Lilli Marleen - Sean H. - E-Book

Lilli Marleen E-Book

Sean H.

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Beschreibung

Ein versoffener Kapitän, eine sadistische Navigatorin, ein kiffender, kommunistischer Schimpanse und das unbeschreibliche Wesen im Maschinenraum bemannen das Piratenschiff Lilli Marleen, das auf der Jagd nach Beute und Profit zwischen den Sternen kreuzt wie ein Hai im Kinderplanschbecken. Als die munter-nihilistische Crew der Lilli Marleen jedoch eines Tages einen wehrlosen Frachter kapert und ausraubt, erregt sie damit die Aufmerksamkeit des äußerst humorlosen galaktischen Imperiums. Es beginnt eine furiose Jagd nicht nur durch das Vakuum des Alls, sondern auch durch anarchistische Piratenraumstationen, hedonistische Partyräume und vollgepisste Herrenklos...

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Seitenzahl: 172

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Inhaltsverzeichnis
Lilli Marleen
Von Seán H.
Impressum

Lilli Marleen

Von Seán H.

„We will hold out until our last bullet is spent. Could do with some whiskey.” (Comdt. Pat Quinlan, A Coy, 35 BN, September 1961, Jadotville, Congo, Terra)

Zutiefst entspannt lehnte sich River in den alten, verranzten Pilotensessel zurück, schlürfte genüsslich an ihrem Kaffee, und betrachtete das Panorama, das sich ihr bot. Es war einer jener seltenen, wertvollen Momente, während derer ihr einmal mehr schlagartig bewusst wurde, warum sie so war, wie sie eben war; warum sie sich entschieden hatte, diese Art Leben zu leben. In Momenten wie diesen wusste sie genau: Niemals würde sie dieses Leben freiwillig aufgeben, um nichts in der großen, weiten Galaxis.

Zwar lange vertraut mit dem Anblick, war sie doch immer wieder überwältigt von der schieren Majestät dessen, was sich ihren Augen jenseits des Bugpanoramafensters bot. Schwer seufzend ließ sie das Schauspiel in seiner gesamten Pracht auf sich wirken, gefangen im Spannungsfeld von Glück und jener bittersüßen Melancholie, die einen immer dann überkommt, wenn man einen flüchtigen Moment in die Ewigkeit ausdehnen möchte.

Funkelnde Sonnen; mehr, als sie in drei Leben hätte zählen können. Planeten, diese umkreisend, manche kolonisiert, viele noch wild und unberührt, die meisten lebensfeindlich und doch von tödlicher Schönheit. Nebulae, in allen Farben des Lichtspektrums strahlend wie Materie gewordener göttlicher Glanz. Kometen und Meteoroiden, mal wie Blitze durchs Sichtfeld huschend, mal gemächlich vorbeiziehend. Antike Americano-Satelliten, die seit Jahrhunderten fernab ursprünglicher Umlaufbahnen durchs All trudelten. Dazu das sanfte, schummerige, unwirkliche Zwielicht, in das das reflektierte Licht all dieser Himmelskörper die ansonsten dunkle Brücke tränkte. Ein magischer Moment.

Er war schnell dahin. Ein kurzes, aber penetrantes Piepen ihrer Instrumente riss River jäh aus ihren Träumereien. Pflichtbewusst warf sie einen schnellen, kontrollierenden Blick auf die Displays. Sie sah nichts Außergewöhnliches oder gar Beunruhigendes. Der Borddruck war nach wie vor in Ordnung, die Maschinen liefen wie geschmiert, die lebenserhaltenden Systeme erhielten weiterhin Leben. Nach einigem Zögern entschloss sie sich, den Kurs erneut ein halbes Grad nach Backbord zu korrigieren. Die Lilli Marleen – der alte Kahn, den sie so sehr liebte, dass es ihr manchmal sogar physische Schmerzen bereitete - hatte ihre Macken und wich bei längerer Fahrt gerne vom ursprünglichen Kurs ab. Eigentlich, überlegte River, täten der Lilli Marleen ein paar Wochen im Trockendock gut; von der Crew ganz zu schweigen. Sie selbst konnte sich kaum noch an ihren letzten längeren Landurlaub erinnern. Musste wohl noch vor dem Krieg gewesen sein.

Sie seufzte abermals, ein wenig wehmütiger diesmal, und griff geistesabwesend zum Schubregler, um die Geschwindigkeit nur ein ganz kleines Bisschen zu erhöhen. Zu spät merkte sie, dass sich ihre Finger statt um den Schubregler um Boris’ erigierten Penis schlossen.

„RHHHAAAHAHAHAHAHAHA!!!“, gellte sein Lachen wie eine widernatürliche Mischung aus Hundegebell und Keuchhusten über die Brücke, während er mit unmenschlicher Geschicklichkeit den potentiell tödlichen Schlägen von Rivers Faust auswich. Als River noch Haken austeilte, die Schädelknochen zu knacken in der Lage waren, war Boris längst behände in die Luft gesprungen und hatte sich mit seinen langen Armen an einem der zahllosen Träger oder Schläuche festgeklammert, die wie das Netz einer drogensüchtigen Sirius-Spinne den Blick auf die Decke der Brücke versperrten. River wusste, dass sie Boris jetzt nur noch unter erheblichen Anstrengungen in die Finger kriegen würde. Und den blöden Affen zu erschießen, war sie einfach nicht in der Stimmung.

„Affenwichse!“, fluchte sie daher nur leise, während sie ihre verschmierten Finger am Polster des Pilotensessels abwischte und sich dabei wütend nach Boris umblickte.

Der baumelte feixend mehrere Meter entfernt von der Decke. „Schimpanse, Towarischtsch, Schimpanse! Hähähähähä! Vergiss das nie!“ Er bleckte sein gewaltiges, ungeputztes Gebiss und rückte sich mit der rechten Hand seine alte Sowjet-Mütze auf dem Kopf zurecht. Dabei ließ er sich mit der linken behäbig von einem Träger hängen und begann mit den Füßen, einen Joint zu drehen.

„Was willst du, du verhaltensgestörter Neanderthaler?“, zischte River – ein urangstinduzierendes Zischen, das bei jedem anderen Fluchtinstinkte geweckt hätte. Sie war – gelinde gesagt – verärgert über die Störung ihrer Ruhe und das jähe Ende ihres verträumten Momentes. Vor allem aber über die Rückstände von Schimpansengenen auf ihrer Hand. Sie hätte wissen sollen, dass Boris etwas plante. Allein die Tatsache, dass niemand unter manischem Gejohle das Feuer auf die Americano-Satelliten eröffnet hatte, hätte sie stutzig werden lassen sollen.

„Aiii! Beleidige meine Art nicht, weiches Menschlein. Ohne uns Schimpansen hättet ihr haarlosen Deppen nie die bemannte Raumfahrt entdeckt. Du tätest gut daran, das nicht zu vergessen und ein wenig mehr Dankbarkeit an den Tag zu legen.“

Wenn Boris grinste – und das tat er gerade – hatte man unwillkürlich das Bedürfnis, ihn gewaltsam zu entzahnen. Gleichzeitig wusste man aber genau, dass – sollte man diesem Bedürfnis nachgehen – es der letzte Fehler wäre, den man je machte. Jedenfalls in diesem Leben.

„Fick dich selbst“, warf ihm River zu, „Wir wollten euch Scheiß-Proto-Hippies einfach nur loswerden. Es war nie geplant, dass ihr die Reise zu den Sternen überlebt.“

Trotz allen Modifikationen, die ihre Eltern an ihr hatten durchführen lassen, war River doch immer noch ein Mensch. Größtenteils jedenfalls. Und wie die meisten Menschen hatte auch sie den unerklärlichen Drang, an Dingen zu riechen, die Ekel bereiten. Geistesabwesend gab sie dem Drang nach und schnupperte am Primatensperma in ihrer Hand. Beinahe hätte sie sich dabei übergeben.

„Pah! Steck dir deine Hitler-Sprüche in deinen unbehaarten Arsch“, donnerte Boris währenddessen, „sonst lernst du meine stahlbeschlagenen sowjetischen Stiefelspitzen kennen!“

„Hitler? War der nicht CEO von Motörhead? Und überhaupt: Du trägst keine Stiefel.“

„Vergiss es!“ Boris zündete sich den Joint an und paffte, wie nur ein Schimpanse paffen kann.

„Also, was willst du? Solltest du nicht pennen?“, wiederholte River nach ein paar Momenten ihre Frage.

„Der interstellare Kommunismus schläft nie, kleines Menschlein, das solltest du wissen. Außerdem schickt mich der Henker.“

„Der Henker? Was will er? Gibt’s Probleme im Maschinenraum?“

„Er will, dass du in seinen Maschinenraum kriechst und ihm das Hündchen machst, bevor er sich aus deinem Uterus ein Mahl bereitet.“

River stöhnte. Es klang äußerst gereizt. Tödlich gereizt, hätte sich Boris in ihrer unmittelbaren Reichweite befunden. „Dir ist einfach nur langweilig, oder Boris? Zu wenig Bäume im All?“

„Ich scheiß auf deine Bäume, Hure des Kapitalismus. Bäume sind zum Fällen und zum Errichten eines Paradieses der Arbeiterklasse da.“ Man merkte, dass der Joint knallte. Jedenfalls merkte Boris das. Auf River wirkte er wie immer, was wohl daran liegen mochte, dass er permanent so dicht wie ein ganzes Rudel Voodoostomper war.

„Jaja, was auch immer“, winkte River ab. „Außerdem kann der Henker keinen Hunger haben. Schließlich haben wir ihm vor ein paar Stunden erst den Passagier runter geschickt.“

„Hahahaha! Stimmt! Der kleine Wichser! Ganz heiß drauf, den Maschinenraum zu sehen. ,Uhhhh. Technik hat mich schon immer interessiert‘. Hahaha! Imperialistisches Muttersöhnchen. Hab den Henker bis in den Laderaum hoch rülpsen hören.“

Unweigerlich musste River lachen, achtete aber darauf, dies nicht zu laut zu tun, damit der notgeile Primat es nicht als Aufforderung zum Geschlechtsverkehr verstehen könnte.Aber Boris schien ihrem Lachen keine Beachtung zu schenken. Vielleicht lag es daran, dass er eben schon auf ihre Hand gewichst hatte, überlegte River. Vielleicht hatte der Schimpanse aber auch einfach nur zu viel gekifft, um nochmals einen hoch zu kriegen.

„Wohin geht’s eigentlich diesmal, Towarischtsch?“, fragte er plötzlich und unvermittelt, nachdem er mehrere Minuten an der Decke herumgeturnt hatte.

„Das wüsstest du, wenn du beim Briefing dabei gewesen wärst“, knurrte River, wieder gereizt. Die chronische Disziplinlosigkeit, ja Disziplinfeindlichkeit des Schimpansen war ihr schon immer ein Dorn im Auge gewesen.

„Scheiß-Briefing.“ Boris spuckte auf einen der Müllhaufen, die sich auf dem Brückenboden türmten und wechselte dann schlagartig das Thema: „Hab ein Rudel Nackthunde im Laderaum gefunden. Alle gefickt in ihre kleinen, sexy Arschlöcher! Das wollten die so.“

River schloss die Augen, fluchte tonlos vor sich hin und überlegte ernsthaft, den Schimpansen doch noch zu erschießen. „Du kleines, haariges Arschloch! Wir haben im Cerberos-Minor-System einen Käufer für die Hunde. Wenn die Dreckstölen beschädigt sind, können wir den Deal vergessen.“

„Cerberos Minor?“ Boris horchte auf. „Die Artemisia-Station? Zed?“ Ein Grinsen breitete sich auf seinem ledrigen Gesicht aus.

„Artemisia, richtig. Für die Nackthund-Kohle wollen wir uns da mit antiken Betriebssystemen eindecken. Die High Society im Tullius-Quadranten steht im Moment auf diesen ganzen mittelalterlichen Microsoft-Schrott.“

„Pah! Das neureiche Kapitalistenpack kauft aber auch jeden Scheiß!“ Als guter Kommunist verachtete Boris selbstverständlich jeden, der in besseren wirtschaftlichen Verhältnissen lebte als er selbst. Er begann, eine ganze Reihe von unflätigen russischen Flüchen auszustoßen, um besagter Verachtung Ausdruck zu verleihen.

Insgeheim bezweifelte River derweil stark, dass sich ihr ursprünglicher Plan jetzt noch umsetzen ließ. Von einem stalinistischen Schimpansen vergewaltigt zu werden konnte einfach keine positiven Auswirkungen auf den Marktwert eines Hundes haben.

Es war dunkel im Maschinenraum. So mochte es der Henker: Dunkel. Dunkel, warm, feucht und gemütlich. So wie im Leib seiner Mutter, in den der Henker wieder und wieder zurückzukehren versucht hatte – damals, bevor sie ihn für so lange Zeit weggesperrt hatten.

Dunkel.

Bloß kein Licht.

Wozu auch? Es war ja nicht so, als würde die Finsternis den Henker daran hindern, sich hier im dunklen Herz der Lilli Marleen zurechtzufinden. Allein an den Gerüchen konnte er sich problemlos orientieren: Öl, chemische Rückstände und der kraftvolle Atem der Maschinen prägten die Atmosphäre im Maschinenraum ebenso wie Exkremente, Angstschweiß und der süßliche Duft verwesenden Fleisches. Und neben den Gerüchen gab es ja auch noch die Geräusche.

Oh ja, die Geräusche! Das unablässige Basswummern der Kolben; das allgegenwärtige Summen der Reaktoren; das penetrante Hämmern der Ventile; der klackernde Rhythmus der Stabilisatoren, die so lustig quietschten, wenn man die Zehen anderer Leute hinein warf; das Wimmern des letzten, mutterseelenallein in irgendeiner Ecke ausblutenden Opfers.

Ah, die disharmonische Symphonie seiner Maschinen: Musik in seinen Ohren. Die Geräuschkulisse war ihm so gut vertraut, dass ihm jede auch noch so kleine Veränderung der immerwährenden Kakophonie sofort auffiel. Auf diese Weise kommunizierten seine Maschinen mit ihm. Er brauchte nur aufmerksam zuzuhören, um zu wissen, wie es um ihr Befinden stand und ob ihnen etwas fehlte. Wäre der Henker zu halbwegs menschlichen Emotionen in der Lage gewesen, hätte er seine Maschinen wohl liebevoll als seine Kinder bezeichnet.

Er brauchte kein Licht, um für seine Maschinen zu sorgen. Das hatte er auch im Mutterleib nie gebraucht. Und hier, im Uterus der Lilli Marleen, war Beleuchtung erst recht überflüssig.

Im Moment war mit den Maschinen alles in bester Ordnung und der Henker hatte Gelegenheit, sich der Muße hinzugeben. Wäre doch irgendwo im Maschinenraum eine Lichtquelle gewesen, so hätte man ein zufriedenes Lächeln auf seinem Gesicht erblicken können; natürlich nur dann, wenn er, begleitet von Lauten der Wonne und dem Schmatzen erkaltender organischer Materie, seinen Kopf für kurze Zeit aus dem warmen, offenen Schoß seines letzten Opfers hob. Und natürlich hätte man dafür dumm genug sein müssen, sich dem Henker bis auf kurze Entfernung zu nähern.

Dass kurze Zeit später ein Alarmsignal durch die Korridore der Lilli Marleen gellte, interessierte den Henker nicht im Geringsten. Das war nicht ungewöhnlich: Was außerhalb seines Maschinenraumes vor sich ging, interessierte den Henker so gut wie nie.

Also senkte er sein haarloses Haupt wieder in seinen provisorischen Mutterersatz und stöhnte ekstatisch. Seit dem Krieg war er nicht mehr so glücklich gewesen.

Die quäkenden Laute des Alarms zuckten wie Blitze durch den schemenhaften Schleier alkoholgeförderten Schlafes in des Alten verkaterten Hirn, jeder einzelne zielgenau in verkümmerte Grüppchen noch vorhandener Hirnzellen einschlagend und sich von dort in Wellen migränoiden Schmerzes bis zur Schädelplatte ausbreitend. Es gab wahrhaft angenehmere Arten, geweckt zu werden; aber diese war dem Alten am vertrautesten.

Schlaftrunken und reflexartig tastete der Alte nach einer leeren Whiskeyflasche. Er brauchte nicht lange suchen: Wie immer, wenn er gesoffen hatte „wie tausend Russen“ – so pflegte er sehr zu Boris‘ Verdruss zu sagen – lagen allein in seiner Koje vier Stück. Kraftlos griff er eine, stemmte sie in die Höhe und warf sie in die ungefähre Richtung des lärmenden Lautsprechers.

Natürlich verfehlte er ihn um Längen. Mit einem lauten und für des Alten Kater recht schmerzhaften Klirren zersprang die Flasche in unzählige Splitter. Diese verteilten sich ungleichmäßig auf den Bergen von Müll und Unrat, die sich in all den Jahren seiner Trunksucht über den größten Teil seiner Kajüte ausgebreitet hatten. Das Quäken des Alarms zeigte sich unbeeindruckt. An Schlaf war jetzt nicht mehr zu denken.

Langsam, sehr langsam richtete sich der Alte unter sodbrändigem Stöhnen auf, blickte sich aus verquollenen Augen um und nahm seine Umgebung zur Kenntnis. Er stellte zunächst fest, dass er sich gestern Abend nicht ausgezogen hatte. Das war gut, denn so brauchte er keine Zeit mit Anziehen zu verschwenden und konnte die gesparte Zeit anderweitig vertrödeln. Das war allerdings auch nichts Ungewöhnliches. Der Alte zog eigentlich nie seine Klamotten aus, von Wechseln ganz zu schweigen. Seit dem Ende des Krieges hatte er jeden Tag nur seine alte Uniform getragen, die ihn als Commander einer Flottille von Schleichschiffen auswies. Gerüchten zufolge – die jeder bestätigen konnte, der sich ihm auch nur auf fünfzehn Meter näherte – vernachlässigte er seit dem Tag der Niederlage auch seine sonstige Körperpflege auf sträfliche Art und Weise.

Unter erheblichen Mühen und gegen teuflische Schmerzen ankämpfend, wie sie nur die Mutter aller Kater verursachen konnte, quälte sich der Alte aus dem Bett. Weit kam er nicht. Kaum hatte er einen Arm auf dem Boden abgestützt, da übergab er sich erst mal herzhaft und ausgiebig über Arm, Boden und Müllhaufen.

Als er damit fertig war, keuchte und spuckte er noch ein paar Momente lang. Dann griff er zur Whiskey-Notreserve-Flasche, die ständig neben seiner Koje stand und von Boris täglich aufs Neue aufgefüllt werden musste. Ein tiefer Schluck Lebenswasser, das brauchte er jetzt, wenn er auch nur einen halbwegs klaren Gedanken fassen wollte. Hair of the dog und so weiter. Aus dem einen Schluck wurden zwei, dann drei. Das tat gut. Die Flasche war bereits zu einem Drittel leer, bevor sich des Alten Magen wieder einigermaßen beruhigt hatte.

Jetzt war er schon kräftig genug, um sich hinzusetzen. Fast wäre er dabei wieder umgekippt, aber es gelang ihm dann doch irgendwie, sich in halbwegs menschenähnlicher Pose aufzurichten. Er angelte eine verbeulte Zigarre aus seinem Mantel, schob diese in die Tiefen seines Bartes und zündete sie an. Es folgten ein paar Minuten jenes furchtbaren Hustens, den nur fanatische Kettenraucher zustande bringen können.

Soweit des Alten alltägliches Bewusstseinswiedererlangungsritual. Es fehlte eigentlich nur noch eins, damit er gewappnet war, sich den Herausforderungen des Tages zu stellen. Wieder tasteten seine Finger suchend durch die Koje, bis sie sich schließlich um ein altes, ungepflegtes Kapitänskäppi schlossen. Noch ein tiefer Schluck, bis die Flasche halbleer war, dann setzte er es auf. Damit hatte der Alte wieder einmal das, was bei ihm als Frühstück durchging, erfolgreich hinter sich gebracht.

Nur wenige Minuten später machte er sich widerstrebend, aber durch die Alarmsirenen an seine Pflichten als Kapitän erinnert, auf den Weg zur Brücke.

„Was ist hier los? Was soll der ganze Lärm am frühen Morgen?“, fing der Alte zu brüllen an, kaum dass er die Brücke betreten hatte.

„Frachtschiff, Sir“, antwortete River und deutete vielsagend auf verschiedene Bildschirme, deren Anzeigen dem Alten selbst ohne Kater überhaupt nichts gesagt hätten.

„Details!“ verlangte er daher barsch, während er sich auf seinem Kommandosessel niederließ.

„Typ VCS-37, Sir, gemeldet unter dem Namen Foggy Dew, Sir. Sir, ich wünschte, Sie würden sich endlich einmal mit unseren ID-Systemen auseinandersetzen.“

„Ach was. Reicht doch, wenn du das kannst. Und jetzt mach mal den Lärm aus. Ist ja nicht zum Aushalten hier!“ River legte einen Schalter um und der Alarm verstummte. Erleichterung kroch über des Alten Gesicht wie Fliegen über einen frischen Haufen Hundescheiße. „Hast du seinen Funk gestört?“ Er rülpste laut und hätte um ein Haar noch mal gekotzt.

„Seit etwa zwei Minuten, Sir. Vorher auch keine Funksignale aufgefangen, Sir.“

„Sie haben also noch niemandem von uns berichten können, häh? Sehr gut.“ Der Alte grinste böse und stieß nochmal auf. Dann griff er sein Comlink. „Boris?“

„Hier, Alter. Was gibt’s?“, antwortete der Schimpanse unverzüglich aus seiner Gefechtsstation. Man konnte Boris vieles vorwerfen – mangelnde Kampfbereitschaft jedoch nicht. Gleich beim ersten Erklingen des Alarms war er unter freudigem Jauchzen in die Geschützkuppel galoppiert. Der Alte konnte sich bildlich vorstellen, wie der kleine Primat jetzt in zappeliger Erwartung im Kommandositz seines heißgeliebten 8,8-Geschützes hin und her rutschte, eine Hand auf dem Abzug, die andere um sein erigiertes Glied.

„Schreck sie mal ein wenig auf, ja? Aber übertreib’s nicht schon wieder – wir wollen plündern, nicht vernichten!“ Darauf hatte Boris gewartet. Nur Sekundenbruchteile nach des Alten Befehl rotzte die 8,8 los.

„River?“

„Sir?“, erkundigte sie sich, sichtlich bemüht, das peitschende Knallen des Geschützes und Boris’ manisches, prämenschliches Kriegsgeheul zu übertönen.

„Lass den Affen ein paar Mal schießen und stell dann ’ne Verbindung zu ihnen her.“

„Jawohl, Sir.“ Sie wartete eine angemessene Zeit und begann dann, an ihren Instrumenten herumzufummeln. Der Alte hatte beim besten Willen keine Ahnung, was sie da genau machte. Er zog es daher vor, sich weiter mit seiner Whiskeyflasche zu beschäftigen.

„Verbindung hergestellt“, meldete River dann. „Ihr Kapitän will wissen, warum wir ihn unter Beschuss nehmen, Sir.“

„Schwer von Begriff, was? Sag ihm, wir wollen ihn entern und ausrauben. Idiot!“

„Soll ich das hinzufügen, Sir?“

„Von mir aus. Fordere ihn auf, sich zu ergeben und eine Entercrew zu empfangen.“

„Sofort, Sir.“

Sie waren inzwischen nah genug an dem Frachter dran, um ihn auch mit bloßem Auge erkennen zu können. Der Alte lehnte sich zurück, sog genüsslich an seiner Zigarre und genoss das martialische Feuerwerk. Ein feindliches Schiff unter heftigem Beschuss eines psychopathischen Primaten zu sehen, schien ihm die beste Art, den so mies begonnenen Tag doch noch zu retten.

„Sir?“, unterbrach River die Andacht, in die der Alte bei der Betrachtung des durch gewaltige Explosionen hin und her geworfenen Frachters verfallen war.

„Was gibt’s?“

„Sie ergeben sich. Schiff und Ladung gehören uns, Sir. Der Kapitän bittet nur um Gnade für Crew und Passagiere.“

„Werden wir ja sehen. Boris?“

„Da?“

„Feuer einstellen! Und mach dich bereit zum Entern!“

„Geht klar, Alter.“

Tiborc Bertalan, der unglückselige Kapitän der Foggy Dew, hatte sich vorgenommen, zu versuchen, zu retten, was es zu retten gab. Wenigstens das Leben seiner Crew und wenn möglich auch das seiner Passagiere wollte er in Sicherheit wissen. Vielleicht ließen die Piraten ja mit sich verhandeln. Wer weiß? Mit ein wenig Glück würden sie auch nur die Ladung greifen und ihn mit seinem leeren Schiff wieder ziehen lassen. Es gab ja schließlich immer noch einen Ehrenkodex unter Kapitänen. Und da die Foggy Dew trotz des intensiven Bombardements immer noch flugtauglich war, rechnete er sich keine schlechten Chancen aus, mit heiler Haut davonzukommen und den nächsten Raumhafen ansteuern zu können.

Aber nachdem Boris ihm zur Begrüßung in die Hoden gebissen hatte, weil er nicht augenblicklich niedergekniet war, musste er seine stillen Hoffnungen als das erkennen, was sie waren: Pure Illusion. Piraten schienen nun mal keine Kapitänsehre zu kennen, dachte er sich verbittert. Nun, eigentlich dachte er primär an das schraubstockartige Gebiss, das sich mit der brachialen Gewalt eines marsianischen Mastiffs in seinen Klöten verbissen hatte. Und natürlich an die daraus resultierenden Schmerzen.

Während des Andockmanövers der Lilli Marleen hatte sich Bertalan mit seiner Crew und seinen Passagieren im Frachtraum eingefunden. Hier hatte er die Entercrew empfangen und dem Alten in aller gebührenden Form die Gewalt über die Foggy Dew übergeben wollen. Wie auf den meisten interstellaren Frachtpötten üblich, war Bertalans Crew sehr überschaubar: Ein etwas schmieriger Maschinist, der nur unter dem Namen Screw bekannt war und – so vermutete Bertalan jedenfalls insgeheim – vor einer zwielichtigen Vergangenheit floh; Piran Pasco, der Steuermann und Navigator; schließlich ein Schiffsarzt namens Dr. Jacques Poirot, dem man seine Pariser Abstammung deutlich ansah, wofür dieser sich nicht einmal zu schämen schien. Außer Bertalan selbst waren das auch schon alle Crewmitglieder; die meisten von ihnen – wie so viele ihrer Generation – Veteranen des galaktischen Bürgerkrieges, die jetzt im Frieden versuchten, irgendwie über die Runden zu kommen. Lediglich dem Arzt, verfluchter Pazifist und Gutmensch, der er war, fehlte jegliche militärische Erfahrung.

Neben der Crew befanden sich noch zwei Passagiere an Bord: ein seltsames junges Pärchen, das den ganzen Tag und die ganze Nacht auf seiner Kabine blieb und verstörend laut vögelte. Nur ab und zu gaben die beiden Ruhe und verließen die Kabine, um neuen Schnaps aus dem Gepäck im Lagerraum zu holen und sich wieder fit zu trinken, bevor die Lärmbelästigung von neuem beginnen konnte.

Alle sechs hatten sie Aufstellung genommen und Kapitän Bertalan war darauf vorbereitet, der feindlichen Entercrew in einer würdevollen Geste seinen alten Säbel als Symbol der Kapitulation zu überreichen.

Dann aber war Boris wild kläffend durch die Schleuse gestürmt und hatte sich auf ihn gestürzt, dicht gefolgt von River, die den Rest der Versammelten vor unüberlegten Handlungen gewarnt hatte, indem sie Screw erschoss.