Schattenmann - Margarete Hachenberg - E-Book

Schattenmann E-Book

Margarete Hachenberg

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Beschreibung

Tauchen Sie ein in die düstere Welt des amerikanischen Schriftstellers Ambrose Bierce, dessen Geschichten von scharfsinniger Ironie, dunklem Humor und unheimlichen Wendungen geprägt sind. Bekannt für seine meisterhaften Kurzgeschichten und seine kritische Sicht auf die Gesellschaft seiner Zeit, entführt Bierce den Leser in eine Welt voller Geheimnisse, Grausamkeiten und unerwarteter Schicksale. Ob in den finsteren Geschichten des "Devil's Dictionary" oder in den unvergesslichen Erzählungen wie "An Occurrence at Owl Creek Bridge" – dieses Buch bietet eine faszinierende Reise durch die dunklen Abgründe der menschlichen Natur. Perfekt für alle, die das Unheimliche lieben und die Grenzen zwischen Realität und Fantasie erkunden möchten.

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Seitenzahl: 689

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Prolog

Ambrose Bierce 1913

Die Reise zu den Schlachtfeldern des Bürgerkrieges

Der Aufbruch

Chickamauga

Shiloh – ein Sonntag im Feuer

Ambrose Erinnerungen

Kennesaw Mountain

Washington, Oktober 1913

Meigs County 1852 – Die Saat

Der Sonntag

Die Woche danach

Der Stock

Horse Cave Creek

Der Fuchs

Die Felder

Schatten am Fluss

In der Stube

Die Quelle

Der Alte mit der Feder

Die Predigt

Im Schatten des Vaters

Der Schwur

Oktober 1913 – Montgomery, Alabama

Im French Quarter

Storyville

Reise nach San Antonio (Oktober 1913)

Mexiko - Ende 1913

Meigs County

Pancho Villa

Meigs County

Gefangen in Tlatelolco

Erinnerungen an die Freiheit

Gildardos Plan

Die Schmiede im Herzen

Hoffnung trotz der Dunkelheit

Der erste Schritt

Die Zellen – ein Verlies der Verzweiflung

Die Kleidung der Gefangenen – Zeichen der Entrechtung

Die Wächter – brutale Hüter der Ordnung

Das Machtgehabe – ein grausames Spiel

Alltag im Gefängnis – eine bittere Routine

Die Atmosphäre – ein Ort der Hoffnungslosigkeit

Gefängnisnacht in Santiago Tlatelolco

Gefängnis, Nacht im Jahr 1913

Gefängnis, Wochen später – Flüstern der Hoffnung

Die Reise nach Warsaw

Die Säge im Kerker

Die ersten Schritte ins Berufsleben

Die Wahrheit im Druck – Ambroses erster Aufschrei

Indianapolis – der Anfang eines scharfen Blicks

Unruhen in der Stadt

Die Begegnung

Flucht aus dem Gefängnis

Die Arbeit beginnt

Wärter und Gefahr

Der Moment der Flucht

Ritt in die Freiheit

Die Jagd beginnt

Das geheime Zeichen

Ein Hoffnungsträger

Ein Symbol der Hoffnung

Die Reaktion der Regierung

Unterstützung aus dem Volk

Ein Gefecht in der Wildnis

Pancho Villas Kindheit und Jugend

Flucht aus dem Gefängnis

Ein Symbol der Hoffnung

Der Aufstand beginnt

Die Gefahr wächst

Der Traum von Freiheit

Der erste Feldzug

Freundschaft und Rivalität

Der erste Winter

Ambrose an der Militärakademie – Der Weg zum Soldaten und Denker

Pancho Villa auf der Flucht

Gettysburg, Juli 1863

Im Krankenhaus von Chattanooga

Die Schlacht von Atlanta

Die Schlacht von Shiloh

„Staub und Blut: Die Geschichte Pancho Villas“

Die einsame Prärie

Lagerfeuer in der Dämmerung

Morgengrauen in der Prärie

Die Entscheidung

London

Die Begegnung mit Pancho Villa

San Francisco Examiner – Ambrose Bierce und der Kampf gegen die Macht

Worte als Waffen – Ambrose Bierce im Examiner

Der goldene Pfad – Bierce und der Skandal um die Pacific Rail Contract

Die Unbeugsamkeit des Spiegels – Bierce und der Zweifel

San Francisco – Die Schatten hinter der Wahrheit

Der Kampf für die Freiheit

London

Die Hochzeit

Die Feier

Die Hochzeitsnacht

Rückkehr in den Alltag

Ein erster Konflikt

Die Forderung nach Madero

Kalifornien 1872

Kalifornien 1872 – Rückblick auf 1848

Die Nachricht, die die Welt entflammte

Forty-Niners

Schlamm, Lärm und Gold

San Francisco 1872 – Die Stadt nach dem Rausch

San Francisco, ein früher Abend im Herbst 1872

Ein paar Stunden zuvor – in der Lagerhalle unter der Mission Street

Redaktionszimmer, California Street, später Nachmittag

Ambrose innerer Monolog – auf dem Heimweg

Shiloh, April 1862

Kalifornien, Spätsommer 1872

San Francisco, 18. Oktober 1872

Stockton, 23. Oktober 1872

Stockton, Hotel Victoria, 23. Oktober 1872

San Francisco, Herbst 1872

Die mexikanische Revolution

Nordmexiko, Herbst 1913

In den Hügeln vor Chihuahua

Zwischen zwei Kugeln – Das Wörterbuch des Teufels

Kreuzweg der Wörter

El Centauro del Norte

Erinnerung in Morelos

Mexiko 1913 – in Ambroses Kopf

Die Spinnweben des Todes

Venestiano Carranza, der Mann mit dem Bart

San Francisco

Alvaro Obregon

Der Tanz des Todes

Ambrose Bierce und Pancho Villa

London

Albert Dock

Walker Art Gallery

Das Vorhaben

Der Examiner

Hampstead Heath

Emigranten

Fleet Street

London

Die Nacht vor der Schlacht

Spaziergang durch die Stadt

Die Schlacht von Chihuahua

Nach der Schlacht – das Krankenhaus

Begegnung mit Villa

Nachts im Zimmer – Erinnerungen an Shiloh

Shiloh – April 1862

Chihuahua, 1913 – Rückblick nach Shiloh

Die Nacht vor dem Verschwinden

Der innere Bruch

Das Schweigen nach dem Wort

Die Auflösung des Ich

Der Examiner

Die Armen von London: Eine Stadt der Kontraste

Berichterstattung aus Chihuahua

Stimmen aus der Asche

Shiloh, April 1862

Zurück in Chihuahua

Chihuahua – Stimmen aus der Asche

Shiloh

Lesung bei flackerndem Licht

The Red Lion

In dunklen Räumen

Die Geschichte einer Vendetta

Letztes Licht: Washington 1913

Schatten auf der Haut – Washington, einige Tage später

Die Trennung

Spiegel ohne Gesicht – Bierce und Mollie

Schatten ohne Erbe

San Francisco, 10. November 1912

Der Junge mit dem Gewehr – Ein Dorf, südlich von Jimenez, Mexiko, Dezember 1913

Die Silhouette – Ein Hospital, südlich von Torreon, Januar 1914

Der Schattenmann – Sierra Madre Occidental, Nordmexiko, Februar 1914

Meigs County – Kindheit im Schatten

Ambrose und das Grauen des Krieges

Das Schreiben als Waffe – San Francisco, 1868

Der Krieg als Schule des Zorns

Das Elternhaus – Ein Tag voller Zwiespalt und Verwirrung

Der Abgrund zwischen uns

Schatten in drei Zimmern

San Francisco, ein Winterabend

San Francisco – Erdbeben, Zeitung, Zynismus

Der Krieg im Rückspiegel – Geister, Narben, das Schlachtfeld in ihm

Alkohol, Opium, Einsamkeit – Der Niedergang

Der Journalist – Die scharfe Feder, der Zorn auf die Welt

Die Familie zerbricht – Trennung, Tod, Schuld

Der Tod des Sohnes – Eine Wunde, die nicht heilt

Abrechnung mit dem Journalismus – Wahrheit als Waffe, aber auch als Bürde

London – Jahre im Exil, Begegnung mit der europäischen Intelligenzija

Mexiko – Reise ins Ungewisse. Revolution, letzte Notizen? Oktober 1913

Die Geburt der Progressiven Partei

Die Kugel in Milwaukee – Milwaukee, 14. Oktober 1912

Die Wahlnacht – November 1912

Der Rückzug – Sagamore Hill, Winter 1913

Der letzte Applaus – Madrid, Frühling 1914

Sagamore Hill, einige Wochen später

Der Klang des letzten Moments

Die Brücke

Chattanooga, 1864

Nach Chattanooga – Die Träume

Der Kamerad – Ein Fall bei Pickett´s Mill, Mai 1864

Tennessee, November 1863 – Nach dem Gefecht bei Missionary Ridge

Der Beobachter

Die Geschichte eines Soldaten

Die Geschichte einer Frau

„Ich trage zwei Kriege in mir“

Marcus – der stille Chronist

James – Der Architekt der Schatten

Der Mönch und die Henkerstochter – Eine Parabel über Schuld, Hoffnung und Erlösung

Die Suche nach Ambrose

James – der Mann hinter dem Auftrag

Im Schatten des Präsidenten

Der erste Bericht

Schwarzer Käfer in Bernstein

Die dunkle Seite der Macht

1893 – Schatten auf der Veranda

Die Reise nach El Paso

Umzug nach Washington

Die Redaktion

„Ein hoher Mittag – Schatten im Kapitol“

Der Morgen danach – in der Redaktion des Examiner, Washington-Büro

Ein Büro im Innenministerium – später am selben Tag

Metropolitan Club, Washington D.C., später Abend

Nacht in Washington – Bierce allein

Büro von James, Roosevelt-Berater – kurz nach Mitternacht

Der Schatten des Schriftstellers: Marcus und die Suche nach Ambrose Bierce

Der Auftrag und die ersten Hinweise

Die Verfolgung beginnt

Das Treffen im Verborgenen

Der Weg in den Tod

Die entscheidende Schlacht und das Verschwinden Bierces

Die Suche nach dem Versteck

Die alten Manuskripte und die Geheimnisse

Das Vermächtnis und die Legende

Die Hacienda und das Geheimnis

Fantastische Fabeln

Der sprechende Stein und die dunkle Wahrheit

Die Schatten in der Stadt

Das Flüstern im alten Baum

Die Fabel vom Politiker und dem Fuchs

Die Flucht

Die verborgenen Geheimnisse – Schatten der Vergangenheit

Das erste Frühstück in seinem neuen Zuhause

Begegnung im Golden Gate Park

Der erste Job in einer kleinen Buchhandlung

Der Blick auf die Golden Gate Bridge bei Sonnenuntergang

Das erste Treffen mit neuen Freunden

Spaziergang am Fisherman´s Wharf

Der Tag in Chinatown

Das erste eigene Kunstwerk

Das erste Konzert in der Stadt

Der Tag im Alamo Square

Das erste Weihnachtsfest in der neuen Heimat

Der Plan

Das Treffen mit Hearst

Die Verfolgungsjagd auf dem Fluss

Mark Twain

Suche nach Informationen

Ambrose Bierce und Jack London

Der Schatten des Sturms: Rückkehr und Reflexion

Die Jagd nach dem Dokument

Bierce und Roosevelt

Spannungen im Weißen Haus

Bierce skeptische Beobachtungen

Die diplomatischen Manöver

Die ersten Konflikte

Die wachsende Bedrohung

Bierces kritische Reflexion

Die erste große Krise

Die inneren Konflikte

Die diplomatischen Bemühungen

Der Ausbruch des Konflikts

Die Folgen und die Reflexion

Der Weg zu Samuel

Die nächtliche Suche beginnt

Das Geheimnis der Karte

Die Verfolgung

Das Versteck des Schatzes

Die letzte Zeit in Washington

Victor und seine Männer

Die Krankheit

Ambrose und Marcus

Der Schatten der Verfolger

Das letzte Versteck

Neue Verbündete

Der Plan gegen Victor

Der Hinterhalt

Der Kampf und die Hoffnung

Der geheime Tempel

Neue Verbündete und alte Freunde

Der nächste Schritt

Der Kampf im Hinterhalt

Die Nacht des Verschwindens

Die Entdeckung

Die Suche nach dem Meister

Die dunkle Macht

Der Kampf beginnt

Der entscheidende Moment

Der finale Moment

Der Wendepunkt

Nach dem Kampf

Die Nachwirkungen des Kampfes

Die Rückkehr der Verbündeten

Die Aufgabe der Hüter

Ein dunkler Schatten in der Ferne

Neue Verbündete und eine Mission

Enthüllung alter Geheimnisse: Das verborgene Erbe

Das Geheimnis der Schattenwelgt

Das uralte Erbe

Der Schlüssel zur Heilung

Die Wahrheit über Ambrose

Die dunkle Vergangenheit und die Zukunft

Die Wiederherstellung

Der Neuanfang nach der Dunkelheit

Gefühle der Menschen

Der Wiederaufbau

Neue Herausforderungen

Gemeinschaft und Zusammenhalt

Hoffnung auf eine bessere Zukunft

Ein Blick nach vorn

Ein Neuanfang

Ein neues Zuhause

Die Schönheit der Natur

Erste Begegnung und neue Freunde

Neue Abenteuer und das Gefühl von Heimat

Das erste Abenteuer im Wald

Das Fest im Dorf

Das Geheimnis der alten Bibliothek

Das Treffen mit dem alten Weisen

Das Rätsel im alten Turm

Das Treffen mit den Waldgeistern

Letzte Silhouette – Chihuahua-Wüste, nahe Ojinaga, Februar 1914

Die Stimme im Staub – Chihuahua, Herbst 1932

Santa Cruz, 1935

Santa Cruz, wenige Tage später

Santa Cruz, Winter 1935

Gegenstimme – Auszüge aus Helens Antworten auf das Notizbuch ihres Vaters

Santa Cruz, Ende Februar 1935

Santa Cruz, März 1935

Das Haus mit den geschlossenen Türen

Santa Cruz, März 1935

Drei Schatten, eine Tür

Ein Fremder mit seinen Augen

Das Zimmer unter dem Dach

Vermächtnis

San Francisco, ein Winterabend, 1892

Helens Stimmenbuch

Vater in Schwarzweiß

Die Briefe, die nie ankamen

Die Stimme des Vaters

Das Gespräch, das es nie gab

Ruths Stimme

Die Stimme im Haus

Helen – „Die Schwelle“

Ruth – „Die geöffnete Hand“

Pickett´s Mill – Der Wald hat keine Sprache

Der Krieg ging nicht, er blieb in mir

Nächte des Schweigens

Nicht für die Kinder, Nicht für den Druck

Ruths innere Stimme

Brief an den Großvater

Ein Brief für euch

Was du uns verschwiegen hast, hast du geschrieben

Die Brücke von Owl Creek – zwischen Leben und Tod

Meta

Owl Creek war überall

Der Wald bei Pickett´s Mill

Chickamauga

Die Hängebrücke von Owl Creek

Nachwort

Vorwort

Es sind oft die unerwarteten Begegnungen, die unser Leben auf neue Wege führen. Im vergangenen Jahr befand ich mich aufgrund starker Rückenschmerzen, verursacht durch Osteoporose, in der Klinik Lahnhöhe. Die Tage bestanden aus Therapien, Ruhephasen und Gesprächen. In dieser Zeit geschah etwas, womit ich nicht rechnete: Ich begegnete einem toten Mann, der dennoch zu sprechen begann.

Diese Begegnung geschah nicht in einem Gespräch, nicht einmal in einem Traum, sondern zwischen zwei Buchdeckeln. Im Dr. Bruker Haus, einem Ort, der Rückzug und Besinnung ermöglichen soll, fiel mir ein Buch in die Hände. Der Titel sprang mir sofort ins Auge: "Mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen." Wie ein Echo hallte dieser Satz in mir nach – zugleich düster und wahrhaftig, herausfordernd und philosophisch.

Auf dem Cover blickte mir das ernste, fast durchdringende Gesicht eines Mannes entgegen: Ambrose Bierce. Bis zu diesem Zeitpunkt kannte ich ihn nicht. Wer war er, dieser Autor, der mit solch einer Aussage ein Buch überschrieb? Was wollte er sagen, was verbarg sich hinter seinen Worten, seinem Leben, seiner Weltansicht?

Neugierig und beinahe begierig las ich das Buch noch während meines Aufenthalts. Seite um Seite sog ich die Kurzgeschichten auf, ergriff von dem Geist des Autors Besitz – oder vielmehr: ergriff er Besitz von meinem Denken. Bierce schrieb mit einem Scharfsinn, der mich gleichermaßen faszinierte wie erschreckte. Seine Sprache klar, oft nüchtern, manchmal sarkastisch, doch immer eindringlich. Er führte mich an Orte des Todes, der Absurdität, der Grausamkeit – und dabei auch an die Schwelle tiefer menschlicher Wahrheiten.

Ich stellte mir viele Fragen. Was prägte diesen Mann? Warum wählte er solche Themen? Was bewegte ihn, so scharf zu urteilen, so schonungslos zu schreiben, so wenig Trost zu spenden – und dabei doch so viel Wahrheit zu enthüllen?

In diesem Moment reifte in mir ein Entschluss: Ich wollte mehr über Ambrose Bierce wissen. Ich wollte verstehen, was ihn formte, was ihn antrieb, wie er lebte – und warum sein Werk heute noch so relevant ist. Ich nahm mir vor, ein Buch über diesen mir bis dahin unbekannten Autor zu schreiben. Nicht als reine Biografie, nicht als wissenschaftliche Abhandlung, sondern als eine Art literarische Annäherung – aus der Sicht einer Leserin, die berührt wurde.

Ich begann zu recherchieren. Ich stieß auf sein Geburtsjahr 1842 und darauf, dass er in Meigs County, Ohio, als Sohn einer armen, streng religiösen Familie aufwuchs. Seine Kindheit stand unter dem Einfluss von Härte, von Konflikten, von Intellekt und Isolation. Mit 15 Jahren verließ er sein Elternhaus, lebte bei seinem Onkel und trat später in eine Militärakademie ein – ein entscheidender Wendepunkt in seinem Leben.

Er beobachtete nicht nur scharf, sondern blieb ein Überlebender: Ambrose Bierce nahm am Amerikanischen Bürgerkrieg teil, erlebte das Grauen des Krieges aus nächster Nähe. Diese Erfahrungen durchdrangen sein späteres Schreiben. Seine Geschichten sind oft dunkel, geprägt von Tod, Verzweiflung und moralischem Verfall. Er traute dem Menschen nicht viel Gutes zu – doch gerade in dieser gnadenlosen Betrachtung liegt auch eine tiefe Menschlichkeit.

Er machte sich einen Namen als Journalist, Satiriker, Kritiker – gefürchtet und bewundert gleichermaßen. Mit seinem Werk "The Devil’s Dictionary" schuf er ein Meisterstück an Sprachwitz, Zynismus und schneidender Wahrheit. Seine Kurzgeschichten, insbesondere jene über den Bürgerkrieg, gehören zu den eindrucksvollsten Prosaarbeiten der amerikanischen Literatur des 19. Jahrhunderts.

Ambrose Bierce galt als ein unbequemer Geist. Einer, der nicht mit dem Strom schwamm. Einer, der Fragen stellte, wo andere Antworten behaupteten. Und vielleicht ist es genau das, was mich an ihm fesselte: die unbestechliche Klarheit, das Durchschauen der Illusionen, die Kompromisslosigkeit seines Denkens – und die stille Sehnsucht, die hinter allem zu spüren ist.

Dieses Buch ist meine persönliche Auseinandersetzung mit Ambrose Bierce. Es ist der Versuch, ihm näher zu kommen – durch biografische Spurensuche, durch Lektüre seiner Texte, durch Reflexion über das, was seine Gedanken bis heute bedeuten können.

Es ist aber auch ein Buch über das Lesen selbst. Über die Kraft, der Literatur, selbst in Momenten körperlicher Schwäche und seelischer Erschöpfung. Ich hätte nicht gedacht, dass eine Klinik, die ich wegen meiner Osteoporose aufsuchte, der Ausgangspunkt für ein solches Projekt werden würde. Doch vielleicht sind es gerade die unerwarteten Wege, auf denen wir am tiefsten wir selbst werden.

Ich lade Sie ein, mich auf dieser Reise zu begleiten – in die Welt eines Mannes, der inmitten des Lebens stets den Tod vor Augen sah, und dessen Werk dennoch voller Leben ist.

Denn: Mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen – doch vielleicht birgt genau diese Erkenntnis die Wahrheit über unsere eigene Menschlichkeit.

Prolog

Die Stadt lag im Schatten des Todes, ein dunkler Schleier umhüllte alles. Die engen Straßen wanden sich wie schleichende Schatten, die hohen Häuser thronten in finsterem Schweigen. Hier offenbarte sich die düsterste Natur der Menschen, ein Ort, an dem ihre verborgenen Abgründe ans Licht traten.Ernest Hemingway schätzte die Kurzgeschichten und Zeitungsartikel von Ambrose Bierce. Er zeigte sich fasziniert von seinen dunklen und humorvollen Erzählungen. Bierce besaß die bemerkenswerte Fähigkeit, die menschliche Natur zu durchschauen. Durch seine Augen betrachtete Hemingway die Stadt, die Menschen und die Politiker. Er entdeckte die dunklen Ecken und die verborgenen Gefahren, die in den Schatten lauerten.Hemingway las auch „Das Wörterbuch des Teufels“ von Ambrose Bierce, ein Werk, nach dem er schon lange suchte. Als er es endlich in den Händen hielt, strahlte er Begeisterung aus. Er las darin und stieß auf eine Definition, die ihn besonders beeindruckte: „Tod: Ein Zustand, der den Lebenden unerträglich ist, den Toten aber nicht mehr betrifft.“ Diese Worte ließen Hemingway über die Bedeutung des Lebens nachdenken und eröffneten ihm eine neue Perspektive auf die Stadt. Sie erschien als Ort des Todes, ein Raum, in dem die Menschen ihre düsteren Seiten offenbarten. Doch in dieser Dunkelheit erkannte Ernest Hemingway auch eine verborgene Schönheit – die Art und Weise, wie die Menschen trotz allem weiterlebten.

Ernest Hemingway liebte auch die Geschichte von Ambrose Bierce über die Brücke des Schreckens. Die Sonne schien auf die Owl Creek Bridge, während ein dunkler Schatten über die Landschaft fiel. Ein Mann stand auf der Brücke, seine Hände von Soldaten auf dem Rücken gefesselt. Er wartete auf sein Schicksal, auf den Strick, der sein Leben beenden sollte. In diesem Moment dachte er an seine Vergangenheit, an seine Familie und Freunde. Er erinnerte sich an die Gründe, die ihn auf die Brücke führten, und an die Anklagen, die ihn zum Tode verurteilten – als Spion, Saboteur und Feind des Staates. Doch während er dort stand, erblickte der Mann die Schönheit der Natur. Er hörte das Singen der Vögel und sah sie ein letztes Mal. Die Blätter der Bäume bewegten sich sanft im Wind, und er blickte auf das Leben, das trotz des Krieges und des Todes unaufhörlich weiterging.

Ein leises Geräusch riss ihn aus seinen Gedanken. Die Schritte der Soldaten hallten auf dem kalten Stein, sie kamen, um ihn zu holen. Er schloss die Augen, sein Herz schlug schwer, und in diesem Moment machte er sich bereit für das Unvermeidliche. Der Tod schien ihm näher als je zuvor. Doch als er die Augen wieder öffnete, sah er etwas, das alles veränderte.

Vor ihm stand ein Mann, den er kannte – sein Bruder. Schmerz lag im Blick des Soldaten, Trauer und unausgesprochene Worte. Man glaubte es kaum: Der Mann auf der Brücke, der Kriegsgezeichnete, stand seinem Bruder gegenüber, dem Feind, dem Gegner. Ein Schock durchfuhr ihn. Er konnte kaum fassen, was er sah. War das wirklich sein Bruder oder nur ein Trugbild, ein letzter Traum, bevor das Ende kam?

Der Bruder sah ihn an, seine Augen voller Leid. Sie sprachen kein Wort. Nur der Blick, der alles sagte: die Trennung, die unerträgliche Distanz, die unüberwindbare Kluft, die der Krieg zwischen ihnen schuf. Es war ein Symbol – das Symbol der Teilung, der Zerreißprobe einer Familie, eines Landes, einer Menschheit. Der Mann auf der Brücke fühlte, wie die Tränen in seinen Augen aufstiegen, doch er unterdrückte sie. Er wollte stark sein, auch im Angesicht des Todes.

Er schloss die Augen erneut, atmete tief durch und versuchte, die Angst zu verdrängen. Er wusste, dass sich sein Schicksal besiegelte. Der Krieg zermürbte, entmenschlichte ihn. Doch in diesem letzten Moment, während die Welt um ihn herum in Chaos versank, spürte er eine seltsame Ruhe. Er wollte loslassen. Er wusste: Er wird sterben – hier, auf dieser Brücke, in diesem Augenblick.

Doch dann, inmitten des Grauens, begann sein Geist zu wandern. Ernest Hemingway, der große Erzähler, erkannte die tiefere Bedeutung dieser Szene. Diese Geschichte von Ambrose Bierce, einer Geschichte von Teilung – Nord gegen Süd, Sklaven gegen Freie, Leben gegen Tod, eine Geschichte des unaufhörlichen Kreislaufs von Krieg und Frieden, von Schmerz und Hoffnung. Hemingway verstand, bei dieser Szene ging es um mehr als nur ein Kampf um Leben und Tod. Sie mahnte, die Fehler der Vergangenheit nicht zu wiederholen.

Er sah den Mann auf der Brücke vor seinem inneren Auge, seine Augen zum Horizont gerichtet. In diesem Blick lag eine tiefe Sehnsucht nach Frieden, nach Versöhnung. Hemingway dachte an seine eigenen Verluste, an die Menschen, die er liebte, an die Orte, die er bereiste. Er spürte die universelle Wahrheit: Trotz aller Zerstörung gibt es Schönheit im Leben. Selbst im Angesicht des Todes, selbst in den Trümmern des Krieges, gibt es Momente der Reinheit, der Liebe, der Natur.

Der Bruder stand immer noch da, sein Blick voller Schmerz. Der Mann auf der Brücke wusste, dass sein Bruder nichts für ihn tun konnte. Der Krieg entzweite sie, ihre Herzen getrennt. Doch in diesem letzten Augenblick erkannte er die Wahrheit: Das Leben ist kostbar. Die Natur, die Schönheit des Himmels.

Ambrose Bierce 1913

Die knarzenden Bretter des Bodens unter Ambrose Bierces Schuhen hallten leise durch die Schreibstube seiner Wohnung in Washington, unruhig ging er auf und ab. Seine robusten Boots, die ihn auf unzähligen Reisen begleiteten, schienen den Boden zu durchmessen, als wollten sie die Gedanken, die ihm durch den Kopf gingen, festhalten. Draußen, Mitte Oktober, fegte ein heftiger Wind durch die Straßen, wirbelte die bunten Blätter wie einen wilden Teppich über den Pfad und den Garten. Das Licht der Nachmittagssonne schien durch die Wolken, ließ die Farben noch intensiver erstrahlen und verlieh der Szene eine fast vergängliche Schönheit.

Das Haus, eines der unzähligen roten Ziegelbauten, prägten das Stadtbild Washingtons. Doch es unterschied sich durch seine viktorianische Architektur – mit kunstvollen Ornamenten, filigranen Erkerfenstern und einem kleinen Balkon, der den Blick auf die belebte Straße freigab. Ambrose liebte diese Details, die Geschichten von vergangener Eleganz erzählten. Im Sommer genoss er die Aussicht auf den ovalen Circle, der sich vor seinem Fenster erstreckte, mit seinen eleganten Straßen und den alten Bäumen, die im Wind rauschten. Die Häuser im viktorianischen Stil, mit ihren verschnörkelten Fassaden und bunten Dächern, faszinierten nicht nur ihn, sondern auch viele Besucher, die er in seinem Haus empfing. Für solche Anlässe stand ein separater Tisch mit Stühlen bereit, um die lebhaften Gespräche und Debatten zu ermöglichen, die Ambrose so liebte – ein Platz des Austauschs, der Gedanken und der Inspiration.

Während er weiterging, spürte er die kühle Brise auf seiner Haut, die den Geist belebte. Seine Gedanken wanderten zu den Geschichten, die er schrieb, zu den dunklen Themen des Krieges, des Todes und der menschlichen Schwäche. Er dachte an Hemingway, den großen Erzähler, der mit seiner schlichten, doch tiefgründigen Sprache die Wahrheit des Lebens einfing. Hemingway sagte einmal, dass das Leben nur in den Momenten wirklich zählt, in denen wir den Mut haben, uns dem Tod zu stellen und trotzdem weiterzumachen. Diese Worte hallten in Ambroses Geist wider, während er die Fensterläden schloss und den Blick auf den Himmel richtete, der sich allmählich verdunkelte.

In diesem Moment spürte er, wie zerbrechlich alles ist – das Leben, die Schönheit, die Hoffnung. Der Krieg hinterließ viele Narben, auch in seinem eigenen Herzen. Doch trotz allem gab es eine unerschütterliche Kraft im menschlichen Geist, die ihn immer wieder aufstehen ließ. Hemingway stellte fest, dass das Leben eine ständige Herausforderung ist, eine Reise durch Dunkelheit und Licht, durch Schmerz und Freude. Ambrose spürte, dass die Schönheit des Augenblicks nur dann wirklich wertvoll ist, wenn wir den Mut haben, ihn zu erkennen – selbst inmitten des Chaos.

Der Blick aus seinen trüben, müden Augen wanderte langsam durch die Scheibe des Fensters Er lehnte sich in seinen alten Sessel zurück. Dunkle Wolken türmten sich wie eine bedrohliche Decke über den Dächern der Stadt, schwer und unheilvoll, als hüllten sie die Welt in Dunkelheit. Der Regen prasselte in endlosen Strömen herab, peitschte gegen die Scheibe und ließ das Glas vibrieren, während der Wind durch die Ritzen pfiff und kalte, unnachgiebige Luft in den Raum drängte. Das Feuer im Herd erlosch, die letzte Glut glühte aus, und die Dunkelheit im Raum schien mit der draußen wütenden Natur zu verschmelzen. Die schweren Gardinen an den Fenstern bewegten sich im unruhigen Wind, ihre Stoffe flüsterten leise, als erzählten sie Geschichten von vergangenen Zeiten. Der alte Mann hustete heftig, sein Körper schüttelte sich unkontrolliert unter der Anstrengung, die ihn überkam. Seine Hände zitterten, als er sich an die Brust griff. Dort wohnte ein Schmerz, der ihn zerriss. Mit über 70 Jahren hinterließ das Alter seine Spuren – die Falten in seinem Gesicht, die Schwäche in seinen Gliedern, die Müdigkeit in seinen Augen. Seine Augen schlossen sich langsam, er atmete tief durch, als versuche er, die Schmerzen zu überwinden, die ihn quälten. In diesem Moment schien die Welt draußen stillzustehen, während er in seinem Inneren mit den Schatten der Vergangenheit rang, mit den Erinnerungen an bessere Tage und den unausweichlichen Abschied vom Leben.

Seit seiner Kopfverletzung in der Schlacht von Kennesaw Mountain, wo er als Soldat der Unionsarmee kämpfte, belasteten ihn ständige Kopfschmerzen und Schwindel. Die Schmerzen begleiteten ihn ständig, ein Mahnmal an die Grausamkeit des Krieges und die Verletzungen, die er erlitt. Selbst nach all den Jahren überwältigten ihn die Schmerzen, und der Schwindel ließ ihn manchmal taumeln, als ob er auf unsicherem Boden stand.

Er beschleunigte seine Schritte und wanderte durch das Zimmer, die Füße fest auf den knarrenden Dielen. Die Kerzen auf seinem Schreibtisch und den Regalen, die an den Wänden standen, warfen flackernde Schatten, die wie Geister an den Wänden tanzten. Die Regale bogen sich unter der Last von Büchern, alten Briefen und vergilbten Zeitungen, Zeugen vergangener Tage und verlorener Geschichten. Die Bretter des Bodens ächzten leise, als ob sie die Last seiner Gedanken und Bewegungen spürten, und antworteten ihm mit einem leisen Seufzen.

Das warme, flackernde Licht der Kerzen schuf eine geheimnisvolle Atmosphäre, in der die Schatten zum Leben erwachten und die Szene in ein sanftes, unheimliches Licht tauchten. Der Duft nach altem Papier erfüllte den Raum, Wachs und der kühlen Luft, die durch die Ritzen drang. Ambrose stand still, seine Hand auf dem Rücken, und schloss die Augen, um die Schmerzen und den Schwindel für einen Augenblick zu vergessen. Doch die Erinnerung an den Krieg, an Kennesaw Mountain, trug er stets bei sich – ein dunkler Schatten, der ihn nie ganz verließ.

Modrige alte Bücher und vergilbte Papiere stapelten sich in den Regalen und auf dem Tisch. Ambrose atmete tief durch, als wollte er die Erinnerungen und die Geschichte, die in diesem Raum steckten, in sich aufnehmen und festhalten. Seine Augen glänzten vor Aufregung, als er sich an den Schreibtisch setzte und vorsichtig in den vergilbten Papieren blätterte. Das Knarren der alten Holzplanken unter seinen Füßen schien mit dem leisen Rascheln der Seiten zu verschmelzen, eine Melodie aus Vergangenheit und Gegenwart.

Ambrose stützte sich auf den Schreibtisch, seine Hände zitterten leicht, doch seine Augen wanderten hinaus in den Garten. Der mit Pappeln gesäumte Pfad zog sich wie ein silberner Faden durch das herbstliche Grün, das in warmen Gold- und Rottönen leuchtete. Das Licht fiel durch das große Fenster, warf einen sanften, goldenen Schein auf den Raum, der die Schatten tanzend an die Wände warf. Die Zeit schien stillzustehen, eingefroren in einem Moment voller Erinnerungen und Sehnsüchte.

Der Wind pfiff durch die kahlen Äste der Bäume, ein melancholischer Ton, der durch die Stille des Herbsttages hallte. Die Blätter raschelten und flüsterten, als ob sie Geheimnisse austauschten, während der Wind sie sanft, aber bestimmt durch die kahlen Äste trieb. Ein kalter Luftzug streifte Ambrose, wie eine liebkosende Hand, die sein faltiges Gesicht streichelte und eine leichte Röte auf seine Wangen zauberte. Seine grauen Locken lagen unordentlich um den Kopf, die buschigen braunen Augenbrauen betonten seine blauen, tiefgründigen Augen, die wie zwei klare Seen in seinem Gesicht schimmerten. Ein Schnäuzer schmiegte sich an seine Oberlippe, und seine Nase zuckte leicht, als er den Duft des Herbstes einatmete – eine Mischung aus feuchter Erde, reifen Früchten und dem Hauch von Wachs an seinen Kerzen.

Der Regen trommelte unaufhörlich auf das Dach, ein stetiges, monotones Geräusch durchbrach die Stille des Raumes durchbrach. Die Tropfen schlugen gegen die Dachziegel, ein rhythmisches Pochen, das Ambrose Gedanken und Erinnerungen tief verinnerlichte. Es schien, als ob der Regen die Tränen in seinen Augen widerspiegelte, die er so oft zurückhielt.

Ambrose strich mit den knochigen Fingern über die dunkle Holzplatte seines Schreibtisches, suchte Trost in der Berührung. Seine Handflächen fühlten sich rau an, doch sie bezeugten ein langes Leben voller Arbeit, Schmerz und Hoffnung. Er warf einen Blick ins Regal, ließ seine Fingerkuppen über die Bücher und Zeitungen gleiten, die ihn an eine lange Vergangenheit erinnerten. Mit zitternder Hand nahm er eine der alten Zeitungen, wischte den Staub herunter und blätterte darin. Die vergilbten Seiten knisterten leise, als er die Worte las, die über längst vergangene Tage erzählten.

Reise zu den Schlachtfeldern des Bürgerkrieges

Ambrose rückte seinen Stuhl näher an den Tisch. Die Nachmittagssonne warf ein müdes Licht durch das staubige Fenster. Vor ihm lag ein Bogen Papier, unbeschrieben, fast trotzig in seiner Leere. Er starrte darauf, als könnte er Antworten finden, die er längst verloren glaubte.

In letzter Zeit schaute er oft zurück.. Die Gegenwart rückte in weite Ferne wie ein Zimmer, das man kannte, aber nun nach fremden Leben roch. Er erinnerte sich an Sommertage im Schatten eines Baumes, abseits des Ackers, auf dem sein Vater arbeitete. An Abende im Ohrensessel des Vaters, ein Buch auf dem Schoß, während draußen das Holz im Kamin knisterte.

„Das Lesen“, dachte er, „sah ich als einen Ausweg. Einen Einstieg. Eine Berufung.“Es führte ihn zum Schreiben, zum Journalismus, zur Politik. Und zur Enttäuschung.

Er griff nach dem Stift, setzte ihn auf das Papier – er schloss die Augen, denn ihm fiel nichts ein.

Was trieb ihn fort?Was erwartete ihn in Mexiko?

Der Brief

Washington, 18. Oktober 1913

Liebe Lora,

morgen werde ich diese Stadt verlassen. Vielleicht zum letzten Mal. Sollte dich eines Tages die Nachricht erreichen, dass man mich irgendwo in Mexiko an eine Mauer gestellt und erschossen hat, dann erinnere dich an diesen Brief.

Ein plötzlicher Tod scheint mir erträglicher als das langsame Ersticken, das mein Asthma mir seit Jahren androht. Ich habe keine Kraft mehr, gegen das eigene Fleisch zu kämpfen. Und ganz sicher keine Lust, auf einer Kellertreppe zu sterben wie ein alter Hund.

Ich habe genug gesehen. Genug verloren. Und trotzdem ist da ein Teil in mir, der noch immer fragt, ob es irgendwo auf dieser Welt einen Ort gibt, an dem sich das, wofür ich kämpfte, erfüllt: Freiheit. Würde. Gerechtigkeit.

Mexiko brennt. Man sagt, Pancho Villa sei ein Räuber und ein Revolutionär, ein Mann zwischen Legende und Wirklichkeit. Vielleicht finde ich bei ihm das, was ich in diesem Land verlor: eine Sache, größer als ich.Vielleicht werde ich kämpfen. Vielleicht werde ich schreiben. Oder beides.

Ich habe in meinem Leben viele Schlachtfelder gesehen – in Gettysburg, Antietam, Cold Harbor. Sie brannten sich mir ein. Trotz alledem zieht es mich wieder in den Krieg, als wäre das Elend ein Platz, an dem ich endlich meinen Frieden finden könnte.

Lora, du warst mir stets Licht in dunklen Stunden. Hüte dein Herz, halte dich fern von Männern wie mir. Ich wünsche dir alles Glück dieser Welt.

In Liebe,dein Onkel Ambrose

Der Aufbruch

Ambrose legte den Brief beiseite, faltete ihn sorgfältig und versiegelte den Umschlag mit schwarzem Wachs. Er legte ihn auf die Kommode, wo ihn ein alter Bediensteter später finden würde.

Dann begann er zu packen. Kleidung, ein Notizbuch, ein Flachmann mit Brandy. Ein halbes Leben in einen Jutesack gepresst.

Am Fenster blieb er einen Moment stehen. Der Wind peitschte die kahlen Äste, Regen fiel in dünnen Fäden auf die rot-goldenen Blätter, die sich auf dem Weg sammelten. Die Welt schien den Atem anzuhalten.

„Ich schrieb mein Leben lang, gegen das Vergessen, gegen die Ungerechtigkeit, gegen das Verstummen der Opfer. Und doch überhörte mich jeder. Vielleicht formulierte ich alles noch zu höflich.“

Er trat in den Flur, warf den Mantel über, setzte den Hut auf.Ein letzter Blick zurück.

„Wenn ich schon untergehe“, murmelte er, „dann wenigstens aufrecht, mit offenen Augen.“

Dann schloss er die Tür hinter sich. Der Regen klatschte gegen seinen Mantel, als er langsam die Stufen hinabstieg und in den Nebel des frühen Abends verschwand.

Chickamauga

Der Rauch belastete die Luft. Es roch nach Metall, nach Blut, nach verbranntem Holz. Kugeln zischten durch die Baumwipfel, ließen Äste bersten, Bäume erzittern. Der Boden bebte unter den Hufen der Pferde und dem Donnern der Kanonen. Dieser Lärm klang wie das Ende der Welt – ein durchdringendes Dröhnen, das jeden klaren Gedanken zerschlug.

Ambrose duckte sich, rannte weiter, sprang über Leiber, sah in leere Augen. Um ihn herum schrien Männer, lachten irrsinnig, beteten, johlten, verfluchten Gott. Die Welt bestand aus Lärm und Tod, Schlachtrufe und Explosionen. „Hooah!“ – es hallte wie ein unheiliger Chor über das Schlachtfeld.

Er lebte. Noch. Und er kämpfte. Wollte überleben. Vielleicht sogar siegen.

Die Nacht brachte Stille. Nur das Knistern ferner Feuer und das gelegentliche Stöhnen der Verwundeten durchbrachen die Dunkelheit. Die Sterne funkelten unbeteiligt über den Baumwipfeln.

Ambrose saß mit dem Rücken an einen Baum gelehnt. Neben ihm Jacob – blass, die Uniform verschmiert mit Schlamm und Blut.

„Ich habe Angst, Ambrose“, flüsterte er. „Ich glaube nicht, dass ich das überlebe. Jeden Tag rennen wir, ducken uns, sehen Männer sterben, die kaum älter sind als wir.“ Seine Stimme brach. Tränen liefen über seine Wangen.

Ambrose legte einen Arm um ihn.„Wir müssen durchhalten. Ich bin bei dir. Wir kommen da durch – zusammen.“Er hielt Jacob fest, obwohl auch ihm die Tränen kamen.

Der nächste Morgen brachte den Wald in eine feuchte, gespenstische Umarmung. Sonnenstrahlen durchbrachen das dichte Blätterdach, warfen flackernde Schatten auf den modrigen Boden. Die Büsche standen so dicht, dass man kaum zehn Schritte weit sehen konnte.

Ambrose und Jacob bewegten sich vorsichtig vorwärts, die Gewehre im Anschlag. Dann, ein Knall.

Der erste Schuss kam aus dem Dickicht. Dann viele.

„Deckung!“ rief Ambrose, doch da fiel Jacob bereits.

Ambrose warf sich zu Boden, robbte zu seinem Freund. Jacob lag reglos da, eine dunkle Wunde in der Brust. Sein Gesicht fahl, die Lippen blutverschmiert, die Augen geschlossen.

Ambrose kniete neben ihm, presste beide Hände auf die Wunde.„Nein. Nicht du. Nicht jetzt.“

Aber Jacob antwortete nicht.

Jacob, nein!

Ambrose warf sich neben seinen Freund, presste verzweifelt die Hände auf die blutende Wunde.„Bleib bei mir! Hörst du? Mach jetzt nicht schlapp, Jacob – ich bin da!“

Jacob öffnete schwach die Augen. Sie wirkten glasig, weit entfernt. Für einen Moment sah er Ambrose an – ein Blick, voller Dankbarkeit und Frieden.„Danke“, flüsterte er.

Dann senkte sich die Stille.Jacobs Lider schlossen sich, seine Brust hob sich kein weiteres Mal.

Ambrose erstarrte. Er spürte, wie etwas in ihm zerbrach – leise, endgültig. Tränen liefen ihm übers Gesicht. Er hielt seinen toten Freund im Arm.

Um ihn herum tobte weiter der Krieg: Kanonendonner, Geschrei, das Krachen splitternder Bäume. Doch für Ambrose blieb das alles fern.

In diesem Moment existierte nur Jacob.Nur der Junge, mit dem er lachte, kämpfte, zitterte. Und der nun nicht mehr atmete.

Es fühlte sich an, als hätte jemand sein Herz herausgerissen.

Ein Teil von ihm lag tot in seinen Armen.

Ambrose, neunzehn, sah der Realität ins Auge

„Als Kind wollte ich unbedingt Soldat werden.Ich rannte mit einem Holzschwert durch die Felder, besiegte unsichtbare Feinde, ein Held in meiner eigenen Geschichte.Heute bin ich nur noch ein Ziel.Eine Silhouette für Kugeln, Fleisch für Kanonenkugeln.Ich ziehe von Schlacht zu Schlacht, sehe Leichen, gestapelt wie Holzscheite, aufgetürmt wie Pyramiden.Ich höre das Stöhnen der Verwundeten, das Röcheln der Sterbenden, das Schreien nach Müttern, nach Gott, nach Gnade.Häuser brennen. Wälder stürzen ein. Baumstämme zerreißen unter dem Donner der Artillerie.Die Erde selbst bebt – und ich mit ihr.Ich bin Teil dieses Wahnsinns.Teil eines Krieges, der mich langsam, aber sicher auffrisst.“

Er schwieg.Sein leerer Blick – nicht aus Gleichgültigkeit, sondern weil der Schmerz kein Ventil mehr fand.

Die Sonne brannte heiß auf die staubige Erde, als die Soldaten in den dichten Wäldern Georgias ihre Positionen einnahmen. Der Geruch von Schießpulver, Schweiß und Blut vermischte sich mit dem dumpfen Krachen der Kanonen und dem stetigen Klirren von Gewehrläufen. Ein undurchdringlicher Nebel aus Rauch erfüllte die Luft, der die Sicht verschleierte und das Chaos nur noch verstärkte.

James, ein junger Soldat der Unionsarmee, presste die Lippen zusammen, seine Hände zitterten leicht, er umklammerte sein Gewehr. Staub und Schweiß bedeckten sein Gesicht, die Uniform zerknittert und verschmutzt. Seine Augen blickten immer wieder suchend durch den Rauch, auf der Suche nach Freund und Feind gleichermaßen. Sein Herz hämmerte in der Brust, zwischen Furcht und einem kaum zu beschreibenden Adrenalin, das ihn zugleich lähmte und antrieb.

Die Schreie der Verwundeten und das Krachen der Musketen lagen wie ein unheilvolles Crescendo über dem Schlachtfeld. James hörte die panischen Stimmen seiner Kameraden, das Fluchen, die Gebete und das Klirren von Ausrüstungen. Jeder Schritt durch das Unterholz fühlte sich an, als würde er durch einen Sumpf aus Tod und Verzweiflung waten.

Auf der anderen Seite, unter den Reihen der Konföderierten, kämpfte William, ein erfahrener Soldat aus Georgia, gegen dieselben Gefühle. Erschöpft, sein Gesicht schmutzig , die Augen von Blut und Staub gerötet, fühlte er eine tiefe Entschlossenheit, seinen Boden zu verteidigen. Er sah in der Schlacht nicht nur einen Kriegsschauplatz, sondern einen Kampf um Heimat und Ehre.

Inmitten des Gemetzels verschwammen Zeit und Raum. Freund und Feind verschwanden hinter Rauchschwaden, der Boden vibrierte unter den schweren Schritten der Soldaten und den Detonationen. Jeder Mann blieb gefangen in seinem eigenen Albtraum aus Angst, Hoffnung und Pflichtbewusstsein.

Als die Nacht hereinbrach, zerklüfteten die Linien, gefallene Kameraden und Gegner übersäten das Feld. James und William wussten beide: Diese Schlacht ist nicht nur eine von vielen — sie ist eine Prüfung, die ihre Seelen für immer gestalteten.

Shiloh – ein Sonntag im Feuer

Die Sonne strahlte an diesem Sonntagmorgen hell vom Himmel, die Natur lag in einem warmen, goldenen Licht. Früh am Morgen zwitscherten die Vögel friedlich ihre Lieder, als hätten sie keine Ahnung von dem bevorstehenden Inferno. Doch plötzlich schreckten sie auf, flatterten wild auf und flogen in alle Richtungen davon. Sicher spürten sie instinktiv die nahende Gefahr.

Milroy, ein tapferer und kampferprobter Offizier, gab scharf Befehle an die 9. Indiana-Infanterie. „Zündet die Kanonen! Auf in den Kampf!“ Seine Stimme hallte durch die Reihen, durchdrang das Rauschen des Windes und das Flüstern der Bäume. Die Männer, erschöpft von Hunger und Müdigkeit, die Schultern schwer von den Strapazen des Marsches, richteten sich auf. Trotz der Erschöpfung, trotz des nagenden Hungers, spannten sie ihre Kräfte zusammen und folgten dem Ruf des Krieges.

Ambrose fühlte sich, als würde die Welt um ihn herum bersten.

Die Männer hörten nicht nur das Donnern der Kanonen, sie spürten es in ihrem Inneren. Es raste durch seine Brust wie eine zweite, unkontrollierbare Herzschlagwelle, ließ seine Rippen vibrieren und seine Knie leicht nachgeben. Jeden Einschlag empfand er wie einen Schlag in den Magen, dumpf und schmerzhaft, obwohl ihn keine Kugel traf.

Die Schüsse, dieses ununterbrochene Knattern, empfand er wie ein wütender Regen aus Licht und Lärm – und doch fast mechanisch, wie das letzte Aufbäumen einer grausamen, perfekt geölten Maschine. Zuckte ein Feuerblitz aus einem Gewehrlauf, erschien es wie ein Blitz aus der Hölle selbst – kurz, grell, laut. In der Sekunde darauf folgte oft ein Schrei, ein Fall, ein Aufprall.

Ambrose spürte, wie seine Sinne überreizten. Sein Herz raste, als wolle es seinen Brustkorb sprengen. Der Atem ging stoßweise, nicht nur wegen der Anstrengung, sondern weil das, was er sah und hörte, gegen jede natürliche Ordnung verstieß. Er konnte nicht mehr unterscheiden, ob das Zittern in seinen Händen von der Angst kam oder vom Adrenalin, das seinen Körper überflutete. Wahrscheinlich beides.

Und doch bewegte er sich weiter – mechanisch, wie ein Rad im Getriebe. Der Lärm, das Chaos, das Töten: Es verwandelte sich zu einer Art Tunnel, in dem er nur noch die nächsten Schritte sah, das nächste Ziel, den nächsten Befehl.

Tief in ihm jedoch – unter Schmutz, Rauch und Gehorsam – saß ein wachsendes Entsetzen. Nicht um das eigene Leben. Sondern darum, wie schnell man vergaß, dass er dieses Inferno aus Lärm und Feuer wirklich erlebte. Dass jeder Knall das Ende eines Menschen bedeuten konnte.

Ambrose verhielt sich in der Schlacht äußerlich diszipliniert, aber innerlich zerrissen.

Er bewegte sich, wie man es ihm beibrachte: zielgerichtet, wachsam, gehorsam. Jeden Befehl führte er aus, setzte jeden Schritt, als sei er nur ein kleines Rädchen in der gewaltigen Maschinerie des Krieges. Seine Bewegungen bezeichnete niemand als heroisch, sondern funktional. Er duckte sich, rannte, lud nach, zielte, feuerte – wieder und wieder, als hätte er seinen Verstand an das Gewehr übergeben.

Doch in seinem Innersten spürte Ambrose alles andere als Ruhe. Inmitten des Kanonendonners, der Rauchschwaden und der zerfetzten Körper um ihn herum fühlte er sich wie ein Mann, der in einem Albtraum wacht, aber nicht aufwachen kann. Er empfand eine seltsame Mischung aus Taubheit und Hyperwahrnehmung: Der Boden unter seinen Stiefeln fühlte sich weich und unbeständig an, das Echo der Schüsse schallte lauter in seinem Kopf als in der Luft. Er roch jeden Tropfen Blut, spürte jeden Luftzug, der an ihm vorbeistrich.

Er sprach nicht. Es gab nichts zu sagen. Die Worte wären sinnlos gewesen zwischen dem Donnern der Artillerie und dem Klirren der Bajonette.

Als er einen jungen Soldaten fallen sah – ein Gesicht, kaum von Bart beschattet, mit offenen Augen, die in den Himmel starrten – hielt Ambrose kurz inne. Nur einen Moment. Er fühlte eine Kälte, die ihn durchdrang, wie eine Wahrheit, die man nicht vergisst: Dass der Tod hier keinen Unterschied machte. Nicht zwischen Mut und Feigheit, nicht zwischen Recht und Unrecht. Nur zwischen jetzt – und nicht mehr.

Trotz dieses Schocks ging er weiter. Nicht aus Mut. Sondern, weil es nichts anderes gab. Denn in der Schlacht bedeutete Bewegung Leben – und Stillstand der Tod.

Ambrose spürte die Explosionen von Granaten und Kanonen nicht nur – er erlebte sie mit jedem Nerv seines Körpers.

Feuerte eine Kanone in seiner Nähe oder schlug eine Granate ein, verlor er den Boden unter seinen Füßen, Die Explosion kam nicht nur mit Lärm, sondern mit Druck – einem plötzlichen, brutalen Stoß gegen seine Brust, als träfe ihn eine unsichtbare Faust. Seine Rippen vibrierten, seine Zähne schlugen kurz aufeinander, als ob der Schock ihn innerlich erschütterte.

Manchmal verlor er kurz das Gleichgewicht. Der Boden zitterte, seine Beine wurden schwach, als hätten sie vergessen, wie man stand. Staub und Erde prasselten gegen seine Haut, als regnete es Splitter. Wenn er zu Boden fiel – oder sich selbst warf – schlug die Wucht hart durch seine Schulter, Ellenbogen, Wirbelsäule. Alles fühlte sich taub an, dann schmerzhaft heiß.

Sein Trommelfell stand ständig unter Druck. Nach einer Explosion hörte er für Sekunden nur ein hohes Pfeifen, dumpf und metallisch, als würde die Welt durch einen blechernen Tunnel zu ihm sprechen. Das Atmen fiel ihm schwer – nicht nur wegen des Rauchs, sondern weil sein Brustkorb sich wie zugeschnürt anfühlte, die Luft plötzlich dick und giftig. Seine Kehle brannte vom Staub und Schwefel, der wie Schmirgelpapier in seine Lungen kroch.

Doch schlimmer nahm er das Zittern in seinen Händen wahr. Kein sichtbares Zittern – aber innerlich, tief im Muskel, vibrierte etwas. Nicht aus Kälte, sondern aus einem körperlichen Schock, den er nicht kontrollieren konnte. Als ob sein Körper besser verstand als sein Verstand, was da gerade passierte.

Und doch: Er stand wieder auf. Weil jeder andere es auch tat. Weil Stillstand im Kriegsdonner bedeutete, selbst ein Ziel zu werden.

Der Morgen erwachte als zähe, graue Stille, durchzogen vom Knacken nasser Äste unter marschierenden Stiefeln. Der Wald roch nach Metall, feuchtem Laub und irgendetwas, das nicht beschrieben werden kann, aber immer dort ist, wo der Tod sich niederlässt, noch ehe er zuschlägt.

Ambrose Erinnerungen

Wir lagen in einer Senke nahe der Front, unser Atem dampfte in der feuchten Luft. Ich erinnere mich an ein Gesicht – jung, kaum älter als sechzehn, obwohl er behauptete, achtzehn zu sein. William, hieß er. Zu freundlich, zu aufrecht, zu wenig verbogen von der Welt, um lange hier zu bestehen. Er trug einen Brief in der Brusttasche, mit der zittrigen Handschrift einer Mutter, die ihren Sohn noch als Kind sah.

Er starb nicht spektakulär. Kein heldenhafter Vorstoß, keine letzten Worte, keine Pose. Er fiel rücklings in den Matsch, ohne einen Laut. Ich sah es nicht einmal. Erst später, als wir vorrückten, erkannte ich seine Jacke unter einem Busch, sein Gesicht halb verdeckt von Schlamm und zerdrücktem Farn. Die Augen starrten offen – nicht in Angst, sondern in einem kindlichen Staunen, als hätte der Tod ihn überrascht wie ein zu früher Sonnenaufgang.

Ich kniete mich nieder, zog den Brief aus seiner Tasche. Ich las ihn nie. Es wäre zu viel gewesen, die Stimme einer Frau zu hören, die noch nicht weiß, dass ihr Sohn nicht mehr antwortet. Ich verbrannte ihn in meiner Feldpfanne – nicht aus Grausamkeit, sondern weil es mir das einzig Gütige schien, das ich noch tun konnte.

Der Krieg kam nicht als Gedicht. Nicht als Prüfung. Nicht als Bühne für Ruhm.Das kalte Gewicht eines Körpers in deinen Armen, gestern atmete er noch. Es gab nicht die Möglichkeit zu trauern, setzte das nächste Trommelfeuer ein.

Ich schrieb seinen Namen auf ein Blatt Papier, das ich später verlor, vielleicht das Beste.

Am Abend saßen wir schweigend um ein kleines Feuer. Jemand versuchte, Kaffee zu kochen, aber der Topf hatte Löcher. Rauch, Dampf, und dann das ewige, stumpfe Schweigen.

Ich blickte in die Flammen und stellte mir vor, wie viele Mütter gerade Briefe schrieben – von Herzen, mit Hoffnung, und mit einem Glauben, dass der Tod nicht schweigend kommt. Doch das tut er. Immer.

Ich erinnere mich nicht an jedes Gesicht. Aber an dieses.Und das genügt, um nachts wach zu liegen.

Der Wald roch nach Schwefel, nassem Holz und dem, was ein Mensch nicht riechen sollte, solange er lebt. Ich erinnere mich an den zweiten Tag der Schlacht bei Shiloh, doch Zeit kannten wir nicht mehr. Es gab nur noch Dämmerlicht, Pulverdunst und die gleichen drei Takte: Pfeifen. Donnern. Schweigen.

Ich kniete hinter einem umgestürzten Baum, seine Wurzeln wie zerbrochene Finger zum Himmel gestreckt. Ringsum lagen Männer, lebendig, tot oder dazwischen – was man hier kaum noch zu unterscheiden wusste.

Ein Junge – er hieß Walker, kaum siebzehn – lag neben mir. Noch lebendig. Noch atmend. Noch hoffend, wie ich es ihm langsam auszutreiben begann. Eine Granate schlug in der Nähe ein. Nicht direkt, nur nah genug, um seinen rechten Arm zu zerreißen. Der Verband nur notdürftig, der Schrei bereits verstummt.

„Bin ich... werd ich...“, stammelte er.

Ich sah ihn nicht an, nur in das Grau vor mir, wo das Unterholz von Rauch zitterte.„Du bist“, sagte ich. „Mehr ist jetzt nicht nötig.“

Ein Kanonenschuss irgendwo rechts. Das Geräusch kam nicht einfach – es kam durch einen hindurch, wie eine Erinnerung, die zu laut denkt. Der Boden bebte, der Brustkorb zuckte, das Herz flackerte wie eine Kerzenflamme im Windstoß. Ich dachte an nichts. Ich dachte an alles.

Dann kamen wir in Bewegung – nicht aus Mut, sondern aus Gehorsam gegenüber etwas Tieferem: dem Willen, nicht als Vieh im Morast zu verenden.

Wir rückten vor. Ich überquerte eine Senke, in der sich das Wasser rot färbte. Kein poetisches Rot – kein Purpur, keine Fackelfarbe. Ein dumpfes, braunes Rot des Blutes, stetig fließend, das den Regen nicht mehr loswurde.

Ein Mann lag halb im Wasser, das Gesicht zu mir gedreht, als wollte er sprechen. Sein Bauch klaffte weit auseinander, doch seine Augen lebten. Sein Mund formte Worte, doch nur der Tod hörte zu. Ich kniete nicht. Ich hatte nichts zu sagen.

Irgendwo links stöhnte jemand, leise, regelmäßig, als würde er schlafen und schlecht träumen. Der Klang ertönte schlimmer als ein Schrei. Schreie zeigten Energie. Hier ging es um Resignation, nackt und kalt.

Ich trat über ein Bein, das nirgends mehr hinführte, und versuchte, nicht auf die Hand zu treten, die sich daraus regte. Vielleicht lebte sie noch. Vielleicht betete sie nur.

Als wir eine Anhöhe erreichten, hielt ich inne. Nicht aus strategischem Grund, sondern weil ich spürte, dass dort ein Stück von mir zurückblieb – vielleicht mein Mitleid, vielleicht mein Glaube, dass dieser Krieg mehr bedeutete als ein großes Missverständnis zwischen Gewehren.

Ein Offizier schrie etwas, das ich nicht verstand. Ich bewegte mich weiter, mechanisch, wie eine Feder in einem Uhrwerk, das schon gestern aufgezogen wurde.

Hinter mir verstummte Walkers Atmung. Ich sah nicht zurück.

Ich glaube nicht an Helden.

Ich glaube an die Erinnerung.Und daran, dass ein stiller Tod im Matsch mehr Wahrheit enthält als tausend Gedichte über Ehre.

Möge man mich einst fragen, was ich sah in Shiloh,so sage ich:„Ich sah den Krieg. Und ich sah uns darin – wie wir wirklich sind.“

Kennesaw Mountain

Die Sonne brannte auf die Rücken der Unionstruppen, als wolle auch sie mitkämpfen – nicht für eine Seite, sondern gegen alle. Ihre Strahlen drangen durch das Laub, schlugen in den staubtrockenen Lehm, der unter den Stiefeln zu rotem Staub zerfiel. Der Boden atmete Hitze. Jeder Schritt ein Widerstand, als wollte das Land selbst nicht mehr tragen.

Vor ihnen erhob sich Kennesaw Mountain. Kein Berg, sondern ein Zorn. Die Konföderierten hockten oben, tief vergraben in Stellungen aus Erde und Holz, Gewehre wie schwarze Augen, stumm, lauernd. Die Kanonen – schwer, unbeweglich, aber wachsam – richteten sich auf die anrückenden Reihen der Nordstaatler.

Ambrose Bierce, Leutnant im neunten Infanterieregiment von Indiana, stand still. Nur einen Moment. Nicht aus Furcht, sondern aus einer Art innerer Stille, die ihn manchmal überkam, wenn das Unvermeidliche sich offenbarte. Er erkannte die Augen der Feinde. Keine Wut. Kein Hass. Nur dieses resignierte Wissen: Gleich beginnt es.

„Zieht euch zurück!“ riefen einige der Konföderierten, halb Befehl, halb Warnung. Aber Sherman sprach. Der Befehl: Sturmangriff.

Und so rannten sie. Die Unionstruppen, in dichter Linie, mit Bajonetten aufgesetzt und Herzen, die so schrien wie ihre Kommandos. Die Welt verengte sich zu einem schmalen Streifen aus Himmel, Erde und Metall. Die ersten Kugeln kamen wie Wespen. Dann wie Hagel. Dann wie der Weltuntergang.

Der Mann links neben Ambrose fiel ohne Laut. Rechts ein Aufschrei, dann Stille. Leiber bedeckten den Boden, doch schien keiner wirklich zu liegen – sie krümmten sich, zuckten, krochen. Die Gewehre auf beiden Seiten spien Feuer. Der Kampf verwandelte sich in einen Mahlstrom.

Ambrose rannte weiter. Immer weiter. Er dachte nicht. Nur die Schritte. Nur der Klang seiner Stiefel im Dreck, das Pulsieren im Kopf.

Dann kam der Schlag. Kein Donnerschlag. Kein Schmerz. Nur ein kurzer, trockener Klopfer an der linken Schläfe. Als hätte jemand von innen gegen seinen eigenen Kopf geklopft. Etwas Heißes drang ein. Blieb stecken. Er wusste es sofort: Eine Kugel. Nicht tödlich. Noch nicht.

Die Welt schwankte. Seine Knie gaben nach. Die Stimme eines Kameraden – Caine? Walker? – klang wie durch Wasser. Er spürte Hände, die ihn zogen, schleiften, stützten. Der Himmel drehte sich. Der Boden fühlte sich plötzlich weich wie Schlamm an. Sein Blick ergraute. Nur die Farben des Blutes blieben.

Im Lazarett herrschte Ruhe. Kein Ende der Schmerzen, aber ein Ende der Bewegung. Sie legten ihn in einen Sanitätswagen. Die Eisenbahn fuhr nach Chattanooga.

Er sah durch das Fenster. Der Mond stand über den Baumwipfeln wie ein allzu helles Auge. Ambrose fand keinen Trost. Nur eine weitere Wahrheit.

In Chattanooga lag er unter einem grellen Tuch aus Mondlicht. Er drehte den Kopf, langsam, vorsichtig. Jeder Gedanke ein Messer. Die Schmerzen kamen in Wellen. Doch schlimmer spürte er den Schwindel. Als würde die Welt selbst sich von ihm abwenden.

Er dachte an Kennesaw. Und daran, was dort blieb: Ein Stück seiner selbst, vielleicht das Vertrauen in das, was Menschen über sich sagen, wenn sie marschieren.

Er überlebte. Aber nicht ganz. Der Krieg schrieb sich in ihn ein, in seinen Körper, in seine Sätze, in seinen Schlaf. Kennesaw lag hinter ihm, doch es würde nie vergangen sein.

Washington, Oktober 1913

Die Falten auf seiner Stirn glätteten sich. "In den Büchern meines Vaters las ich ständig vom Krieg. Damals stellte ich mir etwas Großartiges darunter vor. Wie naiv ich war." Er schüttelte den Kopf, blickte auf die Bilder an den Wänden, zu den Büchern in den Regalen und durchschritt langsam das Zimmer.

Erst vor wenigen Tagen pflückte er die letzten Äpfel von seinem Baum. Die Herbstsonne wärmte noch zaghaft die Luft, und er genoss die letzten milden Stunden des Jahres bei Spaziergängen durch den nahen Park. Nun griff er nach einem der Äpfel, biss hinein und murmelte: „Schmeckt das gut.“ Ein kurzer Blick zurück. „So jung, voller Tatendrang, gesund. Hätte ich nur geahnt, was der Krieg wirklich bedeutet – was mich erwartete. Ich, gerade 22, kehrte verwundet zurück. Gezeichnet für ein Leben.“

Er fuhr sich über die Stirn. „Die Kopfwunde plagt mich bis heute. Schwindel. Ohnmachtsanfälle. Ich überlebte, ja – aber nie wieder konnte ich wie andere junge Männer einer schweren körperlichen oder seelisch fordernden Arbeit nachgehen. Die Ärzte bestätigten es mir schriftlich.“

Ambrose Gedanken wanderten zurück – in seine Kindheit. In den Augen seiner Eltern und Geschwister sah er damals die Angst, die bald auch ihn selbst erfasste. Instinktiv schnappte er sich in Gedanken ein Gewehr und feuerte los. Der Krieg erschien ihm wie ein dunkler Schatten, der sich über Meigs County legte, als wolle die Sonne vor dem Grauen weichen.

„Der Krieg ist ein Abenteuer! Ich will ein Held sein! Einer, der unsere Familie beschützt“, verkündete der Junge. Er sah die Bilder aus den Büchern seines Vaters vor seinem inneren Auge. Hörte die Gewehrschüsse. Sein Herz pochte schneller.

Vielleicht fünf oder sechs, als er mit ungeübten Händen ein Schwert aus Holz schnitzte. „Was hast du denn da?“ fragte sein hinkender Vater – ebenfalls ein Kriegsveteran. Doch Ambrose hörte nicht hin. Er kämpfte mit seinem Holzschwert gegen unsichtbare Feinde hinter Holzklötzen, im Garten, auf den Feldern. Er enthauptete Blumen, Beeren fielen von den Sträuchern. Die Bücher des Vaters – voller Heldengeschichten – beflügelten seine Fantasie.

In seiner Vorstellung sah er sich als Krieger. Niederlagen akzeptierte er nicht. Bei jedem Schlag rief er: „Hurra!“, als triebe ihn die Sehnsucht nach Ruhm.

Eines Tages wollte er ein echtes Abenteuer erleben. Mit Schwert und einem Stein, den er neben der Hütte aufhob, stürmte er los. „Meine Feinde besiege ich alle!“ Im Garten sprang er über den buckligen Zaun und rannte in den Wald. In seiner Vorstellung lauerte dort ein Drache – riesig, feuerspeiend.

„Dein Feuer kann mir nichts anhaben, du abscheuliches Biest!“ rief er. Immer wieder schleuderte der Drache Feuer, aber Ambrose wich geschickt aus. Er stach mit dem Schwert zu, traf den Drachen nicht tödlich, warf schließlich den Stein – direkt auf den Kopf. Ein gellender Schrei. Doch das Monster taumelte nur. „Jetzt reicht's!“ schrie Ambrose, rammte sein Schwert erneut in den Körper des Ungetüms. Das Vieh spuckte ein letztes Mal Feuer. Ambrose sprang zur Seite, holte aus und stach noch einmal zu. Dann fiel der Drache krachend zu Boden. Dann lag er da.

Ambrose stellte sich triumphierend über ihn. „Ich habe gesiegt. Ich bin ein Held!“

Er seufzte. „Das ist so lange her.“ Mit der Hand wischte er sich über die Stirn. „Kaum zu glauben.“

Mit seinen 71 Jahren erkannte er den Lauf der vergangenen Jahre. Müde. Die Beschwerden des Alters häuften sich. Und mit ihnen eine leise Unruhe. Ein letztes Abenteuer wollte er noch wagen. Mexiko. Dort sollte sein Weg weitergehen.

Er griff nach dem Jutesack auf der Truhe, legte die letzten beiden Äpfel hinein. Ein letzter Blick durch das Zimmer – seine Bücher, seine Bilder, das Licht am Fenster. Dann schloss er die Tür hinter sich.

Meigs County 1852 – Die Saat

Im Schatten der weich geschwungenen Hügel von Horse Cave Creek, wo der Shade River in den mächtigen Strom des Ohio mündete, lag eine Siedlung aus groben Blockhütten. Die Hütten duckten sich abseits des Ufers, fern der Frühjahrsfluten. Der Ohio glitt breit und schweigend dahin, sein silbriger Spiegel durchzogen von Booten, die wie flüchtige Schatten über das Wasser glitten. Hinter dem Fluss begann eine andere Welt. Und manchmal, wenn der Wind aus West Virginia herüberkam, flüsterte er von den Indianern, die jüngst mit Pferden, Beute und Gefangenen durch die Wälder ritten.

Auf einem der Felder zogen zwei Ochsen stoisch den Pflug durch die staubige Erde. Die Sonne stand hoch, der Himmel spannte sich wie ein glühendes Zelt aus weiß-blau. Marcus Aurelius Bierce, hager, einseitig humpelnd, hielt die hölzernen Griffe des Pflugs fest umklammert. Die Zügel schleiften über seiner Schulter. Falten durchzogen sein Gesicht, seine Augen blass wie ausgewaschene Tinte. Er trug ein durchgeschwitztes Hemd, die Ärmel lose geknotet. Er trug Hosen mit Flicken, der rechte Schuh klaffte vorn offen wie ein Maul.

„Hü, Buster. Hü, Jem.“

Die Ochsen grunzten, trotteten weiter. Ambrose und sein Bruder Albert gingen barfüßig hinterher, ein Sack mit Saat auf der Hüfte, die Hände schwarz von Erde und Schweiß. Ambrose, ein elfjähriger Junge, groß für sein Alter, still, mit einem wachen Blick. Er sah, was andere übergingen. Er hörte, was keiner aussprach.

„Wir haben dreizehn Kinder, daher brauchen wir vor allem Brot“, sagte Laura Bierce. Sie knetete den Teig, streckte den Speck, kochte eine dünne Suppe.

Ambrose wusste: Brot musste sein, doch genoss er es nicht.

„Albert!“ keuchte Marcus. „Wasser. Schnell!“

Der Junge rannte. Marcus blieb stehen, stemmte die Hände in die Hüften. Dann sah er hinüber zum anderen Feld, wo neue Siedler arbeiteten – fremde Gesichter, gebräunte Haut, fremde Sprache.

„Die kommen jetzt alle hierher. Was wohl aus ihnen wird?“ murmelte er. „Vielleicht Glücksritter. Oder Gesindel.“

Albert kam mit dem Blechbecher zurück. Der Vater nahm ihn, trank hastig, rülpste. Kein Dank. Nie ein Dank.

„Was glaubst du, woher die kommen?“ fragte Ambrose.

Marcus zuckte mit den Schultern. „Schiffe. Hunger. Krieg. Immer das Gleiche. Wie Ratten fliehen sie aus ihren Löchern.“ Er lachte kurz, trocken. „Was sie hier wollen? Dieselbe Plackerei. Wenigstens haben sie zwei gesunde Beine.“

Er trat wieder an den Pflug. Ambrose hob die Samenkörner auf, doch sein Blick schweifte über das Tal. Es roch nach Staub und warmem Holz. Schmetterlinge stoben auf, Mücken tanzten in der Luft. In der Ferne sah man die ersten Wolken.

„Papa, ich kann nicht mehr“, jammerte Ambrose.

Marcus hielt inne, blickte seinen Sohn an, als sähe er durch ihn hindurch.

„Pause, ja. Aber keine halbe Stunde, verstanden? Der Regen kommt. Wir müssen das Feld zu Ende bringen.“

Sie setzten sich ins Gras. Albert riss ein Stück des flachen Brots ab. Ambrose trank, biss ab, kaute langsam. Die Stille umhüllte sie. Dann, ein entferntes Grollen.

„Der Regen ist Segen“, sagte Marcus. „Er gibt, was wir brauchen. Aber nur, wenn wir vorher arbeiten.“

„Hätt’ ich nur Tagelöhner...“ Er sprach es mehr zu sich selbst als zu seinen Söhnen. „Oder eine Negerfamilie wie die Plantagenbesitzer. Dann könnte ich hier sitzen und lesen, während andere schuften.“

Ambrose schwieg. Er mochte es nicht, wenn der Vater so redete. Er konnte nicht sagen warum, aber irgendetwas daran war falsch. Hart. Leer. Bitter.

Am Abend schlug der Regen gegen die Fensterläden. Laura stand in der Küche, der Rocksaum nass vom Wassereimer, die Haare streng hochgesteckt. Sie schnitt Zwiebeln, Speck, hob Kartoffelscheiben ins siedende Fett. Es zischte, ein Duft von Salz, Feuer und Erde erfüllte den Raum.

Albert stand mit dem Kochstock am Herd. Mürrisch, rotwangig. Laura gab ihm eine Ohrfeige, weil er sich weigerte, zu helfen.

„Du rührst das jetzt um! Und hör auf zu flennen!“, schrie sie. Ihre Stimme klang schrill, ihr Blick wie Glas.

Ambrose drückte sich ins Eck. Er wusste, dass Reden nichts half. Marcus saß auf dem wackligen Stuhl in der Ecke, ein Buch auf dem Schoß, ein Bein über das andere gelegt, als sei er in einer anderen Welt.

„Die Saat ist im Boden“, sagte er, ohne aufzusehen. „Jetzt muss der Herr tun, was sein Wille ist.“

„Glaubst du, der Herr wird uns verschonen?“ fragte Ambrose.

Marcus blätterte eine Seite um. „Der Herr tut, was er will. Uns bleibt das Feld und die Hoffnung, dass der Hagel nicht kommt.“

Nach dem Abendessen schickte Laura Ambrose zur Quelle. Er ging, wie befohlen, die steinige Treppe hinab, die Augen halb geschlossen gegen den Regen. Unten füllte er den Bottich. Das Wasser floss eiskalt, aber klar. Er hielt die Hände darunter, trank. Dann lauschte er. Kein Pferd. Kein Indianer. Nur das leise Prasseln der Tropfen und das Rufen einer Eule im Wald.

Er dachte an das Buch, das er aus der Bibliothek seines Vaters stahl. Es lag unter der Matratze. Er konnte kaum lesen, aber er wollte es lernen.

Er würde alles lernen. Irgendwann.

Der Sonntag

Der Regen verwandelte die Wege in Schlamm. Die Kinder balancierten auf den Brettern, die Marcus zwischen den Pfützen auslegte. Laura wartete bereits ungeduldig. Die Haare fest gebunden, das Sonntagskleid einfach, doch sauber. Sie achtete auf solche Dinge. Sie glaubte an die Ordnung.

„Abigail, binde dir das Haar! Augustus, nimm den Finger aus der Nase. Addison, wo ist deine Bibel?“ Sie führte ein Heer inmitten einer zerlumpten Schar. Marcus Aurelius trat langsam aus der Hütte. Er knöpfte sich das Hemd zu, doch es blieb noch immer zerknittert. Eine Locke fiel ihm ins Gesicht. Er sah müde aus, als hätte er einen endlosen Weg hinter sich, bevor der Tag begann.

Ambrose folgte schweigend. Er versteckte das Buch in seinem Hemd, das er nachts las. Es ging um einen Reisebericht über ferne Länder – geschrieben in Worten, die er nur langsam verstand, aber deren Klang ihn berührte wie Musik.

Eine einfache Holzhütte diente als Kirche, weiß gestrichen, mit einem spitzen Dach. Drinnen roch es nach feuchtem Holz, Wachs und Mensch. Die Gemeindemitglieder standen in Reihen, flüsterten, beäugten einander. Wer zu spät kam, bekam den Blick der Diakonin, härter als jeder Regen.

Der Pastor, ein stämmiger Mann mit einem roten Gesicht predigte von Arbeit, Schuld und göttlicher Ordnung. Er sprach von Sodom, von der Faulheit der Sünder, von der Züchtigung der Kinder, um ihre Seelen zu retten. Laura nickte zustimmend. Marcus schloss die Augen. Ambrose spürte, wie seine Gedanken abdrifteten – hin zu einer Stadt am Meer, wo Männer Bücher schrieben, statt Felder zu pflügen.

Nach der Messe versammelten sich die Siedler draußen. Sie tuschelten. Einer sprach von Indianern, die jemand in der Nacht sah. Ein anderer von einem schwarzen Mann, der sich in den Wäldern versteckte – ein entlaufener Sklave vielleicht. Es lag Spannung in der Luft.