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Die Familie ist ein Hort der Liebe, Geborgenheit und Zärtlichkeit. Wir alle sehnen uns nach diesem Flucht- und Orientierungspunkt, der unsere persönliche Welt zusammenhält und schön macht. Das wichtigste Bindeglied der Familie ist Mami. In diesen herzenswarmen Romanen wird davon mit meisterhafter Einfühlung erzählt. Die Romanreihe Mami setzt einen unerschütterlichen Wert der Liebe, begeistert die Menschen und lässt sie in unruhigen Zeiten Mut und Hoffnung schöpfen. Kinderglück und Elternfreuden sind durch nichts auf der Welt zu ersetzen. Genau davon kündet Mami. »Und wie war sie so? Deine Omimi meine ich natürlich.« Line Osterhoff war sichtlich zum Plaudern aufgelegt, wie ihr dicker blonder Zopf signalisierte. Wenn sie ihn nämlich über die Schulter nach vorn holte, die Spange abzog und damit begann, ihn aufzudröseln, stand ihr inneres Stimmungsbarometer auf Sonnenschein. Sturm war hingegen angesagt, wenn Line den Kopf so zurückwarf, dass der Zopf gegen ihren Rücken knallte. »Lieb war sie. Nie habe ich sie anders als gütig und nachsichtig erlebt.« Julia Osterhoff schien sich in ihren Erinnerungen an ihre geliebte Großmutter zu verlieren. Plötzlich verspannte sich ihr bis eben gelöstes Gesicht. »Obwohl es auch andere Meinungen gab.« »Hat jemand sie etwa nicht so nett gefunden?«, wollte Line prompt wissen, witterungsmäßig furchterregend talentiert. Die junge Frau erhob sich von der Küchenbank und sah sich aufseufzend um. »Das erzähle ich dir besser ein andermal. Heute haben wir verflixt viel zu tun. Vor allem müssen wir diese Trümmer rausschaffen, damit unsere Möbel Platz haben. Mir graut vor den Gardinen, da hat sich Staub von hundert Jahren verdichtet.« Line blieb auf der breiten Fensterbank sitzen, die Beine angezogen und mit beiden Armen umschlungen. Tiefenentspannt. »Du warst noch nie so gut im Ablenken, Mami«
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Seitenzahl: 122
Veröffentlichungsjahr: 2022
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»Und wie war sie so? Deine Omimi meine ich natürlich.« Line Osterhoff war sichtlich zum Plaudern aufgelegt, wie ihr dicker blonder Zopf signalisierte. Wenn sie ihn nämlich über die Schulter nach vorn holte, die Spange abzog und damit begann, ihn aufzudröseln, stand ihr inneres Stimmungsbarometer auf Sonnenschein.
Sturm war hingegen angesagt, wenn Line den Kopf so zurückwarf, dass der Zopf gegen ihren Rücken knallte.
»Lieb war sie. Nie habe ich sie anders als gütig und nachsichtig erlebt.« Julia Osterhoff schien sich in ihren Erinnerungen an ihre geliebte Großmutter zu verlieren. Plötzlich verspannte sich ihr bis eben gelöstes Gesicht. »Obwohl es auch andere Meinungen gab.«
»Hat jemand sie etwa nicht so nett gefunden?«, wollte Line prompt wissen, witterungsmäßig furchterregend talentiert.
Die junge Frau erhob sich von der Küchenbank und sah sich aufseufzend um. »Das erzähle ich dir besser ein andermal. Heute haben wir verflixt viel zu tun. Vor allem müssen wir diese Trümmer rausschaffen, damit unsere Möbel Platz haben. Mir graut vor den Gardinen, da hat sich Staub von hundert Jahren verdichtet.«
Line blieb auf der breiten Fensterbank sitzen, die Beine angezogen und mit beiden Armen umschlungen. Tiefenentspannt. »Du warst noch nie so gut im Ablenken, Mami«, stellte sie fest.
Julia fühlte sich ertappt.
»Stimmt«, gab sie achselzuckend zu und wich dem forschenden Tochterblick wohlweislich aus. »Eigentlich weiß ich gar nicht, wo ich am besten anfangen soll.«
»Vorn«, bemerkte die achtjährige Line. »Das sagt jedenfalls Frau Schiller immer, wenn ich Probleme mit meinem Text habe. ›Fang vorn an, Pauline. Mit dem ersten Wort. Das zweite dackelt automatisch hinterher. Und der Rest ist ein Kinderspiel‹.«
»Okay.« Die junge Frau sah sich kritisch um.
»Nur Frau Schiller nennt mich in der Schule Pauline.«
Julia klappte die Backofentür auf. »Iiih!«
»Line finde ich besser.« Das Mädchen stieß einen Seufzer aus. »Aber das ist Schnee von gestern. Weil ich sie sowieso nicht mehr sehen werde. Frau Schiller, mein ich. Und alle anderen.«
»Du kannst sie jederzeit besuchen.«
»Vorhin hast du gesagt, dass wir in nächster Zeit gruselig viel zu tun haben werden, um Omimis Haus auszumisten.«
»Eigentlich war sie deine Uromimi.«
»Ich werde sie Uri nennen. Hat sie hier ganz allein gewohnt?«
»Nur die letzten Jahre ihres Lebens. Als sie jung war, gab es natürlich noch den Opa Karl. Der hat übrigens viel selbstgemacht, weil er ein begabter Handwerker war. Die Treppe zum Beispiel.«
»Jetzt ist sie ziemlich morsch. Das Geländer wackelt.«
»Tja, wie so vieles«, murmelte Julia und wirkte wieder bedrückt. »Du, ich starte oben, mit unserem Schlafzimmer. Gelüftet haben wir ja schon. In den nächsten Tagen nehmen wir uns dann das Erkerzimmer vor, das dein Zimmer werden soll. Einverstanden?«
»In welchem Zimmer ist sie denn gestorben, die Uri?«
»Wer? Ach so. Du, Omimi ist im Krankenhaus gestorben, weil sie zuletzt sehr krank war. Zum Glück hat sie nicht leiden müssen. Und es ist schnell gegangen. Ganz friedlich war ihr Abschied.«
»Arme Uri.«
»Ja. Sie fehlt mir sehr. Weil …«
Es war ja klar, dass Line nicht locker lassen würde. »Weil?«
»Wir standen uns wirklich sehr nahe. Ich glaube, ich war mehr hier als in der Stephanstraße.«
»Da wohnen deine Eltern, oder?«
»Meine Mutter und ihr zweiter Mann. Martin ist mein Stiefvater«, antwortete Julia mit schmalen Lippen.
»Du kannst ihn nicht leiden.«
»Nicht sehr. Und mir wäre es lieb, wenn wir …«
»Mami, ich bin kein Baby mehr. Ich krieg ziemlich viel mit.«
Da richtete sich Julia auf, stemmte eine Hand in die Seite und betrachtete ihre clevere Line mit stolzem Lächeln. »Na klar. Aber wenn wir beide morgen hier frühstücken wollen, sollten wir mal anfangen, für Ordnung zu sorgen.«
»Sie hat dir angeboten, dir zu helfen, oder?«
»Line«, sagte Julia.
»Mami, glaubst du in echt, ich würde nicht merken, wie genervt du immer bist, wenn du mit ihr telefoniert hast?«
»Wir sind einfach zu verschieden.« Als Kind hatte sie lange Zeit den Verdacht gehegt, von ihrer Mutter adoptiert worden zu sein. Weil absolut null Ähnlichkeit zwischen ihnen war, weder äußerlich noch innerlich. Und was die berühmte Mutterliebe betraf, fehlte jedwede Übereinstimmung zwischen ihr und Stine Osterhoff.
»Sind wir beide auch, Mami. Aber ich hab dich total lieb.«
»Und ich dich erst. Bis zur Milchstraße und zurück.« Julia kam rasch zum Fenster und legte beide Arme um ihr Kind. »Wir haben zur Zeit ein bisschen arg viele Probleme, ich weiß ja. Doch wir kriegen es hin, bestimmt, meine Linemaus, wirst schon sehen!«
»Wenn Papa noch bei uns wäre, müsstest du dir jetzt keine Arbeit suchen, oder? Und wir würden auch noch in der Stadt wohnen.«
»Ich habe mir früher immer gewünscht, in diesem Haus zu leben. Es ist klein, aber supergemütlich. Ein süßes Hexenhäuschen.«
»Und wir sind die Hexen?« Line lachte so übermütig wie schon lange nicht mehr. »Du bist die Chefhexe und ich die kleine Hexe.« Der Gedanke gefiel ihr sichtlich. »Und um Mitternacht holen wir unsere Zauberstäbe raus und hexen wie verrückt.«
»Ich würde ich mir zuerst einen großen Sack voller Goldstücke zaubern. Dann hätten wir keine Sorgen mehr und könnten uns alle Handwerker leisten, die wir brauchen, um hier komfortabel wohnen zu können. Eine neue Treppe kann schrecklich kostspielig sein.«
»Ich möchte im Erkerzimmer eine Tapete mit Einhörnern.«
»Die hast du nach einem halben Jahr satt.«
»Dann nimmst du ein neues Goldstück aus dem Sack … Oder nee, du zauberst mir gleich eine neue Tapete. Und einen Himmel will ich auch haben. Stella hat einen pinken Himmel über ihrem Bett.« Kaum hatte Line die letzten Wörter ausgesprochen, als ihre Mundwinkel zuckten. »Voll blöd, dass wir nicht mehr zusammen spielen können. Es war immer klasse mit Stella.«
»Wir sind ja nicht auf den Mond gezogen, ihr könnt euch jederzeit wiedersehen. Das muss nur vorher verabredet werden.«
»Hier gibt’s bestimmt keine Kinder in der Nähe.«
»Das werden wir herausfinden. Als ich damals meine Omimi besucht habe, gab es gegenüber eine nette Familie, die Hensels. Zwei Jungen und ein Mädchen in meinem Alter. Caroline hieß sie. Und wenn ich bei der Omimi war, kam Caro rüber. Dann haben wir miteinander Puppen gespielt oder waren draußen im Garten.«
»Und wo ist Caro jetzt? Immer noch gegenüber?«
»Wir haben uns völlig aus den Augen verloren. Leider. Als ich deinen Papa kennenlernte, bin ich doch mit ihm nach Mailand gezogen. Keine Ahnung, ob Caro geheiratet hat oder nicht.«
»Wenn ich das einzige Kind hier bin, möchte ich wenigstens einen Hund haben, Mami.« Line nickte nachdrücklich. »Zum Spielen und Quatschen und so. In der Stadt hast du immer gesagt, dass ein Hund einen Garten braucht. Jetzt gibt es einen.«
»Aus Omimis Garten ist leider ein Dschungel geworden.«
»Dann will ich einen kleinen Löwen haben.«
Julia lachte und zog ihre Line an sich. »Du bist ja selbst eine kleine Löwin, kannst perfekt jagen, brüllen und kämpfen.«
Line hatte Tränen in den Augen, als sie erstickt verriet: »Papa hat mal gesagt, dass es gut ist, ein Löwenherz zu haben.«
Julias Blick schweifte über den blonden Kopf ihres Kindes hinweg durchs Fenster in den Abendhimmel, über den dunkelgraue, violett geränderte Wolken trieben. Wonach hielt sie Ausschau? Nach einem Zeichen, das ihr Hoffnung auf rosigere Zeiten verhieß?
Dann zerriss unverhofft ein Geräusch die Stille. Ein Hund bellte, ein ziemlich großer Hund, wie Line beklommen schätzte und sich spontan in die Umarmung der Mami kuschelte.
Schwere Tritte stapften die hölzernen Stufen empor.
»Mist, die Klingel ist so was von kaputt«, fluchte eine kraftvolle Frauenstimme mit Reibeisentimbre. »Jemand zu Haus? Hallo!«
*
»Caro?« Julia flitzte zur Haustür. »Caro! Ich fasse es nicht!«
Vor ihr stand ihre Jugendfreundin Caroline Hensel, mittelgroß, füllig, kumpelhaft in sogenannten Outdoorklamotten, also wetterfest in jeder Hinsicht, und strahlte breit über das rundlichrote Gesicht, während ein gelbbrauner Hund, tatsächlich ein ziemlich großer Hund, Julias Schuhe ausgiebig beschnüffelte.
»Amadeus liebt feines Leder. Mailänder Schuhe sind quasi Fünf-Sterne-Leckerlis für ihn«, erklärte Caro Hensel trocken. Sie sah den blonden Zopf im dunklen Flur leuchten und wollte wissen, ob Julia sich neuerdings ein Pony im Haus hielte.
»Meine Tochter Pauline«, stellte Julia vor. »Line Osterhoff.«
»Grüß dich, Line.«
Line wagte sich aus der schützenden Deckung. »Er heißt echt so? Wie Mozart?«, wollte sie neugierig wissen.
»Amadeus liebt Mozart. Vermutlich kann er alle Arien des Papageno auswendig. Sollst ihn mal erleben, wenn er die Zauberflöte hört, dann mutiert er haste was kannste zum Schmusekätzchen.«
Line ließ Amadeus nicht aus den Augen. »Und sonst nicht?«
»Beim Ring der Nibelungen rastet er gern aus. Komm lieber nicht auf die Idee, irgendwas aus Lodengrün zu pfeifen.«
Caro und Julia wechselten einen Blick. Und dann endlich löste sich die Verblüffung, die beiden jungen Frauen umarmten einander stürmisch und ließen keinen Zweifel daran, wie toll sie das unverhoffte Wiedersehen fanden.
»Wenn ich drüben bin«, erklärte Caro, »drehen Amadeus und ich abends gern eine Runde. Tut uns beiden gut. Und heute haben wir in der Küche Licht gesehen und wollten mal nachschauen, ob es sich womöglich Marsmännchen hier gemütlich gemacht haben.«
Line prustete los. »An der Straße steht kein Marsmobil.«
»Hast du Zeit für einen Kaffee?«, fragte Julia, ein verräterisches Glänzen in den kornblumenblauen Augen.
Himmel, war sie froh, ein vertrautes Gesicht um sich zu haben. Obwohl sie Line gegenüber die Starke mimte, fühlte sie sich nach dem Umzug ja doch verflixt flau. Und sie war überhaupt nicht sicher, ob es wirklich eine gute Idee war, in das Haus ihrer Großmutter zu ziehen, dessen Zustand alles andere als lobe-den-Herrn war. Aber hatte sie denn eine Wahl gehabt? Tja.
»Lohengrin meinst du wohl«, warf Line ein. »Nicht Lodengrün.«
Caro blickte sie an, so durchdringend, wie es Line nicht kannte, aber typisch für die Freundin ihrer Mutter war.
»Kleine Schlaumeierin, oder?« Sie streckte die kräftige Hand aus und strich Line unerwartet zärtlich über den Kopf. »Siehst deiner Mutter unglaublich ähnlich. Aber das hast du bestimmt schon oft gehört, hm? Julia war früher das hübscheste kleine Mädchen weit und breit. Und ich habe sie glühend beneidet. Gott, was hätte ich für einen Tag in ihren Schuhen gegeben.«
Line blickte zu Boden. »Du hast größere Füße als Mami.«
»Aber kein größeres Herz«, entgegnete Caro gutmütig.
»Das allergrößte Herz hat Omimi besessen, weißt du noch?«
Die beiden Frauen tauschten einen langen Blick und nickten sich zu. »Sie war eine Seele von Mensch, inwendig pures Gold«, meinte Caro. »So was gibt’s nur einmal in hundert Jahren.«
Weil Julia in die Küche zurückgegangen war, folgte ihr Caro. Und Line drückte sich an der Wand entlang, wobei sie darauf achtete, einen ordentlichen Abstand zu Amadeus einzuhalten.
»Ist Amadeus eine Dogge?«, wollte sie von Caro wissen.
»Sein Großvater war wohl eine. Und der Vater muss ein Schäferhund gewesen sein. Von ihm fehlt natürlich jede Spur«, sagte Caro, während sie sich aufmerksam umsah. »Alles noch so wie früher. Mit Patina, klar. Sind die Gardinen jemals gewaschen worden?«
»Bis ich hier Grund reingebracht habe, dürfte es Jahre dauern«, gab Julia aufseufzend zu. »Ich habe die Tassen leider noch nicht ausgepackt.« Sie stellte Kaffeebecher auf den Tisch.
»Der olle Herkules hat den Augiasstall ja auch nicht an einem Tag ausgemistet«, tröstete Caro beiläufig. »Welcher Stuhl bricht nicht unter mir zusammen? Erinnert mich enorm das Märchen von Schneewittchen, das sich im Haus der Zwerge auf sechs Schemel gesetzt hat, bis der letzte endlich passte.«
Line kicherte. Sie mochte Caro Hensel, die andauernd witzige Sachen von sich gab. »Ich sitz am liebsten auf der Fensterbank.«
Caro und Julia wechselten einen Blick.
»Da hat deine Mama früher auch am liebsten gesessen. Und hoffentlich nach mir Ausschau gehalten.« Caro zwinkerte und streifte die mollige karierte Jacke ab. Als sie sie lässig über die Anrichte hinter sich warf, wirbelte eine Menge Staub auf.
Weil der Hund mit der unordentlichen Herkunft husten musste, schlug Julia vor, dass Line doch mal mit ihm rausgehen sollte.
Caro hatte das Wetterleuchten in Lines Augen gesehen. »Amadeus sieht nur furchteinflößend aus. Tatsächlich ist er ein Lieber«, erklärte sie der Achtjährigen. »Wenn ich ihm ins Ohr flüstere, dass du meine Freundin bist, beschützt er dich sogar vor Dinos.«
»Gibt’s doch gar nicht mehr.« Line prustete los.
»Hast du eine Ahnung«, sagte Caro und fing Julias Blick auf. »War sie schon hier?«
Julia schüttelte den Kopf. »Wir sind heute erst gekommen.«
Line beobachtete fasziniert, wie Caro das linke Schlappohr des Hundes anhob und Amadeus mit beschwörender Stimme mitteilte, dass er sich ab sofort als Lines Ritter zu verstehen habe. Dann gab sie ihm einen leichten Klaps auf sein Hinterteil. »Ab mit dir!«
Line suchte den Blick ihrer Mutter. Als Julia zustimmend nickte, setzte auch sie sich in Bewegung. »Tschüs, bis gleich.«
Caro versicherte: »Amadeus passt auf sie auf, keine Bange, Julia. Außerdem ist das hier eine ruhige Ecke. Wie damals.«
»Ein Makler hat mir gesagt, dass die Gegend im Kommen ist.«
»Bei meinen Eltern ist auch schon jemand aus der Zunft der Haifische gewesen, um ihnen ihr Häuschen abzuschwatzen. Danke.« Caro nahm den Kaffeebecher entgegen, den Julia ihr reichte.
»Und?«, wollte Julia wissen, als sie ebenfalls Platz nahm.
»Mein Vater wollte unterschreiben. Aber Mutti war so schlau, mich anzurufen. Ich habe alles stehen und liegen lassen und bin nach Haus gedüst, um das Schlimmste zu verhindern.«
»Okay.« Julia blickte durchs Küchenfenster. »Sie wohnen also noch drüben, deine Eltern. Kommen sie zurecht?«
»Meine Mutter ist neuerdings schwer auf Draht. Sie managt alles.« Caro lachte. »Das Leben ist komisch, oder? Früher war sie immer die Genügsame, mein Vater hatte sie total abgedrängt. So oft habe ich sie beschworen, dass Resignation nichts bringt. Und jetzt kommt sie mir wie ein Phönix aus der Asche vor. Toll.«
»Meinst du, es ist ihr recht, wenn ich sie mal besuche?«
»Sie wird vor Freude einen Purzelbaum schlagen. Mutti war übrigens häufig hier, bei deiner Großmutter. Sie hat auch für sie eingekauft. Nachbarschaftshilfe war den beiden ja immer wichtig.«
»Wenn ich gewusst hätte, dass es Omimi so schlecht geht …«
Caro streckte ihre Hand aus und legte sie auf Julias. »Konntest du ja nicht wissen, warst ja auch weit weg. Deine Mutter hätte sich allerdings mehr kümmern können. Hat sie aber nicht!«
»Sie hat’s nicht so mit dem Kümmern«, sagte Julia leise.
Und Caro nickte wissend. »Habt ihr wieder Kontakt?«
Julia schüttelte den Kopf.
»Lines Vater … Ich habe ihn ja leider nie kennengelernt.«
»Er lebt nicht mehr. Torben hatte einen Herzinfarkt. Ganz plötzlich und unerwartet, wie es so heißt. Bei uns war es wirklich so. Am Abend war er noch voller Schwung. Ganz viel hatte er sich vorgenommen, auch dieses Haus betreffend. Das Dach hatte er ja schon abdichten lassen. Das war eine Sofortmaßnahme.«
Caro nickte. Und schwieg, weil gute Freundinnen wissen, wann es besser ist, den Mund zu halten. Jetzt war so ein Moment da.
