Limes - Franz Georg Haas - E-Book

Limes E-Book

Franz Georg Haas

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Beschreibung

Ihr Cousin Greg ist Lois auf Anhieb unsympathisch. Ein besserwisserischer Nerd, der mit anderen Menschen nichts zu tun haben will. Gregs seltsames Verhalten und dass er immer wieder plötzlich verschwindet, machen Lois misstrauisch. Als sie ihn beschattet und beobachtet, wie er bei einem Rekrutierungsstand der US Army mit einem hochrangigen Offizier spricht, wird ihr Argwohn nur noch größer. Nach weiterem Stöbern findet sie in seinem Zimmer eine futuristische Armbanduhr, die nicht von dieser Welt sein kann. Sie stößt auf Dinge, die die gesamte Welt bedrohen und ihre damit auf den Kopf stellen.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Limes - Fremde Bedrohung

 

ISBN 978-3-96741-035-8

 

Hybrid Verlag

 

© by Hybrid Verlag,

Westring 1

66424 Homburg

www.hybridverlag.de

www.hybridverlagshop.de

1.Auflage Ebook 2020

 

Autor: Franz Georg Haas

Umschlaggestaltung: © 2020 by Creativ Work Design, Homburg

Lektorat: Paul Lung, Gabriele Auth

Korrektorat: Barbara Dier

Buchsatz: Petra Schütze

Autorenfoto: privat

 

 

Coverbild ›Planet Centronos‹

© 2019 by Creativ Work Design, Homburg

Coverbild ›Colerianischer Herbst – Tiefer Fall‹

© 2020 by DeadRabbit/Paul Lung

 

Alle Rechte vorbehalten. All rights reserved.

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlags wiedergegeben werden.

 

 

 

 

Franz Georg Haas

 

 

Limes

 

Fremde Bedrohung

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Science Fiction

Inhaltsverzeichnis

Prolog: Das Jahr des Vorfalls, 29. August5

1: Das fünfte Jahr nach dem Vorfall, 24. Juli10

214

321

4: 25. Juli26

531

6: 26. Juli34

739

841

946

1054

1160

1265

1369

1474

1580

16: 27. Juli86

1791

1896

19: 1. August98

20108

21121

22124

23132

24134

25140

26146

27151

28158

29: 9. August165

Epilog170

DER AUTOR172

 

Prolog: Das Jahr des Vorfalls, 29. August

 

01:01, las Greg die Ziffern auf seiner Uhr, die er zum wiederholten Mal anstarrte, nur um sich zu vergewissern, dass die Zeit verging. Seit vier Stunden versuchte er vergeblich, einzuschlafen, doch von Müdigkeit keine Spur. Es musste an der Kälte liegen; oder an der gespenstischen Stille. Vielleicht aber lag es einfach daran, dass er sein Bett vermisste. Oh ja! Ein kuscheliges, warmes Bett, vier dicke Wände um sich herum und ein anständiges Dach über dem Kopf; nicht dieser Schlafsack, der ihn nicht einmal richtig warm hielt, oder dieses Zelt, das kaum die Bezeichnung ordentliche Behausung verdiente.

Mit jeder Minute, die er hier zubrachte, musste er sich mehr und mehr eingestehen, dass er Campingausflüge nicht ausstehen konnte.

Als plötzlich leises Schnarchen an sein Ohr drang, schnaufte Greg genervt auf und blickte hinüber zu dem zweiten Schlafsack im Zelt. Großartig, genau das hatte ihm noch gefehlt.

Greg wälzte sich auf die andere Seite und versuchte sich die Ohren zuzuhalten, doch es war zwecklos; er konnte einfach nicht zur Ruhe kommen. Wie schaffte es Gerard nur, so unbekümmert zu schlafen, bei all den Ablenkungen um sie herum?

Greg knurrte zornig, als er den Reißverschluss seines Bettersatzes öffnete und sich mühte, das Stoffgefängnis zu verlassen, nach vorne zu kriechen und seinen Bruder anzustupsen.

»Gerard. Gerard!«

Mehr als ein genervtes Murmeln konnte er dem Burschen jedoch nicht entlocken, während sich dieser fast genüsslich räkelte.

Am liebsten hätte Greg seinen kleinen Bruder gepackt und wach gerüttelt; dann wäre er wenigstens nicht mehr der Einzige, der hier schlaflos auf den Morgen warten musste. Einen Augenblick lang glaubte er, sich nicht länger zurückhalten zu können. Doch nach einem kurzen, aber tiefen Luftholen entspannte Greg seine geballte Faust wieder und wandte sich stattdessen ab, um dem Ausgang des Zeltes entgegenzurobben.

Er konnte Gerard keinen Vorwurf machen, nur weil er keinen Schlaf fand. Sosehr er Greg manchmal auch auf die Nerven ging, sein Bruder trug keine Schuld an der Misere.

Vorsichtig öffnete Greg den Reißverschluss des Zeltes, und schon wehte ihm ein eisiger Hauch ins Gesicht, der Zweifel in ihm aufkeimen ließ, ob es eine gute Idee war, sich mitten in der Nacht in die finstere Wildnis des Stockton State Parks zu begeben. Doch was sollte er sonst tun? Sich wieder zurück in den stickigen Schlafsack zwängen und Stunden um Stunden hin und her wälzen, bis schließlich die Sonne aufging? Nein, das hatte er lange genug ertragen. Vielleicht konnte ihn ein kleiner Spaziergang auf andere Gedanken bringen, womöglich sogar ein wenig schläfrig machen.

Die Hände in die Hosentaschen gesteckt, schlenderte der Elfjährige in die Mitte der vom Mond erhellten Lichtung und blickte verdrossen auf das vordere Ende, wo sich das Zelt seines Vaters befand.

Unvermittelt musste Greg an seine Begeisterung bei ihrer Ankunft am vorherigen Tag denken und wie wenig jetzt davon übrig geblieben war. Noch immer lagen ihm die überschwänglichen Beschreibungen seines Vaters in den Ohren: »Der Park ist einfach traumhaft, ein Paradies! Ihr werdet sehen, wir werden eine Menge Spaß haben.«

Greg trat gegen ein Büschel Gras, als er sich daran erinnerte. Wenn er hier etwas nicht gehabt hatte, dann war das Spaß. Wenn er doch nur ein paar seiner Technik-Zeitschriften mitgenommen hätte. Doch sein Vater bestand darauf, dass er sie nicht brauchen würde, um sich die Zeit zu vertreiben.

Greg seufzte frustriert bei dem Gedanken, wieder einmal auf die Psychologentricks seines alten Herren hereingefallen zu sein. Langsam ging er am großen Campingtisch vorbei und dabei fiel sein Blick auf die drei Angeln, die dort ausgebreitet lagen. Ihm dämmerte, wie viel Verbitterung er mit diesen Geräten inzwischen verband.

Üblicherweise liebte er ja ruhige Beschäftigungen; wenn er sich in seiner eigenen Gedankenwelt verlieren konnte, dann blühte er auf. Aber Angeln? Das hatte ihm sein Vater wohl auf ewig verdorben: »Nein, Greg, so musst du die Rute halten. Schwingen. Siehst du, so! Da, schau, wie dein Bruder das macht, er hat den Dreh schon heraus.«

Ohne lange nachzudenken, griff Greg nach einer der Ruten und schleuderte sie zornig gegen den nächsten Baum, nur um einen Augenblick später erschrocken auf das leblose und verhasste Ding zu blicken. Er wusste nicht, wieso er das gerade getan hatte. Er wusste nur, dass er sich wesentlich besser fühlte als einen Augenblick zuvor.

Ein Lächeln entwich ihm, als sein Blick auf den Pfad fiel, der tiefer in den Wald führte, und die neu gewonnene Entschlossenheit spornte ihn an, diesem zu folgen. Es fühlte sich gut an, nach dem stundenlangen Herumquälen im Zelt, endlich den Kopf frei zu bekommen, und noch besser, er musste keinem Schnarchkonzert lauschen. Greg saugte gierig die frische Luft in seine Lungen, während er sich immer weiter vom Lagerplatz entfernte und langsam begann, Gefallen an diesem Ort zu finden. Als der Pfad sich lichtete, erreichte er einen weiteren Lagerplatz. Keine anderen Menschen, das war perfekt. Zufrieden ließ er sich auf einem Baumstumpf nieder, bevor er seinen Blick instinktiv nach oben richtete. Er spürte, wie seine Kinnlade nach unten kippte, als er in ein Meer von Sternen spähte. Noch nie zuvor hatte er so viele auf einmal gesehen und wieder musste er unvermittelt lächeln. Ja, das entsprach schon eher seiner Vorstellung von Entspannung. Keine Ablenkungen, keine Regeln, nur er und der sternenklare Himmel.

Nun ja, beinahe sternenklar. Nach ein paar Minuten bemerkte er, wie sich eine einzelne Wolke in sein Blickfeld schob, und sie schien nicht alleine zu sein. Als Greg seinen Blick über die Baumwipfel schweifen ließ, konnte er sehen, wie diese immer stärker im Wind wankten, und jetzt erst nahm er auch das Donnergrollen in der Ferne wahr. Ratlos beobachtete er immer dichtere Wolken, die langsam den vollen Mond verhüllten und die Lichtung rasch in Dunkelheit tauchten.

Ohne das Mondlicht fiel ihm endlich das Wetterleuchten auf, das bereits gefährlich nah gekommen war. Mit einem Mal trübte sich seine Sicht. Greg stürzte vor Schreck rückwärts zu Boden. Verwirrt nahm er seine Brille ab und entdeckte einen dicken Regentropfen darauf.

»Oh Mann, muss das sein?«

Greg hatte gehofft, noch ein wenig länger hier sitzen zu können. Doch sosehr er den kleinen Ausflug auch genossen hatte, er verspürte nur wenig Lust, mit klitschnassen Sachen wieder in den Schlafsack zu steigen. Also rieb er die Gläser an seinem Pullover trocken, stand auf und stolperte hastig zurück in Richtung des Pfades.

Keuchend lief der Elfjährige zwischen den Bäumen hindurch, dem Lagerplatz entgegen. Weit konnte es jetzt nicht mehr sein. Oder doch? So lange war er doch nicht gegangen, die Lichtung hätte längst wieder auftauchen müssen. Er blieb stehen, um sich umzusehen. Alles sah auf einmal ganz anders aus und ohne Mondlicht konnte er keine drei Bäume weit sehen. Greg spürte, wie er zu zittern begann. Immer mehr, immer dickere Tropfen bahnten sich ihren Weg durch die Krone des Waldes. Befand er sich überhaupt noch auf dem Weg? Er konnte keine weißen Kieselsteine mehr auf dem Boden sehen. Nur Erde und altes Laub. Greg musste sich eingestehen, dass er sich verlaufen hatte. Mit jeder Sekunde, in der er sich nicht für eine Richtung entscheiden konnte, nahm der Regen stetig an Stärke zu. Wenn es wenigstens irgendeine Möglichkeit gegeben hätte, sich zu orientieren. Gerards Schnarchen kam ihm in den Sinn, doch hören konnte er nur den Donner, der näher und näher kam. Immer wieder ließ Greg seinen Blick von links nach rechts pendeln. Irgendwann starrte er lange in die Richtung, aus der er glaubte, etwas zu hören.

»Gerard? Dad?«

Es fiel ihm schwer, die Tränen zurückzuhalten, als er verzweifelt so laut wie möglich rief, doch auch nach einigen Minuten erhielt er keine Antwort. Seine blonden Haare nass und das Donnergrollen in den Ohren wollte Greg nicht länger warten. Er rannte los, ohne zu sehen, wohin, Hauptsache weg von hier. Er hatte keine Hoffnung, jetzt noch den Weg zum Lager zu finden. Konnte er vielleicht irgendwo anders Unterschlupf finden, bis das Unwetter vorüber war?

Plötzlich spürte er, wie der aufgeweichte Boden unter seinen Füßen nachgab. Er schrie auf, als er das Gleichgewicht verlor. Taumelte nach vorne. Landete mit dem Gesicht voran im Matsch.

»Blöder Mist«, rief Greg zornig, während er versuchte, seinen zitternden Körper wieder aus dem Schlamm zu ziehen. Inzwischen war es ihm völlig egal, dass ihn der Regen komplett durchnässte, als er im Dreck sitzend versuchte, die feuchte Erde von seiner Brille zu wischen.

Plötzlich zwang ihn ein grelles, weißblaues Licht nach vorne durch die Bäume zu blicken. Greg brauchte ein paar Sekunden, um zu erkennen, woher das Licht stammte, und zwar genau die paar Sekunden, die es dauerte, bis lauter Donner durch den Wald hallte.

»Na großartig …«

Greg versuchte aufzustehen. Er wusste, dass es gefährlich war, sich während eines Gewitters im Wald aufzuhalten. Oder brachte er da etwas durcheinander? Er konnte nicht einmal mehr richtig denken.

Er zuckte zusammen, als ein weiterer Blitz den schwarzen, wolkenverhangenen Himmel und den Forst darunter erhellte. In dem Augenblick, in dem der Blitz die Nacht zum Tag werden ließ, hatte er etwas zwischen den Bäumen durchschimmern sehen. Einen Spiegel? Nein. Natürlich, der See! Er befand sich wohl fast an seinem Ufer und damit wusste er endlich, wo er war.

Aufgeregt schleppte sich Greg weiter. Kämpfte sich durch das Dickicht. Rutschte die Böschung dahinter hinunter. Er stand auf einem schmalen Schotterstrand. Vor ihm breitete sich ein von Wind und Wellen gepeitschtes Gewässer aus. Er kannte diesen Platz. Hier hatten sie tags zuvor das Boot beladen. Der Lagerplatz konnte nicht mehr weit sein. Sein Herz pochte wie wild, als er den Strand entlanghastete. Nur noch wenige Meter. Er hatte den Aufstieg schon vor Augen. Den Aufstieg, der zu seinem Zelt führte. Da tauchte wieder ein Licht in seinem Augenwinkel auf und er blieb unvermittelt stehen.

Greg blickte gebannt hinaus auf den See, in dem sich die blau leuchtenden, verästelten Gebilde des Himmels spiegelten und sein gesamtes Blickfeld ausfüllten.

»Wow … das ist krass!«

Einige Sekunden lang schien alles um ihn herum vergessen. Weder Regen noch Donner schafften es, ihn aus seiner Trance zu befreien. Doch mit dem ohrenbetäubenden Geräusch berstenden Holzes fuhr ein Blitz hinab in einen nahen Baum. Im Schreck warf der Junge sich auf den nassen Schotterboden und versuchte panisch, vom Ort des Einschlags wegzukriechen.

Greg begann zu schluchzen. Er verfluchte sich selbst dafür, das Zelt verlassen zu haben. Wäre er doch nur dortgeblieben, dann wäre …

»Greg?«

Hastig drehte er seinen Kopf in die Richtung der Stimme: »Dad?«

Greg wischte sich die Tränen aus den Augen. Sein Vater stand dort im Aufgang zur Lichtung, gehüllt in einen schweren Regenmantel. Der Ärger wegen der blöden Ratschläge und Tricksereien schien vergessen. Das vertraute Gesicht versprach ihm, dass der Alptraum endlich zu Ende war. Erleichtert, nein, glücklich strahlte Greg seinen Vater an. Doch dieser erwiderte das Lächeln nicht; stattdessen stand ihm das Entsetzen im Gesicht.

»Mein Gott, Junge, bist du verrückt? Komm weg da, schnell!«

Das musste man Greg nicht zweimal sagen. Ohne viel Zeit zu verlieren, sprang er auf die Beine und rannte seinem Vater entgegen. Nur noch wenige Schritte, dann würde er sich in Sicherheit befinden; nur noch wenige Sekunden und …

Mit einem markerschütternden Knall traf ihn etwas Unaussprechliches in den Rücken. Weißblaues Licht leuchtete die Umgebung aus. Heller als jemals zuvor. Greg spürte eine enorme Hitze direkt hinter sich. Ein stechender Schmerz füllte seinen Körper. Als wäre die Zeit stehen geblieben, schien jeder Moment plötzlich so klar. Er hörte, wie sein Blut zu kochen begann. Spürte, wie sich jeder Muskel seines Körpers zusammenzog. Fühlte den Wind und die Nässe auf seiner Haut. Jeden einzelnen Tropfen. Sein Vater stand wie eingefroren vor ihm. Das angsterfüllte Gesicht in grelles, weißes Licht getaucht.

Greg wollte schreien, doch er konnte nicht. Das alles war mehr, als er auf einmal begreifen konnte. Da mengte sich noch ein weiterer, fremder Eindruck dazu. Wie eine vergessene Erinnerung, die plötzlich zum Vorschein kam. Er konnte ihn nicht einordnen, unmöglich jetzt, wo der Schmerz alles überstrahlte, als ihn die Zeit wieder in die Realität zog. Die Wahrnehmung schwand, das Zeitgefühl ebenso. Sein kurzes, gesamtes Leben spielte sich vor seinem geistigen Auge ab.

So plötzlich, wie es begonnen hatte, war es vorbei: Sein Blick trübte sich mehr und mehr ein. Greg sah, wie ihm sein Vater entgegenrannte. Spürte, wie er zu Boden fiel. Noch bevor er dort auftraf, war alles schwarz.

 

Greg wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, als er seine Augen aufschlug. Stunden, Tage, Wochen? Jedenfalls lag er nicht mehr im Wald, denn kaltes, weißes Licht blendete ihn, als er versuchte, sich in der grellen Umgebung umzusehen. Er blinzelte, um sich an die Helligkeit zu gewöhnen, und bald begriff er, dass er sich in einem Zimmer befand. Geräusche drangen an sein Ohr; Geräusche, die er zunächst nicht einordnen konnte und erst nach einigen Augenblicken als Stimmen erkannte. Sein Herz schlug schneller, die Stimmen kamen ihm bekannt vor.

»Das war das letzte Mal, Cent! Das letzte Mal, hörst du?«

Greg drehte seinen Kopf und sein Blick fand drei Personen, nur wenige Meter entfernt. Immer noch benommen und ohne seine Brille brauchte er ein paar Sekunden, um zu sehen, dass es sich um zwei Frauen und einen Mann handelte. Die eine Frau kannte er nicht, doch die anderen beiden lösten ein Gefühl der Vertrautheit aus. Er rieb sich die Augen und dann erkannte er die beiden. Seine Eltern. Greg beobachtete, wie sein Vater offenbar zu einer Antwort ansetzte, als dessen Blick auf seinen Sohn fiel und er stattdessen weit die Augen aufriss.

»Claire, sieh nur! Er ist aufgewacht! Schwester, schnell, holen Sie den Doktor!«

Als die andere Frau sogleich aus dem Zimmer stürmte, konnte Greg gerade noch sehen, dass sie ein Pfleger-Gewand trug. Er musste sich in einem Krankenhaus befinden.

Die Erinnerung begann zurückzukehren. Der Campingausflug, die schlaflose Nacht, das Herumirren im Wald, der Blitz; alles sah Greg wieder vor seinem inneren Auge, und zwar in einer unglaublichen Klarheit; jede Einzelheit des Tages schoss zurück in seinen Kopf. Aber nicht nur das, auch frühere Erinnerungen platzten plötzlich auf, so deutlich, als hätten sie erst vor einer Sekunde stattgefunden.

War dies normal? Nachdenklich fuhr er mit der Hand durch die zerzausten, blonden Haare und versuchte, sich aufzurichten. Doch gerade, als er seine Eltern begrüßen wollte, fiel ihm etwas auf; etwas Unheimliches: Er hörte die Stimme seiner Mutter, aber ihre Lippen bewegten sich nicht: O mein Gott, danke! Danke, hörte er sie sagen.

Erschrocken ließ Greg seinen fragenden Blick zwischen den Eltern hin und her wandern, und als dieser sich mit dem seiner Mutter traf, kam plötzlich eine Wut in ihm hoch, die er so noch nie gespürt hatte; eine Wut, die sich gegen seinen Vater richtete. Was hatte sich dieser Mann nur dabei gedacht, nicht besser auf das eigene Kind aufzupassen? Greg wollte beinahe losschreien, als er seinen Kopf schüttelte und sich verwirrt die Schläfen massierte. Was kam da über ihn? Konnte er Dad einen Vorwurf machen? War es nicht sein eigener Fehler gewesen? Sein fragender Blick traf die besorgte Miene des Vaters und plötzlich schwand der Zorn. Als er in die blauen Augen seines alten Herren starrte, überkam ihn eine Traurigkeit, die ihn fast in Tränen ausbrechen ließ. Warum hatte Dad nur nicht besser aufgepasst? Wie hatte er ihn nur im Stich lassen können, warum …?

Wieder schüttelte Greg den Kopf, wandte die Augen keuchend ab und schon flaute dieses Gefühl der Schuld ebenso plötzlich ab, wie es erschienen war. Das ergab doch keinen Sinn. Warum fühlte er mehr als seine eigenen Empfindungen? Warum konnte er Stimmen hören, wenn niemand sprach? Was war bloß mit ihm geschehen? Vorsichtig hob Greg den Kopf. Im selben Moment, als sein Blick wieder die Blicke seiner Eltern kreuzte, traf ihn ein weiterer Schwall an Emotionen. Schuld, Wut, dann Erleichterung und schließlich Sorge. Eine Sorge, die er auch in den beiden irritierten Gesichtern erkennen konnte.

Panisch presste Greg die Augen zusammen, doch das unerklärliche Gefühl verschwand nicht, stattdessen blitzten Bilder vor seinem inneren Auge auf. Er, auf dem nassen Schotterboden neben dem See liegend. Er, wie er auf einer Liege durch einen hell erleuchteten Gang geschoben wurde. Es konnten keine Erinnerungen sein, denn er sah sich selbst mit den Augen eines anderen. Was war nur mit ihm los?

»J-junge, was hast du? Hast du Schmerzen?«

Greg zwang sich, die Augen zu öffnen und den besorgten Vater wieder anzusehen, der sich gerade zu ihm beugte. Was sollte er ihm erzählen? Dass er Stimmen hörte; Bilder sah? Gerade, als er verfolgte, wie Dad den Mund öffnen wollte, öffnete sich die Tür. Greg wandte sich um und erblickte einen großen, jungen Mann im weißen Kittel. Die pechschwarzen Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden und eine Brille mit kreisrunden Gläsern auf der Nase. Greg konnte nur annehmen, dass dies der Arzt war, den die Schwester hatte holen sollen. Plötzlich drängte sich eine neue, unbekannte Stimme in seinen Kopf: Interessant, ich hätte nicht gedacht, dass sich das Blitzopfer so schnell erholt.

»Blitzopfer …?«, murmelte Greg immer noch irritiert, doch der Mann schien das nicht zu hören, während Gregs Vater aufsprang und zu dem Arzt hinüberlief.

»Doktor, mein Sohn zeigt Symptome einer Panikattacke. Vielleicht sollten wir …«

»Halt den Mund, Cent!«, fuhr ihn Gregs Mutter harsch an. »Lass den Mann seine Arbeit machen!«

Greg verfolgte misstrauisch, wie der Doktor wortlos an das Bett herantrat, ihn kurz musterte und dann nach dem Klemmbrett griff, das sich an der Vorderseite des Bettes befand. Während der Arzt das Krankenblatt und die Monitore studierte, füllten wieder Bilder und Gefühle die eingetretene Stille; Bilder, die Greg nun gar nicht mehr einordnen konnte. Keuchend presste er erneut die Augen zusammen, in der Hoffnung, dass sie diesmal verschwinden würden. Erst als der Doktor mit seiner Untersuchung begann, blickte Greg wieder auf.

Von der kleinen Lampe geblendet, die wohl seine Pupillen prüfen sollte, hörte er den Arzt sagen: »Willkommen zurück, Kleiner. Weißt du, wo du bist?«

Greg öffnete den Mund, um zu antworten, doch dann fiel ihm auf, dass er diese Stimme bereits gehört hatte. Vor wenigen Augenblicken war sie noch durch seinen Kopf gehallt. Das konnte doch kein Zufall sein?

»Hast du meine Frage verstanden«, fragte der Mann, als Greg sich immer mehr Zeit mit einer Antwort ließ.

»Ja, Doktor Gilmore. H-habe ich …, ich …« Greg erschrak; warum kannte er den Namen des Doktors? War das überhaupt sein Name? Im Gesicht des Arztes konnte Greg jedenfalls dieselbe Verwunderung sehen, als ihn der Mann zum ersten Mal direkt ansah. Greg folgte den Augen des Mannes, wie sie sich nach unten richteten und auf das Namenschild am Kittel blickten.

Doktor Gilmore lachte auf. »Jetzt hättest du mich fast erwischt. Sieht so aus, als würden deine Augen funktionieren. Jetzt hast du mir gegenüber aber einen Vorteil. Also, wie heißt du denn, Kleiner?«

»Greg! Gregory Evergreen.«

 

1: Das fünfte Jahr nach dem Vorfall, 24. Juli

 

Das mit Sternen und Streifen bestückte Banner wehte fröhlich im Wind, vor dem schattigen Eingangsportal des niedrigen Gebäudekomplexes, den Greg gerade skeptisch beäugte. An sich gab es an der Architektur wenig auszusetzen; weitgehend ebenerdig, angenehme Farben. Die Bibliothek, die er hinter der großzügig gestalteten Glasfassade sehen konnte, wirkte ziemlich gemütlich und einladend. Trotzdem. Greg hatte im Augenblick andere Sorgen, als seine neue Schule zu besichtigen. Doch, wie es aussah, blieb ihm wohl nichts anderes übrig. Leise seufzend steuerte er eine der drei Eingangstüren unter dem Vordach an.

Der 16-jährige stieß die Tür auf, fast verwundert, sie unversperrt vorzufinden, denn schließlich sollte die Schule während der Sommerferien geschlossen sein. Ein Grund mehr, warum ihm der heutige Besuch hier missfiel. Irgendwie schien in letzter Zeit alles zusammenzukommen. Allein der Umzug war zeitfressend genug gewesen und – soweit es Greg betraf – auch völlig unnötig. Ernsthaft, warum sollte man die gewohnte Umgebung von Springfield aufgeben und nach Harrisburg ziehen? Das Bemerkenswerteste, was er mit dieser Stadt verband, war der Reaktorunfall von 1979; nicht gerade eine Glanzleistung der Geschichte. Gut, seiner Mutter war die Partnerschaft in einer hiesigen Kanzlei angeboten worden. Dass sie diese unbedingt annehmen wollte, konnte man als Argument gelten lassen. Sollte ihm recht sein. Und ja, wenn sie damit auch gleichzeitig das Kriegsbeil mit ihrem Bruder begrub, dann durfte er nicht wirklich etwas dagegen einwenden; wie auch? Er kannte den Kerl gar nicht. Aber musste das alles unbedingt jetzt passieren? Fast so, als wollte ihn jemand sabotieren. Greg, der offensichtlich in den letzten fünf Jahren kaum Lust zum Wachsen gefunden hatte, schlenderte in den Eingangsbereich, der durch das viele Tageslicht fast freundlich wirkte, und begab sich zielsicher zum Empfang. Der Portier studierte gelangweilt die aktuelle Tageszeitung, ein Lokalblatt offenbar, und schien Greg gar nicht zu registrieren, bis dieser sich höflich räusperte.

»Hm? Was …? Oh, was willst du denn hier?«

Greg musste sich sehr zusammenreißen, um nicht genervt die Augen zu verdrehen. »Tut mir leid, wenn ich Sie in Ihrer wichtigen Tätigkeit störe, Sir, aber ich soll mich hier mit einem gewissen Doktor Warren treffen.«

Dem stämmigen Kerl hinter dem Pult war Gregs zynischer Tonfall nicht entgangen, denn er legte die Zeitung beiseite und funkelte den Jungen misstrauisch an. »Doktor Warren, wie? Ja. Noch so ein Schulfremder, der sich hier herumtreibt. Keine Ahnung, was sich Schwester O’Donnell da wieder einbildet, Leute einfach so aufs Schulgelände einzuladen. Wenn es nach mir ginge …«

»Ja, ich bin mir sicher, dass die Welt ein besserer Ort wäre, wenn wir nur Ihrem Rat folgten, und ich würde nur zu gerne weiter Ihren spannenden Ausführungen lauschen. Aber, wie ich bereits sagte, habe ich einen Termin, Sir, und ich möchte nicht zu spät kommen.«

Der Portier grunzte ungehalten. Was für ein vorlautes Früchtchen, konnte Greg deutlich von ihm empfangen und er spürte, dass ihm der Faulpelz am liebsten ein paar derbere Ausdrücke an den Kopf werfen wollte, sich dann aber offenbar dagegen entschied und stattdessen wieder nach seiner Zeitung griff. »Doktor Warren hat sich auf der Krankenstation eingenistet. Ein Besserwisser wie du findet den Weg dorthin sicher selbst.«

»Danke, Sir!« Greg nickte noch knapp und bog in den breiten Korridor ein. Wie befürchtet enttäuschte das Innere des Schulgebäudes ein wenig durch seine Eintönigkeit; eine endlose Strecke aus Schließfächern säumte die rechte Wand, während auf der linken Seite eine identische Tür auf die nächste folgte. Doch die einfallslose Gestaltung des öffentlichen Gebäudes interessierte ihn gerade nicht.

Dieser Doktor Warren, Doktor Christopher Warren, der Name löste großes Misstrauen in Greg aus. Dank Google hatte er ja schon eine Ahnung, mit wem er es zu tun hatte. Doch den Namen hatte er schon vor seiner Internet-Recherche gehört. Sosehr er sich auch bemühte, sich zu erinnern, es wollte ihm nicht einfallen, woher. Normalerweise bereitete ihm das keine Probleme. Tatsächlich war Greg ziemlich verblüfft gewesen, als er die Einladung in seinem E-Mail-Postfach gefunden hatte. Wer war also dieser Arzt, außer offenbar ein Freund der Schulkrankenschwester?

Endlich entdeckte Greg die Tür mit der Aufschrift Krankenstation. Ohne weiteres Zögern wischte er sich die ungekämmten, längeren Haare aus dem Gesicht und trat ein.

Er sah sich in dem Wartebereich um; völlig leer, wie erwartet. Die Sitzecke wirkte einigermaßen gemütlich, also setzte er sich auf einen der Stühle und beäugte kritisch die kitschige Vase auf dem Tisch vor sich. Greg seufzte, als er seinen Blick an den diversen Postern vorbeischweifen ließ, die zweifelhafte Ratschläge zu Gesundheitsthemen gaben. Doktor Warren verspätete sich anscheinend, auch wenn der Portier etwas anderes behauptet hatte. Doch dann hörte Greg eine Stimme.

»Ist da jemand? Mister Evergreen?«

Verblüfft blickte Greg auf, als ein relativ großer Mann aus einem der Büros herauslugte. Perplex bemühte sich der Junge, seine Überraschung zu verbergen. Wie konnte das sein? Er wäre jede Wette eingegangen, dass er hier alleine gewesen war. Wo war der Kerl auf einmal hergekommen?

»Ah, Mister Evergreen! Wie geht es Ihnen?« Der Mann, bei dem es sich nur um Doktor Warren handeln konnte, strahlte Greg an. Der freundliche Arzt grinste auf eine jugendliche Art über das ganze Gesicht, auch wenn seine grauen Haare sein fortgeschrittenes Alter verrieten. Fröhlich streckte er Greg die Hand zum Gruß entgegen. Doch etwas stimmte nicht. Als er Warren ansah, kam in Greg das seltsame Gefühl hoch, er stünde vor einer Schaufensterpuppe. Hinter den dunklen Augen des Mannes, wo er bei jedem anderen Menschen ein deutliches Flüstern hören konnte, rührte sich nicht einmal ein Rauschen.

Greg zögerte, den Gruß zu erwidern, doch er wollte sich nichts anmerken lassen, und nahm die Hand des Doktors entgegen. »Doktor Warren nehme ich an.«

»Sie nehmen richtig an, Greg. Ich darf Sie doch Greg nennen?«

»Ähm, natürlich, Doktor.«

»Das freut mich wirklich«, rief Warren heiter.

Greg bemerkte, dass sich Warrens Gesichtsausdruck für einen kurzen Augenblick kaum merklich veränderte. War seinem Gegenüber etwas aufgefallen? Was dachte er? Die Stimme, die es ihm normalerweise verraten hätte, blieb stumm. Dieser Arzt war wirklich nicht so, wie er erwartet hatte.

Warren winkte Greg zu sich und führte den Jungen in ein relativ schmuckloses Büro. In dem fensterlosen und mit kaltem Kunstlicht beleuchteten Raum, der in Greg beinahe klaustrophobische Gefühle weckte, stand nur ein kleiner, mit Ordnern überladener Schreibtisch, während sich an den Wänden Aktenschränke türmten. Warren jedenfalls nahm rasch hinter dem Schreibtisch Platz und deutete lächelnd auf den Stuhl, der sich davor befand. »Bitte, setzen Sie sich. Möchten Sie vielleicht etwas zu trinken? Kaffee, Tee …?«

»Nein danke«, erwiderte Greg knapp, als er sich auf dem klobigen Plastiksessel niederließ. »Mir wäre es lieber, wenn wir gleich zum Thema kommen könnten.«

»Aber natürlich, ich … äh …, wenn Sie erlauben, ich möchte nur kurz Ihre Akte raussuchen …«

»Meine Akte?«, fragte Greg erstaunt. »Sie haben eine Akte über mich?«

»Ja, eine Krankenakte. Wo hab ich sie denn? Ah, da ist sie ja.« Warren zog einen vergilbten Ordner aus einer Schublade und als Greg die Deckseite sah, weiteten sich seine Augen. Er kannte diese Akte.

Vor fünf Jahren hatte er sie zuletzt gesehen. Sein Verdacht bestätigte sich mehr und mehr. Warren war ihm auf der Spur und jetzt wurde klar, die Fassade eines schüchternen, verklemmten Teenagers würde ihm hier nicht weiterhelfen.

»Gregory Evergreen, geboren in Springfield, Missouri am elften März …«

»Doktor, verzeihen Sie bitte, wenn ich Sie unterbreche, doch wir wissen beide, dass dies hier kein simpler Kon-trollbesuch ist. Sie wollen offensichtlich etwas Bestimmtes mit mir besprechen. Was ist das für eine Akte?«

Greg konnte die Verwunderung in Warrens Gesicht sehen, als dieser mit offenem Mund aufblickte, wohl wegen der ungewohnten Direktheit des 16-jährigen Jungen. Er legte die Mappe beiseite und blickte den Jugendlichen ernst an. »Also schön. Wissen Sie, ich bin Neurologe, und Schwester O’Donnell konsultiert mich, wenn ihr bei der Krankengeschichte eines neuen Schülers etwas … sagen wir einmal, Interessantes auffällt. Daher habe ich mir erlaubt, Einsicht in diese Krankenakte zu nehmen.«

»Um ehrlich zu sein, bin ich mir nicht sicher, ob das wirklich legal ist, Doktor«, gab Greg zu bedenken.

Warren lächelte. »Legal? Gute Frage, da stimme ich zu. Das wird Ihnen Ihre Mutter wahrscheinlich besser beantworten können als ich. Aber ich glaube nicht, dass wir unsere Zeit damit verschwenden sollten.« Warren zwinkerte und stand auf, um durch das Büro zu schlendern, die Arme hinter dem Rücken verschränkt. »Jedenfalls glaube ich, dass Schwester O’Donnell richtig gehandelt hat, denn es findet sich tatsächlich etwas äußerst Interessantes in Ihrer Krankengeschichte. Sie wurden vor nicht ganz fünf Jahren von einem Blitz getroffen. Ein Unfall, den Sie ganz offensichtlich überlebt haben.«

Greg nickte, damit, dass dieses Thema aufkommen würde, hatte er gerechnet. »Siebzig bis achtzig Prozent aller Blitzschlagopfer überleben ihren Unfall, Doktor, aber das muss ich Ihnen sicher nicht erzählen.«

Wieder zog Warren überrascht seine Augenbrauen hoch, wahrscheinlich wegen Gregs erneuter, so direkter Aussage, und fuhr dann fort. »Ja, da haben Sie recht, aber nicht ohne Verletzungen. Und auch danach treten üblicherweise chronische Beschwerden oder andere Nachwirkungen auf. Zum Beispiel eine verringerte Effektivität des Kurzzeitgedächtnisses bis hin zu einer totalen Persönlichkeitsveränderung. Und wie war das bei Ihnen? Bis auf ein paar Schrammen, für die wahrscheinlich nicht einmal der Blitz verantwortlich war, sind Sie anscheinend vollkommen unbeschadet geblieben und konnten nach nur einem Tag das Krankenhaus wieder verlassen. Unter diesem Gesichtspunkt sind Sie einzigartig. Auch den Ärzten, die Sie behandelt haben, ist es offenbar aufgefallen, denn es wurden einige Tests angeordnet, von denen jedoch angeblich keiner irgendwelche ungewöhnlichen Ergebnisse erbracht hat.«

»Tatsächlich?«, erwiderte Greg trocken. »Warum ist das wichtig? Ich verstehe nur wenig von solchen Dingen. Ich habe auch kaum noch Erinnerungen an damals. Worauf wollen Sie also hinaus?«

Warren nickte nur lächelnd und griff wieder nach der vergilbten Mappe, um daraus vorzulesen. »Dass Sie keinen Schaden davongetragen haben, liegt an einer angeborenen Resistenz gegen elektrische Schocks. Diese Resistenz haben Sie unter anderem Ihrer seltenen Blutgruppe zu verdanken. Was sagen Sie dazu?«

Greg zog unmerklich die Augenbrauen hoch, als er diesen letzten Satz hörte, versuchte aber, seine Verwunderung zu verbergen. »Ich bin sechzehn, Doktor! Im Gegensatz zu Ihnen habe ich keinen Abschluss in Medizin.«

Warren ersetzte sein Lächeln langsam durch einen kalten Blick, mit dem er Greg musterte. »Ein gewisser Doktor Gilmore hat diese Behauptung aufgestellt, und zwar ohne jeden Bezug zur Realität. Die Blutgruppe kann nicht für eine Resistenz gegen elektrische Schocks, geschweige denn einen Blitzschlag verantwortlich gemacht werden. Jeder Medizinstudent im ersten Semester hätte sich eine bessere Erklärung ausdenken können. Diese hier klingt eher so, als käme sie von – sagen wir mal – einem Elfjährigen.«

Warren lächelte wieder kühl, als er scheinbar versuchte, Gregs Reaktion zu lesen, und sich selbstgefällig das Kinn rieb, doch Greg blieb ruhig. »Gibt es einen bestimmten Grund, warum Sie mir das erzählen? Ich bin weder Hellseher noch Arzt. Ich war noch nicht einmal in einem Erste-Hilfe-Kurs. Sie sollten diesen Doktor Gilmore konsultieren, wenn Sie wissen wollen, warum er das geschrieben hat.«

»Keine Sorge, das werde ich«, erklärte Warren lächelnd. »Aber das ist hier auch gar nicht das Thema. Es geht mir um Ihr Wohlergehen. Wenn meine Kollegen damals irgendwie gepfuscht haben sollten, kann dies für Sie schwerwiegende Folgen gehabt haben, von zukünftigen Folgen ganz zu schweigen. Das ist der Grund, warum ich Sie herbestellt habe, denn zufällig bin ich ein Spezialist auf dem Gebiet.«

»Ich weiß«, beschloss Greg, den Arzt neuerlich zu unterbrechen. »Ich habe mir erlaubt, mich ebenfalls über Sie zu informieren, Doktor Warren. Sie sind ein führender Neurologe und erforschen die verschiedensten Umweltauswirkungen auf das menschliche Gehirn. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass Sie mich gerne als Proband für einen Ihrer Aufsätze hätten. Das ist doch der Grund, weswegen Sie mich kontaktiert haben, oder?« Greg blickte finster in das verdutzte Gesicht seines Gegenübers, das sich offenbar nicht zu einer Antwort durchringen wollte.

Greg nickte daraufhin nur. »Ich werte das als ein Ja. Nun, leider fehlt mir dazu das Interesse. Sparen Sie sich also bitte die Floskeln zu meinem Wohlergehen!« Greg stand auf und entschied sich, das Treffen zu beenden. »Mir geht es gut, Doktor. Mehr gibt es nicht zu sagen. Bitte respektieren Sie meinen Wunsch, dass ich für Sie nicht das Versuchskaninchen spielen werde!«

Warrens weit geöffnete Augen erzählten deutlich von seinem Staunen und einige Sekunden lang schwieg er, um dann enttäuscht zu nicken. »Wie Sie meinen. In diesem Fall gibt es wohl nichts mehr zu besprechen. Aber ganz nebenbei, jeder sollte einen Erste-Hilfe-Kurs besuchen. Ich glaube, Schwester O’Donnell hält zweimal im Halbjahr einen ab, falls Sie einmal an einem teilnehmen möchten.« Warren grinste von einem Ohr zum anderen, anscheinend, um zu zeigen, dass er Gregs Entscheidung akzeptierte.

Doch der Junge konnte hinter diese falsche Fassade blicken; der Arzt führte etwas im Schilde. Seine Absichten waren zwar undeutlich, aber jedenfalls entsprachen sie nicht denen, die er vorgegeben hatte. Trotzdem wusste Greg immer noch nicht, womit er es zu tun hatte. Er brauchte mehr Informationen, und zwar jene Sorte, die man nicht einfach im Internet fand.

»Auf Wiedersehen, Doktor«, verabschiedete sich Greg knapp, worauf Warren nur kurz nickte.

Nachdem er die Tür hinter sich geschlossen hatte, sah Greg vorsichtig nach links und rechts, um sicherzustellen, dass er sich immer noch alleine in dem Wartezimmer befand. Er konnte niemanden entdecken, also lehnte er sich behutsam gegen das Türblatt. Er lauschte. Stille. Er schloss die Augen, um sich zu konzentrieren; er wollte herausfinden, was Warren plante. Doch sosehr er sich auch bemühte, die Gedanken des Doktors blieben ihm verborgen.

Er musste sich zügeln, um nicht frustriert zu schnaufen. Wieso klappte es nicht? Es blieb ihm nichts anderes übrig, als auf andere Methoden zurückzugreifen. Doch gerade, als er seine Armbanduhr berühren wollte, hörte er den Arzt plötzlich sprechen. »Hallo Tom, hier ist Doktor Warren. – Wie es gelaufen ist? Er hat nicht angebissen, so ist es gelaufen. – Ja ich weiß, aber wir werden den Plan ändern müssen. – Oh, natürlich habe ich da schon eine Idee. Wir werden einfach auf anderem Weg an unsere Infos kommen müssen. – Das mit der Legalität lassen Sie mal schön meine Sorge sein. Ich kümmere mich schon darum, dass wir alles Wissenswerte über Greg Evergreen in Erfahrung bringen; und zwar so schnell wie möglich. – Okay, wir sehen uns.«

War es zuvor nur ein Verdacht gewesen, so hatte er nun die Gewissheit: Warren wusste etwas, und Greg musste ab sofort noch vorsichtiger sein.

2

 

Nicht jeder Tag bot die Gelegenheit, auf verschollene Verwandte zu treffen. Heute war ein solcher Tag. Aufgeregter, als sie es zugeben wollte, stieg Lois, gemeinsam mit ihren beiden Brüdern, aus dem Wagen ihrer Eltern, und schon stach dem 14-jährigen Mädchen das schicke Einfamilienhaus ins Auge. Die blitzsaubere, weiße Fassade wirkte wie neu, es war wohl erst vor Kurzem errichtet worden.

Beeindruckt ließ sie ihren Blick über die modernen, breiten Fenster und das niedrig geneigte Pultdach des zweistöckigen Baus wandern, und auch ihr Bruder Paul musterte die Wohnstätte nickend. »Schicke Hütte!«

Lois verdrehte nur ihre Augen, hatte aber keine Zeit mehr, um sich weiter darüber aufzuregen, denn ihre Eltern spazierten bereits zu den breiten Stufen, die zum Eingang führten. Als sie ihnen folgte, blieb Lois’ Blick kurz an dem Schriftzug Evergreen hängen, der in großen und deutlichen Buchstaben auf dem Briefkasten stand.

Evergreen. Ein eher untypischer Name, wie sie fand. Fast geheimnisvoll und damit auch irgendwie passend, denn erst seit wenigen Wochen wusste sie überhaupt, dass sie eine Tante hatte. Das war vielleicht eine Überraschung gewesen, als ihr Vater die Bombe platzen ließ, dass seine Schwester gemeinsam mit ihrer Familie Teil der Nachbarschaft werden würde. Lois konnte sich noch gut an ihre erste Frage danach erinnern: »Du hast eine Schwester? Wir … haben eine Tante? Warum haben wir noch nie etwas von ihr gehört?«

Auf eine ordentliche Antwort wartete sie noch bis heute. Mehr, als dass die Eiszeit zwischen den beiden über ein Jahrzehnt gedauert hatte, wollte ihr Vater nicht preisgeben. Doch da diese Differenzen nun der Vergangenheit angehörten, störte sich Lois nicht weiter daran, sondern fand sich, gemeinsam mit dem Rest der Familie Morgan, auf der Türmatte der noch unbekannten Verwandtschaft ein.

Lois sah fröhlich zu ihrem alten Herrn hinüber, der zögernd seinen Daumen über der Türklingel hielt und sich dann entschied, sich zuerst zu seinen Kindern umzudrehen. »Okay, hört zu. Es ist mir wirklich wichtig, dass dies hier funktioniert. Das ist unser erstes echtes Treffen mit Tante Claire seit fast vierzehn Jahren und wir sind nicht wirklich als Freunde auseinandergegangen. Dies ist unsere Chance, vergangene Fehler aus der Welt zu schaffen. Also benehmt euch bitte! Das gilt speziell für euch beide.« Er blickte dabei eindringlich zu seinen beiden Söhnen hinüber.

Die Zwillingsbrüder schmunzelten nur und nickten stumm. Lois wusste genau, was ihr Vater meinte; die beiden konnten … anstrengend sein, wenn sie es wollten.

Nervöser, als man es von ihm gewohnt war, holte Lois’ Dad ein letztes Mal tief Luft und betätigte schließlich die Türklingel. Einige Sekunden vergingen, in denen Lois ihren Erzeuger dabei beobachtete, wie er unruhig imaginären Staub von seiner Hose wischte, bis sich schließlich die Türe öffnete. Ein Mann mittleren Alters, mit rahmenloser Brille und auffällig hellen Haaren, stand vor ihnen und lächelte ihnen entgegen, bevor er Lois’ Vater von oben bis unten musterte. »George, bist du das? Meine Güte, ich hätte dich beinahe nicht erkannt. Du siehst gut aus. Bitte, kommt herein!«

Gemeinsam mit dem Rest der Familie trat Lois in den hellen Vorraum des Hauses, der in einem ganz eigenen Stil eingerichtet war, die Möbel in hellen Farben gehalten, ohne Schnörkel oder Verzierungen, fast steril; die Bilder an den Wänden größtenteils abstrakt. Lois fühlte sich beinahe an die Praxis ihres Arztes erinnert. War Onkel Cent nicht Psychiater oder so? Sie glaubte jedenfalls, dass ihr alter Herr so etwas in der Art erwähnt hatte. Dieser schien sich nicht an der Einrichtung zu stören, als er seinem Schwager auf die Schulter klopfte.

»Du hast dich auch ziemlich gut gehalten, Cent«, wurde der Onkel gelobt, bevor Lois’ Dad einer kleineren, fast molligen Dame um den Hals fiel. »Claire! Es ist viel zu lange her.«

»Es freut mich, dich zu sehen, George. Wirklich, ich habe dir so viel zu erzählen.«

Lois lächelte, als sie ihrem Vater dabei zusah, wie er seine Schwester umarmte. Es tat gut, ihn so glücklich zu sehen, und erst nach einigen Augenblicken lösten sich die beiden aus ihrer Umarmung. Tante Claire blickte zu Lois’ Mutter hinüber, die ebenfalls sogleich umschlungen wurde. »Sarah! Schön, dich zu sehen. Willst du uns nicht diese jungen Herrschaften vorstellen?«

»Natürlich, das sind unsere Söhne Bob und Paul.« Lois’ Mom zerrte die beiden nach vorne, sodass diese ihrer Tante die Hand geben konnten.

»Hallo Tante Claire«, riefen die Zwillinge synchron, während sie verschmitzt grinsten.

»Dad hat uns nur Gutes über dich erzählt«, erklärte Paul.

»Ja, wahrscheinlich hat er ein schlechtes Gewissen, oder so«, fügte Bob an und erntete dafür einen bösen Blick von seinem Vater.

Tante Claire kicherte aber nur und zwinkerte ihrem Neffen zu. »Ja, davon bin ich überzeugt. Und du musst Lois sein?«

Lois lächelte, als sie der Tante die Hand reichte: »Ja, richtig. Freut mich ehrlich, euch alle endlich kennen zu lernen! Wir haben wohl einiges aufzuholen.«

»Das haben wir ganz sicher.« Tante Claire erwiderte das Lächeln, während sich schließlich ein hochgewachsener Junge im schwarzen T-Shirt nach vorne wagte und Lois’ Vater die Hand reichte.

»Und das ist wohl Gerard«, vermutete er. »Mein Gott, wie groß bist du denn? Du bist ja schon fast so groß wie ich. Die Zeit vergeht wirklich im Flug; als ich dich das letzte Mal gesehen habe, warst du noch ein winziger Säugling. Du wirst dich nicht mehr erinnern können. Es war kurz nach deiner Geburt.«

Lois musterte ihren Cousin und musste ihrem Vater zustimmen, was Gerards Körpergröße anging. Sein strohblond beschopfter Kopf erhob sich über den ihren um mindestens einen weiteren und das, obwohl er sicher nicht viel älter war als sie.

»Greg, komm doch auch nach vorne!«, wies Tante Claire einen kurz gewachsenen Jungen an, den Lois zunächst nicht bemerkt hatte. Er hatte wohl die ganze Zeit über in seiner Ecke gestanden und schien schüchtern und unbeteiligt die Begrüßungszeremonie zu beobachten. Sichtlich genervt zwang er sich, nach vorne zu treten, und gab seinem Onkel und seiner Tante stumm die Hand.

»Greg! Dich haben wir schon öfter gesehen. Aber verändert hast du dich natürlich auch; du warst ja nur ein Kleinkind beim letzten Mal. Du bist … richtig niedlich geworden.«

Lois konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen, denn ihre Mutter schien sich offenbar bewusst zu sein, dass groß geworden bei Greg zynisch geklungen hätte: Im Vergleich zu seinem Bruder wirkte er nämlich wirklich mickrig für sein Alter. Lois galt als kurz, und trotzdem überragte sie ihn um ein paar Zentimeter. Dann dieses zerknitterte, verwaschene, rote Hemd, welches er offen trug; das ebenfalls abgenutzte weiße T-Shirt darunter; die Jeans, die mehr weiß als blau waren, und schließlich die blonden Haare, die ungekämmt in sein Gesicht hingen. All das machte auf Lois einen unbeholfenen Eindruck. Jedenfalls schien er nicht besonders oft rauszukommen.

Nachdem er jedem die Hand gegeben hatte, zog er sich wieder in seine Ecke zurück und begann gelangweilt auf seine Uhr zu starren. Lois sah, wie Tante Claire dies mit matter Miene verfolgte, dann allerdings nur den Kopf schüttelte und sich wieder ihren Gästen widmete.

»Also nochmals herzlich willkommen an alle. Es freut mich, dass ihr heute alle hier seid und keine Sorge, wir werden uns ab sofort sicher öfter sehen.«

Lois fühlte sich wirklich willkommen. Das schien eine freundliche Familie zu sein, was sie wieder ins Grübeln brachte, warum ihr Vater so lange nichts von ihnen erzählt hatte. Aber darüber konnte sie sich auch später noch Gedanken machen. Jetzt wollte sie gemeinsam mit den Zwillingen und den anderen Erwachsenen Onkel Cent ins Wohnzimmer folgen. Doch dann stellte Gerard sich ihnen lächelnd in den Weg und schüttelte den Kopf. »Da wollt ihr jetzt nicht rein. Außer ihr seid verrückt nach langweiligen Dia-Vorträgen.« Mit seinem frechen Lächeln machte Gerard auf Lois sofort einen sympathischen Eindruck, als er begann Bob und Paul zu mustern. »Hey, darf ich euch etwas fragen? Seid ihr Zwillinge?«

»Wie bist du denn da draufgekommen? Ich bin Bob und meine Kopie hier heißt Paul.«

»Bist du etwa wieder neidisch, weil ich der Hübschere von uns beiden bin?«

Als Bob daraufhin ein Grinsen aufsetzte und Lois damit signalisierte, dass er seinem Bruder zeigen wollte, wer zumindest der Stärkere von den beiden war, ging sie dazwischen. »Hey, haltet euch gefälligst zurück, ja? Wir sind hier nicht auf dem Footballfeld und Dad hat uns gesagt, wir sollen uns benehmen!«

»Ja, Mom«, erwiderten die Brüder synchron mit schelmischer Miene, woraufhin Lois nur verächtlich schnaufte. Auch, wenn die beiden meistens nur harmlose Zankereien vom Zaun brachen, Lois sah noch deutlich das letzte Mal vor sich, als die beiden das Bedürfnis gehabt hatten, sich zu messen; und die horrende Rechnung, die ihr Vater danach bezahlen durfte.

»Hah, du bist wohl hier die Stimme der Vernunft, was, Lois?« Gerard grinste immer noch von einem Ohr zum anderen.

»Das ist bei den beiden nicht schwer.« Gerade wollte sie ihrem Cousin von einer Episode mit ihren Brüdern erzählen, da fiel Lois auf, dass sich Greg ebenfalls immer noch im Raum befand. Er hatte sich nicht einmal bewegt und lehnte immer noch an der Wand, ohne auch nur das geringste Interesse für die anderen Anwesenden zu zeigen. Irritiert drehte Lois ihren Kopf zurück zu Gerard. »Sag mal, was ist denn mit deinem Bruder los? Er starrt schon die ganze Zeit auf seine Uhr. Will der noch wo hin?«

»Greg? Ha, niemals! Greg ist ein Nerd, wie er im Buche steht. Bei dem weiß man nie, was gerade in ihm vorgeht. Das Beste ist, ihn einfach machen zu lassen.«

Lois warf wieder einen Blick zu dem kauzigen Kerl hinüber. Offenbar lag Gerard mit seiner Einschätzung nicht falsch, denn er tat immer noch so, als wäre sonst niemand hier; völlig unbeteiligt stand er da. Dabei zappelte er nervös mit dem Fuß, als ob er auf etwas warten würde, und versuchte wohl gleichzeitig, möglichst wenig Aufmerksamkeit zu erwecken. Lois hörte, wie ihre Brüder begannen, mit ihren sogenannten Leistungen im Highschool-Football zu prahlen, also konnte sie ebenso gut einen Versuch wagen, Greg aus der Reserve zu locken.

Mit einem Lächeln auf ihren Lippen schlenderte sie hinüber zu dem Jungen, der noch immer hochkonzentriert nach unten starrte, und stellte sich nochmals vor. »Hi, ich bin Lois!«

»Wie? Was? Oh ja klar, ich weiß«, erwiderte Greg gedankenversunken. Er hatte es höchstens eine Sekunde gewagt, von seiner digitalen Uhr aufzublicken.

»Lois Angela Morgan«, murmelte er kaum hörbar, während er sich weiter auf die Ziffern konzentrierte.

Gerade, als Lois den Mund öffnen wollte, um ihren Cousin zu fragen, ob er einen neuen Rekord im Sekundenzählen aufstellen wollte, stockte sie. »Was hast du …? Woher weißt du das?«

»Ähm …, was meinst du?«, erwiderte Greg verwirrt.

»Wie hast du mich gerade genannt?«

»Lois Angela Morgan?«

»Angela … Das ist mein zweiter Vorname!« Lois’ Augen verengten sich, während sie ihren Cousin gleichermaßen überrascht und misstrauisch ansah.

»Ja, offensichtlich«, erwiderte Greg mürrisch.

»Aber ich hab ihn dir nicht gesagt.«

Greg zog nur seine Augenbrauen hoch. »Na und? Möglicherweise bist du mit dem Konzept nicht vertraut, aber man kann auch von Drittpersonen Informationen erhalten. In diesem Fall von meiner Mutter.« Sein genervter Tonfall ließ durchklingen, dass er nicht wusste, was die Frage sollte. Endlich blickte er auf und sah seine Cousine mit kalten, berechnenden Augen an.

Irgendetwas gefiel ihr an seinem Blick nicht; weckte ein unangenehmes Gefühl in ihr, oder lag es vielleicht gar nicht an dem Blick? Greg schien nicht recht zu wissen, was er noch weiter sagen sollte und wandte sich wieder seiner Uhr zu. Lois’ Vermutung, dass es sich um eine Smartwatch handelte und Greg sich irgendein blödes Internetvideo ansah, bestätigte sich nicht; es war nur eine gewöhnliche Digitaluhr.

»Tja … Nett, dich kennen zu lernen«, murmelte Lois.

Sie schüttelte irritiert den Kopf und kehrte zu ihren Brüdern und einem grinsenden Gerard zurück.

»Wie ich sehe, hast du dir an meinem Bruder die Zähne ausgebissen?«

»Nun … ich merke schon, er ist ein eigener Charakter«, gab sich Lois diplomatisch, worauf ihr Cousin laut lachte.

»So kann man es natürlich auch sagen. Hey, warum gehen wir nicht hinauf? Ist glaube ich bequemer, als sich hier die Beine in den Bauch zu stehen.«

Lois nickte nachdenklich und versuchte, nicht mehr über die seltsame Begegnung mit Greg nachzudenken. Sie warf ihm trotzdem noch kurz einen argwöhnischen Blick zu und sah dann im Augenwinkel den schwarzen Haarschopf eines ihrer Brüder aufblitzen, als diese die Treppe hinaufstiegen. Hastig folgte sie ihnen über die gebohnerten Holzstufen und ließ sich von Gerard in ein kleines Schlafzimmer führen. Vollgestopft mit Kartons, die alle sauber geschichtet, mit klar leserlicher Beschriftung an der hinteren Wand standen, erinnerte der Raum daran, dass die Evergreens erst tags zuvor eingezogen waren. Nur das Bett stand unverpackt da und, abgesehen von einigen Postern an den Wänden, die diverse Raumschiffe und ähnlichen Blödsinn darstellten, wirkte das Zimmer noch ziemlich leer.

»Wow, ich hätte nicht gedacht, dass du so ein Science-Fiction-Geek bist«, erklärte Bob, als er eines der Poster begutachtete.

»Hah, bin ich auch nicht. Das ist Gregs Zimmer«, erwiderte Gerard. »Sorry, aber meine Bude ist vorerst tabu; soll heißen kein Platz, weil noch alles vollgestopft ist. Umzug und so … Da müssen wir mit der Langweilerhöhle vorliebnehmen. Ich hoffe, der Nerd-Geruch stört euch nicht zu sehr.«

Lois nickte; dass es sich um Gregs Zimmer handelte, ergab viel mehr Sinn, als sie sich den perfekt ausgerichteten Kartonstapel ansah, denn Gerard hätte sie sicher nicht für einen Pedanten gehalten. Doch gerade als sie fragen wollte, ob das denn in Ordnung sei, hörte sie eine Stimme hinter sich. »Hey, was macht ihr in meinem Zimmer?«

Lois wandte sich überrascht um. Mit gerunzelter Stirn stand Greg in der Tür, sah zuerst von Lois hinüber zu den Zwillingen und richtete dann seinen grimmigen Blick auf seinen Bruder. Wahrscheinlich hatte er sich einen behaglicheren Ort zum Sekundenzählen suchen wollen und nun bemerkt, dass jemand sein Revier verletzte.

»Abhängen«, antwortete Gerard frech mit vor der Brust verschränkten Armen. »Was dagegen?«

Der kauzige Junge war wohl wirklich leicht verblüfft, da es einige Sekunden dauerte, bis er auf die Aussage seines Bruders reagierte. »Nun, die Sitzmöglichkeiten sind beschränkt, wie unschwer zu sehen ist. Ich meine, das Bett bildet eine Option, allerdings …«

»Greg, weißt du was?«, unterbrach ihn Paul. »Ich habe eine geniale Idee: Wir setzen uns ganz einfach auf den Boden.«

Lois schmunzelte verschmitzt, als sie dem Beispiel von Gerard und ihren Brüdern folgte und sich gemeinsam auf dem Parkett niederließ, was Greg wieder fassungslos verfolgte.

»Redet der eigentlich immer so?«, flüsterte Bob Gerard zu.

»Hab ich etwa vergessen zu sagen, dass er ein Nerd ist?«

Lois beobachtete, wie Gregs Fäuste sich ballten, als er seinen Bruder Gerard mit zornigen Augen anfunkelte. Doch irgendwann verdrehte er nur seine Augen und ließ sich wortlos auf dem Boden nieder.

Gerard machte keine Anstalten, weiter über seinen Bruder zu reden, und setzte stattdessen die Unterhaltung über Football fort, woraufhin Lois gelangweilt ihren Kopf auf beide Arme stemmte. Ausgerechnet Football. Wenn sie wenigstens über Filme reden würden, dann könnte sie immerhin mitquatschen. So blieb ihr nichts anderes übrig, als ihren Blick hin und her schweifen zu lassen. Dabei richteten sich ihre misstrauischen Augen wieder auf Greg. Der Junge beteiligte sich nicht an dem Gespräch, sondern starrte nur desinteressiert ins Leere. Er schien den anderen auch nicht wirklich zuzuhören, denn immer wieder sah er auf seine Uhr. Irgendetwas stimmte nicht mit ihm, abgesehen von seinem exzentrischen Verhalten und seiner unfreundlichen Art. Lois konnte sehen, dass er immer noch aufgeregt mit seinem Fuß wippte. Wieso war er so nervös? Es konnte nicht mit ihrem Besuch zu tun haben, denn dieser schien ihn ziemlich kaltzulassen. Warum ließ sie das Gefühl nicht los, dass er versuchte, etwas zu verbergen?

Offenbar hatte Lois ihren Cousin nicht unauffällig genug angestarrt, denn plötzlich erwiderte der Junge ihren Blick und das Mädchen glaubte eine Sekunde lang, Überraschung in seinen Augen zu sehen. Auch das unangenehme Gefühl von vorhin trat auf einmal wieder hervor.

»Okay, genug von uns«, wandte sich Paul schließlich an Greg. »Du kommst doch auch an unsere Highschool, richtig?«

Greg gab sich einige Sekunden lang verwirrt. Dass er direkt angesprochen wurde, kam offenbar unerwartet für ihn. Nach einem kurzen, genervten Seufzen überwand er sich zu einer Antwort: »Wegen der erwartungsgemäß beschränkten Auswahl an Schulen ist das auch nicht besonders verwunderlich. Also ja.«

Bob lachte. Wow, ehrlich, Greg, ich kenne sonst niemanden, der so redet. Du bist ein Mann weniger Worte, was?«

»Macht euch nichts draus!«, warf Gerard ein. »Greg hält nicht viel von … wie nennst du das immer? Gesellschaftlichen Floskeln.«

Greg verdrehte die Augen. »Korrekt.«

»Richtig … aber vielleicht solltest du dich zumindest heute ein bisschen zusammenreißen«, rügte Gerard seinen Bruder. »Das sind schließlich keine wildfremden Menschen, sondern unsere Cousins.«

Lois beobachtete verblüfft, wie die beiden Geschwister sich plötzlich giftig anstarrten. Den Zwillingen entging das offenbar ebenfalls nicht, denn auch sie beobachteten das Schauspiel stumm.

Greg schnaufte frustriert. »Ich bin ja hier, oder nicht?«

»Ja, weil wir in deinem Zimmer sind. Sonst würdest du nämlich alleine hier sitzen. Stimmt doch?«

Langsam glaubte Lois, zu begreifen, was vor sich ging. Diese Sticheleien, das Beanspruchen von Gregs Zimmer, dabei handelte es sich nicht nur um brüderliche Zankerei, wie sie es schon zur Genüge kannte, Gerard versuchte Greg aus der Reserve zu locken; mit bedingtem Erfolg, denn dieser erwiderte den Vorwurf nur mit einem stummen, müden Blick, während Gerard zur nächsten Attacke ansetzte.

»Anstatt wie sonst weggetreten vor dich hinzustarren und von Raumschiffen zu träumen, könntest du ja mal zur Abwechslung beim echten Leben mitmachen, oder hast du eine so große Angst davor?«

Greg richtete sich auf und sah seinen Bruder an, ohne eine Miene zu verziehen. »Das, was du ›weggetreten vor mich hinstarren‹ nennst, heißt eigentlich nachdenken. Aber ich verstehe, dass es für einfache Gemüter wie dich schwer ist, zwischen beidem einen Unterschied zu sehen.«

Lois hob ihre Augenbrauen und die Zwillinge lachten erstaunt auf. Gerard hatte es wohl doch geschafft, Greg ausreichend zu reizen, und kannte dieses Spiel offenbar bereits. Er legte den Kopf zur Seite und blickte seinen Bruder mitleidig an. »Nachdenken, aha. Hm … eine Frage, hast du schon einmal darüber nachgedacht, dass das bescheuert aussieht? Und was ist das für wichtiges Zeug, über das du die ganze Zeit nachdenkst? Warum erzählst du uns denn nicht mal, was das für tolle Geistesblitze sind?«

Greg antwortete nicht, sondern presste nur trotzig seine Lippen zusammen. Gerard lächelte und nickte daraufhin zufrieden. »Dachte ich es mir doch. Wahrscheinlich hast du mal wieder davon fantasiert, durchs All zu schweben, oder so. Hauptsache, du musst dich nicht mit anderen Menschen abgeben, was?«

»Du bist gerade das beste Beispiel dafür, warum ich üblicherweise die Einsamkeit vorziehe.«

Gerard schnaufte zornig auf. »Greg, hör endlich auf damit! Glaubst du, dass dich das im Leben weiterbringen wird, wenn du dich so aufführst?

---ENDE DER LESEPROBE---