Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Teil eins der Performance "Lilii Borea" ist eine Geschichte über die ersten Begegnungen einer Frau und eines Mannes und den dabei empfundenen Zwiespalt. Die Suche nach Intensität und Leidenschaft und der gleichzeitige Wunsch nach Autonomie und Freiheit bilden einen Widerspruch, der offenbar nur aufgelöst werden kann durch den Tod des Geliebten und die substantielle Erinnerung an ihn. Der zweite Teil zeigt in einundzwanzig Sequenzen das Leben von mehreren Personen in einer Stadt der nahen Zukunft. Der Untergang der Natur ist weit fortgeschritten, Gewässer, Meere, Landschaften sind verödet, Frauen und Männer unfruchtbar und durch Hass, Bösartigkeit und Gewalt depraviert. Daneben die Sehnsucht und das Verlangen der Protagonisten nach Wahrhaftigkeit und einfachem Da-Sein trotz der apokalyptischen Situation: Der Traum von einem Kind, die Rettung eines Hundes - Verkörperungen der letzten intakten Wesen der Welt - und eine Antwort von den Sternen.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 65
Veröffentlichungsjahr: 2022
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Für G.K.
NAUTISCHE DÄMMERUNG
Sehr weit nördlich
Fluss
Südlich, südöstlich
In der Wüste
Vor Tagesanbruch
Herz
Nautische Dämmerung
Eismitte
Alritha‘
Dritter Gesang
Beduin
Dein Gesicht, so bleich
Return
Nacht
Jägerin
Landeinwärts
Am Meer
LILII BOREA
1 Carlos
2 Altair
3 Imaai
4 Thad
5 Terest
6 Altair
7 Thad
8 Carlos
9 Altair
10 Imaai
11 Altair
12 Imaai
13 Terest
14 Thad
15 Lev
16 Altair
17 Thad
18 Imaai
19 Imaai
20 Animaist
21 Morgen
FOTOS
Carlos
Thad
Altair
Terest
Imaai
Lev
Auf der Landstraße, die Heizung maximal aufgedreht, das Haar noch nass vom Schweiß der Nacht.
Ein Adler schwebt über mir, ohne auch nur ein einziges Mal mit dem Flügel zu schlagen, ohne auch nur das geringste Geräusch.
Neulich sah ich ihn im Wipfel des höchsten Baumes auf der eingefrorenen Seelandschaft vor meinem Fenster. Mit sicherem Blick in düsterer Nacht.
Jetzt fliegt er über die Erde und zieht seine Kreise weit in die Zukunft.
Mitten im Eis halte ich an und steige aus.
Meine Kleidung: Weiß, weiß mit einer Spur Grau, Stoff, der schon mehrfach gewaschen wurde und der den gebrauchten Bettlaken billiger indischer Hotels gleicht.
Die Hose oben weit wie die Hose eines Reiters und ebenso schmal nach unten zulaufend, passend für die Stiefel, an der Seite der Wade Knöpfe zum Verschließen bis hin zum Knie.
Die Haare hochgesteckt, weiß-blond, wie eine Perücke.
Schwarzer Gürtel in der Taille, etwa acht Zentimeter breit, dessen Enden lang nach unten bis auf den linken Oberschenkel fallen.
Die Oberkleidung enganliegend, vom Stoff her identisch mit der Hose, seitlich über dem Herzen schräg zugeknöpft, wobei der Verschluss von der Mitte des Gürtels bis hin zum linken Schlüsselbein verläuft; ebenfalls Knöpfe am enger werdenden Teil der Ärmel.
Schwarze, lange Handschuhe mit Stulpen, die über die Handknöchel reichen.
Ich sehe ihm nach, solange ich kann. Die weite Landschaft geht in den Himmel über, turnergrau, eine Spur von Blau. Die Wolken fließen ineinander. Ohne Grenzen. Einzig ein kleiner schwarzer Punkt auf der schmalen Linie unterhalb des Horizonts. Jetzt halte ich, lege das Gewehr an, eine Jagdflinte, schmal, schwarzbraun, glänzender Holm, lang. Das Ziel im Visier. Schussbereit.
Meine eigentliche Wohnung liegt in einer kleinen Straße in einer großen Stadt. Die Straße ist schön, ich finde sie schön. Die Häuser wurden fast alle zu Beginn des zwanzigsten oder des ausgehenden neunzehnten Jahrhunderts gebaut. Dicht an dicht, mit vielen Stockwerken, aber großen und hohen Fenstern und aufgrund der Höhe geräumigen Zimmern. Die Türen in diesen Räumen sind massiv, ebenso die Böden aus Holz. Aber ich will nicht von meiner Stadt sprechen, sondern von mir, damit du mich kennenlernen kannst. Am liebsten gehe ich die Straßen entlang, in der nicht zu heißen Sonne. Sobald ich das Haus verlasse, fühle ich mich frei. Dann laufe ich die Straße hinunter, gleich rechts, oder ich überquere sie und schlage den Weg in die Stadt oder zum Fluss ein, vorbei an den kleinen Vorgärten, einer mit einem riesigen Magnolienbaum, dessen Blüte so zeitig im Frühjahr beginnt, dass man sie manchmal versäumt, weil man sich noch im Winter wähnt. In diesem Haus habe ich zum zweiten Mal im Leben eine Heimat gefunden. Als ich dort einzog in die Wohnung im dritten Stock, saß ich in der Mitte des zentralen Raums auf einer Kiste, sonst war nichts in dem Raum, und blickte auf die Straße, deren Verlauf man genau sehen konnte. Durch den Blick in die Ferne entstand eine Großzügigkeit und damit Möglichkeiten, wie man sie zuzeiten empfindet, wenn man losgelöst ist von der Sorge des allgemein Alltäglichen. An den Wänden der Räume waren uralte Tapeten mit Blumen, vergilbt beziehungsweise verblichen, nicht schmutzig oder zerrissen. Die vielen Bewohner der Vergangenheit.
Die Holzdielen waren dunkelrot angestrichen. So viele Male habe ich später in der Tür dieses Zimmers gestanden. Und immer wieder voller Bewunderung. Über das hineinfallende Licht durch Fenster an zwei Wänden, die in einem Winkel von hundertfünfundvierzig Grad zueinanderstanden. Trotz der heruntergelassenen Bambusjalousien und der äußeren Rollläden aus Aluminium. Der Raum hatte bis auf einen keine Neunziggradwinkel. Obwohl es ein Eckzimmer war. Einer der Wege draußen führte in einen etwa vierhundert Meter entfernten Park. Ich habe Sehnsucht nach meiner zweiten Heimat, im Grunde war meine zweite Heimat immer die einzige je wirkliche Heimat. Überall sonst fühlte ich mich nicht zu Hause.
Die Erde von einem Satelliten aus. Eine Reise, die so ist, als dächte man sie, und sie geschieht einfach, ohne Mühe, ohne Fahrzeug, in der Distanz. Die Konturen der Länder sind zu sehen, das Wasser blau und grün die Wälder, durchquert von adrigen Straßen, schwarzen Bahnlinien, schneeigen Gebirgszügen. Mein Ziel ein mehrstöckiges Gebäude im mittleren Osten. Die Wände sind im hellen Ocker der orientalischen Häuser gehalten, auch insgesamt gleicht die Architektur der der nahöstlichen Länder.
In einer großen Halle, die beinahe das Innere einer Welt sein könnte. Die Decke weit oben, sodass das Hallenartige mehr gewusst als da ist. Vom Gefühl her ist dennoch eine Begrenztheit spürbar.
Der Boden ist ungewöhnlich, nicht fest, sondern eher wie Lava, die langsam erkaltet, oder einer erdigen Schlacke mit wässrigen Zwischenzonen ähnlich.
Zum Hintereingang kann man hinaus. Auf ein Feld. Es gehört einer Frau, so heißt es, die heilsame Pflanzen anbaut. Um das Feld herum in Abgrenzung zu anderen Äckern, also auch eingebettet in eine Landschaft, ist ein kleiner Trampelpfad, den man benutzen kann, ohne das Stück Land zu betreten. Die Pflanzen darauf, weich und weiß, bilden eine Schicht, fein gesponnen, die den Boden zudeckt, ohne ihn gänzlich zu verhüllen. Deutlich erkenne ich, dass er fruchtbar und erdig ist. Die geringe Größe der Pflanzen verwundert, sollten es doch Kamillenblüten sein, gelb und üppig, nicht milchig weiß und flach. Aber hier und da sieht man eine herausragen, sie sind also da, nur anders als gedacht. Die Frau, der das Feld gehört, weilt in einiger Entfernung. Am Ende des Ackers steht ein Bunker, der weit über das angrenzende Land hinausragt, mit kleinen Fenstern ohne Glas. Tatsächlich erscheint sie an einer der glaslosen, finsteren Öffnungen, ruft mir zu und eilt mir dann mit wehendem Haar entgegen.
Schwarzweiß die Kleidung. Amerikanisches T-Shirt wie in den Dreißiger- oder Vierzigerjahren des letzten Jahrhunderts, weiße Hose und hohe schwarze Schuhe, eine Mischung aus Turn- und Lederschuhen, geschnürt ab der Zehenspitze und hochgebunden.
Die Hose mit Gummizug endet direkt über dem Knoten der Schnürsenkel, weiße Handgelenksschoner, der Schritt tänzerisch leicht, überhaupt eher Tänzer als Boxer, Grautöne auch hier im gesamten Bild, im Hintergrund Zuschauer, außerhalb des Boxrings, an der einzigen schmalen Wand große Fotos von verschiedenen Boxern und kleinere Urkunden, nicht mehr als fünf insgesamt.
Eskortiert von Männern, die helle Helme mit goldenem Rand tragen. Menschen, dicht an dicht, umringen ihn, die Horde schiebt sich Zentimeter für Zentimeter nach vorne, hin zum strahlend blauen Platz unter einem Zeltdach. Ganz vorne der Fahnenträger, die Flagge hängt nach unten. Der Boxer tänzelt, schaut sich ab und an um, im weißen Bademantel, streift seine Überschuhe ab. Klettert durch die Seile in den Ring, keine Treppe, nichts, ein Boxring mitten in der Wüste.
Laufe im Ring hin und her, möchte den Mantel abwerfen, löse versuchsweise die Schlaufen des Gürtels, zurre ihn dann aber wieder fest. Er ist noch nicht da. Ich muss warten, springe hoch, Schattenboxen, mit bandagierten Händen, vor und zurück, durch den ganzen Ring. Entblößt wie eine Frau. Die Männer, die mich sehen, peinlich berührt, schauen zur Seite, wissen nicht, was sie von so viel Schamlosigkeit halten sollen.
Jetzt kommt er. Jetzt erst. Mächtige Schultern und Arme, dunkles Fleisch unter glänzender Haut.
