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„Links von Linz“ ist eine Neubearbeitung des Buches „Das linzer Ei“ von Gerlinde Obermeir, erschienen in den 80ern im Aglass Verlag. Die Autorin fängt Situationen, Personen und Gedanken im Linzer Cafe „Traxlmayr“ ein. Die Geschichten sind zeitlos und der Stil zynisch und witzig. In knappen Sätzen erzählt die Autorin aus einer linksgerichteten, politischen Perspektive über die „Linzer Welt“.
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Seitenzahl: 69
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Die, 1942 geborene, Schriftstellerin und Journalistin Gerlinde Obermeir war zuletzt bei „profil“ als Kulturjournalistin tätig. Den Großteil Ihres Lebens verbrachte sie in Linz. Als Verfasserin von Theaterstücken, widmete sie sich in den letzten Jahren ganz dem Schreiben und wandte sich auch mehr der Prosa zu. 1984 wählte Gerlinde Obermeir den Freitod in Wien.
Gabriela Obermeir ist 1960 als Tochter der Autorin in Linz geboren. Ihr Wissen und Verständnis für Literatur, veranlasste sie, diese Geschichten ihrer Mutter noch einmal zu veröffentlichen. Die Herausgeberin sieht es als ihren persönlichen Auftrag diese inspirierende Darstellung von Linz und seinen LinzerInnen der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.
Mein Dank geht an Jana Reininger und an alle lieben Menschen, die mir beim digitalisieren halfen.
Gabriela Obermeir
Oktober 2014
VERLOGENES
SITZPLÄTZE
MONTE VERITA
UNANSTÄNDIGKEITEN
STANDPUNKT
SIEGERINNEN
GELD
TRAGIKOMIK
30 Jahre – 40 Jahre - 50 Jahre
DER GORDISCHE KNOTEN
FRÜHLING
TRINKSCHOKOLADE
KÖNIGINNEN
ZEITUNGEN
IN DIESER STADT – IN DIESEM LAND – IN DIESER ZEIT
JOHN WAYNE
EINBETTZIMMER
RASIERKLINGEN
UNTERGRUND
NACHWORT
Gesprächsbrocken. Ein Glas Rotwein. Ein Blick auf die Uhr. Später Nachmittag. Die Blonde vom Nebentisch dreht eine Platte zwischen den Fingern. „Ich geh schnell telefonieren“, sagt sie. Und hinter mir hör ich eine fette Bürgerliche wie eine Kuh kuttern.
Sie trägt eine weiße Jacke. Bluse mit Ausschlagkragen und ein flottes Halstuch. Wahrscheinlich hat sie sich beim Anziehen gedacht, dass sie heute sportlich sein will. Eine dicke fette sportliche Bürgerliche.
Ich zieh mein Taschentuch aus der Beduinen-Umhängetasche. Die Beduinen-Umhängetasche gehört zur Beduinen-Jacke. Ich selbst hab mir beim Anziehen gedacht, dass ich heute ausgeflippt ins Café Traxlmayr gehen will. Mit meinen Beduinen-Sachen, die ich am Flohmarkt in Wien gekauft habe. Ich hoffe, dass ich nicht genauso bürgerlich bin, wie die dicke fette, sportliche Bürgerliche.
Ich bin ins Traxlmayr gegangen, um Material zu sammeln für ein Buch, das den Titel tragen soll „Geschichten aus dem Traxlmayr“. Dann denk ich über den Titel nach.
Vielleicht besser „Geschichten aus Linz“? Oder „Geschichten über die Linzer“?
Oder – ja – wie sollen sie wohl heißen, meine Geschichten? Ich glaube, ich nenne sie „Verlogenes aus Linz“. Denn die Geschichten sind so wahr, wie sie verlogen sind. Sie sind wahr, weil ich Linz so sehe und weil ich genauso wahr bin, wie der Bürgermeister oder irgendein anderer Linzer. Oder gibt es jemand, der dem Bürgermeister oder mir, oder sich selbst, die Wahrhaftigkeit absprechen wollte?
Der Bürgermeister sieht Linz und erzählt seine Geschichten. Ich sehe Linz und erzähle meine Geschichten. Und da wir beide wahrhaftig sind, kann ich mir gar nicht vorstellen, dass die Geschichten des Bürgermeisters wahrer oder wahrhaftiger sein sollen als meine.
Meine Geschichten wiederum sind auch verlogen. Verlogen, weil einfach die Namen nicht stimmen. Tobias hat mir gesagt, ich soll die Namen der Personen nicht nennen und ich soll erfundene Namen verwenden. Denn wir leben noch in der Gegenwart. Und es ist alles hautnah. Und da sind die Leute eben empfindlich. Also habe ich die Namen gelogen.
Im Traxlmayr trifft man immer wieder bekannte Gesichter. Ich war wirklich noch nie im „Traxl“, ohne irgendein bekanntes Gesicht zu treffen. Maria, die Freundin von Gabi sitzt in einer Ecke. Mein Gott, hat sich die verändert, seit ich sie das letzte Mal gesehen habe. Sie trägt jetzt Jeans und einen bunten Pullover. Ihre Locken fallen auf die Schulter. Wild. Ungestüm.
Ich sehe sie zum ersten Mal eine Zigarette rauchen. Und dabei sieht sie direkt ordinär aus. Nein, nicht ordinär. Ich habe Vorurteile. Oder doch? Ich weiß es nicht.
Ich weiß nur, dass sie aus einer stinkfeinen Familie kommt und, dass ihr Vater Arzt ist. Wenn ihre Mutter sie so sehen würde, hätte sie bestimmt keine Freude. Aber ihre Mutter sieht sie nicht, und Maria ist sicher froh, dass sie sein kann, wie sie ist. Hübsch ist sie geworden, die Maria. Hübsch und schon ziemlich erwachsen.
Es ärgert mich eigentlich nur der Gedanke an die arrogante Mutter. Wenn ich sie seh’, dreht es mir den Magen um. Im Pelzmantel. Eine Parfumwolke rund um sich. Knallige Lippen. Und jedes Mal, wenn ich sie treff, drückt ihre Körpersprache aus – wir sind eine ordentliche Familie.
Was mich an den Bürgerlichen stört, ist ihre Lüge. Ihre Lebenslüge. Denn ich kann mir nicht vorstellen, dass sie wirklich alle so angepasst sein wollen, wie sie tun. Maria selbst ist gar nicht so angepasst.
Wie sie klein war, war sie ein lautes fröhliches Mädchen und wie sie größer geworden ist, war sie ein lautes fröhliches Mädchen aus einer stinkfeinen Familie. Hoffentlich wird sie wieder einmal einfach nur ein lautes fröhliches Mädchen sein.
Jetzt geht sie wieder, die Maria. Winkt ihren Freundinnen und Freunden zu, lacht noch einmal laut und spitzbübisch, wie sie als kleines Mädchen gelacht hat. Schüttelt ihre Locken und stolziert selbstbewusst zur Tür hinaus.
Ich werde nun wohl auch nach Hause gehen und ein anderes mal wieder meine Gedanken im Traxlmayr niederschreiben. Ich bin ja noch oft in diesem schönen alten „Wiener Kaffeehaus“. In dem Kaffeehaus, das ich so liebe, weil die Kellner zu allen Gästen gleich freundlich, gleich neutral sind. Zu der dicken, fetten sportlichen Bürgerlichen. Zu mir, der Ausgeflippten in den Beduinen-Sachen. Zu Maria und zu allen anderen. Deshalb hat das Traxlmayr auch Atmosphäre.
Die Atmosphäre eines bunten Zoos, in dem alle Tiere leben dürfen.
Heute sitze ich auf der rechten Seite im Traxlmayr. Wenn man ins Traxlmayr kommt, rechts.
Ich bin manchmal abergläubisch. Wenn ich rechts sitze, denke ich mir etwas dabei. Wahrscheinlich krieg ich wieder Aggressionen. Außerdem denke ich, dass ich in Österreich weder rechts noch links sitzen möchte.
Ich denke aber auch daran, dass ich schon gar nicht in der Mitte sitzen möchte. Denn dort sitzen die Liberalen.
Die Liberalen, die gar nichts verändern wollen in Österreich. Die nur wollen, dass es so bleibt, wie es ist.
Die sich überhaupt nicht vorstellen können, dass man in Österreich überhaupt etwas verändern kann, soll, will. Oder wenn, dann mal nach vorn – mal nach hinten. Sie gehen dabei auf den Zehenspitzen, um nur ja möglichst leise zu treten. Und Österreich über alles!
„Es ist ein schönes Land, ein gutes Land, wohl wert das sich ein Fürst…“
Einmal sagen sie ja, wenn es nein heißt, einmal sagen sie nein, wenn es ja heißt. Und sie geben immer nach, die Liberalen, damit sich Grillparzer nicht im Grabe umdrehen kann.
Die meisten engagierten jungen Linzer werden irgendwann einmal nicht engagierte Linzer. Dann, wenn sie älter sind. So ab dreißig ungefähr. Da beginnt in ihrer Vorstellung der Weg nach oben. Und in ihrer Wirklichkeit der Weg nach unten. Sie werden liberal. So wie der W. und der G. von der SP.
Heute sitzen sie friedlich am runden Tisch. In Plüschpölstern. Umrahmt von den Rüschenvorhängen des Café Traxlmayr. Und genau in der Mitte, hinten beim Fenster.
Servus W. Servus G.
Wie es mir einmal schlecht gegangen ist, war ich beim W. Er wollte mir damals helfen. Er wollte. Wie es mir einmal schlecht gegangen ist, war ich beim G. Er wollte mir damals helfen. Er wollte. Aber ich. Ich habe zu viel Dreck am Stecken gehabt. Ich glaube deshalb, weil ich nie eine Liberale war. Ich habe Marihuana geraucht. Ich habe gesoffen. Ich habe geschmust in der Öffentlichkeit. Gebrüllt. Und geflucht. Ich habe geflucht auf die politischen Parteien in Österreich.
Auf unseren Landeshauptmann bei der VP. Auf unseren Bürgermeister bei der SP. Auf die Kronenzeitung und auf die geschniegelten Lackaffen, die sich ihre Position erstunken, erlogen, ersessen haben. Und auf die Funktionäre beim kommunistischen Bund, die über ihrer Chinatreue nicht einmal bemerkt haben, dass es in China schon Coca-Cola gibt.
Ich habe geflucht und geschrieben. In der Kronenzeitung. Und dann bin ich hinausgeflogen. So geht das.
Trotzdem möchte ich nie eine Liberale werden. Dann schon lieber eine Anarchistin. Die Anarchisten haben wenigstens Mut. Den Mut der Selbstverzweiflung. Mit der Anarchie hat’s bei mir nur einen Haken – ich kann nicht töten. Obwohl ich es eigentlich schon längst gelernt haben müsste. Denn wie oft bin ich schon getötet worden. Von Ws. Von Gs. Und von all den anderen. Wie oft töten die Menschen täglich?
Sie sind gleich groß – der W. und der G. – sehe ich, wie sie das Traxlmayr verlassen. Der G. trägt ein braunes Sakko. Der W. ein grünes.
