Lockdown Luck Down - Matthias Engelhardt - E-Book

Lockdown Luck Down E-Book

Matthias Engelhardt

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Beschreibung

Corona Weltuntergang! Und Michael Ritter mittendrin: Mit der globalen Plage Sars-CoV-2 bricht eine ganz persönliche Pechsträhne über den Moderator von Rocking Radio herein. Sein einziger Lichtblick zwischen repressiven Gesundheitsaposteln und sendungsbewussten Verschwörungspredigern ist die unverhoffte Bekanntschaft mit einer lebensfrohen Krankenpflegerin. Doch dann gerät Michael in eine Mordserie an den Mitgliedern einer Outlaw-Motorradgang. Wenigstens verfügen die Biker über starke Abwehrkräfte … Mit satirischem Witz zeichnet Matthias Engelhardt ein treffsicheres Porträt der Lockdown-Wochen im März/April 2020 - jener Anfangsphase der Corona-Krise also, in der sich unser aller Leben veränderte. Dies ist eine Geschichte für alle, die dabei gewesen sind. Und vielleicht für diejenigen, die später einmal nachempfinden möchten, wie sich das angefühlt hat: das Leben in der Corona-Pandemie. Dies ist eine Geschichte aus dem Zentrum des Sturms. »Sehr lustig, intelligent und zugleich ein toller Abriss dieser seltsamen Zeit, derer wir gerade Zeuge werden. Dazu eine irre Story mit einem sympathischen Antihelden.« (Deadline - Das Filmmagazin)

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Seitenzahl: 365

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Matthias Engelhardt

Oder: Rocking the Corona-Apocalypse

Ein humoristischer Pandemie-Roman

INHALTSTOFFE

Das Buch

Der Autor

Beipackzettel

Prolog

Erster Teil: Lockdown

On Air

Tage wie dieser

The End Is Near

My Home, My Castle

Shitstorm und kein Klopapier

Revier 13

Die Bonnie Situation

Der Himmel kann brennen

Gespräch unter Männern

Die Erlkönige

Bonnie Is Over the Ocean

The End Is immer noch Near

Interludium I

Zweiter Teil: Luck Down

Nichts passiert

Knall auf Fall

28 Hours Later

Eiserner Kerl

Wenn aus Statistiken Menschen werden

Interludium II

Dritter Teil: Rocking the Corona-Apocalypse

Birthday for One

Schönen Gruß, auf Wiedersehen

Schließende Türen und aufgehende Fenster

Bunker Buddies

Roll of Roses

Bunker Brothers

Es ist immer der Gärtner

Showdown

Der Hügel der Könige

Off Air

Epilog

Bonusmaterial

Kartenmaterial

Metal Mikes Corona-Playlist

Michael Ritters Programmkino

Michael Ritters Lektüreliste

Quellen der Weisheit

Radiologie

Outlaw-Biker-Sprech

Corona-Krise: Chronologie der Ereignisse 2020

Die Corona-Krise 2020 in Zahlen

Matthias, was hast du dir dabei gedacht?

Danke für die Musik

1. Auflage, März 2021

© Matthias Engelhardt, Nürnberg

c/o autorenglück.de, Franz-Mehring-Str. 15, 01237 Dresden

ISBN

978-3-347-25870-9 (Paperback)

978-3-347-25871-6 (Hardcover)

978-3-347-25872-3 (E-Book)

Lektorat und Redaktion

Susanne Jauss (www.jauss-lektorat.de)

Titel-Illustration

Zlatko Strovjanovski (Metatron Studio)

Umschlaggestaltung

Leah-Maria Jacob, unter Verwendung von Bildmaterial von Jennifer Wagner (delmiaco design studio)

Kapiteltrenner und Kartenmaterial

Leah-Maria Jacob

Autorenfoto

Marina Kleber

Verlag und Druck

Tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg(www.tredition.de)

Diese Publikation enthält Links auf Webseiten Dritter. Der Autor übernimmt für deren Inhalte keine Haftung, da er sich diese nicht zu eigen macht, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweist.

Alle Inhalte sind urheberrechtlich geschützt. Keine Wiedergabe, auch nicht in Auszügen, ohne schriftliche Genehmigung des Autors. Alle Rechte vorbehalten.

DAS BUCH

Corona Weltuntergang! Und Michael Ritter mittendrin: Mit der globalen Plage Sars-CoV-2 bricht eine ganz persönliche Pechsträhne über den Moderator von Rocking Radio herein. Sein einziger Lichtblick zwischen repressiven Gesundheitsaposteln und sendungsbewussten Verschwörungspredigern ist die unverhoffte Bekanntschaft mit einer lebensfrohen Krankenpflegerin. Doch dann gerät Michael in eine Mordserie an den Mitgliedern einer Outlaw-Motorradgang. Wenigstens verfügen die Biker über starke Abwehrkräfte …

Mit satirischem Witz zeichnet Matthias Engelhardt ein treffsicheres Porträt der Lockdown-Wochen im März/April 2020 – jener Anfangsphase der Corona-Krise also, in der sich unser aller Leben veränderte.

Dies ist eine Geschichte für alle, die dabei gewesen sind. Und vielleicht für diejenigen, die später einmal nachempfinden möchten, wie sich das angefühlt hat: das Leben in der Corona-Pandemie. Dies ist eine Geschichte aus dem Zentrum des Sturms.

»Sehr lustig, intelligent und zugleich ein toller Abriss dieser seltsamen Zeit, derer wir gerade Zeuge werden. Dazu eine irre Story mit einem sympathischen Antihelden.«

(Deadline – Das Filmmagazin)

DER AUTOR

Matthias Engelhardt (Jahrgang 1980) studierte Theater- und Medienwissenschaft sowie Neuere deutsche Literaturgeschichte. Er verfasst Kurzgeschichten und Lyrik für eigene Literaturprogramme, mit denen er seit 2004 auf die Bühne geht. Lockdown Luck Down ist sein Debütroman.

Der gebürtige Reutlinger ist Miteigentümer und Veranstaltungsleiter eines Unternehmens, das europaweit Stadtrallyes entwickelt und durchführt (www.cityhunters.de bzw. www.mycityhunt.de).

In seiner Wahlheimat Nürnberg betreut er dreimal jährlich das Fantasy Filmfest (www.fantasyfilmfest.com), das wichtigste Filmfestival für Thriller, Horror, Science-Fiction und Fantasy im deutschsprachigen Raum, und schreibt für Deadline – das Filmmagazin (www.deadline-magazin.de).

Seine Leidenschaft für harte Rockmusik lebt er als Moderator bei Rockin’ Radio (www.rockin-radio.de) aus sowie – normalerweise – in den ersten Reihen von Konzerten und Festivals.

Tatsächlich ging ihm während der Corona-Krise kein einziges Mal das Toilettenpapier aus – obwohl er ausschließlich Bücher, Platten und Filme hamsterte.

www.facebook.com/MatthiasEngelhardtOfficial

www.instagram.com/MatthiasEngelhardtOfficial

Für alle, die dabei gewesen sind.

BEIPACKZETTEL

Ich weiß nicht, was richtig ist. Ich weiß nicht, ob die Maßnahmen, die Politiker auf der ganzen Welt verordnen, richtig sind. Bekommen sie damit wirklich die Krise in den Griff, die mit dem Auftauchen von Sars-CoV-2 ihren Anfang nahm, jenem Virus, das landläufig auf den Namen Corona hört und die Atemwegserkrankung Covid-19 auslöst? Oder befeuern sie die Krise vielmehr, indem sie die Wirtschaft und das öffentliche Leben lahmlegen? Betreiben sie verantwortungsvolles Krisenmanagement oder taktisches Wahlkampfmanöver? Und muss das eine das andere ausschließen?

Ich weiß nicht, welchen Experten, die so zahllos vor die Fernsehkameras geschleift werden und sich in den sozialen Medien kundtun, ich zuhören soll. Wer hat tatsächlich eine Ahnung und fundierte Kenntnisse – und wer pflegt nur seine Profilneurose? Schwer zu sagen in einer Zeit, in der die Prognosen von gestern heute schon wieder obsolet geworden sind.

Dies alles einzuordnen und zu bewerten, wird die Aufgabe kommender Generationen sein.

Ich weiß nur, dass ich wie so viele das Virus und vor allem seine Folgen für unser aller Leben unterschätzt habe. Als im Januar 2020 die ersten Fernsehbilder aus Wuhan, jener Metropole, in der das Virus erstmals medienwirksam auftrat, auf unsere heimischen Bildschirme schwappten und acht Millionen Einwohner unter Hausarrest sowie eine verwaiste Innenstadt zeigten, dachte ich noch: Eine ganze Stadt unter Quarantäne zu stellen – das geht auch nur in einem Staat wie China. Wie sollte ich ahnen, dass vergleichbare Bilder nur zwei Monate später sintflutartig aus der ganzen Welt gesendet würden – auch aus meiner Stadt. Wie heißt es so schön? Mit einem Mal ist nichts mehr, wie es war. Wie hätte ich jene ernst nehmen sollen, die von Anfang an vor diesen Auswüchsen warnten? Es waren dieselben, die uns 2019 erzählt hatten, der Klimawandel würde uns alle umbringen. 2018 brachten die Flüchtlinge das Ende des Abendlandes. Davor war niemand vor islamistischen Terroristen sicher gewesen; dann gab es die Schweinepest und die Vogelgrippe. Nicht zu vergessen das todbringende Acrylamid in unseren Bratkartoffeln. An allem sollten wir alle elendig zugrunde gehen. Bliblablubb.

So galt Corona für viele – auch für mich – als die nächste Auflagen stärkende Sau, die durchs multimediale Dorf getrieben wurde. Was hatten mir meine Eltern als Kind immer gesagt? »Schrei nicht um Hilfe, wenn du keine brauchst. Sonst kommt keiner mehr, wenn du wirklich in Not bist. « Tja, das hätten sie mal den Privatsendern erzählen sollen und all jenen Wichtigtuern, die regelmäßig ihre Social-Media-Kanäle mit den neuesten Verschwörungstheorien befüllen. Aber wer weiß … Hätten die Politiker ohne die Marktschreier jemals diese drastischen Maßnahmen verordnet, und wäre dann diese Pandemie einfach wieder verschwunden, wie es jede jährliche Grippewelle tut? Hätte es ohne die Panikmacher die Krise vielleicht niemals gegeben? Oder hätte uns eine Todeswelle nie gekannten Ausmaßes überrollt?

Dieses Buch liefert keine einfachen Antworten.

Dieses Buch ist keine Chronik und auch keine wissenschaftliche Aufarbeitung der Ereignisse.

Dies ist eine Geschichte für alle, die dabei gewesen sind. Und wer weiß, vielleicht auch für diejenigen, die später einmal nachempfinden möchten, wie sich das damals angefühlt hat: das Leben inmitten der Corona-Pandemie, die innerhalb von drei Monaten den gesamten Erdball und rund acht Milliarden Menschen erfasst hat.

Die Geschichte spielt innerhalb von vier Wochen im März und April 2020, also in der Zeit, in der in der Bundesrepublik erstmalig strenge Ausgangsbeschränkungen herrschten. Sie selbst und die darin handelnden Figuren sind frei erfunden. Alles andere, insbesondere die Kapitelzitate und der Corona-Newsticker, entspricht den tatsächlichen Begebenheiten.

Dies ist eine Geschichte aus dem Zentrum des Sturms. Viel Vergnügen!

Der Autor, Dezember 2020

PROLOG

Der Große Mann schloss die schwere Eisentür hinter sich. Was jetzt in dem fensterlosen und schalldichten Raum mit der nackten, von der Decke baumelnden Glühbirne passieren sollte, war nichts für seinen edlen Zwirn und die schicken Echtlederslipper. Er schob den Riegel vor und lauschte. Er brauchte nur einen Moment zu warten, dann drang das Aufheulen der Maschine zu ihm heraus. Und die Schreie, oh ja, die Schreie … Ein Schauer lief ihm über den langen Rücken, nicht unwohlig. Er atmete einmal tief durch, dann nahm er die Treppe hinauf ins Erdgeschoss. Unwillkürlich musste der Große Mann lächeln. »Die Show möge beginnen.«

ERSTER TEIL: LOCKDOWN

ON AIR

»We have made the assessment that Covid-19 can be characterized as a pandemic.«

(Tedros Adhanom Ghebreyesus, Generaldirektor der Weltgesundheitsorganisation (WHO), in einer Pressekonferenz – 11.03.2020)

Ihr hört die Rocking Radio Midnight Show mit dem Besten in Sachen Rock: Wir spielen harte Musik für harte Kerle – und Kerlinnen, denn wir sind genderneutral! Die nächsten fünf Stunden mit mir, Metal Mike!«, kündigte sich Livemoderator Michael Ritter euphorisch an. Mit festem Stand, geradem Rücken und offenem Blick sprach Michael ins Mikrofon. Es hing eine Handbreit von seinem Mund entfernt in einer komplizierten Vorrichtung über der elektrisch höhenverstellbaren Arbeitsplatte mit dem blinkenden Mischpult. Den Poppschutz zierte das geschwungene Senderlogo.

»Es ist kurz nach Mitternacht, und wieder haben wir einen Tag in der Apokalypse überlebt! Geht es euch auch so? Fühlt ihr euch auch wie mitten in einem dieser Filme, die euch eure Eltern immer verboten haben? In denen die letzten Überlebenden auf der Suche nach den allerletzten Vorräten rücksichtslos alles und jeden niedermachen? In denen sich die letzten Widerständler in ihren Kellerlöchern verkriechen, aus Angst vor der ansteckenden Seuche – um dann doch noch kurz vor dem Abspann abzukratzen? Schlaue Kritiker haben ja über Endzeit- und Zombiefilme schon immer zu schreiben gewusst: Hier geht es nicht um Untote, die alles massakrieren – diese Filme sind Gedankenspiele darüber, wie sich die Gesellschaft in Extremsituationen verhält. Und hey, Zombies, die Menschen durch einen Biss ebenfalls in Zombies verwandeln, sind nichts anderes als hoch ansteckende Virenschleudern. Wie heißt das noch mal auf Neudeutsch? Genau: Superspreader! Und in der Folge geht die Weltwirtschaft den Bach runter. Für Jugendschützer bleiben unsere Filme natürlich übertriebener Schund. Ich aber sage euch: Die Jugendschützer haben unrecht, Die Nacht der lebenden Toten geht noch nicht weit genug! Ja, schaut doch in die Supermärkte, was schon ein kleines Virus aus uns ach so zivilisierten Menschen macht. Und die Amis kaufen tatsächlich alle Waffenläden leer!«

Michael drückte auf einen leuchtenden Knopf und spielte so eine kurze Tondatei ab: einen krachenden Pistolenschuss.

»Aber alles in allem bin ich doch enttäuscht von diesen Film gewordenen Prophezeiungen. Was haben sie uns erzählt? In Die Nacht der lebenden Toten streiten sie sich um ein Radiogerät, und Mad Max kämpft um Treibstoff. Setzen wir also alles daran, den Informationsfluss und unsere Mobilität aufrechtzuerhalten? Pustekuchen! Tatsächlich schlagen wir uns um – Klopapier. Macht auch irgendwie Sinn: Wenn die Welt am Arsch ist, will der Mensch wenigstens ordentlich kacken können.«

Michael lachte innerlich auf. Er wusste schon, was sein Senderchef Tom jetzt sagen würde: »Ausdrucksweise, Michael, Ausdrucksweise! Es hören auch Kinder zu.« Das hielt Michael angesichts seiner Sendezeit mitten in der Nacht für unwahrscheinlich. »Und viel wichtiger: Werbekunden und -kundinnen! Und noch etwas: Three – Element – Break. Drei – einfache – Informationen! Der Sendername, dein Name, der nächste Song. Keine Romane! Unsere Hörenden wollen Rockmusiker und -musikerinnen hören, keine Prediger und Predigerinnen.« Ja, dieses Moderatorenmantra würde sich Tom genauso wenig verkneifen wie seine genderneutralen -innens und -ndens.

Und genauso wenig würde sich Michael seine Mikrofonmonologe verkneifen! Er war nicht Radiomoderator geworden, um alle zehn Minuten sagen zu dürfen: »Ihr hört Rocking Radio auf der 106.5 mit Metal Mike, und das sind Metallica mit Enter Sandman.« Nein. Wenn er meinte, etwas zu sagen zu haben, dann wollte er es sagen! Und das, ohne dass ihm jemand ins Wort fallen oder – noch schlimmer – widersprechen konnte. Deshalb liebte er auch seine Nachtschicht: Selbst der Senderchef war schon lange nach Hause gegangen und konnte nicht mehr mahnend durch die Studioscheibe blicken. Toms Tirade würde Michael erst morgen bevorstehen: Die allwöchentliche Analyse der Airchecks, also der Aufzeichnungen der Wortbreaks seiner Moderatoren (und Moderatorinnen!), ließ sich Tom selbst in diesen Zeiten nicht nehmen.

Doch morgen war morgen. Und jetzt war Michael noch nicht fertig: »Hey, The Walking Dead war mal meine Lieblingsserie! Aber inzwischen ist sie mir viel zu realitätsfern. Ständig schicken sie da eine Delegation los, Vorräte aufzutreiben, Medikamente, Batterien, so was eben. Manchmal plündern sie auch Bibliotheken. Aber auf die Anweisung ›Riskiert euer Leben für eine Rolle Scheißhauspapier< könnt ihr lange warten. Und wisst ihr, wen ich wirklich vermisse auf unseren Straßen? Den unrasierten Zausel mit dem Pappschild The End Is Near vor dem nackten Oberkörper! Der darf ja in keinem Endzeitszenario fehlen.«

Michael machte eine kurze Kunstpause, um das Bild des Endzeitpredigers in den Köpfen seiner Hörer Gestalt annehmen zu lassen.

»Aber wofür habt ihr mich, meine sehr verehrten Rocking Radio-Hörenden und -Hörendinnen, euren Metal Mike?« Er ließ die Frage für einen Moment im Raum stehen und gleichzeitig seine Verballhornung der politisch korrekten Gendersprache wirken. »Wenn es schon kein anderer tut, werfe eben ich mich entsprechend in Schale!« Er riss sich das Jeanshemd auf und präsentierte ein Band-Shirt von Metallica in die Webcam, die in der linken oberen Studioecke angebracht war und das Geschehen auch visuell in die Welt hinaustransportierte. Der zerschlissene Stoff zeigte die verblassten vier biblischen Reiter der Apokalypse, die in einem Feuerwall über kriechende Verdammte hinweggaloppierten.

Three-Element-Break, ertönte irgendwo in Michaels Kopf Toms Stimme.

»Und wofür habt ihr Rocking Radio? Für euren ganz persönlichen, inoffiziellen Soundtrack zum Ende der Welt! Ihr hört Rocking Radio auf der 106.5 mit Metal Mike, und das sind Apocalyptica mit Live or Die. Und möge die Nacht mit euch sein!«, sprach Michael seine bekannte Catch Phrase auf das Intro des ersten Titels seiner Mitternachtssendung. Dann stellte er das Mikrofon auf stumm. Die finnischen Klassikrocker von Apocalyptica preschten auf ihren Celli los, doch Michael regelte die Studiolautsprecher runter und ließ sich in den Sessel sinken. Er liebte die Ruhe, die sich in den Nachtstunden über die Räumlichkeiten des Senders legte. Das hektische Treiben der Tagesredaktion konnte ihm schnell zu viel werden, besonders in letzter Zeit, in der die neuesten Corona-Katastrophenmeldungen quasi im Minutentakt über die Ticker hereinbrachen. Jetzt war er ganz allein hier im obersten Stockwerk eines Versicherungsturms, das Rocking Radio gemietet hatte, und genoss die Aussicht über die Großstadt, die sich unter ihm ausbreitete. Er musste jedes Mal grinsen, wenn er Filme sah, die im Radiomilieu angesiedelt waren: Immer lieferte sich der Moderator hitzige Wortgefechte mit seinem Techniker. Als wenn irgendein Privatsender das Budget für einen zweiten Mann im Studio hätte! Nein, er fuhr seine Technik selbst: schaltete sein Mikro auf on und off, spielte die Songs ab, startete die vorbereiteten Werbeblöcke und streute von der Tagesredaktion produzierte Beiträge ein. Keine große Sache – und genau so mochte er es.

Es war kurz vor fünf, als Michael den Heimweg antrat. Zuvor hatte er noch die Studiotechnik desinfiziert, den Poppschutz abgenommen, um ihn zu Hause unter fließendem Wasser zu reinigen, und das Mikro schließlich an die Crew der Morning Show übergeben. Von seiner Sendung war er noch so aufgedreht, dass die Erschöpfung noch nicht in ein Bewusstsein vordrang. Er spazierte nach Hause, er hatte es nicht allzu weit. Ihm schien, als wäre dies die einzige Zeit des Tages, in der sich die Welt noch genauso anfühlte wie zuvor: Auch vor dem Ausbruch von Sars-CoV-2 Ende 2019/Anfang 2020, jenem Virus also, das die hoch ansteckende Atemwegserkrankung Covid-19 (landläufig: Corona) auslöste, waren um diese Uhrzeit die Straßen wie leer gefegt gewesen. Vereinzelte Polizeistreifen hatte es auch früher schon gegeben. Irgendjemand musste ja die Alkoholleichen aufsammeln, die herausgestolpert kamen aus daen Absturzkneipen, die die Sperrstunde auch mal großzügiger auslegten. Aufgrund der eingeschränkten Ausgangssperre, die sämtliche Bundesländer erlassen hatten, musste nun allerdings auch er damit rechnen, angehalten und kontrolliert zu werden. Dazu brauchte es keine Alkoholfahne oder einen wankenden Gang. Deshalb war Michael vorbereitet: In der Brusttasche seiner Lederjacke hatte er sie sicher verwahrt, die

»Bescheinigung des Arbeitgebers

zur Vorlage bei einer Ausgangssperre

Hiermit bestätigen wir, dass

Herr Michael Ritter

wohnhaft in [das tut hier nichts zur Sache]

an seinem Arbeitsort unabkömmlich ist und nicht von seinem Wohnort aus arbeiten kann, um seiner beruflichen Tätigkeit nachgehen zu können. Die Arbeitszeiten des oben genannten Arbeitnehmenden sind üblicherweise folgende: Mi.-So. von 19-5 Uhr.

Bei Nachfragen stehen wir gern zur Verfügung.«

Das Schreiben trug noch den Firmenstempel und Toms unleserliche Unterschrift.

»Tja, hätten die Leute mal von sich aus auf die Appelle von oben gehört. Jetzt haben wir den Salat«, schimpfte Michael vor sich hin. Ihm war klar, weshalb die Politiker gemeint hatten, die strenge Ausgangssperre verhängen zu müssen: »Scheiß Corona-Partys!«

Michael sinnierte noch ein wenig über die Unvernunft dieser Spezies – ob er damit das gemeine Volk oder die Politiker meinte, war er sich selbst nicht sicher –, als er in den Ausläufer des Volksparks einbog, der unweit seiner Wohnung lag. Er passierte gerade eines jener Schilder, die Fußgänger mittels Piktogramm an den empfohlenen Mindestabstand von eineinhalb Metern erinnern sollten und von der Stadtverwaltung an zahllosen Straßenlaternen angebracht worden waren.

Da sah er es: Im fahlen Licht der Lampe, das auf den gekiesten Weg und eine Hecke fiel, lag – er musste genauer hinschauen, um sich zu vergewissern – ein Bein. Michael trat näher heran. Das Bein, das in einer engen schwarzen Lederhose mit Beinschnürung steckte, führte in die Hecke hinein. Er schob ein paar Zweige zur Seite und erblickte im schwachen Nachtlicht, das fast völlig von Zweigen, Ästen und Laub geschluckt wurde, eine männliche Gestalt, die dort auf dem Bauch lag. Michael kniff die Augen zusammen im vergeblichen Versuch, genauer sehen zu können. Er meinte, eine Lederweste über bloßen fleischigen und schwer tätowierten Armen zu erkennen.

Michael glaubte, genau zu wissen, womit er es hier zu tun hatte. »Hey, Alki, aufstehen!«

Keine Regung.

Er seufzte, nahm einen kleinen Ast und stieß den vermeintlich Betrunkenen in die Seite.

Keine Regung.

Verdammt, das war ernst. Er holte sein Mobiltelefon heraus, und die Taschenlampen-App offenbarte weitere Details der Szenerie: das aufgenähte Emblem eines hiesigen Motorradclubs auf der Weste des Mannes sowie zahlreiche Abschürfungen und Wundmale an dessen Handgelenken. Noch ein wenig näher kämpfte sich Michael durch das dichte Gestrüpp an die Person heran. Und stürzte sofort wieder rückwärts aus der Hecke: Dem Mann fehlte der Kopf!

Nur mit größter Willensanstrengung gelang es Michael, seinen Vieruhrsnack bei sich zu behalten. Hektisch schaute er um sich. Weit und breit war niemand zu sehen, er war allein. Er kämpfte den Schock beiseite. Aber dann fiel ihm auf, dass er sein Handy bei dem Toten fallen gelassen hatte. Verdammt! Bei der Vorstellung, noch einmal dort hineinzukriechen, drohte sein Magen wirklich zu rebellieren. Doch was blieb Michael anderes übrig?

Mit eiserner Willenskraft schleppte er sich zurück an die Seite des Mannes. Das helle Licht des Geräts zeichnete den Schatten des Rumpfes auf das über ihm hängende Laub. Das Telefon war unter den Nacken des Mannes gerutscht – oder vielmehr unter das, was davon noch übrig geblieben war.

Ausgerechnet! Michael holte tief Luft, hielt den Atem an und kroch im Zeitlupentempo näher. Nun streckte er vorsichtig – vorsichtig! – die Hand aus … und befreite mit einem plötzlichen Ruck das Gerät aus seiner vorübergehenden Ruhestätte. Erleichtert stieß er die angehaltene Luft aus – und erschrak erneut. Eine Kreuzspinne musste es sich auf dem Telefon gemütlich gemacht haben und flüchtete nun wie in Panik Michaels Arm hinauf! Reflexartig schlug er nach dem Gliedertier. Hatte er es getroffen? War es weg? Michael wusste es in der Dunkelheit nicht zu sagen. Zur Sicherheit streifte er mit der freien Hand seinen Arm sowie Beine und Oberkörper ab.

Dann fiel sein Blick wieder auf den Toten. Und nun begann die angeborene Neugier des Medienmannes, die Oberhand zu gewinnen. Michael erlaubte sich, genauer hinzusehen. Der Schnitt war über dem Kehlkopf durch den Hals gegangen, aber keineswegs glatt: Der Halsstumpf wies fransige und schwer mitgenommene Hautlappen auf. Auch das Ende der Halswirbelsäule, das ein kleines Stück aus dem Torso herausragte, war schwer in Mitleidenschaft gezogen. Blut war keines zu sehen, und es stach Michael auch kein Übelkeit erregender Verwesungsgeruch in die Nase. Dafür hatten Ameisen den Oberkörper als ihre neue Straße erobert. Eine Kreuzspinne – seine Kreuzspinne? – krabbelte in den offenen Hals hinein, wohl um dort ihre Eier abzulegen. Michael zog sich aus dem Gebüsch zurück und atmete tief durch, als er wieder unter der Parklaterne stand. Er wusste, was er zu tun hatte.

Michael griff nach seinem Mobiltelefon und suchte die Nummer heraus, die er für alle Fälle eingespeichert hatte. »Ich möchte melden, dass ich eine Leiche im Volkspark entdeckt habe«, sprach er in den Messengerdienst. »Das muss in die Sechs-Uhr-Nachrichten, Tom. Schreibst du mit? Also: › Grausiger Leichenfund in der Nordstadt: Ein Spaziergänger fand heute am frühen Morgen im Volkspark einen toten Mann. Er habe diesen in einer Hecke liegend vorgefunden, in unmittelbarer Nähe zum Parkeingang in der Goethestraße, gab der Spaziergänger der Polizei zu Protokoll. Unser Redakteur Michael Ritter ist vor Ort. ‹ – Den Aufsager spreche ich dir gleich noch extra ein. Das noch: › Rocking Radio bleibt für euch an der Sache dran! ‹«

Michael ließ das Mikrofonsymbol los und wartete, bis die Audionachricht verschickt war. Dann drückte er erneut darauf, um den angekündigten Originalton nachzuliefern, den die Nachrichtenredaktion zur Illustrierung der Meldung abspielen sollte: »Ein solches Bild des Schreckens erleben selbst die dienstältesten Kriminalermittler und -ermittlerinnen nur selten. Dem Toten muss der Kopf mit größter Gewalteinwirkung abgetrennt worden sein. Das Fehlen von Verwesungsspuren und der relativ exponierte Fundort dürften dafür sprechen, dass der Tod nur wenige Stunden vor dem Fund eingetreten ist. Michael Ritter für Rocking Radio.«

Mit seinen Vermutungen hatte sich Michael etwas weit aus dem Fenster gelehnt, er war schließlich kein Gerichtsmediziner, aber dafür waren Konjunktive schließlich da. Kein Grund, das Gesagte weniger Aufmerksamkeit heischend zu formulieren. Denn er war vielleicht kein Gerichtsmediziner, aber definitiv Privatradioprofi! Deshalb schob er noch einmal die Zweige zur Seite und schoss mit seinem Smartphone ein Foto des Toten. »Für Social Media. Ich bleib dran«, tippte er in das Nachrichtenfeld des Messengerdienstes und schickte die Meldung gemeinsam mit dem Schnappschuss an Tom. Dann atmete er noch einmal tief durch, machte den Rücken gerade, dass es knackte, und wählte die 110.

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Corona-Newsticker:

+++ Covid-19 ist auch ohne Symptome besonders ansteckend. +++

+++ Impfgegner sagen Großdemo ab – wegen Corona. +++

+++ München: Mann leckt Fahrkartenautomat und U-Bahn-Haltegriffe ab. Er filmt seine »Corona-Challenge« fürs Internet. +++

+++ Superspreader-Event? 3.500 als Schlümpfe verkleidete Personen treffen sich in Westfrankreich – Weltrekord! +++

+++ Corona-Angst auf Lesbos: Die Organisation Ärzte ohne Grenzen fordert Räumung von Flüchtlingslager. +++

+++ Gier und Versagen in Ischgl: Skiort in Österreich gilt als Corona-Hotspot Europas. +++

+++ Baltimore: Bürgermeister mahnt zu Verzicht auf Waffengewalt. Corona-Patienten brauchen Krankenhausbetten. +++

+++ Wegen Corona-Pandemie nimmt die Bundesrepublik vorerst keine Flüchtlinge mehr auf. +++

+++ Britisches Gesundheitssystem steht vor Kollaps. +++

+++ Erntehelfer gesucht. +++

TAGE WIE DIESER

»Ich hab Wäsche gewaschen. Sonst hab ich heut nichts Interessantes gemacht.«

(Zoë Schafft, Medizinische Fachangestellte, in Selbstisolation – 24.03.2020)

Flööööt-Trööööööt-Törööölööööööt!

Michael schreckte aus dem Schlaf hoch.

Fiiiiep-Huuuuuuup-Dengelenggggg!

Der Funkwecker zeigte 10.24 Uhr an.

»Nein, nein, bitte nicht schon wieder«, stöhnte Michael auf. »Seid doch bitte still! Einmal ist das ja ganz lustig, aber jeden verdammten Tag … Das hält doch der härteste Kerl nicht aus!«

Sein Aufschrei verhallte ungehört. Dafür vernahm er durchs geschlossene Fenster umso eindringlicher schiefe Flöten, blecherne Trompeten, kratzende Fiedeln, taktbefreite Schellenringe und was sonst noch in normalen Zeiten in den Rumpelkammern der Republik vor sich hin verstaubte. Und dann kam Gesang.

» Nein, da bin ich nicht dabei! Nein, das ist nicht prima! Verrecke, Colonia!«, fluchte Michael verzweifelt gegen das Hinterhofbalkonkonzert an. »Diese verfickten Höhner haben uns den ganzen Dreck doch eingebrockt!«

Tatsächlich hatte die erste deutsche Stadt mit explosionsartig auftretenden Corona-Fällen in Nordrhein-Westfalen gelegen. Das Bundesland hatte Ende Februar sämtliche Großveranstaltungen in den Karnevalshochburgen stattfinden lassen. Dies der Kölner Spaßmusikgruppe Die Höhner anzukreiden, griff genauso zu kurz, wie die Entscheidung der Landesregierung vorzuwerfen, aber das war Michael egal. Er wollte, nein, musste schlafen! Er hatte eine anstrengende Fünf-Stunden-Livesendung hinter und die nächste Nachtschicht vor sich. Von dem aufreibenden Fund des kopflosen Toten und der nicht allzu erfreulichen Begegnung mit den Ordnungshütern ganz zu schweigen.

Wenige Minuten nach seinem Notruf war eine Streife gekommen und hatte seine Aussage nebst Personalien aufgenommen. Im Gegenzug hatte er versucht, einen O-Ton für die nächsten Nachrichten zu bekommen. Doch als er dem wortführenden Polizisten sein Handy mit der gestarteten Aufnahme-App entgegenhalten wollte, schaute der ihn nur mit strengem Blick an. Auch die Beamtin, die ihn begleitete, war wenig auskunftsfreudig. Weitere Fotos des Geköpften zu schießen, wurde ihm ebenfalls unmöglich gemacht: Zusätzliche Beamte spannten weiträumig mannshohe Planen als provisorischen Sichtschutz und versagten Michael jeglichen Zugang. Verdammt, war er nun die Presse oder nicht!?

Langsam wurde es hell, und die ersten Spaziergänger tauchten mit ihren Hunden im Park auf. Sie drängten sich um die Absperrung und erschwerten es Michael dadurch zusätzlich, brauchbares Bildmaterial zu ergattern. Diese Aasgeier! War diesen Gaffern denn nicht bewusst, dass die Ausgangsbeschränkungen verboten, sich an einem Ort stehend oder sitzend aufzuhalten? Falls ja, war es ihnen gleichgültig, und die Beamten, zu denen sich inzwischen die Kollegen von der Spurensicherung gesellt hatten sowie ein stattlich gebauter Kriminaler mit Sonnenbrille, der augenscheinlich das Kommando übernommen hatte, waren mit Wichtigerem beschäftigt, als den Erlass durchzusetzen.

Schließlich war es neun Uhr dreißig, als Michael völlig entkräftet in seiner kleinen Zweizimmerwohnung ankam. Er schaffte es noch, sich all seiner Klamotten zu entledigen und sie in den Wäschekorb zu stopfen. Nur das geliebte Metallica-Vintage-Shirt hängte er mit spitzen Fingern auf einen Bügel. Das Leibchen der Prozedur einer Maschinenwäsche auszusetzen, stand außer Frage: Mit den Tourdaten von 1984 war es eine Rarität und ging bei Internetauktionen zu horrenden Preisen über den virtuellen Ladentisch! Auch wenn er selbst die Tour nicht besucht hatte – dafür war er mit seinen vienddreißig Jahren viel zu jung –, hielt er es in besonderen Ehren. Kurz vor neun schließlich war Michael auf die Ausziehcouch gefallen und hatte an nichts mehr gedacht.

Das jedoch schien seinen Nachbarn gleichgültig zu sein. Sie applaudierten sich gegenseitig, lachten und droschen auf selbst gebastelte Rhythmusinstrumente ein. Irgendwo setzte eine verstimmte Akustikgitarre ein.

»Jodel-Jodel-Jodel-Jodelyeeee«, klang es dazu aus Dutzenden – oder Tausenden? – von Kehlen. Michael presste sich das Kissen auf die Ohren. Vergebens. Gegen die Stimmbandakrobatik von Marion Salominovic von oben hatten drei Kubikmeter zusammengepresste Gänsedaunen keine Chance. Über den gejodelten Nachbarschaftschor legte sie die erste Strophe eines alpenländischen Gassenhauers in österreichischem Dialekt – oder zumindest das, was sie dafür hielt. Wie auf zahlreichen Straßenfesten bewies Marion auch jetzt: Sie kannte nicht nur jeden Hit der letzten zwanzig bis drölfzig Jahre – sie kannte auch jeden Text. Alle anderen kannten immerhin den Volks-Rock’n’Roll-Jodelrefrain:

»Jodel-Jodel-Jodel-Jodelyeeee!«

»Aufhören!!! Ich habe mir doch nicht meinen wohlverdienten Skiurlaub verbieten lassen, dass ihr mich jetzt doch mit Après-Ski-Mucke foltert!«

Scheinbar doch. Und hackte da jetzt wirklich jemand auf die Tasten eines Akkordeons ein!?! Die Quetschkommode gab den Leuten Anlass, den Titel ein zweites Mal zu schmettern – und anschließend ein drittes Mal. Wieder applaudierte sich die Menge selbst, bereit, sich nun einem weiteren Stück Musik zuzuwenden. Na ja, wenigstens konnte es nicht noch schlimmer kommen.

Doch. Es konnte. Besonders inbrünstig stimmte Marion den nächsten Allerweltshit an.

»O-ho, O-hoooooooooo«, setzten alle, die den Song kannten, im Chor mit ein – und jeder kannte Atemlos von Schlagerchanteuse Helene Fischer.

»Ja, ihr ohohohot mich auch.« Michael kam langsam, aber sicher der Verzweiflung nahe. »Nicht genug, dass wir den Italienern ihre ganzen Nudeln wegfressen, jetzt müssen wir auch noch ihre Balkonarienidee schänden!!!«

Italien hatte es zu Beginn der Pandemie besonders hart getroffen, entsprechend hatte das Land als Erstes in Europa eine Ausgangssperre verhängt. In der Folge waren Anfang März 2020 Onlinevideos viral gegangen, die Italiener auf ihren Balkonen zeigten, wie sie gemeinsam musizierten. Nicht nur das Corona-Virus, auch diese Praxis hatte den Weg nach Deutschland gefunden – und genau in Michaels Hinterhof.

Als nun die unterschiedlichsten Tonlagen zum wiederholten schiefen Male Fischers Refrain zelebrierten, hatte Michael genug. Verzweifelte Zeiten verlangten nach verzweifelten Maßnahmen!

Er sprang aus der Kissen- und Bettdeckenburg heraus, die er vergebens um seine Gehörgänge aufgetürmt hatte, hetzte atemlos ins Arbeitszimmer, riss die Stereoanlage vom Regal, schloss den Strom in der zum Wohn-/Schlafzimmer hin offenen Küche an, enterte so splitterfasernackt, wie er war, den anliegenden kleinen Balkon und brüllte:

»Spürt, was  mit euch macht!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!«

Die Boxen richtete er in den Innenhof, drehte den Lautstärkeregler auf zehn – und drückte mit einem aufkeimenden Gefühl der Genugtuung auf die Taste des Verderbens: Play!

Augenblicklich donnerte die kalifornische Thrash Metal-Institution Slayer in Orkanstärke in den Hinterhof. Michael headbangte wie ein Derwisch, riss die Arme mit ausgestreckten Zeige- und kleinen Fingern nach oben, sprang auf den knapp drei Quadratmetern herum wie Rumpelstilzchen auf Speed und grölte den Text mit. Der war bei ihm noch weniger zu verstehen als bei Slayer-Frontschreihals Tom Araya. Buhrufe drangen zu ihm herüber, was ihn jedoch nur dazu animierte, die Lautstärke noch eine Stufe höher zu drehen. Er selbst legte ebenfalls eine Schippe drauf und packte die Luftgitarre aus: Kerry King hatte gerade zu seinem Trommelfell zerschneidenden Gitarrensolo angesetzt. Michael Metal Mike Ritter ließ seinen Kopf in schwindelerregendem Tempo um die Halswirbel kreisen, die Fliehkräfte zogen seine Haare einem wirbelnden Wischmopp gleich im Uhrzeigersinn durch die Luft – und Klein-Metal-Mike sechzig Zentimeter weiter unten propellerte in die entggengesetzte Richtung.

Nach markerschütternden vier Minuten und fünfzehn Sekunden fand Raining Blood mit dem berühmten Gewitterhörspieleffekt sein Ende. Michael öffnete die Augen. Er stand aufrecht. Schweiß rann ihm den Rücken hinunter. Er atmete tief ein und noch tiefer aus. Die frei gewordenen Endorphine ließen ihn die Schmerzen im Nacken vergessen.

Die benachbarten Balkone waren wie leer gefegt. Nur im dritten Stock ihm direkt gegenüber stand Rentner Alfons Schicker über seinen Gehstock gebeugt, den Beatmungsschlauch in der Nase, und schüttelte vorwurfsvoll den Kopf.

Triumphal ballte Michael die Fäuste. »Mission accomplished!« Mit diesen Worten drehte er sich um hundertachtzig Grad um die eigene Achse und präsentierte Alfons sein in der Vormittagssonne leuchtendes Hinterteil.

»Und jetzt ab ins Bett!«

Er baute die Anlage wieder ab, brachte sie an ihren angestammten Platz im Arbeitszimmer zurück und nutzte die Gelegenheit, sich von seinem Blasendruck zu erleichtern. Fast schon automatisch schweifte sein Blick über den Vorrat an Toilettenpapier. Seine Kurzinventur zählte eine letzte Rolle. »Da besteht wohl Handlungsbedarf«, sprach er zu sich selbst, spülte, wusch sich ausgiebig die Hände und begab sich zurück zu seiner Schlafcouch, die ihm als Sofa und im ausgezogenen Zustand als Bett diente. Nicht, dass er es noch jeden Tag der Mühe wert fand, die Schlaffläche wieder einzufahren, geschweige denn, das Bettzeug zu verräumen. Michael ließ sich in jedem erdenklichen Sinne erleichtert in die Kissen fallen. Sanft Einschlafius, der Schutzheilige der Erschöpften und Bettlägerigen, hatte ihn wieder! Er seufzte selig, als er die Augen schloss.

Draußen zählte jemand ein: »Und jetzt alle: Tage wie diese! Äh wonn, äh tuu, äh wonn-tuu-srie-foor!«

An Tagen wie diesen wünschte sich Michael alles, nur keine Unendlichkeit. Ihm blieb nichts anderes übrig als die Kapitulation. Die Toten Hosen – das war jetzt echt zu arg.

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Corona-Newsticker:

+++ Bundesregierung untersagt Saisonarbeitern die Einreise. +++

+++ Petition gestartet: Zwei Hamburger Schüler verlangen Absage der Abiturprüfungen. +++

+++ Indien bestraft Verstöße gegen die Ausgangssperre mit einer Geldbuße oder einer Gefängnisstrafe von bis zu sechs Monaten. +++

+++ Neuer Joker bei Quizshow Wer wird Millionär? Der Grund: Die neuen Folgen werden ohne Publikum produziert. +++

+++ Die Pest von Albert Camus ist ausverkauft. +++

+++ Österreich: Versammlungen von mehr als fünf Personen sind verboten. +++

+++ Hoffnungsspender: Zahlreiche europäische Radiosender spielen zeitgleich die Mutmachhymne You’ll Never Walk Alone. +++

+++ Bundeskanzlerin Angela Merkel negativ auf Corona getestet. +++

+++ Als eines der letzten Länder in der arabischen Welt meldet auch Syrien seinen ersten Corona-Fall. +++

+++ Schweden: Ministerpräsident rechnet mit Tausenden Todesfällen. +++

+++ Wirtschaftsinstitut erwartet fallende Mietpreise. +++

+++ US-Flugzeugträger: Mehr als 500 Soldaten Corona-positiv. +++

+++ Das nordrhein-westfälische Heinsberg ist Corona-Hotspot. +++

+++ Österreich stellt das Tiroler Paznauntal unter Quarantäne. Betroffen sind die Skigebiete Galtür, Ischgl, Kappl und See. +++

+++ Welthungerhilfe warnt vor Existenzvernichtungen in Entwicklungsländern. +++

THE END IS NEAR

»Hört auf, medizinische Handschuhe in der Öffentlichkeit zu tragen. Das ist eine hygienische Sauerei großen Ausmaßes.«

(Dr. Marc Hanefeld, Allgemeinmediziner, via Twitter – 05.04.2020)

Michael saß am Küchentisch und mümmelte lustlos sein Müsli in sich hinein. Die Augenringe hingen ihm bis in die Kniekehlen, aber immerhin hatte er ein probates Mittel gegen das Musikfestival vor seiner Balkontür gefunden: Die Bluetooth-Ohrstöpsel waren mit seiner Anlage verbunden, die ihm eine Best-of-Zusammenstellung der New Yorker Extreme Death Metaller Cannibal Corpse auf die Trommelfelle hämmerte. Genau das, wonach Michaels geschundene Seele jetzt verlangte! Chris Barnes grunzrülpste sich die ultrabrutalen Lyrics von Hammer Smashed Face aus dem Leib, Drummer Paul Mazurkiewicz rumpelte einen Veitstanzrhythmus, der Bass von Alex Webster bebte in Erdkerntiefe, Bob Rusay und Jack Owen definierten auf ihren Gitarren das Wort Spieltempo neu.

Wie in Zeitlupe führte Michael den Löffel mit der breiigen Milch-Haferflocken-Masse vor den Mund. Öffnete ihn. Schob den Löffel hinein. Zog den leeren Löffel wieder heraus. Kaute. Schluckte schwer. Die Kontraktion des Musculus hyoglossus quälte die zähe Pampe die Speiseröhre hinunter. Parallel dazu explodierten die Stromgitarren in ein wahnwitziges Soloduell. Michael ließ den Löffel zurück in die noch halb gefüllte Schüssel sinken. Langsam füllte sich das Besteck und beschritt den Weg Schüssel-Mund-Schüssel ein weiteres Mal.

Kaffee. Geistesabwesend goss sich Michael die fünfte Portion Filtergebräu in die Tasse mit dem Aufdruck »Rocking Radio – das Beste für Deutschland in Sachen Rock«. Sie war ihm an seinem ersten Arbeitstag als Begrüßungsgeschenk überreicht worden.

Nachdem er sie ausgeschlürft hatte, stellte er sie gemeinsam mit der nicht zur Gänze geleerten Müslischale in die Spüle, die bereits mit anderem schmutzigen Geschirr überfüllt war, gähnte und wankte ins Bad. So richtig wollte das Koffein seine Wirkung nicht entfalten. Noch immer die Stöpsel in den Ohren, wusch er sich den Schlaf aus den Augen. Es war Zeit! Zeit, seinen Vorrat an Toilettenpapier aufzufüllen. Er tauschte den speckigen Bademantel gegen alltagstaugliche Klamotten, darunter ein frisches Band-Shirt. Der Schriftzug »Arch Enemy« der schwedisch-US-amerikanischkanadischen Melodic Death Metal-Formation prangte über dem Skelettreiter mit der Sense, und der Rückenaufdruck verkündete: »My Apocalypse Is Near«. Michael nahm die Ohrhörer heraus, brach Cannibal Corpses Icepick Lobotomy ab und trennte das Handy vom Ladekabel.

Corpse … Die Ereignisse des frühen Morgens drängten sich in seine Erinnerung. Mal schauen, was Tom auf seine Newsmeldung geantwortet hatte. Doch da war keine Nachricht seines Chefs. Sicher war in der Redaktion wieder die Hölle los. Dafür zeigte sein Messengerdienst neunundfünfzig neue Meldungen in einem Gruppenchat an.

»Unfassbar, was der sich herausnimmt! [Zorn-Emoticon]«

»Echt ey! [Kotz-Emoticon] Wen isch dem seine Frese blicken tu will isch einschlagen digga [Axt-Symbol]«

»Meine kleine Freja-Sophie hat eine halbe Stunde lang nicht aufgehört zu weinen [Rotz-und-Wasser-heul-Emoticon]«

»Voll das asoziale Arschloch [Flammen-Symbol]«

Irgendwie beschlich Michael das dumpfe Gefühl, dass es sich in dieser Diskussionsrunde der Gruppe »Nachbarn – einer für alle, alle für einen« um ihn drehte …

»Ach Leute was regt ihr euch so auf? Mich hat er heute nicht überrascht. Der Ritter war doch nie anders. [Glotzböbbel-Emoticon]«

Ja. Es drehte sich definitiv um ihn.

»Warum wohnt der [dreimal Kackhaufen-Symbol] eigentlich noch hier?«

Und Tom meinte, er, Michael, hätte eine nicht gesellschaftsfähige Ausdrucksweise .

Im Schnellverfahren scrollte er über die nächsten wenig charmanten Posts hinweg – bis:

»Aber sein Hintern ist schon ganz schön knackig [Herzaugen-Emoticon]«

Den Shitstorm, der im Folgenden über Simone Somins hereinbrach, tat sich Michael nicht mehr an. Er packte das Smartphone in seine Lederjacke und trat ins Treppenhaus. Von unten hörte er eine gut gelaunte Stimme vor sich hin singen, irgendetwas über Berg’sche Gefühle, die zu schweigen hätten. Kein Zweifel: Marion Salominovic kam ihm entgegen. Und eine Begegnung war unausweichlich.

»Lalalala, summsummsumm – oh … du!«, unterbrach Marion ihre ganz eigene Interpretation der Schlager-Edelschnulze. Sie verharrte auf dem Podest zwischen den beiden Stockwerken und sah zu Michael herauf, der ebenfalls stehen geblieben war. Ihre Miene verdüsterte sich. »Michael, weißt du eigentlich, wie arrogant und selbstbezogen du bist?!«

Der Angesprochene antwortete nicht. Er hielt die Frage ohnehin für eine rein rhetorische.

»Kommst du eigentlich auch mal aus deiner Blase raus, du Arsch, und merkst, wie es anderen Menschen geht!?«

Michael setzte zu einer halblauten Gegenstrategie an. »Deine Tochter, Marion. Sag doch nicht solche Worte vor ihr.«

»Oh doch, sie soll ruhig wissen, wie man Menschen«, sie legte alle Verachtung in dieses eine Wort, »wie dich nennt.«

Marions Fünfjährige drängte sich schüchtern an das Bein ihrer Mutter. Diese kam jetzt erst so recht in Fahrt. »Es ist für alle schwer, nicht nur für einen nichtsnutzigen Langschläfer, der meint, mit seinem Teufelskrach die Welt noch schlechter machen zu müssen, als sie es ohnehin schon ist! Von Musik kann bei diesem Geschrei ja keine Rede sein.«

Michael wollte etwas entgegnen, als schon die nächste Schimpftirade über ihn herniederging. »Siehst du nicht, wie wichtig unser gemeinsames Musizieren für uns alle ist? Gerade für die Älteren! Die sind ganz allein, bekommen schon seit Wochen keinen Besuch mehr, und selbst können sie ja nicht raus. Hast du nur den Hauch einer Ahnung, wie sehr sie ihre Kinder und Enkel vermissen?«

Wieder hätte Michael ganz gern etwas erwidert, doch er kam nach wie vor nicht zu Wort – und das wollte etwas heißen!

»Auch meiner Carolin tut es gut, einmal vor die Tür zu kommen, und wenn es nur die Balkontür ist. Sie darf ja nicht mehr mit ihren Freundinnen aus dem Kindergarten spielen. Und dann kommst du daher und verlangst, dass sie sich nicht mit ihrer kleinen Plastiktrommel austoben darf! Oder wie sollen wir deine Eskapade da vorhin verstehen? «

Wieder wartete sie keine Antwort ab, sondern schoss gleich die nächsten Fragen hinterher. »Bei uns geht mal ein Ton daneben? Der Rhythmus ist mal nicht im Takt? Wen verdammt noch mal interessiert’s?!? Außer so einen miesepetrigen Eremiten wie dich, der anderen ihre einzige Freude madig machen muss. Lass dir etwas gesagt sein, Herr Ritter«, sie kniff die Augen zum vernichtenden Endschlag zusammen und zog die Lippen kraus, »deine immerwährende Negativität kotzt uns alle an.«

Das saß. Doch das konnte sich Michael nicht anmerken lassen. Stoisch entgegnete er: »Bist du fertig, oder kommt noch was?«

»Und ob da noch was kommt«, donnerte ihm Marion entgegen. »Lass uns gefälligst vorbei! Siehst du nicht, dass das schwer ist?!?«

Im Stechschritt stürmte sie ihm auf der Treppe entgegen, ihren proppevollen Einkaufskorb wie einen Schutzschild – oder eher wie einen Rammbock? – vor sich hertragend und Carolin hinter sich herziehend. Als sie auf seine Höhe kamen, drückte sich Michael an die Hauswand, während sich Marion am Geländer entlangquetschte, den Rücken so weit wie möglich nach hinten durchgebogen, das bleich gewordene Mädchen zwischen den Beinen. Bei einer Stufenbreite von achtzig Zentimetern den vorgeschriebenen Mindestabstand von eineinhalb Metern einzuhalten, hatte etwas von Ringelpietz anti Anfassen …

Michael warf dabei einen unwillkürlichen Blick auf Marions Besorgungen. Als sie an ihm vorüber war, richtete er doch noch das Wort an seine Nachbarin. »Ich bin auch auf dem Weg zum Einkaufen. Ich sehe, du hast kein Klopapier. Soll ich dir welches mitbringen?«

Marion drehte sich auf dem Absatz um und warf ihm einen vernichtenden Blick zu. »Jetzt wohl auch noch Komiker, oder was!?«

Michael hob beschwichtigend die Hände, er hatte es tatsächlich nur gut gemeint. Doch das sah Marion schon nicht mehr. Sie war bereits die letzten Stufen zu ihrer Wohnung hochgehetzt und hatte die Wohnungstür hinter sich zugeschlagen.

Dann eben nicht, aber vielleicht hatte sie sich jetzt ja abreagiert. Michael versuchte, die unangenehme Begegnung abzuschütteln, und verließ das Haus. Er passierte gerade den Holzverschlag für die Mülltonnen, als sein Handy durch die Jackentasche vibrierte. Antwortete Tom ihm jetzt endlich bezüglich seiner Newsmeldung?

»Der Ritter ist so was von anmaßend! Bin diesem [Fluchsymbol-Emoticon] gerade im Treppenhaus begegnet. Nicht nur, dass er meint, ich wäre nicht in der Lage, für meine Familie zu sorgen – jetzt schreibt er mir auch noch vor, wie ich mit meiner Carolin zu reden habe!«

Was darauf folgte, war eine wahre Flut an Emoticons und Symbolen, die nicht näher beschrieben werden müssen. Nein, Marion hatte sich noch nicht abreagiert. Und so trat Michael aus der Gruppe »Nachbarn – alle gegen einen« aus.

Michael trat auf die Straße hinaus. Er setzte sich gerade in Richtung Park in Bewegung, da schoss ein kleiner Junge, vielleicht acht Jahre alt, an ihm vorbei und auf die Tür eines Mehrfamilienhauses auf der gegenüberliegenden Straßenseite zu. Er konnte ihm gerade noch ausweichen, als eine mit Einkaufstüten bepackte Frau – offensichtlich die Mutter – um die Ecke gebogen kam. »Timo«, schimpfte sie dem Dreikäsehoch hinterher, »du weißt doch, dass der Papa im Homeoffice ist! Wieso musst du da jetzt klingeln und wartest nicht, bis ich mit dem Schlüssel komme!?«

»Aber, Mama, das hab ich nicht gewusst!«

»Und jetzt auch noch lügen!«

Der weitere Verlauf des Matrone-Bengel-Gesprächs wurde von der zuschlagenden Haustür verschluckt. Marion hatte recht, dachte Michael, Familien hatten es gerade echt nicht leicht. Und wie machte man einem Kind die Situation begreiflich, ohne es die eigene Verunsicherung spüren zu lassen und in Angst und Schrecken zu versetzen?

Er schaute nach oben: In einem der Fenster, das zur Wohnung dieser kleinen Familie gehören mochte, hing ein nach draußen gerichteter, offensichtlich von einem Kind gemalter Regenbogen. »Du bist nicht alleine« stand in krakeliger Wachsmalkreidenschrift darunter. Michael wusste, was das zu bedeuten hatte: Bilder dieser Art waren in vielen Wohnungen zu sehen, in denen Kinder lebten. So zeigten auch die Kleinsten untereinander Solidarität und halfen sich über die Zeit, in der sie weder Freunde noch die Kindertagesstätte beziehungsweise Grundschule besuchen durften.

Michael lächelte. Und dieses Lächeln verzog sich zu einem kleinen Grinsen, als er nun an seine eigene Mutter denken musste. Wie sehr lag sie ihm stets damit in den Ohren, es sei doch endlich an der Zeit, dass er sich eine anständige Frau suchte und ihr liebreizende Enkelchen schenkte. Was Michael betraf: Kinder empfand er in erster Linie als nervenreizend. Und mit unanständigen Frauen hatte man eine deutlich bessere Zeit. Gut, Letzteres fiel erst mal genauso flach wie Kino- und Kneipenbesuche. Aber es erleichterte ihn doch, in dieser angespannten Situation nicht auch noch die Verantwortung für eine Familie zu tragen. Er kam ja auch alleine ganz gut klar in seinen fünfundfünfzig Quadratmetern. Aber wenn er an die vielen Großfamilien in ihren kleinen Stadtwohnungen ohne Garten dachte, wurde ihm ganz anders.

Inzwischen war Michael im Park angekommen, hielt kurz inne und ließ den Blick über die Grünflächen und die Hauptstraßen schweifen, die sie umgaben. Es war alles so surreal! Hier, wo sonst das Leben pulsierte, herrschte Stille. Die Cafés, der kleine Buchladen, das Berufsbekleidungsfachgeschäft und die Spielhalle – alle geschlossen. An jeder Eingangstür hing ein Schild, das auf die Zeit nach dem Lockdown vertröstete, in unterschiedlichen Wortlauten wie: »Zum Schutz unserer Gäste und Mitarbeiter haben wir geschlossen. Wir sind hoffentlich bald wieder für euch da.«

Gern hätte sich Michael dieser unwirklichen Atmosphäre, dieser globalisierten Welt im Stillstand, ein wenig hingegeben, doch er versagte es sich, die Faszination zu genießen. Dafür standen zu viele Existenzen auf dem Spiel. Man wusste bereits, dass es nicht für alle Inhaber und ihre Geschäfte eine Zukunft geben würde. Wenn Einkünfte wegfielen, die Fixkosten aber unverändert blieben, waren selbst gesunde Unternehmen schnell am Limit. Nur wenige Vermieter waren bereit, ihre finanziellen Ansprüche zu stunden, zu senken oder für eine gewisse Zeit ganz auszusetzen. Global Player wie adidas oder die Modekette H&M gingen gleich in die Offensive und prellten ihre Pächter um die Filialmieten. Was hätten diese auch tun sollen? Sie rausschmeißen? Viel Erfolg bei der Nachmietersuche!

Wie in jeder Krise traf es die Kleinen als Erste und besonders hart. Die ersten Corona-Insolvenzverfahren liefen bereits, den großspurigen Regierungsversprechen von »unbürokratischen Soforthilfen« zum Trotz. So schluckte Michael schwer, als er an der kleinen Schneiderei von Frau Samara vorbeikam. Bei der kompakten, etwas kauzigen, aber unheimlich herzlichen Frau aus Bulgarien ließ er im Bedarfsfall seine Klamotten richten. »Geschlosen. Bleiben Sie gesunt« stand im Schaufenster. Die weißen Gardinen dahinter waren zugezogen.

Doch nicht über alle Branchen hatte die Regierung den kollektiven Lockdown verhängt. Lebensmittelläden, Drogerien, Apotheken und To-go-Geschäfte, also Anbieter von Waren für den alltäglichen Grundbedarf und die medizinische Versorgung, hielt sie offen. In manchen Bundesländern überlegte sie sogar, die Öffnungszeiten auszuweiten, um den Kundenansturm zu entzerren. Auch Postämter und Lieferdienste galten als systemrelevant und halfen mit, die Republik am Laufen zu halten.

»He, pass doch auf, Mann!!!«