Linus - Izzy O'Brian - E-Book

Linus E-Book

Izzy O'Brian

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Beschreibung

Katzen haben sieben Leben. Und ein schlauer Kater wie Linus nutzt diese Leben selbstverständlich aus. Nur, dass er irgendwie immer Pech mit "seinen" Menschen zu haben scheint. Ein Leben ist katastrophaler als das nächste. Er hat die Nase voll, buchstäblich, und verzichtet auf einen letzten Versuch. Das heißt, er will verzichten. Aber Karma hat seinen Wünschen noch nie entsprochen.

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Seitenzahl: 172

Veröffentlichungsjahr: 2021

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LinusoderAuch Katzen kennen Karma

Izzy O'Brian

Band 5 der Katzenreihe

Für Kathrin, Sandra und Lukas,

die mir gezeigt haben, was Mamasein bedeutet.

©Izzy O'Brian 2020

Machandel Verlag Haselünne

Charlotte Erpenbeck

Cover-Bild: Maria Stezhko, shutterstock.comIllustration: Mahmataya:Broha, shutterstock.com

1. Auflage 2021

ISBN 978-3-95959-306-9

Die Umstände machten aus uns das,

was wir wurden.

(Ferris MC)

Die Sache mit den sieben Leben

Wie jeder weiß, haben wir Katzen sieben Leben.

Danach ist allerdings Schluss mit Schnurren, aus die Maus, Schicht im Katzenklo.

Es sei denn, man hat einen Menschen mehr geliebt als sich selbst. Dann darf man über die Regenbogenbrücke, um dort auf denjenigen zu warten. Das gilt natürlich auch umgekehrt, je nachdem, wer zuerst die Bürste abgibt.

Auch das ist vielen bekannt.

Was die Zweibeiner allerdings nicht wissen – wir Katzen haben tatsächlich Karma.

Das heißt, wir dürfen zwar nach jedem Leben Wünsche äußern, wo und wie wir das nächste verbringen wollen. Das gesammelte Karma aber entscheidet über die Auslegung dieser Wünsche. Und das kann auch gewaltig nach hinten losgehen, denn, ganz unter uns, das Karma ist ein miesepetriger Paragraphenkacker!

Außerdem mag es mich nicht. Spätestens seit Chantale. Dabei hatte sie den Tod wirklich verdient. Ihr glaubt mir nicht?

Na gut. Macht es euch gemütlich, nehmt eine Schale Milch - ich erzähle euch alles der Reihe nach.

Das erste Leben

Mein Wunsch:

Eine liebevolle Umgebung, in der das Füttern nicht vergessen wird.

Das Ergebnis:

Ein Altersheim.

Erster Eindruck:

Genial!

Ich war so glücklich, dass ich lauter schnurrte als ein Tiger im Megaphon. Alle Menschen liebten mich. Mir wurden regelrecht Löcher ins Fell gekrault, auf jeder Decke war ich willkommen und erst die Leckerlis! Herrlich.

Dann kam Oscar. Ihr wisst schon, diese olle Mieze, die sich immer nur zu Sterbenden gelegt hat.

Damals lernte ich, Menschen sind Pharisäer. Ein Buch reicht und das Lieblingstier wird zum Staatsfeind Nummer eins degradiert.

Kaum lugte ich ins Zimmer, schon krachten die ersten Sachen gegen die Wand. Hausschuhe, Schnabeltassen, Tablettenröhrchen – wirklich alles! Die Hexe aus Zimmer 8 warf sogar ihr Gebiss nach mir. Wären die alten Herrschaften etwas zielsicherer gewesen, wäre mein erstes Leben vermutlich durch eine fliegende Bettpfanne beendet worden.

Danach hätte ich mich nirgends mehr blicken lassen können. Also musste dieses Buch weg! Und zwar schleunigst.

Doch egal, ob ich es aus dem Fenster warf, Seiten herausbiss oder ins Katzenklo verschleppte – es kehrte jedes Mal unversehrt zurück.

Erst als ich es mitten im Gang deponierte und gründlich anpinkelte, hatte der Spuk ein Ende (Nein, darauf bin ich nicht stolz! Aber ein Kater muss tun, was ein Kater tun muss.)

Danach brauchte ich nur noch ein paar Tage warten und die Demenz erledigte den Rest.

Das dolce vita hatte mich zurück.

Dummerweise nicht besonders lang.

Nach vier Jahren beendete eine Herzverfettung den paradiesischen Zustand. Von wegen Essen hält Leib und Seele zusammen.

Das zweite Leben

Mein Wunsch:

Nur noch ein zuständiger Mensch, der außerdem auf die Gesundheit achtet und keine Bücher liest.

Schon gar keine über Katzen.

Das Ergebnis:

Eine bloggende Veganerin.

Erster Eindruck:

Könnte klappen.

Veronika. Mein neuer Mensch hieß Veronika Maria Sophia Meyer. Dass sie diesen Namen loswerden wollte, verstand ich. Warum sie sich VeggieBraut2 nannte, nicht.

Aber gut, dachte ich, jeder hat eben seine Eigenheiten. Und was seltsame Ideen angeht, konnte mich nach dem Altersheim nichts mehr erschüttern.

Die ersten Monate verliefen durchaus harmonisch. Während sie an ihrem Bezee saß und mit den Fingern klopfte, schlief ich auf einem der unzähligen Kissen. Wenn ich Liebe wollte, brauchte ich nur den Kopf an ihrem Bein zu reiben und schon hob sie mich hoch, spielte mit mir oder gab mir Futter.

Nach und nach begann sich unser Leben zu verändern.

An jedem Fenster wucherte Unkraut, die seltsamen Duftwolken, mit denen sich Menschen so gerne einnebeln, verschwanden gänzlich. Ebenso wie der Mann, der so herrlich nach Wurst roch. Definitiv ein Verlust, aber verschmerzbar. Immerhin hatte er nur selten geteilt.

Dass sie unterdessen mehr und mehr Zeit vor dem Bezee verbrachte, kam mir sogar entgegen. Nach dem ersten jugendlichen Überschwang schlafen wir Katzen schließlich gern. Außerdem blieb das Futter tadellos.

Da außer uns beiden niemand die Wohnung betrat, fing sie irgendwann an, mir von ihrem Tag zu erzählen. Vor allem von der ekeligen, dicken Kollegin, die ihr gegenüber saß und ihr ständig was zu essen anbot.

Ihr Problem damit verstand ich zwar nicht, aber als Katze musste ich ja auch kein Mitgefühl heucheln. Ich blieb einfach stoisch liegen und ließ den Redefluss über mich ergehen.

Am liebsten philosophierte sie über die Menschen im Allgemeinen und die Zerstörung der Umwelt im Besonderen. Nach und nach wurde der Tonfall der Vorträge unangenehm. Aufgeregt und schrill, teilweise sogar wild gestikulierend wanderte sie durch die Wohnung. Viel zu anstrengend für einen Kater. Ich verzog mich ins Schlafzimmer und sie sich ins Internet. Dort trieben sich ähnliche Spinner herum, die ihr noch den einen oder anderen Floh mehr ins Ohr setzten.

Allerdings sind Flöhe furchtbar. Das kann euch jede Katze bestätigen.

Dann wurden wilde Pläne geschmiedet. Von zerstörten Fabriken und befreiten Tieren war die Rede – und noch jede Menge weiterer Humbug. Aber abgesehen von dieser eklatanten Ruhestörung war es mir vollkommen gleichgültig, dass sie sich umbenannt hatte und jetzt als FighterforVeggie die Welt retten wollte. Wenn es ihr Spaß machte, bitte sehr. Beste Grüße an die Welt, aber lasst mich in Ruhe schlafen.

An einem verregneten Herbsttag beging sie den einen, entscheidenden Fehler: Sie weigerte sich, mir mein Futter zu kaufen.

Nie wieder wollte sie eine Metzgerei betreten oder tote Tiere in der Wohnung haben. Stattdessen sollte auch ich mich gesund ernähren.

Was, bitteschön, ist für eine Katze gesünder als Frischfleisch? Ich meine, hallo – wir sind Fleischfresser! Eine vegane Katze ist in etwa so sinnvoll wie ein Regenwurm in einer Stepptanzgruppe.

Und kommt mir jetzt bloß nicht mit fleischfressenden Pflanzen. Die haben sich das selbst ausgesucht.

Aber wenn sie einen Kampf haben wollte, konnte sie haben.

Mit den Waffen einer Katze würde ich sie, da war ich mir sicher, rasch in die Knie und zurück zum Metzger zwingen.

Wie es sich für einen Kater gehört, strafte ich den Napf mit Verachtung.

Einen Tag, zwei Tage.

Natürlich wechselte ich kunstvoll ab zwischen lautstarkem Protest und theatralischen ich-kann-mich-kaum-noch-auf-den-Beinen-halten.

Sie blieb eisern.

Ich auch.

An Tag drei begann ich die Tür zum Vorratsraum zu zerkratzen und mit entkräfteter Stimme erbärmlich zu mauzen.

Sie drehte diesen Lärm namens Musik lauter.

Also stellte ich das Schreien ein und fuhr die Krallen aus. Am vierten Tag zerlegte ich systematisch alles, was ihr lieb war.

Am fünften Tag sperrte sie mich ins Bad, wo ich mich tot stellte.

Am sechsten Tag brachte ich mich um.

Versehentlich natürlich. Aber tot bleibt tot, egal wie es dazu kommt.

Das Küchenfenster stand auf Kipp und von draußen zogen herrliche sinnesvernebelnde Gerüche herein. Obwohl ich wusste, dass es eine dämliche Idee war, konnte ich nicht anders.

Ich musste einfach hinaus!

Ihr ahnt es vermutlich schon. Ich rutschte ab, blieb im gekippten Fenster hängen und verreckte dort. Entschuldigt die Wortwahl, aber anders kann ich es nicht nennen. Ersticken ist grausam.

Das dritte Leben

Mein Wunsch:

Eine kleine Gruppe, in der auch auf den Schwächsten Rücksicht genommen wird und es keine Computer gibt.

Das Ergebnis:

Eine Familie mit drei Kindern.

Erster Eindruck:

Hier liegen aber viele Spielsachen herum.

Poppy liebte mich am meisten. Von Anfang an schleppte sie mich mit sich herum, stopfte mich zu sich unter die Decke, schmuggelte mich sogar in der Jacke mit in die Schule. Es war ein bisschen lästig, so geliebt zu werden, aber sie war ja noch ein Menschchen und würde irgendwann größer werden. Darauf hoffend, ließ ich mir alles von ihr gefallen.

Selbst als sie mich in rosa Kleidchen steckte und im Puppenwagen herumfuhr. Vielleicht, so dachte ich in den seltenen ruhig aneinander gekuschelten Momenten, könnte sie sogar der eine Mensch sein, der mich jenseits der Regenbogenbrücke abholen würde.

Aber es kam anders.

Eines Tages brachte Poppys Mutter ein neues Baby mit nach Hause.

Ein hässliches kleines Ding, das ständig schrie und am ganzen Körper rote Flecken hatte. Trotzdem tat es mir leid, da es ständig zum Arzt gebracht wurde. Allein schon bei dem Gedanken an meinen Tierarzt richtete sich mein Nackenfell auf. Und der arme Zwerg hatte noch nicht einmal Haare am Kopf! So konnte er bestimmt keinen Arzt einschüchtern.

Eines Tages riss mich Poppy mitten aus dem schönsten Nickerchen und presste ihr nasses Gesichtchen gegen mein Fell. Eine Zumutung! Aber inzwischen hatte ich gelernt, dass ein nasses Gesicht bei Menschen ein schlechtes Zeichen ist und hielt tapfer still.

Die ganze Nacht ließ mich Poppy kein einziges Mal los. Selbst am Katzenklo kauerte sie neben mir. Etwas irritierend, aber Kinder sind wie alte Menschen. Man muss sie lassen, dann brüllen sie nicht herum.

Als es wieder hell wurde, musste Poppy in die Schule – und ich wurde samt Kratzbaum und Wasserschüssel einfach bei einer fremden Frau abgegeben.

Fassungslos stand ich am Fenster zur Straße und mauzte dem wegfahrenden Auto hinterher. Was hatte ich falsch gemacht? Ich verstand die Welt nicht mehr.

Bestimmt war es ein Missverständnis.

Schließlich hatte ich schon ganz lange, also mindestens einen haben Mondlauf, keine Pflanze mehr ausgegraben und nichts vom Esstisch geklaut. Gut, da lag auch nichts Lohnendes mehr, seit ich einmal mit der Ente abgehauen war.

Aber trotzdem.

Ich war unschuldig!

Beflügelt von der Hoffnung, dass Poppy mein Mensch sein könnte, wurde ich Meister im Ausbrechen. Um danach den Weg nach Hause zu finden, brauchte ich zwar mehr Versuche, als ich Krallen an den Vorderpfoten habe, aber ich schaffte es.

Endlich tauchte das gelb gestrichene Haus mit dem großen Garten vor mir auf. Mit immer schnelleren Sprüngen wetzte ich meiner Poppy entgegen. In einem Satz flog ich über der Mauer. Dann noch im Zickzack um die Büsche herum und hinein durchs offene Küchenfenster. Mein begeistertes Miauen schallte durchs ganze Haus. Nur wenige Herzschläge später würde Poppy die Treppe herunterpoltern, mich in eine ihrer rippenquetschenden Umarmungen schließen und ich wäre endlich wieder zuhause.

Mein Glück, tatsächlich heimgefunden zuhaben, ließ mich total aufgekratzt im Kreis rennen. Ich schrie und schrie und schrie nach Poppy – aber niemand kam.

Langsam fiel die Aufregung von mir ab, der Schwanz sank Richtung Boden, die Pfoten standen still. Dann sah ich mich erst richtig um. Nichts hatte sich verändert – und gleichzeitig alles.

Nicht einen Hinweis gab es mehr, dass ich hier gelebt hatte. Gut, dass meine Spielsachen und die Schüsseln weg sein würden, hatte ich annehmen müssen. Aber warum waren alle Bilder verschwunden? Unzählige Fotos von Poppy und mir hatten an den Wänden gehangen und am Kühlschrank ein Pfotenabdruck.

Ein seltsames Gefühl ließ meine Brust enger werden. Etwas, das ich so noch nie gespürt hatte. Was war hier geschehen?

Geduckt schlich ich ins Wohnzimmer, von dort zum Vorraum und schließlich die Treppe hinauf.

Doch das ganze Haus war menschenleer.

Enttäuscht schlich ich schließlich wieder aus dem Haus heraus und setzte mich draußen vor das Fenster. Meine Heimkehr hatte ich mir anders vorgestellt. Aber Aufgeben stand nicht zur Diskussion. Entschlossen richtete ich mich wieder auf. Noch war nichts verloren. Bilder konnten wieder aufgehängt und Schüsseln neu aufgestellt werden. Ich musste nur etwas Geduld haben, bis Poppy aus der Schule kam. Bestimmt hatte sie heute nur länger dort bleiben müssen und würde jeden Augenblick kommen.

Tatsächlich dauerte es noch eine ganze Weile. Die Sonne wanderte übers ganze Haus und näherte sich schon dem Hügel, hinter dem sie immer unterging. Mein Magen knurrte entsetzlich, doch ein ungutes Gefühl hinderte mich daran, mir rasch eine Maus zu fangen. Es kam mir so vor, als hinge mein Schicksal davon ab, dass ich hier sitzen blieb.

Vollkommener Blödsinn.

Aber das wusste ich naiver Kater damals noch nicht.

Damals dachte ich noch das Beste von den Menschen. Trotz der Episode mit Oscar. Und Veronika war im Grund auch nett gewesen. Sie hätte halt ein, zwei Bücher – ja, Bücher! – über Katzen lesen sollen. Mit dem richtigen Futter ausgestattet, hätten wir gut miteinander auskommen können.

Endlich öffnete sich das Gartentor – sogar das elende Quietschen erschien mir wie ein Willkommensgruß – und die Frau kam mit dem Baby herein. Enttäuscht duckte ich mich. Poppy sollte die Erste sein, die mich zu sehen bekam.

Müde vom Warten rollte ich mich unter den Büschen zusammen. Ich würde es ja hören, wenn sie das Türchen öffnete.

Wie erwartet riss mich das Quietschen aus dem Schlaf und ich sprang erwartungsvoll auf die Pfoten. Kam jetzt Poppy?

Sie war es!

Und wie sehr sie sich freute! Wir Katzen sind nur mäßig gut darin, die Mimik der Menschen zu entschlüsseln, aber dieses Lachen war eindeutig.

Sie rief sogar: „Endlich! Ihr seid wieder da!“

Das ‚ihr‘ hätte mich stutzig machen sollen, aber in diesem Moment war mein Ego größer als ein Schäferhund. Mit weiten Sprüngen wetzte ich Poppy entgegen – und wurde fast über den Haufen gerannt. Fassungslos sah ich, wie Poppy an mir vorbei lief und im Haus verschwand.

Vielleicht wollte sie mir was zu fressen holen?

Die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt und so trabte ich ihr noch immer einigermaßen zuversichtlich hinterher. Ihr wisst ja, Kinder und alte Leute …

Drinnen folgte die nächste Enttäuschung – und von da an ging es Schlag auf Schlag.

Poppy kniete am Boden und herzte das Baby, wedelte mit einem Spielzeug vor dem feisten Gesicht herum und steckte Kekse in das Sabbermaul.

Das musste ich erst einmal verdauen.

Etwas unvorsichtig tappte ich rückwärts und stieß prompt gegen eine Vase. Es klirrte furchtbar, das Baby brüllte los und als sie mich entdeckten, schrien auch Poppy und die Mutter. Allerdings nicht vor Wiedersehensfreude. Im Gegenteil.

Statt Leckerlis und Kuscheleinheiten gab es eine zusammengerollte Zeitung, eine Fliegenpatsche, ein riesiges Handtuch und schließlich einen engen, dunklen Pappkarton ohne Löcher.

Dieses Mal stand ich in meinem Exil-Zuhause nicht am Fenster, um dem wegfahrenden Auto nachzusehen.

Der Rest ist schnell zusammengefasst.

Die neue Frau fand einen Mann. Sie bekamen Nachwuchs und ich strenge Regeln. In die Küche durfte ich nicht, in das Kinderzimmer sowieso nicht und in die Nähe des Babys schon mal gar nicht. Irgendwann begannen sie, mich in den Garten zu lassen. Angeblich, damit ich ein schönes Leben hätte. In Wirklichkeit wollten sie mich wohl eher loswerden. Die versprochene Katzenklappe gab es jedenfalls nie und als der Herbst kam, musste das ehemals offene Fenster natürlich geschlossen werden. Immer öfter saß ich vor der Terrassentür, vorsichtig mit der Pfote kratzend und leise um Einlass mauzend. Drinnen liefen die Menschen hin und her, spielten mit dem Kind, aßen, tranken – und ignorierten mich.

Um auf mich aufmerksam zu machen, grub ich alle Blumen aus, warf den Wäscheständer um, verschleppte Stofftiere, pinkelte in die Sandkiste. Aber nichts half. Sie hörten sogar auf, mir das Futter rauszustellen. So, als gäbe es mich gar nicht mehr.

Schließlich hörte ich, wie sie anderen erzählten, ich sei halb verwildert und wolle nicht mehr rein. Da wusste ich, dass ich keine Chance mehr hatte.

Auf der Suche nach einem neuen Zuhause oder wenigstens etwas zu Fressen durchstreifte ich das ganze Viertel. Aber es war vergeblich. Hier lebten so viele Katzen, dass es noch nicht einmal mehr genug Beutetiere gab, geschweige denn Menschen, die uns alle durchfüttern wollten.

Im zweiten Winter überfuhr mich ein Auto. Ich war noch nicht einmal traurig deswegen.

Das vierte Leben

Mein Wunsch:

Ein Mensch, der sich nicht fortpflanzt, trotzdem Gesellschaft wünscht und die Grundbedürfnisse einer Katze respektiert.

Das Ergebnis:

Eine ständig unglücklich verliebte Single-Frau.

Erster Eindruck:

Nasses Katzenfell müffelt.

Chantale bekam mich als Geschenk zum Auszug aus ihrem Elternhaus. Damit sie nicht so allein sei, hieß es. Tiere zu verschenken ist grundsätzlich eine miserable Idee, aber ich wollte mich nicht beklagen. Chantale wirkte nett, roch nicht übertrieben nach Chemie, stellte gutes Futter hin und spielte ausreichend mit mir, sodass ich mir keine Sorgen machen musste um mein Herz.

Dafür aber bald um ihres.

Das menschliche Herz, das lernte ich rasch, ist ganz anders gestrickt als das einer Katze.

Bei uns geht, Pfote hoch und nicht gelogen, die Liebe gern auch durch den Magen. Wenn ihr dann noch diese eine Stelle – meist hinterm Ohr – findet und regelmäßig krault, könnt ihr euch unserer Zuneigung sicher sein. Wenn es außerdem keine anderen lästigen Mitbewohner gibt, bleiben wir gern ein ganzes Leben lang bei euch.

Das klingt anspruchslos?

Ist es wohl auch. Zumindest im Vergleich mit einem Menschen. Ich bin sicher, das liegt daran, dass wir weder Bücher lesen, noch Filme sehen. Zu glauben, dass man für ein Happy End erst leiden muss, ist gequirlte Mäusekacke. Wer seiner Katze wehtut, liebt sie nicht und ist es nicht wert, dass sie ihre Zeit an ihn verschwendet. Basta.

Aber Menschen, vor allem die weiblichen, wie mir scheint, leiden einfach gern.

Chantale war diesbezüglich ein Paradebeispiel.

In unserer ersten gemeinsamen Zeit kamen und gingen die Männer. Manche brachten Blumen (lecker!), andere Parfüm (bäh!) oder Schokolade (würg!) mit. Einer Sackflöhe. War lustig, die kleinen Krabbeldinger zu jagen. Das anschließende Bad allerdings weniger. Vor allem roch ich tagelang wie das Sofa.

Trotzdem konnte Chantale noch lachen. Halbe Nächte hielt sie sich dieses kleine Bimmelding ans Ohr und quasselte mit anderen Frauen. Es ist wirklich erstaunlich, wie lange sie über Dinge spekulierte, die sie ganz einfach hätte herausfinden können.

Wenn ein Mann neu war, ging es zum Beispiel um Schwanzlängen. Der Punkt blieb mir bis zum Schluss ein Rätsel. Wo, bitte schön, soll der sein? Meiner ist wunderbar geformt, schön plüschig und mit einer leichten Quaste am Ende. Wenn sie darüber stundenlange geredet hätte – gut. Das hätte ich irgendwo noch verstanden. Aber über einen unsichtbaren Schwanz?

Ebenfalls komisch erschien mir die Überlegung, ob der Aktuelle wohl Kinder wolle und wie seine Mutter sei. Was ist denn das für eine Frage? Kinder gehören zur Paarung, die Mutter nicht.

Wenn derselbe Mann schon öfter bei uns gewesen war, wurden ihre Gespräche wirklich absurd. Da konnten sie die halbe Nacht darüber reden, wie er einen Satz gemeint hatte. Und was sie da nicht alles hineininterpretierten. Ehrlich, ein Märchenbuch ist ein Tatsachenbericht dagegen. Gern hätte ich ihr gesagt:

Menschenskind, frag ihn doch einfach! Und hör dir seine Antwort auch an.

So aber blieb mir nur der Rückzug ins Bad. Zwischen den Handtüchern eingerollt hörte ich fast gar nichts mehr von diesem Unsinn. Allerdings musste ich am nächsten Tag meistens ein Donnerwetter über mich ergehen lassen, weil Chantale nach dem Duschen überall Haare hatte.

Trotz allem, im Großen und Ganzen, ging es uns gut.

Das änderte sich, als der Baum aufs Essen fiel.

Jeden Winter stellen die Menschen einen Baum ins Zimmer, hängen lauter verführerisches Glitzerzeug darauf und wollen, dass wir die Pfoten davon lassen. Dazu duftete es in der ganzen Wohnung nach Braten – den wir aber auch in Ruhe lassen sollen.

Und das soll das Fest der Liebe sein. Bah! Katzenfolterfest trifft es eher. Dieses Weihnachten ist ein weiterer Beweis, dass Menschen unter Liebe etwas anderes verstehen als wir.

Nicht einmal ihnen selbst macht es Spaß. Zumindest Chantale nicht. Die saß heulend vor dem Baum und schaufelte Eis in sich hinein. Ich konnte sie bereits jammern hören, wenn sie die Hose mal wieder nur im Liegen zu bekam. Um sie aufzuheitern, zeigte ich meine besten Kunststücke. Auch das „Ras-auf-den-Baum“-Spiel, bei dem es darum geht, möglichst schnell möglichst weit rauf zu klettern. Ich schaffte es auch tatsächlich bis zur Spitze! Stolz miauend verkündete ich noch meinen Triumph, als der Baum unter meinen Pfoten zu kippen begann. Mit einem gewagten Satz rettete ich mich auf den Esstisch. Eine Pfote landete im Kartoffelbrei, eine andere in der Sauce. Lecker!

Chantal hatte weniger Glück. Sie wurde zusammen mit dem Fernseher unter den glitzernden Ästen begraben. Im Gegensatz zum Fernseher funktionierte sie danach noch. Es dauerte allerdings eine ganze Weile, bis sie sich befreien konnte und alles wieder aufgeräumt hatte. Zum ersten Mal musste ich ihr – klammheimlich – recht geben: Ein starker Mann wäre manchmal ganz praktisch. Dann hätte sie mich bestimmt auch seltener allein gelassen. So aber ging sie regelmäßig auf die Jagd, wie sie es nannte. Nur roch ihre bisherige Beute oft genug wie etwas, das der Hund im Garten ausgegraben hatte.

Auch den Bumm-Bumm-Baller-Abend verbrachte sie auf der Pirsch. Bevor sie ging, drückte sie mich besonders fest an sich und sagte: „Ich schwöre dir, ab morgen wird alles anders. Nächstes Jahr sind wir nicht mehr allein. Den nächsten behalte ich. Komme, was wolle.“