Weiand - Margarete Hachenberg - E-Book
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Margarete Hachenberg

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Beschreibung

Vor Jahren bat mich mein Mann darum, ein Buch über die Weiands zu schreiben, die einstmals wegen den Religionskriegen und den Wirren mit den Hugenotten aus Frankreich in die Welt hinaus flohen. Im Laufe der Jahre veränderten sich ihre Namen. Alles begann in Paris mit Francois Villon, geht über Antoine Vaillant in die Bretagne hinaus nach England, Amerika und Deutschland, wo sich die Nachnamen ins Deutsche oder Amerikanische abwandelten. Die Weiands lebten in verschiedenen Epochen und erlebten Kriege, bauten sich eine neue Heimat auf und heute weiß niemand mehr, dass Weiands ursprünglich aus Frankreich kamen und wie die Zeiten und Jahrhunderte sie prägten und veränderten.

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Seitenzahl: 457

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Margarete Hachenberg

Weiand

Eine Familienchronik

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

In Erinnerung an Bernd Weiand

Familie Vaillant, Bretagne 1598

 Francois Villon, Paris 1431

  Matthieu Vaillant, Bretagne 1647

 Heinrich Weyandt 1653

 Jules Vaillant 1685

Ludwig Weyandt 1690

Christoph Martin Wieland 1750

Gabriel Vaiant 1789

Sebastian Weygandt 1796

Rüdiger Weigand 1813

Louis Wayland 1845

Bob Wayland 1863

Friedhelm Wailand 1870

August Weyand 1908

Jakub Wayand 1943

Oskar Weiand 1961

Bernd Weiand 1979

Impressum neobooks

In Erinnerung an Bernd Weiand

Mein Mann bat mich vor Jahren darum, ein Buch über seine Familie zu schreiben. Die Weiands, so erzählte er mir, haben ursprünglich in der Bretagne gelebt und sind mit den Hugenotten wegen der Religionskriege hinaus in die Welt gezogen.

Das brachte mich auf die Idee, nach den verschiedenen Schreibweisen der Weiands zu schauen. In Frankreich waren es die Villons, Vaillants und Vaiants, hier in Deutschland Weiand, Weiandt, Waiand, Waiandt, Wieland, Weiland usw und in England und Amerika war es dann Wayland.

Durch einen Zufall fand ich im Fernsehen eine Dokumentation über Francois Villon, Räuber und Dichter, der 1431 in Paris zur Welt kam. Ich kaufte mir die Balladen von ihm und tauchte in seine Lebenslage während des Hundertjährigen Krieges ein.

Ich finde es spannend und interessant, in vergangene Zeiten einzutauchen und die Welt in der Vielfalt von damals lebendig zu gestalten.

Ich habe Epochen genommen und die Protagonisten in diese Zeiten eingesetzt und sie dort leben lassen. Ob sie wirklich alles Vorfahren waren, weiß ich nicht zu sagen. Einige Geschichten stimmen wie zum Beispiel die des Francois Villon 1431 in Paris oder die des Heinrich Weyandt aus Münster an der Lahn.

Der letzte, Bernd Weiand, den ich 1979 mit seiner Klasse die Fahrt in den Schwarzwald machen ließ, war mein Ehemann, der 2020 verstarb. Er war Lehrer der Grund- und Hauptschule in Herschbach und Selters im Westerwald. Diese Klassenfahrt gab es wirklich. Er selbst legte eine Art Protokoll über diese Klassenfahrt an, aus der ich entnehmen konnte, wo und wer die Schüler waren und was sie dort unternahmen.

Mein Mann war im Westerwald bekannt als einer der besten Büttenredner überhaupt. Er konnte auch sehr gut zeichnen. Das war dann auch die Grundlage für dieses Buch.

Das Cover des Buches zeigt ihn, wie er sich selbst malte.

Auf diese Weise konnte ich eine Zeitreise durch einen Teil dieser Welt machen ohne alles im Detail zu kennen. Das hat mir sehr viel Spaß gemacht und vor allem, meinem Mann ein Denkmal zu setzen und ihm auf diese Weise zu danken für die schöne Zeit, die ich mit ihm verbrachte.

Familie Vaillant, Bretagne 1598

Antoine polterte mit seinen breitkrempigen Stiefeln durch die Stube. Kleine Holzscheite prasselten an der Feuerstelle, über dem ein eiserner Kessel am Ring von der Decke hing.

Nicolette rührte beflissen in dem Topf, Kräuter fielen in den Brei aus Erbsen und Zwiebeln, kleine Fladenbrote brieten im lodernden Feuer. „Essen ist fertig!“ rief sie.“ Setzt euch an den Tisch!“ Josefine, Susanne, Marie, Julian, Matthieu und Babette eilten flink herbei. Sie setzten sich um den hölzernen Tisch mit dem Spalt in der Mitte. „Marie, betet Ihr das Tischgebet.“ Nicolette sah ihre Tochter streng an und Marie gehorchte, während ihre Mutter den Gemüsebrei in hölzerne Schalen schöpfte und die flachen Fladenbrote vorsichtig auf ein Brett legte.

Ein Familienmitglied nach dem anderen nahm sich eines der Brote, brach es in kleine Stücke, faltete sie zu kleinen Booten, so wie sie auch an der Küste des Atlantiks vor ihrer Haustüre schwammen und aßen damit ihr Mahl.

Die Bretter der Hütte klapperten, ein Sturm fegte über das Land. „Antoine“, Nicolette hob ihren Kopf, auf der ihre weiße Haube saß, „stopft die Ritzen der Hütte mit Moos zu. Es ist doch sehr kalt.“ Die Türe flog auf und zu. Nicolette reckte ihren Kopf, stand auf und ging zur Türe. Sie schob die mit Brettern verhauene Türe wieder in die Eisenbeschläge.

Es regnete in Strömen. Grau hing der Himmel über dem brausenden Meer, die Wolken jagten und das Wasser schäumte in hohen Wellen an die steile Felswand. Getreidehalme und Margeriten bogen sich, Moose versanken in den Regenfluten. Ein dünnes Rinnsal lief über den hellen Sand, auf dem Hinkelsteine lagen. Hohe Felsklippen ragten ins Meer hinein und Wiesen erstreckten sich, soweit das Auge reichte.

„Nach diesem Mahl, Weib, kümmere ich mich um die Ritzen. Es zieht ganz schön. Füllt mir indes Wolle in den Korb neben meinem Webstuhl.“ Antoine aß mit Genuss und schmatzte.

Schnell bildeten sich Pfützen in den Pfaden und Gassen innerhalb der Stadtmauer von Saint-Pol-de-Leon, wo die Hütten kreuz und quer standen. Die Kirche erhob sich mit ihrer Turmspitze genau in der Mitte der kleinen Stadt.

„Auf geht es! Ich mache mich an die Arbeit.“ Antoine stapfte durch den Raum mit der Feuerstelle. Er holte sich den Kasten mit Moos aus einer dunklen Ecke. „Matthieu, kommt helft mir rasch!“ Matthieu eilte zu seinem Vater und half ihm, die Löcher mit Moos zuzustopfen.

 Antoine gehörte zur Zunft der Weber. Seine Hände zauberten einfache genauso wie edle Kleidung. Im Moment arbeitete er an einem Auftrag für den König, der das Land regierte. „Kommt Matthieu, seht mir beim Weben zu.“ Antoine setzte sich auf einen Schemel vor seine Arbeit. Seine Füße tanzten auf den Pedalen.

Wolle türmte sich in einem geflochtenen Korb in den schönsten Farben und unterschiedlicher Qualität aus Seide, Baumwolle und Leinen. „Matthieu, feuchtet mir mit diesem Pinsel“ – Antoine zeigte darauf – „die Wolle mit Wasser aus dieser Schale an. Damit lässt sie sich viel besser um dieses Schiff spannen.“ Matthieu freute sich insgeheim, seinem Vater zur Hand gehen zu dürfen. Er fühlte sich als Mann, der seinem Vater zur Hand ging.

Antoine spannte die Fäden um sein Schiff und legte sie abwechselnd auf und unter die bereits gespannten auf seinem Webstuhl. Er beherrschte die Kunst, wunderbare Muster entstehen zu lassen.

An der Wand der Werkstatt erhob sich der senkrecht stehende Webstuhl. „Der König wünscht ein kostbares Gewand, Matthieu. Seid so gut und sucht nach schimmerndem Gold in dem Berg Wolle auf dem Regal über meinem Arbeitstisch.

Matthieu folgte der Anweisung und suchte, bis er fand, was sein Vater brauchte. „Die Fertigkeiten kenne ich von meinem Großvater, nun bringe ich sie Euch bei. Seht, ich wechsle Rot und Gold ab auf diesem weißen Grund und so entsteht ein Schachbrettmuster. Insgesamt nehme ich acht Fäden Gold und genauso viele in Rot“, erklärte der Vater.

„Erzählt mir mehr über dieses Handwerk.“ Matthieu lächelte.

„Alles begann damit, mein Junge, dass das Weben aus dem Flechten entstand. Vor vielen hundert Jahren steckten die Menschen Äste und Zweige in die Erde und flochten Schilf, Binsen oder Reisig in dieses Gerüst. So entstanden die ersten Katen, mit denen sich die Leute damals vor der Kälte schützten. So weiß ich es von meinem Großvater und Ihr lernt von mir, damit Ihr später auch einmal für Eure eigene Familie sorgen könnt.“ Unter Antoines Händen wuchs das Muster zu einer wunderschönen Arbeit.

„Ja, das werde ich, doch ich bin so gespannt auf das, was Ihr mir noch zu sagen habt.“ Matthieu saß gespannt neben seinem Vater.

„Als ich die wichtigsten, die grundlegenden Techniken alle kannte, schickte mich der Großvater in die Ferne, damit ich von anderen Webern noch mehr lernen sollte. Zuerst zog ich durch Frankreich und kam nach Paris zu einem Meister. „Reist mit einem Schiff nach Schlesien“, meinte der, „dort sind die Besten dieser Kunst. Macht dort Eure Erfahrungen.“ Antoine hustete.

„Habt Ihr denn den Rat befolgt?“ wollte Matthieu wissen.

„Na klar. Ich nahm ein Schiff und wartete, bis es im Hafen anlegte, verließ es dann und marschierte den restlichen Weg. „Wo gibt es denn hier den besten Weber?“ fragte ich Passanten, die mir begegneten. Ich war ja bloß ein Fremder.“ Antoine erinnerte sich.

„Das war ja richtig abenteuerlich!“ Matthieus Augen strahlten.

„Bei dem Weber, zu dem ich dann kam, lernte ich unterschiedliche Webtechniken. Er unterrichtete mich darin, den Rosengang und später auch das Gerstenkorn entstehen zu lassen. Dabei kommt es darauf an, ob Ihr mit nur einem Faden arbeitet oder gleich mit mehreren.“

Laut erschallten an diesem Sonntag die Glocken zum Gottesdienst. „Schwarzhälse!“ hieben die Stimmen der Nachbarn ins Haus der Vaillants hinein.

Züngelnd leckten die Flammen den rußgeschwängerten Boden des schwarzen Kessels. Das Essen dampfte, Antoine betete.

„Ich fürchte mich so sehr, Antoine. Der blanke Hass sprüht uns entgegen.“ Nicolette schmiegte sich an ihren Mann und spürte seine wohlige Wärme an ihrer Haut.

„Mit der Zeit wird es noch mehr Protestanten geben und ich hoffe auf ein neues Gesetz des Königs. Vielleicht verändert sich ja dann unsere Lage.“ Antoine verstand seine Frau sehr gut.

„Wann ist es denn endlich soweit? Ich halte diese Beschimpfungen nicht mehr aus, weil wir uns von der Kirche und ihren Lehren distanziert haben.“ Nicolette strich sich nervös mit der Hand über die Stirn.

Antoine lächelte ihr beruhigend zu. „Luther protestierte gegen den Ablasshandel. Glaubt Ihr etwa, wir können sündigen und alle unsere Sünden sind einfach so vergeben, weil wir uns die Ablassbriefe kaufen?“ Antoine schüttelte seinen Kopf mit dem dichten braunen Haar. Die Kirche verdient sehr gut daran. Wir aber wollen uns auf die Gnade unseres Schöpfers besinnen. Luther setzt auf das Wort aus der Heiligen Schrift und daran wollen wir uns auch halten, Nicolette.“ Antoines Worte klangen eindringlich und tröstend. „Luther ist gegen den Papst, weil er diesen Handel unterstützt.“

Die Kinder am Tisch verfolgten das Gespräch mit wachen Sinnen.

„Warum denken nicht alle so?“ wollte Nicolette wissen.

„Lasst die Leute doch denken und reden, was sie wollen. Es ist doch unsere innere Überzeugung, die Kirche nicht mehr zu besuchen. Denkt immer an meine Worte. Nun begebe ich mich wieder an meine Arbeit. Der König wartet auf sein Gewand, Weib, und wir brauchen das Geld.“ Freundlich zwinkerte Antoine seiner Frau zu und winkte seinem Sohn Matthieu. „Kommt Ihr mit in die Werkstatt?“ Beide standen auf und lenkten ihre Schritte hin zum Webstuhl. Eng schmiegten sich die Beinlinge unter ihrem Wams.

 Francois Villon, Paris 1431

Antoines schlanke Gestalt sank auf den Schemel vor seiner Arbeit. Er begann, das Schachbrettmuster fortzuführen. Matthieu hockte sich daneben. „Neben den Franzosen lebten vor mehr als einhundert Jahren auch Zigeuner in Paris, Matthieu“, eröffnete Antoine das Gespräch. Erstaunt blickte Matthieu seinen Vater mit seinen rehbraunen Augen an. „Als Francois Villon, ein Vorfahre von mir, das Licht der Welt anno 1431 erblickte, brannte Jeanne D´Arc als Ketzerin auf dem Scheiterhaufen. Die Zigeuner fielen auf wegen ihrer Lebensweise einerseits und der dunklen Haut und der Haare andererseits. Matthieu, diese Zigeuner wanderten einst aus Indien über Tausende von Kilometern bis hierher.“ Antoine führte das Schiff durch die Fäden.

„Daneben gab es auch die Coquillards“, setzte Antoine das Gespräch fort. „Das waren allesamt Räuber und Mörder, die unter ihren Umhängen oder an ihren Hüten Muscheln mit zwei kleinen Löchern trugen. Daran erkannte sich die Bruderschaft.“

Strömender Regen ergoss sich in jener Nacht über Paris und der Seine, das Wasser trat über die Ufer und Menschen versanken im Schlamm. „Ich kann die Hand vor meinen Augen nicht mehr erkennen!“ klagte ein schmächtiger Priester mit schütterem Haar. Er war ein Deserteur des Krieges wie alle anderen in diesem Gefolge auch. In wildem Galopp ritt er mit seinen Kumpanen durch die Mauern der Stadt. „Kehren wir in die Taverne der dicken Margot ein.“

„Münzen erbeuteten wir ja reichlich“, flüsterte Rene in Bertrams Ohr. Hurtig verschanzten sich die Bürger in ihre Häuser, als die Reiter kamen. „Diese Halsabschneider!“ Verriegele die Türe!“ Jemand schob ein Brett über die Türe. Es ratschte. „Ich will nicht der Unglückselige sein, der diesen Banditen auf den Leim geht.“ Erschreckt kauerte sich Albert in die Ecke seiner Kate. „Kein Geldbeutel ist vor ihnen sicher. Wer weiß, ob sie unser Leben verschonen.“ Angst klang in der Stimme mit. „Ihr habt Recht“, sprach seine Frau.

„Geheime Zeichen dieser Drecksbande fanden sich an den Türen, die eine Botschaft vermittelten, Matthieu“. Eine Reihe noch, dann endete dieses Schachbrettmuster.

„Das ist ja spannend. Was genau wisst Ihr denn darüber?“ Matthieu wartete.

„Da gab es Zeichen wie zum Beispiel einen Kreis mit drei Pfeilen, große Zacken oder aber ein Gitter usw. Sie deuteten darauf hin, ob sich in diesem Haus ein Raub lohnte, ein Polizist dort wohnte, warnte vor einem bissigen Hund oder Ähnliches.“ Antoine erläuterte alles, was er noch wusste.

Die Reiter glitten von ihren Pferden und banden sie an einem Balken fest. Sie standen vor Margots Taverne und betraten sie. „Ich schnappe mir eine der Dirnen“, lachte Jean. „Ja oder einen der jungen Kerle“, meinte der Priester.

„Einen Humpen Bier, Madame!“ Trödelt nicht so herum, beeilt Euch!“ schrie der Roy der Coquillards Andre der Wirtin in ihrer gekrausten Haube zu. Dick erhoben sich die Kurven der Frau unter ihrem knöchellangen Kleid. „Macht uns einen Braten, wir schieben Kohldampf!“ kreischte Pierre.

Unter den Füßen der Männer, die sich um den freien Tisch verteilten, knarrten die Bretter des Bodens. Wasserperlen tropften von den Krempen ihrer Hüte. Sie schoben die Hocker zur Seite und setzten sich. Die dicke Margot schwebte rasch auf sie zu und stellte die Humpen auf den wackligen Tisch. „Prost! Das Fleisch braucht noch eine Weile, doch ich bringe das Verlangte.“

„Sputet Euch gefälligst!“ polterte Gilbert, dessen Magen knurrte. Mit seiner Hand spielte er in dem Säckchen an seinem Gürtel, wo die Münzen ihr helles Lied anstimmten.

„Wo steckt denn Chantal?“ Her mit ihr!“ Gilbert gierte nach der weichen Haut dieses Weibes. „Heiß und feurig ist sie“, dachte er sich. Seine Augen wanderten durch den Schankraum der Taverne. Er sah Margot die Treppe hinaufsteigen.

Margot ging in die kleine Kammer Chantals. „Geht Eurer Arbeit nach, ein Mann verlangt nach Euch.“

„Hoffentlich nicht wieder einer dieser Widerlinge“, seufzend eilte Chantal die Stufen hinunter. Die dicke Margot raunte ihr noch zu: „Der da hinten, der zweite von links, setzt Euch zu ihm.“ Chantal gehorchte.

Chantal rückte den Ausschnitt ihrer Bluse zurecht, als sie auf den Tisch zuging. „Na, mein Süßer, hier bin ich. Habt Ihr nach mir rufen lassen?“ Sie liebäugelte mit seiner schönen Ausrüstung, ein Messer aus Messing und Silber, sein Gürtel wie auch die Tasche. Daran hefteten sich ihre Augen. Ihre Hände streichelten zuerst über sein Wams und dann über seine Arme nach unten.

„Ihr seid ein Wildfang, Chantal“. Rau klang die Stimme Gilberts. Lasst uns in Euer Gemach gehen.“

Jacqueline schrie, sie presste ihr Baby aus dem Leib. „Francois, mein kleiner Francois, Ihr seid trotz aller Schmerzen das Wunder meines Lebens.“

„Antoine! Matthieu, das Essen ist fertig!“ rief Nicolette von der Feuerstelle. Schnell legte sie noch einige Fladen ins prasselnde Feuer. Im Kessel kochte Wasser. Zwischen zwei Steinen rieb Nicolette die Haferkörner zu flachen Flocken. Nicolette streute den zermahlenen Hafer in den Kessel.  „Mir fällt gerade ein, mein Sohn, lasst uns Morgen zum Herzog ziehen und ihm Kleidung, Getreide, Gemüse, Speck, Hühner und Eier bringen.“ Antoine stöhnte. „Jedes Jahr die gleiche Prozedur.“

„Ich helfe Euch gerne dabei, weckt mich dann in der Frühe, Vater.“ Sie strahlten sich an. „Jetzt essen wir erst einmal und legen uns dann zur Ruhe.“ Antoine gähnte. „Es dämmert bereits.“

Der erste Hahnenschrei weckte Antoine. Leise stand er vom dünn ausgelegten Stroh auf. Müde rieb er sich die Augen und sah, dass die Feuerstelle erloschen war. Müde rieb er sich die Augen und schaute aus dem Fenster nach draußen. Der Morgen lag noch in der Dämmerung. Rasch zog er sich die Beinlinge an, die Schärpe noch um das Wams binden, fertig. Auf seinen Fußsohlen schlich er sich zur Schlafstätte Matthieus. Antoine bückte sich tief nach unten und schüttelte seinen Sohn. „Kommt, mein Junge. Raffen wir die Abgaben für den Herzog zusammen. Bleibt still, die anderen schlafen noch.“

Leise begaben sich die beiden Männer hinaus in die Scheune. Der Hahn auf dem Mist krähte, die Gänse schnatterten. „Holt Ihr die Eier, ich fange zwei Hühner.“ Eine Weile später füllte sich der Korb. „Machen wir uns auf den Weg.“ Antoine reckte und streckte sich.

„Vater, seid so gut und erzählt mir die Geschichte Villons. Ihr habt erst damit begonnen.“ Matthieu gähnte.

Während die Männer ihren Weg zogen, begann Antoine. „Also gut. In dem Jahr, in dem Francois Villon geboren wurde, zog der Herzog von Bedford in Paris ein. „Reichsverweser!“ beschimpften ihn die Bürger. Antoine lief weiter vorwärts zur Burg.

„Aber warum das?“ Matthieu drehte seinen Kopf zu Antoine.

„Die Menschen litten Hunger, doch das scherte den Herzog nicht, es interessierte ihn nicht. Er ließ einfach alles geschehen, Matthieu. In Paris kam er an mit 56 Schiffen und 12 Flößen, beladen mit Kleidung und Lebensmitteln. Wie gut hätten das die Pariser gebrauchen können! Der Herzog, Matthieu, behielt das für sich. Das Schlimmste zu jener Zeit, so empfanden das die Pariser Bürger, war die ständige Abwesenheit des Herzogs. Er hätte die Not lindern können, denn er hatte die Mittel dazu. Er aber verteilte alle seine Reichtümer an seine Frau, seine Kinder und an den Hofstaat. Nicht einmal Wasser oder ein Kanten Brot füllte die Mägen der Bewohner. Ihre Kleidung hing  in Fetzen. So viele Menschen starben, andere wiederum flohen aus der Stadt, sie sahen keinen Ausweg aus der Misere. Die Preise stiegen ins Unermessliche. Nur die Reichen konnten überhaupt die Wucherpreise zahlen. Die einfachen Leute lebten in einer solchen Armut, dass sie bettelten und stahlen. Darum baumelten täglich Verbrecher am Galgen vor dem Notre-Dame. Zu jener Zeit reihten sich Kanonen dicht aneinander, denn Frankreich und England führten Krieg. Kämpfer verschanzten sich hinter dicken Palisaden. Bogenschützen mit mannshohen Langbögen wie auch Fußvolk warteten auf den Befehl zum Angriff. Die Kanonen hatten lange Läufe und zum ersten Mal war es möglich, mit ihnen die dicken Steinmauern zu zerstören, denn sie feuerten mit einer ungeheuren Schlagkraft. „Wir müssen die Engländer besiegen. Der Krieg dauert schon so unendlich lange!“

Es war so, dass die Weiber den Inhalt ihrer Nachttöpfe auf die Gasse kippten, in denen sich auch Küchenabfälle verteilten. Aas lag überall herum, Schweine quiekten in ihren Ställen. Die Bauern warfen den Mist auf die Pfade der Stadt vor ihren Bretterbuden. Häute von Tieren verwesten auf gespannten Seilen. Die Färber beizten ihre Felle mit Kuhdung.

Jacqueline hauste mit ihrem Baby in einer der niedrigen Hütten am Rabenberg. Es hieß, der Vater des kleinen Francois sei der Henker dieser ehemaligen Richtstätte gewesen, bevor er in einer Schlacht des Krieges sein Leben verlor.

Alles lag in Schutt und Asche, Häuser brannten. Ruinen standen dort, wo einst stolze Häuser standen und Menschen lebten. Rauch stieg in den Himmel auf, grauer Dunst legte sich über Paris und die Seine. Krähen krächzten gotterbärmlich. Töpfe und Pfannen verteilten sich in den Gassen, Hellebarden, Keulen und Lanzen. Gestank stieg auf von verwesenden Leichen von Menschen und Tieren.

Jacqueline kümmerte sich so gut sie konnte um Francois. Ohne ihren Mann fehlte es ihr an Geld. Jeden Tag strich sie über die Pfade und Gassen, machte es wie die anderen Bettler der Stadt oder wie die Menschen ohne ein Dach über dem Kopf. „Habt Mitleid mit mir und meinem Baby. Gott wird es Euch vergelten“ und hielt ihre offene Hand vor die Passanten. Krüppel hinkten an ihr vorüber, Huren und Räuber.

„Matthieu, nur Edelleute und Geistliche lebten im Überfluss.“ Antoine sah seinen Sohn an.

„So ein Leben ist ja entsetzlich, Vater!“ kommentierte Matthieu.

„In diesen Verhältnissen wuchs Francois heran. Die Hütte Jacquelines hatte keine Türe, mein Sohn. So pfiff der eisige Wind durch ihre Lumpen. Jacqueline und Francois zitterten am ganzen Leib.“ Antoine fror, denn an diesem frühen Morgen fröstelte es.

In diesen Tagen zog sich die Witwe ihr Tuch fester um ihre Schultern und hüllte ihren Sohn in eine zerfetzte Decke. „Mein Kleiner“ schluchzte sie, nicht einmal einen kleinen Kanten Brot kann ich Euch geben.“

So verrannen fünf Jahre. Francois stolperte durch die Katakomben von Paris.  Er stieß auf Totenschädel und Knochen. „Das stinkt gotterbärmlich!“ flüsterte Francois. Seine magere Gestalt eilte zum Ausgang. Er stieg die Steintreppe hinauf und schlenderte zielstrebig dem Laden des Bäckers entgegen. Flink schnappte er sich einen Laib Brot und hob es unter sein Wams. Ein Polizist beobachtete ihn dabei und kam auf ihn zu. „Was fällt Euch denn ein?“ Der Polizist nahm einen Knüppel und ließ ihn auf dem Rücken des Jungen tanzen. „Das soll Euch eine Lehre sein!“ rief er wutentbrannt. Das Brot fiel auf den nassen Lehm. Der Polizist bückte sich danach und brachte es dem Bäcker zurück.

Francois sah sich um. Sein Magen knurrte. „Dann stehle ich mir eben einen Braten oder Gebäck.“

„Oje Vater“, wohin wird das führen?“ Matthieu schüttelte seinen Kopf.

„Mein Gott, wie soll das nur weitergehen?“ schrie Francois Mutter verzweifelt. „Euer Vater starb in dem verdammten Krieg.“ Sie weinte und schlug die Hände vor ihr Gesicht. „Ich liebe Euch von ganzem Herzen, doch ich besitze kein Geld und kann noch nicht einmal Eure ärgste Not lindern. Ich muss Euch schweren Herzens in die Obhut eines Geistlichen geben. Der sorgt sicher für Euer Wohlergehen. Mir ist das verwehrt.“ Tränen rannen an ihren Wangen hinab. „Junge, Ihr bringt Ungemach. Euch fehlt die feste Hand des Vaters und mir sämtliche Mittel, Euch ein angenehmes Leben zu verschaffen.“

Entschlossen nahm sie die Hand ihres Sohnes und lenkte ihre Schritte durch den Morast der Stadt bis zur Kirche. Zögernd klopfte Jacqueline an die hölzerne Türe mit dem Eisenring. Sie wartete geduldig. Dann öffnete sich die Pforte. Ein Mann in schwarzer Kutte und schneeweißen Kragen stand in der Schwelle. „Was ist Euer Begehr?“ fragte er unwirsch. Er sah die in Lumpen gekleidete Frau von oben bis unten an.

„Gnädiger Herr, Euer Hochwürden, ich bitte Euch innig darum, meinen Sohn als Zögling bei Euch aufzunehmen. Jacqueline drehte sich schnell um. Tränen rollten ihre Wangen hinunter.

„Matthieu, Heinrich VI war noch ein Säugling, als er König von England und Frankreich wurde. Er war der Gegenspieler Karls VII und die Macht der Briten verringerte sich zusehends. Irgendwie schafften sie es nicht, die fast leeren Staatskassen wieder mit Geld zu füllen. Heinrich erreichte sein zehntes Lebensjahr, als man ihn zum König krönte. Er jedoch fühlte sich ständig krank, sah sich nie in der Lage, seinen Aufgaben gerecht zu werden. Heinrich VI verabscheute den Krieg und kümmerte sich lieber um die religiösen Probleme als dem Volk zu helfen.  Ihr denkt Euch sicher bereits, wozu das alles führte. Der König verlor zuerst seine Macht und später auch noch seinen Verstand.“

„Dann verstehe ich auch, warum es den Menschen damals so schlecht ging und sich nichts an dem Elend änderte. Heinrich wich jeder Entscheidung  aus und suchte sich einen Ausweg. Er flüchtete regelrecht vor der Verantwortung. .Aber wie ging es denn mit Francois weiter?“

Der Pastor nahm Francois an die Hand und wollte ihn mit sich ziehen. „Mama!“ Sein Gesicht verzog sich zu einer wilden Grimasse. „Maman!“ wimmerte er und sah seiner Mutter hinterher. „Mama!“

Der Pater umarmte den kleinen Jungen. Er beugte sich zu Francois hinunter. „Ich bin von nun an Euer Vater“, sprach er sanft. „Wie ist denn Euer Name?“

Francois sah seine Mutter nur noch schemenhaft ganz weit entfernt hinter einer dichten Hecke verschwinden. „Ich will zu meiner Mutter!“ jammerte Francois.

„Mein Name ist Guillaume.“ Zärtlich legte der Priester seine Hände um den Kopf des Jungen und drehte ihn sanft zu sich hin. Francois riss sich los und rannte zur Türe. „Maman!“ Francois schluchzte laut.

Guillaume ging ihm nach. „Hier bleibt Ihr in meiner Obhut und tut genau das, was ich Euch sage. Ihr gehorcht aufs Wort!“ Die Stimme donnerte streng. „Ab mit Euch in die Zelle, bevor Ihr mir entflieht!“ Das Haus des Paters nannte sich das Rote Tor. Guillaume besaß ein weiteres Palais in der Bischofsstadt Sen. Dort gab es einen Weinberg und Bäume umsäumten den Palast. „Uns geht es auch in diesen Kriegswirren gut“, raunte der Geistliche. Er sammelte wertvolle Handschriften und Bilder.

„Mein Name ist Francois, Euer Hochwürden.“ Der Junge schluchzte. Tränen perlten aus seinen Augen.

Der Pater schüttelte seinen Kopf mit dem verfilzten Haar. „Dieser Bursche ist ja derart schmutzig und seine Kleider zerrissen“, überlegte er. „Kommt, mein Sohn, ich richte Euch ein warmes Bad in diesem hohen Bottich. Gleich riecht Ihr dieses einzigartige Aroma der Minze.“

Guillaume  füllte heißes Wasser aus einem riesigen Kessel in den Bottich. Er zupfte einige Blätter Pfefferminze von einem Strauß, der im Garten des Klosters neben der Kirche wuchs. Sofort verbreitete sich ein angenehm frisches Aroma, sobald die einzelnen Blätter in das siedend heiße Wasser fielen.

Der Geruch der Minze stieg Francois in die Nase. „So einen Duft kenne ich nicht“, hauchte er vor sich hin. Francois trat näher an den Bottich. „Schön, wie diese grünen Blätter auf dem Wasser schwimmen.“

„Das heiße Wasser, mein Sohn, verbindet sich mit den Blättern, in denen sich ätherische Öle befinden. Das ist es, was so gut riecht.“ Guillaume goss kaltes Wasser dazu. Francois zog sich aus. „Kann ich in das Wasser steigen?“ Guillaume tauchte seine Hand vorsichtig in den Sud. „Ja, steigt ein.“ Tief atmete der Junge den Duft ein.

Guillaume drehte sich auf dem schmalen Absatz um, eilte zur Truhe aus Eichenholz und zog ein Leinentuch heraus, ebenso Beinlinge und ein frisches Wams. Er kehrte zurück, nahm das Leintuch und wusch Francois. Guillaume ließ das wohlriechende Wasser über Kopf und Haare laufen und schrubbte seine Haut. Francois verzog sein Gesicht, die Striemen auf seinem Rücken schmerzten. „Au! Tut mir nicht weh!“ schrie er.

Francois tauchte unter und dann auch wieder auf. „Nun aber raus mit Euch“, lachte Guillaume. Sanft trocknete er den Körper mit dem Tuch, half ihm beim Ankleiden. „Jetzt auf, ich zeige Euch die Bibliothek. Augustinus, einer der Mönche, wird Euch das Schreiben und Lesen lehren.“

Die beiden reichten sich wortlos die Hände und näherten sich der Bibliothek. Francois blickte um sich. „Keine Möbel und kein Geschirr, nur viel zu große Bücher für mich, die ich nicht tragen kann.“ Francois staunte nicht schlecht.

„Der Mönch hilft Euch dabei. Macht Euch keine Sorgen.“ Guillaume sah Francois an. Regale standen an den Wänden und überall nur Bücher. “Das ist Euer Zeitvertreib”, sagte Guillaume. „Nun essen wir erst einmal.“

Guillaume und Francois betraten die Küche. Die Augen des Kindes erfassten alles. An einem Balken hingen Kräuter an einer Kordel und auf der gegenüberliegenden Seite baumelten Schinken und Speck. „Setzt Euch an den Tisch.“ Auch Guillaume nahm Platz. „Das alles dürft Ihr gleich kosten, Francois. Anouk!“ rief Guillaume nach seiner Magd. Eilig rannte sie herbei. „Ja, Euer Hochwürden.“

„Deckt den Tisch für meinen Zögling und mich!“ Anouk trug eine Haube. Ein blaues Kleid mit einer Schürze schmiegte sich an ihre zierliche Figur. Sie knickste und rannte los. Sie  legte die geformten Fladenbrote ins knisternde Feuer. Im Topf kochten Erbsen und Möhren. Anouk rührte den Gemüsebrei, schnitt dann eine Zwiebel in kleine Stücke und warf das in den Topf, gab noch Petersilie dazu. „Das macht Hunger!“ Francois roch das Essen, sein Magen knurrte. Anouk griff nach dem Schinken, löste ihn von dem Haken. Sie holte ein Messer und schärfte es an einem Stein. Dann schnitt sie den Schinken in hauchdünne Scheiben.

„Jetzt noch schnell das Gemüse in die Schalen und ab auf den Tisch“. Die Schinkenscheiben legte Anouk auf ein hölzernes Brett und holte das Brot aus dem Feuer. „Hier ist noch etwas Huhn vom Vortag. Lasst es Euch munden.“ Anouk huschte nach draußen.

„Habt Ihr jemals in Eurem Leben so viel zu essen gesehen?“ fragte Guillaume.

„Nein, ich hatte immer Hunger.“ Francois holte sich und biss herzhaft in ein Stück Fleisch.

„Bei mir sollt Ihr keine Not mehr leiden. Das verspreche ich Euch hoch und heilig.“  Guillaume strich sich nachdenklich über sein Kinn und sah Francois an. „Esst, bis Ihr satt seid.“ Das gefiel Francois. Er stand auf und bediente sich an Huhn, Speck, Schinken und Brot. Gemüse dampfte bereits in einer Schale an seinem Platz. „Hier fühle ich mich wohl“

„Ab morgen erhält Francois Unterricht! „Guillaumes Unterredung fand im Arbeitszimmer statt. Der Mönch Augustinus saß ihm gegenüber. „Lehrt den Jungen die Heilige Schrift, denn ich möchte, dass er eines Tages als Priester dem Herrn dient. Zeigt ihm das Alphabet, Buchstaben für Buchstaben, setzt Worte zusammen, bringt ihm Lesen und Schreiben bei.“

Augustinus  hörte genau zu. „Es ist mir eine ganz besondere Ehre.“ Nach dem Gespräch schlenderte der Mönch in die Bibliothek und stellte sich vor die Regale. Seine Augen glitten über die Bücherreihen. „Wo ist denn nur der Codex Aureus?“ Feine Verzierungen rankten auf dem Einband,  der Buchdeckel bestand aus einer Elfenbeinplatte mit Goldblech und funkelnden Edelsteinen.

„Da steht es ja! Endlich habe ich es gefunden.“ Augustinus schob das Buch aus dem Regal. Streben unterteilten Bilder.

Augustinus bewunderte ein Bild, kaum dass er das Buch aufgeschlagen hatte. „An diesem reich verzierten Pult steht Gregor. Auf seiner Schulter hockt eine Taube. Sie ist das Sinnbild für den Heiligen Geist, der ihm die richtigen Gedanken ins Ohr flüstert. Im unteren Teil kauerten drei Mönche zwischen Boden und Decke. Sie hielten Feder und ein Buch in ihren Händen. Der Mann in der Mitte hielt ein Tintenfass in seiner Hand.

Francois und Guillaume besuchten die Kirche. Der Knabe kannte bisher nur die Hütte seiner Mutter, die ihn nicht vor der bitteren Kälte schützte. „Das ist eine große Kirche, Meister“, sagte er leise. Der Dom ragte hoch hinaus, Pfeiler und Bögen wechselten sich ab, riesig erstreckte sich die Decke mit kostbaren Malereien. Francois Augen glänzten vor Freude, er weinte. „Das ist jetzt wirklich mein neues Zuhause?“ fragte er ungläubig. „Ab jetzt werdet Ihr den Gottesdienst regelmäßig besuchen. Francois kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Ornamente zierten die Wände, die Gesichter der Skulpturen erschienen als Fratzen. „Hier ist unser Herr daheim. Ich spüre seine Größe, seine Macht.“ Bunte Glasmosaike leuchteten in den Fenstern. „Das alles, Francois, ist das Heil Gottes. Seine Macht und Herrlichkeit sind unermesslich. Auf den Fenstern seht Ihr Szenen aus der Bibel.“

Ein Teppich hing über dem Altar. Sie zeigten die Kreuzigung Jesu. „Dort, mein Junge, sind die Lebensabschnitte des Heiligen Nikolaus. So wie Ihr ging er zu einem Lehrer und lernte das Nötigste für sein Leben. Ab morgen seid Ihr der Novize dieses Klosters.“ Der Junge nickte.

„Francois, Ihr werdet arbeiten und beten. So seid Ihr der Diener Gottes. Ihr erhaltet Unterricht in der Schule der Mönche und könnt damit zum wahren Glauben finden.“ Guillaume klang sehr väterlich.

Mit einem mulmigen Gefühl besuchte Francois die Bibliothek. Ein mit Moos bewachsener Pult und ein Stuhl standen dort für ihn. „Beten wir erst einmal das Pater Noster.“ Augustinus sprach es langsam. Francois lernte es allmählich. Ihr seid in der Elementarschule, in der Ihr das ABC lernt. Grundkenntnisse vermittle ich Euch, was die Psalmen angeht und Ihr werdet die Gebete und die Lieder der Kirche auswendig lernen. Später erstellt Ihr dann noch die Kirchenrechnung. Ihr befasst Euch mit der lateinischen Sprache und mit der Grammatik.“ Francois lauschte, was der Mönch erzählte. „Das ist alles sehr viel auf einmal“, meinte er. „Ja“, lachte Augustinus, „es braucht Jahre, bis Ihr so weit seid. Immer erst eins, dann das andere. „Das hört sich schon besser an“, Francois schluckte und seufzte tief. „Wir beginnen mit den einfachsten Dingen und bauen das aus.“ Das verstand Francois.

Augustinus drehte sich um und schritt an eines der Regale. Mit seinen Augen suchte er nach der Bibel, ging mit seinem Finger die Bücher durch, holte die Heilige Schrift heraus und blätterte darin. „Seht her, Francois. Das ist ein A. Der Mönch nahm den Griffel vom Pult und schabte damit über das kleine Holztäfelchen. „Schaut! Ihr setzt den Griffel unten an und zieht ihn etwas nach oben, dann ein wenig nach rechts, nun entgegengesetzt nach unten. Zum Schluss macht Ihr einen Strich durch die Mitte. Nun nehmt Ihr den Griffel!“ Francois gehorchte und Augustinus legte seine Hand über die des Jungen. Der Mönch lenkte die Hand Francois mit dem Griffel über die kleine Tafel. „Noch einmal und jetzt alleine. Macht weiter!“ Francois gab nicht auf und nach vielen vergeblichen Versuchen schaffte er es, das A alleine zu schreiben.

„Haltet den Griffel locker und leicht in Eurer Hand. Kratzt nicht so fest. So könnt Ihr wesentlich besser schreiben. „Ihr habt es wesentlich einfacher.“ Francois beobachtete alles ganz genau. Er ließ sich den Griffel geben und übte das A. Zuerst verrutschte der Griffel  zwischen seinen Fingern und fiel auf das Pult. Das A beugte sich zu sehr nach rechts. „Passt doch auf!“ Der Mönch verlor seine Geduld. Mit der Zeit jedoch klappte es immer besser. „Seht Ihr, Übung macht den Meister.“

Francois strahlte. „Endlich lerne ich schreiben und lesen. Ich mag noch viel mehr lernen!“ Er hörte gut zu und freute sich nach dem Unterricht auf den kommenden Tag. Er schrieb auf und er schrieb ab, er übte daheim in seiner Zelle. Augustinus übte sich in Geduld, ließ aber auch Strenge walten. „Eines Tages eignet er sich für das Amt des Schreiberlings im Skriptorium“, ging es dem Mönch durch den Kopf. „Den bräuchten wir jetzt schon dringend.“

So vergingen viele Monate. Rechnen kam als Fach dazu und Francois lernte, das Kirchenjahr zu berechnen. “Francois, jetzt müsst Ihr sehr gut aufpassen. Hört gut zu! Wir berechnen unser Kirchenjahr, das mit dem Osterfest eines jeden Jahres beginnt. Immer ist es ein Sonntag nach dem ersten Vollmond des Frühlings, wenn wir Ostern feiern. Prägt Euch das gut ein und schreibt alles mit. Das ist immer zwischen dem 22. März und dem 25. April. Die anderen Feiertage des Jahres sind der Aschermittwoch, der 46 Tage vor dem Ostersonntag liegt, der Karfreitag 2 Tage vor diesem Fest. Christi Himmelfahrt folgt 39 Tage nach Ostern und Pfingsten 49 Tage nach dem Ostersonntag. Fronleichnam berechnen wir 60 Tage nach diesem besagten Ostersonntag und der Herz-Jesu-Freitag mit 68 Tagen nach Ostern. Am zweiten Sonntag im Mai feiern wir Muttertag und das Erntedankfest ist der erste Sonntag im Oktober. Der erste Advent fällt auf den ersten Sonntag nach dem 26. November eines jeden Kalenderjahres und der Buß- und Bettag ist 11 Tage vor dem ersten Advent. Wenn Ihr Euch diese Tage zuvor und danach einprägt, wisst Ihr jedes Jahr, auf welchen Tag diese Feiertage fallen. Lernt das also alles auswendig.“

Francois nahm oft seine Finger zur Hilfe, um das alles auszurechnen. „Francois, das was Ihr bei mir lernt, hat seine Methode aus der Antike und damit eine sehr lange Tradition.“ Der Mönch legte Francois lateinische Texte vor. „Lest das!“ Der Knabe las zuerst nur holpernd, mit der Zeit jedoch flüssig und Augustinus erläuterte die Grammatik. „ Francois, dies ist ein Vokabelheft. Schreibt Euch die schwierigen Worte auf die linke Seite und rechts die Übersetzung hin. So lernt Ihr effektiv und schnell. Ihr werdet wesentlich sicherer im Umgang mit der Sprache.“

Francois lernte fleißig in seiner Zelle, wo er die nötige Ruhe bei Guillaume im Roten Tor fand. „Heute gebe ich Euch das Konversationsbüchelchen mit allerlei Redewendungen und Dialogen. Die Sprache aller Gelehrten ist Latein und die werdet Ihr ab sofort ständig sprechen, so gut Ihr es vermögt. Eure Muttersprache will ich nicht mehr im Unterricht hören. Übt also fleißig!“

„Ja, Meister“, hauchte Francois. Einerseits war er stolz, das alles lernen zu dürfen, andererseits wartete ein Berg Arbeit auf ihn.  Er setzte sich in jeder freien Minute über die lateinischen Texte und machte, was der Mönch ihm aufgetragen hatte. Er paukte Vokabeln. „Wisst Ihr überhaupt, Francois, dass Latein die Sprache der Kirche ist und damit auch der Schlüssel zur Gelehrsamkeit und christlicher Vollkommenheit?“

„Nein. Ich setze alles daran, diese Sprache perfekt zu beherrschen. Seid Euch da gewiss.“ Francois brannte darauf, sich alles Wissen anzueignen und ein guter Schüler zu sein.

Manchmal saß Francois alleine in seiner Zelle und las in seinen Büchern. Dann tauchte das Bild seiner Mutter vor ihm auf. Er sah sie zitternd und frierend, spürte ihre zärtliche Hand auf seiner Wange. Manchmal streichelte sie seine Arme oder drückte ihn an sich. Wo mag sie wohl sein? Wie wird es ihr gehen? Fetzen hingen an ihrem dünnen Leib. Francois schluchzte, er weinte lautlos vor sich hin. Wie gerne würde er sie wiedersehen.“ Maman!“ In solchen Momenten ließ er seinen Tränen freien Lauf. „Mir geht es so gut. Ich kann lernen, Euch als Frau blieb das verwehrt. Ihr fristet Euer Leben in Jammer und Elend. Wie mag es Euch nur gehen?“

Jahre zogen ins Land, Guillaume förderte Francois, Gesang stand nun auf dem Plan. Anstatt dem Mönch Augustinus schwang ein Cantor einen kleinen Stock, gab Töne vor und Francois sang sie nach. Ganz selten nur traf Francois auf Anhieb den richtigen Ton. Die Rute in der Hand des Lehrers tanzte auf Francois Rücken. „Nun den Gregorianischen Choral. Singt mit mir! Nein! Zu hoch, zu tief! Trefft die Töne richtig! Hört genau hin! So geht das nicht!“

Francois verzweifelte. „Bitte, mein Herr, einen Ton nach dem anderen, sonst lerne ich das nie.“

Also gut. Üben wir das C. Der Cantor sang den Ton aus voller Brust. „Jetzt gemeinsam. Eins, zwei, drei, los!“ Beide sangen sie das C. Francois hörte genau, wenn er falsch lag und korrigierte seine Tonlage.

„So ist das besser. Habt Dank.“ Francois lächelte. „Dann machen wir so weiter. Ihr wollt doch sicher in unseren Chor eintreten. Dafür muss der Gregorianische Gesang erst einmal sitzen und perfekt von Euch gesungen werden. Ihr müsst alle Töne treffen.“ Der Cantor spornte den Jungen an.

Monate vergingen, Francois übte die Töne und traf sie dann auch. „Endlich habe ich es geschafft!“ rief er voller Freude. „Hochwürden, ich freue mich so sehr.“

„Ja, auch ich bin stolz auf Euch. Ab sofort dürft Ihr im Chor mitsingen und Messdiener sein. Das ist mein Lohn für Euren Fleiß, Ihr steht dann vor dem Hochaltar.“ Francois lächelte vor sich hin.

Es war dann der nächste Sonntag des Jahres 1438. Ein festliches Gewand kleidete Francois in der Kirche St Benoit-le-Betourne. Die Augen des Knaben hefteten sich auf das golddurchwebte Gewand des Paters. „Wie edel das aussieht“, dachte er bei sich. „Sehr feierlich ist das alles.“ Die Sonne strahlte freundlich durch die bunten Mosaike der Fenster. „Das ist eine Farbenpracht, die diese Kirche schmückt!“ Francois fand Gefallen daran.

„Francois, ich bitte Euch, mir für die künftigen Gottesdienste zur Hand zu gehen“, sprach Guillaume. „Mir ist sehr viel daran gelegen, dass Ihr mir bei der Vorbereitung des Altars der St. Johannes Kirche helft.“

„Das mach ich doch sehr gerne, Hochwürden. Ihr seid ja schließlich mein Vater und gleichzeitig auch mein bester Lehrmeister.“ Francois fühlte sich geehrt, dass Guillaume ihn darum bat und ihm vertraute. „Mein Sohn, ich schenke Euch ein paar meiner Bücher mit Bildern. Studiert Ihr sie, eignet Ihr Euch zusätzliches Wissen für Euer Leben an.“ Guillaume Villon sah Francois liebevoll an, als er ihm das Geschenk überreichte. Francois Augen leuchteten wie zwei Sterne.

„Nun aber“, so meinte Guillaume, „wird es Zeit, die Elementarschule in der Stadt zu besuchen“. Bereits einen Tag darauf trug Francois eine Schiefertafel unter seinem Arm und hielt eine Rechenmaschine in seiner Hand. Pfeifend flanierte er zielstrebig zur linken Seite der Seine, dort ein Stück am Ufer entlang und von da zur Schule. Die Glocke schellte, als Francois den Hof betrat. Die Schüler strebten ins Gebäude und verteilten sich in die Räume,

Tore und Türme mit ihren steinernen Mauern ummantelten Paris, inmitten dessen standen das Rathaus und der Marktplatz, wanden sich die Gassen und Pfade, standen die Handelskontore und sämtliche Zunfthäuser. Wagen ratterten durch die Stadt, Menschen und Pferde zogen ihres Weges.

Auf dem Weg zur Schule kam Francois an einer Werkstatt vorbei. Er sah Regale voller Bücher und das Pult. Dort saß ein Schreiber und Buchmaler mit Schreib- und Zeichenwerkzeugen. Francois verweilte etwas vor dem Fenster. Der Schreiberlingr brach seine Arbeit ab und unterhielt sich mit einem Kunden.

„Er vermag es, Briefe zu schreiben und zu lesen“, erklärte Guillaume, „das wollt Ihr doch sicher auch und noch viel mehr. In der Schule lernt Ihr das und noch mehr. Seid Ihr fleißig, schreibt Ihr irgendwann einmal gar Protokolle, Urkunden und Verträge. Dann seid Ihr ein gemachter Mann. Darüber hinaus lernt Ihr noch das Abwickeln von Geld- und Rechnungsgeschäften, das Berechnen der Münzen, Gewichte und Maße.“

Die Schule unterstand dem Magistrat, die mit den Lehrern einen Vertrag abschlossen.

Der Lehrer mit seinem Habit trat in die Klasse. Auf seinem Kopf trug er den Magisterhut und einen vornehmen Pelz über seiner Schulter. Ein Tintenhorn stand auf seinem Pult.

„Wer nicht gehorcht, nicht zuhört oder fleißig lernt, wer Dummheiten macht, erhält mindestens sechs Schläge mit der Gerte!“ So stand es in der Paktverschreibung des Lehrers Richard. „Ab heute stehen Rechnen und Lesen an. „Ich verlange Disziplin!“ hallten die Worte des Lehrers durch den Raum.

Francois erschrak, er zuckte zusammen und  zitterte. „Mein Gott, der hat ja gar keine Geduld.“ Sein Griffel fiel auf den Boden.

Der Mann schaute sich um, dann hallte seine Stimme. „Francois, tretet nach vorne!“  Langsam stand der Junge von seinem Stuhl auf. Er fiel polternd um.. „Beeilt Euch!“ keifte der Lehrer. Francois trat vor . „Beugt Euch nach vorn!“ schnaubte der Lehrer und Francois gehorchte. Mit Wucht schlug der Lehrer den Jungen auf den Rücken. „Stört niemals mehr den Unterricht. Das dulde ich nicht. Habt Ihr gehört?“ fauchte der Lehrer. Zornesfalten durchfurchten sein Gesicht.

„Der meint ja jedes seiner Worte verdammt ernst, das er da ausspeit.“ Francois erbebte und machte einen Diener. „Ja, mein Herr“, kam es kleinlaut. Er hielt die Tränen ganz mühsam zurück. „Sei stark wie ein Mann“, dachte er in diesem Augenblick. Sofort sah er sich auf den Raubzügen in den Trümmern von Paris. Er rannte durch die matschigen Gassen, die sich um die Hütten wanden. Brot und Fleisch schnappte er sich und brachte es nach Hause. „Mutter besaß ja kein Geld, wie hätten wir überleben sollen?“ Er sah ihre zärtlich lächelnden, jedoch wehmütigen Augen. Ihre zerschundenen Hände liebkosten ihn. „Wie lange soll das noch so weitergehen mit den Prügeln?“ Die Gestalt des Lehrers verschwamm vor seinen Augen. „Ich will zu Guillaume.“ Gebeugt ging Francois an seinen Platz und setzte sich. „Lange lebte ich glücklich und zufrieden bei meinem Vater. Ich will nach Hause und zur Ruhe kommen.“

Die Schüler zappelten auf ihren Stühlen.  Die einen sahen der Szene zu, ein Junge kleckste Tinte auf das Buch seines Nachbarn. „Lass es!“ meckerte Hugo und sog mit dem Ärmel seines Wamses die Tinte auf. „Ihr seid ein Schwein, ein Dreckskerl.“

Jetzt fahren wir fort!“ Der Lehrer konzentrierte sich auf das Wesentliche.

„Lieber Vater, Euer Hochwürden, bitte schickt mich nicht mehr länger auf diese Schule!“ flehte Francois. Aber warum denn, mein Junge? Ihr müsst auf jeden Fall für Euer späteres Leben lernen. Deshalb werdet Ihr morgen und die nächsten Jahre zu dieser Schule gehen!“ Bei Augustinus habt Ihr nur wenig gelernt, das reicht nicht. Ihr müsst Euer Geld in Zukunft mit ehrbarer Arbeit verdienen. Das verlange ich von Euch!“ Guillaume hatte damit das letzte Wort gesprochen.

Am Tag darauf streifte Francois durch die Gassen von Paris. Er schlenderte lustlos zur Elementarschule. Menschen froren trotz der wolligen Umhänge, die sie schützend über ihren Schultern trugen. Merkwürdige Beulen übersäten die Gesichter. Francois lief um sein Leben. „Nichts wie weg hier undüber die Leichen mache ich große Schritte.“

„Ihr könnt Euch gar nicht vorstellen, Matthieu, was in diesem schrecklichen Krieg so alles passierte.“ Antoine grübelte und schüttelte sich. Sein Oberkörper bebte. “Während die Könige Frankreichs und Englands Paris verließen, um in Saus und Braus zu leben, prunkvolle Feste feierten und sich die Bäuche vollschlugen, ließen sie ihren Bischof das Volk regieren, der die Bürger hungern ließ. Er schaffte es einfach nicht Ruhe, Frieden und Ordnung herzustellen.“ Antoine legte eine kleine Pause ein.

„Erzählt mir noch mehr darüber, ich will alles wissen“, sagte Matthieu und lauschte gespannt.

„Die Engländer plünderten die Kirchen und trieben das Vieh der Bauern in Ihr Lager. Zu dieser Zeit flohen viele Menschen aus Paris. Not, Hunger und Elend kannten sie nur zu gut. „Vielleicht finden wir ja an einem anderen Ort eine Bleibe und leiden dort keinen Hunger mehr.“ Die Langbögen, Armbrüste und Kanonen verwüsteten alles, Bretter der Hütten und Buden verteilten sich wie wild aufeinander geworfene Müllhaufen.“

Weder Äpfel, Birnen noch Pflaumen oder  Mirabellen wuchsen an den Bäumen, keine Nüsse an den Sträuchern. In den kleinen Gärten neben den Häusern gedieh kein Gemüse. Donner und Blitz beschädigten die Spitze des Kirchturmes, das Dach riss ab. Herunterfallende Brocken trafen Menschen und töteten sie.

„Und dann, Matthieu, ritten raubende Männer auf ihren Gäulen durch Paris. Sie prügelten Menschen zu Tode und nahmen sich all ihr Hab und Gut.“

Die Coquillards ritten in die Stadt. Sie stahlen alles Vieh aus den Ställen, sei es Huhn oder Schaf, Kuh oder Schwein. Auch Pferde nahmen sie mit. Die Bauern litten große Not.

„Matthieu, diese Dreckskerle schnitten den Leuten die Kehle durch oder schlugen ihnen gar die Köpfe ab. Die Leichen verteilten sich in den Wegen.“ Antoine weinte.

Warum kehrt nicht endlich wieder Frieden ein? Ein Aufschrei der Verzweiflung hallte durch Paris. Wo ist unser König? Die Bürger verübelten dem Bischof, dass er nichts gegen den Krieg und die Räuber unternahm. Wie lange soll das noch so weitergehen?

Francois, der morgens den Weg zur Schule zog, beobachtete das alles. „Bei Euch, mein Vater, fühle ich mich sicher.“ Guillaume nahm ihn in den Arm und drückte den Jungen fest an seine Brust. „Ich freue mich so sehr, dass Ihr so gerne bei mir seid.“

„Es kam der Tag im Jahr 1438, Matthieu, als Karl VII nach Paris zurückkam. Menschen drängten sich in den Gassen vor den Häusern und Hütten und jubelten ihm zu – zusammen mit seinem Sohn.“

„Unser König ist da! Endlich ist er hier Nun nimmt das Elend ein Ende.“ Die Menge winkte ihm zu. Karl blickte sich um, sein Haupt hoch erhoben. Ein roter Umhang mit Pelzbesatz hing über seinen Schultern. Bunte Teppiche schmückten die Fenster der Häuser, die Menschen fassten sich an den Händen und tanzten. „Kommt, wir feiern ein Fest!“ rief der König seinem Volk zu. Hoch zu Ross galoppierte der König zum Marktplatz. Alle liefen hinter ihm her. Knechte huschten behände, sie häuften Holz an einer Stelle und entfachten ein Feuer. An einer Stange drehte sich ein Ochse. „Ab heute wird endlich alles gut“, raunten sich die Gäste zu. Mägde brachten Wein und Bier.

„Vater, so ein feiner Herr will ich auch mal werden und auf einem so stolzen Ross reiten. Dafür will ich in der Schule wirklich alles geben.“ Stolz sah Francois Guillaume an. Der klopfte dem Jungen auf die Schulter. „Macht weiter so wie in der Klosterschule, übt und lernt fleißig und Ihr erreicht Euer Ziel. „Matthieu, es war 1440, als Francois unter den Spitzbögen der Kirche das Raunen der Bürger hörte, Gilles de Rais stehe vor Gericht und auch die Mönche in dem Kloster tuschelten darüber.“

„Was ist denn damals überhaupt vorgefallen?“ fragte Matthieu.

„Dieser Gilles de Rais diente als Marschall im Heer der Jeanne d´Arc, er war der Graf von Brienne und Herr von Champtoce sowie Pouzauges und Generalleutnant der Bretagne. Wenn Ihr alle diese Aufzählungen hört, glaubt Ihr bestimmt, es handle sich um einen Edelmann. „

„Ja, Vater, da habt Ihr Recht. Wer solche Titel trägt, muss doch einer sein. Aber wie Ihr so erzählt, scheint das Gegenteil der Fall zu sein.“

„Dieser Gilles de Rais saß als Angeklagter vor Gericht in Nantes. Der Richter hielt ein Protokoll in seinen Händen. Etienne Corrillaut, er war der Diener de Rais, verfasste es und ließ es dem Gericht zukommen.“ Antoine erzählte und Matthieu lauschte.

Schmale hohe Fenster mit spitzen Bögen spendeten Licht während des Verfahrens. Der Richter erhob sich von seinem Stuhl.  „Ihr seid des Mordes an unzähligen Kindern angeklagt. Ihr habt diesen völlig unschuldigen Geschöpfen den Hals durchtrennt. Nach dem Tod dieser Kinder – die Stimme des Redners wurde lauter, sie bebte – habt Ihr ihnen die Köpfe und Gliedmaßen zerstückelt. Einen Bauernjungen habt Ihr erwürgt und ihm dann die Hände abgeschlagen.“ Der Richter würgte. „Das Blut des Jungen nahmt Ihr als Tinte und schriebt damit geheime Texte. Eure Häscher habt Ihr auf die Kinder gehetzt, um sie anschließend auf Eurem Anwesen zu vergewaltigen und wühltet in ihren Eingeweiden, Ihr Widerling!“

Gilles de Rais saß auf seinem Stuhl, den Kopf nach unten gesenkt, so als wolle er sich unsichtbar machen. Seine Hände faltete er in seinem Schoß und mit seinen Füßen schabte er leise über die Holzbretter des Bodens.

„Die enthaupteten Köpfe habt Ihr aufgespießt, um dann die erbleichten Gesichter zu schminken und einen Schönheitswettbewerb zu veranstalten. Bei all dem habt Ihr onaniert und Euren Samen auf die Bäuche der Toten gespritzt. Was habt Ihr Euch dabei gedacht?“

Ein Raunen, ein Tuscheln ging durch den Verhandlungsraum. „Was für eine perverse Person. Weg mit ihm. Knüpft ihn an den nächsten Galgen oder siedet ihn in ÖL!“

„Was ich in diesem Protokoll las, glaubte ich zuerst kaum. Aus diesem Grund sandte ich meine Leute aus zu Euren Burgen. Was sie dort entdeckten, berichteten sie zögernd und mit Schaudern. Ihr habt die getöteten Kinder verbrannt, um damit die Spuren zu beseitigen.“

Nun erhob sich Gilles de Rais.  Er sah immer noch unter sich. Schweiß stand auf seiner Stirn. „Ich will das, was ich zu sagen habe, in gemeiner Sprache ausdrücken, damit jeder versteht. Ich rufe die Väter dazu auf, über ihre Kinder zu wachen, damit nicht auch die noch verschwinden. All das, was Ihr mir vorwerft und dessen ich angeklagt bin, habe ich tatsächlich getan. Ich wollte diese Kinder töten, sie zerstückeln und ihnen die Köpfe abtrennen. Das erledigten meine Häscher. Mein Weib schaffte es nicht, Lust in mir zu erwecken.“

 „Ach und dann habt Ihr Euch an diesen kleinen Wesen vergriffen, Ihr Narr! Ich verurteile Euch zum Tode. Auf der Wiese Grande Blesse sollt Ihr erwürgt und Eure sterblichen Überreste verbrannt werden. Weg mit dem Tyrannen, der noch nicht einmal vor Kindern Halt macht!“ Damit führten ihn die Diener des Gerichtes in seine Zelle.

„Matthieu, dieser Mann galt vor dem Prozess als Vorbild der Frömmigkeit und zählte zu den reichsten Fürsten unseres Landes. An der Seite Jeanne d´Arcs war er ein Held. Keiner hätte ihm je so etwas Böses zugetraut.“

Matthieu schaute fassungslos. Er schauderte vor Entsetzen, als Antoine ihm diese Geschichte erzählte.

„Was Gilles de Rais vor Gerichte aussagte, ließ das Tribunal regelrecht erschüttern.“ Antoine sah Matthieu an. „Was sagte er denn?“ wollte Matthieu wissen. „Es handelte sich um zweihundertfünfzig Kinder. Im Keller seines Schlosses türmten sich die Knochen.“ Antoine erschauderte.

Der Richter hielt ein Schreiben in seiner Hand und sah Gilles de Rais direkt ins bleiche Gesicht. „Ist das Eure eigenhändige Unterschrift?“ herrschte er den Angeklagten an.

„Ja, das ist meine Unterschrift. Ich habe einen Bund mit dem Teufel geschlossen und es mit dem Blut der Kinder geschrieben.“ Nichts regte sich in der Mimik des Angeklagten.

 Guillaume redete mit Augustinus über diese Angelegenheit. „Wie glaubt Ihr, kam es dazu, dass Gilles de Rais ein solch verdorbenes Leben führte?“ richtete Augustinus sein Wort an den Pater.

„Lieber Augustinus, ich kann mir das nur so erklären, dass Gilles de Rais glaubte, ein Versager zu sein.“

„Aber warum denn nur?“ platzte es aus dem Mönch heraus.

„Gilles de Rais dachte wohl, das Leben Jeanne d`Arcs läge in seiner Hand. In den Augen der Inquisition war sie nur eine Ketzerin. Sie wandte sich nach deren Meinung von Gott ab und starb deswegen auf dem Scheiterhaufen. Niemand glaubte ihr, sich je mit den Heiligen unterhalten zu haben. Gilles wollte sie beschützen und das gelang ihm nicht, als Jeanne d´Arc im Kerker saß und der peinlichen Befragung übergeben. Nach ihrem Tod machte er sich die schlimmsten Vorwürfe. Gilles de Rais dachte, Gott würde ihn für sein Versagen bestrafen. Er sah sich als einen Verräter an diesem Mädchen.“ Der Mönch schien erstaunt. „Ich gehe davon aus“, so berichtete Guillaume Villon weiter, „dass sich Gilles de Rais in die finsteren Gemächer seines Schlosses zurückzog. Er betete Tag wie Nacht vor dem Altar seiner Hauskapelle. Darüber vernachlässigte er sich selbst, kämmte sich die Haare nicht mehr, er wusch sich nicht und zog sich keine saubere Kleidung an. Er verließ die Hauskapelle nicht und auch nicht sein Schloss.

„Wie setzt sich denn diese Geschichte fort?“ fragte Augustinus.

„Gilles de Rais war fest davon überzeugt, für sein Versagen büßen zu müssen. Er schloss keinen Frieden mit Gott, denn der schickte ihm keine Strafe. So vergingen zwei Jahre. Danach nahm Gilles wieder am Leben teil und kleidete sich in prächtige Gewänder. Er traf eine verhängnisvolle Entscheidung. Er wandte sich von Gott ab und dem Teufel zu. Damit begann das Morden der Kinder. Irgendwo in den Gemächern seines Schlosses ließ er Jeanne D`Arc in den Himmel kommen. So schloss er Frieden. Das kostete ihn Millionen, am Ende blieb ihm nichts.“

 Was Guillaume nicht bemerkte: Francois stand während der gesamten Unterhaltung versteckt hinter einem der breiten Pfeiler und schnappte alles auf. Unbemerkt schlich er sich in seine Zelle zurück und legte sich ins Bett. Die Worte des Gespräches hallten noch in seinen Ohren. Er kam trotz aller Müdigkeit nicht zur Ruhe. Unruhig wälzte er sich hin und her, dann betete er: „Herr, bewahre mich vor diesen Gräueltaten.“ Francois zitterte. „Maman, bitte nicht. Kommt und steht mir bei.“

Francois besuchte die Elementarschule, setzte sich nachmittags über seine Bücher. Das Schreiben bereitete ihm keinerlei Mühe und er schwärmte für die Miniaturmalerei.

„Ihr macht so hervorragende Fortschritte, Francois, ich will Euch eine Freude bereiten. Ich habe mir überlegt, dass Ihr die Universität besucht.“ Guillaume streichelte seinem Sohn über das struppige Haar. „Morgen früh nehmen wir die Kalesche, diese Kutsche mit dem Faltverdeck, und fahren zum Kollegium Navarra. Dort dürft Ihr die sieben freien Künste studieren.“

Freudestrahlend lachte der zwölfjährige. „Das traut Ihr mir wirklich zu?“

„Ja, Ihr seid fleißig und zeigt ungeheuren Ehrgeiz. Eines Tages legt Ihr Eure Prüfungen ab und nutzt die Chance, in meine Fußstapfen zu treten.“ Guillaume liebte Francois.

Die Pferde trabten und die Schellen an den Zügeln erklangen. Guillaume und Francois fuhren an diesem Morgen zur Rue Saint Jacques. Die hohen Räder aus Holz rumpelten über die lehmigen Gassen. Dunkle Gebäude reihten sich dicht nebeneinander. „Hier habe auch ich studiert“, erklärte Guillaume. Dort ist eine Kirche, Francois, und daneben stehen mehrere Kapellen.“ Kleinere Gebäude, in denen Studenten von außerhalb wohnten, erstaunten Francois. „Dieser Anblick, Vater, wirkt ja wie ein eigener Stadtteil von Paris!!“ Francois schaute sich um. Er sah die dicke Steinmauer, die diesen Komplex umgab. Die Kalesche hielt vor dem eisernen Tor der Universität. „Kommt, steigen wir aus, Francois.“ Vater und Sohn nahmen sich an die Hand und wandten sich dem Tor zu.

Ein Diener der Universität öffnete das Tor. „Was ist Euer Begehr, gnädiger Herr?“ fragte er Guillaume. „Ich bin hier, um meinen Zögling zum Studium eintragen zu lassen.“

„Kommt herein. Ich melde Euch vorab im Kantor an. Folgt mir einfach und wartet einen kleinen Augenblick.“ Der Diener lächelte und zeigte mit seiner Hand auf das Schulgelände.

„Ja, das machen wir.“ Eine schlanke Figur in Beinlingen und Wams mit Weste schritt voran. Es dauerte nicht lange, bis Guillaume im Kontor stand. Der Diener entfernte sich. „Ich bin Guillaume Villon, der Pater vom Roten Tor. Mein Anliegen ist, diesen Jungen im Kollegium Navarra einzutragen. Bisher besuchte er die Kloster- und die Elementarschule dieser Stadt. Unermüdlich saß er stets über seinen Büchern und lernte mit sehr viel Eifer. Ab morgen soll er an dieser Fakultät studieren.“

„Dann tragt seinen Namen in dieses Register ein.“ Der Mann hinter dem Pult sah Guillaume an.