Lilja - Achim Janke - E-Book

Lilja E-Book

Achim Janke

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Beschreibung

Der junge Klavierspieler Edwin Lautenschlag, 1945 in sibirische Kriegsgefangenschaft geraten, verliebt sich in die russische Krankenschwester Lilja. 1949 nach Ost-Berlin entlassen, begegnet er ihr erneut. In der geheimnisvollen Atmosphäre im Klinikpark der Beelitz-Heilstätten entwickelt sich eine Liebesbeziehung, die aber im einsetzenden Kalten Krieg keinen Platz hat. Nach der Flucht in den Westen übersteigert er in seiner Fantasie diese Begegnung zur Geschichte einer unsterblichen, sein Leben bestimmenden Liebe. In seinem bewegenden Roman beschwört der Berliner Autor Achim Janke die zugleich lebenserhaltende wie zerstörerische Macht der Erinnerung; zeigt die versöhnende Kraft der Musik; und führt den Leser in eine nicht alltägliche Männerfreundschaft.

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Seitenzahl: 304

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Buch:

Der junge Edwin Lautenschlag, 1945 in sibirische Kriegsgefangenschaft geraten, verliebt sich in die russische Krankenschwester Lilja Rodionova. 1949 wird er nach Ost-Berlin entlassen, während sie ins Militärkrankenhaus der Roten Armee in Beelitz-Heilstätten versetzt wird. Dort sehen sie sich wieder. Edwin erlebt diese neuerliche Begegnung als intensive Liebesbeziehung. Ein solches Verhältnis war damals in der SBZ streng tabuisiert. Dies sowie seine Abkehr von der auf Moskau ausgerichteten Parteilinie der SED bringt ihn in Lebensgefahr und veranlasst ihn, in den Westen zu flüchten. Lebenslang wird er sich von nun an verlieren in Erinnerungen an diese Zeit mit Lilja. Als ihn am Ende seines Lebens die Nachricht von ihrem Tod erreicht, schreibt er die Geschichte seiner unsterblichen Liebe nieder und enthüllt sie seinem Freund Karl. Erst jetzt, in Gesprächen mit ihm, erkennt er, dass diese Liebe auf Illusionen beruhte.

Autor:

Achim Janke, geb. 1940 in Oschatz (Sachsen); lebt seit 1966 in Berlin. Staatsexamen in Germanistik und Anglistik – Lehrer für Deutsch und Englisch an Gymnasien in Berlin; Assistant Teacher in Nordirland; Übersetzungen aus dem Englischen.

Seit 2012 Mitglied im FDA Berlin.

Lesungen an verschiedenen Orten in Berlin.

Veröffentlichungen:

Nach Gedichten, Erzählungen und Kurzgeschichten ist dies sein erster Roman.

Türme das Gefühl, das in deiner Brust lebt,

wie einen Felsen empor: halte dich daran

und wanke nicht, und wenn Erd‘ und Himmel

unter dir und über dir zu Grunde gingen!

Heinrich von Kleist:

Der Zweikampf

Inhaltsverzeichnis

Teil I

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Teil II

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Teil III

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Epilog

NACHTRAG

DANKSAGUNG

Teil I

1

Mitten in der Nacht der Alarm: Das Telefon schrillt, Edwins Stimme in der Leitung, stöhnend: „Komm schnell rüber, schnell, Karl, hilf mir!“ Und noch rechtzeitig, ehe ich auflege: „Schlüssel nicht vergessen!“ Ich haste im Schlafanzug meine drei Treppen runter, zwei Häuser weiter und rauf drei Treppen in Edwins Haus – außer Puste, ich alter Mann! Schlimm, ihn da liegen zu sehen, neben dem Bett, zusammengekrümmt, kaum die Augen einen Spalt breit auf – und gleich darauf vor Schmerz zusammengepresst. Der Aufschrei, als ich versuche, ihm aufzuhelfen: „Au, mein Bein, lass, lass, hol Hilfe – die Hüfte, ich glaub’, die Hüfte hat’s erwischt.“ –

Schrecklich genug das alles. Aber was mich am meisten durchschüttelte, war dann der Satz, den er sagte im Moment des flüchtigen Händedrucks, ehe sie ihn ins Rettungsfahrzeug schoben: „Es steht jetzt auf Messers Schneide, Karl, auf Messers Schneide…“ Ich war so erschrocken, dass ich das, was ihn beruhigen sollte: „Das wird schon wieder, mein Lieber…“ oder so ähnlich, erst herausbrachte, als schon die Hecktür zugeknallt wurde. Ich fragte den Fahrer, in welches Krankenhaus sie ihn brächten. „Westend“ die Antwort. Damit war die Nacht für mich zu Ende. –

* * *

Vier Tage später – nach einer Hüftoperation – war Edwin in die Rehaklinik in Berlin-Frohnau überstellt worden. Von dort aus hatte er mich angerufen. Seine Stimme klang geschwächt, ein Krächzen war’s eher: Wann ich ihn dort im fernen Norden Berlins besuchen käme?

„Stocklangweilig hier; lauter halbtot Wiederauferstandene! Da war’s ja im Krankenhaus spannender. Lauf rüber zu meiner Wohnung; bring was Gescheites zum Lesen mit: Kleist, Heine, Komödien von Shakespeare… Und meine Briefmappe!“

Beim Einpacken der Bücher fiel mein Blick auf seine beiden großen Gemälde an der Wand neben dem Regal. Eins kannte ich schon seit langem, es hatte mich von Anfang an gefangen genommen, wie auch andere, ähnlich gestaltete von ihm: Mich faszinierte darin die Kontrastierung zwischen düsterem, aber präzise gestaltetem Vordergrund und einer in Dunst verschwimmenden Ferne; geheimnisvoll eine schmale Lichtspur am äußersten Bildrand. Nicht wenige seiner Motive, hat er mir erklärt, gehen auf Erfahrungen und Erlebnisse während seiner Gefangenschaft in einem sibirischen Straflager zurück, so auch das hier vor mir, das er Ural-Wölfe vor Schwarzpappeln nannte. Als ich es zum ersten Mal sah, hat mich dieses Gemälde in seiner Urwüchsigkeit und Strenge mit einem Schauer überwältigt. Daneben hing sein neuestes Werk, das er mir ein paar Tage vor seinem Sturz noch vorgeführt hatte: „Die Frau in Weiß“ – ein Ausschnitt der Fassade seines Hauses, stark verfremdet, weil gewissermaßen voller blauem Schnee – das Haus blau eingeschneit! Vom Dach bis zu den Balkonen im zweiten Stock alles: die Dachrinne, die Fassadenvorsprünge und Balkonbrüstungen – alles ein Traum in hellem Blau oder Weißblau! Als ich ihn einmal gefragt hatte, was er da gemalt habe, sagte er unwirsch: „Siehst du doch: Winterlandschaft in Blau und Weiß!“ In der Tat, ich sah: nicht gerade eine Landschaft, sondern eben bläulich-weiß verschneite Hausfassade. Und an der Brüstung eines der Balkone in Höhe des dritten Stocks: eine junge Frau in weißer Bluse, ihr hübsches Gesicht strahlt, sie ist dem Betrachter zugewandt, als würde sie ihm im nächsten Augenblick zuwinken.

Natürlich wollte ich wissen, was es für eine Bewandtnis mit dieser Frau habe. War SIE es, seine große Liebe? Aber als ich Näheres erfahren wollte, war er mürrisch ausgewichen.

„Frau in Weiß – was sonst gibt’s da zu sagen?…. Lass mich jetzt lieber ein bisschen Fingerübungen machen.“

Und damit hatte er sich vor sein Klavier gesetzt und zu spielen angefangen; Chopin zunächst, glaubte ich, aus den Etüden. Bald würde er wieder übergehen zu Beethoven, und mit ihm auch abschließen, wie üblich, mit der Paraphrase des zweiten Themas des langsamen Satzes aus der 9. Sinfonie, das ich als Klassikliebhaber nie müde werde zu genießen. – Aber nein! Zu meiner Überraschung klang es, als wollte ihm diesmal das Thema nicht so recht gelingen, ja, es schien ihm regelrecht unter den Händen zu zerfallen. Stattdessen kam er, erst piano und lento, auf ein kurzes Stück, dann noch eins, in das er sich mehr und mehr hineinsteigerte. Es waren Themen, die ich noch nie von ihm gehört hatte, obwohl ich über viele Jahre, seit Beginn unserer Freundschaft vor mehr als dreißig Jahren, sein engagierter Zuhörer gewesen bin. Schon gar nicht kannte ich etwas derart leidenschaftlich Vorgetragenes. Bei jedem Forte, bei jedem Piano zeigte er starke innere Anteilnahme: Blick an einen nicht vorhandenen Himmel, dann Augen geschlossen und den Kopf wie in Verzückung hin und her bewegt, und seine Rechte schwenkte bei fast jeder Halb- oder Viertelpause ins Weite.

Als er fertig war, beugte er sich vor auf die Tasten und verharrte so sekundenlang. Ich traute mich nicht, Beifall zu klatschen, bis er sich wieder aufrichtete. Dann hielt mich nichts mehr, und ich klatschte lauter und länger als üblich. Er nickte leicht und wandte sich mir zögernd zu, als müsste er sich von innen her erst lösen.

„Was war das denn, Edwin?“ – Er lächelte und winkte ab.

„Beethoven: für Klavier bearbeitet von Franz Liszt, etwas –“

Er beendete den Satz nicht, und ich wagte nicht nachzuhaken. – Aber als ich dann aufbrach und schon an der Tür war, rief er mir nach:

„Diese Liszt-Bearbeitung war übrigens über Beethovens An die ferne Geliebte.“

Und als ich stehenblieb und Miene machte umzukehren, winkte, ja scheuchte er mich mit einer heftigen Armbewegung hinaus. –

Nachdem ich die Bücher eingesteckt hatte, warf ich noch einen Blick auf seinen Schreibtisch. Eine Briefmappe lag da, die musste auch mit. Daneben ein dicker Stapel Ausdrucke. Überschrift: Der ferne Klang. – Das könnte es sein, überlegte ich: der von Edwin vor kurzem erwähnte Text über seine Zeit in sowjetischer Gefangenschaft und die ersten Jahre nach Kriegsende in Deutschland… Ich bezwang mich und ließ erst einmal die Finger davon.

Auf dem Weg zurück zur Wohnungstür fiel mein Blick auf das Foto mit ihm und meiner Erika. Ich selbst hatte es aufgenommen – an jenem denkwürdigen Tag: der Feier seines fünfundfünfzigsten Geburtstags, als wir drei zum letzten Mal zusammen waren. Wenige Wochen später ihr schrecklicher Unfall, nun schon fast dreißig Jahre her. Es zeigt den Moment, als sie sich von hinten über den am Tisch sitzenden Edwin beugt, wohl um ihm noch etwas Nettes zu seinem Ehrentag zu sagen. Ihr Gesicht eng an seiner Wange – die Flamme der großen roten Kerze auf dem Tisch vor ihnen lässt ihre Gesichtszüge wie verzaubert erscheinen. Ich zuckte zusammen. Hatte ich das Bild jemals richtig angeschaut? Seit wann überhaupt hatte Edwin es hier hängen, wann aufgehängt? Seit ewigen Zeiten glaubte ich es nicht mehr bei ihm gesehen zu haben. Bin doch so manches Mal bei ihm gewesen, zu Geburtstagen und Ähnlichem, zu großen Fußballereignissen im Fernsehen; und natürlich zu den von ihm festlich gestalteten Jahreshöhepunkten: Klassikabenden, mit ihm als Solisten am Klavier, ich und drei oder vier weitere Freunde geladen, die sich der Musik sowie seiner Spitzenweine aus Spanien erfreuen durften. – Ich spürte, wie etwas in mir anfangen wollte, in die Vergangenheit einzutauchen. War eigentlich Erika auch einmal bei diesen Soireen dabei gewesen? Erika… Lange schaute ich auf das Foto. Wie innig… Hatten sie beide mir damals etwas verheimlicht? Unsinn! Fotofirlefanz! Damit verscheuchte ich den Gedanken.

2

Eine Woche war vergangen, seit Edwin so schwer gestürzt war. – Als ich ihn in der Reha wiedersah, erschrak ich. Er sah blass aus. Seine immer schon hageren Züge wirkten jetzt fast eingefallen. Er fühle sich so einigermaßen, sagte er mit schwacher, heiserer Stimme. Er habe gerade am Gehbock, in Begleitung eines Pflegers, die ersten Schritte mit dem neuem Hüftgelenk hinter sich gebracht.

„Himmelangst ist mir am Anfang gewesen. Wie ich da mit dem Physiotherapeuten unterwegs war, in winzigen Schritten bis zum Ende des Flurs und zurück… Nur nicht schwach werden, bloß nicht wieder stürzen! hat’s in mir gehämmert. Am Ende schweißüberströmt – du siehst ja…“

Zum wiederholten Male wischte er sich mit einem Handtuch über Gesicht und Nacken.

„Aber was stehst du da noch rum? Zieh dir den Sessel vom Nachbarn rüber! Der ist für eine Weile weg in der Cafeteria. Und dann mach deine Tasche auf und zeig mir, was du mitgebracht hast. – Adorno, Minima moralia – wohl aus deinen Beständen, sehr gut! Kleist – die Dramen, ja! Heine, Buch der Lieder – okay. Was ihr wollt von Shakespeare – topp! Da sehe ich wieder, wie gut du mich kennst – danke bestens, mein Lieber! Das pack alles da auf das Tischchen. Aber zuerst gib mir die Briefmappe, damit ich dir das hier zeige“:

Er öffnete den Verschluss, zog ein schwarz umrandetes Couvert heraus und daraus eine Todesanzeige, die er mir wortlos hinhielt.

Ich schaute ihn fragend an. Edwin nahm die Karte und steckte sie wieder in den Umschlag. Ich wartete, aber er sagte zunächst nichts; sah mich nur bedeutungsvoll an, als ob mir klar sein müsste, um wen es sich da handle. Ich wusste natürlich sofort Bescheid. Und schließlich kam auch seine Bestätigung:

„Das ist die Lilja, von der ich dir erzählt habe – Sibirien, Ost-Berlin…“

„Ah ja, ich erinnere mich. – Und wer ist Dieter Weisenberg?“

„Den hat sie irgendwann nach dem Krieg geheiratet. Exportkaufmann, glaube ich, dickes Geld.… Na ja, vergiss es! Ich kenne ihn nicht näher, weiß nur, dass er Liljas Mann ist bzw. war.“

„Das heißt also,… warte mal – sechs Wochen seitdem… Bist nicht etwa zur Beerdigung gefahren?“

„Wo denkst du hin?! Natürlich nicht.“

„Na klar, dumme Frage. – Und das ist – Das war die ‚Frau in Weiß’?“

„Erraten.“ – Sehr leise sagte er das, fast wie zu sich selbst.

3

Wir fuhren mit dem Lift nach unten und setzten uns auf die Terrasse vor der Kantine der Klinik. Die Aprilsonne brannte schon kräftig, sodass wir einen Platz im Schatten unter der Markise wählten. Ein paar Patienten saßen am Rande der Terrasse, in der prallen Sonne. Sein Zimmergenosse sei auch dabei, mit Freundin, zeigte er mir.

„Der hat wahrlich Sonne nötig! Blass wie ein Käse ist der, findest du nicht?“

„Na ja, wie gerade aus der Sahara zurück siehst du mir auch nicht aus“, wagte ich einzuwenden. – Edwin lächelte.

„Danke bestens. Ich war nie einer von der sozusagen negroiden Sorte. Im Winter immer weiß wie Wachs – oder Schnee. Hättest mich mal in Sibirien sehen sollen! O Mann, im Schnee wahrscheinlich nicht zu erkennen, wenn man mir ´ne weiße Montur übergezogen hätte.“ – Er nippte an seinem Mineralwasser. Ich hatte mir Cola am Automaten gezogen.

„Du bist mir noch ein paar Einzelheiten schuldig, mein lieber Edwin. Du hast nur kurz mal erwähnt, dass es dich vor Leningrad erwischt hat, und dass die Russen dich mit den anderen deutschen und ein paar finnischen Gefangenen nach Osten abtransportiert haben, nach Sibirien.“

Er winkte ab, zuckte plötzlich vor Schmerz zusammen.

„Verflucht! Immer das rechte Bein! – Wie bei dem Angriff der Russen, als der Splitter einer Granate mir das Knie aufriss. Mann, was habe ich geblutet! Und dann die Ohnmacht. Und die Schmerzen, wahnsinnig, als ich, von den Stößen des Truppentransporters wachgerüttelt, wieder zu mir kam. Lauter verletzte Kameraden um mich, jammernd und stöhnend. Ein paar Sanitäter und ein Arzt damit beschäftigt, Wunden zu verbinden, Streckverbände anzulegen oder Spritzen zu geben. Erst glaubte ich, wir wären auf einem Laster der Unsrigen – ab in die Heimat, Pflicht erfüllt und so. Dann aber – ich dachte, ich höre nicht richtig: Russisch! Konnte es nicht fassen, aber tatsächlich! Russen kümmerten sich um deutsche, also feindliche Soldaten, dieselben, die kurz zuvor unerbittlich gegen sie gekämpft hatten, verstehst du? Nach allem, was wir an Gräulichem über die Iwan-Barbaren eingetrichtert bekommen hatten, fanden wir das, was auf dem Laster ablief, erst mal erstaunlich. Es dämmerte uns aber bald, dass es nicht allein im Namen reiner Nächstenliebe geschah. Die Gewissheit kam, als wir halbwegs wiederhergestellt waren und uns in Sibirien die Knochen aufreißen mussten, diesmal bis zum Verrecken, kein Pardon für uns Arbeitssklaven – im Steinbruch und in den Wäldern vor Orsk! Und dabei fast nichts zu fressen!“

Er nahm sein Glas, wollte wohl einen großen Schluck tun. Dabei verschluckte er sich, oder genauer: Es sah so aus, als ob er nichts hinunterbringen konnte. Er schluckte und würgte, hustete schließlich heftig und sich verschluckend das Wasser zur Seite aus. Dann fasste er sich an den Hals.

„Entschuldige, ich krieg‘ da dauernd etwas nicht runter. Ich hab‘ auch nicht aufgepasst: mit Sprudelwasser gibt’s bei mir immer Probleme.“

Nach einigen Sekunden, in denen er schwer ein- und ausatmete und dabei immer wieder Schluckversuche machte, fuhr er in seinem Bericht fort:

„Ich frage mich jetzt, wie lange das bei mir ging mit der miserablen Ernährung. Kann eigentlich nicht allzu lange gewesen sein. Hab‘ dir ja mal erzählt, dass ich wochenlang im Lazarett lag. Da gab’s einigermaßen akzeptables Futter, wenn auch nicht das, was unter guter Küche zu verstehen ist, zum Beispiel so gut wie nie Fleisch. Dann, als das Knie so weit verheilt war, dass ich wieder gehen konnte, wurde ich eine Zeitlang der Küche zugeteilt, als einer von zwei Glücklichen – von uns Nazi-Dreckschweinen, die wir natürlich für unsere Bewacher waren. Dabei wollte ich von Anfang an mit den braunen Banausen nichts zu tun haben. Aber mach das mal einem in der Roten Armee klar!

Aber halt! Ich habe ja das unwahrscheinliche Glück gehabt, Russen kennen zu lernen, die keine menschenverachtenden ‚Roten’ waren: den stellvertretenden Lagerkommandanten und eine Ärztin – und natürlich Lilja.“

Er lehnte sich zurück und schloss die Augen.

„Lilja, mein Täubchen!“ flüsterte er.

Ich sagte nichts, fühlte mich unsicher: Jetzt würde er wieder von ihr sprechen, dachte ich. Und was würde diesmal kommen?…

Schon bei früheren Gelegenheiten waren mir „Täubchen“ und ähnliches Gerede, überhaupt das Festhalten Edwins an dieser alten Geschichte auf die Nerven gegangen. Lilja, Lilja – in den langen Jahren unserer Freundschaft fiel immer wieder dieser Name: seine große Liebe, aus weit zurückliegender Zeit. Das ließ nicht nach, je älter wir auch wurden. Näheres hatte er mir aber nie erzählt.

Nach längerem Schweigen stand er auf und versuchte, die Lippen zusammengepresst, mit dem Gehbock ein paar Schritte zu machen. Ich stand ebenfalls auf, um ihm, wenn nötig, Hilfestellung zu leisten. Nach wenigen Schritten gab er auf, humpelte zum Stuhl zurück und ließ sich schwer atmend fallen. Endlich setzte er neu an – aber nicht über Lilja.

„Wie doch das Schicksal so spielt…. Aus einem der damaligen Terrorreiche kommend, lerne ich in dem zweiten, ebenso grausamen, drei unvergessliche, mir bis heute teure Menschen kennen. Dass ich gerade ihnen begegnet bin – was für ein glücklicher Zufall! – Nehmen wir zuerst Major Andrej Stepanowitsch Ignatjew, zweiter Mann in der Lagerkommandantur, hinter Oberst Kirilow, einem finsteren Apparatschik. Eines Morgens, ich war noch nicht aus der Krankenstation entlassen, hörte ich von der nicht weit entfernten Kommandantur gegenüber Geigenklänge. Nicht zu fassen: Da spielte jemand Tschaikowsky, aus dem 2. Satz des a-moll Trios, das eins meiner Lieblingsstücke war. Noch zu Beginn des Krieges habe ich am Leipziger Konservatorium den Klavierpart gespielt, bei einer Aufführung im Rahmen der Klavierklasse von Professor Meinrad. Gerade mal 16 Jahre alt war ich da, talentiert und… Ich hielt mich sogar für ein Genie, ja, wirklich! Mann, was hätte ich nicht alles… Aber was soll’s! Drei Jahre später wurde ich eingezogen – aus und vorbei!“

Klassische Musik mitten in einem Lager im tiefsten Sibirien – das müsse man sich mal vorstellen! – Aber wer spielte da?

Dass ein Major Ignatjew Geige spielte, erfuhr er in der Lagerküche, wo er, inzwischen gesund, aber noch schwach, für kurze Zeit als Geschirrwäscher eingeteilt war. Dieser Major sei öfter in die Küche gekommen, um sich eine Kanne mit Milch abfüllen zu lassen.

„Da habe ich bei nächster Gelegenheit mal allen Mut zusammengenommen: ‚Violine bravissimo!’ sprach ich ihn an und gab mir dabei Mühe strammzustehen.

Der Major zuckte zusammen, und ich fürchtete schon, er würde mich anherrschen – mit Worten zwar, die mir fremd, aber in Ton und Gestus unmissverständlich gewesen wären. Wie ich ihn, den hohen Offizier der glorreichen Sowjetarmee, so einfach anzusprechen wagen könne… Aber zu meiner Erleichterung geschah nichts dergleichen, im Gegenteil: Der Major lächelte – ein feines, warmherziges Lächeln. Und dann überraschte er mich damit, dass seine Antwort auf Deutsch kam – in einem fast fehlerfreien und kaum akzentverzerrten Deutsch! ‚Gut finden Sie? Dann auch Freund von Tschaikowsky?‘ Ich nickte. Und zu meiner Verblüffung und – wie ich zu erkennen glaubte – zum Schrecken der beiden russischen Küchenbullen neben mir, kam er auf mich zu und drückte mir fest die Hand, fragte nach Namen und letztem Dienstgrad und stellte sich selbst mit vollem Namen vor.

In dem anschließenden kurzen Gespräch fragte mich der Major, ob ich selbst auch ein Instrument spielen könne. Und als ich mit ‚Ja, das Piano‘ antwortete, wurde ich von ihm am Arm gepackt und mit einem unmissverständlichen ‚Mitkommen!‘ zur Tür geschoben und draußen weiter zum Gebäude der Kommandantur dirigiert. Dort die nächste Überraschung: Der Major führte mich, vorbei an mehreren offenen Diensträumen, einen langen Flur entlang, öffnete an dessen Ende eine Doppeltür, befahl mir einzutreten. Und dann laut auf Deutsch: ‚Die Augen – rechts!‘“

Und da habe er es stehen sehen, in einer Art Alkoven des großen, ansonsten völlig leeren saalartigen Raumes, schwarz glänzend: ein Klavier.

„‚Bitte spielen!’ forderte er mich lächelnd auf und führte mich, wieder fest am Arm gefasst, hinüber. Ich war zunächst verwirrt, aufgeregt, unschlüssig – verstehst du? Schon das höfliche bitte war, angesichts der Umstände: ich, ein Kriegsgefangener, eine ungeheuerliche Ehrerbietung. Schweiß lief mir aus allen Poren, besonders an den Händen – grade die Hände, ausgerechnet! Und wie ich aussah! Hatte ja noch den Küchenkittel um. Als ich auf den hinwies, hieß der Major mich ihn abbinden, nahm den Fetzen und schleuderte ihn irgendwo in den Raum. Dann wurde ich regelrecht auf den Klavierhocker gepresst – einen Stuhl, von dem die Lehne abgesägt worden war, wie ich später feststellte.

Was aber sollte ich spielen? Was konnte ich denn noch, nach Jahr und Tag ohne Übung, drei Jahre und mehr seit dem letzten Kontakt mit den Tasten, mit Musik überhaupt, von Marschmusik mal abgesehen? Und selbst das bisschen Repertoire, das ich mir erarbeitet hatte, bevor ich eingezogen wurde – fast nichts war’s ja gewesen. Von Noten, an die ich mich allenfalls hätte halten können, war hier nichts zu sehen. Ich griff zögernd an den Rand des Klavierdeckels, hielt wieder inne. Da packte der Major resolut zu und warf den Deckel mit einem Ruck auf. Ich versuchte, mir die Hände an der Hose trockenzuwischen, was wohl als Ablenkungsmanöver angesehen wurde. Denn nun wurde er richtig laut: ’Was machen Sie? Spielen, ich sage, jetzt, bitte!’ Ein wenig hilflos sah ich zu ihm auf. Das Lächeln war verschwunden. Mit mehrmaligem herausforderndem Kopf-in-den-Nacken-werfen und herrischer Armbewegung trieb er mich nochmals an zu beginnen. Nicht denken – spielen!’ kam es barsch.

Ich legte die Hände auf die Tasten, hoffte auf eine Eingebung. Chopin? Vielleicht. Ein paar Mazurken hatte ich gelernt, die zweite Etüde aus op. 10 auch, wenngleich nie ganz fehlerfrei, dazu ein paar Préludes. Aber durfte ich einem Russen mit Chopin kommen? Das konnte, mit Blick auf die spannungsreiche polnisch-russische Geschichte, als Provokation verstanden werden. – Oder Beethoven? Zu gewichtig – und auch zu schwer für mich. Nur der erste Satz der Mondscheinsonate wäre allenfalls möglich gewesen. – Oder Mozart? Ja, vielleicht KV 331, das Allegretto, mit dem Alla-turca-Motiv, das mit Janitscharenmusik verwandt sein soll. Ich setzte an, und – was soll ich dir sagen? – es durchfuhr mich gleich bei den ersten Noten. – Für Augenblicke, Karlos, fing da, wie Eichendorff gesagt hat, die Welt zu singen an für mich, in mir! Und das, obwohl das Klavier ziemlich verstimmt war. Mann, das war doch wieder ein Stück Leben, war wahres Leben: Mozart! Töne, Akkorde aus Mozarts Sonate, Mozart-Klänge, mit denen ich mich für Augenblicke selbst verzauberte.

Aber plötzlich – Mein Gott, wie wird mir denn – ich werd’ doch hier jetzt nicht etwa ohnmächtig?! – Ich brach nach nur wenigen Takten ab.

‚Warum?’ fragte der Major – ‚warum nicht weiterspielen?’

Ich schüttelte den Kopf – wodurch das Empfinden von Schwindel stärker wurde – und suchte nach einer Erklärung, die nicht nach Ausrede klänge. Konnte ich denn glaubwürdig deutlich machen, dass Mozart zu viel war, dass diese Musik mich überwältigte, hier, in der so lange schon erzwungenen Fremde? – Diese Klänge, Mann! Heimat, Musik, Mutter, Vater, Bruder, Traum und erste Liebe, und –

Wehmut wollte mich überwältigen…. Ich konnte nicht, sagte ich. ‚Alles vergessen.’ – Der Major war natürlich enttäuscht, ich selbst auch. So konnte, so durfte ich’s nicht enden lassen. Da fiel mir eine Lösung ein: John Field, der Ire, der um die Mitte des 19. Jahrhunderts eine Zeitlang in Russland, für die feine Petersburger und Moskauer Gesellschaft, aufgespielt hatte. Schon früh in den Übungen am Klavier war ich auf ihn und seine Nocturnes gestoßen. Und weil sie, verglichen mit denen von Chopin, verhältnismäßig leicht zu spielen waren, hatte ich mir bald ein kleines Repertoire der schönsten Stücke angeeignet. Ich legte los, mit Nummer eins, Es-Dur – und war nun ganz bei mir, trotz des so verstimmten Instruments.

Der Major klatschte begeistert, nachdem ich den letzten Ton angeschlagen hatte. ‚Serr gut! Morgen merr!‘ bestimmte er. Dann musste ich ihm sagen, was ich da gespielt hatte – Field, kannte er nicht… Was Wunder – mehr als hundert Jahre waren seither ins Land, sein Land gegangen. Und nachdem er mich die Schürze wieder anzulegen aufgefordert hatte, marschierten wir zurück: Ich zur Küche, er in sein Büro, vor dessen Tür er mir nochmals die Hand schüttelte.“

Damit habe alles angefangen, beendete Edwin diesen Abschnitt seiner Lagerzeit. „Was daraus dann wurde? Na, denk mal an den berühmten Film-Satz:… Beginn einer wunderbaren Freundschaft… Ich glaube, ich muss jetzt rein, die Anwendung dürfte in Kürze wieder auf mich zukommen.“

Auf dem Weg zu seinem Zimmer sagte ich ihm, dass ich auf seinem Schreibtisch einen Blick auf die oberste Seite seines Textes geworfen habe.

„Deine Sibiriengeschichte?“

„Ja, könnte man sagen. Und einiges mehr: Über die ersten paar Monate nach der Entlassung – Ost-Berlin, SBZ. Graue Vorzeit, aber überraschend frisch, für mich, für dich sicher noch mehr – oder erschreckend.“

„Durch den Brief von diesem Weisenberg?“

„Durch diesen Brief, durch alles, was Anstoß gab, Gewesenes in die Erinnerung zu rufen. Erinnerung, ach ja… Erinnerung ist etwas Faszinierendes, wenn es einem gelingt, sich damit zu arrangieren. Aber Vorsicht, sie kann einen auch aus der Bahn werfen – auf einen Weg vielleicht ohne Umkehr!“

„Aufschreiben muss man die Erinnerung, sie damit ein für alle Mal dingfest machen, Karl“, fuhr er nach kurzem Nachdenken fort.

Romantisierende Erinnerung! dachte ich bei diesen Worten und wollte fragen: „Was denn für eine Er-?“ Aber er ließ mich nicht zu Ende sprechen. Und ich resignierte auch schon. Sollte er doch aufschreiben, was er für seine Erinnerung hielt! Darauf kam es nicht an. Entscheidend ist doch, was er für sein Leben daraus gemacht hat.

Dann kam eine überraschende Wendung: „Für wen, außer für mich selbst, schreiben? Könnte man vielleicht fragen.“ Er stockte, lächelte verlegen, zwinkerte mir zu.

„Also, zum Beispiel für dich, mein Lieber.… Ja, wirklich! Du lachst – aber es stimmt. Ich dachte mir: Ich tu einfach mal so, als ob ich dem Karl einen langen Brief schreibe – aus Sibirien erst, dann aus Ost- und Westberlin. Und Beelitz-Heilstätten! Das allein ist schon animierend gewesen. Aber es gibt noch einen Adressaten, fernab und zugleich tief in mir drin – wirst schon sehen.“

Natürlich ‚sah‘ ich gleich – brauchte weder nachfragen noch raten.

Wir hatten nun sein Zimmer erreicht, standen am Fenster und sahen hinaus. Edwin zeigte auf die Kiefern am Rande des Parks.

„Kiefern… ihr harziger Geruch – mag ich sehr. Und das trotz der üblen Erinnerungen an die Kiefer im Ural, wovon ich dir mal erzählt habe. – Die war allerdings von einer ganz anderen Sorte als unsere: schwarzer Stamm, Zweige bis unten, die Nadeln auch anders geformt.“

Bei der Verabschiedung: „Viel Vergnügen mit meinem Geschreibsel! – Ach, Karl, da fällt mir ein: Ich bräuchte hier einen Laptop. Kannst du mir so etwas besorgen?“

Ich sagte zu, ihm meinen zur Verfügung zu stellen. Und damit verabschiedeten wir uns.

4

Stapelweise mit Noten zu allen möglichen Stücken ist der Major angerückt. Kaum etwas mir Bekanntes ist darunter. Nicht eine Mozartsonate, nichts von Brahms, von Beethoven keine der zehn Violinsonaten, erstaunlicherweise aber ein paar von seinen Variationen. Und natürlich viel Russisches: von Tschaikowsky sowieso, dazu von Borodin, Cui, Rimski- Korsakow, und zwei weiteren Komponisten, deren Namen ich noch nie gehört habe: Chatschaturian und Tscherepnin. Am meisten Freude machen mir aber – und wohl auch dem Major – zwei Stücke von Schubert: die Sonatine g-moll und die Fantasie C-Dur, von letzterer haben wir schon das zweite Mal den ersten Satz fast ganz gespielt.

In den eisigen Temperaturen dieser Wintermonate des Jahres ’46/47 müssen wir immer wieder kurz aufhören und die Hände über den Kanonenofen halten, die Finger auftauen, geschmeidig machen. Erst nach solchen Zwangspausen kann es weitergehen. Nie mehr als eine halbe Stunde halten wir durch. Aber fast jeden Tag. Und das bedeutet auch, fast jeden Tag – mit Sondererlaubnis des Majors – aus der Küche ‚Reste’ mitzunehmen, für mich und auch ein paar Kameraden – richtig nahrhafte Reste manchmal: zum Beispiel fünf große Kartoffeln, zwar verschrumpelt, aber kein bisschen faulig. Ich finde sogar Gelegenheit, sie anzukochen – für Herbert Dannemeier vor allem, dem es mit seiner Rippenfellentzündung entsetzlich dreckig geht. – Hat’s dann doch nicht geschafft, wie so viele vor und noch mehr nach ihm. Auch meine Wunde am Knie bricht immer wieder auf, muss mit einer schwarzen Tinktur bestrichen werden, der ich misstraue. Der Arzt besteht darauf, lässt neu verbinden, bis zur nächsten Visite in zwei Tagen.

Ein Mitgefangener tritt ein paar Tage nach dem dritten Treffen mit dem Major an mich heran. Er stellt sich als Alfred Brunner vor und kommt mir mit der damals für mich unerhörtesten Idee, die wohl je in einem Gefangenenlager geäußert wurde (Da wusste ich noch nichts von Orchestern und Chören an anderen Lagern!): Ich möge, sagt er höflich, den Major, mit dem ich offenkundig so gut könne, fragen und bitten, ob nicht die Männer des Trupps, die für Musik empfänglich und noch leidlich bei Kräften seien, sich zu einem Chor zusammenfinden dürften – mit ihm selbst als Chorleiter, sowie dem Major als Musikdirektor und vielleicht Begleiter mit Violine und mit mir am Klavier. Bereits sechzehn Kameraden hätten sich interessiert gezeigt und der Idee zugestimmt. Die meisten hätten in der Heimat schon in Chören, reinen Männerchören meist, mitgewirkt, wie er selbst in Breslau an der Musikhochschule bei Professor Wüst.

Wie er sich das denn vorstelle, habe ich Brunner gefragt, hier, wo es an allem fehle: Texten, Noten, Orchester. Ob er etwa nur a capella singen wolle – und das noch dazu auf Russisch, was niemand könne, von ein paar Brocken abgesehen? Nicht zu vergessen: Es mangle ihnen allen an der allerersten Voraussetzung: Kraft!

„Schau dich um, schau dir alle an, wie verhärmt und abgezehrt wir alle aussehen. Schon haben sie heute Morgen wieder welche aus Lager drei rausgetragen, verhungert – kein Wunder angesichts von Wassersuppen, Buchweizenkasch und ähnlichem Kraftlosfutter und hin und wieder einem halben Hering!“

Wegen Texten und Noten solle ich mir keine Sorgen machen. Das Meiste sei unvergessen in ihren Köpfen. Und was die Kräfte anbelange, so sei erst recht nichts zu befürchten. Im Gegenteil: Gerade durchs Musizieren, ob mit oder ohne Instrumentalbegleitung, ließen sich in ihnen schlummernde Kraftreserven wecken, da sei er ganz optimistisch.

„Mensch, Edwin!“ sagt er und schaut mich beschwörend an. „Hast du denn nicht auch schon beim Spielen auf deinem Klavier so etwas wie Ekstase erlebt? Das passiert natürlich selten, doch wenn es einen ergreift, kann es geschehen wie mir ein paar Mal: Ich bin dann mit meinem Instrument, dem Cello, über Stunden ganz eins, ohne müde zu werden, und ich vergesse dabei alles um mich her, wirklich wahr!“

Ich habe diesen Brunner wahrscheinlich ziemlich skeptisch oder entgeistert angesehen, konnte aus eigener Erfahrung mit keinem derartigen Erlebnis aufwarten. –

„Aber egal“, habe ich ihm geantwortet, „ich sehe, du brennst aufs Musizieren – und ich im Grunde ja auch. Ich werde versuchen, den Major um Zustimmung zu bitten.“

Ich habe Erfolg gehabt – geradezu durchschlagenden Erfolg! Denn kaum habe ich mein Anliegen zu Ende formuliert, da packt der Major mich schon bei den Schultern und ruft aus: „Grosse Idee! Wir machen Musik mit Chor. Deutsche Gefangene machen Chormusik in Sibirien!“ – Dann aber wird sein Gesichtsausdruck plötzlich ernst, und er fügt nachdenklich hinzu: „Gefangenenchor – ein bisschen gefährlich, du weißt?“ – Was er meint, wird mir schnell von ihm klargemacht: Ob mir Verdis Nabucco bekannt sei… Ich bejahe – und bringe ein mir noch bekannteres Beispiel: Beethovens Fidelio.

Es gelingt mir aber bald, seine Bedenken zu zerstreuen:

„Gefangene in der Traum- und Fantasiewelt der Oper haben nichts zu tun mit der harten Realität von Kriegsgefangenen hier im Lager, Herr Major.“

Allerdings kommt zum Schluss von ihm eine Einschränkung: „Muss ich fragen zuerst Chef.“

Ein paar Tage später dann überrascht er mich mit einem verschmitzten Lächeln und: „Oberst Kirilow einverstanden.“ Zum Ende unserer halben Stunde Duo präzisiert er diese Aussage: „Chef manchmal kontrollieren kommt. Und nur zwei Stunden üben, immer nur Sonntag!“

Nun, das ist doch was, ein Einstieg! Und gleich geht das Beratschlagen los, erst mit dem Major, der unbedingt mit seiner Geige dabei sein will. Und dann mit Brunner, der mir außer sich vor Freude um den Hals fällt, als ich ihm die Botschaft bringe. –

Am Ende sind tatsächlich mit diesem von Alfred Brunner geformten Chor – und später zusammen mit einem Ensemble aus der Stadt Orsk – die schönsten Klänge erzeugt worden. Brunner zeigt sich, wie erwartet, als erfahrener Chorist: Er kann auf Einsätze in Breslau als stellvertretender Chorleiter zurückgreifen, hat daher keine Probleme, die Leitung eines Chores hier im Lager in die Hand zu nehmen. Zunächst bin ich dabei nur passiv – wie auch der Major. Allerdings braucht man mich des Öfteren als Begleiter und Tongeber am Klavier. Der Major aber sollte gegen Ende mit einem Solo hervortreten, das mir die Tränen in die Augen getrieben hat.

***

Mit mühevollen Schritten am Rollator hatte Edwin sich erstmals mit mir weit hinaus in den Park getraut, wir hatten uns tatsächlich bis zu den Kiefern vorgekämpft, wo er sich auf eine Bank fallen ließ. Er ritzte irgendetwas mit einer im Vorbeigehen von einem Busch abgezupften Gerte in den Sandweg vor unserem Platz.

„Die Bilder, Karl, diese Bilder in den Jahren nach der Entlassung immer wieder…. Träume, ich wache auf und schreie – Es schreit in mir: ‚Los! Leiche raustragen!’ brüllt der Wachmann. Neben mir liegt da erstarrt ein Kumpel, rührt sich nicht mehr; hatte die Nacht noch vor sich hin geröchelt, aber jetzt… – ‚Aufstehn! Leicheagen! Wird’s bald!’

Du liegst mit zwei Mann auf der Pritsche, zitterst dich unter lausiger Decke so durch, und irgendwann fängt der Kumpel neben dir an, fürchterlich zu japsen, krampft sich zusammen, und ein paar Minuten später zuckt da nichts mehr. Morgens heißt es: Einsammeln, was übriggeblieben ist – rauf auf die Leichenkarre und ab zum Verbuddeln. Ich war auch mehrfach dazu eingeteilt: Knochenarbeit, die schwere Erde in der Gegend aufzubrechen. Im Winter – und die Winter dort waren an die sieben Monate lang – ging’s ab einer bestimmten Temperatur gar nicht. Da wurden die Leichen in Verschlägen gestapelt. Im Nu waren sie tiefgefroren, bis zum Ende des Winters. Wenn die wenigstens einen Bagger gehabt hätten. Aber nichts da, weit und breit nichts.“

Die Müdigkeit permanent, die Schwäche tagein, tagaus! Davon könne man sich gar keine Vorstellung machen. So kaputt sei er meist gewesen, schon beim Aufstehen, dass er kaum habe klar denken könne, und das sei den ganzen Tag nicht besser geworden. Er staune heute, wie er es überhaupt geschafft habe, den Major auf dem Klavier zu begleiten, auf seinen Wunsch oder Befehl hin, ohne vor Entkräftung vom Stuhl zu fallen.

„Aber was gibt’s da zu staunen? Das war eben das Faszinosum Musik –, die man da mit zehn Fingern und dem Rest Grips, den man noch im Kopf hatte, ins Instrument hineinbrachte. Musik: Spiel, Klang, Harmonie – das hebt einen fort und trägt einen, und Kräfte strömen dir zu – unbegreiflich, dass sie noch in einem sind.

Aber zu deiner Frage nach den Liedern, die sich der Männerchor vornahm: Es waren, wie erwartet, hauptsächlich russische Lieder. Der Major war an einem Sonntag Ende Mai mit einigen hektografierten Texten russischer Lieder und einem Stoß Noten dazu aus Orsk zurückgekommen. Die übergab er zunächst mir, und ich leitete sie an Brunner weiter. Der Major hatte vor dem Druck die Umschrift in lateinische Buchstaben veranlasst. – Und so stimmten im Sommer 1947 Brunner und seine am Gesang sich erfreuenden Männer, soweit noch bei Kräften, ihren Männerchor an.“

Er lehnt sich zurück, beugt sich dann wieder vor und klopft auf sein rechtes Knie.

„Dieses Knie hat mich an den Rand des Wahnsinns, ja, des Verreckens getrieben damals, zum Teil auch später noch. Sogar jetzt noch piekst es mich bei bestimmten Wetterlagen. 46/47, in dem gnadenlosesten Winter, den ich je erlebt habe, war’s so schlimm geworden, dass der Lagerarzt, ein Deutscher aus unserem Lager, mich ins Städtische Krankenhaus Orsk einweisen ließ. Fast vier Wochen lag ich da, die ersten zwei davon stand mein Leben auf der Kippe. Bei meiner Einlieferung war das Knie, das ganze Bein, ich selbst in höchster Gefahr: Gasbrand hatte eingesetzt, das Bein schwoll an wie ein Baumstamm, knisterte so merkwürdig bei Berührung. Dass ich das überlebt habe – und zwar mit beiden Beinen! – verdanke ich einzig und allein der ärztlichen Kunst einer Frau: Prof. Dr. Hélène Rodionova. In drei Operationen innerhalb von knapp zwei Wochen holte die mich zurück ins Leben! – Wie das ablief, kannst du bei mir zuhause nachlesen.“

***

Etwas Warmes, Weiches auf meiner Hand… Langsam öffne ich die Augen. Etwas Helles vor mir, Weißes – es ist die weiße Bettdecke – ich liege in einem Krankenbett – meine Hand in der warmen Hand von – ich blicke auf und sehe in das freundliche Gesicht einer Frau. Fast zärtlich legt sie ihre Hand auf meinen Arm und streichelt ihn.

„Notre enfant de gros souci, comment va-t-il?“

Ich staune. Französisch?! Ja, wieso denn, wo bin ich? Mühsam krame ich in meiner Erinnerung mein bisschen Schulfranzösisch zusammen. Was hat sie gesagt? Wie es dem Sorgenkind geht? Solche Worte zu einem feindlichen Gefangenen!

„Pas si mal, merci, Madame“, bringe ich mühsam zustande. Da lächelt sie:

„Un soldat allemand, qui n’est pas si brut comme tous les autres.“