Limit - Frank Schätzing - E-Book

Limit E-Book

Frank Schätzing

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9,99 €

Beschreibung

Frank Schätzing Limit als eBook – das Digitalbuch mit dem gewissen Extra!

Mai 2025: Die Energieversorgung der Erde scheint gesichert, seit die USA auf dem Mond das Element Helium-3 fördern. Bahnbrechende Technologien des Konzerngiganten Orley Enterprises haben die Raumfahrt revolutioniert, in einem erbitterten Kopf-an-Kopf-Rennen versuchen Amerikaner und Chinesen, auf dem Trabanten ihre Claims abzustecken.

Während der exzentrische Konzernchef Julian Orley mit einer Schar prominenter Gäste zu einer Vergnügungstour ins All aufbricht, soll Detektiv Owen Jericho, den eine unglückliche Liebe nach Shanghai verschlagen hat, die untergetauchte Dissidentin Yoyo ausfindig machen. Was nach Routine klingt, ist tatsächlich der Auftakt zu einer alptraumhaften Jagd von China über Äquatorialguinea und Berlin bis nach London und Venedig. Denn auch andere interessieren sich für Yoyo, die offenbar im Besitz streng gehüteter Geheimnisse und ihres Lebens nicht mehr sicher ist.

Jericho muss sich mit der bildschönen, aber ziemlich anstrengenden Chinesin zusammentun, um den phantomgleichen Gegnern auf die Spur zu kommen. In einer Zeit, in der multinationale Konzerne der Politik zunehmend das Zepter aus der Hand nehmen, führen beide einen verzweifelten Kampf ums Überleben, gehetzt von einer Übermacht hochgerüsteter Killer. Die Suche nach den Drahtziehern führt mitten hinein in die Wirren afrikanischer Söldnerkriege, Machtkämpfe um Öl und alternative Energien, Vorherrschaftsträume im Weltraum – und zum Mond, auf dem sich Orleys Reisegruppe unvermittelt einer tödlichen Bedrohung gegenüber sieht.

Das Limit Digitalbuch erscheint mit Zusatzmaterial: Die gegenüber dem gedruckten Buch erweiterte Digitalbuchversion erscheint als sogenanntes Enhanced eBook und enthält Zeichnungen sowie Bonus-Texte von Frank Schätzing. Darunter eine Erläuterung der zentralen Handlungsschauplätze auf Erde und Mond, eine Charakterisierung der wichtigsten Romanfiguren, Frank Schätzings persönliche Lektüretipps sowie zehn Zeichnungen aus der Hand des Autors, die während der Arbeit am Roman entstanden sind. Das Limit eBook für das iPhone bzw. für iPodTouch zeigt zudem einen Videoclip mit Ausschnitten der Limit live-Bühnenshow.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 2140

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Frank Schätzing

Limit

Roman

Kurzübersicht

Buch lesen

Titelseite

Inhaltsverzeichnis

Über Frank Schätzing

Über dieses Buch

Impressum

Hinweise zur Darstellung dieses E-Books

Inhaltsverzeichnis

Widmung

Motto

2. August 2024 [Prolog]

EVA

18. Mai 2025 [Die Insel]

Isla de las Estrellas, Pazifischer Ozean

20. Mai 2025 [Das Paradies]

Shenzhen, Provinz Guangdong, Südchina

21. Mai 2025 [Der Fahrstuhl]

Die Höhle

23. Mai 2025 [Die Station]

Orley Space Station OSS, Geostationärer Orbit

26. Mai 2025 [Der Auftrag]

Xintiandi, Shanghai, China

26. Mai 2025 [Der Trabant]

Ankunft

27. Mai 2025 [Spiele]

Xintiandi, Shanghai, China

27. Mai 2025 [Phantome]

Gaia, Vallis Alpina, Mond

28. Mai 2025 [Feindberührung]

Quyu, Shanghai, China

29. Mai 2025 [Der Söldner]

Nachtflug

30. Mai 2025 [Gedächtniskristall]

Berlin, Deutschland

30. Mai 2025 [Die Warnung]

Aristarchus-Plateau, Mond

31. Mai 2025 [Mini-Nuke]

Kallisto

2. Juni 2025 [Lynn]

London, Großbritannien

3.-8. Juni 2025 [Limit]

Xintiandi, Shanghai, China

18. Mai 2025 [Personal]

18. Mai 2025 [Dank]

Materialien

Mondkarte

Schauplätze Erde

Schauplätze Mond

Hauptfiguren

Skizzen

Lektüretipps

Inhaltsverzeichnis

Für Brigitte und Rolf,

die mir das Leben auf der Welt schenkten.

 

Für Christine und Clive,

die mir ein Stück vom Mond schenkten.

Inhaltsverzeichnis

Planet Earth is blue

[And there’s nothing I can do]

David Bowie

Inhaltsverzeichnis

EVA

I want to wake up in a city that never sleeps –

Der gute alte Frankieboy. Unerschüttert vom urbanen Wandel, solange es nach dem Aufwachen nur einen zu kippen gab.

Vic Thorn rieb sich die Augen.

In 30 Minuten würde das automatische Wecksignal die Frühschicht aus den Betten treiben. Streng genommen konnte es ihm egal sein. Als Kurzzeitbesucher war er weitgehend frei in seiner Entscheidung, wie er den Tag verbringen wollte, nur dass sich auch Gäste einem gewissen formalen Rahmenwerk anzupassen hatten. Was nicht zwangsläufig bedeutete, früh aufstehen zu müssen, doch geweckt wurde man auf jeden Fall.

If I can make it there,

I’ll make it anywhere –

Thorn begann sich loszuschnallen. Weil er allzu ausgiebige Bettruhe als verwahrlosend empfand, vertraute er sich keinem anderen Automatismus an als dem eigenen, um möglichst wenig Zeit seines Lebens schlafend zu verbringen. Zumal er selbst entscheiden wollte, wer oder was ihn zurück in die Bewusstheit rief. Thorn liebte es, seine Systeme von Musik hochfahren zu lassen. Eine Aufgabe, die er vorzugsweise dem Rat Pack zukommen ließ, Frank Sinatra, Dean Martin, Joey Bishop, Sammy Davis junior, den räudigen Helden vergangener Epochen, zu denen er eine beinahe romantische Zuneigung pflegte. Dabei wäre nichts, aber auch gar nichts an diesem Ort den Gepflogenheiten des Rat Pack entgegengekommen. Selbst Dean Martins berühmt gewordene Feststellung Ein Mann ist so lange nicht betrunken, wie er auf dem Boden liegen und sich dabei irgendwo festhalten kann erlebte in der Schwerelosigkeit ihre physikalische Außerkraftsetzung, ganz zu schweigen davon, dass die Begeisterung des großen Trinkers, an einem Ort wie diesem nicht vom Barhocker fallen zu können, beim anschließenden Versuch, hinaus auf die Straße zu torkeln, schlagartig geendet hätte. 35786 Kilometer über dem Erdboden warteten keine Nutten vor der Tür, sondern nur todbringender, luftleerer Raum.

Top of the list, king of the hill –

Thorn summte die Melodie mit, nuschelte ein schief klingendes New York, New York. Mit kaum nennenswertem Muskelzucken stieß er sich ab, entschwebte seiner Koje, ließ sich zu dem kleinen, runden Sichtfenster seiner Kabine tragen und sah nach draußen.

 

In der Stadt, die niemals schlief, begab sich Huros-ED-4 auf den Weg zu seinem nächsten Einsatz.

Weder kümmerte ihn die Kälte des Weltraums noch das Fehlen jeglicher Atmosphäre. Tag und Nacht, deren Aufeinanderfolge sich in solch immenser Entfernung zur Erde ohnehin mehr auf Vereinbarungen gründete als auf sinnliches Erleben, besaßen für ihn keine Gültigkeit. Sein Weckruf erfolgte in der Sprache der Programmierer. Huros-ED stand für Humanoid Robotic System for Extravehicular Demands, die 4 reihte ihn ein in weitere 19 seiner Art – je zwei Meter groß, Oberkörper und Kopf durchaus menschenähnlich, während die überlangen Arme im Zustand der Ruhe an die zusammengelegten Greiforgane einer Gottesanbeterin erinnerten. Bei Bedarf entfalteten sie sich zu bewundernswerter Beweglichkeit, mit Händen, die äußerst diffizile Operationen durchführen konnten. Ein zweites, kleineres Paar Arme entsprang der breiten, mit Elektronik vollgestopften Brust und diente der Assistenz. Dafür fehlten die Beine völlig. Zwar verfügte der Huros-ED über Taille und Becken, doch wo beim Menschen die Oberschenkel begannen, sprossen flexible Greifer mit Ansaugvorrichtungen, sodass er sich Halt verschaffen konnte, wo immer er gerade gebraucht wurde. Während der Pausen suchte er eine geschützte Nische auf, koppelte seine Akkus an die Stromversorgung, füllte die Tanks seiner Navigationsdüsen mit Treibstoff und ergab sich der Kontemplation der Maschine.

Inzwischen lag seine letzte Ruhephase acht Stunden zurück. Seitdem war Huros-ED-4 mit großem Roboterfleiß an den unterschiedlichsten Stellen der gigantischen Raumstation gewesen. In den Außenbezirken des Dachs, wie der dem Zenit zugewandte Teil genannt wurde, hatte er geholfen, in die Jahre gekommene Solarpaneele gegen neue auszutauschen, in der Werft Flutlichter für Dock 2 justiert, wo eines der Raumschiffe für die geplante Mars-Mission entstand. Danach hatte man ihn 100 Meter tiefer zu den wissenschaftlichen Nutzlasten beordert, die entlang der Mastausleger befestigt waren, mit der Aufgabe, die defekte Platine eines Messgeräts zur Oberflächenabtastung des Pazifischen Ozeans vor Ecuador zu entnehmen. Nach erfolgter Rekonditionierung lautete sein Auftrag nun, im Raumhafen einen der dortigen Manipulatorarme zu untersuchen, der aus unerfindlichen Gründen während eines Verladeprozesses den Dienst quittiert hatte.

Zum Raumhafen, das hieß, sich entlang der Station ein weiteres Stück abwärts sinken zu lassen, zu einem Ring von 180 Metern Durchmesser mit acht Liegeplätzen für an- und abfliegende Mondshuttles sowie acht weiteren für Evakuierungsgleiter. Vergaß man, dass die dort ankernden Schiffe Vakuum statt Wasser durchquerten, ging es auf dem Ring nicht anders zu als in Hamburg oder Rotterdam, den großen terranen Seehäfen, wozu ergo auch Kräne gehörten, riesige Roboterarme auf Schienen, Manipulatoren genannt. Einer davon hatte den Beladevorgang eines Fracht- und Personenshuttles, der in wenigen Stunden zum Mond starten sollte, mittendrin abgebrochen. Sämtliche Indikatoren sprachen gegen einen Ausfall. Der Arm hätte funktionieren müssen, blieb jedoch mit apparativer Sturheit jede Bewegung schuldig und hing stattdessen mit gespreizten Effektoren halb im Laderaum des Shuttles, halb draußen, was zur Folge hatte, dass sich der geöffnete Leib des Schiffs nicht mehr schließen ließ.

Auf vorgeschriebenen Flugbahnen bewegte sich Huros-ED-4 entlang angedockter Shuttles, Luftschleusen und Verbindungstunnel, Kugeltanks, Containern und Masten bis zu dem defekten Arm, der im ungefilterten Sonnenlicht kalt glänzte. Die Kameras hinter der Sichtblende seines Kopfes und an den Enden seiner Extremitäten schickten Bilder ins Innere der Kommandozentrale, als er dicht an die Konstruktion heranfuhr und jeden Quadratzentimeter einer eingehenden Analyse unterzog. Beständig glich er, was er sah, mit den Bildern ab, die ihm sein Datenspeicher zur Verfügung stellte, bis er den Grund für den Ausfall gefunden hatte.

Er stoppte. Jemand in seinem zentralen Steuermodul sagte »Verdammte Scheiße!«, was Huros-ED-4 zu einer raschen Rückfrage veranlasste. Obschon auf Abtastung der menschlichen Stimme programmiert, vermochte er in der Äußerung keinen sinnstiftenden Befehl zu erkennen. Die Zentrale verzichtete auf eine Wiederholung, also tat er vorerst nichts, als sich den Schaden zu besehen. In einem der Gelenke des Manipulators waren winzige Splitter verkeilt. Eine lange und tiefe Scharte verlief quer oberhalb der Gelenkstruktur, klaffend wie eine Wunde. Auf den ersten Blick schien die Elektronik intakt zu sein, ein reiner Materialschaden also, indes schwerwiegend genug, dass er den Manipulator veranlasst hatte, sich abzuschalten.

Die Zentrale wies ihn an, das Gelenk zu reinigen.

Huros-ED-4 verharrte.

Wäre er ein Mensch gewesen, hätte man sein Verhalten als unschlüssig bezeichnen können. Schließlich bat er um weitere Informationen, womit er auf seine eigene, vage Weise zum Ausdruck brachte, dass ihn die Sache überforderte. So revolutionär die Baureihe sein mochte – sensorbasierte Steuerung, Rückkopplung von Sinneseindrücken, flexibles und autonomes Handeln –, änderte sie doch nichts daran, dass Roboter Maschinen waren, die in Schablonen dachten. Er sah die Splitter und sah sie doch nicht. Wohl wusste er, dass sie da waren, nicht aber, was sie waren. Ebenso registrierte er den Riss, vermochte ihn allerdings mit keiner ihm bekannten Information in Übereinstimmung zu bringen. Damit existierten die defekten Stellen für ihn nicht. Als Folge war ihm schleierhaft, was genau er eigentlich reinigen sollte, also reinigte er gar nichts.

Ein Hauch Bewusstsein, und Roboter hätten ihre Existenz als wirklich sorgenfrei empfunden.

 

Andere sorgten sich umso mehr. Vic Thorn hatte ausgiebig geduscht, My Way gehört, T-Shirt, Turnschuhe und Shorts angezogen und soeben beschlossen, den Tag im Fitnessstudio zu beginnen, als ihn der Anruf aus der Zentrale erreichte.

»Sie könnten uns bei der Lösung eines Problems behilflich sein«, sagte Ed Haskin, in dessen Zuständigkeit der Raumhafen und die daran gekoppelten Systeme fielen.

»Jetzt gleich?« Thorn zögerte. »Ich wollte kurz aufs Laufband.«

»Besser gleich.«

»Was ist los?«

»Sieht so aus, als gäbe es Schwierigkeiten mit Ihrem Raumschiff.«

Thorn nagte an seiner Unterlippe. Bei der Vorstellung, sein Abflug könne sich verzögern, schrillten tausend Alarmglocken in seinem Kopf. Schlecht, ganz schlecht! Das Schiff sollte den Hafen um die Mittagszeit verlassen, mit ihm und sieben weiteren Astronauten an Bord, um die Besatzung der amerikanischen Mondbasis abzulösen, die nach sechs Monaten Trabantenexil Fieberträume von asphaltierten Straßen, tapezierten Wohnungen, Würsten, Wiesen und einem Himmel voller Farbe, Wolken und Regen heimsuchten. Obendrein war Thorn als einer der beiden Piloten für den zweieinhalbtägigen Flug vorgesehen, als Crewchef zu allem Überfluss, was erklärte, dass man ausgerechnet ihn ansprach. Und noch einen Grund gab es, warum ihm jede Verzögerung mehr als ungelegen kam –

»Was ist denn los mit der Kiste?«, fragte er betont gleichgültig. »Will sie nicht fliegen?«

»Oh, fliegen will sie schon, aber sie kann nicht. Es hat eine Panne beim Beladen gegeben. Der Manipulator ist ausgefallen und blockiert die Luken. Wir können den Frachtraum nicht schließen.«

»Ach so.« Erleichterung durchströmte Thorn. Mit einem defekten Manipulator ließ sich fertigwerden. »Und kennt ihr den Grund für den Ausfall?«

»Debris. Scharfer Beschuss.«

Thorn seufzte. Space debris! Weltraumschrott, dessen unliebsame Allgegenwart sich einer beispiellosen orbitalen Rushhour verdankte, eingeleitet in den fünfziger Jahren von den Sowjets mit ihren Sputniks. Seither zirkulierten in jeglicher Höhe die Überbleibsel Tausender Missionen: leer gebrannte Raketenstufen, ausgemusterte und vergessene Satelliten, Trümmer zahlloser Explosionen und Zusammenstöße, vom kompletten Reaktor bis hin zu winzigen Schlackebröckchen, Tröpfchen gefrorenen Kühlmittels, Schrauben und Drähtchen, Kunststoff- und Metallteilchen, Fetzen von Goldfolie und Rudimenten abgeblätterter Farbe. Die ständige Frakturierung der Bruchstücke durch immer neue Kollisionen zog deren nagetierhafte Vermehrung nach sich. Inzwischen wurde alleine das Vorhandensein von Objekten, die größer als ein Zentimeter waren, auf 900000 geschätzt. Kaum drei Prozent davon unterlagen ständiger Beobachtung, der ominöse Rest, zuzüglich Milliarden kleinerer Partikel und Mikrometeoriten, war irgendwohin unterwegs – im Zweifel, mit der Unvermeidbarkeit, mit der Insekten an Windschutzscheiben endeten, auf einen zu.

Das Problem war, dass eine Wespe, die mit dem Impuls eines gleich großen Stückchens Space Debris in eine Luxuslimousine gesaust wäre, die kinetische Energie einer Handgranate entwickelt und einen Totalschaden verursacht hätte. Geschwindigkeiten gegenläufiger Objekte addierten sich im All auf vernichtende Weise. Selbst Partikel im Mikrometerbereich wirkten sich auf Dauer zerstörerisch aus, schliffen Solarpaneele blind, zersetzten die Oberflächen von Satelliten und rauten die Außenhüllen von Raumschiffen auf. Erdnaher Schrott verglühte über kurz oder lang in den oberen Schichten der Atmosphäre, allerdings nur, um durch neuen ersetzt zu werden. Mit zunehmender Höhe verlängerte sich seine Lebensdauer, und im Orbit der Raumstation verblieb er theoretisch bis in alle Ewigkeit. Einzig, dass man mehrere der gefährlichen Objekte kannte und ihre Flugbahnen Wochen und Monate im Voraus berechnen konnte, verhieß einen gewissen Trost, weil es die Astronauten befähigte, die komplette Station einfach aus dem Weg zu steuern. Das Ding, das in den Manipulator gekracht war, hatte offenbar nicht dazugehört.

»Und was kann ich tun?«, fragte Thorn.

»Na ja, Crewzeit.« Haskin lachte genervt. »Sie wissen schon, knappe Ressource. Der Roboter kriegt das alleine nicht auf die Reihe. Wir müssten zu zweit raus, aber im Augenblick hab ich nur eine Kraft verfügbar. Würden Sie einspringen?«

Thorn überlegte nicht lange. Es war von epochaler Wichtigkeit, dass er pünktlich hier wegkam, außerdem mochte er Weltraumspaziergänge.

»Alles klar«, sagte er.

»Sie gehen mit Karina Spektor raus.«

Noch besser. Er hatte Spektor am Abend zuvor im Crew-Restaurant kennengelernt, eine russischstämmige Expertin für Robotik mit hohen Wangenknochen und katzengrünen Augen, die auf seine Flirtversuche mit erfreulicher Bereitschaft zur Völkerverständigung reagiert hatte.

»Bin unterwegs!«, sagte er.

 

– in a city that never sleeps –

Städte pflegten Lärm zu erzeugen. Straßen, in denen die Luft von Akustik kochte. Menschen, die sich bemerkbar machten, indem sie hupten, riefen, pfiffen, schwatzten, lachten, jammerten, schrien. Geräusch als sozialer Kitt, codiert zur Kakophonie. Gitarristen, Sänger, Saxofonspieler in Hauseingängen und U-Bahn-Schächten. Krähen, Missmut äußernd, blaffende Hunde. Das Widerhallen von Baumaschinen, dröhnende Presslufthämmer, Metall auf Metall. Unerwartete, vertraute, schmeichelnde, schrille, spitze, dunkle, rätselhafte, an- und abschwellende, herannahende und entfliehende Geräusche, solche, die aufstiegen wie Gas, andere Volltreffer in Magengrube und Gehörgang. Verkehrsgrundrauschen. Der protzige Bassbariton schwerer Limousinen im Disput mit mäkeligen Mopeds, mit dem Schnurren von Elektromobilen, der Herrschsucht von Sportwagen, aufgemotzten Motorrädern, dem pumpernden Geh-mal-zur-Seite der Busse. Musik aus Boutiquen. Schrittkonzerte in Fußgängerzonen, Schlendern, Schlurfen, Stolzieren, Dahineilen, der Himmel schwingend vom Donner ferner Flugzeugturbinen, die ganze Stadt eine einzige Glocke.

Außerhalb der Weltraumstadt:

Nichts davon.

So vertraut es im Innern der Wohnmodule, Labors, Kontrollräume, Verbindungstunnel, Freizeitzonen und Restaurants lärmte, die sich auf einer Gesamthöhe von 280 Metern verteilten, so gespenstisch mutete es an, wenn man die Station erstmals zur EVA verließ, zur Extravehicular Activity, dem Außeneinsatz. Übergangslos war man draußen, wirklich draußen, so was von draußen wie sonst nirgendwo. Jenseits der Luftschleusen endete alle Akustik. Natürlich ertaubte man nicht zur Gänze. Sich selbst vernahm man sehr wohl, außerdem das Rauschen der im Anzug eingebauten Klimaanlage und natürlich den Sprechfunk, doch spielte sich all das im Innern des tragbaren Raumschiffs ab, in dem man steckte.

Drum herum, im Vakuum, herrschte perfekte Stille. Man erblickte die gewaltige Struktur der Station, schaute in erleuchtete Fenster, sah das eisige Strahlen der Flutlichtbatterien hoch oben, wo riesige Raumschiffe zusammengebaut wurden, die nie auf einem Planeten landen würden und nur in der Schwerelosigkeit Bestand hatten, gewahrte industrielle Betriebsamkeit, das Umherfahren und Recken der Kräne auf dem äußeren Ring und den Zubringern zum Innenbereich, beobachtete Roboter im freien Fall, lebendigen Wesen ähnlich genug, dass man geneigt war, sie nach dem Weg zu fragen – und intuitiv, überwältigt von der Schönheit der Architektur, der fernen Erde und der kalt starrenden Sterne, deren Licht von keiner Atmosphäre gestreut wurde, erwartete man eine geheimnisvolle oder pathetische Musik zu hören. Doch der Weltraum blieb stumm, seine Erhabenheit fand ihre Orchestrierung einzig im eigenen Atem.

In Gesellschaft Karina Spektors schwebte Thorn durch die Leere und Stille auf den defekten Manipulator zu. Ihre Anzüge, mit Steuerdüsen ausgestattet, ermöglichten ihnen, präzise zu navigieren. Sie glitten über die Docks des riesigen Raumhafens hinweg, der die turmartige Konstruktion der Station umspannte, breit wie eine Autobahn. Drei Mondshuttles ankerten zurzeit am Ring, zwei an Luftschleusen, Thorns Raumschiff auf Parkposition, außerdem die acht flugzeugähnlichen Evakuierungsgleiter. Im Grunde war der gesamte Ring ein einziger Rangierbahnhof, über den die Raumfahrzeuge ständig ihren Standort wechseln konnten, um die symmetrisch aufgebaute Station im Gleichgewicht zu halten.

Thorn und Spektor hatten sich vom Torus-2, dem Verteilermodul im Zentrum des Hafens, zu einer der Außenschleusen begeben, von wo es nicht weit bis zum Shuttle war. Weiß und massig, mit geöffneten Ladeluken, ruhte es im Sonnenlicht. Der erstarrte Arm des Manipulators ragte hoch darüber empor, knickte am Ellbogen jäh ab und verschwand im Frachtraum. Unmittelbar vor seiner Ankerplattform hing reglos Huros-ED-4. Den Blick unverwandt auf das blockierte Gelenk gerichtet, haftete seiner Haltung etwas Missbilligendes an. Erst im letzten Moment rückte er ein Stück beiseite, damit sie den Schaden in Augenschein nehmen konnten. Natürlich resultierte sein Verhalten nicht aus kybernetischer Verschnupftheit, da ein Huros nicht einmal ansatzweise eine Vorstellung seiner selbst hatte, nur waren seine Bilder nicht mehr gefragt. Ab jetzt zählten die Eindrücke, welche die Helmkameras in die Zentrale schickten.

»Und?«, wollte Haskin wissen. »Was meint ihr?«

»Übel.« Spektor umfasste das Gestänge des Manipulators und zog sich näher heran. Thorn folgte ihr.

»Komisch«, sagte er. »Für mich sieht es so aus, als hätte irgendwas den Arm gestreift und diese Furche gerissen, aber die Elektronik scheint unbeschädigt zu sein.«

»Dann müsste er sich bewegen«, wandte Haskin ein.

»Nicht unbedingt«, sagte Spektor. Sie sprach ein slawisch aufgerautes Englisch, ziemlich erotisch, wie Thorn fand. Eigentlich schade, dass er keinen weiteren Tag bleiben konnte. »Beim Aufprall dürfte eine Menge Mikroschrott freigesetzt worden sein. Vielleicht leidet unser Freund an Verstopfung. Hat der Huros eine Umgebungsanalyse durchgeführt?«

»Leichte Kontamination. Was ist mit den Splittern? Könnten sie die Blockade ausgelöst haben?«

»Möglich. Stammen wahrscheinlich vom Arm selbst. Vielleicht hat sich auch was verzogen, und er steht unter Spannung.« Die Astronautin studierte eingehend das Gelenk. »Andererseits, das ist ein Manipulator, keine Kuchengabel. Das Objekt wird höchstens sieben oder acht Millimeter groß gewesen sein. Ich meine, es war nicht mal ein richtiger Impact, so was muss er eigentlich wegstecken können.«

»Du kennst dich ja mächtig gut aus«, meinte Thorn anerkennend.

»Kunststück«, lachte sie. »Ich beschäftige mich kaum noch mit was anderem. Space debris ist unser größtes Problem hier oben.«

»Und das da?« Er beugte sich vor und zeigte auf eine Stelle, wo ein winziges, helles Bröckchen herausstach: »Könnte das von einem Meteoriten stammen?«

Spektor folgte seinem ausgestreckten Zeigefinger.

»Auf jeden Fall stammt es von dem Ding, das den Arm getroffen hat. Näheres werden die Analysen ergeben.«

»Eben«, sagte Haskin. »Also beeilt euch. Ich schlage vor, ihr holt das Zeug mit dem Ethanolgebläse raus.«

»Haben wir so was denn?«, fragte Thorn.

»Der Huros hat so was«, erwiderte Spektor. »Wir können seinen linken Arm dafür benutzen, im Innern sind Tanks und an den Effektoren Düsen. Aber das müssen wir zu zweit machen, Vic. Schon mal mit einem Huros gearbeitet?«

»Nicht direkt.«

»Ich zeig’s dir. Wir müssen ihn teilabschalten, um ihn als Werkzeug benutzen zu können. Das heißt, einer von uns muss helfen, ihn zu stabilisieren, während der andere –«

Im selben Moment erwachte der Manipulator zum Leben.

Der riesige Arm reckte sich aus dem Laderaum, stieß zurück, vollführte einen Schwenk, erfasste den Huros-ED und versetzte ihm einen Stoß, als sei er seiner Gesellschaft überdrüssig. Reflexartig drückte Thorn die Astronautin nach unten und aus der Kollisionszone heraus, konnte jedoch nicht verhindern, dass der Roboter ihre Schulter streifte und sie herumwirbelte. In letzter Sekunde gelang es Spektor, sich im Gestänge festzukrallen, dann prallte der Manipulator gegen Thorn, riss ihn weg von ihr und vom Ring und katapultierte ihn in den Weltraum.

Zurück! Er musste zurück!

Mit fliegenden Fingern versuchte er die Kontrolle über seine Steuerdüsen zu erlangen, gefolgt vom pirouettierenden Torso des Huros-ED, der näher und näher kam, Haskins und Spektors Schreie im Ohr. Der Unterleib des Roboters traf seinen Helm. Thorn überschlug sich und geriet in hilflose Kreiselbewegung, während er über den Rand der Ringebene geschleudert wurde und sich fürchterlich schnell von der Raumstation entfernte. Entsetzt begriff er, dass er im Bemühen, die Astronautin zu schützen, seine einzige Chance vertan hatte, sich selbst zu retten. In wilder Panik tastete er umher, fand endlich die Bedienelemente für die Steuerdüsen, zündete sie, um seine Flugbahn mit kurzen Stößen zu stabilisieren, den Kreiselkurs zu beruhigen, bekam keine Luft mehr, begriff, dass der Anzug Schaden genommen hatte, dass es aus war, schlug um sich, wollte schreien –

Sein Schrei gefror.

Vic Thorns Körper wurde hinausgetragen in die stille, endlose Nacht, und alles änderte sich in den Sekunden seines Sterbens, alles.

Inhaltsverzeichnis

Isla de las Estrellas, Pazifischer Ozean

Die Insel war wenig mehr als ein felsiger Brocken, der äquatorialen Linie aufgereiht wie eine Perle einer Schnur. Verglichen mit anderen Inseln der Umgebung nahmen sich ihre Reize eher bescheiden aus. Im Westen stach eine recht ansehnliche Steilküste aus dem Meer, gekrönt von tropischem Regenwald, der dunkel und undurchdringlich an zerklüfteten Vulkanflanken haftete und fast ausschließlich von Insekten, Spinnen und einer bemerkenswert hässlichen Fledermausart bewohnt wurde. Rinnsale hatten sich in Spalten und Schluchten gegraben, sammelten sich zu Sturzbächen und ergossen sich donnernd in den Ozean. Zur Ostseite fiel die Landschaft terrassenförmig ab, durchsetzt von felsigen Erhebungen und weitgehend kahl. Palmenbestandene Strände suchte man vergebens. Schwarzer Basaltsand kennzeichnete die wenigen Buchten, über die das Landesinnere zugänglich war. Auf steinernen Vorposten im Brandungsgewitter sonnten sich regenbogenfarbene Eidechsen. Ihr Tagesablauf bestand darin, sich bis zu einem Meter in die Höhe zu katapultieren und nach Insekten zu schnappen, dürftiger Klimax eines ansonsten höhepunktlosen Repertoires an Naturschauspielen. Aufs Ganze gesehen hatte die Isla kaum etwas zu bieten, was es woanders nicht in schöner, größer und höher gab.

Hingegen war ihre geografische Position makellos.

Tatsächlich lag sie exakt auf der Erdmitte, wo Nord- und Südhalbkugel aneinandergrenzten, 550 Kilometer westlich von Ecuador und damit weit abseits jeglicher Flugrouten. Stürme traten in diesem Teil der Welt nicht auf. Größere Zusammenballungen von Wolken waren selten, nie zuckten Blitze. Während der ersten Jahreshälfte konnte es regnen, heftig und stundenlang, ohne dass der Wind sonderlich auffrischte. Kaum je unterschritten die Temperaturen 22 °C, meist lagen sie deutlich höher. Weil zudem unbewohnt und wirtschaftlich ohne Nutzen, hatte das ecuadorianische Parlament die Insel gegen eine erquickliche Aufbesserung des Staatshaushalts nur allzu gerne für die nächsten 40 Jahre an neue Mieter abgetreten, die sie als Erstes von Isla Leona in Isla de las Estrellas umtauften: STELLAR ISLAND, Insel der Sterne.

Im Folgenden verschwand ein Teil des Osthangs unter einer Anhäufung von Glas und Stahl, die prompt den Zorn aller Tierschützer auf sich vereinte. Allerdings blieb der Bau ohne ökologische Folgen. Geschwader lärmender Seevögel, unbeeindruckt von den Zeugnissen menschlicher Präsenz, tünchten Architektur und Fels mit ihrem Kot wie eh und je. Vorstellungen von Schönheit beschäftigten die Tiere nicht, und den Menschen stand der Sinn nach Höherem als Gabelschwanzmöwen und Sandregenpfeifern. Ohnehin waren es nicht viele, die ihren Fuß bislang auf die Insel gesetzt hatten, und alles sprach dafür, dass sie auch in Zukunft ein ziemlich exklusiver Ort bleiben würde.

Zugleich beschäftigte nichts die Fantasie der gesamten Menschheit so sehr wie diese Insel.

Sie mochte ein schroffer Haufen Vogelscheiße sein und galt dennoch als außergewöhnlichster, vielleicht hoffnungsvollster Platz der Welt. Dabei ging die eigentliche Magie von einem Objekt rund zwei Seemeilen davor aus, einer gigantischen Plattform, ruhend auf fünf haushohen Säulenpontons. Näherte man sich ihr an dunstigen Tagen, nahm man ihre Besonderheit zunächst nicht wahr. Man erblickte flache Aufbauten, Kraftwerke und Tanks, eine Landefläche für Hubschrauber, ein Terminal samt Tower, Antennen und Radioteleskopen. Die Gesamtheit des Ensembles erinnerte an einen Flughafen, nur dass nirgendwo eine Landebahn zu sehen war. Stattdessen entwuchs dem Zentrum ein zylindrischer Bau gewaltigen Ausmaßes, ein schimmernder Koloss, aus dessen Seiten Bündel von Rohrleitungen mäanderten. Erst mit zusammengekniffenen Augen erkannte man den dünnen, schwarzen Strich, der dem Zylinder entsprang und steil aufwärtsstrebte. Hingen die Wolken tief, verschluckten sie ihn nach wenigen hundert Metern, und man fragte sich unwillkürlich, was man zu Gesicht bekäme, sollte es aufklaren. Selbst, wer es besser wusste – im Prinzip also jeder, der es so weit gebracht hatte, die Hochsicherheitszone zu durchqueren –, erwartete irgendetwas zu sehen, in das der Strich mündete, einen festen Punkt, an dem die überforderte Fantasie sich aufhängen konnte.

Doch da war nichts.

Auch bei strahlendem Sonnenschein und tiefblauem Himmel ließ sich kein Ende der Linie ausmachen. Sie wurde dünner und dünner, bis sie sich in der Atmosphäre zu entmaterialisieren schien. Setzte man den Feldstecher an, verlor sie sich lediglich ein bisschen höher. Man starrte, bis die Halswirbel schmerzten, Julian Orleys legendär gewordene Bemerkung im Ohr, die Isla de las Estrellas sei das Erdgeschoss der Ewigkeit – und begann zu ahnen, was er damit gemeint hatte.

Ebenso strapazierte an diesem Tag auch Carl Hanna seinen Nacken, verrenkte sich auf dem Sitz des Helikopters, um wie blöde hinauf ins Blau zu glotzen, während unter ihm zwei Finnwale durchs pazifische Azur pflügten. Hanna verschwendete keinen Blick daran. Als der Pilot ihn zum wiederholten Male auf die seltenen Tiere hinwies, hörte er sich murmeln, dass es nichts Uninteressanteres gäbe als das Meer.

Der Helikopter beschrieb eine Kurve und dröhnte der Plattform entgegen. Kurz verschwamm der Strich vor Hannas Augen, schien sich aufzulösen, dann stand er wieder deutlich sichtbar im Himmel, schnurgerade wie mit dem Lineal gezogen.

Im nächsten Moment hatte er sich verdoppelt.

»Es sind zwei«, bemerkte Mukesh Nair.

Der Inder strich sich das dichte schwarze Haar aus der Stirn. Sein dunkles Gesicht glühte vor Freude, die Nüstern seiner gurkenförmigen Nase blähten sich, als wolle er den Moment inhalieren.

»Natürlich sind es zwei.« Sushma, seine Frau, streckte Zeige- und Mittelfinger aus wie jemand, der einen Erstklässler vor sich hat. »Zwei Kabinen, zwei Seile.«

»Weiß ich doch, weiß ich!« Nair winkte ungeduldig ab. Sein Mund verzog sich zu einem Lächeln. Er sah Hanna an. »Was für ein Wunder! Wissen Sie, wie breit diese Seile sind?«

»Etwas über einen Meter, glaube ich.« Hanna lächelte zurück.

»Kurzzeitig waren sie weg.« Nair sah kopfschüttelnd hinaus. »Einfach verschwunden.«

»Stimmt.«

»Sie haben das auch gesehen? Und du? Sie flimmerten wie eine Fata Morgana. Hast du es auch –«

»Ja, Mukesh. Ich hab’s auch gesehen.«

»Ich dachte schon, ich hätte mir das eingebildet.«

»Nein, hast du nicht«, sagte Sushma freundlich und legte ihm eine kleine, paddelförmige Hand aufs Knie. Auf Hanna wirkten die beiden wie von Fernando Botero gefertigt. Die gleiche rundliche Figur, die gleichen kurzen, wie aufgepumpt wirkenden Extremitäten.

Er schaute wieder aus dem Fenster.

Der Hubschrauber hielt gebührenden Abstand zu den Seilen, während er an der Plattform vorbeizog. Nur autorisierte Piloten der NASA oder von ORLEY ENTERPRISES durften diese Route fliegen, wenn sie Gäste zur Isla de las Estrellas brachten. Hanna versuchte einen Blick ins Innere des Zylinders zu erhaschen, wo die Seile verschwanden, doch die Entfernung war zu groß. Im nächsten Moment hatten sie die Plattform hinter sich gelassen und schwenkten auf die Isla ein. Unter ihnen huschte der Schatten der Maschine über tiefblaue Wellen.

»Diese Seile müssen doch extrem dünn sein, wenn man sie von der Seite nicht sieht«, sinnierte Nair. »Also, platt. Ich meine, flach. Sind es überhaupt Seile?« Er lachte und rang die Hände. »Wohl eher Bänder, was? Wahrscheinlich alles falsch. Mein Gott, was soll ich sagen? Ich bin auf einem Acker groß geworden. Auf einem Acker!«

Hanna nickte. Während des Fluges von Quito hierher waren sie ins Gespräch gekommen, aber auch so wusste er, dass Mukesh Nair zu Äckern eine innige Beziehung pflegte. Ein genügsamer Bauernsohn aus Hoshiarpur in Punjab, der gerne gut aß, dabei einen Straßenstand jedem Drei-Sterne-Restaurant vorzog, die Anliegen und Meinungen einfacher Leute höher einschätzte als Small Talk auf Empfängen und Vernissagen, vorzugsweise Economy Class flog und teure Kleidung so sehr begehrte wie ein Kragenbär eine Krawatte. Zugleich gehörte Mukesh Nair mit einem geschätzten Privatvermögen von 46 Milliarden Dollar zu den zehn reichsten Menschen der Welt und dachte alles andere als bäuerlich. Er hatte Agrikultur in Ludhiana und Volkswirtschaft an der Universität von Bombay studiert, war Träger des Padma Vibhushan, des zweithöchsten indischen Ordens für zivile Verdienste, und unangefochtener Marktführer, was die Versorgung der Welt mit indischem Obst und Gemüse betraf. Hanna kannte die Vita von Mister TOMATO, wie Nair allseits genannt wurde, bis ins Detail, so wie er die Lebensläufe sämtlicher Gäste studiert hatte, die zu dem Treffen anreisten.

»Jetzt schauen Sie mal, schauen Sie sich das mal an da!«, rief Nair. »Auch nicht schlecht, was?«

Hanna reckte den Kopf. Der Helikopter hielt auf den Osthang der Insel zu, sodass sie perfekte Sicht auf das STELLAR ISLAND HOTEL genossen. Wie ein gestrandeter Ozeandampfer ruhte es in den Hängen, sieben übereinandergeschichtete, stufig zurückweichende Stockwerke, die einen ausgreifenden Bug mit einem riesigen Swimmingpool überblickten. Jedes Zimmer gebot über sein eigenes Sonnendeck. Den höchsten Punkt des Gebäudes bildete eine kreisrunde Terrasse, zur Hälfte überspannt von einer gewaltigen, gläsernen Sphäre. Hanna erkannte Tische und Stühle, Liegen, Anrichten, eine Bar. Mittschiffs lag ein flach gehaltener Teil, offenbar die Lobby, im Norden begrenzt vom heckartigen Aufbau eines Hubschrauberlandeplatzes. Architektur wechselte mit Abschnitten schroffen Gesteins, als habe man versucht, ein Kreuzfahrtschiff unmittelbar vor die Insel zu beamen, und sich dabei um einige hundert Meter landeinwärts verrechnet. Hanna schätzte, dass Teile der Hotelanlage in den Berg hineingesprengt worden waren. Ein Fußweg, unterbrochen von Treppen, schlängelte sich hinab, durchquerte ein begrüntes Plateau, dessen Gestaltung zu harmonisch wirkte, um natürlichen Ursprungs zu sein, führte weiter abwärts und mündete in einen umlaufenden Küstenpfad.

»Ein Golfplatz«, murmelte Nair verzückt. »Wie wunderbar.«

»Pardon, aber ich dachte, Sie bevorzugen es schlicht.« Und als der Inder ihn erstaunt ansah, fügte Hanna hinzu: »Laut eigener Aussage. Schlichte Restaurants. Einfache Leute. Holzklasse.«

»Da verwechseln Sie was.«

»Glaubt man den Medien, sind Sie für eine Person des öffentlichen Lebens überraschend genügsam.«

»Ach was! Ich versuche, mich aus dem sogenannten öffentlichen Leben rauszuhalten. Die Zahl der Interviews, die ich in den letzten Jahren gegeben habe, kann man an einer Hand abzählen. Wenn TOMATO eine gute Presse bekommt, bin ich zufrieden, Hauptsache, niemand versucht, mich vor eine Kamera oder ein Mikrofon zu zerren.« Nair legte die Stirn in Falten. »Im Übrigen haben Sie recht, Luxus ist nichts, was ich zum Leben brauche. Ich komme aus einem winzigen Dorf. Wie viel Geld man hat, spielt keine Rolle. Innerlich lebe ich immer noch in diesem Dorf, es hat sich lediglich ein bisschen vergrößert.«

»Um ein paar Erdteile beiderseits des Indischen Ozeans«, frotzelte Hanna. »Verstehe.«

»Na und?« Nair grinste. »Wie ich schon sagte, Sie verwechseln da was.«

»Was denn?«

»Schauen Sie, es ist ganz einfach. Die Plattform, die wir da eben überflogen haben – so was beschäftigt mich im Herzen. An diesen Seilen hängt möglicherweise das Schicksal der gesamten Menschheit. Dieses Hotel hingegen fasziniert mich in etwa so, wie einen das Theater fasziniert. Es macht Spaß, also geht man von Zeit zu Zeit hin. Nur dass die meisten Menschen, kaum dass sie zu Geld gelangen, zu glauben beginnen, das Theater sei das wahre Leben. Am liebsten würden sie auf der Bühne wohnen, sich jeden Tag aufs Neue verkleiden, eine Rolle spielen. Da fällt mir ein, kennen Sie eigentlich den Witz von dem Psychologen, der einen Löwen fangen will?«

»Nein.«

»Also, wie fängt ein Psychologe einen Löwen?«

»Keine Ahnung.«

»Ganz einfach. Er geht in die Wüste, stellt einen Käfig auf, setzt sich hinein und beschließt, drinnen sei draußen.«

Hanna grinste. Nair schüttelte sich vor Lachen.

»Verstehen Sie, so was liegt mir nicht, war nie mein Ding. Ich will in keinem Käfig sitzen und auf keiner Bühne wohnen. Trotzdem werde ich die nächsten zwei Wochen genießen, darauf können Sie wetten. Bevor es morgen losgeht, werde ich da unten eine Partie Golf spielen und es lieben! Aber nach den vierzehn Tagen gehe ich wieder nach Hause, wo man über einen Witz lacht, weil er gut ist, und nicht, weil ihn ein Reicher erzählt. Ich werde essen, was mir schmeckt, und nicht, was teuer ist. Ich werde mich mit Menschen unterhalten, weil ich sie mag, nicht, weil sie prominent sind. Viele dieser Menschen haben nicht das Geld, in meine Restaurants zu gehen, also gehe ich in ihre.«

»Kapiert«, sagte Hanna.

Nair rieb seine Nase. »Auf die Gefahr hin, Sie zu deprimieren – von Ihnen weiß ich eigentlich gar nichts.«

»Weil du den ganzen Flug über von dir geredet hast«, bemerkte Sushma tadelnd.

»Habe ich das? Sie müssen mein Mitteilungsbedürfnis entschuldigen.«

»Schon in Ordnung.« Hanna winkte ab. »Über mich gibt es nicht so viel zu erzählen. Ich arbeite eher im Stillen.«

»Investment?«

»Genau.«

»Interessant.« Nair schürzte die Lippen. »Welche Branchen?«

»Hauptsächlich Energie. Und ein bisschen was von allem.« Hanna zögerte. »Es wird Sie vielleicht interessieren, dass ich in Neu-Delhi geboren bin.«

Der Hubschrauber sank dem Heliport entgegen. Die Landefläche bot Platz für drei Maschinen seiner Größe und war mit einem fluoreszierenden Symbol gekennzeichnet, einem silbrigen O, um das ein stilisierter, orangefarbener Mond kreiste: das Firmenlogo von ORLEY ENTERPRISES. Am Rand des Heliports erkannte Hanna einheitlich gekleidete Menschen, um Reisende und Gepäck in Empfang zu nehmen. Eine schlanke Frau in einem hellen Hosenanzug löste sich von der Gruppe. Der Wind der Rotorblätter zerrte an ihrer Kleidung, ihr Haar schimmerte in der Sonne.

»Sie kommen aus Neu-Delhi?« Sushma Nair, sichtlich angetan von Hannas unerwarteter Eröffnung, rückte näher heran. »Wie lange haben Sie denn da gelebt?«

Sacht setzte die Maschine auf. Die Tür schwang zur Seite, eine Trittleiter entfaltete sich.

»Unterhalten wir uns am Pool darüber«, vertröstete sie Hanna, ließ beiden den Vortritt und folgte ihnen ohne große Eile. Nairs Lächeln gewann an Zahnschmelz. Er strahlte die Wartenden an, die Umgebung und das Leben, sog Inselluft in seine Nüstern, sagte »Ah!« und »Unglaublich!«. Kaum dass er der Frau im Hosenanzug ansichtig wurde, begann er, die Anlage in den höchsten Tönen zu lobpreisen. Sushma mischte indifferente Laute des Wohlgefallens mit hinein. Die schlanke Frau bedankte sich. Nair redete weiter, ohne Unterlass. Wie wunderbar alles sei. Wie gelungen. Hanna übte sich in Geduld, während er ihre Erscheinung auf sich wirken ließ. Ende dreißig, das aschblonde Haar zum Helm hochgesteckt, gepflegt und zugleich von jener natürlichen Anmut, die sich ihrer selbst nie ganz bewusst ist, hätte sie die Venusfalle in jedem Werbefilm für ein Kreditinstitut oder eine Kosmetikserie abgeben können. Tatsächlich leitete sie ORLEY TRAVEL, Orleys Touristik-Ableger, was sie zur zweitwichtigsten Person im größten Wirtschaftsimperium der Welt machte.

»Carl.« Sie lächelte und reichte ihm die Hand. Hanna sah in meerblaue Augen, unwirklich intensiv, die Iris dunkel umrandet. Die Augen ihres Vaters. »Schön, dass Sie unser Gast sind!«

»Danke für die Einladung.« Er erwiderte ihren Händedruck und senkte die Stimme: »Wissen Sie, ich hatte ein paar nette Bemerkungen über das Hotel vorbereitet, aber ich fürchte, mein Vorgänger hat mein ganzes Pulver in seiner eigenen Flinte verschossen.«

»Haha! Ha!« Nair schlug ihm auf die Schulter. »Tut mir leid, mein Freund, aber wir haben Bollywood! Gegen so viel Poesie und Pathos werden Sie mit Ihrem kanadischen Zedernholzcharme nie ankommen.«

»Hören Sie nicht auf ihn«, sagte Lynn, ohne den Blick abzuwenden. »Ich bin durchaus empfänglich für kanadischen Charme. Auch für die wortlose Variante.«

»Dann will ich mich mal nicht entmutigen lassen«, versprach Hanna.

»Alles andere würde ich Ihnen verübeln.«

Um sie herum waren dienstbare Geister damit befasst, Berge abgewetzt aussehender Gepäckstücke auszuladen. Hanna vermutete, dass sie den Nairs gehörten. Solide gearbeitetes, seit alttestamentarischen Zeiten in Gebrauch befindliches Zeug. Er selbst hatte nur einen kleinen Koffer und eine Reisetasche mitgenommen.

»Kommen Sie«, sagte Lynn herzlich. »Ich zeige Ihnen die Zimmer.«

 

Tim sah seine Schwester von der Terrasse aus mit einem indisch aussehenden Paar und einem athletisch proportionierten Mann den Heliport verlassen und zum Rezeptionsgebäude gehen. Er und Amber bewohnten ein Eckzimmer im fünften Stock, von wo sich ein perfekter Panoramablick bot. In einiger Entfernung leuchtete die Plattform in der Sonne, zu der sie am folgenden Morgen übersetzen würden. Ein weiterer Helikopter näherte sich der Insel, das Knattern der Rotoren eilte ihm voraus.

Er legte den Kopf in den Nacken.

Ein Tag von seltener, kristallener Klarheit.

Der Himmel spannte sich als tiefblaue Kuppel über das Meer. Wie zur Verzierung oder als Orientierungshilfe hing eine einzige, ausgefranste Wolke darin, scheinbar reglos. Tim musste an einen alten Film denken, den er vor Jahren gesehen hatte, eine Tragikomödie, in der ein Mann in einer Kleinstadt aufwuchs, ohne sie je verlassen zu haben. Er war dort zur Schule gegangen, hatte geheiratet, einen Job angenommen, traf sich mit Freunden, die er von Kindesbeinen an kannte – und dann, mit Mitte 30, machte er die Entdeckung, dass er der unfreiwillige Star einer Fernsehshow und die Stadt eine einzige, kolossale Fälschung war, vollgestopft mit Kameras, falschen Wänden und Bühnenlicht. Alle Einwohner außer ihm waren Schauspieler mit Verträgen auf Lebenszeit, auf seine Lebenszeit natürlich, und konsequenterweise erwies sich der Himmel als blau angemalte, riesige Kuppel.

Tim Orley kniff ein Auge zusammen und hielt den rechten Zeigefinger so in die Höhe, dass die Spitze den unteren Rand der Wolke zu berühren schien. Sie balancierte darauf wie ein Wattebausch.

»Willst du was trinken?«, rief Amber von drinnen.

Er antwortete nicht, sondern umspannte sein Handgelenk mit der Linken und versuchte, den Finger so ruhig wie möglich zu halten. Zuerst tat sich gar nichts. Dann, unendlich langsam, verschob sich die winzige Wolke Richtung Osten.

»Die Bar ist vollgepackt bis an den Rand. Ich nehm’ ein Bitter Lemon. Was willst du?«

Sie bewegte sich. Sie würde weiterziehen. Aus unerfindlichen Gründen trug es zu Tims Beruhigung bei, dass die Wolke da oben nicht angenagelt oder aufgemalt war.

»Was?«, fragte er.

»Ich fragte, was du trinken möchtest.«

»Ja.«

»Also was?«

»Keine Ahnung.«

»Meine Güte. Ich schau mal, ob sie’s haben.«

Er widmete sich wieder Lynn. Amber kam zu ihm auf die Terrasse und ließ verführerisch eine geöffnete Flasche Coca-Cola zwischen Daumen und Zeigefinger hin und her schwingen. Tim nahm sie mechanisch in Empfang, setzte sie an die Lippen und trank, ohne zu registrieren, was er in sich hineinschüttete. Seine Frau beobachtete ihn. Dann richtete sie den Blick nach unten, wo Tims Schwester samt ihrer kleinen Gefolgschaft soeben in der Rezeption verschwand.

»Ach so«, stellte sie fest.

Er schwieg.

»Du machst dir immer noch Sorgen?«

»Kennst mich doch.«

»Wozu? Lynn sieht gut aus.« Amber lehnte sich gegen das Geländer und nuckelte geräuschvoll an ihrer Limonade. »Sehr gut sogar, wenn du mich fragst.«

»Das ist es ja, was mir Sorgen macht.«

»Dass sie gut aussieht?«

»Du weißt genau, was ich meine. Sie versucht schon wieder, perfekter als perfekt zu sein.«

»Ach, Tim –«

»Du hast sie doch vorhin erlebt, oder?«

»Ich hab vor allen Dingen erlebt, dass sie hier alles im Griff hat.«

»Alles hier hat Lynn im Griff!«

»Schön, was soll sie deiner Meinung nach tun? Julian hat einen Haufen stinkreicher Exzentriker eingeladen, um die sie sich kümmern muss. Er hat ihnen zwei Wochen in den exklusivsten Hotels aller Zeiten versprochen, und für alle ist Lynn nun mal verantwortlich. Soll sie anfangen zu schludern, muffig und unfrisiert durch die Gegend laufen, ihre Gäste vernachlässigen, nur der Einsicht halber, dass sie ein Mensch ist?«

»Natürlich nicht.«

»Das hier ist ein Zirkus, Tim! Sie ist die Direktorin. Sie muss perfekt sein, andernfalls fressen sie die Löwen.«

»Das weiß ich«, sagte Tim ungeduldig. »Darum geht es nicht. Ich bemerke nur wieder dieses Gehetzte an ihr.«

»Sie schien mir nicht sonderlich gehetzt.«

»Weil sie dich täuscht. Weil sie jeden täuscht. Du weißt doch, wie gut ihr Außenministerium funktioniert.«

»Entschuldige, aber kann es sein, dass du das alles ein bisschen dramatisierst?«

»Ich dramatisiere gar nichts. Wirklich nicht. Ob es eine brillante Idee war, den ganzen Blödsinn hier überhaupt mitzumachen, sei dahingestellt, aber gut, nicht zu ändern. Du und Julian, ihr habt –«

»He!« In Ambers Augen blitzte es warnend auf. »Sag nicht wieder, wir hätten dich breitgeschlagen.«

»Was denn sonst?«

»Niemand hat dich breitgeschlagen.«

»Also, bitte! Ihr habt höllisch insistiert.«

»Und? Wie alt bist du? Fünf? Wenn du partout nicht gewollt hättest –«

»Ich wollte auch nicht. Ich bin Lynn zuliebe hier.« Tim seufzte und fuhr sich über die Augen. »Okay, okay! Sie sieht fantastisch aus! Sie scheint stabil zu sein. Trotzdem.«

»Tim. Sie hat dieses Hotel gebaut!«

»Klar.« Er nickte. »Schon klar. Und es ist super! Ehrlich.«

»Ich nehm dich ernst. Ich will nur nicht, dass du Lynn vorschiebst, weil du’s mit deinem Vater nicht auf die Reihe kriegst.«

Tim schmeckte die Bitterkeit der Kränkung. Er wandte sich zu ihr um und schüttelte den Kopf.

»Das ist unfair«, sagte er leise.

Amber drehte ihre Limonadenflasche zwischen den Fingern. Eine Weile herrschte Schweigen. Dann legte sie die Arme um seinen Nacken und gab ihm einen Kuss.

»Entschuldige.«

»Schon gut.«

»Hast du noch mal mit Julian darüber gesprochen?«

»Ja, und dreimal darfst du raten. Er besteht darauf, es ginge ihr prächtig. Du sagst, sie sähe aus wie das blühende Leben. Also bin ich der Idiot.«

»Natürlich bist du das. Der liebenswerteste Idiot, der je genervt hat.«

Tim grinste schief. Er drückte Amber an sich, doch sein Blick war über die Brüstung gerichtet. Der Hubschrauber, der den Athleten und das indische Paar hergebracht hatte, zog wummernd aufs offene Meer hinaus. Dafür stand die nächste Maschine über dem Heliport und setzte zur Landung an. Unten verließ Lynn die Rezeption, um die neuen Gäste in Empfang zu nehmen. Tims Augen schweiften über das abschüssige Gelände zwischen Hotel und Klippen, den verwaisten Golfplatz, folgten dem Weg hinunter zum Küstenpfad. Verwerfungen und Schluchten hatten den Bau mehrerer kleiner Brücken erforderlich gemacht, mit dem Ergebnis, dass man die komplette Ostseite der Isla de las Estrellas bequem erwandern konnte. Er sah jemanden den Pfad entlangschlendern. Aus der Gegenrichtung spurtete eine schmale Gestalt heran, deren Körper hell in der Sonne schimmerte.

Hell wie Elfenbein.

 

Finn O’Keefe sah sie und blieb stehen. Die Frau lief ein sportliches Tempo. Sie war eine eigenartige Erscheinung, mit gertenschlanken Gliedmaßen, fast an der Grenze zur Anorexie, doch wohlgeformt. Ihre Haut war schneeweiß, ebenso ihre langen, fliegenden Haare. Sie trug einen knapp geschnittenen, perlmuttfarbenen Badeanzug, gleichfarbene Turnschuhe und bewegte sich mit der Geschmeidigkeit einer Gazelle. Jemand, der auf Titelseiten gehörte.

»Hallo«, sagte er.

Die Frau stoppte ihren Lauf und kam mit federnden Schritten näher.

»Hi! Und wer bist du?«

»Finn.«

»Ach, richtig. Finn O’Keefe. Auf der Leinwand siehst du irgendwie anders aus.«

»Ich sehe immer irgendwie anders aus.«

Er streckte ihr die Hand entgegen. Ihre Finger, lang und feingliedrig, drückten überraschend fest zu. Jetzt, da sie dicht vor ihm stand, konnte er sehen, dass ihre Augenbrauen und Wimpern vom gleichen schimmernden Weiß waren wie ihre Haare, während die Iris ins Violette ging. Unter der schmalen, geraden Nase wölbte sich ein sinnlich geschwungener Mund mit fast farblosen Lippen. Auf Finn O’Keefe wirkte sie wie ein attraktives Alien, dessen straffe Haut hier und da zu knittern begann. Er schätzte, dass sie die vierzig knapp überschritten hatte.

»Und wer sind Sie – bist du?«

»Heidrun«, sagte sie. »Gehörst du auch zur Reisegruppe?«

Ihr Englisch klang, als würde es durch schartige Gänge getrieben. Er versuchte, ihren Akzent einzuordnen. Deutsche sprachen meist eine Art Sägezahnenglisch, das der Skandinavier war weich und melodiös. Heidrun, beschloss er, war weder Deutsche noch Dänin oder Schwedin.

»Ja«, sagte er. »Ich bin dabei.«

»Und? Schiss?«

Er lachte. Sie schien nicht im Geringsten beeindruckt, ihn hier anzutreffen. Der strapaziösen Bewunderung unzähliger Frauen ausgesetzt, die ihren Gatten lieber im Garten oder auf Dienstreise und ihn dafür in ihrem Bett gesehen hätten, von den Männern, die ihn liebten, ganz zu schweigen, war er eigentlich unentwegt auf der Flucht.

»Offen gestanden, schon. Ein bisschen.«

»Egal. Ich auch.«

Sie strich sich die schweißnasse Mähne aus der Stirn, wandte sich um, spreizte Daumen und Zeigefinger beider Hände zu rechten Winkeln, führte die Spitzen zusammen und betrachtete die Plattform im Meer durch den so geschaffenen Rahmen. Nur wenn man sehr genau hinschaute, erkannte man den senkrechten, schwarzen Strich.

»Und was will er von dir?«, fragte sie unvermittelt.

»Wer?«

»Julian Orley.« Heidrun ließ die Hände sinken und richtete ihren violetten Blick auf ihn. »Er will doch was von jedem von uns.«

»Ach ja?«

»Tu nicht so. Andernfalls wären wir kaum hier, oder?«

»Hm.«

»Bist du reich?«

»Geht so.«

»Blöde Frage, Mann, du musst reich sein! Du bist der Gagenkönig, stimmt’s? Wenn du nicht alles verjuxt hast, dürftest du einige hundert Millionen Dollar wert sein.« Sie legte neugierig den Kopf schief. »Und? Bist du’s?«

»Und du?«

»Ich?« Heidrun lachte. »Vergiss es. Ich bin Fotografin. Von dem, was ich besitze, könnte er nicht mal die Plattform neu streichen lassen. Sagen wir, er nimmt mich in Kauf. Ihm geht’s um Walo.«

»Und wer ist das wieder?«

»Walo?« Sie zeigte hoch zum Hotel. »Mein Mann. Walo Ögi.«

»Sagt mir nichts.«

»Wundert mich nicht. Künstler sind unfähig, über Geld nachzudenken, und er tut nichts anderes.« Sie lächelte. »Allerdings hat er eine Menge guter Ideen, wie man es wieder ausgeben kann. Du wirst ihn mögen. Weißt du, wer außerdem noch hier ist?«

»Wer denn?«

»Evelyn Chambers.« Heidruns Lächeln bekam etwas Maliziöses. »Schätze, sie wird dich ganz schön durch die Mangel drehen. Hier kannst du ja noch vor ihr weglaufen, aber da oben –«

»Ich hab kein Problem, mit ihr zu sprechen.«

»Wetten, du hast eines?«

Heidrun drehte ihm den Rücken zu und begann den Pfad zum Hotel hinaufzusteigen. O’Keefe kam ihr nach. Tatsächlich hatte er ein sauriergroßes Problem, mit Evelyn Chambers zu sprechen, Amerikas Talklady Nummer eins. Er verabscheute Talkshows wie kaum etwas anderes auf der Welt. Schon ein Dutzend Mal, vielleicht auch öfter, hatte sie ihn zu Chambers eingeladen, ihrem quotengewaltigen Seelenstriptease, der Millionen sozial depravierter Amerikaner allfreitagabendlich vor den Bildschirmen versammelte. Jedes Mal hatte er abgesagt. Hier nun, ohne Gitter dazwischen, wäre er das Filetsteak und sie die Löwin.

Schauderhaft!

Sie passierten den Golfplatz.

»Du bist ein Albino«, sagte er.

»Schlauer Finn.«

»Keine Angst, zu verbrennen? Wegen – wie nennt man das –«

»Meiner ausgeprägten Melaninstörung und meiner lichtempfindlichen Augen«, leierte sie die Antwort herunter. »Nö, kein Problem. Ich trage stark filternde Kontaktlinsen.«

»Und deine Haut?«

»Wie schmeichelhaft«, spottete sie. »Finn O’Keefe interessiert sich für meine Haut.«

»Blödsinn. Es interessiert mich wirklich.«

»Natürlich ist sie völlig unterpigmentiert. Ohne Sonnenschutzmittel würde ich in Flammen aufgehen. Also benutze ich Moving Mirrors.«

»Moving Mirrors?«

»Ein Gel, versetzt mit Nanospiegeln, die sich je nach Sonnenstand ausrichten. Ein paar Stunden kann ich mich damit im Freien aufhalten, aber es sollte natürlich nicht zur Gewohnheit werden. – Was ist, Sportsfreund, gehen wir schwimmen?«

 

Nachdem sie den Tag vornehmlich damit verbracht hatte, Gäste vom Heliport zum Hotel zu geleiten und den Weg dorthin zurückzugehen, um die Ankunft des nächsten Hubschraubers abzuwarten, hin und her, her und hin, wunderte sich Lynn Orley eigentlich nur noch, nicht längst eine Furche in den Boden gelaufen zu haben.

Natürlich hatte sie zwischendurch etliches mehr getan. Andrew Norrington, stellvertretender Sicherheitschef von ORLEY ENTERPRISES, hatte die Isla de las Estrellas in eine Hochsicherheitszone verwandelt, dass man sich im Hotel California wähnte: You can check out any time you like, but you can never leave! Lynns Vorstellungen von Sicherheit umfassten Schutz, nicht aber dessen Zurschaustellung, während Norrington argumentierte, die Security könne sich nicht wie Heinzelmännchen in den Büschen verstecken. Sie führte ins Feld, es sei schwierig genug gewesen, den Anreisenden die Omnipräsenz ihres eigenen Begleitschutzes auszureden, verwies auf Oleg Rogaschow, der nur widerwillig sein halbes Dutzend Schlagetots zu Hause gelassen habe, mit dem er üblicherweise anzurücken pflegte, und dass sich die Hälfte des Service-Personals schon jetzt aus Scharfschützen rekrutiere. Niemand wolle beim Joggen oder Golfen unentwegt auf finstere Gestalten stoßen, die den Ernstfall praktisch auf der Stirn stehen hatten. Im Übrigen hege sie große Sympathie für Waffen tragende Heinzelmännchen, die auf einen achtgaben, ohne dass man ständig über sie stolperte.

Nach zähem Ringen hatte Norrington seine Brigaden schließlich umformiert und Wege gefunden, sie der Umgebung anzupassen. Lynn wusste, dass sie ihm das Leben schwer machte, aber damit musste er zurechtkommen. Norrington war exzellent in seinem Job, hoch organisiert und verlässlich, allerdings auch Opfer jener infektiösen Paranoia, die früher oder später alle Personenschützer erfasste.

»Interessant«, sagte sie.

Neben ihr schnaubte Locatelli wie ein Pferd.

»Ja, aber sie wollten den Preis drücken! Mann, da bin ich ausgerastet. Ich hab gesagt, Moment. Moooment! Wisst ihr eigentlich, mit wem ihr es zu tun habt? Ihr Stricher! Ihr Affenhirne! Ich bin nicht vom Baum gestiegen, klar? Mich lockt man nicht mit Bananen aus dem Urwald. Entweder ihr spielt nach meinen Regeln oder ich werde –«

Und so weiter und so fort.

Lynn nickte empathisch, während sie die Neuankömmlinge zur Rezeption begleitete. Warren Locatelli war ein solches Arschloch! Und Momoka Omura erst, die blöde Schlampe an seiner Seite, keinen Deut besser. Doch solange Julian Wert darauf legte, würde sie auch einem sprechenden Mistkäfer Aufmerksamkeit zollen. Man musste ihn ja nicht zwangsläufig verstehen, um Konversation mit ihm zu treiben. Es reichte, auf Tonlage, Sprechtempo und begleitende Laute wie Grunzen, Knurren oder Lachen zu reagieren. Zerschäumte der Wortschwall, der auf einen herniederging, in Heiterkeit, stimmte man ein ins Gelächter. Prasselte er entrüstet, war man mit einem »Nicht zu fassen!« oder »Nein, wirklich?« immer auf der sicheren Seite. Erforderte die Situation kontextuelles Verstehen, hörte man eben zu. Verarschen war legitim, man durfte sich bloß nicht erwischen lassen.

In Locatellis Fall reichte der Autopilot. Sofern er nicht über Fachliches sprach, thematisierte er den Tatbestand seiner Großartigkeit, und dass alle anderen Wichser waren. Oder Stricher und Affenhirne. Je nachdem.

Wer sollte als Nächstes eintreffen?

Chuck und Aileen Donoghue.

Chucky, der Hotelmogul. Der war okay, auch wenn er entsetzliche Witze erzählte. Aileen würde wahrscheinlich sofort in die Küche rennen, um nachzusehen, ob sie das Fleisch dick genug schnitten.

Aileen: »Chucky mag dicke Steaks! Dick müssen sie sein.«

Chucky: »Ja, dick! Was Europäer unter Steaks verstehen, sind gar keine. Hey, wissen Sie, wie ich europäische Steaks nenne? Wollen Sie’s wissen? Na? – Carpaccio!«

Dennoch, Chuck war in Ordnung.

Zu Lynns Bedauern verkörperte Locatelli auf Julians Schachbrett die Dame, mindestens aber einen Turm. Ihm war gelungen, was Generationen von Physikern zuvor hatte verzweifeln lassen, nämlich Solarzellen zu entwickeln, die über 60 Prozent des Sonnenlichts in Elektrizität umwandelten. Damit, und weil er zugleich ein brillanter Geschäftsmann war, hatte Locatellis Unternehmen LIGHTYEARS die Marktführerschaft auf dem Solarsektor übernommen und seinen Besitzer so reich gemacht, dass Forbes ihn unter den Milliardären der Welt auf Platz fünf führte. Momoka Omura stolzierte gelangweilt neben ihnen her, ließ ihren Blick über die Anlage schweifen und sonderte ein huldvolles »Nett« ab. Lynn stellte sich vor, ihr mit geballter Faust zwischen die Augen zu hauen, hakte sich bei ihr unter und machte ein Kompliment über ihre Haare.

»Ich wusste, dass sie dir gefallen würden«, erwiderte Omura mit hauchfeinem Lächeln.

Nein, es sieht lausig aus, dachte Lynn. Total daneben.

»Schön, dass ihr da seid«, sagte sie.

 

Zur gleichen Zeit sonnte sich Evelyn Chambers auf ihrer Terrasse im sechsten Stock, bemühte ihre Russischkenntnisse und sperrte die Ohren auf. Sie war der Seismograf der besseren Gesellschaft. Jedes noch so kleine Beben wurde auf ihrer persönlichen Richterskala in Nachrichtenwerte umgesetzt, und soeben bebte es ganz gewaltig.

Nebenan logierten die Rogaschows. Die Terrassen waren durch schallschluckende Sichtblenden gegeneinander abgegrenzt, dennoch vernahm sie Olympiada Rogaschowas atemloses Schluchzen, das mal näher, mal weiter weg erklang. Offenbar tigerte sie auf dem Sonnendeck hin und her, mit einem randvollen Drink in der Hand, wie gewohnt.

»Warum?«, heulte sie. »Warum schon wieder?«

Oleg Rogaschows Antwort kam dumpf und unverständlich aus dem Zimmerinneren. Was immer er gesagt hatte, ließ Olympiada in einem pyroklastischen Ausbruch explodieren.

»Du Mistkerl!«, schrie sie. »Vor meinen Augen!« Erstickte Laute, Schnappatmung. »Du hast dir nicht mal die Mühe gemacht, es heimlich zu tun!«

Rogaschow trat nach draußen.

»Du willst, dass ich Heimlichkeiten habe? In Ordnung.«

Seine Stimme war ruhig, desinteressiert und geeignet, die Umgebungstemperatur um einige Grade herabzusetzen. Chambers sah ihn vor sich. Einen mittelgroßen, unauffälligen Mann mit hellblondem, schütteren Haar und einem Fuchsgesicht, in dem die Augen ruhten wie eisige, kleine Bergseen. Chambers hatte Oleg Alexejewitsch Rogaschow im vergangenen Jahr interviewt, kurz nachdem er die Aktienmehrheit des Daimler-Konzerns erworben hatte, und einen höflichen, leisen Unternehmer kennengelernt, der bereitwillig auf alle Fragen antwortete und dabei so undurchdringlich wirkte wie eine Panzerplatte.

Sie rekapitulierte, was sie über Rogaschow wusste. Sein Vater hatte einen sowjetischen Stahlkonzern geleitet, der als Folge der Perestroika privatisiert worden war. Das damals übliche Modell sah vor, an die Arbeiter Voucher-Anteilscheine auszugeben. Vorübergehend hatte der vielzellige Organismus des Proletariats das Kommando übernommen, nur dass Anteile an einem Stahlwerk keine Familien durch den Winter brachten. Die meisten Arbeiter waren darum schnell bereit gewesen, ihre Scheine zu Geld zu machen, indem sie sie an Finanzgesellschaften oder ihre Vorgesetzten veräußerten, wofür sie nach dem Friss-oder-stirb-Prinzip eben mal einen Bruchteil des tatsächlichen Werts erhielten. Nach und nach waren so die ehemaligen Staatsbetriebe der auseinandergebrochenen Sowjetunion in die Hände von Investmentfirmen und Spekulanten gefallen. Auch der alte Rogaschow hatte zugelangt und genug Anteilscheine seiner Arbeiter aufgekauft, dass es reichte, den Konzern an sich zu reißen, womit er in die Schusslinie eines konkurrierenden Mafia-Clans geriet, unglücklicherweise im durchschlagenden Sinne des Wortes: Zwei Kugeln trafen ihn in die Brust, eine dritte bohrte sich ins Hirn. Die vierte war für seinen Sohn bestimmt gewesen, verfehlte diesen jedoch. Oleg, bis dahin eher den studentischen Zerstreuungen zugetan, hatte sein Studium umgehend abgebrochen und sich mit einem regierungsnahen Clan gegen die Mörder verbündet, was in einer nicht näher dokumentierten Schießerei gipfelte. Nachweislich hielt sich Oleg zu dieser Zeit im Ausland auf, war nach seiner Rückkehr jedoch plötzlich Vorstandsvorsitzender und gern gesehener Gast im Kreml.

Er hatte einfach auf die richtigen Leute gesetzt.

In den Folgejahren ging Rogaschow daran, den Konzern zu modernisieren, strich hohe Gewinne ein und schluckte nacheinander einen deutschen und einen englischen Stahlriesen. Er investierte in Aluminium, schloss Verträge mit der Regierung über den Ausbau des russischen Eisenbahnnetzes ab, erwarb Beteiligungen an europäischen und asiatischen Automobilkonzernen und machte ein Vermögen im rohstoffhungrigen China. Dabei war er peinlich darauf bedacht, die Interessen der Machthabenden in Moskau zu berücksichtigen. Zum Dank schien Sonne auf sein Haupt. Wladimir Putin versicherte ihn seiner Wertschätzung, Dmitri Medwedjew holte ihn als Berater an seinen Tisch. Als 2018 der Weltmarktführer ARCELORMittal in die Krise geriet, übernahm Rogaschow den angeschlagenen Stahlgiganten und setzte sich mit ROGAMITTAL an die Spitze seiner Branche.

Etwa zu dieser Zeit hatte Maxim Ginsburg, Medwedjews Nachfolger, die ohnehin erodierenden Grenzen zwischen Privatwirtschaft und Politik so nachhaltig aufgelöst, dass ihn die Presse zum »CEO der Russland AG« kürte. Rogaschow huldigte Ginsburg auf seine Weise. Eines volltrunkenen Abends nämlich erwies sich, dass Ginsburg eine Tochter hatte, Olympiada, wortkarg und von überschaubarem Reiz, die der Präsident gern verheiratet gesehen hätte, möglichst mit vermögendem Hintergrund. Irgendwie war es Olympiada gelungen, ein Studium der Politik und Wirtschaftswissenschaften hinter sich zu bringen. Jetzt saß sie als Abgeordnete im Parlament, gab ihrer Vaterliebe in Abstimmungen Ausdruck und welkte dahin, ohne geblüht zu haben. Rogaschow tat Ginsburg den Gefallen. Die Verehelichung der Privatvermögen ging mit Pomp über die Bühne, nur dass Rogaschow in der Hochzeitsnacht das Bett mied und woanders war. Von da an war er eigentlich ständig woanders, auch, als Olympiada den einzigen gemeinsamen Sohn zur Welt brachte, der einer Privatschule anvertraut und fortan selten gesehen wurde. Ginsburgs Tochter vereinsamte. Mit der Begeisterung ihres Mannes für Kampfsport, Waffen und Fußball wusste sie nichts anzufangen, noch weniger mit seinen ständigen Affären. Sie beklagte sich bei ihrem Vater. Ginsburg dachte an die 56 Milliarden Dollar, die sein Schwiegersohn auf die Waage brachte, und riet Olympiada, sich einen Liebhaber zuzulegen. Das tat sie dann auch. Er hieß Jim Beam und hatte den Vorzug, da zu sein, wenn man ihn brauchte.

Wie wollte die arme Frau bloß die nächsten vierzehn Tage überstehen?

Evelyn Chambers räkelte ihren Latinakörper. Nicht schlecht für 45, dachte sie, alles noch straff, auch wenn hier und da die unvermeidliche Muskelverfettung einsetzte und Anzeichen von Zellulitis Hintern und Oberschenkel kräuselten. Sie blinzelte in die Sonne. Das Geschrei der Seevögel erfüllte die Luft. Erst jetzt fiel ihr auf, dass am ganzen Himmel nur eine einzige Wolke zu sehen war, als habe sie sich hierher verirrt, ein Wolkenkind. Es schien sehr hoch zu schweben, doch was war Höhe? Sie würde weit über den Punkt hinaus reisen, wo Wolken überdauerten.

Oben, unten. Alles eine Frage der Perspektive.

Im Geiste ging sie die Teilnehmer der Reisegesellschaft auf mediale Verwertbarkeit durch. Acht Paare und fünf Singles, außer ihr. Einige der Anwesenden würden ihre Teilnahme nicht eben begrüßen. Finn O’Keefe etwa, der sich Talkshows verweigerte. Oder die Donoghues: Erzrepublikaner, die wenig Geschmack daran fanden, dass Amerikas mächtige Talkqueen das demokratische Lager stützte. Zwar hatte Chambers’ einziger aktiver Abstecher in die Politik, 2018, als sie das Amt der Gouverneurin von New York anstrebte, triumphal begonnen und war im Desaster geendet, doch ihr Einfluss auf die öffentliche Meinung blieb ungebrochen.

Mukesh Nair? Auch einer, der ungern in Talkshows ging.

Warren Locatelli und seine japanische Frau hingegen besaßen durchaus Unterhaltungswert. Locatelli war eitel und ungehobelt, andererseits genial. Es existierte eine Biografie über ihn mit dem Titel Was, wenn Locatelli die Welt erschaffen hätte?, womit treffend zum Ausdruck kam, wie er sich selbst sah. Er segelte und hatte im vergangenen Jahr den America’s Cup gewonnen, doch seine wahre Begeisterung galt dem Rennsport. Omura war lange Zeit als Aktreuse in unverdaulichen Leinwandexperimenten in Erscheinung getreten, bevor ihr mit dem Kunstfilmdrama Schwarzer Lotus ein Achtungserfolg gelang. Sie war hochnäsig und – soweit Chambers es beurteilen konnte – bar jeder Empathie.

Wer noch? Walo Ögi, Schweizer Investor, Kunstsammler. Alle erdenklichen Beteiligungen von Immobilien, Versicherungen, Airlines und Automobilen über Pepsi Cola bis hin zu Tropenholz und Fertignahrung. Gerüchten zufolge plante er im Auftrag des monegassischen Fürsten ein zweites Monaco, doch interessanter schien Chambers Heidrun Ögi, seine dritte Frau, von der es hieß, sie habe ihr Fotografie-Studium als Stripperin und Darstellerin in Pornofilmen finanziert. Ebenfalls zur Gruppe gehörten Marc Edwards, dessen Popularität sich der Entwicklung von Quantenchips verdankte, die so winzig waren, dass sie mit einem einzigen Atom schalteten, und Mimi Parker, Schöpferin intelligenter Mode, deren Stoffe mit Edwards’ Chips verwoben waren. Spaßtypen, sportlich und sozial engagiert, mäßig spannend. Möglicherweise gaben die Tautous mehr her. Bernard Tautou hatte politische Ambitionen und verdiente Milliarden im Wassergeschäft, ein Thema, das mit schöner Regelmäßigkeit die Menschenrechtsorganisationen beschäftigte.

Das achte Paar schließlich kam aus Deutschland. Eva Borelius galt als ungekrönte Königin der Stammzellenforschung, ihre Lebensgefährtin, Karla Kramp, arbeitete als Chirurgin. Vorzeige-Lesben. Außerdem Miranda Winter, Ex-Model und quietschige Industriellenwitwe, sowie Rebecca Hsu, Taiwans Coco Chanel. Alle vier hatten schon bei Chambers ihr Inneres nach außen gekehrt, über Carl Hanna hingegen wusste sie nicht das Geringste.

Nachdenklich rieb sie ihren Bauch mit Sonnenöl ein.

Hanna war seltsam. Ein kanadischer Privatinvestor, 1981 als Sohn eines vermögenden britischen Diplomaten in Neu-Delhi geboren, im Alter von zehn Jahren mit seiner Familie nach British Columbia übergesiedelt, wo er später Wirtschaft studierte. Lehrjahre in Indien, Unfalltod seiner Eltern, Rückkehr nach Vancouver. Offenbar hatte er sein Erbe klug genug investiert, um nie wieder einen Finger krumm machen zu müssen, plante gerüchtehalber, in Indiens Raumfahrt zu investieren, und das war’s. Die Vita eines Spekulanten. Natürlich musste nicht jeder ein Fatzke sein wie Locatelli. Aber Donoghue zum Beispiel boxte. Rogaschow war in allen möglichen Kampfsportarten ausgebildet und hatte vor wenigen Jahren Bayern München gekauft. Edwards und Parker tauchten, Borelius ritt, Kramp spielte Schach, O’Keefe konnte auf eine skandalträchtige Drogenkarriere verweisen und hatte bei irischen Zigeunern gelebt. Jeder hatte etwas vorzuweisen, das ihn als Persönlichkeit aus Fleisch und Blut auswies.

Hanna besaß Yachten.

Ursprünglich hatte statt seiner Gerald Palstein mitfliegen sollen, Leiter der Stabsabteilung von EMCO, des drittgrößten Mineralölkonzerns der Welt. Ein Freigeist, der schon vor Jahren laut über das Ende des fossilen Zeitalters nachgedacht hatte. Ihn hätte Chambers gerne kennengelernt, doch Palstein war im Monat zuvor Zielscheibe eines Attentats und so stark verletzt worden, dass er seine Teilnahme hatte absagen müssen, und Hanna war nachgerückt.

Wer war der Kerl?

Chambers beschloss, es herauszufinden, schwang die Beine über die Liege und trat an die Brüstung ihrer Terrasse. Tief unter ihr glitzerte der riesige Pool des STELLAR ISLAND HOTELS. Einige planschten bereits im türkisfarbenen Wasser, soeben gesellten sich Heidrun Ögi und Finn O’Keefe hinzu. Chambers überlegte, ob sie zu ihnen hinuntergehen sollte, doch plötzlich überkam sie Übelkeit beim Gedanken an Konversation, und sie wandte sich ab.

Immer öfter passierte ihr das. Eine Talkqueen mit Talkallergie. Sie holte sich einen Drink und wartete darauf, dass der Anfall vorüberging.

 

O’Keefe folgte Heidrun zur Poolbar, wo ein stattlicher Mann um die 60 mit ausholenden Armbewegungen etwas erklärte. Er genoss die Aufmerksamkeit eines sportlich aussehenden Paars, das einträchtig zuhörte, wie aus einer Kehle lachte, simultan »Ach was!«, sagte und Ahnungen daran aufkommen ließ, welche Sorte Mensch Tandems kaufte.

»Es war natürlich drastisch«, sagte der ältere Mann und lachte. »Völlig überzogen. Und genau darum war es gut!«

Seine Züge hatten etwas furchig Erhabenes, kräftige, römische Nase, gemeißeltes Kinn. Das dunkle, von Silber durchsetzte Haar war drahtig nach hinten geölt, sein Schnurrbart korrespondierte gesträubt mit fingerdicken Augenbrauen.

»Was war überzogen?«, fragte Heidrun und gab ihm einen Kuss.

»Das Musical«, sagte der Mann und richtete seinen Blick auf O’Keefe. »Und wer ist das, mein Schatz?«

Er sprach im Gegensatz zu Heidrun ein gepflegtes, fast akzentfreies Englisch. Die Besonderheit lag darin, dass er mein Schatz auf Deutsch sagte. Heidrun stellte sich neben ihn und legte den Kopf an seine Schulter.

»Gehst du nie ins Kino?«, sagte sie. »Das ist Finn O’Keefe.«

»Finn – O’Keefe –« Auf der hohen Stirn fanden sich die Falten zu Fragezeichen. »Tut mir leid, aber –«

»Er hat Kurt Cobain gespielt.«

»Oh! Ah! Großartig! Toll, Sie kennenzulernen. Ich bin Walo. Heidrun hat alle Ihre Filme gesehen. Ich nicht, aber an Hyperactive erinnere ich mich. Unglaubliche Leistung!«