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Dieser Roman beschreibt Lübeck im 13. und 14. Jahrhundert. Es war die Zeit, in der sich die Städte mit ihren Kaufleuten zur Hanse zusammenschlossen. Wie war das mit dem Bau der Marienkirche und wie kam das Salz von Lüneburg nach Lübeck und die ganze Welt. Über all das schreibt die Autorin Margarete Hachenberg in ihrem Roman
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Seitenzahl: 193
Veröffentlichungsjahr: 2022
Margarete Hachenberg
Liubice
Ein Roman über Lübeck und die Zeit der Hanse
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Liubice
Lüneburg
Marienkirche
Hildebrand
Tidemann
Überfall auf Dänemark
Die Landesherren
Die Kogge
Salz
Die Seeräuber
Der Wächter
Die Reise
Die Pest
Bergen
Die Vermählung
Die Seuche
Tidemann
Lüneburg
Visby
Bergen
Liubice
Die Bauern
Tidemann
Der Aufstand
Das Salz
Liv
Die Bauern
Lüneburg
Bergen
Liubice
Lüneburg
Das Salz
Marienkirche
Der besondere Duft
Piraten
Liv
Bergen
Hildebrand
Marienkirche
Tidemann
Die Bauern
Grete
Liv
Jonathan
Marienkirche
Tidemann
Jonathan
Lüneburg
Liubice
Marienkirche
Liv
Hildegund und Jonathan
Liubice
Liv
Die Folterkammer
Das Kloster
Liv und Tidemann
Impressum neobooks
Handwerker machten sich auf den Weg zur Arbeit, noch umhüllte das Grau des Morgens die Stadt an der Trave. In zerfetzte Beinlinge und Wamse gekleidet schritten sie der Kirche zu.
„Wie mühselig ist doch unser Tagewerk!“ stöhnte Hinrich. „Das ist die Strafe Gottes für alle unsere Sünden.“ Trotz seiner Hände Arbeit wohnte er mit seiner Frau und seinen kleinen Söhnen Wilhelm und Theodor in nur einem Raum eines kargen Bretterverschlages.
Die Löcher der Hütte hatte er erst gestern mit Stroh verschlossen so wie auch das Dach gedeckt. Die Winter klirrten vor Kälte, deshalb gab es keine Fenster. Trude arbeitete im Sommer bei offenstehender Türe, so dass Licht in die Hütte fiel. Der Rauch von der Feuerstelle entwich durch das Eulenloch im Strohdach. Im Winter prasselte das Feuer am Tag, so dass Trude sich zurechtfand und die Hütte erwärmte. Das war die Zeit, in der Hinrich nicht arbeitete. Oft saß die Familie um die Feuerstelle verteilt. Das schützte sie vor der bitteren Kälte. Der Tisch aus Eichenholz wackelte, auf den Schemeln nahm die Familie Platz. Neben dem Gemach befand sich der Stall mit einer Kuh, einem Schwein und wenigen Hühnern. Auch der Lehrjunge lebte bei ihm. Neben der Hütte befand sich ein kleiner Garten.
Müde rieb sich Hinrich die Augen, an seinem Gurt baumelten die Werkzeuge und in einem Beutel kleine Fladen. Diese hatte seine Trude ihm gestern Abend noch im offenen Feuer gebacken. Er stapfte Hand in Hand mit seinem Lehrjungen durch den Morast der Stadt am Rathaus vorbei zur Baustelle.
Er dachte an seine Frau. Beim ersten Hahnenschrei würde auch sie von ihrem Strohlager aufstehen, sich um das Vieh und ihre Söhne kümmern. Noch hingen dichte Nebelschwaden in den Gassen und Pfaden, der sich jedoch bald lichten würde, sobald sich die Sonne zeigte.
Die Arbeiter hobelten an diesem Morgen Baumstämme und klopften Steine.
„Hoffentlich schlägt das Wetter nicht zu früh um. Oh Herr, bitte nicht, steh uns bei. Lass es noch eine ganze Zeit so sonnig bleiben. Ich brauche jede einzelne Münze, die ich verdienen kann, sonst leiden meine Arbeiter und meine Familie im Winter bittere Not. Herr, seid uns gnädig!“ betete er inbrünstig, doch leise vor sich hin.
„Ich rühre den Mörtel an!“ sprach Hinrich. Braune Locken umgaben sein Gesicht mit den strahlend blauen Augen und den roten Wangen. Falten durchfurchten seine Stirn. Er bückte sich, mischte Kalk mit Sand und Wasser, rührte das alles mit einer Hacke. „Sputet euch, dieses Mauerwerk soll größer werden wie der Bischofsdom. Wir werden noch sehr lange an diesem Bau beschäftigt sein“, rief er den anderen zu. Ein Bienennest hing an einer Tanne auf der gegenüberliegenden Seite.
Die Männer eilten mit Tragen herbei und füllten den Mörtel mit ihren Händen hinein, schleppten alles auf den Leitern hinauf zum Baugerüst, andere schleppten Ziegel in Körben auf den Laufschrägen.
Langsam erhob sich die Sonne am Horizont. Manche Ziegel des unteren Mauerwerkes leuchteten in einem dunklen rot, braun, grün oder auch in Gelb. Hinrich richtete sich wieder auf, sein Blick schweifte zur Mauer der Stadt und er sah das Torhaus mit den zwei Rundtürmen und einem Spitzbogen. Eine Statue machte das Bild komplett.
„Wie prächtig das alles aussieht“, dachte er und rührte neuen Mörtel. „Es dauert sicher nicht mehr lange, dann brauchen meine Männer diesen Mörtel, um die nächsten Steine aufeinander zu setzen. Diese Kathedrale wird eines Tages durch ihre Höhe alle Menschen beeindrucken.“ Mit den Ärmeln seines Wamses wischte sich Hinrich den Schweiß von der Stirn. Den Unrat in den Gassen und Pfaden spülte der Regen in der vergangenen Nacht in den nahen Fluss.
Am Ufer der Trave türmte sich der Müll. Da lag zerbrochenes Geschirr, Fäkalien, Eingeweide, Aas in Gras und Schilf am Uferrand. Ein Dieb baumelte am Galgen. Einfache Buden wechselten mit schönen Kaufmannshäusern ab.
„Rufen wir die Bürger zu Spenden auf!“ verlangte Friedrich. Er war ein hagerer Mann mittleren Alters mit graumeliertem Haar. Er zählte zu den wohlhabenden Kaufleuten der Stadt. „Ja, diese Kirche soll gewaltiger und sehr eindrucksvoll werden, einfach voller Pracht! Auch ich spende für dieses Bauwerk und rufe alle Kaufleute auf, sich mit einer großzügigen Spende daran zu beteiligen.“
„Schön wäre, wenn diese Kirche nach einem französischen Vorbild errichtet würde!“ Wilhelm schien begeistert. „Da gibt es Säulen, Rosetten, Reliefs und Statuen.“
„Denkt daran, dieses Gotteshaus soll in die Höhe strebende Rippen erhalten“, erinnerte Hinrich seine Arbeiter. „Sie wird ausgestattet mit Pfeilern, spitzen Bögen und Ornamenten.“
Die Trave und die Wakenitz schlängelten sich durch die Stadt zur Ostsee. Ochsenkarren, beladen mit Backsteinen, ratterten zum Marktplatz Liubices. Hirten spazierten gemächlich mit ihren Pferden und Kühen zu den Weiden vor den Toren der Stadt. Bauern und Krämer trotteten zum Marktplatz in der Nähe des Rathauses. Handwerker arbeiteten an Lagerhäusern und an den Häusern der Kaufleute.
„Sehr viele Menschen kommen in unsere Stadt, alle sind sie auf der Suche nach Arbeit.“ Grete rührte gerade in einem eisernen Topf, der an einer Kette von der Decke baumelte.
„Jetzt laufen Schiffe ein, sieh nur, welch ein Treiben“, meinte sie dann. Sie sah aus der Öffnung des Fensters. „Da ankern Koggen.“ Matrosen legten das Schiff an, blickten über die Kulisse der Stadt mit den hohen Türmen, andere wiederum liefen hektisch hin und her. „Holt die Waffen und die Werkzeuge aus den Lagern, auch das Salz, das Getreide, die Tuche!“ hörte Grete die Stimme am Ufer.
„Gebt mir von dem blauen Tuch“, sagte ein Mann, groß, schlank und hielt den Pelz eines Hermelins vor den Kaufmann. „Daraus näht mein Weib ein schönes Kleid.“
„Wer hat Tee, der ist mir wichtig, Bienenwachs für Kerzen?“ Stimmen hallten laut am Hafen, drangen zu Grete herüber. Säcke und Fässer verlie0en das Schiff, Packer kamen mit Tragen, luden die Ware auf und trugen sie fort. Sie drängten sich entlang der eng stehenden Backsteinhäuser mit ihren Satteldächern.
Schiffszimmerleute lebten hier, Handwerker, Leinweber, Schiffer wie auch Böttcher. Tavernen und Bordelle verteilten sich in der Nähe des Hafens.
„Mensch, dieser Reißig in der Gasse stört!“ rief ein Packer, stieß einen tiefen Seufzer aus und das dünne Holz zur Seite. Männer trugen Fässer und Säcke durch die Stadt. Weiber eilten ihnen entgegen, auf dem Weg zum Markt. Karrenschieber und Lastenträger brachten ihre Waren zum Hafen. „An diesem Haus steht ein Fass im Weg!“ Anton trat mit seinem Fuß Hühner und Schweine beiseite.
Grete trat aus ihrer Hütte und entleerte die Fäkalien aus dem Nachttopf vor der Türe. „Überall sonst gibt es Mistkisten, nur bei mir nicht!“ ärgerte sie sich. „Wenn ich doch eine Grube hätte, die mit Brettern abgedeckt wäre.“
Die Packer luden ihre Ware in einer großen Halle ab. „Bringt Bohnen und Speck zu den Kaufleuten!“ hörte man die tiefe Stimme des Kochs. „Nun eine Erbsensuppe, die Ihr den Kaufleuten anbietet. Sie kommen von weit her zu uns gereist, manche aus Norwegen, Finnland, Schweden oder Dänemark.“ Knechte huschten über den lehmigen Boden. Der Rauch aus der Küche stieg nach oben durch ein Loch im Dach. Holzläden schmückten die Öffnungen der Fenster.
„Bringt die Waren in die Speicher!“ verlangte ein Kaufmann. „Dort ist ein Seilaufzug, beeilt Euch!“ Gehorsam hängte ein Handlanger einen prallen Sack an den Aufzug und zog am Seil. Über eine Luke gelangte das Getreide in eine der Kammern der oberen Etage.
Knaben spielten in den engen Pfaden, stießen Steine mit ihren Füßen. Ihre Gesichter trieften vor Schmutz, Lumpen hingen an ihren Leibern. „Macht Euch vondannen!“ knurrte der Kaufmann, zog am Riemen seines Ochsen und fuhr weiter. Die Räder rumpelten über den Lehm. Falten durchfurchten die Stirn des Mannes und mit seinen Fingern kämmte er sich durch sein Haar.
Händler bauten ihre Stände auf, priesen dabei lautstark ihre Ware an. „Kauft Scheren und Messer!“ Fleischer legten das Fleisch zum Verkauf aus und Bäcker kümmerten sich um Brotfladen. Die Öfen rauchten. „Heiße Schafsfüße, ihr Leute! Rinderrippen oder doch lieber die Hülsen der Erbsen mit grünen Binsen?“ Ein Marktschreier machte auf sich aufmerksam.
Mauern mit vier Toren umgaben Liubice. Das Burgtor bildete den Durchgang in den Norden der Stadt und Wächter hielten auf den Türmen Ausschau nach Dieben und Wegelagerern.
„Ist unsere Stadt nicht einzigartig schön?“ meinte Gerd. „Jeder Gast sieht zunächst einmal die Türme, die alle anderen Dächer der Häuser überragen. Wie gut, dass auch Travemünde jetzt zu Liubice gehört. So können die Schiffe alle ungehindert die Ostsee erreichen.“ Er lächelte und setzte sich an den Stand. Neben ihm saß sein Zwillingsbruder Nikolaus. Beide waren sie jung und ihr braunes Haar lag verfilzt um ihre Köpfe. „Wer braucht Eier, Obst und Gemüse? Alles frisch und gar nicht teuer!“
„Alle Häuser, die von nun an gebaut werden, sollen nur noch aus steinernen Muren bestehen!“ schrie der Rat der Stadt über den Marktplatz. „Ausgenommen davon sind nur die kleinen Gangbuden.“
„Wir kommen mit der Arbeit nicht nach. So sputet Euch doch endlich!“ befahl ein Arbeiter. Mit tiefrotem Gesicht stand er vor den Toren der Stadt. Er war zornig. Die Männer rannten schneller, der Schweiß tropfte ihnen von der Stirn. Knut, ein bereits betagter Mann, bückte sich tief, nahm Ton und Lehm vom Boden, füllte die Kiste aus Holz mit seinen massigen Händen und strich die Masse glatt. „Nun erst einmal zur Ziegelbrennerei“, dachte er und schob die Kiste hinter sich her. Er ließ seine Augen über die Häuser wandern. Sie standen eng beieinander, die Pfade boten kaum Platz für einen Durchgang. Ein Backsteinhaus schien heller, ein anderes dunkler. Dann kehrte Knut wieder zur Arbeit zurück. Er sah das Ufer der Trave. Schiffe und Koggen legten an. Matrosen wie Hafenarbeiter wuchteten Fässer und Säcke an Land. „Was die da wohl alles haben?“ dachte Knut. „Auf jeden Fall Fische, vielleicht auch Weizen und Roggen.“
„Macht voran!“ Fässer und Säcke stapelten sich, der Streifen des Ufers war nur schmal. Die Arbeiter am Hafen flitzten. Die Sonne strahlte vom hellblauen Himmel. Über ihren Beinlingen mit den Wamsen trugen sie eine Gugel zum Schutz vor dem Wetter. „Bringt die Waren sofort in die Speicher!“ kommandierte der Kapitän.
„Diese Pelze bekommt Johann, der Kaufmann. Tragt die Ware zum dreistöckigen Backsteinhaus direkt neben dem Rathaus am Marktplatz!“ Peter stöhnte. Die Sonne brannte und in seinen Achseln klebte der Schweiß.
„Josef und Michael, geht Ihr mit den Säcken und Fässern zum Markt, die Ware muss sofort verschwinden! Zur Stadtmauer gibt es keinen Platz mehr. Verkauft alles, was Ihr habt!“
„Legen wir eine Pause ein!“ bot Hinrich seinen Arbeitern an. Vierzehn Stunden arbeiteten sie Tag für Tag an diesem Mauerwerk. Nun setzten sich die Männer auf gestapelte Backsteine. „Zeit, unsere mitgebrachten Fladen zu essen und Bier zu trinken.“ Nach und nach kamen Maurer, Mörtelmacher und Handlanger. „Setzt Euch auf die geschichteten Balken, da ist noch Platz. Gönnen wir uns etwas Ruhe. Der Tag ist noch lange nicht zu Ende.“ Hinrich saß mitten unter seinen Leuten. „Wir wollen eine sehr breite Hallenkirche mit einem Turm bauen. Haltet Euch genau an alle Anweisungen. Damit wollen wir deutlich machen, dass das Selbstbewusstsein unserer Bürger gewachsen ist. Das soll eine Kirche werden, wie es noch niemals eine gab.“ Mit stolz geschwellter Brust redete der Werkmeister mit seinen Männern. „Darauf muss ich mich verlassen können.“ Er nahm einen Schluck Bier aus seinem Becher.
„Wie wäre es denn“, meinte ein Maurer, „wenn wir das Gewölbe des Hauptschiffes und die Seitenschiffe gleich hoch bauen? So würden wir signalisieren, dass sich keiner unterwerfen muss. Alles hat den gleichen Wert.“ August sah seinen Meister neugierig an. „Was meint Ihr dazu?“
Hinrich überlegte, „Die Idee finde ich großartig. Womöglich gleicht die Kirche dann einer festlichen Halle in einfacher Form und drückt trotzdem die Unabhängigkeit unserer Stadt aus. Damit setzen wir der Kirche ein Denkmal! Wichtig ist und bleibt allerdings, dass der Bau des Chores eine Trennung zwischen den reichen Kaufleuten und den Bürgern des unteren Standes zulässt. Ich will, dass die Kaufleute im Chorgewölbe sitzen, der unterste Stand im Langhaus Platz findet. Habt Ihr das verstanden? Setzt alles genauso um und macht Euch jetzt wieder an die Arbeit!“
Anne drängte sich an den Buden und Tischen des Marktes vorbei. „Eimer aus Holz, Geschirr, gnädige Frau, Schüsseln!“ Über ihrem bodenlangen Kleid trug sie eine schmutzige Schürze, eine Haube bedeckte ihr Haar. Damit huschte sie zwischen den Tischen vorüber. „Ich habe sehr feine Tuche. Seht nur, welch leuchtende Farben!“ Vor wenigen Minuten erst hörte sie die Stimme des Stadtrates. „Steuern und Abgaben werden teurer.“
„Auf keinen Fall kann ich viel Geld ausgeben“, überlegte sie. Anne kam an den Stand von Gerd und Nikolaus. „Moin, moin, ihr Herren. Die Männer lächelten ihr entgegen. „Was darf es denn heute sein?“
„Eine milde Gabe!“ hörte Anne jemanden sagen. Sie drehte sich um und sah einen jungen Mann, auf einen Stab gestützt. Er zog sein linkes Bein hinter sich her. Schnell zog sie eine Kupfermünze aus einem kleinen Beutel. „Hier, mein Herr. Einen schönen Tag wünsch ich Euch.“
„Vergelt´s Gott“, murmelte er und zog davon. Anne drehte sich zu dem Tisch um. „Entschuldigt, Eier brauche ich, Mehl, Speck und Bohnen.“ Gerd holte die gewünschte Ware vom Tisch und legte alles sorgfältig vor Anne hin. „Ist das recht so? Alles zu Eurer Zufriedenheit?“ hauchte er. „Gebt mir noch einen Streifen Speck und zwei Eier, mein Herr“, bat Anne.
„Dann macht das einen Groschen.“ Gerd hielt seine Hand auf. Unter seinen Nägeln steckte Dreck von der Arbeit im Garten. Anne gab ihm die Münze. Schnell steckte Gerd das Geld in den Beutel an seinem Gurt, den er um sein Wams trug und legte die Lebensmittel in die Schürze, die Anne ihm aufhielt.
Die junge Frau ging zurück Richtung Rathaus. „Ihr habt nichts anderes verdient!“ brüllte der Vollstrecker und hieb mit Wucht einen Prügel auf den Übeltäter.
„Ich hab Hühner, Butter und Kräuter“, ein alter Bauer kämpfte um sein Überleben. „Mit meiner Hände Arbeit stelle ich Euch das bereit.“ Der alte Mann schaute zu Anne auf. „Gebt mir ein Stück Butter, guter Mann“, verlangte Anne und dachte daran, sich etwas davon auf die Fladen zu schmieren. „Mal sehen, wie das mundet.“
Daneben schnitzte ein Mann einen Kamm aus einem Knochen. „Für Euer Haar, gnädige Frau. Seht doch nur, wie leicht das gleitet.“
Außer dem beißenden Geruch der Abfälle und Fäkalien duftete es nach frischem Brot. Ratten jagten durch die Stadt und Fliegen setzten sich überall ab.
„Wollen wir nicht ein Haus für die Armen bauen?“ Gottfried, einer der reichen Kaufleute dieser Stadt, saß mit seinesgleichen in seinem prunkvollen Haus. „Hier leben mittlerweile so viele arme Menschen, die sich nicht einmal das Nötigste zum Leben leisten können. Manche hinken oder ziehen ein Bein hinter sich her, sie betteln und sind nicht in der Lage, die Miete für eine der einfachen Bretterbuden zu zahlen.“ Gottfrieds blaue Augen strahlten, als er in die Runde sah.
„Hm, Ihr habt wohl recht will mir scheinen“, erwiderte Dietrich. „Es gibt so viele Bettler, Handlanger, Totengräber, Abdecker und Kranke, die auf unsere Hilfe angewiesen sind.“ Dietrich griff sich in den braunen Bart. „So viele leben in den engen Pfaden und in den Hinterhöfen der Backsteinhäuser, irgendwo am Rande oder sie leben in lehmigen Buden, die an der Stadtmauer lehnen.“
„Ja, manche gehen zwar einer Arbeit nach, doch auch ihnen reicht der Lohn nicht aus. Sie können ihre Familien nicht ernähren, geschweige denn, auch nur eine kleine Kupfermünze sparen. Auf diese Weise, ein Haus für die Armen zu bauen und dafür Sorge zu tragen, dass sie ein Strohlager und jeden Tag etwas zu essen haben, können wir doch sicher die Gunst Gottes erlangen. Wir verdienen doch so gut, dass wir alle etwas von unserem Geld abgeben können.“ Ein Hut schmückte seinen Kopf und ein Umhang hing über seinen Schultern. „Gehen wir hinaus und geben den Bettlern ein Almosen.“
„Agathe!“ herrschte Johannes sein Weib an. „Eilt Euch, trödelt nicht. In diesen Fässern“, der Mann zeigte darauf, „lagern Heringe. Nehmt sie alle aus und macht Tran von den Abfällen. Viel Zeit bleibt Euch nicht. Heute Nachmittag will ich die Heringe verkaufen.“ Über seinen Beinlingen trug er ein knielanges Wams, mit einem Gurt in der Hüfte gehalten.
Agathe putzte sich die Zähne. Eben kochte sie Erbsen und briet kleine Fladen an. „Viel Zeit bleibt Euch nicht“, knurrte sie vor sich hin. Damit drehte sie sich um.
Sie griff zum Regal, holte sich ein Messer und schnitt die Heringe vom Kopf an quer auf bis zur hinteren Flosse. „Mensch, die sind ja glitschig!“ meckerte sie und warf den ersten Hering in ein Fass. Die Gräten und Innereien zur Seite. Schnell eilten die Sortierfrauen herbei und machten Tran daraus.
„Die Hanse ist ein starker Bund von Kaufleuten. Obwohl wir alle nur Händler sind und keine Handwerker oder Männer aus anderen Berufen in unserer Schar sind, halten wir fest zusammen und lehnen uns gegen den König auf. Wir Kaufleute sind doch letztendlich diejenigen, die mit ihren Koggen in alle Hansestädte Europas segeln und durch unser Geschick Macht und Einfluss haben. Ich glaube nicht, dass wir diese Blockaden hinnehmen müssen, sondern wir werden aufbegehren. Wir alle trotzen dem König und all den Mächtigen, liefern keine Güter nach Brügge oder in einen anderen Hafen Flanderns. Es kann nicht angehen, dass wir solch hohe Abgaben zahlen sollen oder unsere Ware einfach beschlagnahmt wird. Macht also Vorschläge, wie wir unser Vorhaben durchsetzen können.“ Richard saß mit seinem Sohn Thomas am Tisch und erzählte ihm, was sich vor langer Zeit in Brügge zugetragen hatte.
„Wir dürfen auf keinen Fall und zu keiner Zeit als Unterwürfige auftreten, sondern unsere Bedingungen gegen die andere Partei stellen!“ warf dann ein Kaufmann ein, Thomas.
„Das, was wir heute hier besprechen, halten wir in einem Protokoll fest. Das können diese Drecksschweine nicht mit uns machen. Wo bleibt denn unser Gewinn, wenn wir mit unseren Waren nicht mehr handeln können? All die Jahre lief es gut und jetzt stellt sich uns der König in den Weg und demonstriert seine Macht. Es ist doch unser Recht, Handel zu treiben!“
„Der König verweigerte jede Verhandlung mit uns, also bieten wir ihm die Stirn. Wir werden sehen, wer am Ende gewinnt. Schreiber, notiert alles, was wir hier besprechen in mehrfacher Ausführung und gebt die Duplikate dann den Ratssendboten.“ Damit endete dieser Hansetag und die Kaufleute verließen das Rathaus.
„Mein Großvater erzählte mir mal eine Begebenheit, mein Sohn“, erhob Richard, ein Kaufmann aus Liubice das Wort. Er lebte in einem der dreistöckigen Häuser direkt am Hafen. Runde Bögen zierten die Fenster, Reliefs und Figuren sahen die Händler, sobald sie die Stadt im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation betraten. Richard setzte seinen Hut ab und legte ihn fein säuberlich auf ein Regal an der gekalkten Wand. Er strich sich mit seinen Fingern durch sein schütteres Haar. Thomas sah ihn ganz gespannt an. „Fahrt fort, Vater. Ich lausche gerne Euren Geschichten. Thomas räkelte sich auf dem Schemel. „Brügge hatte damals schon alle Rechte einer Stadt. Aus allen Teilen unserer Welt kamen die Händler und ankerten ihre Schiffe. Sie brachten Waren, um sie zu veräußern und kauften sich Tuch aus Flamen. Viele von ihnen blieben in der Stadt und ließen sich dort nieder.
Rund um den Marktplatz erhoben sich Markt- und Lagerhallen sowie ein Kontor. Da soll es Laubgänge mit Geschäften und Verkaufsständen gegeben haben. Der Handel lief gut, keiner der Geschäftsleute litt Hunger zu jener Zeit. Die Kaufleute handelten mit Wolle, die zu Tuch verarbeitet und ins Ausland verschifft wurde. Salz und Pelze wechselten die Besitzer. So verlief das Jahr für Jahr.
„Es ist schon lange her“, so setzte der alte Mann an, „da spitzte sich die Lage der Händler ganz dramatisch zu. Es war damals in Brügge der Fall, da lief im Hafen dieser Stadt einfach gar nichts mehr. Es soll ein Sommer gewesen sein und alles war ruhig, ja leblos am Hafen, ein ungewöhnliches Bild.“
Thomas sah seinen Vater gebannt an. „Wie konnte es dazu kommen und um was ging es da überhaupt?“ wollte der junge Mann wissen.
Plötzlich hieb Richard mit seiner Faust auf den Tisch. „Verdammt Weib, wo bleibt das Mahl, mein Bier? Ich hab Kohldampf! Macht voran!“ Daraufhin wandte er sich wieder seinem Sohn zu.
„Zu dieser Zeit liefen nicht nur Koggen im Hafen ein, Kaufleute rumpelten mit Ochsenkarren aus dem Süden und Norden Europas in Brügge ein. Jeder wollte sein Geschäft machen und klingende Münzen mit nach Hause nehmen.
Der bedeutendste Hafen und Umschlagplatz dieser Stadt lag im Norden. Dort stand das Zollhaus und direkt daneben in einer Bretterbude hielten sich die Handlanger auf, wenn keine Arbeit anstand.
„Normalerweise arbeiteten immer viele Männer an einem Kran direkt am Hafen. Kam ein Kahn an den Kai, um Güter zu bringen, bestieg einer der Arbeiter ein Laufrad am Kran, an dem ein dickes Seil hing. Damit brachten sie dann Fässer und Säcke an Land, doch es war Sommer und die beste Zeit dazu, doch der Kran stand still.“ Richard nahm sich einen Humpen dünnes Bier vom Tisch und schlürfte genüsslich. Anschließend wischte er sich den Schaum vom Mund. „Männer hielten sich zwar in der Nähe des Kranes auf, doch es arbeitete niemand. Wie mein Großvater sagte, hielten sie sich im Schatten einer Brücke auf. Kein Schiff, kein Boot schaukelte auf den anrollenden Wogen des Wassers.“
Richards Frau rührte in der Küche in einem eisernen Topf. „Bin gleich so weit. Habt ein wenig Geduld“, rief sie.
„Das finde ich schon merkwürdig“, erklärte Thomas, „doch erzähl weiter“, sagte er und biss in ein Stück Fladen. „Was geschah denn dann?“
„Die Waren- und Lagerhäuser der Kaufleute blieben leer, sie füllten sich nicht, wie es sonst üblich war. Die Händler aus Deutschland brachten keinerlei Ware. Könnt Ihr Euch vielleicht vorstellen, mein Junge, wie es dazu kam?“ Richard atmete tief ein und aus, freute sich, eine kleine Pause einlegen zu können.
„Normalerweise gibt es doch auch eine Markthalle so wie bei uns, Vater. Blieb die denn auch leer?“ fragte der Sohn.
„Ja, die Markthalle in Brügge besaß einen eckigen Turm, all das blieb leer. Weder liefen Schiffe in den Hafen ein noch kamen Händler mit ihren Ochsenkarren über die Landwege. So verlief das auch in den anderen Hafenstädten Flanderns. In jener Zeit verbündeten sich viele verschiedene Städte miteinander zur Hanse. Die deutschen Kaufleute, die dazu gehörten entschieden dann, ganz Flandern nicht mehr zu beliefern. Es hieß damals: Wir wollen nicht, dass Schiffe in die Häfen Flanderns einlaufen und Waren bringen! So blieb es natürlich nicht aus, dass kein Mensch mehr Geld verdienen konnte. Keine Güter, keine Kunden. Elend und große Not griffen um sich, Spelunken mussten schließen, es gab keinen Wein, kein Bier.“
Elisabeth trat an den Tisch. „Der Bohnenbrei ist angerichtet. Lasst es Euch munden. Guten Appetit.“ Dann huschte sie wieder davon und der Saum ihres Kleides berührte rauschend den Boden.
