn er fertig ist, dann komme ich an die Reihe.«

Enge Freunde, darunter auch Beate, hatten Marlies vor diesem Bratkartoffelverhältnis gewarnt. Sie schlug alle Bedenken in den Wind. Es war ihr nur eines wichtig, sie wollte in Holgers Nähe sein. Sie sah es nicht als Opfer, sondern ummäntelte ihr Handeln mit der Liebe zu ihm. Sie genoss es, Holger zu verwöhnen und las ihm jeden Wunsch von den Augen ab. Er machte ein glänzendes Examen und bekam die begehrte Facharztausbildungsstelle. Dass Marlies jetzt studieren könnte, davon war keine Rede mehr. Die Zeit verging, ihre Eltern drängten auf Heirat. Als Marlies Holger wieder einmal darauf ansprach, fand er es nicht so wichtig.

»Wir lieben uns doch auch so und sind schon so lange zusammen«, sagte er. »Wir sind doch schon so wie ein altes Ehepaar. Also, ich brauche keinen Trauschein.«

Irgendwann hatte er dann doch nachgegeben. Aber Marlies müsste alles organisieren, weil er keine Zeit hätte. Er sei in dieser wichtigen Forschungsgruppe und das sei schließlich sein Beitrag zur Zukunft. Marlies hatte ihn stürmisch umarmt. Sie schlug einen Hochzeitstermin vor, zu Beginn ihres lange geplanten Urlaubs. Er war damit einverstanden.

Das war vor vier Monaten gewesen. Beate Brand erinnerte sich noch gut an Liesls Anruf, bei dem sie ihr die wundervolle Botschaft mitteilte.

Marlies trank ihren Kaffee aus. Beate schenkte ihr nach.

»Es war heute Vormittag, vielmehr gestern, wir haben jetzt ja schon nach Mitternacht. Ich hatte Nachtdienst und musste länger auf Station bleiben, weil ein Notfall kam. Dann stellte ich fest, dass ich meinen Schlüssel vergessen hatte. Ich kam auf die Idee, mir Holgers Schlüssel zu holen. Er braucht ihn nicht, dachte ich. Ich bin ohnehin daheim, wenn er vom Dienst kommt.«

Marlies wischte sich erneut die Tränen ab.

»Er war nicht auf Station. Angeblich wusste niemand, wo er war. Also machte ich mich im Krankenhaus auf die Suche. Ich vermutete ihn im Labor. Doch dort war niemand, bis auf einige neue Praktikanten, die ich nicht kannte. Ich fragte nach ihm und bekam die Auskunft, ich sollte mal im Bereitschaftszimmer nachsehen, da sei er oft. Warum die jungen Studenten kicherten, verstand ich erst später. Dann erwischte ich dort Holger mit der Abteilungsleiterin des Labors, in einer eindeutigen Situation. Es kam zu einem heftigen Wortwechsel und er machte Schluss mit mir. Er warf mir böse Sachen an den Kopf. Du kennst ihn, er ist ein glänzender Rhetoriker. Die junge Ärztin, die bei ihm war, war nicht verlegen. Es schien mir sogar, dass sie erleichtert war, weil es endlich klare Verhältnisse gab. ›Wir sind schon länger zusammen‹, sagte sie, als sie ihn zum Abschied leidenschaftlich auf den Mund küsste und hinausging. Ich sackte auf einen Stuhl und bekam einen Weinkrampf. Holger sagte, er sei froh, dass das Versteckspiel endlich vorbei sei. Und unsere Hochzeit? Du wolltest mich heiraten, schrie ich. Er lachte laut und sagte, er hätte noch einmal über alles nachgedacht. Ich sei nicht die Richtige für ihn. Er hätte ohnehin die Tage mit mir darüber reden wollen, aber so sei es nun wirklich zur Klärung gekommen. Beate, ich stand da wie ein begossener Pudel.«

Erneut kamen ihr die Tränen.

Marlies erzählte, dass Holger dann gegangen sei. Er habe sie einfach allein zurückgelassen.

»Ich war wie in Trance, Beate. Es war schon Mittag, als die Putzfrau der Abteilung ins Zimmer kam. Ich habe keine Erinnerung an diese Stunden. Ich war wie gelähmt. Die alte Frau, die bei einer Fremdfirma als Reinigungskraft arbeitet, nahm sich meiner an. Sie brachte mich auf meine Station. Dort musste ich nicht viel sagen. Die Kollegen kamen bei meinem Anblick zu dem Schluss, dass ich dahintergekommen war. Doch keiner hatte ein Wort gesagt. Beate, ich hatte wirklich keine Ahnung! Er hat das perfekte Doppelleben gespielt und alle wussten es! Dabei sprach ich auf Station von nichts anderem als von der Hochzeit. Außerdem waren alle eingeladen. Findest du nicht, dass jemand hätte mit mir reden müssen?«

Beate schaute Marlies ernst an.

»Ich habe davon nichts gewusst. Wenn ich es gewusst hätte, hätte ich bestimmt mit dir gesprochen. Möglich, dass sie annahmen, es sei harmlos, dass sich Holger vor der Hochzeit noch einmal austoben wollte, was immer man davon auch halten kann. Sie dachten alle, es ist nur eine kleine harmlose Affäre, falls denn Affären überhaupt harmlos sein können, was auf einem ganz anderen Blatt steht. Aber das diskutieren wir ein anderes Mal aus!«

Doktor Beate Brand seufzte tief.

»Liesl, es tut mir so unendlich leid für dich. Auf der anderen Seite ist das nicht einfach. Stell dir mal vor, jemand lädt dich zu seiner Hochzeit ein und spricht nur voller Vorfreude darüber. Könntest du dann etwas sagen? Aber das ist jetzt unerheblich, Liesl. Wenn ich dich recht verstehe, hast du gar nicht geschlafen?«

Marlies nickte.

»Ich bin erst mal heim und habe mir vom Schlüsseldienst die Tür aufmachen lassen. Ich lag noch etwas auf dem Bett und heulte in die Kissen. Dann schrieb ich meine Kündigung und brachte sie zur Oberschwester. Anschließend fuhr ich gleich hierher. Ich habe nichts dabei.«

»Ich werde schon für dich sorgen. Jetzt nimmst du erst einmal ein Bad. Dann packe ich dich ins Bett und du schläfst dich aus. Danach sehen wir weiter.«

»Ich kann nicht schlafen, Beate. Ich …, es tut so weh.«

»Das glaube ich dir!«

Beate legte den Arm um die Freundin und führte sie ins Badezimmer. Bald darauf lag Marlies in einem Schaumbad. Beate machte ihr Umschläge aufs Gesicht, denn es war von den vielen Tränen dick geschwollen. Aber die Kompressen halfen nur wenig.

Beate packte Marlies ins Gästezimmer und blieb am Bett sitzen, bis sie eingeschlafen war. Dann schlich sie leise hinaus. Carry, die kleine Hündin, legte sich an Marlies Seite und blieb dort liegen.