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Little Lies – Vollkommen vertraut E-Book

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Beschreibung

Sawyer ist der Einzige, den Lana je wollte. Doch er hat sein Herz an ihre perfekte Cousine Ashton verloren – die es brach. Als Lana zu Besuch in der Stadt ist, sieht Sawyer sie plötzlich mit anderen Augen: Er findet sie wunderschön und liebenswert – nahezu unwiderstehlich. Und vielleicht kann er sich mit Lana an Ashton rächen. Doch was als unverfänglicher Flirt beginnt, entwickelt sich zu einem heißen Spiel der Verführung, und schon bald ist das Verlangen überraschend echt.

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Übersetzung aus dem Amerikanischen von Lene Kubis

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Vollständige E-Book-Ausgabe der im Piper Verlag erschienenen Buchausgabe

1. Auflage 2013

ISBN 978-3-492-96391-6

© 2011 by Abbi Glines Titel der amerikanischen Originalausgabe: »The Vincent Brothers – extended and uncut«, Simon Pulse, ein Imprint von Simon & Schuster Children’s Publishing, New York 2012 Deutschsprachige Ausgabe: © Piper Verlag GmbH, München 2013 Umschlaggestaltung: Zero Werbeagentur Umschlagabbildung: Finepic, München Datenkonvertierung: CPI – Clausen & Bosse, Leck

Alle Rechte vorbehalten. Unbefugte Nutzungen, wie etwa Vervielfältigung, Verbreitung, Speicherung oder Übertragung können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden.

Für Ava, meine Kleine.

Dein Lächeln macht alles gut.

Ich bin so dankbar, dass ich dich habe.

Träum schön, mein Herz, und gib dich niemals

mit dem Zweitbesten zufrieden.

Mit einem kräftigen Schwung zog Ashton sich hinauf auf unseren Ast und ließ sich darauf nieder. Früher hatte sie mich dafür noch gebraucht – da hatte ich ihr einen kleinen Schubs geben müssen, damit sie das schaffte. Jetzt brauchte sie mich für gar nichts mehr. Ich hatte sie in vielerlei Hinsicht im Stich gelassen.

Von gebrochenen Herzen hatte ich natürlich auch vorher schon gehört, aber erst jetzt verstand ich wirklich, wie sich das anfühlte. Sie hier vor mir sitzen zu sehen löste in meiner Brust einen unglaublichen Schmerz aus. Seit ich sie und Beau damals zusammen vor der Kirche erwischt hatte, fiel es mir schwer, richtig tief Luft zu holen. In diesem Moment hatte ich bereits Bescheid gewusst. Ja, ich hatte mir gewünscht, dass sie mir irgendeine absurde Erklärung für all das geben, mir beweisen könnte, dass ich mich geirrt hatte. Aber dennoch war in diesem Augenblick schon klar gewesen, dass Ashton nicht länger zu mir gehörte.

»Beeindruckend. Sieht kinderleicht aus, wie du das machst«, sagte ich so laut, dass sie mich hören musste. Sie hatte mir in einer SMS geschrieben, dass sie hier draußen war. Ich war schon vor Stunden hergekommen, um nachzudenken. Hier an dieser Stelle hatte alles begonnen. Da war es irgendwie folgerichtig, dass es hier auch zu Ende ging.

Ashton sah ein wenig verwirrt aus. Ich liebte diesen Gesichtsausdruck … er war einfach total anbetungswürdig.

»Ich war schon hier, als du mir geschrieben hast«, erklärte ich, und ein kleines Lächeln erschien auf ihrem Gesicht.

»Oh«, antwortete sie.

»Was verschafft mir denn die Ehre?«, fragte ich, obwohl ich das eigentlich schon ahnte. Ich wollte es nur noch einmal von ihr hören. Es war höchste Zeit, dass wir die Sache endgültig klärten. Ich lief zu ihr hinüber und bemerkte im selben Moment den Zuhörer, der sich in der Dunkelheit verbarg. So, so. Beau wollte also auch nach mir sehen. Oder aber er war Ash gefolgt.

»Ich wollte gucken, wie’s dir geht. Beau hat gesagt, dass du eine Gehirnerschütterung hattest.«

Ich musste laut auflachen. Ja, es war eine ziemlich ordentliche Gehirnerschütterung gewesen. Ich schnappte mir einen Stein und ließ ihn übers Wasser springen.

»Hat er dir auch erzählt, wie ich sie mir eingehandelt habe?«

»Ja«, antwortete sie schuldbewusst. Anscheinend hatte er ihr gestanden, dass er mir fast den Schädel zertrümmert hatte. Trotzdem war es natürlich nicht ihre Schuld …

»Ich hab’s verdient. Ich habe dich die ganze Woche ziemlich scheiße behandelt.« Die Schmerzen in meiner Brust wurden noch ärger. Dass ich einfach tatenlos zugesehen hatte, wie ihre Mitschüler sie quälten, würde mich ewig verfolgen.

»Ähm …« Offenbar wusste sie nicht, was sie sagen sollte. Ich hatte sie hängen lassen. Und mich auch. Ich hatte mich benommen wie jemand, der mir selbst total fremd war.

»Ehrlich gesagt, war es fast eine Erleichterung, von Beau verkloppt zu werden … Ich habe mich wegen der Geschichte ja selbst richtig fertiggemacht. War nett, dass das dann jemand anderes für mich übernommen hat.«

»Bitte?!« Ganz offensichtlich war sie überrascht, dass ich ein schlechtes Gewissen hatte. Verdammt, das machte alles noch schwerer. Es schnürte mir regelrecht die Luft ab.

»Ash, du warst jahrelang meine Freundin. Aber vorher waren wir Freunde. Beste Freunde. Ich hätte dich nie so behandeln dürfen, weil es plötzlich Schwierigkeiten gab … Das war einfach nicht richtig. Du hast alle Schuld für etwas auf dich genommen, das nicht allein dein Fehler war. Es war auch Beaus und meiner.«

»Deiner? Weshalb das denn?«

»Ich wusste, dass Beau dich liebt. Ich habe es daran gemerkt, wie er dich angesehen hat. Und ich wusste auch, dass du ihn mehr liebst als mich. Ihr zwei hattet damals eine ganz spezielle Beziehung, und ich habe mich ausgeschlossen gefühlt. Da war ich eifersüchtig … Beau war mein Cousin und du das hübscheste Mädchen, das ich je gesehen habe. Ich wollte dich für mich allein. Deswegen habe ich mich mit dir verabredet, ohne Beau vorher einzuweihen. Ich habe ihn nie gefragt, wie er sich dabei fühlt. Du hast Ja gesagt, und damit hatte ich mir nichts, dir nichts die Bande zwischen dir und Beau durchtrennt. Ihr zwei habt nie wieder miteinander geredet … Es gab keine nächtlichen Gespräche auf dem Dach mehr, und ich musste euch aus keinem Schlamassel mehr heraushelfen. Beau war mein Cousin, du meine Freundin. Es war wirklich, als hätte es eure Freundschaft nie gegeben.«

Ich holte kurz Luft und fuhr dann fort. »Ich war egoistisch und habe mein Schuldgefühl so lange erfolgreich unterdrückt, bis es verschwunden war. Und nur wenn ich gesehen habe, wie er dich schmerzerfüllt und sehnsüchtig anschaute, wurde mir vor schlechtem Gewissen ein bisschen übel. Dazu hat sich dann noch die Angst gemischt. Angst davor, dass du merkst, was ich getan habe, und dich ihm zuwendest. Ich wollte dich doch nicht verlieren …«

Zum ersten Mal hatte ich die Wahrheit laut ausgesprochen. Jahrelang hatte ich sie unter Verschluss gehalten, sie sofort beiseitegeschoben, wenn das schlechte Gewissen an mir nagte. Ich hatte dabei zugesehen, wie Ashton ihre Persönlichkeit veränderte, und hatte sie nicht davon abgehalten. Das hier war alles meine Schuld.

Ashtons Hand spielte mit meinem Haar, und ich hätte am liebsten die Augen geschlossen und wegen dieser kleinen unschuldigen Geste leise aufgestöhnt. Würde ich sie immer so sehr lieben? Würde ich mein Leben lang dafür bezahlen müssen, was ich ihr angetan hatte, und für immer diesen Schmerz in der Brust spüren?

»Ich habe dich auch geliebt, Sawyer. Ich wollte gut genug für dich sein, wollte das gute Mädchen sein, das dir zusteht.«

Als sie das sagte, wurde mir einmal mehr klar, warum das mit uns nicht funktioniert hatte. Eigentlich war sie mir perfekt erschienen, seit ich sie kannte. Dennoch hatte ich sie glauben lassen, dass das nicht ausreichte.

»Ash, du warst perfekt, genau so, wie du warst. Ich war doch derjenige, der zugelassen hat, dass du dich veränderst. Und mir gefiel das ja auch. Doch gleichzeitig war das einer der vielen Gründe, weswegen ich befürchtet habe, dass du mir eines Tages doch entgleitest. Ganz tief in mir drin wusste ich, dass der Freigeist in dir, den du so lang unterdrückt hast, sich irgendwann wieder herauskämpfen würde. Genau das ist jetzt passiert. Und dass es zusammen mit Beau dazu kam, erstaunt mich nicht im Geringsten.«

»Es tut mir leid, Sawyer. Ich wollte dir nie wehtun. Ich habe ein Riesenchaos verursacht … Du wirst Beau und mich nicht zusammen sehen müssen, versprochen. Ich werde aus eurem Leben verschwinden, und ihr zwei könnt euch wiederfinden.«

Dass Beau nach diesen Worten nicht fluchend wie ein Droschkenkutscher aus dem Gebüsch gestürzt kam, zeigte mir, dass er zu weit weg war, um uns zu hören. Ich griff nach Ashtons Hand. Ich war der Einzige, der sie von solchen Plänen abhalten konnte. Es war Zeit, dass ich sie freigab.

»Tu das nicht. Er braucht dich«, sagte ich leise.

Sie schüttelte den Kopf und lächelte mich traurig an. »Nein, er will das auch. Heute hat er mich kaum beachtet. Er hat nur mit mir gesprochen, als er den anderen klargemacht hat, dass sie mich in Ruhe lassen sollen.«

Sie hatte tatsächlich keinen blassen Schimmer!

»Das wird er nicht lange durchhalten. Er hat es noch nie geschafft, dich zu ignorieren. Nicht mal wenn er wusste, dass ich ihn dabei beobachte. Gerade muss er einfach mit ziemlich vielen Dingen klarkommen. Und das ganz allein. Stoß ihn nicht von dir weg.«

Ashton sprang vom Ast herunter, stellte sich auf die Zehenspitzen und schlang ihre Arme um meinen Nacken. Ich wusste, dass sie das zum letzten Mal tat.

»Danke! Dass du das akzeptierst, bedeutet mir unglaublich viel. Aber jetzt braucht er dich. Du bist sein Bruder. Ich hindere euch nur daran, mit allem zurechtzukommen.«

Jetzt hatte der Schmerz den Punkt erreicht, wo er absolut unerträglich wurde. Um mich abzulenken, zwirbelte ich eine ihrer Locken um meinen Finger. Von dem schimmernden Goldton ihres Haars war ich fasziniert, seit wir fünf Jahre alt waren. Sie hatte mich immer an eine Märchenprinzessin erinnert, selbst wenn sie gerade Hühnerleber an die Angelhaken spießte. Diese Prinzessin hatte ich jetzt zwar für immer verloren, aber die Erinnerung an die Zeit mit ihr war mir jeden Stich, der mir jetzt ins Herz fuhr, wert.

»Selbst wenn es falsch von mir war, mit dir zusammen zu sein, ohne auf Beaus Gefühle Rücksicht zu nehmen, bereue ich es nicht. Ich hatte drei tolle Jahre mit dir, Ashton.«

Das war mein Abschied. Beau stand irgendwo ganz in der Nähe und wartete darauf, dass ich für ihn Platz machte. Jetzt war seine Zeit gekommen. Meine hatte ich jedenfalls gründlich verbockt. Ich ließ ihre Haarsträhne fallen, trat einen Schritt zurück und machte mich dann auf den Weg in den Wald zu meinem Bruder.

Sechs Monate später

Eigentlich sollte ich mir die Partys auf dem Feld definitiv sparen. Aber konnte ich sie wirklich auf Dauer meiden? Genauso hätte ich endlich darauf pfeifen sollen, dass Beau und Ashton zusammen waren. Aber das war gar nicht so einfach.

»Hier, Kumpel.« Ethan drückte mir einen biergefüllten roten Plastikbecher in die Hand. Ich warf ihm einen finsteren Blick zu und wollte ihn gleich wieder zurückgeben.

»Komm schon, kipp es runter. Du kannst es brauchen! Meine Güte, wenn ich euch drei ansehe, brauche ich ja schon einen Drink …«, sagte er.

Ich war heilfroh, dass er so leise gesprochen hatte. Ich merkte auch so, wie alle mich musterten und sehen wollten, wie ich reagierte. Vor sechs Monaten hatte ich Ash an meinen eigenen Bruder verloren. Und hier und jetzt war ich zum ersten Mal Zeuge davon, wie der notgeile Mistkerl ihren Nacken küsste, ihre Hände, ihren Kopf … und alles andere, was er mit seinen feuchten Lippen erwischen konnte. Währenddessen unterhielt er sich seelenruhig weiter mit den anderen, und Ash saß, dicht an ihn geschmiegt, zwischen seinen Beinen. Mittlerweile fiel es mir etwas leichter, die beiden zusammen zu sehen, aber ich hielt dennoch lieber ein bisschen Abstand.

Ethan hatte vollkommen recht, ich brauchte wirklich einen Drink. Ich nahm einen tiefen Schluck aus dem Becher. Jedes Mittel, das mich ein bisschen von diesem öffentlichen Herumgeknutsche der beiden ablenkte, war mir total willkommen.

»Ich kann’s ja immer noch nicht fassen, dass ihr nicht auf das gleiche College gehen werdet. Ich dachte immer, euch gibt es nur im Dreierpack.«

Toby Horn klang fast enttäuscht, dass ich mich in Florida eingeschrieben hatte und nicht in Alabama, wie alle es eigentlich von mir erwartet hatten. Beau und ich hatten geplant, für Crimson Tide, die dortige Footballmannschaft, zu spielen, seit wir fünf waren.

Aber als Florida mir ein Vollstipendium anbot, hatte ich es angenommen. Ich brauchte wirklich Distanz. Ashton ging mit Beau nach Alabama, und ich konnte es ihnen auf keinen Fall gleichtun. Niemals.

»Na, Florida hat ihm eben einen fetten Deal angeboten. Dass er da zugeschlagen hat, kann man ihm kaum vorwerfen«, erklärte Beau. Er hatte es erfasst. Und obwohl er es nie erwähnt hatte, kannte er auch meine wahren Beweggründe. Er hatte es lang vermieden, mir seine Beziehung mit Ashton zu sehr unter die Nase zu reiben, aber seit er seinen Abschluss gemacht hatte, scherte er sich irgendwie nicht mehr darum. In letzter Zeit waren sie jedes Mal ineinander verschlungen gewesen, wenn ich sie gesehen hatte, und er starrte sie immer mit diesem unerträglich fasziniert-andächtigen Blick an, den er nur für sie reserviert hatte.

»Zwei Vincent-Jungs auf einmal packt Alabama nicht. Wir mussten uns aufteilen!«, antwortete ich und fixierte Toby, ehe ich einen weiteren Schluck Bier nahm.

»Wird trotzdem komisch sein, dich nicht mehr in der Nähe zu haben«, sagte Ash. Verdammt. Wieso musste sie denn auch noch etwas dazu sagen? Konnte sie nicht einfach still und friedlich dasitzen und sich von Beau betatschen lassen? Wenn ich Ashtons Stimme hörte, konnte ich sie unmöglich nicht ansehen.

Der traurige Zug um ihre Mundwinkel löste in meiner Brust wieder diesen altvertrauten Schmerz aus. Das schaffte nur Ash. »Du wirst es überleben. Außerdem kriegt ihr zwei da oben in eurem siebten Himmel doch sowieso nichts mit.«

Ich klang wie der letzte Arsch. Als Ash wegen meines schnippischen Kommentars zusammenzuckte, versetzte mir das sofort wieder einen Stich.

»Pass bloß auf, Sawyer.« Der drohende Ton in Beaus Stimme war unüberhörbar. Stille senkte sich über die Gruppe. Alle Blicke waren auf uns gerichtet. Der Ärger, der in Beaus Blick flackerte, machte mich nur noch wütender. Was hatte er bitte für einen Grund, sauer zu sein? Sie gehörte ihm doch sowieso.

»Hey, komm runter, okay? Ich habe nur auf ihren Spruch geantwortet. Darf ich jetzt auch nicht mehr mit ihr reden, oder was?«

Beau schob Ash beiseite und stand dann auf. »Hast du irgendein Problem, Sawyer?«

Ashton rappelte sich hoch, schlang ihre Arme um Beaus Nacken und beschwor ihn, mich nicht zu beachten, weil das ja alles nicht so gemeint sei – dabei wusste jeder, dass es sehr wohl so gemeint war. Beau ließ mich nicht aus den Augen, während er nach Ashtons Händen griff und sie von seinem Nacken löste.

Ich stellte meinen Becher auf der Ladefläche meines Pick-ups ab und trat auf ihn zu. Das war genau der Streit, den ich brauchte. Es war auf Dauer echt hart für mich, meine Aggressionen die ganze Zeit zu unterdrücken.

Ashton war damit allerdings gar nicht einverstanden. Sie packte Beaus Schultern, sprang hoch und schlang ihre Beine um seine Hüften. Wenn ich es nicht so ätzend gefunden hätte, wie sie sich an ihn schmiegte, hätte sie mich damit beinahe zum Lachen gebracht. Sie hing mit uns ab, seit wir Kinder waren – und wusste ganz genau, wie sie uns an irgendwelchen Prügeleien hindern konnte. Sich selbst ins Schlachtgetümmel zu werfen war die einzige Möglichkeit.

Beau guckte plötzlich ganz vergnügt, und seine finstere Miene verwandelte sich in ein zufriedenes Grinsen, als er seinen Blick von mir ab- und Ashton zuwandte.

»Was tust du denn da, Baby?«, fragte er auf diese laszive Weise, die ich so hasste. Auf diese Art sprach er mit den Mädchen, seit wir in die Pubertät gekommen waren.

»Yeah, so lenkst du ihn ab, Ash«, johlte Kayla Jenkins von Tobys Schoß aus. Jetzt begannen auch die anderen, Buhrufe und Pfiffe auszustoßen. Beau lächelte Ash an, als wäre sie das faszinierendste Wesen auf diesem Erdball. Das war’s dann für mich. Ich musste hier weg. Sofort.

»Lasst uns was essen gehen – ich sterbe vor Hunger«, schlug Ethan vor, und Jake North stimmte zu.

»Du fährst«, rief Ethan und kletterte auf den Beifahrersitz meines Wagens. Ohne Ash und Beau noch eines Blickes zu würdigen, ging ich um das Auto herum und sprang hinein. Wenn er sie jetzt gleich noch in seinen Pick-up schleppte, würde ich einfach völlig durchdrehen. Abzuhauen war jetzt das einzige Wahre.

Jewel flirtete wieder einmal total peinlich mit dem Barkeeper. Ich hatte ihr Spielchen längst durchschaut und war mir sicher, dass für ihn dasselbe galt. Die brillante Strategie, ein freizügiges Dekolleté mit heftigem Wimpernklimpern und niedlichem Gekicher zu kombinieren, war wirklich nicht so originell. Warum sie sich nicht einfach mit ihrer Limonade zufriedengeben konnte, während wir auf unseren Tisch warteten, war mir schleierhaft.

Ab einem bestimmten Punkt war mir Jewel während unserer zehnstündigen Autofahrt aus Alpharetta, Georgia, nach Südalabama wirklich ziemlich auf die Nerven gegangen. Je älter wir wurden, desto deutlicher wurde einfach, wie grundverschieden Jewel und ich waren. Die Bande, die wir in unserer Kindheit geknüpft hatten, verhinderten zwar noch, dass wir uns stritten; nichtsdestotrotz – Jewel konnte man wirklich nur in homöopathischen Dosen ertragen.

»Los, Lana, zeig ihm deine zwei super Möpse, jetzt wo du endlich beschlossen hast, sie der Welt nicht länger vorzuenthalten!«, flüsterte Jewel übermütig, während sie dem jungen Typen zusah, wie er für einen anderen Kunden die Drinks vorbereitete. Ich schüttelte über diesen lächerlichen Vorschlag nur den Kopf, griff nach meiner Limonade und nahm einen Schluck. Mir reichte das völlig. Wenn sie sich in der Hoffnung auf einen Gratisdrink zum Affen machen wollte, bitte schön. Aber ohne mich. Ich wollte auf gar keinen Fall dreißig Minuten entfernt vom Haus meiner Tante und meines Onkels beim Trinken erwischt werden. Mein Onkel war Pfarrer einer baptistischen Kirche, und wenn er das herausfände, würde er mich niemals den Sommer bei sich und seiner Familie verbringen lassen.

»Du bist so eine Spaßbremse, Lana«, nörgelte Jewel und starrte auf mein Getränk, als wäre es eine Beleidigung. Doch mir war es gerade so was von egal, ob sie sauer war. Ich wollte einfach nur mein Abendessen und dann zu meinen Verwandten.

Hach, der Anblick von Jewels davonbrausendem Auto würde wunderbar sein.

»Ich verstehe dich nicht, Lana. Du startest richtig durch, wirst mörderisch attraktiv und beschließt endlich, nicht länger zu verstecken, was du von deiner Mutter … na ja, vielleicht nicht unbedingt … sagen wir, was das Schicksal dir geschenkt hat – und wozu? Für nichts und wieder nichts! Du schaffst dir eine neue, heiße und süße Garderobe an, lässt dein tolles Haar neu stylen, damit es noch besser zur Geltung kommt … Aber du flirtest nie! Kommt einem fast so vor, als hättest du das nur für dich gemacht. Und das ist doch total dämlich. Hallo, aufgewacht, die Kerle bemerken dich jetzt, Lana! Sie verdrehen sich nach dir die Köpfe, und du ignorierst sie einfach.«

Das war eine ihrer altbekannten Tiraden. Es machte sie wahnsinnig, dass ich mich nicht jedem Jungen an den Hals schmiss, der mich ansah. Den Grund, weshalb ich das nicht tat, behielt ich lieber für mich. Diese Information wäre bei Jewel nicht so gut aufgehoben. Sie würde garantiert einen Weg finden, alles zu ruinieren … Natürlich nicht absichtlich, aber sie würde es trotzdem schaffen. Ihre große Klappe hatte uns schon oft genug Ärger eingebrockt.

»Ich habe dir gesagt, dass ich gerade an Dates nicht interessiert bin. Meine Güte, wir haben eben erst unseren Abschluss gemacht … Ich brauche diesen Sommer, um mich aufs College im Herbst vorzubereiten. Und ich will es echt in vollen Zügen genießen, weit weg von meiner verrückten Mutter zu sein. Ich möchte mich einfach – entspannen.«

Jewel seufzte und senkte den Kopf, um an einer Haarsträhne herumzukauen. Währenddessen taxierte sie weiterhin den armen Barkeeper, der darauf wartete, dass wir an einem Tisch Platz nahmen.

»Du könntest immer noch mit mir mitkommen, weißt du? Dieses Leben mit diesen Priesterlangweilern sausen lassen und den ganzen Sommer lang am Strand Party machen. Corey fände es ziemlich cool, wenn du dabei wärst. Die Wohnung ihres Stiefvaters hat drei Gästezimmer und einen Wahnsinnsblick über den Ozean.«

Die Vorstellung, den Sommer mit einer betrunkenen Jewel und ihren Freunden zu verbringen, war kein bisschen verlockend. Ich hatte meine Pläne, und bis jetzt sah eigentlich alles ganz gut aus. Trotzdem machte mich der nächste Schritt nervös. Es war der kritischste.

Mein naturrotes Haar zu einem tiefen Kupferrot abzudunkeln und sexy zu stylen, anstatt es zu einem Zopf zurückzubinden oder einen Pferdeschwanz zu tragen, war Schritt eins gewesen. Das dunklere Rot ließ meine blasse Haut ganz zart erscheinen, fast wie Porzellan. Schritt zwei hatte darin bestanden, meine alte Garderobe komplett zu entsorgen. Ich hatte jedes einzelne Kleidungsstück, das ich besaß, in eine Tüte gestopft und bei einer Altkleidersammlung abgegeben. Meine Mutter hatte zwar erst einen ziemlichen Schreck gekriegt, hatte mich dann aber sehr unterstützt, als sie sah, durch welchen Kleidungsstil ich den alten ersetzen wollte. Im Gegensatz zu anderen Müttern wollte sie mich in Shorts sehen, die beinahe meine gesamten Beine zeigten – oder in engen Tops, die meine Brüste in Körbchengröße C noch betonten.

Jewel hatte mir zeigen wollen, wie man sich schminkt, aber ich hatte höflich abgelehnt und mich lieber bei Macy’s beraten lassen. Anschließend hatte ich einfach alle Produkte gekauft, die sie beim Schminken benutzt hatten. Obwohl ich nie ein großer Fan von Make-up gewesen war, musste ich zugeben, dass es einen Wahnsinnseffekt auf meine Augen hatte. Ich hatte meine Zimmertür abgeschlossen und mich stundenlang fasziniert im Spiegel betrachtet, nachdem das Styling beendet war.

Du musst dich ein bisschen beherrschen, Mann. Wenn es irgendwer mit Beau aufnehmen kann, dann du. Trotzdem würde er dich einfach total fertigmachen«, verkündete Ethan, als ich von der Schotterpiste hinaus auf die Landstraße bog.

»Es ist jetzt sechs Monate her, Alter. Wie lang willst du noch sauer sein?«, fragte Jake vom Rücksitz aus.

Was ging sie das an? Keiner von ihnen wusste, was eine feste Beziehung überhaupt war. Die beiden hatten während unserer vier Jahre an der Highschool mit so vielen Mädchen etwas am Laufen gehabt, dass ich nicht einmal mehr all die Namen zusammenbekam. Ihnen da zu erklären, dass sich meine gesamte Lebensplanung nur um Ashton gedreht hatte, seit ich zwölf war, war nicht leicht. Stattdessen beugte ich mich also vor und stellte das Radio lauter, um ihr Kreuzverhör abzuwürgen.

»Du kannst die Musik so laut drehen, wie du willst, aber Fakt ist, dass du damit abschließen musst. Er ist dein Cousin und dein bester Freund. Da sollte doch so eine Schnitte nicht zwischen euch stehen. Zumindest nicht ewig.«

Ethan warf mir vom Beifahrersitz aus einen Blick zu. Ich wusste, dass er eine Antwort von mir erwartete, aber die würde er nicht kriegen. Seine Bemerkung, dass wir Cousins waren, zeigte einmal mehr, dass niemand außer Ashton, Beau und mir Bescheid wusste. Beau war mein Bruder, aber nachdem er das von seiner Mom erfahren hatte, hatte er beschlossen, diesen Fakt wieder tief in sich zu vergraben. Er wollte meinen Dad nicht für sich beanspruchen, und das konnte ich ihm wirklich nicht verdenken. Es war schließlich nicht so, dass mein Dad sich je um ihn gekümmert hätte …

Kurz und gut: Beau hatte für meinen Vater nichts als Verachtung übrig, oder besser gesagt, für unseren Vater. Er zog es vor, sich an den Bruder unseres Vaters als Dad zu erinnern. Er war der einzige Dad gewesen, den Beau je gekannt hatte. Und obwohl er gestorben war, als Beau gerade mal in die erste Klasse ging, war Beau voller zärtlicher Erinnerungen an ihn.

»Hey! Du bist an Hank’s vorbeigefahren«, verkündete Ethan und deutete aufgeregt auf den Burgerladen, in dem wir normalerweise aßen.

»Wir gehen da nicht rein«, antwortete ich knapp. Sie waren schließlich in meinen Pick-up gesprungen. Wenn es ihnen nicht passte, dass ich dringend eine andere Umgebung brauchte, konnten sie meinetwegen zu Fuß laufen.

»Du fährst aus Grove raus?«, fragte Jake.

Yep.

Ethan seufzte und lehnte sich zurück in den Sitz.

»Wir sind wahrscheinlich in Florida angekommen, ehe er mal einen Stopp einlegt.«

»Florida? Ich sterbe vor Hunger, und ein Cheeseburger von Hank’s hätte mir da wirklich sehr geholfen«, grummelte Jake.

Ich ging vom Gas, fuhr rechts ran und sah streng nach hinten.

»Du kannst gern aussteigen und laufen!« Seine Augen weiteten sich, und er schüttelte langsam den Kopf.

»Nein, Mann, das ist schon okay. Mir geht’s gut.«

Ich fuhr zurück auf die Straße und ignorierte den Wortwechsel zwischen den Jungs. Beide dachten, ich hätte Liebeskummer. Ach, verdammt. Sie hatten ja recht.

Keiner sagte mehr etwas, bis ich mit dem Pick-up in den Parkplatz von Wings einbog. Ich war über dreißig Kilometer nach Süden gebrettert, bis wir endlich mal eine Stadt erreicht hatten, die groß genug für ein paar passable Restaurants war.

»Alter, du hättest mir sagen sollen, dass du zu Wings willst. Dann hätte ich die Klappe gehalten«, jauchzte Jake, als er die Hintertür aufstieß und aus dem Wagen sprang.

Hier hatte ich mit Ashton nie gegessen. Es gab nicht viele Orte, die nicht mit irgendeiner Erinnerung verbunden waren, deswegen war meine Auswahl begrenzt. Und heute Abend wollte ich meinen Kopf freikriegen und mich auf meine Zukunft konzentrieren – oder zumindest auf meinen Sommer.

»Ich werde kiloweise Chicken Wings essen«, stimmte Ethan in Jakes Begeisterung mit ein. Wenigstens hatte ich sie glücklich gemacht. Nicht, dass das eine Rolle spielte.

Ich öffnete die Tür, trat ein und blieb am Empfangstresen stehen. Ein großes Mädchen, das sich die langen blonden Haare zu einem Pferdeschwanz zurückgebunden hatte, lächelte mich mit dem begehrlichen Blick an, den ich von Frauen schon kannte. Es war mir so sehr zur Gewohnheit geworden, diese Blicke zu ignorieren, dass sie mittlerweile automatisch an mir abprallten. Heute Abend würde das anders sein. Es war an der Zeit, dass ich zurückflirtete.

Ich setzte ein strahlendes Lächeln auf, von dem Ashton immer gesagt hatte, dass es ganz schön beeindruckend war.

»Für drei Personen, bitte«, teilte ich ihr mit und sah, wie ihre braunen Augen größer wurden und mehrmals nervös zwinkerten. Sie war nicht außergewöhnlich hübsch, aber trotzdem: Dass ich sie so aus der Fassung brachte, war Balsam für mein Ego.

»Oh … ähm … okay … ja …«, stotterte sie, griff nach den Speisekarten und stieß sie versehentlich zu Boden. Ich bückte mich neben ihr und half ihr, sie aufzusammeln.

»Tut mir leid. Normalerweise bin ich nicht so tollpatschig«, erklärte sie mit zwei leuchtend roten Flecken auf den Wangen.

»Ach so, dann liegt es also an mir?«, neckte ich sie.

Sie kicherte, und mir wurde klar, dass es mit ihr nichts brachte. Ich mochte keine Mädchen, die kicherten. Ashton war auch keine Kicherin gewesen. Ich gab ihr die Speisekarten, stand auf und wandte mich demonstrativ von ihr ab. Schluss mit der Flirterei! Bloß keine falschen Hoffnungen machen.

»Okay, ähm, hier lang, bitte«, hörte ich sie sagen. Sowohl Ethan als auch Jake stürzten ihr hinterher, und ich folgte ihnen. Plötzlich blieb mein gleichgültig umherschweifender Blick an einem Mädchen hängen, das von mir aus gern hätte kichern können, so viel es wollte.

Ihr rostrotes Haar fiel der Kleinen auf den Rücken herab und wellte sich an den Enden. Sie saß auf einem Barhocker und hatte ihre megalangen Beine übereinandergeschlagen. Eine silberne hochhackige Pantolette baumelte von einem Zeh, der an einem sehr zierlichen Fuß saß. Ich hatte zwar ihr Gesicht noch nicht gesehen, aber der Rückenansicht nach zu urteilen war sie ein ziemlicher Hingucker. Volltreffer.

»Kommst du, oder was ist?«, johlte Jake, aber ich wandte meinen Kopf nicht, um zu sehen, wohin sie gegangen waren oder wo sie saßen. Stattdessen stand ich da wie zur Salzsäule erstarrt und beobachtete sie.

Jakes laute Stimme hatte ihre Aufmerksamkeit erregt, und sie drehte sich auf ihrem Hocker um und spähte über die Schulter zu ihm. Ihr zarter Teint war von Sommersprossen übersät. Normalerweise gefiel mir das nicht so gut, aber der Schlafzimmerblick ihrer grünen Augen und ihre beinahe unwirklich vollen Lippen waren doch eine sehr heiße Kombination …

Sie drehte sich wieder weg, nachdem sie gesehen hatte, woher das Geschrei gekommen war, und erstarrte dann, als ihr Blick meinen traf. Überraschung, Freude und Unruhe zugleich zeichneten sich auf ihrem Gesicht ab. Ich war total fasziniert.

Der Barkeeper erschien hinter ihr, sagte etwas, und sie wandte sich ihm zu.

»Sawyer, ey, los jetzt«, rief Ethan. Ich riss mich vom Anblick dieses Rotschopfs los und ging zögernd zu unserem Tisch, an dem die Kellnerin schon mit den Speisekarten stand.

»Sawyer, warte«, hielt mich eine vertraute Stimme auf. Ich drehte mich um und sah ungläubig, wie sich der Rotschopf seinen Weg zu mir bahnte. Ich ließ den Blick bewundernd über sie gleiten. Ihr kurzer Jeansrock endete mehrere Handbreit über ihren Knien, und das weiße Oberteil, das sie trug, hatte sie um die Taille zu einem losen Knoten gebunden, sodass man einen flüchtigen Blick auf ihren flachen, glatten Bauch erhaschen konnte, wenn sie sich bewegte. Schließlich schaffte ich es, meinen Blick von dem beeindruckenden Dekolleté, das ihr T-Shirt zur Schau stellte, zu lösen und ihr ins Gesicht zu sehen. Ein kleines Lächeln erschien auf diesen unglaublich vollen Lippen, und auf einmal dämmerte mir, dass ich sie kannte.

Das konnte doch nicht wahr sein!

»Lana?« Die Fassungslosigkeit in meiner Stimme war unüberhörbar. Die letzte Person, mit der ich hier gerechnet hätte, war Ashtons Cousine. Und die Tatsache, dass sie das Mädchen war, das ich eben ausgecheckt hatte, war sogar noch schockierender.

»Sawyer«, antwortete sie mit einem breiten Grinsen.

»Was machst du denn hier?«, fragte ich und meinte damit eigentlich eher: Was zur Hölle ist denn mit dir passiert?! Sie sah nicht im Entferntesten mehr so aus wie das Mädchen, das ich vor ungefähr sieben Monaten zum letzten Mal gesehen hatte. Dieses Mädchen war niedlich, prüde und anständig gewesen. Was ich hier hingegen vor mir hatte, war eine richtige Sexbombe.

»Essen«, witzelte sie, und ich merkte, dass ich lächelte. Zum ersten Mal seit Monaten war es ein echtes Lächeln, kein aufgesetztes.

»Ja, na, das habe ich schon vermutet. Ich meine natürlich damit, was du hier in Südalabama machst.«

Sie presste ihre Lippen aufeinander und fuhr sich dann nervös mit der Zunge darüber. Hm … Ich hätte nichts dagegen gehabt, ihre Lippen auch mal zu kosten.

»Ich verbringe diesen Sommer bei Ashton. Meine Freundin ist unterwegs ans Meer und setzt mich nach dem Essen bei ihr ab.«

Ash. Verdammt. Musste sie jetzt damit anfangen? Meine gute Laune verpuffte augenblicklich, und ich musste mich jetzt doch wieder zum Lächeln zwingen. Lana blickte über meine Schulter, und ihre Miene verfinsterte sich.

»Sitzt ihr Jungs schon an dem Tisch da hinten?« Sie warf einen frustrierten Blick hinüber zum Empfangstresen. »Typisch«, murmelte sie.

Ich drehte mich um und sah, wie die blonde Kellnerin uns irritiert anblickte.

»Was ist denn los?«, fragte ich und wandte meine Aufmerksamkeit wieder Lana zu.

Sie seufzte. »Ach, wir warten jetzt schon seit mindestens einer Viertelstunde auf einen Tisch …«

Aha. Die Bedienung hatte uns ihre Plätze überlassen. Na, dieses Problem konnte ich lösen.

»Hol doch deine Freundin und setz dich zu uns.«

Lana strahlte. »Cool, danke! Bin gleich zurück.«

Ich beobachtete sie, wie sie herumwirbelte und zurück zur Bar lief. Es war unmöglich, ihr nicht nachzustarren, so wie ihre Hüften beim Gehen sanft hin- und herschwangen … Verdammt. Lana sah echt heiß aus.

Oh mein Gott! Hast du grade echt mit diesem heißen Typen geflirtet? Wow, Mädchen, wenn du dich mal dazu entschließt loszulegen, dann aber so richtig!«

Die Ehrfurcht in Jewels Stimme brachte mich fast zum Lachen. Leider war mir zugleich vor Aufregung speiübel. Sawyer hatte mich ausgecheckt. Wow. Er hatte seinen Blick langsam über meinen Körper schweifen lassen, und schließlich war er an meinen Brüsten hängen geblieben. Oh Mann, am liebsten hätte ich mich unter dem Untersetzer meines Getränks versteckt!

»Ich kenne ihn. Und übrigens sitzen wir jetzt mit ihm und seinen Freunden an einem Tisch«, verkündete ich und griff nach meiner Limonade und meiner Handtasche.

»Echt?!«, quietschte Jewel begeistert, schnappte sich ebenfalls ihre Tasche und sprang auf. Der schalartige Hauch von Nichts, den sie als »T-Shirt« bezeichnete, gab den Blick auf ihren flachen und gebräunten Bauch frei. Ihr Bauchnabelpiercing, an dessen zwei Enden je ein Strasssteinchen saß, lenkte jedes Auge sofort auf ihre nackte Haut. Neben ihren superkurz abgeschnittenen Jeans-Hotpants sah mein Rock richtig brav und bieder aus. Jewel war ein echter Hingucker, selbst wenn es nur wegen all der zur Schau gestellten Haut war.

»Los«, kommandierte ich und machte mich auf den Weg zu Sawyer, der immer noch am selben Fleck stand und auf uns wartete. Er begann Jewel zu mustern, und ich konnte sehen, wie er sie auf dieselbe Weise abschätzte wie eben noch mich. Mir wurde ein wenig flau, und ich kämpfte gegen den Drang an, sie einfach hinter mich zu schubsen. Ich wollte nicht, dass er bei ihr genau die gleiche Nummer abzog wie gerade bei mir. Als er seinen sexy Blick langsam über meinen Körper hatte wandern lassen …

»Er ist so unfassbar scharf!«, wisperte Jewel neben mir. Sie streckte ihre Brust noch weiter heraus und warf ihr blondes Haar wieder auf diese unnachahmliche Weise über die Schulter. Und das war erst die Aufwärmphase, ehe sie sich so richtig an Sawyer ranschmeißen würde.

»Nimm nicht ihn, Jewel … Jeden anderen, aber nicht Sawyer.« Ich versuchte, nicht allzu flehentlich zu klingen, konnte aber die Verzweiflung in meiner Stimme nicht verbergen.

Jewel schnappte leise nach Luft. »Ach so … Er ist der Grund, warum du …« Sie verstummte, als es ihr langsam dämmerte. »Oh, wow. Okay, hab’s verstanden. Ich lass die Finger von ihm.«

Schön und gut – aber das änderte leider immer noch nichts daran, dass sie braun gebrannt war, keine einzige Sommersprosse hatte, blond und ziemlich erfahren war, was Männer betraf. Alles Dinge, die Sawyer gefallen würden.

Als wir bei ihm ankamen, musste ich die Sache mit dem Vorstellen übernehmen, so wenig Lust ich auch darauf hatte. Warum hatte ich sie nicht einfach dort vorne mit dem Barkeeper flirten lassen und so getan, als würde sie nicht existieren? Sawyers Augen klebten an Jewel fest, und obwohl sie versprochen hatte, ihn in Ruhe zu lassen, war sie nun mal eine eingefleischte Flirterin. Dagegen war sie machtlos.

»Hi, ich bin Jewel«, raunte sie mit dieser sexy Stimme, für die ich sie am liebsten geohrfeigt hätte.

»Hey Jewel, freut mich«, erwiderte er, streckte Jewel seine große Hand hin und … hatte er sie etwa einen Moment zu lange gedrückt? »Ich bin Sawyer, ein alter Freund von Lana.«

Die Tatsache, dass ich die beiden bei dieser Vorstellungsrunde ganz sich selbst überließ, entging mir nicht. Leider kriegte ich den Mund einfach nicht auf, weil ich so Angst hatte, dass mir ein wütendes Fauchen entwischen würde. In diesem Augenblick hasste ich Jewel wirklich aus tiefstem Herzen. Vor ihr lag ein Sommer mit einem Typen, der ihr Freund werden sollte, und was machte sie? Setzte all ihre Trümpfe ein, um Sawyer … Ja, was denn eigentlich? Für eine Nacht abzuschleppen? Bei dem Gedanken daran kam mir das kalte Grausen. Wenn sie das wagte, würde ich sie umbringen.

»Lana?« Sawyers Stimme riss mich aus meinen teuflischen Gedanken, und ich blinzelte ein paarmal, um einen klaren Kopf zu kriegen.

»Äh, ja, sorry«, stammelte ich.

»Sie ist ziemlich k.o. von der Reise«, kam mir Jewel zu Hilfe. Zweifellos wusste sie, was hier nicht stimmte.

»Ich habe gefragt, ob ich dich nach dem Essen mit zu Ashton nehmen soll. Dann muss Jewel nicht extra nach Grove fahren.«

Oh, er bot mir eine Mitfahrgelegenheit an. Und ich wäre Jewel endlich los … Her damit!

»Das wäre cool, danke.« Zum Glück schaffte ich es, nicht allzu aufgeregt zu klingen. Seine Lippen kräuselten sich zu einem zufriedenen Lächeln, und ich hatte große Lust, sie zu berühren und herauszufinden, ob sie sich genauso weich anfühlten, wie sie aussahen … Was war denn mit mir los?!

Sawyer führte uns hinüber zu der Nische, aus der uns schon zwei andere Typen entgegengrinsten.

»Jungs, das hier sind Lana, Ashs Cousine, und ihre Freundin Jewel. Sie haben auf einen Tisch gewartet, und ich habe ihnen angeboten, sich zu uns zu setzen.« Sawyer wandte sich wieder uns zu. »Der da links ist Ethan, und der andere heißt Jake.«

Ethan hatte ein nettes Lächeln und kurzes dunkles Haar. Es war gerade lang genug, dass es sich vorne ein bisschen aufstellte. Seine dunkelbraunen Augen wirkten warm und fröhlich. Ich mochte ihn sofort. Ich musste mir eine Seite der halbkreisförmigen Bank aussuchen und entschied mich für seine, weil er irgendwie weniger bedrohlich wirkte. Als ich kurz zu Jake linste, konnte ich sehen, wie er im Anblick von Jewels nacktem Bauch versank. Die blonden Löckchen, die vorne aus seiner Baseballcap hervorlugten, waren zwar ganz süß – aber dieser lechzende Ausdruck in seinen Augen irritierte mich irgendwie.

»Jewel«, sagte Sawyer und bedeutete ihr mit einem Kopfnicken, zu Jake auf die Bank zu kommen. Ich rutschte neben Ethan und war extrem dankbar, dass ich nicht zu Jake musste. Als ich dann aber sah, wie Sawyer sich auf Jewels andere Seite plumpsen ließ, war das wie ein Schlag in die Magengrube. Ohne auch nur eine Sekunde lang zu zögern, hatte er sich für den Platz neben ihr entschieden. Sein Angebot, mich zu Ashton zu bringen, erschien mir plötzlich völlig bedeutungslos. Er hatte höflich sein wollen, mehr nicht. So war Sawyer eben einfach. Nicht, weil er sich von mir angezogen fühlte oder sich auch nur im Geringsten für mich interessierte. Oh Mann, war ich dämlich.

»Ich wusste gar nicht, dass Ashton eine Cousine hat«, sagte Ethan. Ich riss mich von Sawyers Anblick los und konzentrierte mich auf den Typen neben mir. Na, wenigstens schien es ihn nicht zu stören, dass er nicht neben Jewel sitzen konnte.

»Ähm, ja, ich bin die einzige. Ich wohne in Georgia und schaffe es eigentlich höchstens einmal im Jahr, hier runterzukommen und sie zu besuchen.« Ethans lockeres Lächeln gab den Blick auf seine geraden, strahlend weißen Zähne frei. Es gefiel mir, wenn ein Junge gute Zähne hatte. Überhaupt sah Ethan echt nicht schlecht aus. Er hatte zum Beispiel auch unglaublich lange Wimpern …

»Und, bleibst du lang?«

»Den ganzen Sommer über.«

Ethans Lächeln wurde noch breiter, und er nickte. »Schön«, murmelte er.

»Was darf ich euch zu trinken bringen?«, fragte die Kellnerin, die gerade an den Tisch gekommen war, und schob sich angestrengt lächelnd eine Haarsträhne hinters Ohr.

»’ne Cola«, erwiderte Ethan und sah dann auf mein Glas, das beinahe leer war. »Ach nein, sagen wir zwei.«

Ich fand es gut, dass er für mich mitbestellt hatte. Das hatte noch nie irgendein Junge gemacht, und ich kam mir plötzlich ziemlich besonders vor.

»Und für mich einen Screwdriver«, sagte Jewel – als würde sie damit durchkommen! Ich linste zu ihr, und sie warf mir ein kleines Grinsen zu.

»Da muss ich erst den Ausweis sehen«, sagte die Kellnerin. Das brachte wiederum mich zum Grinsen. Jewel sah jetzt nämlich nicht mehr hochmütig drein, sondern ziemlich perplex.

»Den habe ich nicht dabei«, fauchte sie verärgert.

»Na, das habe ich mir schon gedacht …«, murmelte die Kellnerin.

»Soll das etwa heißen, ich sehe nicht aus wie einundzwanzig?«, fragte Jewel schockiert. Ein Hammer, dass man sie hier als Achtzehnjährige nicht selbstverständlich für alt genug hielt, logisch.

»Exakt«, kam von der Kellnerin mit ausdruckslosem Gesicht.

Zweifellos würde Jewel jeden Augenblick einen Streit anzetteln. Ich musste dringend eingreifen, ehe wir alle zusammen aus dem Lokal geworfen wurden.

»Sie bekommt dann eine Diätcola«, sagte ich und lächelte der Kellnerin entschuldigend zu, ehe ich Jewel warnend anfunkelte.

Sie grummelte und verschränkte schmollend die Arme unter der Brust. Zum Glück waren ihre Brüste so klein, dass diese lächerliche Pose nicht erneut Sawyers Blick auf sie zog.

Alle bestellten sich ihre Getränke. Sawyer lehnte sich zu Jewel und flüsterte ihr etwas zu, das sie zum Kichern brachte. Ich beschloss, dass ich das hier einfach nur irgendwie überstehen musste, und konzentrierte mich auf die Speisekarte. Keine Ahnung, weshalb ich mir von diesem Abend mehr erwartet hatte.

»Das hast du gut hingekriegt«, wisperte mir Ethan zu, während er ebenfalls seine Speisekarte aufklappte.

Ich lächelte. »Tja, darin hab ich Übung. So was passiert ständig!«

Er grinste, und wir vertieften uns in unsere Karten.

Wenn diese Tusse noch ein einziges Mal kicherte, würde ich meine Serviette in Fetzen reißen und sie mir in die Ohren stecken. Verdammt, war die nervig! Als sie auftauchte, hatte ich erst kurz gehofft, dass sie mich heute Abend vielleicht von Ashton ablenken könnte, aber da hatte ich mich echt gründlich getäuscht. Das Einzige, was sie konnte, war, mir den letzten Nerv zu rauben. Und wenn sie es wagte, noch mal mit ihrer Hand über meinen Oberschenkel zu fahren, würde ich sie Jake zum Fraß vorwerfen. Genau.

Ein leises Lachen erregte meine Aufmerksamkeit, und ich drehte mich zu Lana. Egal, was Ethan zu ihr sagte – sie quittierte es mit einem strahlenden Lächeln. Während des gesamten Essens hatte er ihr irgendwelche Dinge zugeflüstert. Ja, und auch das nervte mich. Sobald sie sich neben ihn gesetzt hatte, gehörte ihm ihre gesamte Aufmerksamkeit. Als wären wir anderen Luft.

»Sieht ganz so aus, als würde dein Freund sie interessieren«, wisperte mir Jewel zu, die genau merkte, auf wen ich meine Blicke gerade richtete.

»Hmmm«, war meine einzige Antwort.

»Wie lange kennst du Lana denn schon?«, fragte sie. Ich dachte zurück an die Zeit, als sie noch das Mädchen mit dem karottenroten Pferdeschwanz, den dürren Beinen und den Knubbelknien gewesen war, und merkte, dass sie es ganz schön weit gebracht hatte. Sogar diese Sommersprossen, die sie früher irgendwie unattraktiv gemacht hatten, trugen jetzt zu ihrem ganz besonderen Look bei.

»Seit wir Kinder sind. Ich habe sie immer vor Ash und Beau beschützt. Die haben sie ganz schön gequält …«

»Beau?«, fragte Jewel. Offenbar sprach Lana mit ihrer Freundin nicht viel über Ashton. Wenn, dann hätte sie ganz genau gewusst, wer Beau war.

»Mein Bru – äh, Cousin«, gab ich zurück.

Lana warf ihren Kopf zurück und lachte – diesmal aus tiefstem Herzen. Das war kein Lacher, den sie zu unterdrücken versuchte, sondern einer von der Sorte, den man aus Begeisterung ausstößt, ohne sich darum zu kümmern, wer einen hört. Ihre langen, seidigen Kupferlocken streiften die Tischplatte, und ich fragte mich, wie sie wohl reagieren würde, wenn ich eine davon um meinen Finger wickelte …

»Du denkst wohl, das ist komisch, hm?«, fragte Ethan und grinste wie ein Honigkuchenpferd.

Lana nickte und drückte seinen Arm. »Ja! Sorry«, meinte sie und versuchte ihr breites Lächeln zu unterdrücken.

Ethans Körpersprache verriet ganz deutlich, dass er überhaupt nichts dagegen hatte. Er lehnte sich an sie und fing schon wieder mit der verdammten Tuschelnummer an. Die beiden waren wirklich völlig in ihrer eigenen kleinen Welt versunken.

»Normalerweise kommt sie mit Typen nicht so gut klar. Sie machen sie nervös«, vertraute Jewel mir an.

Auf mich wirkte sie gerade kein bisschen nervös, obwohl die alte Lana tatsächlich recht ruhig und reserviert gewesen war. Was hatte sich wohl noch verändert – abgesehen davon, dass sie sich innerhalb weniger Monate von der grauen Maus zum stolzen Schwan entwickelt hatte?

Jake sagte etwas zu Jewel, und sie wandte sich ihm zu. Uff. Endlich eine Verschnaufpause. Vielleicht würde sie jetzt seinen Oberschenkel betatschen und mich verschonen.

Lana griff nach ihrem Getränk, und unsere Blicke streiften sich. Sie hielt kurz inne und lächelte mich dann an. Sie hatte wirklich ein süßes Lächeln. Und auch diese Sommersprossen … Total niedlich.

»Na, schmeckt’s?«, fragte ich.

Sie linste kurz zu Ethan, der sie immer noch wie ein liebestoller Welpe anglotzte. Den hatte sie wirklich ziemlich schnell um ihren kleinen Finger gewickelt.

»Ja, danke«, sagte sie und trank einen Schluck. Ihre prallen Lippen umschlossen den Strohhalm, und ich musste hart schlucken, um nicht leise aufzustöhnen. Woher hatte die kleine Lana McDaniel plötzlich diese Verführungskünste?!

»Lana hat gesagt, dass wir sie bei Ashton absetzen«, sagte Ethan. Ich riss meinen Blick von ihr und dem verdammten Strohhalm los und blitzte ihn an. Warum ich das tat, wusste ich selbst nicht. Er hatte mir schließlich nichts getan. Er unterhielt einfach bloß Lana und sorgte dafür, dass sie sich bei uns am Tisch wohlfühlte … Etwas zu wohl vielleicht. Ich zwang mich, einen entspannten Gesichtsausdruck aufzusetzen, und nickte. »Yep, ich dachte, das passt gut. Liegt für uns ja auf dem Weg, und Jewel kann dann direkt weiter Richtung Strand.«

»Super Idee«, sagte Ethan strahlend und tuschelte Lana etwas zu, das sie abermals zum Grinsen brachte.

Zu zahlen und endlich hier rauszukommen war meine oberste Priorität. Ich war bereit, Jewel ihrem Schicksal zu überlassen. Mädchen, die gewisse Signale nicht checkten, nervten mich. Ich unterschrieb die Rechnung und steckte meine Karte zurück in die Tasche.

»Hier«, sagte Jewel etwas bedrückt, als sie der Kellnerin ihre Quittung und eine 20-Dollar-Note gab.

»Ethan, nein!« Lanas Stimme riss mich aus meinen Gedanken, und ich sah, wie sie Ethan einen strengen Blick zuwarf – während er strahlend lächelte.

Ende der Leseprobe