Lina - Rhea Alva Berger - E-Book

Lina E-Book

Rhea Alva Berger

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Beschreibung

Manchmal kostet Würde mehr, als man besitzt. Lina braucht Geld. Nicht für Luxus, sondern für das, was man nicht aufschieben kann: Familie, Verantwortung, Überleben. Luc Dubois hat Geld. Und Macht. Genug von beidem, um Menschen zu kaufen, ohne es so zu nennen. Als ein scheinbar harmloser Auftrag in Zug eskaliert, prallen zwei Welten aufeinander: die der Dienstleisterin, die gelernt hat, zu funktionieren – und die des Mannes, der glaubt, alles kontrollieren zu können. Ein falscher Fisch. Ein Paar billige Socken. Und ein Deal, der niemals fair war. Zwischen Penthouse und Provinz, Champagner und Discounter, beginnt ein Spiel aus Abhängigkeit, Trotz und gefährlicher Nähe. Lina weiß, dass sie benutzt wird. Luc weiß, dass er zu weit geht. Und beide wissen: Wer hier verliert, zahlt den höheren Preis. Ein Roman über Macht, Klassenunterschiede und den Moment, in dem man entscheidet, was man sich selbst noch wert ist. Schonungslos, gegenwärtig und unbequem nah.

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Seitenzahl: 190

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Lina

Ein New Adult Roman

Rhea Alva Berger

1. Auflage – © 2026

Kapitel 1: Lina

Es gibt Geräusche, die man an einem Dienstagmorgen nicht hören möchte. Ein Presslufthammer gehört dazu. Oder der Wecker. Aber ganz oben auf der Liste steht das nasale, rhythmische Schnarchen eines Mannes, dessen Namen man erst nach dem dritten Kaffee wieder sicher weiß.

Ich öffnete ein Auge. Das Zimmer war klein, roch nach abgestandenem Bier und einem Sport-Deo, das „Arctic Blast“ hieß, aber eher nach chemischer Reinigung roch. Neben mir lag… Kevin. Oder war es Kev? Er hatte mir gestern im Pickwick erzählt, er sei „im Vertrieb“.

Ich starrte an die Raufasertapete. Warum ich hier lag, wusste ich genau. Gefallen hat es mir trotzdem nicht.

Die Antwort war simpel: Einsamkeit, ein leerer Kühlschrank und drei Gläser Weisswein auf nüchternen Magen. Die Nacht war keine Geschichte für später. Sie war eine, die man sofort vergisst. Eher die Art, die man ganz tief im Gedächtnis vergräbt, direkt neben dem Trauma vom Völkerball in der vierten Klasse.

Kevin war enthusiastisch gewesen. Viel zu enthusiastisch. Er war gründlich. Und vollkommen abwesend. Es hatte fünf Minuten gedauert, und danach hatte er mich gefragt: „War gut für dich, oder?“

Ich hatte genickt. Weil ich müde war. Und weil ich wusste, dass Diskussionen mit Männern, die Socken im Bett tragen, Zeitverschwendung sind.

Jetzt drehte er sich im Schlaf um und warf einen Arm über meine Brust. Er war schwer und schwitzig. Vorsichtig, wie eine Bombenentschärferin, hob ich seinen Arm an und rutschte unter der Decke hervor. Ich suchte meine Kleidung. Mein BH hing über der Türklinke. Meine Jeans lagen neben einem Stapel Men's Health-Magazine.

Ich zog mich im Halbdunkel an, tanzte auf einem Bein, um in meine Hose zu kommen, und betete, dass er nicht aufwachte. Ich wollte kein Frühstück. Ich wollte kein „Wann sehen wir uns wieder?“. Ich wollte nur duschen und vergessen, dass ich existiere.

„Gehst du schon?“, murmelte eine verschlafene Stimme vom Bett her. Verdammt. Ich erstarrte, den zweiten Stiefel in der Hand. „Ja“, flüsterte ich. „Arbeit. Du weißt schon. Das Bruttosozialprodukt steigert sich nicht von selbst.“

Kevin blinzelte und richtete sich auf. Die Bettdecke rutschte runter. Ein Anblick, der gestern Abend im schummrigen Bar-Licht okay gewirkt hatte, bei Tageslicht aber eher Mitleid erregte. „Ich dachte, wir könnten noch frühstücken. Ich hab Müsli.“ „Ich bin allergisch“, log ich sofort. „Gegen Müsli. Und gegen Milch. Und gegen Tageslicht vor acht Uhr.“

Ich griff meine Tasche und war schon an der Tür. „War nett, Kevin. Wirklich.“ „Es ist Keanu“, sagte er beleidigt. „Richtig. Keanu. Tschüss.“

Ich schlüpfte aus der Wohnung, rannte das Treppenhaus hinunter und trat in die kalte Morgenluft von Wohlen. Ich fühlte mich schmutzig. Nicht nur körperlich. Ich fühlte mich leer. War das alles? War das mein Leben? Tagsüber reichen Leuten den Hintern pudern und nachts bei Männern wie Keanu liegen, nur um nicht allein zu sein?

Ich marschierte zum Bahnhof. Mein Kopf hämmerte. Mein Körper fühlte sich benutzt und unbefriedigt an. Ich brauchte Geld. Ich brauchte einen Ausweg. Aber vor allem brauchte ich jetzt einen verdammt starken Kaffee, bevor ich in den Zug nach Zug stieg.

Wenn man lange genug in Zug lebt – oder wie ich, jeden Tag hierher pendelt, um die Probleme von Leuten zu lösen, deren Uhren mehr kosten als meine Ausbildung –, lernt man eines: Geld hat einen Geruch. Es riecht nicht nach alten Münzen oder Papier, wie man meinen könnte. In Zürich, am Paradeplatz, riecht Geld nach kaltem Stein, teurem Parfüm und einer jahrhundertealten Arroganz, die in den Banktresoren vor sich hin staubt. Aber hier in Zug? Im „Crypto Valley“? Hier riecht Geld nach Ozon. Nach Neuwagenleder, das noch in der Sonne ausdünstet. Nach der statischen Aufladung von Serverfarmen und nach dem Angstschweiß von Männern, die wissen, dass sie nur einen falschen Mausklick vom Ruin entfernt sind.

Doch das ist nur die Oberfläche. Das wirkliche Geld in Zug, das alte Geld, riecht man gar nicht. Es sitzt nicht in Glastürmen, sondern im Kirchenchor von St. Michael oder im Verwaltungsrat der Korporation. Es ist leise, extrem vernetzt und trägt Fleecejacken statt Maßanzüge. Wer hier wirklich das Sagen hat, entscheidet das nicht im Boardroom, sondern beim Jassen am Mittwochabend. Und wer diese Regeln nicht kennt, hat schon verloren, bevor er überhaupt am Tisch sitzt.

Ich stieg aus der S-Bahn am Bahnhof Zug und zog den Kragen meiner Jacke höher. Es war ein typischer Dienstagmorgen im April. Der Himmel über dem Zugersee hatte die Farbe einer ungewaschenen Betonwand, und der Wind, der vom Wasser herüberwehte, war schneidend kalt. Mein Handy vibrierte in meiner Tasche. Ich musste nicht draufschauen, um zu wissen, wer es war. Expat Ease - Zentrale. Oder, wie ich sie nannte: Die Höllenzentrale. „Ja, Chefin?“, meldete ich mich, während ich mich durch die Menge aus Pendlern schob. Männer in blauen Anzügen mit Rucksäcken, Frauen in Business-Kostümen, die aussahen, als würden sie zum Frühstück Nägel kauen.

„Lina! Wo bist du?“ Sarahs Stimme klang, als hätte sie gerade drei Espresso intravenös bekommen. „Der Kunde im Skylight Tower dreht durch. Er sagt, der Fisch ist falsch.“ Ich blieb abrupt stehen, sodass ein Mann auf einem E-Scooter mir fast in die Hacken fuhr. Er fluchte auf Englisch und sauste davon. „Der Fisch?“, wiederholte ich. „Sarah, ich bin Junior Client Managerin, keine Meeresbiologin. Welcher Fisch?“ „Der Koi! Für das Feng-Shui-Aquarium im Foyer. Er wollte einen Tancho Kohaku mit einem perfekten roten Punkt auf der Stirn. Der Lieferant hat einen gebracht, dessen Punkt leicht oval ist. Oval, Lina! Der Mann sagt, das bringt sein Chi durcheinander und der Kobalt-Kurs wird abstürzen, wenn wir das nicht fixen.“

Ich schloss kurz die Augen und atmete tief durch die Nase ein. Mein Magen zog sich zusammen. Das Bild von Papas Händen, wie sie im Bettlaken nach Halt suchten, schob sich ungefragt vor alles andere. Denk an die 4‘500 Franken, die bis Ende des Monats fällig sind. „Okay“, sagte ich ruhig. „Wer ist der Kunde?“ „Luc Dubois. Der Neue aus Luxembourg. Penthouse A. Rohstoffhändler. Kategorie: Ultra High Net Worth und Ultra High Pain in the Ass. Er hat heute Abend ein Closing-Dinner. Wenn das nicht perfekt läuft, kündigt er den Vertrag mit uns. Und wenn er kündigt, Lina…“ „…dann kündigst du mir. Ich weiß.“ „Geh hin. Beruhige ihn. Tausch den Fisch. Oder mal ihn mit Lippenstift an, mir egal. Mach ihn einfach glücklich.“ Sarah legte auf.

Ich starrte auf das Display. Luc Dubois. Der Name klang schon wie ein schlechtes Parfüm. Ich hatte die Akte gestern Abend überflogen. 32 Jahre alt. Gründer von Aurum Resources. Spezialisiert auf seltene Erden. Hatte sein Büro direkt in seine Wohnung integriert, weil er „in Zeitzonen lebt, nicht in Räumen“, wie er in einem Interview mit dem Bilanz-Magazin großspurig verkündet hatte. Ich steckte das Handy weg und lief los. Mein Ziel war der Skylight Tower, ein gläserner Monolith, der sich am Rande der Stadt in den Himmel bohrte. Kalt, abweisend und viel zu hoch für die Umgebung.

Auf dem Weg dorthin kam ich an Schaufenstern vorbei, in denen Handtaschen lagen, die so viel kosteten wie ein Kleinwagen. Ich sah einen Tesla in Goldfolierung (wirklich, Gold), der im Halteverbot stand. Willkommen in Zug. Wo die Steuern so niedrig sind wie die Hemmschwellen und die Realität nur eine Option unter vielen ist.

Der Portier im Skylight Tower kannte mich. Er hieß Urs, war 60 Jahre alt und der einzige Mensch in diesem Gebäude, der wusste, wie man „Grüezi“ sagte, ohne dabei auf seine Apple Watch zu schauen. „Morgen, Lina“, brummte er und drückte den Knopf für den Aufzug. „Penthouse A? Viel Glück. Der Typ da oben schreit seit sieben Uhr morgens sein Telefon an. Man hört es bis in den Schacht.“ „Danke, Urs. Wenn ich in einer Stunde nicht zurück bin, sag meiner Katze, dass ich sie geliebt habe. Auch wenn ich gar keine Katze habe.“ Der Aufzug schoss nach oben. Meine Ohren knackten. Stockwerk 20. 21. 22. Penthouse Level. Die Türen glitten geräuschlos auf. Und sofort schlug mir das Chaos entgegen.

Es war keine Wohnung. Es war ein Schlachtfeld aus Designermöbeln und Hektik. Der Raum war riesig, offen, mit bodentiefen Fenstern, die einen Panoramablick über den See boten. Der Boden war aus poliertem Beton, die Möbel waren weiß, schwarz und chrom. In der Mitte des Raumes stand ein gigantischer schwarzer Flügel, auf dem sich Pizzaschachteln stapelten. Aber das war nicht das Problem. Das Problem war der Lärm. Drei Leute wuselten herum. Ein Mann installierte Lichttechnik. Eine Frau vom Catering polierte Gläser. Und mittendrin stand er.

Luc Dubois.

Er sah nicht aus wie auf dem Foto in der Bilanz. Auf dem Foto trug er Krawatte und lächelte dieses selbstgefällige Winner-Lächeln. Hier und jetzt trug er eine dunkelblaue Anzughose, ein weißes Hemd, dessen Ärmel hochgekrempelt waren, und keine Schuhe. Er lief auf Socken über den kalten Betonboden und brüllte in ein Headset. „Non! Non, merde! Ich habe gesagt, 50 Tonnen Lithium-Hydroxid, nicht Karbonat! Was soll ich mit Karbonat? Soll ich damit Kuchen backen? Fix das, Jean-Claude. Oder ich fliege nach Kinshasa und verfüttere dich an die Krokodile!“

Er riss sich das Headset vom Kopf und warf es auf das weiße Ledersofa. Es federte ab und landete auf dem Boden. Dann drehte er sich um und sah mich. Seine Augen waren dunkel, fast schwarz, und blitzten vor Adrenalin. Er hatte dunkles, leicht verwuscheltes Haar, das aussah, als wäre er gerade erst aufgestanden – oder als wäre er gar nicht erst ins Bett gegangen. Ein Dreitagebart schattierte sein kantiges Kinn. Er war attraktiv. Auf diese gefährliche, ruinöse Art, wie ein Sportwagen, der keine Bremsen hat.

„Wer bist du?“, bellte er, ohne Hallo, ohne Einleitung. „Lina“, sagte ich und trat in den Raum. Ich hielt meine Tasche fest umklammert. „Von Expat Ease. Ich bin hier wegen…“ „Dem Fisch!“, unterbrach er mich und raufte sich die Haare. Er stürmte auf mich zu, blieb aber einen Meter vor mir stehen. Er roch nach sehr teurem Espresso und Stress.

„Hast du ihn dabei? Sag mir, dass du ihn dabei hast. Den roten Punkt. Den perfekten Kreis.“ „Ich… äh… nein“, sagte ich wahrheitsgemäß. „Ich bin hier, um die Situation zu evaluieren.“ „Evaluieren?“, wiederholte er, als wäre das ein fremdes Wort. Er lachte kurz auf, ein hartes, humorloses Geräusch. „Ich brauche keine Evaluation, Mademoiselle. Ich brauche Lösungen. Heute Abend kommen die Investoren der Swiss Mining Group. Alte, konservative Schweizer, die denken, Krypto ist eine Hautkrankheit.

Wenn das Feng-Shui im Foyer nicht stimmt, wenn die Energie nicht fließt, unterschreiben die nicht. Weißt du, um wie viel Geld es geht?“ Er kam noch einen Schritt näher. Seine Intensität war fast körperlich spürbar. „Es geht um neunzig Millionen Franken. Und mein Chi wird gerade von einem ovalen Fisch ruiniert.“

Ich musste mich zusammenreißen, um nicht laut loszulachen. Neunzig Millionen. Und er machte sich Sorgen um einen Zierfisch. „Herr Dubois“, sagte ich ruhig – meine „Ich-beruhige-reiche-Irre“-Stimme, die ich über Jahre perfektioniert hatte. „Ich verstehe Ihre Sorge. Aber ich glaube nicht, dass Herr Hürlimann von der Mining Group seinen Vertrag davon abhängig macht, ob ein Fisch einen runden oder ovalen Fleck hat.

Herr Hürlimann achtet eher darauf, ob der Händedruck fest ist und der Wein stimmt.“ Luc starrte mich an. Er blinzelte. Für eine Sekunde schien er sprachlos. „Du kennst Hürlimann?“, fragte er misstrauisch. „Jeder in der Region kennt Hürlimann. Er ist Präsident vom Eishockey-Club. Er isst jeden Sonntag im Ochsen in Baar. Er hasst Schickimicki.“ Ich ließ meinen Blick demonstrativ durch das Penthouse schweifen, über die Chrom-Lampen und die Pizzaschachteln auf dem Flügel. „Wenn Sie ihn beeindrucken wollen, würde ich die Pizzakartons wegräumen. Und vielleicht Socken anziehen.“

Stille. Absolute Stille im Penthouse. Die Frau vom Catering hatte aufgehört zu polieren. Der Lichttechniker starrte von seiner Leiter herab. Niemand sprach so mit Luc Dubois. Das wusste ich, obwohl ich ihn erst seit zwei Minuten kannte. Er hatte diese Aura von jemandem, der Widerspruch nur aus dem Wörterbuch kannte, aber nicht aus dem echten Leben. Luc musterte mich. Seine Augen verengten sich minimal. Er scannte mich ab – meine praktische Regenjacke, meine Jeans (kein Designerlabel), meine festen Stiefel.

„Du bist frech“, stellte er fest. Seine Stimme war leiser geworden, lauernd. „Ich bin pragmatisch“, korrigierte ich. „Und ich bin teuer. Also sollten Sie auf mich hören.“ Er schnaubte. Ein winziges Grinsen zuckte um seinen Mundwinkel, verschwand aber sofort wieder. „Gut. Pragmatisch. Dann mach dich nützlich. Der Catering-Service hat den falschen Champagner geliefert. Ich habe Dom Pérignon 2012 bestellt. Geliefert wurde Moët. Das ist Plörre für Touristen.“ Er deutete auf eine Kiste, die in der Ecke stand.

„Besorg den richtigen. Du hast 45 Minuten. Hürlimann kommt um 18:00 Uhr zum Aperitif.“ Ich schaute auf die Uhr. 17:15 Uhr. „In 45 Minuten? Um diese Zeit ist Feierabendverkehr in Zug. Ich brauche einen Helikopter, um das zu schaffen.“ „Dann bau dir Flügel“, sagte er und drehte sich um. Er ging zurück zu seinem Schreibtisch, auf dem sechs Bildschirme leuchteten. „Bewegung, Lina. Time is money. Und meine Zeit ist gerade verdammt teuer.“ Er sagte das, während er fahrig an seinem Manschettenknopf nestelte, der sich verhakt hatte.

Er wirkte für einen Moment verloren, fast rührend hilflos gegenüber der einfachen Mechanik von Silber und Stoff. Ich sah es genau. Ich hätte nur zwei Schritte auf ihn zugehen und den Verschluss lösen müssen. Aber ich rührte mich nicht. Ich genoss sein kurzes, frustriertes Keuchen, seine Unfähigkeit, diese winzige Hürde allein zu nehmen. Ich half ihm nicht. Ich ließ ihn dort stehen, einen gefangenen König in seinem gläsernen Turm, der an einem Stück Metall scheiterte.

Ich stand da und spürte, wie Wut in mir hochkochte. Heiße, trotzige Wut. Er behandelte mich wie einen Laufburschen. Wie Inventar. Ich dachte an meinen Vater, der in der Reha saß und lernte, wieder zu laufen. Ich dachte an mein Konto, auf dem ein dickes Minus prangte. Ich brauche diesen Job, erinnerte ich mich. Schluck es runter. „Gut“, sagte ich gepresst. „Dom Pérignon 2012. Wird erledigt.“ Ich drehte mich um und marschierte zum Aufzug. „Und Lina?“, rief er mir hinterher, ohne aufzusehen. „Ja?“ „Wenn du schon unterwegs bist… bring Socken mit. Schwarze. Größe 43. Meine sind in der Wäsche.“

Als sich die Aufzugtüren schlossen und sein arrogantes Profil ausblendeten, lehnte ich den Kopf gegen die kühle Metallwand und schrie stumm. Ich hasste ihn. Ich hasste ihn aus tiefstem Herzen. Und das Schlimmste war: Ich fand ihn dabei verdammt attraktiv.

Es war ein Desaster. Der Feierabendverkehr staute sich bis zum Casino, und kein Taxi war in Sicht. Ich rannte. Nicht elegant, nicht sportlich, sondern panisch. In der Vinothek lachte man mich erst aus, als ich nach dem 2012er fragte. Ich musste mein privates Notfall-Geld auf den Tresen legen – 50 Franken Trinkgeld, die ich eigentlich für die Stromrechnung brauchte –, damit der Sommelier in den Keller ging. Danach der Sprint zum Manor. Die Socken waren ein Grabsch-Kauf im Vorbeigehen, ich achtete nicht mal auf den Preis, nur auf die Farbe.

Ich kam um 17:58 Uhr oben an. Ich war verschwitzt. Meine Haare klebten an meiner Stirn. Ich keuchte wie eine Dampflokomotive. Aber ich hatte den Champagner. Und die Socken. Ich stürmte in das Penthouse. „Ich hab ihn!“, rief ich triumphierend und hielt die Kiste hoch.

Der Raum hatte sich verändert. Das Licht war gedimmt, angenehmes Ambient Light in Bernstein und Gold. Die Pizzaschachteln waren weg. Leise Jazzmusik spielte aus unsichtbaren Boxen. Luc stand in der Mitte des Raumes. Er trug jetzt ein Sakko über dem Hemd, hatte eine Krawatte gebunden und… trug Schuhe. Er sah aus wie aus dem Ei gepellt. Wie der perfekte Gastgeber. Neben ihm stand ein älterer Herr mit weißem Haar und einem Gesicht wie eine zerklüftete Felswand. Walter Hürlimann.

Sie hielten bereits Gläser in der Hand. Champagnergläser. Luc drehte sich zu mir um. Sein Blick war kühl, distanziert. Er sah mich an, als wäre ich eine Pizzabotin, die sich in der Tür geirrt hatte. „Ah“, sagte er. „Da ist ja das Personal.“ Das Personal. Hürlimann musterte mich über den Rand seiner Brille. „Grüezi“, brummte er. „Lina, stell das einfach in die Küche“, sagte Luc wedelnd. „Wir haben uns schon bedient. Herr Hürlimann bevorzugt ohnehin einen einfachen Weissen aus dem Waadtland. Champagner ist ihm zu… wie sagten Sie? Zu aufgeblasen.“ Er lachte. Ein charmantes, einschmeichelndes Lachen, das so falsch klang wie ein 30-Franken-Schein.

Ich stand da, die schwere Kiste in den Armen, die Socken in der Tasche. Ich hatte mir die Lunge aus dem Leib gerannt. Ich hatte geschwitzt, gebettelt und geflucht. Für nichts. Er hatte mich losgeschickt, nicht weil er den Champagner brauchte. Sondern weil er mich aus dem Weg haben wollte. Weil ich ihn mit meinem Kommentar über die Pizzaschachteln genervt hatte. Er hatte mich nicht losgeschickt, weil er etwas brauchte. Sondern weil er konnte. Lauf, damit du weißt, wer hier der Boss ist.

Langsam, ganz langsam, senkte ich die Kiste auf den Boden. Es klirrte leise. Ich richtete mich auf. Ich wischte mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Natürlich“, sagte ich. Meine Stimme war ruhig. Zu ruhig. „Ein Waadtländer ist eine exzellente Wahl. Sehr bodenständig.“ Ich ging auf die beiden Männer zu. „Übrigens, Herr Dubois“, sagte ich und griff in meine Jackentasche. „Ich habe auch Ihre andere Bestellung.“ Ich zog das Multipack Socken heraus. Budget Basic. 3 Paar für 9.90 CHF. Das Preisschild in Neonorange klebte noch gut sichtbar darauf. Ich legte das Packen Socken direkt auf den gläsernen Couchtisch, genau neben die teuren Kristallgläser. „Schwarze Socken. Größe 43. Wie gewünscht. Weil Ihre ja alle in der Wäsche sind.“

Hürlimann erstarrte. Er starrte auf die billigen Socken. Dann sah er Luc an. Lucs Gesicht entgleiste. Die Farbe wich aus seinen Wangen. Das charmante Lächeln zerbröselte. „Was…“, begann er. „Macht dann 9 Franken 90“, sagte ich lächelnd. „Plus Servicegebühr. Ich schicke Ihnen die Rechnung.“ Ich nickte Hürlimann zu. „Einen schönen Abend noch, Herr Hürlimann. Passen Sie auf bei den Verträgen. Herr Dubois vergisst manchmal die kleinen Details. Wie Wäschewaschen.“

Erst im Aufzug zitterten mir die Hände. Ich drehte mich um und ging. Ich hörte keinen Ton hinter mir. Keine Explosion. Kein Schreien. Nur eine dröhnende Stille. Ich drückte den Knopf für den Aufzug. Als die Türen zugingen, sah ich noch einmal zurück. Luc stand da wie eine Salzsäule, die Socken starrten ihn an wie ein Vorwurf. Und Hürlimann? Walter Hürlimann, der härteste Verhandlungspartner der Zentralschweiz, der Mann, der nie lachte… …grinste.

Ich fuhr nach unten. Meine Knie zitterten. Mein Herz hämmerte so laut, dass ich Angst hatte, es würde zerspringen. Ich hatte gerade meinen Job verloren. Sarah würde mich töten. Ich würde die Miete nicht zahlen können. Ich war erledigt. Aber als ich aus dem Skylight Tower trat und die kalte Nachtluft in meine Lungen strömte, fühlte ich mich seltsam leicht. Ich hatte vielleicht kein Geld. Aber ich hatte den Drachen besiegt. Zumindest für heute.

Ich holte mein Handy raus. Eine Nachricht von Sarah. Wie läuft's? Hat er dich schon gefressen? Ich tippte: Er hat sich an den Socken verschluckt.

Ich wollte gerade in die S-Bahn steigen, um in meinem leeren Kühlschrank nach essbarer Rache zu suchen, als mein Handy klingelte. Ein Foto von einer Frau, die der Kamera den Mittelfinger zeigte, erschien auf dem Display. Sibylle. Meine älteste Freundin, mein moralischer Kompass und die einzige Person, die mir ungestraft sagen durfte, wenn meine Haare aussahen wie ein explodiertes Meerschweinchen. „Wenn du jetzt sagst, dass du im Zug sitzt und heulen willst, leg ich auf“, war ihre Begrüßung.

„Woher weißt du…?“ „Ich spüre Erschütterungen der Macht. Und ich kenne dich. Komm nicht nach Hause. Komm ins Cherry Bowl in Baar. Sofort.“ „Sibylle, ich bin müde, ich habe einen Arschloch-Kunden und ich stinke nach Angstschweiß.“ „Perfekt. Dann passt du genau rein. Juke Joint spielen heute Abend. Vinegar Beat, der Drummer, hat versprochen, dass es laut wird. Und ich habe dir bereits ein Bier bestellt. Wenn du in zehn Minuten nicht da bist, trinke ich es. Und deins auch.“

Zwanzig Minuten später stand ich in einem Pub, der so verraucht und dunkel war, dass Luc Dubois vermutlich sofort einen Exorzisten gerufen hätte. Es roch nach verschüttetem Bier und Schweiß – aber es war ehrlicher Schweiß. Auf der kleinen Bühne stand die Band. Juke Joint. Ich kannte sie, seit Sibylle mich vor drei Jahren zum ersten Mal zu einem ihrer Konzerte geschleppt hatte. Sie spielten Bluesrock. Nicht den weichgespülten Kram, der in Fahrstühlen läuft. Sondern den dreckigen, treibenden Sound, der dich in der Magengrube trifft und sagt: „Ja, das Leben ist hart, aber verdammt, es groovt.“ Der Bassist nickte rhythmisch, der Gitarrist holte alles aus seinem Instrument raus, und die Musik fegte meinen Frust über fehlende rote Punkte auf Koi-Karpfen einfach weg.

„Da bist du ja“, brüllte mir Sibylle ins Ohr. Sie trug eine Lederjacke, die sie schon in der Oberstufe hatte, und hielt zwei Stangen Bier. Sibylle war klein, drahtig und hatte eine Energie wie ein Starkstromkabel, das lose im Wasser hängt. „Trink“, befahl sie und drückte mir das Glas in die Hand. Ich trank. Das kalte Bier wusch den Geschmack von Lucs Espresso weg. „Also“, schrie Sibylle über ein Gitarren-Solo hinweg. „Erzähl. Welcher neureiche Idiot hat dir heute den Tag versaut?“

„Luc Dubois. Rohstoffhändler. Er wollte Socken.“ Ich erzählte ihr die Geschichte. Die Pizzaschachteln. Den Champagner. Den Waadtländer. Sibylle lachte so laut, dass sich der Typ vor uns umdrehte. „Du hast ihm Budget Basic Socken geschenkt?“, johlte sie. „Lina, ich will dich heiraten.“ „Ich bin gefeuert, Sibylle. Morgen früh bin ich meinen Job los.“ „Pff. Jobs kommen und gehen. Aber dieser Gesichtsausdruck, den er gemacht haben muss? Der ist für die Ewigkeit.“ Sie stieß mit mir an. „Auf die Socken. Und auf Juke Joint. Hör dir den Rhythmus an, Süße. Das ist echt. Der Typ im Penthouse ist nur Fassade.“

Wir tanzten. Wir schwitzten. Wir grölten bei den Songs mit, die wir kannten. Für zwei Stunden gab es keine Schulden, keine Reha-Rechnungen und keinen Luc Dubois. Es gab nur den Blues, das Bier und Sibylle, die wild headbangte und dabei glücklicher aussah als jeder Millionär in Zug. Als ich später in der letzten S-Bahn saß, summte ich immer noch die Melodie des letzten Songs. Meine Ohren klingelten. Mein Kopf war leicht benebelt. Aber ich fühlte mich nicht mehr wie das Personal. Ich fühlte mich wieder wie ich selbst.

Kapitel 2: Luc

Das erste, was ich dachte, als die Aufzugtür sich schloss, war: Ich wollte sie nicht vernichten. Ich wollte, dass sie versteht, wie klein sie war. Das zweite war: Verdammt, sie hat Mut. Und das dritte war das dröhnende Lachen von Walter Hürlimann, das in meinem 12-Millionen-Franken-Penthouse widerhallte wie ein Erdbeben.