Liv - Wolfgang Otto - E-Book

Liv E-Book

Wolfgang Otto

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Beschreibung

Dies ist eine Geschichte, wie sie sich jedes Jahr viele tausend Mal in Deutschland und im deutschsprachigen Raum abspielt. Dennoch wissen wenige, meist nur die Betroffenen selbst, was ein "parental alienation syndrom" ( Elternentfremdungssyndrom ) ist. Es gibt bis heute für das "parental alienation syndrom" keine wissenschaftliche Anerkennung. Aber auch ohne diese erleben die Kinder und die entfremdeten Elternteile, vor allem die Väter und die Familien väterlicherseits, täglich die Schmach und Demütigungen und deren Folgen und Langzeitfolgen.

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Seitenzahl: 522

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Für Thoren und Liv und alle betroffenen Väter und Mütter

Inhaltsverzeichnis

Vorgeschichte

Vorwort

Zu Hause in Rietberg

Im Jugendamt

Bei Kaja und Ralf

Wieder Zuhause

Die Rückführung

Zu Hause mit Liv

Die Verhandlung

15 Jahre später

Liv erzählt

Prolog

Zu Besuch

Eine Tradition des Missbrauchs

Die erste große Liebe

Zweiter Besuch bei meinem Großvater

Dritter Besuch bei meinem Großvater

Am nächsten Tag

Erinnerungen an Früher und ein weiterer Besuch

Vierter Besuch bei meinen Großeltern

Treffen im Traum

In Therapie

Ein neuer Kindergarten und neue Eltern

Mit Entführern spricht man nicht.(Zunehmende Elternentfremdung)

Ungeheure Anschuldigungen und Scham

In Italien

Sechster Besuch bei meinem Großvater

Ein positives Urteil ohne glücklichen Ausgang

Mein Vater, der Held

Die Kommunikation wird schwieriger

Letzter Besuch bei meinem Großvater

Nachwort

Trauma und Bewältigung

Der ganze Mensch –eine biologische,psychische und geistige Einheit

Das dynamische Ich

Unser dreieiniges Gehirn

Parasympathikus, Sympathikus und ihr Zusammenspiel

Dysregulation im Körper

Immobiler und mobiler Modus nach Stephen Porges

Social engagement

Was ist ein Trauma?

Trauma und Bewältigung, Resilienz und Bindung

Trigger und Bewältigungsstrategien

Die Bottom-up Reaktion

Das Double-Bind

Abspaltung

Folgen von Traumatisierung

Die Notwendigkeit einer ganzheitlichen Betrachtung

Parientel Allination Syndrom (PAS)

Ein Überblick

Bedürfnisse von Kindern

Auswirkung und Folgen von PAS

Spätfolgen

Nachtrag und Danksagung

Anhang

Das polyvagale System

Literaturliste

Vorgeschichte

Vorwort

Die nachfolgende Geschichte beruht auf wahren Ereignissen und beschreibt mögliche Konsequenzen des Geschehenen in der Zukunft.

Sie wird in drei Teilen erzählt, um einen möglichst umfassenden Eindruck aus verschiedenen Perspektiven zu gewähren.

Der erste Teil berichtet die komplette Vorgeschichte – das, was momentan in der Gegenwart stattfindet und in der jüngsten Vergangenheit geschehen ist. Diesen Teil erzähle ich aus meiner Sicht der Dinge.

In einem zweiten Teil lasse ich meine Enkeltochter Liv zu Wort kommen und erzähle aus ihrer Sicht, wie sie in einer fiktiven Zukunft als Erwachsene die mutmaßlichen Spätfolgen der Ereignisse erlebt und wie sie versucht, dem Grund dafür auf die Schliche zu kommen. Ich lasse sie zu diesem Zweck die Telefonprotokolle lesen, welche die Grundlage dieser Erzählung sind.

Schließlich werde ich in einem dritten und letzten Teil den Ursachen von Livs möglicher Genese nachgehen und mich eingehend mit der Frage befassen, was ein Trauma eigentlich ist und wie es entsteht. Hierzu bediene ich mich wissenschaftlicher Grundlagen und auch meiner Erfahrung, die ich in meiner 20-jährigen Praxis als Psychotherapeut erworben habe.

Zum Schutze der Persönlichkeitsrechte der Betroffenen habe ich die Eigen- sowie die Ortsnamen verändert.

Zu Hause in Rietberg

„Sie will dir einen sexuellen Missbrauch anhängen“, das war mein erster Gedanke über die SMS, die Thoren gerade vorgelesen hatte.

„Hä, wieso, versteh ich nicht“, antwortete er darauf.

Thoren las die SMS, die er von Lenja erhalten hatte, noch einmal vor.

„Behalte mir in Absprache mit dem Jugendamt vorerst den Umgang, aufgrund Liv´s Sicherheit vor. Informationen bei Gaia möglich. Ansonsten in Kürze von unserem (Liv´s) Anwalt.“

Er lehnte, das Handy locker in der offenen Hand, an der Spüle und schaute darauf, als wäre es ein fremdes Ding aus einer anderen Welt.

Was er las, hatte für ihn keinerlei Logik. Er verstand es ganz einfach nicht.

„Was meinst du, Vater?“ So, wie er fragte, schaute er.

Ungläubig.

Ich saß mit verschränkten Beinen am Tisch und hatte einen Gesichtsausdruck als würde ich es verstehen.

Seine Mutter, von der er die dunklen Augen und Haare geerbt hat, saß gegenüber am Tisch. Eigentlich hatte sie die grünsten Augen der Welt, jedenfalls im Sonnenlicht. In der etwas düsteren Küche wirkten sie aber dunkel.

„Verstehst du nicht?“, fragte ich, um mich noch einmal zu vergewissern, dass ich seinen Blick richtig gedeutet hatte. „Gaia ist ein Verein für sexuell missbrauchte Mädchen. Das ist ein Missbrauchsvorwurf.“

„Lenja behauptet, das du Liv missbraucht hast“, wiederholte Freya, seine Mutter, so als hätte es sich bei dem, was ich gesagt hatte, um eine Fremdsprache gehandelt, die sie für ihren Sohn zu übersetzen versuchte.

Thoren stand mit offenem Mund, als würde er Luft fangen wollen, an der Spüle und starrte immer noch auf die SMS, vielleicht in der Hoffnung, die Schrift würde anfangen zu lachen und sagen, es war nur Spaß.

Die Schrift lachte aber nicht. Die Buchstaben tanzten nicht vor seinen Augen, weil es etwas zu feiern gab, sondern weil sein Bewusstsein den Versuch unternahm, das Unfassbare zu begreifen, die Sprachlosigkeit zu überwinden, zurückzukommen mit seinem Bewusstsein, zurück in die Gegenwart, um antworten zu können und die Stimmen zu entziffern, die im Hintergrund ein wirres Netz aus Lauten bildeten.

Es mochten Ewigkeiten oder nur Sekunden vergangen sein, er wusste es nicht und es war ihm auch egal. „Das geht doch gar nicht, das ist doch Quatsch“, sagte er, ohne zu wissen ob er es war, der sprach.

„Thoren, du musst etwas unternehmen, am besten gleich morgen zum Jugendamt gehen“, redete seine Mutter auf ihn ein. „Zu Frau Schütze.“

Ich saß mit geballten Fäusten da und sprach zu mir selbst: “Das wird schlimm werden.“

Schlimm würde es werden, ja. Aber wie schlimm, das konnte zu diesem Zeitpunkt noch keiner wissen. Von da an war es, als würde der Weg vor uns von unsichtbarer Hand wie eine unbekannte Schriftrolle aufgerollt werden. Nichts war vorhersehbar.

Das, was wir hörten, ging über unser Fassungsvermögen.

Wir suchten nach Antworten, konnten aber keine finden. Die Sprachlosigkeit wurde unser ständiger Begleiter auf dem Weg, die Wut und Ohnmacht der alltägliche Ausdruck in unseren Augen und die Erschöpfung zu unserem Schlaflied. Und nachts besuchten uns Träume, die den Schlaf vertrieben.

Im Jugendamt

Thoren bekam gleich am nächsten Tag einen Termin bei Frau Schütze im Jugendamt. Er erzählte mir anschließend davon:

„Ich redete ohne Luft zu holen, zeigte die SMS, vermutete, dass Lenja und Liv sich in Hahnheim in Hessen aufhalten. Bei Lenjas Arbeitgeber vielleicht - sie hat dort einen Versorgungsjob einer alten Dame in einem Privathaushalt angenommen - oder in der Wohnung ihrer neuen Freundin, in die sie sich höchstwahrscheinlich verliebt hat.“

Auch diese Wunde schmerzte Thoren, sie war noch frisch wie alles andere.

„Wissen sie was es heißt“, fragte ich Frau Schütze, „wenn jeder Anruf von Lenja sofort weggedrückt wird und ich nicht weiß, wie es meinem Kind geht? Deshalb will ich hinfahren, um sie zurückzuholen.“

„Sie hätten nicht kommen sollen. Weil wir jetzt davon wissen, würde ihnen eine Rückführung als Entführung ausgelegt“, antwortete sie mir darauf.

„Wieso denn, ich wollte doch nur alles richtig machen“, schrie ich. Ich konnte mich kaum noch beherrschen.“

Wieder dieselbe Ungläubigkeit in Thorens Gesicht. Wieder die ungestellte Frage, die hinter allen seinen Fragen mitschwang, die seine Gesichtszüge gleichsam erschlafft und angespannt aussehen ließen.

„Sie müssen den Amtsweg gehen, sie machen sonst alles nur noch schlimmer. Denken sie doch auch einmal an ihr Kind.“

„Das tuuue ich“, klagte Thoren langgezogen und mir kam es eindringlich und verzweifelt vor als er es wiederholte, als würde er ein Schild an einen Baum nageln, mit der Aufschrift „Da geht’s lang.“

„Sie betreiben Überaktionismus, Herr Otto. Hören sie damit auf und warten sie, bis ich mich mit der Mutter in Verbindung gesetzt habe.“

„Was meinen sie mit Überaktionismus?“ Mit seiner Selbstbeherrschung war es nun endgültig vorbei. „Ich weiß noch nicht einmal genau, was sie damit meinen.

Wenn sie meinen, dass ich nicht in Erfahrung bringen darf, ob es meinem Kind gut geht, dass ich nicht alles dafür tun darf, damit es ihm gut geht, dann, ja dann betreibe ich Überaktionismus. Jeder der sein Kind liebt und sich Sorgen macht, würde das tun. Haben sie Kinder, Frau Schütze?“ Frau Schütze ging nicht darauf ein.

„Sie müssen warten, bis wir unseren Job erledigt haben und jetzt muss ich Schluss machen, Sie sind nicht der Einzige heute Vormittag.“

Ich wollte noch etwas sagen, kam aber nicht dazu, weil Frau Schütze demonstrativ ihren Stuhl zurückschob und aufstand. „Bitte“, flehte ich sie noch einmal an, „bitte rufen Sie heute noch an und helfen sie mir, meine Tochter wiederzusehen.“

„Ich tue was ich kann“, schlängelte sich beim Herausgehen der letzte, leicht ungehaltene Satz zwischen ihren Zähnen hindurch.“

An diesem Abend hat er Rotz und Wasser geheult. Er saß neben seiner älteren Schwester Nadine in der Küche. Wir saßen dabei und alle weinten mit.

„Ich habe noch nie so etwas Schlimmes erlebt“, schluchzte es mit nass geweintem Gesicht aus ihm heraus.“

Mir zerriss es das Herz, Freya wirkte weggerückt in der Erinnerung an eigene erlebte Gewalt als Kind, seine Schwester hielt ihn an ihrer Schulter und weinte in sein Gesicht hinein.

Nadine war damals Krankenschwester und arbeitete in der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Lüneburg. Sie war dreißig Jahre jung, schlank und schön mit langen dunkelblonden Haaren und einem mädchenhaften Gesicht.

Genauso schnell und viel sie redet, genau so groß ist ihr Herz.

„Glaubt Lenja das wirklich von mir, dass ich so etwas getan haben könnte? Traut sie mir das zu? Und Kaja, (Livs Oma, die Mutter von Lenja) und Wolfram (Lenjas Ziehvater, Kajas Beziehung vor Ralf) denken die, ich könnte so etwas tun? Die kennen mich doch schon so lange, schon seit meiner Schulzeit.“

Thoren fragte in den Raum hinein, nicht weit, eher so vor sich hin.

Er fragte es mit einem Blick in seinen Augen, der wie die unruhige See aussah. Die Wellen hatten jedoch aufgehört, ihn zu bewegen. Sie wichen eben diesen erneuten Fragen und der Gedanke kam, zu Kaja zu fahren, um sie selbst zu fragen.

Bei Kaja und Ralf

Am nächsten Tag, es war Ende Oktober und ein warmer Wind wehte durch bunte Alleen, die Wälder standen kupferrot ins weite Land gesät, Berge von Zuckerrüben lagen auf den Feldern und hier und da sah man einen Trecker über die dunkle Erde fahren, waren wir auf dem Weg nach Gudow.

In Gudow wohnte Kaja mit Ralf, ihrem Lebensgefährten und den beiden Kindern Lilly und Maike. Obwohl sie nur ein und zwei Jahre älter als Liv sind, sind sie dennoch ihre Tanten.

Ich kenne Lilly und Maike nicht näher. Nur einmal habe ich sie in einer Begegnung wahrgenommen.

Lilly ist die Ältere. Als ich da war, schäkerte sie gerade mit Thoren. Ich glaube sie war in ihn verliebt, so wie Schulkinder in Lehrer verliebt sind. Ein Kind mit schwarzen Locken und kupferfarbener Haut.

Maike, die Jüngere, war klein und etwas pummelig. Sie war schüchtern und versteckte sich hinter ihrer großen Schwester. Auch Maike hatte diesen südlichen Touch.

Ihre Haut war aber heller und die Gesichtsknochen wirkten weniger prägnant und fremdländisch.

Kaja, Livs Großmutter mütterlicherseits, ist dunkelhäutig. Die Vorfahren väterlicherseits kamen aus Trinidad und Tobago. Früher war sie eine schöne Frau, zu der die Brille die sie trug, nie so ganz passte.

Sie schnitt ihr intellektuell in die dunkle Haut, nahm ihr die exotische Färbung und ihren Augen den Glanz.

Nicht, dass eine Brille nicht auch Akzente setzen kann, aber in ihrem Fall wirkte sie einfach nicht.

Ralf ist ein Riese, ein Hüne. Wenn man ihn anschaut muss man Angst haben, dass seine Knochen ihn nicht tragen können. Sie wirken wie Bausteine die nicht richtig übereinander liegen und drohen, durch eine kleine äußere Einwirkung jederzeit das Gebäude zum Zusammenbrechen zu bringen. Er ist ein Soziopath, der den ganzen Tag in seiner Küche sitzt, grünen Tee trinkt und miese Pläne schmiedet. Für ihn gibt es kein Gesetz, außer, wenn es zu seinem Nutzen ausgelegt werden kann.

Wer Näheres wissen will, muss nur Kerstin, seine frühere Frau, fragen, mit der er ebenfalls zwei Kinder hat und die davon ein schlimmes Lied singen kann.

Am Dorfrand blieben wir stehen. Thoren wollte noch Wolfram anrufen, Lenjas, Paolos und Milevas Ziehvater. Wolframs Meinung war ihm wichtig. Er war ein Teil der Familie, über die Jahre hineingewachsen, wie ein Dorn unter längst verhornte Haut.

Das Telefon klingelte mehrere Male, bis am anderen Ende Wolframs Stimme erklang. Er wollte sich zu dem Missbrauchsvorwurf nicht äußern. Er meinte lediglich, dass Lenja schon wisse, was sie tut. Sie habe es sich ja schließlich nicht aus den Fingern gesogen. Und im Übrigen kenne er Thoren ja nicht gut genug um wissen zu können, dass er so etwas nicht tun würde. „Du kennst mich seit zehn Jahren“, schrie Thoren fassungslos in sein Handy. Wolfram legte auf.

Erregt durch die Abfuhr startete Thoren den Motor und wir fuhren das letzte Stück vom Dorfrand nach Gudow, Hausnummer 22.

Ralf öffnete die Tür und bat uns hinein. Von der Küche aus konnte man auf das rückwärtige Grundstück schauen. Es war langgezogen, umgrenzt von ehemaligen Schweineställen und einer großen Scheune und einem Birnbaum mitten darauf.

Thoren, Freya und ich setzten uns an den großen Bauerntisch, der fast den gesamten Raum der Küche ausfüllte. Kaja setzte sich mir gegenüber neben Thoren, Ralf saß an der Stirnseite.

„Lenja hat mir sexuellen Missbrauch an Liv vorgeworfen. Weißt du etwas davon?“ Thorens Blick absorbierte sich im Schmerz. Kaja versteckte sich hinter einer starren Maske. Hart und bestimmend fragte sie. „Thoren hast du es getan?“ „Was getan?“ „Hast du mit Liv Zungenküsse ausgetauscht?“ Er war schon verurteilt, noch bevor er antworten konnte. Die Frage war eine Farce, eine Art versteckter Gewalt. Das wusste er aber nicht. Dazu war er zu unschuldig.

„Nein!“ Sein Nein durchdrang den Raum und brachte für eine endlose Sekunde Schweigen. Ralf musste aufstehen. Seine fast zwei Meter Körpergröße reichten ihm nicht, um sich sicher zu fühlen. Er verschränkte seine Arme.

„Du bist in der Bringschuld, Thoren!“ würgte er aus sich heraus, schob die Worte stoisch über den Tisch, und verharrte lauernd.

Diese Worte vergaß Freya nie. Sie bohrten sich in ihr Hirn, damit sie diese später bei jeder Demütigung, fast wie um eine Ziellinie zu demonstrieren, wiederholen konnte. „Ralf! Bringschuld erfüllt!“, pflegte sie dann zu sagen, und stellte sich dabei vor, wie ihn sein Hass und seine Niederlage zerfraßen.

Sie musste fertig werden mit dieser unfassbaren Anschuldigung gegen ihren Sohn, genau wie ich. Sie musste ein Stück dessen, das man ihr angetan hatte, wieder loswerden.

Zwei Monate zuvor hatte Thoren Kaja gebeten, sich um Lenja zu kümmern. Lenjea hatte ihm jahrelang erzählt, dass ihr Onkel, Kajas Bruder, sie vergewaltigt hätte. Deswegen hatte sie sich immer wieder mit Rasierklingen geschnitten, hatte nächtelang geweint und sich oft wochenlang in der Wohnung eingeschlossen. Sie hatte Thoren das Versprechen abgenommen, niemandem davon zu erzählen. Bislang hatte er sich daran gehalten. Jetzt konnte er nicht mehr.

Als Thoren es wagte, die Bitte an Kaja, sich um ihre Tochter zu kümmern, endlich mit dem schrecklichen Inhalt zu füllen, erschrak sie und weinte mit zitternder Stimme nur zwei Worte in ihre vor den Mund gehaltene Hand: „Oh Gott!“ „Hast du mit Lenja geredet?“ wollte Thoren wissen.

Vielleicht hatte er die Hoffnung, sie darüber zu erreichen, die Mutter in ihr, die sich um ihr Kind sorgt. „Dazu will ich jetzt nichts sagen“, schmetterte Kaja ihn ab und ihre Tränen trockneten zu starrem Elbholz Ich bin sicher, dass sie in diesem Moment eigene unaufgearbeitete Erfahrungen abwehren musste und sie auf Thoren projizierte. Beunruhigten Kaja eigene Missbrauchserfahrungen oder waren es Schuldgefühle gegenüber ihrer Tochter, die sie nicht schützen konnte oder um die sie sich nicht ausreichend gekümmert hatte oder vielleicht von allem etwas?

Wir gingen hinaus und fuhren emotional sehr aufgewühlt nach Hause.

Wieder Zuhause

Wieder zu Hause versuchten wir, Lenja in Hahnheim anzurufen, um Liv zu sprechen.

Klick, das Telefon wurde abgenommen und wieder aufgelegt. Zum zigsten Mal. Klick, Klick. Und dann „dieser Anschluss ist vorübergehend nicht erreichbar“. Immer wieder. Es war, als ob man ganz langsam erschlagen wird. Ohnmacht wechselte sich ab mit Wut und der ständig kreisenden Frage nach dem Warum. Wir saßen in der Küche, liefen herum, rangen um Fassung. Freunde und Bekannte waren bei uns in diesen schweren Stunden. Wir tranken Kaffee und rauchten, redeten als würden wir darauf warten, dass endlich einer die erlösende Antwort nennt.

Telefonterror kann auch so herum verstanden werden.

Und als das Klicken ausblieb sprach Thore in den Hörer wie in eine abgrundtiefe Schwärze: „Ich möchte Liv sprechen.“

Am anderen Ende schrie eine Männerstimme: „Du Arschloch“ und legte auf.

Es war Selcan, ein Hermaphrodit türkischer Herkunft, Lenjas neue Partnerin.

Dann versuchte ich es. Lenja nahm ab. „Hallo Lenja, kann wenigstens ich mit Liv sprechen?“ Dabei ließ sich der Ärger in meiner Stimme kaum verbergen. Lenja hauchte mit ihrer immer gleichen und viel zu leisen Stimme:

„Niemand darf mit Liv reden“, bevor es wieder Klick machte.

Die Macht, die Lenja durch das Telefon auf uns ausübte, ließ eine ohnmächtige Wut wie eine neue chemische Verbindung in mir entstehen.

Insofern war es gut, dass 600 km zwischen uns lagen.

Von meiner Anlage her bin ich kein ausgeglichener Mensch. Mein Herzschlag ist doppelt so schnell wie der von Freya und es gibt kaum etwas, das ich nicht schnell erledige. Ich habe immer das Gefühl, in meinem Leben zu wenig Zeit zu haben.

Meine Mutter erzählte mir einmal, dass ich tot geboren wurde. Ich war blau angelaufen und atmete nicht mehr.

Der Arzt hatte mich aufgegeben und ich habe mein Leben nur einer resoluten Hebamme zu verdanken, die mich in eine Schüssel mit eiskaltem Wasser tauchte.

Meine Lungen müssen in dem Moment aufgerissen sein, als hätte man eine Granate in eine Menschenmenge geworfen.

Obwohl ich als junger Mann Marathon gelaufen bin und das nicht schlecht, hatte ich doch immer Asthma.

Die Anstrengungen, die ich in meinem Leben unter-nommen habe, um etwas zu erreichen, glichen immer einem Kampf durch den Geburtskanal.

Ich ließ mir keine Zeit, gab aber niemals auf.

In diesem Fall war die Telefonleitung der Geburtskanal.

Lenja war der Pfropfen, der den Kanal verstopfte. Sie verhinderte die Verbindung oder anders ausgedrückt die Geburt.

Meine scheinbare Ruhe war jahrelanges Training.

Stunden vergingen. Tage, Wochen.

Es fanden Gespräche mit der Kinder -und Jugendpsychiaterin Frau Dr. Lisa Müller, die Lenja wegen schwerer Depressionen behandelt hatte, statt. Es gab Beratungen mit Frau Schütze und mit Frau Hardenberg, die ihr einjähriges Praktikum im Jugendamt machte.

Frau Dr. Lisa Müller schrieb eine Stellungnahme zu Lenjas Verhalten. Darin stand, dass Lenja an einer Borderline-Persönlichkeitsstörung leidet.

Die Psychiaterin nahm Bezug auf die Anamnese und Lenjas eigene Aussagen.

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Stellungnahme vom 27.11.2008

Die oben genannte Patientin wurde vom 23.05.0605.10.06 in meiner Praxis behandelt.

Sie stellte sich aufgrund schwerer Depressionen, dem Verdacht auf eine Borderline-Störung, einem Drogenmissbrauch und häufigen suizidalen Krisen vor. Sie fühlte sich ihrem Alltag nicht gewachsen.

Im Verlauf der Behandlung stellte sich heraus, dass sie mehrere, schwere sexuelle Missbrauchssituationen in ihrer Herkunftsfamilie erlebt hatte.

Ihre Geschichte ist von vielen Beziehungsabbrüchen und pathologischen Beziehungserfahrungen gekennzeichnet.

Ihrer Mutterrolle konnte sie nur bedingt gerecht werden und fühlte sich durch das Kind von dem abgeschnitten, was sie eigentlich machen wollte.

Insgesamt war es schwer, mit Frau Brandt eine verlässliche therapeutische Beziehung herzustellen, obwohl sie die Kontakte hier als positiv erlebte.

In ihren Erzählungen und in ihrem Kontaktverhalten schwankte sie immer wieder zwischen extrem positiven und extrem negativen Gefühlen und Bewertungen.

Immer wieder traten Spaltungen auf.

Aufgrund der beschriebenen Diagnostik und der Vorbefunde des Therapieverlaufes gehe ich davon aus, dass Frau Brandt an einer schwerwiegenden Persönlichkeitsstörung im Sinne einer emotional instabilen Störung (ICD 10 F 60.1, Borderline-Typ) leidet.

Eine Borderline- Störung ist gekennzeichnet durch Störungen des Selbstbildes, der Ziele und der inneren Präferenzen, durch ein chronisches Gefühl von Leere, durch intensive, aber unbeständige Beziehungen und eine Neigung zu selbstdestruktivem Verhalten mit parasuizidalen Handlungen und Suizidversuchen.

Aufgrund der Schwere der Störung, der Langjährigkeit der Entstehung und dem langjährigem Vorhandensein der beschriebenen Symptome gehe ich davon aus, dass sich an dem Zustandsbild von 2006 nichts Wesentliches verändert hat.

Ich halte Frau Brandt nur nach intensiver, stationärer Therapie für fähig, ein Kindeswohl angemessen zu unterstützen.

Im unbehandelten Zustand ergeben sich für mich diesbezüglich erhebliche Gefährdungsmomente.

Für eventuelle Rückfragen stehe ich gern zur Verfügung.

Mit freundlichem Gruß

Dr. Lisa Müller

Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie

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Es gab achtzehn (!) Stellungnahmen ehemaliger Freund/innen von Lenja und gemeinsamer Freunde von Thoren und Lenja. An Eides statt versichert wurden sie dem Gericht zugesandt.

Darin war immer wieder der gleiche Tenor zu lesen.

Lenja lässt ihre Wohnung verwahrlosen, bewältigt ihren Alltag nicht und ist nicht in der Lage, ein Kind zu erziehen.

Kurzum, sie litt an dem, was Frau Dr. Lisa Müller auch schon mit einem Namen versehen hatte.

Hier zeigte sich ein Mensch, der Hilfe brauchte, dies aber in keinster Weise wahrnahm und deswegen jegliche Hilfe ablehnte.

Stattdessen projizierte sie ihre Probleme auf ihr Kind und benutzte die Hilflosigkeit ihrer Tochter, um ihren eigenen erlebten und verdrängten Schmerz über sie auszuagieren. Damit war sie primär nicht mehr hilfebedürftig, sondern wurde für andere gefährlich.

Da dieser Umstand aber von unseren Gerichten nicht erkannt wurde, hatte sie genügend Zeit, um ihr Kind krank zu machen. Kostbare Tage verstrichen.

Ein Wettlauf mit der Zeit hatte begonnen.

Unsere Sorge und unser Schmerz trieben uns voran mit jedem zu reden, jedem davon zu erzählen, Freunden und Bekannten und auch Fremden.

Die Gespräche entpuppten sich aber meist als ein verstopftes Ventil.

Es ließ sich dadurch keine Spannung verringern.

„Ich würde mein Kind zurückholen“, war die entschiedene Meinung einer Kollegin. Bekanntlich kämpfen ja Mütter wie Löwen um ihr Junges.

„Zu 99 % gehört das Kind nun mal zur Mutter“, war die Antwort einiger innerlich entrechteter Männer, an denen die Gleichberechtigung vorübergegangen zu sein schien. Vielleicht waren sie auch einfach nur zu bequem oder zu egoistisch oder hatten selbst keine Erfahrung mit einem anwesenden Vater gemacht. Denn wer von denen hat dabei an sein Kind gedacht.

„Die Frau würde es nicht überleben“, so die Antwort eines moslemischen Bekannten. Dabei ist er kein Fundamentalist, jedenfalls wirkte er vordergründig liberal.

Wenn man sich aber bedroht fühlt, wird unser Stammhirn der Boss in der zentralen Leitstelle des Gehirns. Jedenfalls behaupten das die Gehirnforscher.

„Ihr müsst in Liebe reden“, so einige vom Boden abgehobene Ökos, die es hier in der Gegend öfter gibt und die deswegen nicht mehr als Ufos identifiziert werden.

„Nur keinen Überaktionismus“, lavierte unsere Anwältin, genau wie zuvor Frau Schütze vom Jugendamt unsere Empörungen. Gefühle haben in der Welt der scheinbaren Gerechtigkeit nichts verloren. „Seien Sie bitte rational!“

„Seit wann“, so erlaubte ich zu fragen, „ist das Gegenteil von rational emotional?“

Das Gegenteil von rational ist irrational. Doch ich erntete damit nur ungläubige Ignoranz. Ich ignorierte das unausgesprochene Erstaunen auf dem Gesicht unserer Anwältin ebenfalls und fuhr mit meinen Erklärungen fort.

„Es ist fatal, wenn wir unsere Emotionen ignorieren. Auch das hat die Forschung längst bestätigt. Unsere Gefühle zeigen uns auf, wo es lang geht.“

Ich gewann für meine Ausführungen keinen Preis.

„Wahrscheinlich haben sie Recht“, stimmte ich dann doch zu. „In der Welt heutiger Rechtsprechung haben Gefühle nichts verloren. Ich glaube, weil es um reibungslose Abläufe geht. Gefühle stören da nur.

Wenn ich keine Möglichkeit mehr sehe, um doch noch die Verstopfung in den Kommunikationskanälen zu beheben, bleibt mir oft nur noch mein Sarkasmus.

Er trieb mich an den Punkt wo der Fluss staute und fraß Löcher in die Wand, fein und unbemerkt wie ein unterirdisches Rinnsal.

Die Rückführung

„Lasst sie uns zurückholen!“ So gesprochen am 14.11.2008 von mir. Dabei saß ich auf einem Stuhl und schaute meinem Sohn eindringlich in die Augen.

Drei Wochen waren vergangen, in denen wir von Liv nichts mehr erfahren hatten.

Freya stimmte zu. Einer jener wenigen Momente in unserem Leben, in denen wir uns ohne Diskussion einig waren. Amelie, Lauras Tochter, wollte mit. Es bestand eine Freundschaft zu Laura und ihren Töchtern, schon ein halbes Leben lang. Diese Freundschaft hatte etwas Ewiges, wie in Stein gemeißelt, etwas, das die Zeiten und sämtliches Unbill übersteht. Laura zog ihre drei Töchter alleine groß. Freya hatte sie über einen Frauenkreis kennengelernt. Als wir uns zum ersten Mal sahen, verstanden wir uns auf Anhieb.

Amelie war die älteste Tochter: Tischlerin, robust, schön und stark.

Ich stellte mir vor, wie sie Lenja eine Tischlerschelle verpasst und der Gedanke beruhigte mich ungemein.

Malvin wollte nicht mehr länger tatenlos herumstehen.

Malvin ist Thorens jüngster Bruder. Sein Konto der täglich zur Verfügung stehenden Worte ist mit einem fetten Dispo versehen.

Er war groß und blond, stand kurz vor seinem Abitur und hatte seit zwei Jahren eine feste Freundin, Rebecka.

Rebecka war schön, schlank und redete viel. In dieser Hinsicht passte sie gut zu Malvin.

Beide wollten ebenfalls mitkommen. Mit Nadine waren wir dann acht Leute. Abends um sechs fuhren wir los.

Mit zwei Autos. Geplanter Zwischenhalt bei Gunhild, meiner drei Jahre älteren Schwester, die in Butzbach wohnt. Nach ein paar Stunden Schlaf brachen wir zur letzten Etappe nach Hahnheim auf. In Frankfurt am Bahnhof machten wir noch einen Zwischenstopp, um Jonas, Thorens besten Freund, der mit dem Zug gekommen war, abzuholen.

Sie kannten sich schon aus der Grundschulzeit und waren Freunde wie Brüder. Jonas hatte verträumte Augen und ein liebenswertes Gemüt. Es bestand eine jener seltenen Männerfreundschaften zwischen ihnen, die sich Männer ersehnen, vorausgesetzt, sie bemerken überhaupt, dass ihnen eine Männerfreundschaft fehlt. Aber wie das mit Männern so ist. Schon immer taten sie sich schwer damit. Beziehungen, Kontakte und Gefühle sind auch heute noch weitgehend „Frauensache“. Thoren und Lenja gingen in die gleiche Klasse, Jonas eine Klasse darunter. Sie kannten sich alle drei aus Kindertagen.

Wir fuhren aus Frankfurt heraus, vorbei an der Messe, auf die Autobahn Richtung Mainz. Draußen fielen erste Schneeflocken und kalte Windböen verwehten über dem Asphalt einzelne weiße Muster.

Während wir auf die graue, kalte Welt da draußen schauten, gingen wir noch einmal unseren Plan durch, besprachen alle Eventualitäten und versuchten, unsere Aufregung in den Griff zu bekommen.

„Wir fahren in eine Siedlung. Es gibt da immer neugierige Blicke hinter den Fenstern. Deshalb müssen wir uns möglichst unauffällig verhalten. Also parken wir abseits und laufen auf keinen Fall als Gruppe los“, war mein Appell an die Anderen.

Amelie meinte, dass wir uns über Handy verständigen können. Wir stimmten alle zu.

Jonas wollte auf keinen Fall aussteigen. Er mochte eines der beiden Autos fahren.

Freya fuhr das zweite Auto.

„Was wenn wir Liv gar nicht zu sehen bekommen? Bei dem Wetter bleibt sie vielleicht die ganze Zeit im Haus“ - Amelie meldete berechtigte Bedenken an.

„Und was wollt ihr machen, wenn sie nicht allein ist.

Wenn zum Beispiel Lenja dabei ist.“ - Jonas stand dem ganzen Unternehmen sehr skeptisch gegenüber. Er war sich unsicher, ob wir damit nicht eine Straftat begingen.

Er saß in einer Zwickmühle. Auf der einen Seite wollte er seine Freundschaft Thoren gegenüber beweisen. Auf der anderen Seite hatte er Angst, sich gesetzeswidrig zu verhalten.

„Überlegt es euch“, mahnte er noch ein letztes Mal zur Aufgabe.

Nadine fragte, was wir denn machen wollen, wenn wir Liv auf der Straße sehen.

Alle schwiegen. Es gab so viele unbestimmte Variablen. Das wurde immer deutlicher. „Ich werde meine Tochter auf den Arm nehmen und wir werden zum Auto gehen, einsteigen und fahren.“ - Alle waren von der Selbstverständlichkeit Thorens, wie es zu laufen hat, beeindruckt.

Wir beschlossen, dass wir anderen verhindern mussten, dass Lenja, Kaja oder Selcan Thoren folgen können.

Wir mussten sie so lange aufhalten, bis Thoren mit Liv im Auto saß.

Die Fahrt dauerte noch etwa eineinhalb Stunden, dann waren wir da.

Kleinbürgerliche Einfamilienhäuser mit Vorgärten standen rechts und links an sauberen Straßen und langweilten sich. Kein Mensch war zu sehen, nur vereinzelte lautlose Schneekristalle, die ziellos im Wind trieben und wir Fünf, mit Kapuzen über den Köpfen, die geräuschlos oberhalb der Theodor-Storm Straße über den Friedhof gingen. Für andere muss die Szene grotesk und gespenstisch ausgesehen haben.

Am Südausgang verharrten wir. Ab und zu löste sich der eine oder andere von der Gruppe, um ein Stück die Straße hinunterzugehen.

Erst kurz vorher hatten wir besprochen, nicht aufzufallen. Mehr auffallen war gar nicht möglich.

Am unteren Ende des Friedhofs gingen zwei Frauen, eine von ihnen trug eine Gießkanne. Ansonsten blieb die Welt still und irgendwie unwirklich.

Nach einer geraumen Weile gingen wir über den Friedhof zurück zur Nordseite, um etwas später an der Karl-Bonhoefferstraße, Ecke Friedhofsstraße wieder aufzutauchen. Von hier aus konnten wir die gesamte Straße einsehen. Amelie lief mitten auf der leblosen Fahrbahn in die Karl-Bonhoefferstraße hinein.

Plötzlich drehte sie sich um, verlor alle Vorsicht und schrie aufgeregt zu den anderen. „Sie sind auf der Straße! Los!“ Erst zögernd, dann immer schneller, setzten sich alle, außer mir, in Bewegung. Die kalte schneidende Luft machte mir zu schaffen. Eine alte Empfindlichkeit auf den Bronchien. Schließlich begannen sie zu rennen.

Thoren und auch Malvin riefen Liv. Es waren noch zwei kleine Mädchen dort, Lilly und Maike. Die Kinder fingen ebenfalls an zu laufen.

Sie liefen aber vor denen sich schnell nähernden Erwachsenen weg.

„Schnell ins Haus“, rief Lenja, die an der Haustür stand und die Situation erkannt hatte, ihnen zu.

„Oh Gott“, dachte ich, „es scheint vergebens. Sie werden es nicht schaffen. Sie werden Liv nicht bekommen.

Die Kinder werden eher im Haus sein als irgendeiner der Erwachsenen bei ihnen sein kann. Dann war alles umsonst.“

Ich konnte die Situation leider nicht mehr verfolgen.

Für einen Moment schien die Welt still zu stehen. Alle waren um die Hausecke verschwunden. Plötzlich, so als hätte man eine Bild- und Tonstörung in einem Film behoben, begann die Szene sich wieder zu beleben. Thoren rannte mit Liv auf dem Arm um die Ecke. Alle riefen: „Lauf!“ und alle anderen rannten ebenfalls, aber nicht hinter Thore her, wie besprochen, sondern vorneweg.

Hinter Thoren tauchten stattdessen Lenja und Kaja auf, nur ein bis zwei Meter von Thoren entfernt.

Es war besprochen, dass Nadine, Amelie und Rebecka die Nachhut bilden sollten, um eventuell Kaja, Lenja und Selcan aufzuhalten, damit Thoren zum Auto rennen konnte, das an der Theodor-Storm Ecke Friedhofsstraße mit Freya am Steuer wartete.

Ich war höchst aufgeregt und erschüttert.

Dann schienen sie es auf einmal doch zu begreifen. Nadine, Malvin und Amelie wurden langsamer, drehten sich um und versuchten, Lenja und Kaja aufzuhalten.

Zumindest konnten sie deren Lauf bremsen, so dass Thoren mehr Abstand bekam. Lenja sprang wie ein Standhase durch die Luft. Ich fragte mich verwundert, was das sein sollte. Später, während der Unterhaltung im Auto kamen wir drauf. Es handelte sich bei diesen merkwürdigen skurrilen und sprunghaften Zuckungen um Kung-Fu-Tritte. Bei aller Dramatik gab es eben auch etwas zu lachen.

Während sich der ganze Tross von Verfolgten und Verfolgern die Straße hinunter auf mich zubewegte, konnte ich, der als Einziger in die entgegengesetzte Richtung schaute, beobachten, wie Selcan aus dem Haus rannte, in einen grünen Mercedes sprang und mit Karacho davon fuhr.

Von welcher Seite wir es später auch betrachteten, es gab nur eine Erklärung: Angst! Und endlich erreichte Thoren mit Liv auf dem Arm das Auto, stieg ein, alle anderen folgten und Freya fuhr los.

Nur ich blieb zurück, zeigte auf Lenja und sagte ernst zu ihr: „Du weißt, was du getan hast“. Ohne ein Wort und schwer atmend schaute sie mir verachtend und hasserfüllt in die Augen.

Dann trennten sich unsere Wege, ich erreichte das Auto und wir fuhren los.

Durch verwinkelte Gassen ging es hinunter zum Rhein.

Mit der Fähre setzten wir über nach Rüdesheim. Liv weinte. Thoren erzählte ihr eine Geschichte von Schutzengeln, die sich untereinander verständigt hatten und die über allem Streit die Not der Streitenden sahen und diese trösteten, vor allem die Kinder, weil die ja gar nichts dafür konnten.

Liv sprach mit Tränen erstickter Stimme: „Papa, ich wollte dich Opa und Oma immer anrufen, Mama hat es aber nicht erlaubt“.

Allen blieb der Schmerz als Kloß im Halse stecken.

Gleichzeitig spürte ich, wie ich eine Gänsehaut vor Rührung und Freude bekam. Wir hatten es geschafft.

Unsere geliebte Liv war wieder bei uns.

Bei Gunhild machten wir noch einmal Station. Vorher hatten wir Jonas verabschiedet. Auf dem Weg ins Elbe-Waldland rief Thoren bei Lenja an.

Es war schon dunkel und auf der entgegenkommenden Fahrbahn schlängelten sich die Autos wie eine endlose gelbe Lichterschlange über einen schwarzen Abgrund.

„Möchtest du mit Mama sprechen?“ hatte Thoren gefragt. Liv nickte.

„Hallo Lenja.“ Aus dem Handy drang nur Stille in die Dunkelheit des Wagens.

Thoren wollte schon auflegen, als er Selcan sagen hörte: „Lenja ist nicht da. Sie ist bei der Polizei. Wenn du Liv nicht augenblicklich zurückbringst, gehst du in den Knast.“ Klick. Der Hörer wurde aufgelegt. Thoren bemerkte, dass sich sein Herzschlag verdoppelt hatte.

Dann wählte er die Nummer noch einmal.

Selcan nahm ab und wie ein automatischer Anruf-beantworter sprach sie stereotyp Lenjas Handynummer in den Apparat, um sofort danach aufzulegen. Thoren wurde stiller aber nicht ruhiger. Eine ungewisse Angst begann in seinem Bauch zu lodern. Er wählte die Nummer, Lenja nahm ab. „Hallo Lenja, damit du dir keine Sorgen zu machen brauchst, rufen wir dich an“. Thoren wollte noch etwas sagen. Lenja unterbrach ihn. „Gib mir meine Tochter. Ich will meine Tochter sprechen“.

Thoren versuchte ruhig zu bleiben.

Er reichte Liv das Handy. „Hallo Mama“.

„Hallo mein Schatz, mein Liebling. Geht es dir gut?“

„Ja Mama, ich esse gerade eine Wurst.“ „Mein Schatz, geht es dir gut, du hörst dich so komisch an. Haben sie dir etwas gegeben?“ „Ich esse eine Wurst.“

„Haben sie dir Tabletten gegeben, ich verstehe dich nicht. Du brauchst keine Angst zu haben, Schatz ich hole dich da raus.“ „Mir geht es gut Mama, ich esse eine Wurst.“ Liv wurde ungehaltener und etwas ärgerlich. Lenja ging nicht darauf ein. Sie sprach zu ihr als würde sie für jemand anderen reden, der noch im Raum ist und nur hört, was sie sagt, so dass derjenige annehmen muss, das Liv um Hilfe fleht.

Ich hörte mit, wurde ärgerlich und nahm Liv das Handy einfach weg.

„Lenja du hast sie nicht alle. Höre auf, Liv zu manipulieren.“ „Du hast sie nicht alle, Wolfgang“ war Lenjas Antwort.“

Ich legte auf. Jetzt war Liv ärgerlich und sprach kein Wort mehr mit mir.

Dann klingelte das Telefon und Thoren nahm ab. Es entstand Anspannung auf der Raststätte, die wir angefahren hatten, weil alle eine Pause brauchten und weil an dem Telefonat mehr hing als wir erwartet hatten.

Thoren schien nicht mit Lenja zu sprechen. „Aber warum soll ich mein Kind zurückbringen? Ich bin der Vater und habe das halbe Sorgerecht.“ Wieder hörte er zu. Die anderen liefen entweder unruhig hin und her oder gruppierten sich um Thoren. In ihrem schweigenden Warten weilte eine Unruhe, die atmosphärisch den Raum einnahm.

„Ich habe mein Kind nicht entführt. Ich hole es nach Hause zurück.“

„Was soll das? Das kann doch nicht sein.“

Thoren war verzweifelt und die anderen wussten nicht, was los war. Es war fast so, als würden sie es Thoren von den Lippen ablesen wollen. Mit gestellter Ruhe klebten sie an ihm wie Kletten.

„Ja bis gleich. Ich warte.“

Dann legte er auf. Sein Gesicht verzog sich vor Wut und Verzweiflung. Er sah aus als ob er am liebsten etwas zerstören würde.

In diesem Moment hielt ein Van neben uns, es saßen vier Männer und zwei Frauen darin. Sie hielten, stiegen aber nicht aus.

Malvin spielte mit seiner Nichte. Ihre Spielfläche war der hintere Teil des Parkplatzes. „Es ist gut, dass Malvin mit ihr spielt“, dachte ich. Thoren erzählte: „Lenja ist bei der Polizei“. Er habe gerade mit dem Beamten gesprochen.

„Gegen uns läuft eine Fahndung. Wenn ich Schlimmeres vermeiden will, rät mir der Beamte, sollte ich Liv schnellstmöglich zurückbringen. Wenn ich es nicht mache, kann ich bis zu zwei Jahre in den Knast kommen.

Was soll das!“ Diese Worte drückte er durch seine zusammengebissenen Zähne, so als wünschte er, sie zu zermalmen. Dabei spannt er seine Muskulatur an wie beim Zerschmettern eines Gegenstandes. Es ist so ungerecht, dachte ich.

Väter haben keine Rechte. Er lief schnell hin und her und faltete die Hände, als würde er einen Rosenkranz beten.

Freya flehte in die Dunkelheit hinein und bat die guten Geister um Hilfe. Nadine war verzweifelt. Nur Malvin bewahrte anscheinend die Ruhe.

Das Handy klingelte wieder. Wieder legte er auf. Und wartete. Erneutes Anklingeln. So ging das eine Stunde.

Der Van stand immer noch da. Die beiden Frauen und einer der Männer waren ausgestiegen. Sie rauchten.

Jetzt sprach Thoren mit dem Jugendamtsleiter von M.

Das Jugendamt hätte die Inobhutnahme vorzunehmen, der Amtsleiter hatte frei. Im Jugendamt gibt es einen Notdienst. Aber in diesem Fall holten sie doch den Leiter von zu Hause. Die Geschichte war zu brisant. Lenja hatte eine Anzeige wegen schweren sexuellen Missbrauchs gemacht. Da wollte nicht irgendein Mitarbeiter entscheiden. Das musste von oberster Stelle geregelt werden.

Thoren sprach mit ihm. Er bat, flehte. Er sagte, dass es ein laufendes Sorgerechtsverfahren gibt und dass weder er noch Lenja derzeit das Aufenthaltsbestimmungsrecht haben. Die Obhut lag beim Jugendamt L.

Jetzt kam heraus, dass Lenja falsche Angaben gemacht hatte.

Sie hatte behauptet, das alleinige Sorgerecht für ihre Tochter zu haben. Sie konnte es aber nicht vorlegen.

„Wir sind kurz vor Braunschweig. Bitte lassen sie mir meine Tochter.“ Der Amtsleiter willigte ein unter einer Bedingung, dass Thoren am nächsten Tag sofort zum Jugendamt geht und sich dort meldet. Er sagt, er wolle ihm glauben und dass es eine Schande wäre, was er in seinen zwanzig Amtsjahren erleben musste. Es würde alles auf Kosten der Kinder gehen. Nur sie wären die Leidtragenden. Thoren stimmte zu. Erleichterung floss aus seinem Gesicht. Dankbarkeit drückte sich in seinen Worten aus.

Welch eine Freude. Wir durften weiterfahren. Mit Liv.

Es war amtlich. Geschafft!

Zu Hause mit Liv

Schlafen ist besser als Hetzen.

Deine Hände den tanzenden Derwischen gereicht.

Den Sternen dein Gesicht.

Herzen umlächelnd ganz leicht dein Mund in meine Augen spricht:

„Schlafen ist besser als alles.“

Kein Raum kann mich seitdem fassen.

Keines deiner Füßchen reicht mehr bis in meinen Morgen.

Liv schlüpfte in den Morgenstunden in mein Bett.

Draußen war ein kalter Novembertag. Es roch schon nach nahendem Winter.

Wie selbstverständlich Liv unter meine Decke krabbelte, sich anschmiegte und einfach weiterschlief. Mir kam das Bild eines Löwenbabys.

Ich fühlte mich auch wie ein Löwengroßvater. Beschützend und gleichzeitig stark und liebevoll. Ich war in meinem Herzen berührt. Dass sie so viel Vertrauen zu mir hat, dachte ich. Es fühlt sich einfach gut an.

Und als der Morgen durch die Fenster brach, wurden wir beide zur gleichen Zeit wach. Freya kam rein und meinte liebevoll: „Aufstehen, ihr Langschläfer.“

Na ja, und dann ging eben Livs Verzögerungsspiel los, von dem ich dieses Gedicht gemacht habe.

Aber es blieb nicht so. Darauf weisen die letzten drei Zeilen hin und dazu kommen wir später.

Es war ein wunderbarer und heiterer Morgen nach all dieser Anstrengung der letzten Wochen. Wir haben es so genossen. Alle Drei.

Nach dem Frühstück gingen Liv und ich mit Fly spazieren, unserer schwarzen Schäferhündin. Es hatte angefangen zu schneien und Fly jagte Schneeflocken.

Ich erzählte eine Geschichte, ich weiß allerdings nicht mehr welche. Es war ein bisschen wie Weihnachten im November. Die Welt war endlich still und im inneren Raum gab es Schutz und Liebe und Wärme.

Meine Seele genoss das weite schneeverhangene Feld, die kahlen Äste im Schleier dichter Flocken und das Kind, das neben mir ging.

Die Kinderseele entspannte sich in die Geschichte die ich erzählte, die sich verwob mit der weißen kühlen Luft dieses wunderbaren Vorwintertages.

Zu Hause wartete eine herrliche warme Badewanne auf Majurie, als es klingelte.

Ich nannte Liv manchmal bei Ihrem zweiten Namen. Majurie schmolz wie zarte Schokolade auf der Zunge. Ihn auszusprechen war ein besonderer Genuss.

Vor der Tür standen zwei Damen des Jugendamtes.

Frau Schütze, die bereits ein ganzes Arbeitsleben hinter sich hatte mit ihrer Assistentin Frau Hardenberg.

Beide wurden erwartet.

In der warmen Küche gab es Kaffee und Kuchen, den Freya großzügig auf den Küchentisch gestellt hatte. Der frische Bohnenkaffee roch herrlich und der Kuchen machte aus diesem Morgen etwas Besonderes.

Wir unterhielten uns über dieses und jenes, bis dann ziemlich schnell der Bogen zum eigentlichen Thema gespannt war - wie sollte es weitergehen mit Liv?

„Das Jugendamt L. hat zurzeit die Obhut“, erwähnte Frau Schütze und Frau Hardenberg und sie seien sich einig, dass es erst mal übers Wochenende für Liv am besten wäre, hier bei uns zu bleiben.

„Nächste Woche wird man weitersehen“, setzte sie nach.

Gemeinsam gingen die Damen mit mir und Freya fröhlich plaudernd in den ersten Stock, in dem Thoren ein Kinderzimmer eingerichtet hatte.

„Gemütlich haben sie es hier“, warf Frau Hardenberg ein, um auch mal etwas zu sagen.

Als sie gingen, waren sich alle einig. „Das Kind muss nach dieser langen Anstrengung erst einmal zur Ruhe kommen“, fasste Frau Schütze ihren Entschluss zusammen. „Dieses Wochenende sollen sich alle von den Strapazen erholen. Und bei deinen Großeltern ist dafür der richtige Platz.“ Dabei schaute sie Liv einen Augenblick mit großmütterlichem Blick an, war aber gleich wieder gefasst und hatte sich im Griff.

„Darf ich bei euch bleiben“, fragte Liv und gab dabei ihrer Oma einen Kuss der Erleichterung. „Ich will erst wieder zu Mama und Papa, wenn sie sich vertragen.

Solange will ich hier bleiben, bei Oma Freya.“

„Ja, du darfst bei uns bleiben“, schmunzelte Freya. Wie viele Male habe ich mich später für dieses haltlose Versprechen geschämt. Wie oft habe ich gedacht, hätte ich damals schon gewusst, was mir erst später klar wurde, es wäre anders verlaufen. Manchmal stellte ich mir vor, vielleicht um mich von meinen Selbstvorwürfen zu entfernen oder auch, um mich ein wenig zu trösten, dass es vielleicht doch eine Vorsehung gab und dass alles so kommen musste.

Lenja wurde aller Wahrscheinlichkeit nach als drei-jähriges, blond gelocktes Kind in Bolivien am Fluss sexuell missbraucht. Kaja erzählte dies einmal Freya und noch nach vielen Jahren war sie außer sich vor Verzweiflung.

„Freya“, weinte sie, „es ist so schlimm als wäre es gestern gewesen. Ich konnte mein Kind nicht schützen.“

Ihr Blick verlor sich in der Ferne, während ihr die Tränen wie Sturzbäche übers Gesicht liefen.

Kaja stand nachmittags vor unserer Tür. „Ich will Liv sehen“, schleuderte sie diesen einen Satz durch ihre zusammengepressten Lippen Freya mit zurückgehaltener Wut, entgegen.

„Das geht nicht, nicht an diesem Wochenende“, reagierte Freya sachlich höflich darauf. „Sie soll sich erst einmal ein wenig erholen.“ Kaja drehte sich um und ging. Ihre energischen schweigenden Schritte kündeten von erlebter Demütigung.

Nadine kam und spielte mit Liv. Rebecka klingelte eine Viertelstunde später. Es gab Geschichten und viel Lachen an diesem Freitag. Es war gemütlich und warm im Haus, während draußen Schneeflocken im Wind spielten. Thoren strahlte vor Glück, dabei verhielt er sich aber wie ein Beutetier, das den tödlichen Fängen der Raubkatze noch einmal entgangen ist.

Genau wie Lenja hatte auch er sich an die Besuchszeiten zu halten. Er durfte nicht in Rietberg schlafen.

Am gleichen Abend rief Lenja an. Sie war noch in Hahnheim.

Ich nahm ab und ermahnte sie, mit Liv nur über schöne Dinge zu sprechen. Im anderen Falle würde ich sofort auflegen. Ich erwartete eine Bestätigung von ihr. „Gib mir Liv“, zischelte sie als einzige Antwort in den Hörer.

Ich reichte schließlich das Telefon weiter, ohne meine Forderung zu wiederholen. Sie bemühte sich, die Vorgabe einzuhalten.

„Mama, ich mag nicht mehr telefonieren“, quengelte Liv nach fünf Minuten in den Hörer.

„Ist in Ordnung mein Kind“, antwortete Lenja mit gespielter Fürsorge, du wirst schon bald wieder bei mir sein, das verspreche ich dir.“ „Ja, Mama, ich bleibe aber jetzt erst einmal bei Oma und Opa“, kam als spontane Erwiderung.

Liv gab mir den Hörer zurück und ich erinnerte noch einmal an das was ich zu Anfang als Bedingung gestellt hatte und dass dies auch für künftige Gespräche gelte.

Lenja hörte nicht zu. Sie legte einfach auf.

„Guten Morgen meine Tochter, jetzt muss ich dich erst einmal wachkitzeln.“

Thoren kam an diesem Morgen neckend in Livs Zimmer. Er war in bester Spiel-Laune und sein Ärgern kam gut bei Liv an. In dem Moment klingelte das Telefon und damit sank die Stimmung wie ein Schiff im Sturm.

Die Luft im Zimmer wurde schwer, fast sichtbar. Lenjas süffisante Stimme segelte wie ein Geist im Wind leise in den Raum. Während sie anfing zu sprechen, stand Thoren vor Livs Bett und krempelte ihr gerade die Hosenbeine um.

„Papa, du hast so kalte Hände“, lachte Liv laut. „Oh, dass tut mir aber leid, mein Kind“, mischte sich Lenja mit gespielt besorgter Stimme dazwischen. „Ich hab ganz warme Hände“, betonte sie langgezogen. Ihre Unechtheit war mir peinlich und machte mich wütend. Ohne es auszusprechen, hatte sie damit alles gesagt.

Die Botschaft die rüberkommen sollte war „Papa tut dir schon wieder weh aber ich werde alles machen, damit du bald wieder in Sicherheit bist.“

„Wie kann man ein unschuldiges Kind dazu verführen, diesen einfühlsamen Vater mit Angst und Furcht zu sehen.“ Freya lauschte später entsetzt meinem Bericht des morgendlichen Anrufs.

Am Nachmittag saß Lenja mit ihrer Mutter Kaja beim Jugendamt in L. im Büro von Herrn Meyer und führte das Drama des sexuellen Missbrauchs auf. Ihr Kind sei in der Täterfamilie und der Vater missbrauche es, im Beisein des Großvaters höchstwahrscheinlich erneut. Er fasse es mit kalten Händen an. Gegen ihren Willen. Liv würde schreien. Sie habe es am Telefon selbst mitangehört und ihr versprochen, sie da rauszuholen. Sie gehe nicht eher bevor das Jugendamt handeln würde.

Eine Stunde später war Herr Meyer am Telefon, in Wochenendvertretung für Frau Schütze, sagte er und sprach mit mir. Er wäre in einer Stunde da. Liv solle dann soweit fertig sein. Er würde sie in einer Stand-by Familie unterbringen.

Wir waren alle fassungslos. Warum? Es war doch alles so gut! Warum? Dieses eine Wort floss wie böses Blut durch alle Räume und Köpfe und spuckte sich wie ein zäher unverdaulicher Brocken aus unseren Mündern.

Kurze Zeit später klingelte es an der Haustür. Herr Meyer stand davor, in Begleitung von Frau Hardenberg. Laut seiner Anweisung durfte Thoren nicht dabei sein. Schließlich erlaubte er es doch unter der Bedingung, dass Thoren für einen reibungslosen Ablauf sorgt. Welch eine hartherzige Maßnahme, dachte ich, schwieg aber.

Thoren ignorierte jeden eigenen Schmerz, solange er noch etwas tun konnte, um weiteren Schmerz von seiner Tochter abzuhalten.

Ich weinte an diesem Abend, allein in meinem Bett, um meinen Sohn.

Mein Herz fühlte sich an, als hätte es einen Riss bekommen.

Liv stand in der Küche und trampelte auf den Boden.

„Ich gehe nicht mit dem Jugendamt, ich will nicht“, schrie sie voller Zorn.

Ich fühlte mich zutiefst betroffen und bestürzt. Nadine liefen die Tränen wie Bäche über ihr Gesicht. „Es wird alles gut, ich verspreche dir das“, versuchte sie Liv zu beruhigen.

„Ich liebe dich“, gab Freya mit ganzem Herzen zu verstehen und war zerrissen zwischen Schmerz und Zorn.

Michael Meyer verschwand mit mir in meinem Büro.

Ich bat ihn um dieses Gespräch unter vier Augen.

„Wolfgang, sorge mit dafür, dass das ganze hier reibungslos verläuft, ohne größeres Drama. Das wäre das Beste für das Kind.“

Er sprach Livs Namen nicht aus. Er machte eine Sache daraus. Dann äußerte er sich in der geübten, flüssigen und an Metaphern reichen Ausdrucksweise, die ich von ihm noch aus der gemeinsamen Fortbildung kannte und von den paar Malen, als ich mit ihm beruflich zu tun hatte dazu, dass es keine Person in einer der Familien gäbe, die das Vertrauen beider Familien besäße und deswegen das Kind erst einmal aus dem Fokus ge-nommen werden müsste.

Ich gab zu bedenken, dass doch hier ein Ort für Liv sei, an dem sie erst einmal zur Ruhe kommen könne.

„Wolfgang, es gibt eine gemeinsame Klientel, an dem ich zum Wohle des Probanden arbeite.“ Dabei wurde seine Stimme laut und seine Augen sprühten vor Ungeduld.

„Liv ist doch keine Testperson, was soll denn hier getestet werden und wer ist die gemeinsame Klientel? Du redest wie ein Laborant. Das hier ist aber bittere Realität und ich glaube, es ist fatal, wenn du das verwechselst.“

„Das sind Haarspaltereien. Schließlich habe ich hier meinen Job zu machen und entweder du hilfst dabei, dass es ohne viel Geschrei und Probleme abläuft, in diesem Fall kann auch Thoren mithelfen oder ich mache es allein.“

Damals erfasste ich gar nicht, dass ich auf diese Drohung die Herausgabe des Kindes hätte verweigern können und niemand hätte dagegen etwas tun können.

Meine Angst war aber, dass Herr Meyer mit der von ihm auch noch angedrohten Polizei zurückkommen würde, und dass das die Situation für Liv unvergleichbar schlimmer gemacht hätte.

Nichts half. Ich war so verzweifelt, dass das Gespräch völlig erfolglos blieb und ich nichts für meine Enkeltochter und meinen Sohn tun konnte. Während wir in meinem Büro waren, stand Freya mit Frau Hardenberg in der Küche, sie sahen beide aus dem Fenster hin zu Thoren, der neben seinem Wagen, weil er sich laut Anweisungen von Herrn Meyer dem Haus nicht nähern durfte, hinten am Feldrand stand. Freya fragte Frau Hardenberg immer wieder: „Warum?“ Warum wurde die Abmachung, die zwischen Frau Schütze, ihr und uns getroffen wurde, jetzt so grausam verändert?

Warum? Was ist geschehen? Frau Hardenberg zuckte immer wieder die Schultern, sagte, sie kenne den Grund nicht, sie wisse nicht, warum Liv jetzt gehen muss. Sie wirkte betroffen.

Das Telefon klingelte und Thoren war dran. Er sprach mit Herrn Meyer.

“Unter der Bedingung, dass Sie mithelfen, das Kind ohne größeres Drama ins Auto zu bringen, dürfen Sie kommen.“ Thoren kam und sagte, dass er sogar bereit wäre zuzustimmen, dass seine Tochter zur Mutter kommt, wenn es ihr dadurch besser gehen würde. „Das spricht für sie Herr Otto“, meinte Herr Meyer, und es wird sich positiv in meiner Bewertung über sie niederschlagen.

Welch eine verlogene Floskel das doch aus zweierlei Gründen war, aber davon später.

Nadine saß mit Liv, sie war mittlerweile einge-schüchtert und wirkte apathisch, in Freyas Zimmer auf der Couch. Sie redete besänftigend auf sie ein. Freyas Zimmer war ursprünglich das Wohnzimmer, der Mittelpunkt des Hauses. Von der Energie her war es noch das Zentrum. Es brachte den Raum in eine unglückliche Spaltung. Zum einen für Freya, die dadurch nie ein abgegrenztes Zimmer für sich beanspruchen konnte, weil immer alle hier fernsehen wollten, zum anderen für die, die nicht wussten, wo sie sonst zusammen sitzen sollten.

Nun standen sie an der Zimmertür, Herr Meyer und Frau Hardenberg. Thoren ließ sich mit seinem Kind auf dem Arm von seiner Schwester in die Stiefel helfen.

Liv klammerte sich flehend an ihn. Zuletzt versteckte sie ihren Kopf in seiner Halsseite, mit aufgegebenem Blick und getrockneten Tränen auf ihren Wangen.

„Eine Lektion für Frau Hardenberg, schauen und lernen“, richtete Herr Meyer seine Worte an uns. Frau Hardenberg lächelte kurz und verlegen, ihr Gesicht wurde ernst und sie sah erschüttert aus.

Fassungslos über die Brutalität, mit der das Jugendamt hier handelte, waren auch Freya, Nadine und ich. Liv wurde geopfert, aber für was? Alle schauten dem fahrenden Auto hinterher, jeder für sich mit dem Gefühl, versagt zu haben.

Die Verhandlung

Drei Tage später fand die Verhandlung vor dem Amtsgericht in D. statt. Stellvertretende Richterin für die Familienrichterin, die im Urlaub war, war Frau Dr. Stitzenbach, eigentlich Richterin für Zivilrecht.

„Familienrecht braucht Fingerspitzengefühl und Einfühlungsvermögen“, waren bei einem früheren Treffen die Worte unserer Anwältin. „Klarblick durch Fachwissen und Kompetenz. Verhandlungen in Sachen Familienrecht finden immer unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt.“

Ich lief den Gang vor dem Gerichtssaal auf und ab, war müde und aufgeregt zugleich. Noch einmal ging ich durch was ich sagen würde, sofern es dazu kommen sollte und sie mich hereinriefen.

Heute muss ich belächeln, wie naiv wir damals noch daran glaubten, dass es in einer solchen Verhandlung um das Wohl des Kindes geht. Ich glaubte damals, dass meine fachliche Meinung zählen könnte. Da glaubte ich auch noch, dass in Gerichtssälen Recht gesprochen wird. Oder sagen wir besser, ich hatte nie darüber nachgedacht. Ich war in dieser Hinsicht noch unerfahren und grün hinter den Ohren.

Zweieinhalb Stunden verstrichen. Währenddessen saßen ein Teil von unseren Freunden, die zur Verhandlung mitgekommen waren um Thoren Mut zu machen, im „Fritz“, ein Restaurant gegenüber dem Gerichtsgebäude, in dem frische Küche und guter Kaffee angeboten wurden. Die anderen liefen in der ungemütlichen Winterkälte vor dem großen grauen Bauwerk herum.

Ich stand immer noch vor dem Sitzungssaal, als sich in einem Moment die große Flügeltür öffnete und Lenja heraus und weinend an mir in Richtung Toiletten vorbeistürmte. Kaja befand sich im Foyer, sah sie in die andere Richtung laufen und eilte ihr hinterher. Ich beachtete sie nicht weiter, stand vor der halb offenen Flügeltür und versuchte, Thoren zu sehen. In dem Moment drängte sich Michael Meyer vor. Er baute sich vor mir auf und sprach in selbstgefälliger Überheblichkeit eine Drohung, an mich gerichtet, aus.

„Wenn man mich zu Hause stört, fasst man an ein Starkstromkabel. Ich möchte nie wieder, dass du mich zu Hause anrufst!“ „Ich habe dich nicht angerufen, sondern meine Frau und wir sind zwei verschiedene Menschen. Jetzt mach mir Platz, ich möchte meinen Sohn sprechen“, schleuderte ich ihm spontan entgegen ohne ihn dabei auch nur eines Blickes zu würdigen.

Michael Meyer trat mit einer Stirnfalte inmitten seiner Nasenwurzel einen Schritt zur Seite. Er verliert nicht gerne, das war klar. Er hatte soeben eine narzisstische Kränkung erfahren.

Freya hatte ihn am Sonntag, einen Tag zuvor, angerufen um ihn zu fragen, wie es Liv in der Pflegefamilie gehe.

Es gab nach der dramatischen Aktion der „Herausnahme des Kindes“, wie es trocken im Amtsdeutsch heißt, keine Informationen, wie es ihr ging, keinen Trost und keine Antworten für uns. In diesem Schmerz hoffte Freya, sich durch den Anruf am Sonntag Linderung zu verschaffen.

Da es sich um seinen Privatanschluss handelte, empfand er es als Verletzung seiner Privatsphäre. Ich hatte seine Nummer von der Teilnehmerliste der Mediations –Fortbildung, die wir gemeinsam vor einem Jahr absolviert hatten.

Dann kam endlich Thoren auf mich zu und ich drängte ihn zu erzählen, was in der Verhandlung rausgekommen ist. „Liv wird vorerst in der Pflegefamilie bleiben, solange bis ein psychologisches Gutachten, das bei dem renommierten norddeutschen Gutachterbüro Keltzenberg in Auftrag gegeben wird, erstellt wurde.

Außerdem solle es noch eine Anhörung bei Frau Meyer-Tessler, einer Polizeibeamtin geben, die auf den Missbrauch von Kindern spezialisiert ist.“

Sein Erzählen klang wie das Vorlesen eines Gerichtsbeschlusses. Dabei war es, als ob er mit einem lachenden und einem weinenden Auge sprach.

Liv kam zwar nicht zu ihm, Lenja durfte sie aber auch nicht wieder in das entfernte Hahnheim mitneh-men.

Von Anfang an gab es eine innere Spannung, die Thoren und uns in ständige Bewegung versetzte. Überaktionismus heißt das juristische Schimpfwort da-für. Für die Betroffenen ist es einfach nur der Versuch, den seelischen Schaden für das Kind möglichst gering zu halten, die Entfremdung aufzuhalten und zu verhindern, dass das Kind nicht in die Mühlen von Gerichten gelangt, die langsam die filigranen Flügel der Kinderseele und die Bindung zum Vater zermahlen.

Alles Leid von einem werdenden Menschen abzuhal-ten, das einen krüppeligen knorrigen Ast in den sich entfaltenden Geist der Liebe rammt und ihn nachhaltig im Wachstum stört, sollte die Aufgabe von liebevollen Erwachsenen sein, die Kinder betreuen.

Unsere Familiengerichte sind darauf nicht vorbereitet.

Rational und ohne Gefühl ist die Krücke, auf die sich unser Familienrecht stützt und versucht, Recht zu sprechen. Eine Rationalität ohne Emotionen gibt es aber überhaupt nicht und der Versuch verfälscht zwangsläufig die Wirklichkeit. Wazlawik sagte einmal, man kann nicht nicht-kommunizieren.

Ich behaupte, dass man auch nicht nicht-emotional sein kann. Allenfalls erstarrt und das meint, dass Emotionen von gewaltigen Ausmaßen wie Verzweiflung, Frust-ration, Ohnmachtsgefühle und das Aushalten von struktureller Gewalt und Ungerechtigkeit darin eingeschlossen sind. Könnte das im Umkehrschluss vielleicht heißen, dass wir von einem Rechtssystem regiert und kontrolliert werden, welches emotional schwer gestört ist?

Der Leser mag meinen emotionalen Überkocher entschuldigen. Dass ich ihn schon vorzeitig an einer Stelle einwerfe, an der noch gar nicht deutlich zu erkennen ist, warum ich so wütend auf unsere Familienrechtsprechung bin.

Ich weiß halt schon, wie es weitergeht und beim Schreiben hat es mich gerissen, wie man in Bayern sagen würde.

Thoren bemühte sich um Aufklärung. Er kämpfte, um schnell alles zu Ende zu bringen. Er liebte, stolperte und schlug sich den Kopf an. Es war ihm egal.

Zwei Tage waren seit der Gerichtsverhandlung vergangen, als das schriftliche Urteil in der Küche von Freya vorgelesen wurde, ein Verbrechen an der Liebe und Unschuld eines Kindes.

„Um von einer Kindswohlgefährdung abzusehen, soll das Kind wieder zur Mutter zurück, so Frau Dr. Stitzenbach. In dieser schweren Zeit der Urteilsfindung soll Liv wenigstens einen Elternteil behalten. Zum Va-ter darf es Telefonkontakt geben, um die Bindung zu ihm soweit aufrecht zu halten, dass keine weitere Ent-fremdung eintritt, bis der Verdacht auf sexuellen Missbrauch entweder ausgeräumt oder bestätigt wird. Zweimal im Monat soll ein begleiteter zweistündiger Umgang stattfinden. Ein 30-minütiges tägliches Telefonat wird der Mutter auferlegt zu gewährleisten.“

Beim Vorlesen des nach zwei Tagen geänderten Beschlusses, ohne einen ersichtlichen Grund, weiteten sich Thorens Augen wie bei einer beginnenden Schockstarre.

Angst und Beklemmung breiteten sich auch in uns aus.

Empörung und ein Schwall von Worten kamen aus Freyas Mund, um sich Luft zu machen und um wieder die Fassung zu finden.

Es gelang nicht. Es konnte nicht gelingen. Von jetzt an und für eine lange Zeit.

Wir würden keine Stimme nach außen haben. Wir würden aber eine brauchen. Wir würden ebenfalls keine Stimme nach innen haben. Auch dafür würden wir eine brauchen. Eine kraftvolle, offenbarende nach außen und eine tröstende und Gewissheit tragende nach innen. Einen Halt in unserer Not und einen Rufer für die Gerechtigkeit. Eine Stimme für künftig betroffene Väter und deren Familien.

Und in diesem Moment der Zentrierung und Verzweiflung kam Freya ein Gedanke wie ein Messer in einer eingesperrten Festung. Ein Messer mit dem man in Felssteine Löcher kratzen kann, in der Hoffnung, eines Tages die Sonne wieder zu sehen. „Wir schreiben alles auf“, sagte sie zuversichtlich. „Alles! Jedes Telefonat, jeden Kontakt.“ Wir anderen sagten nichts. Wir nickten nur.

„Okay!“ Damit beendete ich die Stille. „Dann lass uns Telefonprotokolle schreiben.“

Die Telefonprotokolle sind wortgetreue Gedächtnis-protokolle, die unmittelbar nach den Telefonaten aufgeschrieben wurden.

15 Jahre später

Liv erzählt

Dies ist meine Geschichte. Und zugleich ist es auch die Geschichte meines Vaters und meiner Großeltern.

Sie wurde mir als Kind angetan. Als ich noch klein und wehrlos war. Und sie wurde mir angetan von Menschen, die über meine Zukunft entschieden. In einem sauberen Land, in dem es für alles ein Gesetz gibt und in dem die Seele eines Kindes weniger wiegt als das Recht der Bürger auf Ordnung.

Dies ist ein Vorzeigeland, in dem das Gesetz oft über das Wohl von Menschen gestellt wird.

Heute bin ich in meiner Zukunft angekommen, und ich muss den Müll vergangener Generationen in mir besei-tigen.

Vielen geht es so in diesem Land und jeder hat eine andere Art des Abfalls in sich zu entsorgen. Doch nach außen läuft alles bestens, in diesem Sauberland.

Auf meinem Weg gab es Menschen, die mir schlimmes angetan haben und die dabei vorgaben, doch nur das Beste für mich zu wollen.

Und es gab Menschen, die mitbetroffen waren und die sich nicht scheuten, unauslöschbare Spuren in sich hinzunehmen.

Sie kämpften einen scheinbar vergeblichen Kampf.

Heute weiß ich aber, dass dieser Kampf nicht umsonst gekämpft wurde.

Denn es wird eine andere Zukunft geben und in der wird der Kampf von gestern der Friede von heute werden.

Dieser Kampf wurde nicht mit Waffen gekämpft, sondern mit dem Herzen.

Und mit Worten. Mit Worten aus Gefühlen.

Ich habe versucht, meine Geschichte zu verstehen. Ich habe versucht, ihr einen Sinn zu geben. Einen Teil dazu trugen die Telefonprotokolle bei, die Aufzeichnungen aller Gespräche in der Zeit, in der mir mein Vater und meine Großeltern alles aufschrieben, was zwischen ihnen und meiner Mutter und meiner anderen Groß-mutter und ihrem Mann telefonisch gesprochen wurde.

Die meisten aufgezeichneten Gespräche fanden aber zwischen meinem Vater und mir statt. Sie haben mir sehr geholfen, zu verstehen.

All dem einen Sinn zu verleihen, gelingt mir nach wie vor nicht.

Ich kann aber aus tiefstem Herzen spüren, dass es Liebe gibt.

Und ich weiß, dass mich das getragen hat und mich weiterhin tragen wird. Ich würde sie für keinen Sinn tauschen.

1875 wurde eine alte Frau in London verhaftet, weil sie einem Kind die Augen ausgestochen hatte, damit es erfolgreicher betteln konnte.

Allerdings wurde sie nicht wegen Körperverletzung bestraft.

Ihr Vergehen war ein Eigentumsdelikt. Es war nicht ihr Kind.

Bis dahin gab es den Begriff Kindheit nicht.

Prolog

Meine liebe Liv, draußen toben die Herbststürme und die Luft ist kühl und frisch.

Wenn Ahorn und Birke, Eiche und Buche ihre bunten Blätter dahingeben und sie sich ohne Widerstand treiben lassen, ist es schön zu sehen, wie sie dem ewigen Gesetz der Veränderung folgen.

Das Leben lebt sich weiter und weiter und Zukunft wird zur Gegenwart.