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Wenn Chelsea einen Erzfeind hat, dann ist es Literaturagent Nolan Rowe. Seit sie damals um die Position als Programmleitung von Plots&Pieces konkurriert haben, liefern sie sich regelmäßig hitzige Wortgefechte – und ihre Buchmarkt-Wetten sind zu einem richtigen Ritual geworden. Meistens gewinnt Chelsea, doch ausgerechnet ihre bislang gewagteste Wette geht gründlich daneben. Nolan behält recht und im Gegensatz zu sonst war der Wetteinsatz dieses Mal besonders fies: Beim Besuch seiner beiden älteren Schwestern in Oxford, dem Nolan nicht besonders freudig entgegensieht, soll sie so tun, als wäre sie seine unglückliche Verehrerin. Chelsea bleibt nur, ihre Niederlage mit Fassung zu tragen …
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Wetten, dass sie sich nicht verlieben?
Wenn Chelsea einen Erzfeind hat, dann ist es Literaturagent Nolan Rowe. Seit sie damals um die Position als Programmleitung von Plots&Pieces konkurriert haben, liefern sie sich regelmäßig hitzige Wortgefechte - und ihre Buchmarkt-Wetten sind zu einem richtigen Ritual geworden. Meistens gewinnt Chelsea, doch ausgerechnet ihre bislang gewagteste Wette geht gründlich daneben. Nolan behält recht und im Gegensatz zu sonst war der Wetteinsatz dieses Mal besonders fies: Beim Besuch seiner beiden älteren Schwestern in Oxford, dem Nolan nicht besonders freudig entgegensieht, soll sie so tun, als wäre sie seine unglückliche Verehrerin. Chelsea bleibt nur, ihre Niederlage mit Fassung zu tragen …
»With freedom, books, flowers, and the moon,
who could not be perfectly happy?«
– aus: De Profundis, Oscar Wilde
ALMA – Bad News Baby
East Love – Walk Outside
Hamster, Wit Blu – Rose Bouquet
Sophie B. Hawkins – Damn I Wish I Was Your Lover
III-Advised Poetry – Help
AamityMae, Stevie Brock – Hard to Love
Enrique Iglesias, Nicole Scherzinger – Heartbeat
The xx – I Dare You
Kaskade, Ilsey – Disarm You
Terror Jr – Enemies
Marc E. Bassy, KYLE – Plot Twist
St. Lundi – Ready To Be Loved
Emily James – Paper Heart
Sofia Carson – It’s Only Love, Nobody Dies
Demi Lovato – Hold Up
Illy, Vera Blue – Papercuts
Jamie Hannah – Flowers
SNBRN, Discrete, Sofia Karlberg – Paperweight
Adum – THAT’S HOWITGOES
Katelyn Tarver – Made It This Far
B & the Hive – Heart Beat
Francesca Battistelli – My Paper Heart
Chelsea
Den Kopf in den Nacken gelegt, sehe ich an der hellen, efeubewachsenen Ziegelfassade hinauf. In diesem Haus entstehen Geschichten. Viele von ihnen. Sollte ich während des Bewerbungsgesprächs gleich gebeten werden, alle Titel des Verlagsprogramms zu nennen, die mir einfallen, würde meine Aufzählung mit Sicherheit mindestens fünf Minuten dauern. Allein dafür, was ich für heute alles an Infos über Eastmore Publishing in mein Gedächtnis gepresst habe, müsste ich die Stelle schon bekommen.
»Entschuldigung, würden Sie mir bitte aus dem Weg gehen?«
Die Männerstimme in meinem Rücken klingt freundlich, aber bestimmt.
Ich trete zur Seite und nehme den Kerl in Augenschein, der da in den Verlag will. Schwarze Haare, breite Schultern, lässiger Businesslook, ungefähr mein Alter.
»Guten Tag«, grüße ich. »Arbeiten Sie hier?«
Er hält auf meiner Höhe inne und sieht mich mit unverkennbarer Neugier in den Augen an. »Noch nicht, aber wenn alles nach Plan läuft, sehr bald.«
Schwungvoll zieht er die Tür auf, und ich stehe da und begreife.
Er oder ich.
»Der Job als Programmleitung bei Plots&Pieces?«, frage ich dennoch nach.
Mitten in der Bewegung dreht er sich wieder zu mir um, und beinahe knallt er dabei gegen die Tür – im letzten Moment fängt er sie noch ab.
»Dann tut es mir leid, Sie enttäuschen zu müssen«, sage ich, denn sein Blick hat mir meine Befürchtung sofort bestätigt.
Ist das deren Ernst? Ich meine, das macht man doch nicht, zwei Bewerbungsgespräche zum selben Termin?
Die erste harmlose Neugier in seinem Gesicht ist einer ganz anderen Sorte gewichen. Fast schon berechnend sieht er jetzt auf mich herab, und ich steige die letzten beiden Stufen hoch, um mit ihm auf Augenhöhe zu sein.
»Oh, ich fürchte, die Enttäuschung wird Ihnen zuteilwerden. Aber ich lade Sie gern zum Trost später auf einen Kaffee ein.«
»Wow.« Zuteilwerden? Wer spricht bitte so? Und wäre ja auch zu schön gewesen, wenn ihm zumindest etwas zu sagen eingefallen wäre, was ein männlicher Mitbewerber genauso zu hören bekommen hätte. Außerdem trinke ich keinen Kaffee. »Darf ich?« Ich schiebe mich an ihm vorbei in den Verlag und mache den Fehler, dabei kurz aufzublicken. Seine Augen sind weniger als zwei Handbreit von meinen entfernt, und in ihrem Graublau funkelt eine unerträgliche Belustigung.
Der Typ glaubt, dass ich keine Chance gegen ihn habe.
Was ich ihm wahrscheinlich zugestehen muss, da ich umgekehrt dasselbe glaube, aber hier geht es ums Prinzip.
Ohne weiter meine Zeit an ihn zu verschwenden, gehe ich zum Empfang, wo mir eine junge Frau freundlich entgegenlächelt.
»Guten Morgen, Chelsea Whitlock, ich komme zum Vorstellungsgespräch.«
Mein Konkurrent tritt neben mich, und der Blick der Frau – Ms Green, wie ein Namensschild auf dem Tisch verrät – springt zwischen uns hin und her. Ich versuche, mir vorzustellen, welchen ersten Eindruck sie von ihm und mir hat – dem Mann mit den Unwetteraugen und der Frau mit den hennagefärbten Haaren.
»Willkommen«, grüßt Ms Green. »Ich rufe gleich oben an. Und Sie sind?«
Er stützt eine Hand auf der Theke ab, als gehöre sie zur Privatbar in seinem Wohnzimmer. »Nolan Rowe. Mein Gespräch ist etwas später – Ladies first – aber ich wollte vorher noch gern meinen Bekannten in der Rechtsabteilung besuchen. Jared Wilson.«
Also auch noch Vitamin B. Großartig.
Hier im Schein der Deckenlampen muss ich meinen positiven ersten Eindruck von ihm revidieren. Zu dem blauen Anzug sind die weißen Sneaker übertrieben leger und das dezente Rankenmuster des ebenfalls weißen Hemds soll dem Ganzen wahrscheinlich einen kreativen Touch geben, der aber sehr pseudomäßig ausfällt. Na gut, ja, mein Urteil ist nicht wirklich von Mr Rowes Kleidung getrübt worden, sondern von dem Grund seines Hierseins.
Während Ms Green den Anruf tätigt, um mich anzukündigen, kreuzen sich immer wieder unsere Blicke wie die Klingen zweier Degen.
Keine Chance, sagt seiner, und ich hoffe, meiner erwidert: Ich werde dich vernichten.
Ms Green steht auf und kommt auf unsere Seite der Theke. »Mrs Clarke ist unglücklicherweise ein wichtiger Anruf dazwischengekommen, hat mir ihr Sekretär gerade mitgeteilt. Sie werden noch ein paar Minuten warten müssen, entschuldigen Sie bitte.«
»Gar kein Problem.« Ich lächle. Hauptsache, ich darf den Anfang machen. Wenn ich gut vorlege, wird die Verlagsleitung so begeistert von mir sein, dass dieser Nolan Rowe es schwer haben wird, noch an mich heranzukommen.
Ms Green führt uns beide die Treppe hoch und deutet auf das Büro, in dem Mr Rowe seinen Bekannten finden kann. Mich führt sie in einen kleinen Raum voller Bücherregale rund um einen Konferenztisch.
»Sie werden dann hier abgeholt.«
»Alles klar, vielen Dank.«
Ich stöbere ein bisschen in den Regalen und kämpfe gegen die Nervosität. Hätte ich direkt durchstarten können, wäre alles gut, aber die Verzögerung droht mich aus dem Konzept zu bringen.
Als sich auch nach einigen Minuten noch niemand bei mir hat blicken lassen, setze ich mich seufzend an den Tisch und schaue aus dem Fenster auf den wirklich schönen Straßenzug North Oxfords hinaus.
Die Tür öffnet sich, und ich will schon mit höflichem Lächeln aufspringen, da erkenne ich meinen Mitbewerber.
»Ah, auch noch hier? Schade, dann muss ich mich wohl auf eine längere Wartezeit einstellen. Ist ja schlimmer als beim Arzt!«
Vermutlich hat sein Bekannter ihn weggeschickt, um in Ruhe weiterarbeiten zu können. Ist doch schon mal ein gutes Zeichen – so ein toller Fürsprecher ist dieser Jared Wilson vielleicht gar nicht.
Mr Rowe setzt sich ans andere Tischende und betrachtet die Regale von dort aus. Ob er auch durchgeht, wie viele der Bücher ihm etwas sagen?
»Wetten, ich kenne mehr davon als Sie?«, rutscht es mir heraus.
»Kann nicht sein.« Seine Aufmerksamkeit gilt nun ganz mir. »Schade, dass wir nicht um die Stelle wetten können. Aber gut, dann laden eben Sie mich auf einen Kaffee ein, wenn Sie verlieren. Was Sie werden.«
Er verkörpert die pure Selbstüberschätzung.
»Siege ich, wünschen Sie mir, sobald ich zu Mrs Clarke gebeten werde, dass der Verlag sich für mich entscheidet«, verlange ich. »Hier die Regeln: Ob gelesen oder ungelesen, aber schon mal davon gehört, ist egal. Wir nennen so lange im Wechsel einen der Romantitel hier im Raum mit Namen der Hauptfigur und einem Satz zum Inhalt, bis Sie zu keinem weiteren Buch mehr etwas sagen können.«
»Bis Sie zu keinem weiteren Buch etwas sagen können.« Er deutet auf mich, als müsste er klarstellen, dass er mir nicht bloß nachplappert, sondern total schlagfertig ist. »Die Wette gilt.«
Nun hoffe ich fast, dass sie uns noch etwas länger warten lassen, damit ich den kleinen Sieg mitnehmen kann.
Ich starte ohne weitere Diskussion mit Fear of Five, einem Thriller, Mr Rowe wählt mit Another Day of Learning einen Entwicklungsroman, ich daraufhin den ersten Band der historischen Farnsworth-Hall-Saga.
Er hält länger mit, als ich erwartet habe. Sobald nichts mehr von ihm kommt, zähle ich einfach weiter auf, Buch um Buch.
»Ich könnte noch ewig weitermachen, aber wir müssen das ja nicht unnötig ausdehnen«, meine ich schließlich. »Sie können den Mund jetzt wieder schließen, danke für die Bewunderung.«
Natürlich trage ich extra dick auf, aber auch wenn er in Wahrheit bloß mit zusammengepressten Lippen dasitzt, weiß ich, dass ich ihn beeindruckt habe.
Ich sehe auf meinem Handy nach, wie spät es ist. Fünfzehn Minuten nach der vereinbarten Zeit, das geht ja noch.
Gerade will ich das Display wieder ausschalten, da zeigt es einen eingehenden Anruf an.
Ich werfe einen Blick zur Tür, die immer noch geschlossen bleibt, und gehe dran. »Im Ernst, Marc?«
»Wie war’s?«, fragt er direkt.
»Du kannst mich nicht einfach anrufen, wenn ich ein Vorstellungsgespräch habe! Ich habe dir doch gesagt, um 10:30 Uhr, wieso meldest du dich dann schon eine Viertelstunde später? Es kam noch was dazwischen, ich werde gleich erst reingeholt.«
»Oh, okay. Wird schon. Du weißt, dass es nicht schlimm ist, wenn sie dich nicht nehmen.«
»Danke, aber ich bin eigentlich zuversichtlich.«
Ich frage mich, ob er mir wirklich mögliche Ängste nehmen möchte – oder in Wahrheit gar nicht will, dass sie mich einstellen.
Nolan Rowe lacht leise in sich hinein. Was für ein nervtötender Mensch.
»Muss jetzt auflegen. Bis später, Schatz.«
Marc erwidert irgendwas, da habe ich das Handy aber schon vom Ohr genommen und höre ihn nicht mehr.
»Bis späääter, Schaaaatz«, flötet der Mann am anderen Tischende.
Das letzte Mal wurde ich im College nachgeäfft.
»Wunderbar«, sage ich. »Bis gerade hatte ich trotz Ihrer bescheidenen Kenntnisse des Verlagsprogramms noch eine kleine Restsorge, dass ich die Stelle nicht bekomme, aber jetzt … Ich bin sicher, sie wollen jemanden mit Charakter.«
Das charmante Grinsen, das er daraufhin aufsetzt, wird ihm da auch nicht weiterhelfen.
Netterweise kommt genau in diesem Moment eine Frau herein und bittet mich, mit zu Mrs Clarkes Büro zu kommen.
»Ich hoffe sehr, dass sie sich für Sie entscheiden«, sagt Mr Rowe laut und deutlich.
Immerhin spielt er fair.
»Viel Glück!«, verabschiede ich mich und füge mit meinem Blick hinzu, was meine zukünftige Kollegin nicht unbedingt mitbekommen muss: Woanders – denn das hier wird mein Job sein.
Heute …
Sie bereitet sich darauf vor, ihren alten Rivalen wiederzutreffen – ihn. Er bekommt unerwarteten Besuch.(aus dem Kapitelplan zu Paperweight Hearts von Tarah Keys)
Chelsea
»Und, ist bei Eve Ross was dabei, was wir zum Prüfen bestellen sollten?«, frage ich Melodea und nehme die Liste entgegen, die sie für mich erstellt hat.
Du meinst, ist bei Nolan Rowe was dabei?, fragt sie zurück, ohne es verbal äußern zu müssen. Ihr Gesicht spricht Bände.
Als meine Assistentin unterstützt sie mich bei den Vorbereitungen für die anstehende Londoner Buchmesse und hat einige der Projektpräsentationen von Agenturen durchgesehen, auf der Suche nach Titeln, die zu Plots&Pieces passen könnten. Bei der Eve Ross Literary Agency, für die Nolan mein Ansprechpartner ist, lasse ich sie immer drüberschauen. Damit mir kein tolles Manuskript entgeht, nur weil der falsche Mann es mir zu verkaufen versucht.
»Hatten wir uns dieses …«, Melodea liest in den Notizen auf ihrem Spiralblock nach, »Soon to be Happen von Tess West letzten Herbst eigentlich gar nicht angeschaut?«
»Sag jetzt bitte nicht, dass es für dich vielversprechend klang.« Bitte nicht, sonst bin ich geliefert. Könnte sein, dass ich bei unserem letzten Termin mit Nolan gewettet habe, er würde es nie schaffen, dieses Buch bei einem Verlag unterzubringen.
»Nein, wirkte sehr austauschbar. Ich frag nur, weil von der Autorin wieder ein Titel dabei ist, der nach einer stark überarbeiteten Fassung klingt. Sind jetzt ein, zwei interessante Twists im Pitch drin, vielleicht geben wir der Sache eine Chance?«
Ha, also lag ich doch richtig!
»Oh, unbedingt, ich fordere es gern an!«
»Woher die Euphorie?« Melodea sieht mich aufmerksam an, so wie immer, wenn wir über Nolan sprechen. Ich habe vielleicht einmal zu viel angedeutet, dass der Mann ein Talent dafür hat, mich aggressiv zu machen.
Kurz wäge ich ab, ob ich mich als Chefin lächerlich mache, wenn ich ihr die Wahrheit sage. Aber warum eigentlich? Schließlich bin ich in dieser Geschichte die Siegerin.
»Weil ich eine Wette gegen ihn gewonnen habe.«
»Uh! Gab es einen Einsatz?«
»In allererster Linie geht es immer um die Ehre. Aber es könnte sein, dass er mir jetzt außerdem eine Vase schuldet, die … Warum lachst du jetzt?«
»Weil er dir keine Blumen schenken darf, sondern nur was zum Reinstellen.«
Ich gebe einen Laut der Zustimmung von mir. Nolan Rowe ist in der Tat der letzte Mensch, von dem ich Blumen wollen würde.
Mein Blick schweift zu meinen hübschen weißen Tulpen, die ich mir gestern selbst gekauft habe. Ohne Blüten in meiner Sichtweite fehlt mir die Inspiration – sie bringen meine Gedanken erst richtig zum … Blühen.
»Wenden wir uns doch dem Rest meiner Termine zu«, sage ich, und wir gehen gemeinsam durch, wen ich auf der Messe worauf unbedingt ansprechen sollte. Neben Nolan treffe ich noch Leute von vier weiteren Agenturen; außerdem werden mir ein paar italienische und französische Verlage ihre Neuheiten vorstellen, damit wir überlegen können, ob wir etwas davon lizenzieren und ins Englische übersetzen lassen wollen.
»Ja?«, rufe ich, als es an der Bürotür klopft.
Lorne tritt mit seinem Gute-Laune-Strahlen in den Raum, das sich beim Anblick von Melodea noch intensiviert. Er scheint außerdem prompt vergessen zu haben, warum er eigentlich hergekommen ist, jedenfalls steht er einen langen Augenblick da und schaut sie einfach nur an.
»Was gibt es denn?«, helfe ich nach.
Er räuspert sich und hält das Handy hoch, das er als Social Media Manager kaum aus der Hand legt. »Gute Nachrichten gibt’s. Sehr gute sogar. Lies selbst!«
Lorne legt mir das Handy vor die Nase. Er hat darauf eine Website geöffnet, und jetzt bin ich es, die alles um sich herum vergisst. Was ich da vor mir habe, ist die Shortlist für den British Book Trade Talents Award, eine Auszeichnung für besondere Erfolge von Nachwuchskräften der Buchbranche im United Kingdom – und da steht mein Name. Ich warte auf die Freude, doch alles, was passiert, ist, dass ich von Sekunde zu Sekunde schlechter Luft bekomme. Ja, ich gebe alles für Plots&Pieces, aber diese Nominierung habe ich mit Sicherheit nicht –
»Das ist so verdient!«, platzt Melodea, für sie völlig untypisch, laut heraus. Sie hat sich auf dem Stuhl vorgebeugt und wohl kopfüber entziffert, worum es geht.
Es rührt mich, dass die beiden sich so für mich freuen. Wenigstens sie, wenn ich es schon nicht so richtig kann.
Erst auf den zweiten Blick entdecke ich es, und dass ich mich jetzt ärgern kann, statt mich mit meinem inneren Chaos zu befassen, kommt mir sehr gelegen. Natürlich. Fünf Namen und seiner muss auch dabei sein. Wer bitte hat ihn für ein Branchentalent befunden? Bei den anderen drei ist das keine Frage: der Gründer eines neuen Kleinverlags, der schon mit seinem ersten Programm für Furore gesorgt hat, die Betreiberin eines großen Shops für Bookmerch und die Marketingleiterin aus einem unserer größten Konkurrenzverlage, die für ihre innovativen und überdurchschnittlich erfolgreichen Kampagnen bekannt ist.
»Wann und wie wird entschieden, wer gewinnt?«, fragt Melodea, und ich reiche ihr das Handy, damit sie selbst nachlesen kann.
»Das ist eine echt große Sache! Darf ich es auf unseren Kanälen teilen? Können wir ein Foto machen, vielleicht mit den Tulpen? Wenn du mit dem Stuhl ein Stück nach rechts – von dir aus – rollst, wäre das ein wirklich gutes Motiv für einen Shortlistschnappschuss.«
Lornes Begeisterung macht mich wirklich ein wenig verlegen. Ich habe keine Ahnung, wer mich überhaupt für die Nominierung vorgeschlagen hat, und nicht damit gerechnet, es ins Finale zu schaffen. Das Verlagslabel zu dem zu machen, was es heute ist, war eine große Herausforderung, trotz des bereits lange etablierten Verlags im Hintergrund, aber in letzter Zeit bin ich weit unter meinen Möglichkeiten geblieben.
Mit welcher Begründung Nolan wohl nominiert wurde? Gut, er hat in der letzten Zeit ein paar beinahe phänomenale Vertragsabschlüsse erzielt und unter anderem Amanda Darlings Vertretung übernommen – wobei nicht vergessen werden darf, dass ich die Star-Influencerin schon zuvor als Autorin für uns akquiriert hatte. Ihr zweites Buch liegt in den letzten Zügen, Melodea schreibt als Ghostwriterin aktuell das Schlusskapitel.
»So?«, frage ich, während ich für das Foto posiere, den Arm auf den Tisch gestützt und das Kinn auf meine Fingerknöchel.
»Perfekt! Moment, ich mache mehrere.«
»Die Verleihung findet im September auf einem Branchenkongress in London statt«, stellt Melodea fest. »Quasi der Auftakt der Buchmarktevents – vor der Frankfurter Buchmesse im Oktober und dem Booker Prize im November.«
»Du holst dir den Award mit Sicherheit!« Lorne reckt die Faust in die Höhe, und ich fühle mich an meine Zeit als Profifechterin erinnert. Als würde mir ein Wettkampf bevorstehen. Dabei bin ich mir nicht mal sicher, ob ich freiwillig angetreten wäre.
»Danke.« Mehr bringe ich nicht heraus.
Wie sollte ich auch erklären, dass mir beim Gedanken, für meine Arbeit ausgezeichnet zu werden, fast übel wird?
Nolan
Das Schrillen der Türklingel lässt mich vor Schreck fast aus meiner Planking-Pose auf der Sportmatte zusammensacken.
Wer ist das denn so spät noch?
Da ich kein Essen bestellt habe und alle, mit denen ich näher zu tun habe, wissen, dass ich Spontanbesuche hasse, fällt mir nur eine Person ein, die es sein kann. Die eine Ausnahme von der Regel – und ich wünschte im Moment, ich hätte sie nie dazu werden lassen. Weil unser Scheitern – wieder und wieder – einfach nur so verdammt wehgetan hat.
Sicherheitshalber ziehe ich rasch die Sachen wieder an, die ich auf der Arbeit getragen habe. Ich weiß, wozu es führen würde, wenn ich in Sportshorts und leicht atemlos an die Tür ginge.
Gar nicht erst aufzumachen, wäre sehr verlockend, aber auch feige.
Meine letzte kleine Hoffnung, falschzuliegen, zerschlägt sich, als ich öffne.
»Joyce, hi.«
Sie trägt die blonden Haare hochgesteckt, was ich kaum jemals an ihr gesehen habe, und hält eine Flasche Champagner in den Händen. Weil sie zu viel Geld hat und glaubt, dass es bei ihrem Plan für heute Abend helfen wird.
Ihr Anblick reißt mich tief in eine Erinnerung hinein: der Abend nach meinem Uni-Abschluss, Joyce in einem ganz ähnlichen weinroten Kleid, ganz ähnlicher Champagner, Lachen, Lippen auf Lippen, Joye ohne das weinrote Kleid …
Ich schüttle den Kopf, als könnte ich die Bilder damit vertreiben.
»Lass uns über eine letzte Chance sprechen.« Sie lächelt, kein bisschen unsicher, obwohl sie das wenigstens innerlich sein muss. Es löst dieselbe alte Vertrautheit aus, aber auch das Stechen all der wunden Punkte aus der Zeit mit ihr. Egal wie sehr wir es uns anders gewünscht haben – es sollte früher nicht sein, und heute passt es genauso wenig zwischen uns. Ist ja nicht so, als ob wir es nicht ernsthaft versucht hätten. Die letzte Chance, von der sie spricht, haben wir bereits hinter uns. Ich habe das erst verstanden, als sie sich diesen Ausrutscher mit dem Typen aus dem Aquarellkurs geleistet hat. Dafür hassen kann ich sie nicht, aber es hat mir alles gesagt, was ich wissen musste.
»Kann ich reinkommen?«
»Wie wär’s, wenn du vorher fragst, statt einfach aus dem Nichts aufzutauchen?« Dabei kenne ich die Antwort: weil das Überraschungsmoment mich schon oft ins Wanken gebracht hat – genau das, worauf sie auch jetzt hofft.
»Nolan.« Sie deutet mit dem Flaschenhals ins Innere meiner Wohnung.
»Die London Book Fair steht vor der Tür, ich mach gerade nur eine Arbeitspause und setz mich gleich noch mal an den Laptop.« Das ist nicht gelogen. Daniella Jennings hat heute Morgen die Leseprobe für meinen Messeaussand – das Versenden der angefragten Projektunterlagen an die Ansprechpersonen in den Verlagen – geschickt, und es ist noch etwas mehr am Text zu feilen, als ich gedacht hatte. Ein kleines Vorlektorat mit Überarbeitungshinweisen und Korrekturen mache ich als Agent bei jedem Projekt, aber Daniella hat es erst auf Seite vier geschafft, mich zu fesseln. Das ist zu spät für die Leserschaft. Wenn ich diesen Roman vermitteln will, muss sich ordentlich was am Anfang tun. Ich überlege sogar, ob wir die erste Szene abwandeln und weiter nach hinten schieben, damit die bereits starke Passage vorrückt.
»Ähm, hallo? Nicht gedanklich abschweifen! Ich steh hier gerade vor dir und warte, dass du mich verdammt noch mal endlich reinlässt. Und ja, ich habe verstanden, dass du uns aufgegeben hast. Aber ich nicht. Ich kann einfach nicht.«
Lange Zeit habe ich geglaubt, es wäre unmöglich, sie in meinem Leben an eine andere Stelle zu setzen, sie auf Abstand zu halten, damit wir beide von diesem nervenaufreibenden, nie enden wollenden Chaos wegkommen – bis zu ihrem Seitensprung. Sehr zynisch betrachtet, hat sie uns damit vielleicht einen Gefallen getan.
Das einzig Richtige wäre es, sie wegzuschicken.
»Ein Glas.« Ich trete zur Seite und fühle mich, als würde ich auch damit schon zu sehr nachgeben. Wieso nur bin ich so schlecht darin, hart zu bleiben? Ich weiß doch genau, was ich will – und vor allem, was nicht mehr.
Joyce quittiert meine halbherzige Einladung mit einem weiteren Lächeln und tritt ein. »Danke. Und wenn du nicht reden willst, dann verschieben wir das und machen uns heute Nacht einfach keine Gedanken. Du solltest dir zur Abwechslung mal etwas gönnen, das Spaß macht.«
Das kann ja wohl nicht ihr Ernst sein.
»Meine Arbeit macht mir Spaß.«
»Schon, aber es gibt noch eine Menge anderer spaßiger Dinge. Die viel entspannender sind.« Sie streift ihren Mantel ab und lässt ihn einfach zu Boden gleiten – eine wenig elegante Nachahmung früherer Begegnungen hier in dieser Wohnung.
Ich hebe ihn auf und hänge ihn an die Garderobe.
»Denkst du, ich will dich auf irgendwas festnageln?« Joyce trägt die Flasche zu meiner Küchenzeile, um sie zu entkorken. »Komm schon, wir müssen es ja nicht sofort wieder ›Beziehung‹ nennen. Ich weiß, mein Betrug war schlimmer als all unsere Krisen davor zusammen, und ich werde ihn für immer bereuen. Aber jetzt waren wir so lange getrennt wie noch nie, und es ist furchtbar. Was haben wir zu verlieren? Oder gibt es was, von dem du mir erzählen willst? Jemanden?«
Ich nehme schweigend zwei Gläser aus dem Schrank, bis mir auffällt, dass Stille nach einer solchen Frage sehr schnell missverstanden werden kann.
»Das geht dich zwar nichts mehr an, aber nein. Mir ist nur einfach nicht nach was auch immer du hier vorhast. Du jagst einer Illusion nach, die du selbst hast platzen lassen.« Ich mache einen Schritt auf sie zu und bereue es noch in der Bewegung, denn sie kommt mir sofort entgegen.
»Das zwischen uns war nie eine Illusion, sondern das Echteste überhaupt in meinem Leben. Was kann ich tun? Sag’s mir«, fordert sie.
Aber es gibt nichts zu sagen. Ihre Gefühle sind mir zu wichtig, als dass ich es wagen würde, ihr ins Gesicht zu schleudern, wie schwer sie es uns beiden gerade macht.
»Glaubst du, ich hätte nicht gern das Happy End gehabt?«, fasse ich meinen Gedankensturm zusammen. »Dass das Nachbarsmädchen, in das ich jahrelang verliebt war, und ich uns ein gemeinsames Leben aufbauen? Aber du warst doch dabei. Du warst unglücklich, ich war unglücklich, bei jedem einzelnen Versuch, etwas von Dauer daraus werden zu lassen. Das steht nicht mehr zur Diskussion.«
Sie hebt fast trotzig das Kinn. »Lassen wir das. Eigentlich bin ich zum Feiern hergekommen. Denn das ist es, was du an mir hast: jemanden, an dem deine Erfolge nicht einfach vorbeigehen.« Sie schenkt mein Glas voll und schiebt es auffordernd über die Arbeitsplatte in meine Richtung. »Auf deine Award-Nominierung!«
Ich nehme den ersten kleinen Schluck. Dabei bin ich wirklich nicht in Champagnerlaune und brauche für nachher noch einen klaren Kopf. »Hast du gesehen, wer die anderen sind?«
»Na, verstecken musst du dich zwischen denen nicht. Und wäre das nicht die Gelegenheit, um dich bei dieser Ms Whitlock dafür zu revanchieren, dass sie dir damals den Job weggeschnappt hat? Das ist doch dieselbe, oder?«
»Leider ja. Die Frau ist wie Kotze – bahnt sich ihren Weg, und man kann sie nicht aufhalten.«
Joyce spuckt fast den Champagner durch die Küche. »Deine sprachlichen Bilder sind immer so schön«, japst sie.
Ich habe sie lang nicht mehr so lachen sehen. Fast hätte es das Potenzial, mich zurück in mein früheres Ich zu verwandeln, das sie jetzt an sich gezogen hätte. Aber mein heutiges Ich ist auf der Hut vor ihr. Weil sie immer noch zu glauben scheint, wir könnten uns ändern. Kaum etwas ist gefährlicher für mich. Wenn mir jetzt auch nur ein Hauch Zweifel an meiner Entscheidung kommt, begeben Joyce und ich uns auf direktem Weg wieder in unsere Abwärtsspirale.
»Erst mal muss ich sie auf der Messe treffen«, verfolge ich also das äußerst unattraktive Thema Chelsea weiter. »Wo sie sich wieder aufführen wird, als hätte sie Gutenberg höchstpersönlich zur Erfindung des Buchdrucks inspiriert und daher das Monopol über alles Wissen der Branche, während alle anderen und insbesondere ich nur Rädchen im Getriebe sind.«
»Das würde ich ja zu gern miterleben.« Joyce knufft mich sanft gegen den Arm, eine subtile Berührung, in der die Hoffnung auf weitere, intimere liegt. »Ich kann mir ehrlich gesagt nicht vorstellen, wie du dich von jemandem unterbuttern lässt.«
»Davon hab ich auch nie was gesagt.« Obwohl es wahrscheinlich tatsächlich Chelseas Ziel ist, immer über alle zu triumphieren, habe ich ihr genug entgegenzusetzen. Es ist mein Anspruch, sie mindestens genauso sehr zu stressen wie sie mich.
»Hey, ich muss wirklich noch arbeiten – wenn du bleiben willst, kannst du gern ein bisschen netflixen oder so«, mache ich einen Kompromissvorschlag.
»Okay, klar.« Es klingt nicht mal besonders deprimiert, da sie – das kann ich in ihren Augen sehen – davon ausgeht, dass ich dann später dazustoße und sie eine Kuscheloffensive starten kann.
Ich kenne sie allerdings lange genug, um zu wissen, dass stattdessen mein eigener Plan aufgehen wird: Sie wird schon von ein bisschen Alkohol so schnell müde, dass sie auf dem Sofa einpennen und dort morgen früh auch aufwachen wird. Allein.
Trotz meiner Erfolg versprechenden Strategie fällt es mir schwer, mich, zurück am Schreibtisch, wieder auf meine Aufgaben zu konzentrieren. So gut es geht, kämpfe ich mich voran, doch ich bin in einer emotionalen Schraubzwinge gefangen. Ein Teil von mir möchte es doch – nicht nachdenken, wieder Nähe erleben, die Konsequenzen ausblenden.
Ich muss hier raus.
Da ist dieser unbestimmte Druck, der sich auf meinen Brustkorb legt, und das Einzige, was dagegen helfen kann, ist eine Runde unter dem dunkelblauen Sternenhimmel.
Also schleiche ich mich zur Tür. Joyce taucht nicht auf, als ich meine Schuhe anziehe, und schon verlasse ich leise das Haus.
So schnell kann es gehen. Nur ein Besuch von ihr, und es fühlt sich an, als würde mir mein ganzes Leben um die Ohren fliegen.
Schritt für Schritt, Atemzug für Atemzug, Straße für Straße erobere ich mir ein Stück Ruhe zurück. Lasse die Traurigkeit zu und arbeite an meiner Entschlossenheit. Die werde ich brauchen, wenn sich die Dinge, wenn schon nicht zu einem Happy End, wenigstens zum einigermaßen Guten wenden sollen.
Sie zeigt auf der Buchmesse ihre innere Distel. Er fordert sie zu einer gewagten neuen Wette heraus.(aus dem Kapitelplan zu Paperweight Hearts von Tarah Keys)
Chelsea
»Und, schon erste Manuskriptentdeckungen gemacht?«
Clio aus dem Lektorat, die gerade ein paar Bücher in unserem Messestandregal zurechtrückt, dreht sich zu mir um und lächelt. »Eins, das mehr als interessant klingt, schickt mir Kiersten von Joelle Kendall Associates, und eben war ein Autor am Stand, der schon veröffentlicht hat und an einem neuen Projekt arbeitet, das gut zu uns passen könnte. Und du?«
»Für mich geht es jetzt erst los mit den Agenturterminen. Ich habe mich mit einer Ex-Kommilitonin getroffen. Sie arbeitet im Vertrieb und hat gerade den Verlag gewechselt.« Ich grinse. »Und wie du ist sie ein großer Sherburn-Fan.« Ich kann es nach wie vor nicht lassen, Clio damit zu necken, dass sie mit einem unserer Bestsellerautoren zusammengekommen ist.
»Wer nicht?« Ihre Wangen haben eine etwas kräftigere Färbung angenommen – süß. »Triffst du eigentlich auch deinen Lieblingsagenten? Diesen Nolan Rowe?«
Die Frage ist … weniger süß.
»Ja, gleich als Erstes. Wieso nennst du ihn so?«
»Oh, ich … Alle haben doch so ihre Lieblingsmessetermine?«
»Er hat vielleicht nicht das beste Gespür für gute Bücher, aber es schadet trotzdem nicht, ihn wenigstens aus Mitleid zu treffen.« Wieso noch mal musst du ihn immer als unfähig hinstellen? Was sagt das über dich aus?
Doch Clio lacht über meinen unprofessionellen Kommentar. »Ich möchte dich bitte niemals gegen mich haben.«
»Daaaaaaaann solltest du deinen Freund zum Weiterschreiben bewegen«, witzele ich in meinem ernstesten Ton, sodass in Clios Gesicht Belustigung und Verunsicherung miteinander streiten. »Bis später dann.«
Als ich den Stand verlasse, stehen unser Social Media Manager und meine Assistentin gerade neben der Standtheke ganz dicht beieinander und schmachten sich an.
»Jetzt nicht kuscheln, arbeiten!«, sage ich energisch, woraufhin sie fast panisch auseinanderstolpern.
Mit einem Lächeln auf den Lippen gehe ich weiter. Ich habe die beiden schon immer geshippt, und jetzt sind sie das beste Teampärchen der Welt. Dann Clio, die ihr stürmisches Herz an einen Autor verloren hat … Der Stoff, aus dem Liebesromane gemacht sind. Und sie alle hin und wieder ein bisschen damit aufzuziehen, macht ziemlich viel Spaß.
Ich stelle mich in die Schlange bei den Damentoiletten und ziehe wenig später vor dem Spiegel meinen Lippenstift nach.
Kann losgehen.
Ich begebe mich durchs Getümmel zum International Rights Centre, wo die Agenten und Agentinnen, die ich gleich im Halbstundentakt abklappere, ihre Tische haben.
Ich erspähe Nolan schon aus einiger Entfernung, wie er einer Lektorin von TrengrowBooks mit ausholenden Gesten ein Projekt pitcht, also mit einer wirklich kurzen Zusammenfassung ihr Kaufinteresse zu wecken versucht. Andere würden es wahrscheinlich als Begeisterung interpretieren, aber auf mich wirkt sein Gehabe affektiert. Die beiden scherzen miteinander, und ich verdrehe die Augen. Er kann es einfach nicht lassen. Schau mal, ich bin ein lesender Typ, und ich sehe so gut aus, deshalb lass dir doch ein paar Schrottbücher von mir empfehlen. Zwinker, zwinker, lächel, grins, flirt.
Wenn er wenigstens nicht wirklich gut aussähe, wäre es nur halb so schlimm.
Als die beiden sich von ihren Stühlen erheben und über den Tisch hinweg mit einem Händedruck verabschieden, entdeckt er mich, und sein Gewinnerlächeln entgleist. Immerhin ist er lernfähig. Er weiß, dass er bei mir gar nicht gewinnen kann.
Ich schlendere näher und nehme den Platz meiner Vorgängerin ein, kaum dass sie weg ist.
»Wie immer erfüllt mich bei diesem Anblick pure Freude.« Nolan macht eine Bewegung mit beiden Händen, als würde er mich einem Publikum präsentieren.
»Geht mir umgekehrt ganz genauso.« Ich deute auf die Brosche an seinem Hemd – ein Ast, an dem ein kleiner silberner Affe in die Brusttasche zu klettern versucht. »Und das Äffchen ist auch wieder mit dabei. Es ist so … affig.«
Kein Wunder, dass er es sich damals beim Bewerbungsgespräch nicht zu tragen getraut hat, aber seitdem habe ich ihn nie ohne das Ding gesehen. Ich finde, es entlarvt sein ganzes Wesen sehr gut und spreche ihn jedes Mal darauf an, was er wiederum standhaft ignoriert.
»Sie sind früh dran. Ich wollte eigentlich eine kurze Pause machen, ich hoffe, Sie verzeihen mir, wenn ich schnell in mein Sandwich beiße.«
Er startet mit einer Unhöflichkeit – so vorhersehbar.
»Tun Sie das.« Ich zucke mit den Schultern. »Ist Ihre Zeit, die läuft. Ich werde heute mit Sicherheit auch dann mit einem Stapel spannender Projekte die Messe verlassen, wenn Sie es nicht schaffen, mir Ihre vorzustellen.«
Er schiebt mir seine zugegebenermaßen immer sehr sorgfältig vorbereiteten Projektblätter hin und holt dann seine Lunchbox heraus, um ungeniert direkt vor meiner Nase mit dem Essen zu beginnen.
»Möchten Sie probieren?«, fragt er süffisant, aber wenigstens zwischen zwei Bissen statt mit vollem Mund.
Ich beachte ihn nicht weiter und blättere in den Manuskriptvorstellungen, bis ich eine ganz bestimmte finde.
»Hier. Tess West.« Ich lasse mir den Namen auf der Zunge zergehen, wie er sich das Sandwich, das ihm auf einmal gar nicht mehr so gut zu schmecken scheint. »Wo ist meine Vase, Mr Rowe?«
Er starrt mich an, und ich starre zurück.
Ohne den Blickkontakt zu unterbrechen, packt er den Rest des Sandwichs zurück in die Box und schiebt sie zur Seite. »Es war knapp, fast hätte es mit der Veröffentlichung geklappt; dann ist die Interessentin leider doch noch abgesprungen. Aber auch wenn Sie die Wette gewonnen haben, kann ich Ihnen nur raten, sich die überarbeitete Fassung anzusehen. Sie ist ziemlich gut.«
»Ich lese mal rein«, sage ich unverbindlich. Das werde ich, allein schon, weil ich der Frau meinen kleinen Triumph über ihn verdanke. »Lösen Sie Ihre Schulden nicht ein, oder wie sieht’s aus?«
»Immer mit der Ruhe.« Er beugt sich unter den Tisch und hebt einen Stoffbeutel hoch, aus dem er tatsächlich eine Vase hervorzieht.
Ich hatte ein hässliches Teil erwartet, etwas, das mir signalisiert: Du hast zwar richtiggelegen, aber ich würdige das nur zähneknirschend mit einem geschmacklosen Teil. Stattdessen ist die Vase wunderschön: durchscheinend salbeigrün und geschwungen geformt mit hübschen Rillen.
»Entspricht die Ihren Anforderungen?«
»Ist passabel, ich akzeptiere sie.«
Er hüllt sie wieder in den Beutel und stellt sie darin vor mich. Und da ist er doch, der Gegenschlag: Auf dem Beutel, den ich nach diesem Termin mit mir herumtragen werde, steht, offensichtlich mit Marker handgeschrieben: Wäre ich eine Blume, dann eine Distel.
Ich sehe genau vor mir, wie Nolan jeden Buchstaben mit einem hämischen Lächeln gezogen hat.
»Und Sie wären eine Aasblume«, bemerke ich.
Er legt die Rechte aufs Herz, als wäre er gerührt, wobei er das Äffchen versehentlich in Schräglage schiebt, und deutet dann noch einmal auf die eingepackte Vase. »Ich hoffe, Ihr Marc kauft Ihnen den passenden Strauß dafür.« Er rückt die Brosche wieder gerade.
»Wohl kaum.«
Seine Brauen ziehen sich zusammen, offensichtlich versteht er nicht. Er greift zu seinem Wasser, ohne mir auch eins anzubieten, und setzt es an die Lippen.
»Marc ist nicht mehr da«, präzisiere ich, und sofort meldet sich meine innere Tadlerin, die es nicht gut findet, wie transparent ich mich ausgerechnet ihm gegenüber zeige.
Nolan stellt das Glas so ruckartig zurück, dass das Wasser über den Rand spritzt und meine Unterlagen befleckt.
»Bitte entschuldigen Sie … wegen des Wassers – und meiner Bemerkung.«
Okay, das ist neu. Findet er Trennungen so dramatisch?
»Tatsächlich ist es eher ein Anlass für Glückwünsche.«
Solange ich mich selbst nicht frage, wie es mir nach all dem Mist geht, wird auch nichts von den ganzen Gefühlen wieder hochkommen.
»Ähm …«, macht er, höchst irritierend unbeholfen. »Dann … herzlichen Glückwunsch?«
»Danke. Zurück zum Business: Was haben Sie sonst noch an Prüftiteln für mich?«
»Oh, so einiges.«
Er stimmt ein paar Lobeshymnen auf seine Kreativen an, und ich bemühe mich um eine nichtssagende Miene, selbst bei den Projekten, auf die ich spontan ziemlich heiß bin.
»Und dann« – er blättert zur nächsten Seite in dem Stapel vor mir – »ist eine New-Adult-Autorin bei mir gelandet. Ich denke, sie wäre richtig gut bei Plots&Pieces aufgehoben. Es ist eine Fake-Dating-Story mit Verlagssetting.«
»Das klingt grauenvoll.« Ich betrachte das Projektblatt, von dem mir eine junge Frau entgegengrinst.
»Was daran genau?« Er verschränkt die Arme. »Es wird Ihnen gefallen, davon bin ich fest überzeugt.«
»Weil Ihr Urteil ja so messerscharf ist, wenn es darum geht, was mir gefällt.« Ich überfliege die Angaben zu Zielgruppe, Reihenoption, Vergleichstiteln und Alleinstellungsmerkmalen. »Allein schon dieser Titel«, lege ich nach. »Paperweight Hearts? Was soll das sein? Blutleere Herzhüllen? Das Herz ist ein Organ, es wiegt etwas.«
Nolan zückt sein Handy für eine schnelle Recherche. »Rund 300 Gramm, bei Frauen etwa 250 Gramm. Aber davon abgesehen, dass Sie ganz offensichtlich keinen Sinn für süße, verspielte Buchtitel haben, die auf dem Markt perfekt funktionieren, ist Ihr Herz natürlich deutlich schwerer.«
»Hä, wieso sollte es?«
Ich kann den Moment an seinen Augen ablesen, in dem er den Finger an den Abzug der verbalen Pistole legt. »Weil es aus Stein ist.«
Nolan
Der Zug um ihren Mund verhärtet sich, wie schon vorhin, als ich Marc erwähnt habe. Was zusammenhängen könnte. Das war jetzt etwas unter der Gürtellinie, Witze über ihr Herz zu machen, das womöglich gebrochener ist, als sie sich eingestehen will. Aber ich kann mich nicht schon wieder bei ihr entschuldigen. Nicht, solange sie mich ansieht, als wäre ich eine Laus, die mit einem Haufen Freunde die Blumen auf ihrem Schreibtisch im Verlag zu überfallen plant. Bei jedem unserer Videocalls habe ich dort welche stehen sehen.
Chelseas anhaltendes Schweigen macht mich unruhig – oder genauer gesagt, diese zu einem dünnen Strich zusammengepressten Lippen. Chelsea Whitlock hat einen verdammt einschüchternden Mund, und wenn sie ihn noch durch diesen rostroten Lippenstift betont, so wie heute, kann ich kaum hinsehen, ohne jedes Wort daraus zu fürchten. Ob es Marc auch so ging?
»Das Buch ist süß, aber auch ein bisschen heiß«, versuche ich, die Vorstellung noch zu retten. »Tarah ist definitiv eine Overthinkerin, und das merkt man ihren Texten manchmal an, aber in Kombination passen ihr Witz und ihre Nachdenklichkeit sehr gut zusammen.«
Chelsea sieht erneut auf das Blatt hinab und liest anscheinend die Kurzzusammenfassung, die ich ihr eigentlich im nächsten Schritt selbst geben wollte. Dabei fahren ihre Finger ihre lange Kette entlang, die mit den bunt schimmernden Plättchen das ansonsten eher strenge Outfit – ein dunkelgraues Kleid mit weißen Akzenten an Kragen, Saum und Taschen zu Feinstrumpfhosen und Ballerinas – perfekt kontrastiert.
»Fake Dating ist mein Hass-Trope«, lässt sie mich wissen.
»Was? Alle lieben Fake Dating! Dazu noch Rivals to Lovers und eine Prise Spice in Anwesenheit von Büchern …«
