Lockdown und Stubenarrest für alle - Martina Plischka - E-Book

Lockdown und Stubenarrest für alle E-Book

Martina Plischka

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Beschreibung

Trotz allem. Man muss sich irgendwie ablenken! Sagt Rike Scherschnitt und weiter: »Wenn ich vorher nur den Funken einer Ahnung gehabt hätte, dass Hilmar bei Preisausschreiben mitmacht, wäre die Sache nicht derart aus dem Ruder gelaufen. Steffi meinte: »Mittlerweile mache ich mir wegen euch Sorgen, dass ihr nicht ebenfalls auf den Enkeltrick hereinfallt.« Irgendwie und irgendwann ging es trotz Lockdown aus Griechenland wieder zurück. Ein kurzes Aufatmen. Bis Lothar kam und der nistete sich ein wie ein Kuckuckskind. Weil der über einen anspruchsvollen feinen Geschmackssinn verfügt aber Bargeld- und Masterkartenlos ankam, haben wir jetzt ein sattes Minus auf unserem ohnehin miesen Konto. Neuerdings buddele ich den Garten um und schaufle tiefe Gräben. Mit irgendetwas muss man sich ja ablenken. Übrigens ist die Zahl der Scheidungen und Morde erschreckend in die Höhe geklettert.«

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Veröffentlichungsjahr: 2022

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Neues von den Scherschnitts

 

Lockdown und Stubenarrest für alle!

 

 

 

 

Satire

 

 

 

von

Martina Plischka

 

Inhalt

 

1. Vorher

Schrecken eines Segeltörns

2. Verfluchte Geschenke

3. Weihnachten für die Papiertonne

4. Vom Fluch der Doppelnamen

5. Der Drache ist tot

6. Geiergier

7. Partnerschaftsbörse

8. Freigestellt mit besten Aufstiegschancen

9. Eine Überraschung rundet alles ab

10. Die Einladung und nichts anzuziehen

11. Bahnservice

12. Massongi-Beach-Resort-Hotel

13. Privater Schönheitssalon in pandemischen Zeiten

14. Achtung! Lothar kommt

15. Melancholische Erinnerungen

16. Wenn die Musik die Seele streichelt

17. Die Backorgie

18. Schwanensee

19. Coronastress

20. Notfallversorgung in schwierigen Zeiten

21. Panische Pandemie

Das Wiedersehen

Impressum

1. Vorher

Schrecken eines Segeltörns

März 2021: 

 

In die­sem klei­nen Ort in der Ei­fe­ler Pro­vinz lebt man in aller Be­schau­lich­keit vor sich hin. Doch vor ei­nem Jahr trat doch plötz­lich ein Winz­ling in un­ser Le­ben, der wie ei­ne La­wi­ne schlag­ar­tig den All­tag ver­än­der­te. Ehe man sich ver­sah, wur­de in vielen Län­dern die­ser Er­de ein welt­weiter Lock­down ver­kün­det und das aus­ge­rech­net, als wir un­se­ren Ur­laub in Griechen­land ver­brach­ten. Von ei­nem Mo­ment auf den an­de­ren be­ka­men alle auf die­ser Welt den Stuben­ar­rest ver­passt.

Es ist doch so: Ei­ne gan­ze Wei­le plät­schert das Le­ben vor sich hin, tag ein und aus immer das Glei­che und die Ta­ge, Wo­chen, Mona­te und Jah­re ver­ge­hen oh­ne be­son­de­re Vor­komm­nis­se. Aber dann ver­än­dert sich alles und un­ser All­tag ist nicht mehr so wie bis­her.

Von un­se­rem letz­ten Ur­laub auf Kre­ta ha­ben wir je­den­falls die Na­se gest­ri­chen voll. We­gen die­ser Pan­de­mie glich un­ser Hotel ei­nem Hoch­si­cher­heits­trakt, wir durf­ten nicht mehr hin­aus und un­ser Es­sen be­ka­men wir ab so­fort vor die Hotel­zim­mer­tür ge­stellt. Bei ei­nem Preis­aus­schrei­ben ma­chen wir des­halb schon aus die­sem Grund ga­ran­tiert nicht mehr mit. Aller­dings war das längst nicht alles. Ich sa­ge Ih­nen: ein ein­zi­ges De­sas­ter vom An­fang bis zum En­de! Seit­dem ste­hen wir dem Ur­laub in ei­nem Hotel, das sei­ne Ster­nen­ka­te­go­rie der Län­ge und An­zahl der Außen­bars ver­dankt sehr skep­tisch ge­gen­über. Aber auch oh­ne Meeres­bri­se schwappt ei­ne Wel­le nach der näch­sten über un­ser Land hin­weg.

Seit­dem ist die Stim­mung ziem­lich be­trübt. Hier im Ort kennt fast je­der je­den und das macht die Sa­che eigent­lich viel schlim­mer. Je­der­mann ist auf der Hut vor die­ser selt­sa­men Fle­der­maus­seu­che, ob­wohl hier­zu­lan­de noch nie­mand, nicht ein­mal Hil­mar, je ei­ne Fle­der­maus ge­se­hen hat. Bei uns gibt es die­se Tier­art nur zu Hal­lo­ween in der XXL-Frucht­gum­mi­tü­te ei­nes be­kann­ten Sü­ßig­kei­ten­her­stel­lers.

Alle Welt weiß, dass die Asia­ten wirk­lich alles es­sen, was nicht schnell ge­nug hoch oben auf dem Baum ist und selbst dort hat man als Flug­tier kei­ne Chan­ce.

Aber hier mag kei­ner die­ses Tier und das wird auch der Grund da­für sein, dass es in die­sem Ort kein chi­ne­si­sches Spei­se­lo­kal gibt. In die­sen Zeiten lei­det man doch sehr, weil man sonst immer für den ei­nen oder an­de­ren Plausch auf der Stra­ße ste­hen blieb, um sich über die Orts­ge­mein­schaft aus­zu­tau­schen.

Die­ses furcht­ba­re Fi­as­ko, so et­was braucht kein Mensch. Na­tür­lich ist es, wie üb­lich, of­fen­bar Ma­de in China. Wie das meis­te Zeug, das von da­her kommt, ist jeg­li­cher Um­tausch nach dem Ab­lauf der Ga­ran­tie­zeit aus­ge­schlos­sen. Da­rüber re­ge ich mich stän­dig auf. Es ist doch auch wahr: Seit der Glo­ba­li­sie­rung wird alles fest­ge­klebt oder mit­ein­an­der ver­schweißt und nicht mehr ver­schraubt. Egal, ob Fern­se­her, Funk­we­cker, Smart­pho­nes oder Autos: Sämt­li­che Tei­le wer­den so mit­ein­an­der ver­bun­den, dass sie kein Mensch mehr zur Re­pa­ra­tur aus­ein­an­der­be­kommt. Man soll ja immer alles neu kau­fen, das ist das Mot­to und uns Ver­brau­chern dann den schwar­zen Pe­ter zu­schie­ben, das ha­ben wir ger­ne. Frü­her, wenn die Was­ser­pum­pe ka­putt war, konn­te ich mit mei­ner Feins­trumpf­ho­se mei­nen al­ten Wagen noch pro­blem­los zum Weiter­fah­ren re­pa­rie­ren, dann ha­be ich, um nicht zu frie­ren, drin­nen mal kurz die Hei­zung an­ge­stellt und bin bis zur näch­sten Werks­tatt ge­fah­ren. Heu­te muss gleich der ADAC zum Ab­schlep­pen kom­men.

Wie frü­her, ein­mal schnell ei­ne Glüh­bir­ne am Wagen aus­tau­schen geht gar nicht. Dann muss gleich der Wagen in die Werks­tatt, um die hal­be Ka­ross­erie ab­zu­mon­tie­ren.

Man stel­le sich das ein­mal vor: We­gen des Aus­wech­selns ei­ner Glüh­lam­pe müss­te zu Hau­se gleich ein Groß­teil des Hau­ses aus­ein­an­der­ge­nom­men wer­den. Na ja, das kommt be­stimmt als Näch­stes, zu­min­dest bei die­sen Smart­ho­mes. Aber man­chen Leu­ten und ih­rer Tech­nik­gläu­big­keit kann man eben nicht hel­fen.

Ach, die­ses Um­tau­schen ist für mich oh­ne­hin ein lei­di­ges The­ma, in die­ser Be­zie­hung spre­che ich aus mei­nen vor­he­ri­gen Er­fah­run­gen her­aus. Aber die Grü­nen wol­len den Um­welt­schutz bei der näch­sten Wahl zu ih­rem Haupt­the­ma ma­chen. Na, die sol­len lie­ber erst ein­mal nach China ge­hen, und dort auf­räu­men und die Fri­days for Fu­tu­re-Be­we­gung soll sich mal lie­ber dort auf den Haupt­ver­kehrs­adern die­ser Me­gast­äd­te zur mor­gend­li­chen Stoß­zeit mit den Hän­den fest­kle­ben an­statt in Bonn oder in Bad Müns­te­rei­fel. Ir­gend­wann wer­den die chi­ne­si­schen Schul­kin­der bei uns ei­nen Er­ho­lungs­ur­laub ver­brin­gen da­mit sie ein­mal blü­hen­de Land­schaf­ten und sau­be­re Seen so weit das Au­ge reicht se­hen kön­nen.

 

Letz­tens, in der Buch­hand­lung Schop­pen­heu­er sag­te ei­ne jün­ge­re Kun­din mit ei­nem Buch in der Hand und be­frie­dig­tem Ge­sichts­aus­druck zu der In­ha­be­rin: „Ja, da ist es end­lich. Ganz neu auf dem Markt.“

Mit wohl­wol­len­der Mie­ne blick­te die auf das Co­ver und füg­te hin­zu: „Wis­sen Sie, den Ro­bert Ha­beck, den fin­de ich rich­tig gut. Ich ha­be fast alle Bü­cher von dem und hof­fe, dass der mal Kanz­ler wird. Sieht er nicht smart aus? Der wür­de doch et­was her ma­chen, an­ders als die an­de­ren. Die­se Ho­sen­an­zugs­trä­ge­rin bin ich nach all den Jah­ren wirk­lich leid.

Ich will end­lich mal et­was an­de­res se­hen. Schau­en Sie mal, wie foto­gen der auf dem Buch­ti­tel wirkt. Aller­dings muss ich sa­gen, die Titel­bil­der se­hen sich alles­amt zum Ver­wech­seln ähn­lich. Viel­leicht wä­re ein an­de­res Bild doch bes­ser ge­we­sen. Vor al­lem, wenn es um das The­ma Um­welt­schutz geht. Ei­ne über­füll­te gel­be Müll­ton­ne zum Bei­spiel. Hach, aber der ist so foto­gen, den kann ich mir direkt in ei­nem dunk­len An­zug mit grü­ner Kra­wat­te auf dem ro­ten Tep­pich in Was­hing­ton vor­stel­len direkt ne­ben dem US-Prä­si­den­ten.“

Da­rauf ant­wort­ete die Buch­händ­le­rin zu­nächst ein­mal nichts, deu­te­te auf ein an­de­res Buch und sag­te: „Wir ha­ben üb­ri­gens auch noch ein neu­es Buch von Olaf Scholz. Hier se­hen Sie mal!“

Wo­rauf die Kun­din na­se­rümp­fend mit dem Kopf schüt­tel­te: „Nein, al­so der ist jetzt nicht so mein Fall. Bei dem ist die Hand­po­se doch ge­nau­so wie bei sei­ner Ho­sen­an­zug tra­gen­den Vor­gän­ge­rin. So, das wä­re es dann erst ein­mal. Äh, mir fällt ge­ra­de et­was ein: Mei­ne sieben­jäh­ri­ge Nich­te hat Ge­burts­tag. Ha­ben Sie viel­leicht noch ein Mär­chen­buch von Ro­bert Ha­beck?“

Ei­ne jün­ge­re Ver­käu­fe­rin, die zu­vor mit dem Auf­stel­len ei­nes Bü­cher­stän­ders be­schäf­tigt war, eil­te he­ran und misch­te sich ein: „Wir hät­ten hier ein neu­es Mär­chen­buch: An­na­le­na und die vier­zig ver­rück­ten Ko­bal­te in der Ko­bold­mi­ne! Das ist so­eben her­ein­ge­kom­men.“

Na ja, ich bin dann hin­aus­ge­gan­gen und dach­te mir mei­nen Teil. Eigent­lich ist es doch mitt­ler­wei­le egal, wen man wählt. Aus die­ser ver­mal­edei­ten Ge­schich­te kom­men wir, egal wer re­giert, an­schei­nend so schnell nicht wie­der her­aus. An­ge­blich soll sie kom­men und wird me­di­al re­gel­recht her­bei­ge­be­tet: die Am­pel­koa­li­tion. Grün sorgt für den Kli­ma­wan­del, bei Gelb wird or­dent­lich Gas ge­ge­ben und man fährt noch schnell mun­ter drü­ber und Rot stoppt dann alle und alles.

Letz­tens mein­te doch die Frau Han­nah Lie­be­cke, die ich von der Gas­si­run­de her ken­ne, wis­sen Sie, das ist die, mit dem fie­sen an­da­lu­si­schen krumm­bei­ni­gen Wu­schel­mix aus An­da­lu­sien, der mei­nen Alf immer so dumm an­macht, dass wir hier noch ei­ne rich­ti­ge De­mo­kra­tie hät­ten. »Da kön­nen wir aber froh sein!«, sag­te sie, weil ich ei­ne Be­mer­kung über die dort oben ge­macht hat­te, die ihr nicht pass­te, und sah mich aus grau­en Augen for­schend an.

»Dann ge­hen Sie mal nach China, was bei de­nen los ist. Dort be­kom­men Sie schon ei­nen Punkt Ab­zug, weil Sie mor­gens früh ver­ges­sen ha­ben, die Müll­ton­ne ord­nungs­ge­mäß ab­zu­stel­len oder sich die Hän­de auf der Bahn­hofs­toi­let­te nicht ab­ge­wa­schen ha­ben. Wenn Sie dann am Bahn­hof sind, um in den Zug zu stei­gen, zack ge­hen die Schran­ken her­un­ter, ein Alarm geht an und ihr Pass­bild­ge­sicht er­scheint plötz­lich oben auf der An­zei­ge­tafel groß und in Far­be. Alle Pass­an­ten blei­ben ste­hen und star­ren Sie an und Sie müs­sen um­keh­ren, das war es mit der Fahrt.«

Plötz­lich fiel mir Hil­mars ge­sam­mel­tes Punk­te­konto in Flens­burg ein und ich er­wi­der­te da­rauf dann gar nichts mehr. In ei­nem hat die Lie­be­cke ja recht: Im Ge­gen­satz zu an­de­ren Län­dern, in de­nen sich die Ab­ge­ord­ne­ten ei­nen Schlag­ab­tausch mit re­gel­rech­ten Prü­ge­lei­en im Par­la­ment lie­fern, sind un­se­re Poli­ti­ker sehr fried­lie­ben­de We­sen. Ei­ne Hand wäscht die an­de­re, nicht wahr. Aber das mit dem Punk­te­konto wie beim Dro­ge­rie­markt, das kommt auch hier­her, da ge­he ich je­de Wet­te ein!

Ach, wis­sen Sie: Die­ses gan­ze Po­litt­hea­ter ist mir mitt­ler­wei­le zu viel! Nein, ich ha­be für mich be­schlos­sen, dass man für sich selbst ab so­fort um­den­ken soll­te. Da­bei bin ich von mei­nem Natur­ell und Gar­ten her be­reits ganz schön grün. Fle­xi­bi­li­tät lau­tet das Zau­ber­wort, selbst wenn es ei­ni­ge Schlaf­scha­fe noch immer nicht be­grif­fen ha­ben.

Ver­mut­lich wer­den dem­nächst nicht nur die Bau­märk­te, son­dern eben­falls die Super­märk­te schlie­ßen und es gibt von ei­nem Tag auf den an­de­ren kei­ne Wa­re mehr. Aber auch die Leu­te, die wie ich Kon­ser­ven bun­kern, Ein­mach­glä­ser be­fül­len und Dörr­fleisch we­gen der kom­men­den Kri­se zurück­le­gen soll­ten wis­sen: So­bald die Frisch­wa­re fehlt, kann man ein ge­sun­des Es­sen ver­ges­sen.

Von mir aus kann Hil­mar ru­hig sa­gen, was er will und mich weiter­hin Prep­per nen­nen, das ist mir to­tal egal. In der Kri­se wird er mich noch auf Knien we­gen der Lebens­mittel an­fle­hen.

Ach ja, apro­pos frisch: Wie man hört, blei­ben die Eta­blis­se­ments ge­öff­net. Ir­gend­je­mand muss sich in Zeiten wie die­sen opfern und für den Kon­sum sor­gen. Wer soll sonst die viele Koh­le her­an­schaf­fen, die un­ser Land und die an­de­ren EU-Staaten be­nö­ti­gen? Neu­er­dings heißt es ja nicht um­sonst: Se­xar­bei­te­rin­nen. Na, da­für wer­den die flei­ßi­gen Bien­chen sehr zu ih­rer Freu­de, wie sich das ge­hört, alles­amt kran­ken- und so­zi­al­ver­si­chert. Mit der Schwarz­ar­beit und dem un­se­riö­sen Ge­wer­be war ab so­fort Schluss, als aus­ge­rech­net drei eman­zi­pier­te Frau­en auf die­se wun­der­ba­re Idee ka­men. Ja, die fa­ckel­ten nicht lan­ge, denn die ha­ben sich den So­zia­lis­mus auf die Fah­ne ge­schrie­ben. Weil die so vol­ler Krea­ti­vi­tät ste­cken, klet­ter­ten die gleich weiter hoch auf der Lei­ter. Bis­lang war lei­der von ei­nem Kar­rie­re­schub für die neue Ar­bei­ter­klas­se noch nichts zu hö­ren oder zu le­sen. Aber so et­was dau­ert si­cher­lich, bis auch end­lich ei­ne Frau aus dem gla­mou­rö­sen Mi­lieu die Hüh­ner­lei­ter er­klimmt.

Bis­her galt die Ar­beit in den Hin­ter­hö­fen und ge­wis­sen Ge­schäfts­räu­men als Schwarz­ar­beit. Dank drei­er Ge­schlechts­ge­nos­sinnen aus der Poli­tik kön­nen die Damen froh sein, dass man ih­nen der­art selbst­los un­ter die Ar­me ge­grif­fen hat! Das war ja sei­ner­zeit ei­ne re­gel­rech­te Re­vo­lu­tion! Ne­ben­bei stieg auch die An­zahl der männ­li­chen Tou­ris­ten un­auf­hör­lich an. Ver­ges­sen Sie exo­ti­sche Zie­le wie Thai­land, kom­men Sie statt­des­sen in un­ser wun­der­schö­nes Deutsch­land, in dem die Welt zu Hau­se ist.

Dem­nächst un­ter­neh­men ge­wis­se in­ti­me Eta­blis­se­ments am Wahl­tag ei­nen Be­triebs­aus­flug, um der Par­tei zu hel­fen, die de­nen das Hoch­klet­tern auf der Kar­rie­re­lei­ter erst er­mög­licht hat. An­de­rer­seits, wenn ich mich an die vor­letz­te Wahl in die­sem Ort er­in­ne­re, soll­te man sich das Wäh­len für Wah­lun­ge­üb­te lie­ber noch ein­mal durch den Kopf ge­hen las­sen. Wenn ich an das vor­letz­te Wahl­de­ba­kel mit Her­mi den­ke, das war die ul­ti­ma­ti­ve Ka­ta­stro­phe! Seit­dem gibt es für un­se­re Se­nio­ren nur noch Brief­wahl mit vor­he­ri­ger An­kreu­zungs-Schu­lung.

Wis­sen Sie, in Zeiten wie die­sen, muss eben noch ir­gend­wer Geld her­an­schaf­fen und nicht allei­ne den Pfle­ge­kräf­ten und dem me­di­zi­ni­schen Fach­per­so­nal das Ar­bei­ten über­las­sen. Die Letzt­ge­nann­ten ver­die­nen doch nicht das Salz in der Sup­pe, das sie den Se­nio­ren löf­fel­wei­se ver­ab­rei­chen. Sel­ber schuld, wa­rum konn­ten die auch nicht et­was An­stän­di­ges in ih­rem Le­ben zu­stan­de brin­gen? Zum Bei­spiel ein Stu­di­um auf­neh­men, um als Durch­star­ter in der Poli­tik von dort aus an­de­ren zu hel­fen.

Um auf die Frisch­wa­re zurück­zu­kom­men: Weil ver­mut­lich we­gen der Winz­lings­ka­ta­stro­phe dem­nächst alles schlie­ßen wird, ha­be ich Fak­ten ge­schaf­fen und in mei­nem Gar­ten kur­zen Pro­zess ge­macht: Zu­nächst muss­ten mei­ne ge­lieb­ten Rosen­sträu­cher da­ran glau­ben, die waren oh­ne­hin vol­ler Läu­se. An­schlie­ßend ka­men mei­ne Blu­men­be­ete dran. Nach der Pflü­gak­tion wur­de das ge­sam­te Ge­biet von mir mit so­fort­iger Wir­kung zur Not­ver­sor­gung im Ka­ta­stro­phen­fall er­klärt.

Im Ge­gen­satz zu der Bun­des­re­gie­rung, die der­zeit nicht in der La­ge ist, ge­nü­gend Mas­ken und Gas­vor­rä­te in ih­ren Re­ser­ve­tanks zu bun­kern, sor­ge ich für die Zu­kunft vor! Dort wo frü­her die Tul­pen, Rosen, ver­schie­de­ne sel­te­ne Stau­den und Ka­me­lien wuch­sen, wer­den sich jetzt im Früh­jahr bald hof­fent­lich die er­sten Keim­lin­ge von Kar­tof­feln, Möh­ren und Brok­ko­li & Co. zei­gen. Bei die­ser Ak­tion ist so­gar Ka­ter Fritz­chen mit von der Par­tie.

Vor ei­ni­ger Zeit ist näm­lich Her­mis rot-ge­streif­ter Dach­ha­se in die ewi­gen Hüh­ner­jagd­grün­de über­ge­wech­selt. Die Hüh­ner vom Bau­er Schna­ke moch­te er be­son­ders ger­ne. Des­halb lie­fer­te die­ser sich zu ge­ge­be­nem An­lass mit Frit­zi auch ein re­gel­rech­tes Wett­ren­nen mit der Schrot­flin­te in der Hand.

Glü­ckli­cher­wei­se ließ Fritz­chen, weil ihm die Far­be nicht ge­fiel, un­se­re Hen­nen links lie­gen. Aber der Schna­ke war nicht der Grund, wes­halb der Ka­ter die Sei­te wech­sel­te, son­dern sein Al­ter.

Er war in Her­mis Bett fried­lich ein­ge­schla­fen. Es war mit­tags, als sie sich da­rüber wun­der­te, wo Frit­zi blieb. Denn so­bald sie ihn von un­ten rief, lief der trotz sei­ner fort­ge­schritt­enen Ar­thro­se so­fort in Rich­tung Fut­ter­napf. Stil­voll wur­de er von uns in ei­nem sta­bi­len Stie­fels­chuh­kar­ton fei­er­lich mit Ker­zen und Blu­men zu Gra­be ge­tra­gen.

Her­mi heul­te sich die Trä­nen aus dem Leib. An­schlie­ßend sang sie ihm noch als ei­nen letz­ten Gruß „Com­me ils di­sent`“, hin­ter­her. Li­sa flüs­ter­te mir zu: „Ob­wohl das Lied eigent­lich nicht zu die­sem An­lass passt! Da­bei geht es doch um ei­nen Trans­ves­ti­ten.“ Da­rauf mein­te ich: „Das ist egal. Sie singt es, weil das Lied so wun­der­voll sen­ti­men­tal klingt. Außer­dem kann sich Her­mi mit die­sem Text gut iden­ti­fi­zie­ren und des­halb ist es ihr Lie­blings­lied!“

Frit­zi fühl­te sich aber sehr wohl als Ka­ter, selbst wenn ihm in frü­he­ren Zeiten sei­ne Ka­ter­wür­de ge­nom­men wur­de. Völ­lig ge­bannt folg­ten Hil­mar, Li­sa, Stef­fi und ich dem me­lan­cho­li­schen Ge­sang über ei­nen Trans­ves­ti­ten.

Nach­dem Her­mi, die als ehe­ma­li­ger Tra­ves­ties­tar fast sämt­li­che Ka­bar­ett­büh­nen der Re­pu­blik ge­füllt hat­te, mit Trä­nen in ih­ren reh­brau­nen Augen, das Chan­son be­en­de­te, reich­te ihr Hil­mar schwei­gend die klei­ne Gar­ten­schau­fel vom Ge­mü­se­beet her­über. Sie warf ei­nen letz­ten lan­gen sehn­suchts­vol­len Blick hin­un­ter, nahm ei­ne Schau­fel Er­de, um den er­sten Erd­klum­pen hin­ein­zu­wer­fen, und wir schlos­sen uns die­ser Ze­re­mo­nie an.

Alle sorg­ten da­für, dass Frit­zi nicht in Ver­ges­sen­heit ge­riet, und brach­ten Blu­men­sträu­ße und ei­ne Ge­denk­ta­fel auf das Grab.

Ir­gend­wann fand ich, dass ein­mal da­mit Schluss sein muss­te, und ich setz­te meh­re­re Pflan­zen auf das Beet.

Seit­dem wuch­sen dort, in Best­la­ge, wie es sich für ein Fried­hofs­grab ge­hört, im Früh­jahr die Tul­pen und Pri­meln, im Som­mer Ta­ge­tes & Co. und im Herbst die As­tern. An kei­nem an­de­ren Ort im Gar­ten ge­die­hen die Blu­men so präch­tig. Wie oft ha­be ich mich frü­her da­rüber auf­ge­regt, weil Frit­zi sich aus­ge­rech­net an die­ser Stel­le, mit­ten im Stau­den­beet, den Platz für sei­ne Hin­ter­las­sen­schaf­ten aus­ge­sucht hat­te. Alles ist dann spä­ter ver­ge­ben und ver­ges­sen, denn an so et­was denkt man nicht mehr, wenn plötz­lich je­mand weg ist, über den man sich jetzt nicht mehr auf­re­gen kann.

Hil­mar, mein Ge­fähr­te, der sonst immer mit mir durch dick und dünn geht, (er mach­te ein­mal so­gar ei­ne Di­ät mit) zeig­te sich an­ge­sichts der jet­zi­gen Neu­be­pflan­zung zu­nächst ir­ri­tiert, da­nach ge­ra­de­zu emp­ört. Da­mals, bei der Be­stat­tungs­fra­ge, nann­te er mich pie­tät­los, weil ich zu die­sem Zweck aus­ge­rech­net sei­nen schöns­ten und größ­ten Schuh­kar­ton ge­nom­men hat­te: „Na toll! Und wo­hin soll ich jetzt mit mei­nen hand­ge­ar­beit­eten Leder­stie­feln aus Spa­nien hin? In dem of­fe­nen Schuh­schrank stau­ben die to­tal voll. Das sind die be­sten Stie­fel, die ich je hat­te und du nimmst ein­fach den sta­bi­len kunst­voll be­druck­ten Kar­ton”, me­cker­te er.

„Es ist halt für den gu­ten Zweck. Der Frit­zi, der war doch so ein Lie­ber. Schließ­lich hat er uns die Mäu­se und Rat­ten fern­ge­hal­ten”, ent­geg­ne­te ich. Da­rauf schwieg er, der den glei­chen sat­ten Rot­ton im Haar trug wie der zu Be­stat­ten­de.

Vor­hin kam üb­ri­gens mei­ne Jüngs­te, die der­zeit bei uns zu Be­such ist und mich mitt­ler­wei­le um gut ei­nen Kopf über­ragt, zu mir in den Gar­ten und mein­te: „Pa­pa hat mir eben alles er­zählt. Du hast wie­der um­ge­pflanzt. Du, das kann ja wohl nicht wahr sein! Mensch Ma­ma, das ist ja to­tal eke­lig”, und da­bei rüm­pfte sie die Stups­na­se in ih­rem som­mer­spros­si­gen Ge­sicht.

Mit dem iPho­ne in der Hand schüt­tel­te sie ih­ren rot­haa­ri­gen Schopf, als wir vor Frit­zis Frieds­tät­te stan­den: „Ab so­fort es­se ich je­den­falls kei­ne Ra­die­schen mehr, das ist ja wi­der­lich.”

Zur Be­weis­auf­nah­me mach­te sie ein paar Fotos, stapf­te ins Haus zurück um die­se un­ver­züg­lich, mit ei­nem ent­spre­chen­den Kom­men­tar, an ih­re äl­te­re Schwes­ter Li­sa zu sen­den. Um die­se Uhr­zeit saß die im Ho­meof­fi­ce und war­te­te für ihr Rei­se­büro auf Kund­schaft.

We­nig spä­ter kehr­te sie wie­der, stemm­te die Hän­de in die Hüf­ten und mein­te: „So. Siehst du! Alle an­de­ren fin­den das auch to­tal eke­ler­re­gend. Man Ma­ma, wie kann man nur!”

Nun sah ich es an der Zeit, mei­nen er­wachs­enen ve­ga­nen Nach­wuchs über die we­sent­li­chen Din­ge des Lebens auf­zu­klä­ren: „Hast du dir eigent­lich ein­mal Ge­dan­ken da­rüber ge­macht, wes­halb die meis­ten Klein­gar­ten­an­lagen mit dem ge­sun­den le­cke­ren Obst und Ge­mü­se meis­ten­teils un­ter­halb ei­nes Fried­ho­fes zu fin­den sind?”

Als sie mich mit ih­ren hel­len blau­en Augen im som­mer­spros­si­gen Ge­sicht völ­lig er­staunt an­sah, füg­te ich hin­zu: „Außer­dem gibt es Frit­zi seit drei Jah­ren nicht mehr! Mitt­ler­wei­le lie­gen dort nur noch Kno­chen.”

Und zum gu­ten Schluss sag­te ich er­bar­mungs­los: „Und im Üb­ri­gen pflegt in der letz­ten Zeit nie­mand von euch das Grab.”

In die­sem Augen­blick der ab­so­lu­ten Ver­blüf­fung si­cker­te bei ihr die Tat­sa­che, dass es ei­nen voll­kom­me­nen Fleisch­kon­sum­ver­zicht trotz jah­re­lan­gen Ve­ge­ta­rier­tums nicht ge­ben konn­te, lang­sam ins Be­wusst­sein. Mit ih­ren er­staun­ten himmel­blau­en Augen sah sie mich völ­lig ent­setzt an. Als ich dem noch et­was hin­zu­fü­gen woll­te, ver­schwand mein rot­haa­ri­ger Ab­le­ger plötz­lich von der Bild­flä­che.

Als die er­sten Trop­fen fie­len und es bin­nen we­ni­ger Mi­nu­ten immer hef­ti­ger zu reg­nen be­gann, er­klär­te ich die Gar­ten­ar­beit mit so­fort­iger Wir­kung für be­en­det. We­nigs­tens muss­te ich die Neu­be­pflan­zung nicht mehr gie­ßen.

Be­reits gut durch­feuch­tet ging ich ins Haus und setz­te mich an den Schreib­tisch, um mei­ne Mails zu che­cken. Und tat­säch­lich: Ne­ben Wer­be­bot­schaf­ten an den Wein­lieb­ha­ber mit dem ver­wöhn­ten Gau­men, Se­nio­ren-Ma­trat­zen, Last-Mi­nu­te-Be­er­di­gungs­ver­si­che­run­gen, di­ver­sen Por­no­sei­ten und Vi­ag­ra zur Auf­recht­er­hal­tung des stand­haf­ten Man­nes be­fand sich end­lich ein­mal et­was wirk­lich In­te­res­san­tes in mei­nem Post­fach:

 

Von: nan­cy.d.et­was­fei­nes­zum­na­[email protected]

An: ri­ke-scher­schnitt@t-on­li­ne.de

Be­treff: Hier ist es so schöö­ön!

 

Hey! Son­ni­ge, hei­ße Grü­ße aus dem wun­der­vol­len Gua­de­lou­pe!!!

Ich woll­te mich ein­mal bei dir mel­den. Nach dem ein­wö­chi­gen Hotel­auf­ent­halt ha­ben wir vor zwei Ta­gen das wei­ße Segel­boot in Po­in­te-o-Pi­tre vom Ver­char­te­rer über­nom­men. Üb­ri­gens be­kommt man von dem er­neu­ten Lock­down in Deutsch­land hier gar nichts mit. Zum Glück! Es ist doch ziem­lich eng an Bord, vor al­lem für vier Per­so­nen. Aber das Ele­ment Was­ser be­sitzt trotz des Wel­len­gangs et­was Ent­span­nen­des und Me­di­ta­ti­ves.

Ich fin­de den Wel­len­gang, im Ge­gen­satz zu un­se­ren bei­den Be­gleit­ern, nach die­ser stres­si­gen Zeit zu Hau­se ab­so­lut be­ru­hi­gend. Des­halb wer­de ich ab jetzt wie­der mit Yo­ga an­fan­gen.

Du kannst dir gar nicht vor­stel­len, wie toll es ist, die­ses Frei­heits­ge­fühl zu spü­ren. Kei­ne blö­den Mas­ken mehr un­ter de­nen man bald er­stickt. Drau­ßen kön­nen wir nach Lust und Lau­ne fla­nie­ren und un­mas­kiert im Café sit­zen oder zum Tan­zen ge­hen.

Un­se­re Be­glei­ter, die Ines und der Mi­ke, ha­ben sich be­reits am zwei­ten Tag im Hotel dau­ernd ge­strit­ten. Die war mor­gens schon sau­er, weil es dort, am Büf­fet, kein Nu­tel­la gab. Hier an Bord geht der Spaß mit den Zwei­en mun­ter weiter. Abends gab es im Hotel ei­nen Tra­ves­tiea­bend und so­fort muss­te ich an Her­mi den­ken.

Denn es trat ei­ner als Li­za Mi­nel­li auf und der sang li­ve mit ei­ner su­per Stim­me. Das klang fast so gut wie bei Her­mi­ne in ih­ren be­sten Zeiten. Scha­de, dass die nicht mehr auf­tritt. Auf dem Dorf­fest wür­de sie ei­ne ab­so­lu­te Show ab­lie­fern!

An­bei ist ein Foto, lei­der kann ich die an­de­ren Bil­der nicht we­gen ei­nes zu gro­ßen Daten­vo­lu­mens schi­cken. Die zei­ge ich dir alle, wenn wir uns zu Hau­se se­hen. Zum Glück gibt es ei­ne So­la­ran­la­ge auf dem Dach der Yacht und Son­ne ist oh­ne­hin ge­nug vor­han­den. Hier muss man we­nigs­tens nicht an Strom spa­ren.

An Bord ist ei­ne Brot­back­ma­schi­ne, die backt je­den Tag frisch­ge­back­enes Brot und fri­sche ge­koch­te Ei­er es­sen wir eben­falls. Der­zeit sit­ze ich an Deck und che­cke die E-Mails mit den Auf­trä­gen. Die Ute schafft das nicht allei­ne. Un­se­re Neue, die Ma­ri­on, die kriegt wirk­lich über­haupt nichts auf die Rei­he.

Die soll­te ja für die Auf­trags­bes­tä­ti­gun­gen zu­stän­dig sein. Jetzt kom­men zahl­rei­che Be­schwer­den auch von Be­stands­kun­den, die zum Teil lan­ge auf ih­re Lie­fe­rung war­ten muss­ten. Die sind echt sau­er. Wenn man nicht alles sel­ber macht.

Grü­ße aus dem Pa­ra­dies von Nan­cy

 

Ps: Ist der Sven­ny (das ist der Blon­de, der ne­ben dem kahl­köp­fi­gen Mi­ke sitzt) nicht süß? Apro­pos süß: Weil wir uns so gut ver­ste­hen über­legt er, ob er nicht in mein Sweet-Dre­ams-Ge­schäft mit ein­steigt. Gas- und Was­ser­in­stal­la­teu­re sind zwar ge­fragt, aber wer bud­delt schon ger­ne dau­er­haft in der Sch …e von an­de­ren? Sven­nys Vater ge­hört der Sa­ni­tär­be­trieb und er mein­te, der wä­re echt sau­er, wenn der Sven­ny den Laden spä­ter nicht über­nimmt. Es ist ja noch Zeit, bis da­hin kann ich ihn even­tu­ell über­re­den.

Zwei Wo­chen in ei­nem ge­mein­sa­men wah­ren Traum­ur­laub, be­vor es wie­der nach Hau­se geht. Ich wür­de am liebs­ten immer an die­sem wun­der­schö­nen Ort blei­ben, zu­sam­men mit mei­nem Traum­mann.

Wir stel­len Über­le­gun­gen an, ob wir da­heim alles ir­gend­wann auf­ge­ben und hier­hin zie­hen. So­bald ich ge­nug Koh­le zu­sam­men­ha­be, las­sen wir uns hier nie­der. Der Sven­ny mein­te, ei­ne Tauch­sta­tion für Tou­ris­ten mit ei­ner Tauch­glo­cke, das wä­re noch ei­ne Markt­lü­cke und da­rauf hät­te er rich­tig Bock.

Ciao, Nan­cy.

 

Im An­hang öff­ne­te ich ein Bild, das of­fen­bar von ei­ner be­stens ge­laun­ten Nan­cy auf dem Deck sit­zend auf­ge­nom­men wur­de. Sie saß, be­nei­dens­wert­er­wei­se ge­nau­so schlank wie eh und je, an ei­nem brau­nen Holz­tisch und trug über ih­ren hell­blond ge­färb­ten lan­gen Haaren ei­nen kunst­voll be­druck­ten bun­ten Tur­ban auf dem Kopf. Le­dig­lich mit ei­nem Pa­reo­tuch be­klei­det das, wie bei ei­ner of­fen­ge­leg­ten Aus­gra­bungs­stät­te, die di­ver­sen Tat­toos auf ih­rem Ober­körper frei­gab, blin­zel­te sie lä­chelnd aus ih­ren blau-grau­en Augen in die Ka­me­ra.

Vor ihr stand ein halb­ge­füll­tes Long­drink­glas mit ei­ner Zi­tro­ne am Rand. Ne­ben ihr sit­zend, grins­te der sü­ße hell­blon­de blau­äu­gi­ge Jung­brun­nen Sven­ny mit ei­nem sprie­ßen­den Mehr-Ta­ge-Bart in die Lin­se. Braun­ge­brannt wie Nan­cy aber ein­deu­tig jün­ger als sei­ne über fünf­zig­jäh­ri­ge Rei­se­be­gleit­erin, schien zu­min­dest sein Ober­körper ei­ne von Tat­toos freie Zo­ne zu sein.

Links von ihm hock­te ein bis zum Hals tä­to­wier­ter dür­rer Kahl­köp­fi­ger in den Vier­zi­gern mit Ohr­rin­gen, der mich spon­tan an ei­nen aus­ge­mer­gel­ten Ga­lee­rens­träf­ling er­in­ner­te. Mit ei­nem Glas Hel­lem in der Hand zog der ein Ge­sicht, als hät­te er so­eben in ei­ne Zi­tro­ne ge­bis­sen. Da­ne­ben saß ei­ne Blon­di­ne mit Kurz­haar­schnitt. Ih­rem ge­zwun­ge­nen Ge­sichts­aus­druck nach be­fand sich in ih­rem zum Trin­ken er­ho­be­nen Sekt­glas of­fen­bar die rei­ne Es­sigs­äu­re.

 

Ich drück­te auf: ?Ant­wor­ten

Von: ri­ke-scher­schnitt@t-on­li­ne.de

An: nan­cy.d.et­was­fei­nes­zum­na­[email protected]

Be­treff: Grü­ße aus dem Re­gen

 

Hal­lo Nan­cy,

ich dan­ke dir für die Nach­richt. Auf dem Foto kann man gut se­hen, wie schön es dort ist. Ich be­nei­de euch! Das ist ja wirk­lich ein Traum­strand im Hin­ter­grund. Mit den vielen Pal­men sieht das aus wie ne­ben­an auf der Foto­ta­pe­te in Aray­as ehe­ma­li­gem Zim­mer.

Ihr habt den Son­nen­schein, der bei uns lei­der fehlt. Hier in der Ei­fel ist das Wet­ter hunds­mi­se­ra­bel. Alf will bei dem Mat­schwet­ter über­haupt nicht mehr raus und Hil­mar auch nicht. Vor­hin, als es ein­mal auf­ge­hört hat zu reg­nen, konn­te ich end­lich die Salat- und Ge­mü­se­setz­lin­ge in den Gar­ten set­zen. Der größ­te Teil der Blu­men ist weg. Wenn du wie­der­kommst, wirst du stau­nen, wie viele Setz­lin­ge ich ge­pflanzt ha­be. Un­ser Grund­stück ist jetzt ein Bio­bau­ern­hof.

Her­mi geht es nicht so gut. Vor al­lem nach der Sa­che mit dem Knas­tau­fent­halt in Bang­kok ist sie ziem­lich durch den Wind. Aber immer­hin saß sie ge­mein­sam mit Araya drin und dort konn­ten die bei­den so­gar ein paar Freund­schaf­ten schlie­ßen. Seit sie weiß, dass Araya mit Ralf in Thai­land bleibt, ist sie nicht mehr zu trös­ten. Sie wei­gert sich, zu du­schen, und ei­ne Pfle­ge­kraft lehnt sie ka­te­go­risch ab. Auch ei­ne Ra­sur kommt nicht in­fra­ge.

Sie sitzt mit Bart und ei­ner ih­rer Lang­haar­pe­rü­cken auf dem Kopf den gan­zen Tag vor dem Fern­se­her. Weil sie als Mann ge­bo­ren wur­de und zu­dem ziem­lich zu­ge­legt hat, woll­te der hie­si­ge Pfle­ge­dienst ei­nen neu­en mus­ku­lö­sen Mit­ar­bei­ter vor­bei­schi­cken.

Nun geht das Theater in die näch­ste Run­de und da­bei war ich da­mals so er­leich­tert, als die Araya sei­ner­zeit ne­ben­an ein­ge­zo­gen ist. Jetzt muss ich mir ei­ne an­de­re Lö­sung aus­den­ken. Un­ser An­bau ist nach der Gra­na­ten­ex­plo­sion wie­der tipp­topp. Eigent­lich könn­te Her­mi froh sein.

Hil­mar hofft da­rauf, dass die Poli­zei den Tom­my end­lich schnappt. Stell`dir vor, der wird so­gar per in­ter­na­tio­na­lem Haft­be­fehl ge­sucht. Mei­ne Mutter mein­te, das sei alles un­ver­hält­nis­mä­ßig und ein Ver­se­hen ge­we­sen. So et­was wür­de ihr Sohn nie­mals ab­sicht­lich ma­chen.

Jetzt läuft nicht nur ein Ver­fah­ren ge­gen ihn we­gen der Gra­na­ten­ex­plo­sion ne­ben­an bei und son­dern auch noch ein zwei­ter Straf­be­fehl von thai­län­di­scher Sei­te aus. Zum Glück ha­ben mei­ne Eltern den fi­nanz­iel­len Schaden, der durch Tom­my ent­stan­den ist, über­nom­men. Die be­schä­dig­te Ge­bäu­de­sei­te ist mitt­ler­wei­le neu ver­putzt wor­den. Nun lie­gen mei­ne Eltern uns stän­dig in den Oh­ren, wir soll­ten die An­zei­ge ge­gen Tom­my zurück­zie­hen.

Hil­mar wei­gert sich und das ver­ste­hen mei­ne Eltern je­doch nicht. Schließ­lich sind doch alle glü­ckli­cher­wei­se mit dem Schre­cken da­von­ge­kom­men. Mei­ne Mutter sag­te, dass Her­mi ne­ben­an froh sein kann, dass sie auf die­se Wei­se zu ei­ner kom­plet­ten neu­en Ein­rich­tung ge­kom­men wä­re. Aber das in­te­res­siert Hil­mar nicht, denn er will den Tom­my end­lich hin­ter schwe­di­schen Gar­di­nen se­hen.

Er mein­te, er sä­he nicht ein, dass der sich wie­der ein­mal nicht für sei­ne Mis­se­ta­ten ver­ant­wor­ten muss. So leicht kä­me der ihm jetzt nicht da­von. Her­mi sitzt ne­ben­an stun­den­lang in ih­rem Ses­sel. Stef­fi wohnt jetzt end­gül­tig bei ih­rem Freund in der Stadt. Hier­hin be­kä­men sie kei­ne zwei Pfer­de mehr. Es sei ihr hier viel zu öde, mein­te sie letz­tens noch.

Hil­mar hat lei­der wie­der nur ei­nen zeit­lich be­grenz­ten Ar­beits­ver­trag für ein Tier­schutz­pro­jekt. Als Bio­lo­ge sind die Aus­sich­ten nicht sehr ro­sig. Er über­legt, ob er nicht um­sat­telt. Wir müs­sen un­ser Haus ab­be­zah­len und des­halb macht man sich na­tür­lich Sor­gen um die Zu­kunft.

Na, euch viel Spaß in eu­rem Traum­ur­laub, ich be­nei­de dich.

Alles Lie­be, Ri­ke.

 

Am 01. April folg­te ei­ne weite­re Mail von Nan­cy, die ich aller­dings zu­nächst für ei­nen April­scherz hielt:

 

Von: nan­cy.d.et­was­fei­nes­zum­na­[email protected]

An: ri­ke-scher­schnitt@t-on­li­ne.de

Be­treff: Mord und Tot­schlag an Bord

 

Hal­li­hal­lo,

du soll­test dir ein­mal ernst­haft über­le­gen, ob du nicht bei uns mit ein­steigst. Bei uns läuft es ge­schäft­lich ab­so­lut su­per. Wie ge­sagt, die neue Mit­ar­bei­te­rin kann man ver­ges­sen. Wä­re das nichts für dich?

Du wür­dest vom Ho­meof­fi­ce aus die Be­stel­lun­gen be­ar­bei­ten, das hast du ja schließ­lich ge­lernt. Außer­dem be­kommst du monat­lich ex­tra ei­ne La­dung Gras frei Haus ge­lie­fert. Du wirst se­hen, das hebt die Stim­mung und bei Hil­mar und Tant­chen Her­mi eben­so.

Die be­kommt ein­fach ih­re Pri­se in den Ka­kao un­ter die Sah­ne­hau­be ge­rührt und dann klappt das auch mit dem Sin­gen bei ihr wie ge­schmiert! Ich zah­le wirk­lich gut. Wenn ihr möch­tet, kommt ihr bald hier­her zum Segeln und ge­nießt hier eu­ren Traum­ur­laub. Mein Back­buch „Ba­cken mit Can­na­bis mit Nan­cy” läuft ab­so­lut su­per.

Sven­ny und mir geht es aus­ge­zeich­net, vor al­lem, seit­dem die bei­den Ner­ven­sä­gen aus­ge­zo­gen sind. Zum Glück!!!

Das konn­te man ja echt nicht aus­hal­ten mit de­nen. Stell`dir vor: Ge­stern wur­de er von ihr über Bord ge­schubst und hin­ter­her be­haup­te­te sie, das sei ein Un­fall ge­we­sen. Der Mi­ke war ha­cke­dicht, so viel hat der ge­sof­fen und sie sag­te, er sei auf der Re­ling her­um­ge­turnt.

Da­ge­gen sagt er, sie ha­be ihm von hin­ten ei­nen Schubs ge­ge­ben und ihm, als er im Meer ge­lan­det ist, noch ein di­ckes Tau auf den Kopf ge­wor­fen. Da­rauf er­zähl­te sie, er sei sturz­be­trun­ken ins Was­ser ge­fal­len und sie woll­te ihm zur Ret­tung nur das Seil zu­wer­fen, da­mit er sich da­ran hoch sei­len könn­te. Der Sven­ny und ich, wir hat­ten von dem Theater gar nichts mit­be­kom­men, wir be­fan­den uns beim Ko­chen un­ter Deck.

Erst als wir we­gen der lau­ten Motor­ge­räu­sche ei­nes Boo­tes nach oben ka­men, sa­hen wir, dass die Poli­zei war. Die nahm die Zwei, die auf­ein­an­der­los­ge­gan­gen sind, gleich mit. Vor­her hat­te er um Hil­fe ge­ru­fen und die Be­sat­zung ei­nes Segel­boo­tes, das in der Nä­he vor An­ker lag, be­tä­tig­te den Poli­zei­not­ruf.

Zum Glück be­fan­den wir uns noch im Hafen, weil die Tus­si zu ei­nem Arzt ge­hen woll­te, we­gen ih­rer Son­nen­aller­gie. Der Mi­ke hat ei­nen Na­sen­bein­bruch, über­all sah man die Blut­sprit­zer. So­gar am Steu­er gab es Blut, das sah aus wie nach ei­nem Ge­met­zel. Er be­haup­tet, dass sie ihm eins mit dem klein­eren An­ker auf die Na­se ge­ge­ben hat. Es wä­re ein as­trei­ner Mord­ver­such ge­we­sen.

Sie sag­te, sie muss­te sich nur ver­tei­di­gen. Plötz­lich stand er vor ihr mit ei­ner Fla­sche mit Hoch­pro­zen­ti­gem und da­mit hät­te er sie über­gos­sen. Da­nach soll der mit sei­nem Feu­er­zeug vor ihr han­tiert ha­ben. Wo­rauf er er­zähl­te, das sei ein Irr­tum. Sie wür­de das falsch dar­stel­len, weil sie ge­ne­rell ge­gen das Rau­chen wä­re.

Er woll­te sich nur ei­ne Zi­ga­ret­te an­ma­chen und das mit dem Schnaps, das sei ba­rer Un­sinn. In dem Augen­blick, in dem er sich et­was Al­ko­ho­li­sches ein­schen­ken woll­te, griff sie plötz­lich nach der Fla­sche, um sie ihm zu ent­rei­ßen. Außer­dem könn­te man mit drei­ßig­pro­zen­ti­gem Al­ko­hol gar nichts an­zün­den.

Eben kam der Mi­ke von der ört­li­chen Poli­zei­sta­tion zurück und hol­te sei­ne Sa­chen. Der er­zähl­te, dass sie noch die letz­ten Flü­ge be­kom­men ha­ben, und bei­de wür­den gleich nach Hau­se zurück­flie­gen. Sie woll­te so­fort aus der ge­mein­sa­men Woh­nung aus­zie­hen. Im En­def­fekt seien sie sich ei­nig, dass bei ih­nen die Har­mo­nie fehl­te.

Vor al­lem im Hin­blick da­rauf, dass sie Ve­ga­ne­rin ist und er ei­ne fleisch­fres­sen­de Pflan­ze.

Na, je­den­falls er­leich­tert es den Sven­ny und mich, dass wir die los sind. Jetzt kön­nen wir un­se­ren Ur­laub we­nigs­tens in Zwei­sam­keit ge­nie­ßen. Spä­te­res Glück zu Hau­se ist üb­ri­gens nicht aus­ge­schlos­sen.

Bis bald, Gruß von ei­ner super­ver­lieb­ten Nan­cy

 

Ich drück­te: ?Ant­wor­ten

Von: ri­ke-scher­schnitt@t-on­li­ne.de

An: nan­cy.d.et­was­fei­nes­zum­na­[email protected]

Be­treff: WG. Zu­sam­men­ar­beit

 

Hal­lo Nan­cy,

dan­ke we­gen dei­nes An­ge­bo­tes. Aber Hil­mar fand das kei­ne gu­te Idee. Er mein­te, es gä­be für uns in der letz­ten Zeit schon ge­nug Är­ger mit Poli­zei und so. Man muss es nicht her­aus­for­dern. Ich ha­be das neue Buch so weit fer­tig. Willst du es bald zur Pro­be le­sen?

Lie­be Grü­ße von Ri­ke.

 

Von: nan­cy.d.et­was­fei­nes­zum­na­[email protected]

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Be­treff: Sen­de mir dein Ma­nu­skript zu.

 

Hal­lo Ri­ke,

schi­cke mir dein Buch­ma­nu­skript zu. Nun kann ich re­la­xen und es ist ge­nug Zeit, um zu le­sen. Aber den­ke bit­te da­ran, dass du mich und mein Un­ter­neh­men in dei­nem Buch bit­te­schön le­dig­lich mit ei­nem Pseu­do­nym er­wähnst. Zwar wä­re das ei­ne klas­se Wer­bung für mich, aber aus be­stimm­ten Grün­den wä­re es bes­ser, alle Spu­ren zu ver­wi­schen, sonst ste­hen bald die Bul­len auf mei­ner Mat­te.

Hier ist es wirk­lich super­toll! Wir ha­ben die Lei­nen los­ge­macht und segeln an Traum­strän­den vor­bei. Heu­te lie­gen wir in ei­ner idyl­li­schen Bucht. Es sieht aus wie in ei­nem Wer­be­spot. Ein­fach ein­ma­lig! Es fehlt nur noch die Musik zur be­kann­ten Rum-Wer­bung. Es ist traum­haft.

Ge­gen Mit­tag ging es zum Schnor­cheln. Ei­ne fan­tas­ti­sche Un­ter­was­ser­welt ist das mit so vielen bun­ten Fi­schen. Nun ist der Sven­ny im An­gel­fie­ber. Vor­hin ver­kün­de­te er, dass es ab jetzt je­den Tag le­cke­ren Fisch gibt! Ich freue mich! Üb­ri­gens kocht er super­gut, bes­ser als ich. Er ver­wöhnt mich, wo immer er kann.

Der Sven­ny ist soooo süß!!! Mei­ne mit­ge­brach­ten Bü­cher ha­be ich schon alle ge­le­sen, dann kommt mir dein Ma­nu­skript zum Pro­be­le­sen nur recht. Ich weiß nicht, ob hier über­all Emp­fang ist und je nach dem, schrei­be ich dir.

Lie­be Grü­ße von Nan­cy

 

Ei­ni­ge Ta­ge nach ih­rer letz­ten Nach­richt er­reich­te mich ei­ne weite­re, dies­mal aller­dings ei­ne alar­mie­ren­de E-Mail von Nan­cy:

 

Von: nan­cy.d.et­was­fei­nes­zum­na­[email protected]

An: ri­ke-scher­schnitt@t-on­li­ne.de

Be­treff: Hier herrscht das to­ta­le Cha­os.

 

Lie­be Ri­ke,

das darf doch nicht wahr sein!! Wir hän­gen fest. Lock­down. Als wir das mit der Qua­ran­tä­ne er­fuh­ren, segel­ten wir so­fort nach Pon­te-o-Pi­tre in Rich­tung Hafen zurück. Aber zu spät. Die las­sen uns über­haupt nicht mehr an Land.

Wir dür­fen noch nicht ein­mal in den Jacht­hafen we­gen die­ses be­schis­se­nen Co­ro­na-Ge­driss. Nur weil zwei Ur­lau­ber da­ran er­krankt sein sol­len, wird gleich alles dicht­ge­macht.

Im In­ter­net stand, dass die An­le­ger bis zum Bers­ten ge­füllt sind, ist wohl kein Platz. Nie­mand darf von Bord und jetzt an­kern wir mit zahl­rei­chen an­de­ren Boo­ten vor der Küs­te. Un­ser Was­ser­vor­rat ist auf le­dig­lich sechs Li­ter ge­schrumpft. Wenn es nach mir ge­gan­gen wä­re, gä­be es ge­nug zu trin­ken, aber der Sven wuss­te ja wie­der alles bes­ser. Mit sa­ge und schrei­be sechs Li­tern Was­ser müs­sen wir zu zweit aus­kom­men, in­klu­si­ve Zäh­ne­put­zen und Wa­schen. Außer­dem gibt es, außer ein paar Kon­ser­ven und drei Pa­ckun­gen Nu­deln, nichts mehr zu es­sen an Bord. Man weiß ja nicht, wie lan­ge das jetzt ge­hen soll.

Als wir mit un­se­rem Din­gi heim­lich in Rich­tung Hafen fah­ren woll­ten, wur­den wir von der Was­ser­schutz­poli­zei ab­ge­fan­gen und zurück zum Boot es­kor­tiert. Zu­stän­de sind das, ein­fach schre­cklich. Wie in ei­nem Ka­ta­stro­phen­film.

Im In­ter­net konn­ten wir se­hen, dass es über­all schlimm ist, aber hier ist es viel übler, weil wir nicht an Land dür­fen. Sven hat das Was­ser ra­tio­niert. Je­der darf höch­stens ei­nen hal­ben Li­ter täg­lich trin­ken und das bei der Hit­ze! Als ich noch et­was nach­neh­men woll­te, hat der mir doch bru­tal die Fla­sche aus der Hand ge­ris­sen. Stell` dir das vor! Weil der sich den Schlüs­sel für den Vor­rats­schrank aus­ge­rech­net in sei­ne Shorts ge­steckt hat, kom­me ich nicht mehr he­ran. Da­bei ist das gan­ze Dra­ma nur ihm zu ver­dan­ken.

Wenn es nach mir ge­gan­gen wä­re, sä­ßen wir jetzt je­den­falls nicht auf dem Tro­cke­nen. Er sagt, ich soll­te mir kein Kopf­zer­bre­chen ma­chen, er wür­de ge­nug Fisch fan­gen, um uns satt­zu­krie­gen. Na, das kann ja hei­ter wer­den.

Lie­be Grü­ße von Nan­cy

 

Zwei Ta­ge spä­ter folg­te die näch­ste Hor­ror­nach­richt:

 

Von: nan­cy.d.et­was­fei­nes­zum­na­[email protected]

An: ri­ke-scher­schnitt@t-on­li­ne.de

Be­treff: Hil­fe! Ich will hier weg!!!

 

Hal­lo, Ri­ke,

ich bin so ver­zwei­felt. Zwar wur­den uns von den Be­hör­den Was­ser­vor­rä­te in ei­nem Six­pack ge­bracht und et­was zum Es­sen gab es auch, aber das macht die Sa­che nicht we­sent­lich bes­ser. Jetzt ha­ben wir ein paar Pa­ckun­gen Kek­se und Reis an Bord. So­bald ich Fisch se­he, lau­fe ich weg. Ich wün­sche mir ein schö­nes saf­ti­ges blu­ti­ges Steak mit ei­nem Salat­tel­ler oder ein Pas­ta­ge­richt.

Das Salz­was­ser trock­net die Haut to­tal aus, da­mit ist das Wa­schen un­mög­lich. Wenn wir auf ei­nem See oder Fluss wä­ren, dann gä­be es we­nigs­tens ge­nü­gend Trink­was­ser.

Tags­über or­gelt die Son­ne heiß auf das Dach, es ist un­er­träg­lich. Ich kann lang­sam kei­nen Son­nen­schein mehr se­hen. Lei­der er­fah­ren wir auch nicht, wie lan­ge wir mit­ten auf dem Meer aus­har­ren müs­sen. Im In­ter­net gibt es da­zu kei­ner­lei In­fos. Der ein­zi­ge Trost ist, dass es den an­de­ren ge­nau­so er­geht. Un­se­re Flü­ge wer­den wohl ver­fal­len und dann wis­sen wir nicht, wie wir von hier weg­kom­men.

Ei­ne Ver­zwei­fel­te.

 

In mei­ner Ant­wort-Mail ver­such­te ich mein Be­stes, um sie zu trös­ten.

 

Am näch­sten Tag sand­te mir Nan­cy ei­nen Hil­fe­ruf zu:

 

Von: nan­cy.d.et­was­fei­nes­zum­na­[email protected]

An: ri­ke-scher­schnitt@t-on­li­ne.de

Be­treff: SOS von der Sea­wind!!!

 

Lie­be Ri­ke,

ich hal­te es nicht mehr aus! Jetzt fiel mir erst auf, dass ich mit ei­nem Ir­ren an Bord bin! Das ist wirk­lich nicht über­trie­ben. Der Sven wur­de eben von ei­nem Ba­by­hai beim Tau­chen in den Zeh ge­bis­sen. Als der to­tal pa­nisch hoch­kam und schrie, sein Fuß sei von ei­nem Hai ge­fres­sen wor­den, war ich na­tür­lich ge­schockt.

Du kannst dir gar nicht vor­stel­len, was ich für ei­nen Schreck be­kom­men ha­be! Als der auf das Boot kam, dach­te ich im er­sten Mo­ment, gleich se­he ich nur noch ei­nen Bein­stumpf, wie in ei­nem Hor­ror­film! Dann stell­te sich her­aus, dass es le­dig­lich ein leicht blu­ten­der Riss im Groß­zeh ist.

Der hat aber ein Theater ge­macht, als sei sein kom­plet­ter Fuß am­pu­tiert. Der woll­te doch tat­säch­lich, dass ich ei­nen Not­ruf we­gen ei­nes Hai­un­falls ab­set­ze.

Als er weiter­hin Tra­ra mach­te, ha­be ich ihm den Ge­fal­len er­wie­sen und ei­nen Not­ruf ab­ge­setzt und mir ge­dacht, viel­leicht hat es auch sein Gu­tes und wir kom­men hier schnel­ler weg. Aller­dings wur­de mir von den zu­stän­di­gen Be­hör­den mit­ge­teilt, ich soll­te den Fuß foto­gra­fie­ren und ih­nen das Bild mai­len. Aber das wä­re ja völ­li­ger Schwach­sinn ge­we­sen, bei der Lap­pa­lie.

Plötz­lich fiel mir das Tauch­er­mes­ser ein. Zu­ge­ge­ben, ich woll­te es neh­men, um die Sa­che ein we­nig zu be­schleu­ni­gen. Nur ein klei­ner Ritz mehr, an der rich­ti­gen Stel­le an­ge­setzt, ver­fehlt das nicht sei­ne Wir­kung. Ver­mut­lich wä­re das die Ret­tung und man fliegt uns so­gar per Ret­tungs­hub­schrau­ber end­lich nach Hau­se.

Man! Hat der ein Theater ge­macht! Ich kann dir sa­gen, der brüll­te wie am Spieß, ich woll­te ihn um­brin­gen und so. Der schrie völ­lig hys­te­risch, ich soll­te mich so­fort von ihm ent­fer­nen. Da­bei ist er rück­wärts­ge­gan­gen und ist über ein Tau ge­stol­pert. Die­ser Mann ist wahn­sin­nig! Ich bin auf ei­nen Ir­ren her­ein­ge­fal­len! Jetzt liegt der un­ten im Bett mit ge­stauch­tem Bein und sagt, ich sei es schuld, dass er sich sein Bein ge­bro­chen hat.

Er über­treibt maß­los, das ist mit Si­cher­heit kein Bruch, er kann ja immer­hin da­mit he­rum hin­ken. Aber das ist noch nicht alles.

Er hat mir Vor­wür­fe ge­macht und be­haup­tet, die Sa­che mit dem Hai wä­re nur pas­siert, weil ich immer die Kü­chen­ab­fäl­le über Bord wer­fe. Das stimmt über­haupt nicht. Ich bin die Ord­nungs­lie­be in Per­son.

Des­halb ist die­se Un­ter­stel­lung ei­ne Frech­heit son­der­glei­chen.

Zu­mal er weiter­hin sag­te, dass ich sämt­li­che Kla­mot­ten ste­hen und lie­gen las­se und er des­we­gen per­ma­nent we­gen mei­ner, auf dem Boden lie­gen­den Sa­chen stol­pert. Die­ser Idi­ot! Viel­leicht fal­len die bei dem Wel­len­gang zu Boden? Außer­dem wür­de er noch nicht ein­mal sei­nen Ra­sie­rer un­ter all mei­nen ver­teil­ten Kos­me­ti­kar­ti­keln wie­der­fin­den. Da­bei ist das nur ei­ne blö­de Aus­re­de, weil der zu faul ist, sich den Bart weg­zu­ra­sie­ren. Mit dem Voll­bart sieht der aus wie ein Al­mö­hi. Und dann be­haup­te­te der, dass es über­haupt ein wah­res Wun­der wä­re, dass er erst jetzt we­gen mir die­sen Un­fall er­lit­ten hät­te.

Wie soll ich das so lan­ge er­tra­gen?

Ich bin bald so weit und sprin­ge nachts ins Was­ser und wer­de ver­su­chen, das Fest­land zu er­rei­chen. Lie­ber las­se ich mich von ei­nem Hai­fisch als Haupt­spei­se fres­sen, als weiter­hin mit die­sem Ir­ren an Bord zu blei­ben. Wenn das jetzt schlim­mer wird, schie­ße ich gleich die No­tra­ke­ten in den Himmel.

Gruß von ei­ner Ver­zwei­fel­ten.

 

Be­vor ich ihr ei­ne Ant­wort schrei­ben konn­te, er­reich­te mich ein wei­te­rer Hil­fe­ruf von der Segel­yacht „Sea­wind”:

 

Von: nan­cy.d.et­was­fei­nes­zum­na­[email protected]

An: ri­ke-scher­schnitt@t-on­li­ne.de

Be­treff: Es ist der blan­ke Hor­ror!!!

 

Lie­be Ri­ke,

wäh­rend ich dies hier schrei­be, sit­ze ich hier mutter­seelen­allein in der völ­li­gen Dun­kel­heit. Mein Smart­pho­ne und mein Lap­top ge­ben mir we­nigs­tens noch et­was Licht. Ich weiß nicht, wie lan­ge die Ak­kus hal­ten. Jetzt hat er sich un­ter Deck ver­bar­ri­ka­diert und lässt mich nicht mehr ins Bett. Ich muss in der Hän­ge­mat­te schla­fen und wer­de von Mos­ki­tos at­ta­ckiert. Die sum­men mir stän­dig um die Oh­ren. Es ist ein­fach un­er­träg­lich.

Mein Rü­cken tut mir weh, so kann ich kein Au­ge zu­ma­chen. Ei­ne Fla­sche Was­ser mit ei­nem Stück Zwie­back hat der Gnä­di­ge mir nach oben ge­wor­fen, wie ei­nem Hund, be­vor er die Klap­pe hin­ter sich zu­macht. So ein Un­ge­heu­er!

Wenn ich hier ir­gend­wie noch ein­mal le­bend weg­kom­me, dann zei­ge ich den vor dem In­ter­na­tio­na­len Ge­richts­hof an we­gen Ver­bre­chens ge­gen die Mensch­lich­keit.

Auf je­den Fall darf der fei­ne Herr bald or­dent­lich sei­ne Zeit im Knast ab­sit­zen und zu­sätz­lich an mich Schmer­zens­geld ble­chen. Außer­dem schul­det der mir die Char­ter­kos­ten für die­se Nuss­scha­le. Und die Flü­ge samt Flug­kos­ten ha­be ich auch be­zahlt ge­nau­so wie die üb­ri­gen Kos­ten. An­ge­blich hat der sei­ne Mas­ter­kar­te zu Hau­se ver­ges­sen.

Das zahlt der mir alles auf Hel­ler und Pfen­nig zurück. Der kann sich aber warm an­zie­hen, sa­ge ich dir. So ein Arsch­loch. Der warf mir wäh­rend des Streits noch tat­säch­lich an den Kopf, dass er sich die Sa­che mit mir und dem Zu­sam­men­zie­hen oh­ne­hin über­legt hat. Der Alters­un­ter­schied sei ein­fach zu ge­wal­tig.

Die­ses al­ber­ne Ge­tue von mir, das gin­ge ihm auf die Ner­ven. Ich woll­te be­wusst ei­nen auf jung ma­chen, das wir­ke to­tal lä­cher­lich und des­halb schämt er sich vor an­de­ren Leu­ten. Er hät­te nach­ge­rech­net: Wenn ich mit acht­zehn schwan­ger ge­we­sen wä­re, dann könn­te er jetzt lo­cker mein Sohn sein.

Da­mit seien sei­ne Eltern nie und nim­mer mit ein­ver­stan­den. Sei­ne Mutter wünscht sich von ihm Enkel­kin­der und da­für sei ich ja wohl schon viel zu alt. Außer­dem woll­te er ein­mal das Ge­schäft sei­nes Vaters über­neh­men. Was ich mir eigent­lich da­bei den­ken wür­de, ihn da­zu über­re­den zu wol­len, dass er ein so­li­des Busi­ness ge­gen so et­was Un­mo­ra­li­sches tau­schen soll­te?

Der mein­te doch tat­säch­lich, ich wä­re skru­pel­los, weil ich Dro­gen und auf­blas­ba­re Por­no­pup­pen frei Haus lie­fe­re. Da­rauf­hin sag­te ich, dass er mir letz­tens er­zählt hat, dass sein Bru­der schwul ist, in Sa­do­ma­so-Stu­dios ver­kehrt und kri­mi­nell ist.

Stell` dir vor, der räum­te vor ei­nem Jahr das Konto der Eltern leer, um sich an­schlie­ßend mit sei­nem Lebens­part­ner ir­gend­wo in Griechen­land ab­zu­set­zen. Aber die Al­ten ha­ben aus Angst vor den Steu­er­be­hör­den von ei­ner An­zei­ge ab­ge­se­hen, denn das war Schwarz­geld in Hö­he von über 78.000 Eu­ro. Außer­dem fürch­ten die den Skan­dal. Ei­ne fei­ne Fa­mi­lie ist das!

Bin ich froh. Jetzt fällt es mir wie Schup­pen von den Augen, auf was ich mich bei­nahe ein­ge­las­sen hät­te! Im Üb­ri­gen wer­de ich den Sven we­gen des Ver­sto­ßes ge­gen das Ar­ten­schutz­ab­kom­men dran be­kom­men. Die im An­hang be­find­li­chen Fotos be­wei­sen, dass der vor­ge­stern ei­ne Was­ser­schild­krö­te ge­an­gelt hat. Aber an­statt das ar­me Tier vom Ha­ken zu neh­men, wo­rum ich ihn in­stän­dig bat, hat er sie in den gro­ßen Topf ge­wor­fen. Sie war noch so win­zig.

Ei­ne klei­ne nied­li­che Ba­by­schild­krö­te, die hat mich so­fort an Aray­as Schild­kröten er­in­nert, die frü­her in ih­rem Zim­mer im Sand her­um­ge­kro­chen sind. An­schlie­ßend wur­de sie ge­kocht und er hat sie ge­ges­sen. Mir wur­de so schlecht, ich bin nach drau­ßen ge­gan­gen, wäh­rend er sich die Ba­by­schild­krö­te schme­cken ließ. Er will den Panzer auf­be­wah­ren und ihn als Sou­ve­nir mit­neh­men.

Be­vor wir zum Zoll ge­hen und die auch mich dran­krie­gen, wer­de ich die­ses Un­ge­heu­er an­zei­gen. Viel­leicht könn­te Hil­mar et­was ma­chen? Er hat doch be­ste Kon­tak­te zu den zu­stän­di­gen Be­hör­den.

Schlaf du gut in dei­nem schö­nen weichen Bett, in der Si­cher­heit eu­res ge­müt­li­chen Heims. Und trinkt ein le­cke­res küh­les Bier auf mich und mei­ne hof­fent­lich bal­di­ge An­kunft zu Hau­se.

Alles Lie­be, Nan­cy.

 

Da­nach hör­te ich erst ein­mal nichts mehr von ihr und konn­te nachts vor lau­ter Sor­gen kaum schla­fen.

Ge­stern kam end­lich die er­lö­sen­de Nach­richt: Ute Brüg­ge, Nan­cys Ge­schäfts­part­ne­rin, rief mich an und sag­te, dass die Nan­cy es über Um­we­ge schaf­fen will, bald nach Hau­se zu kom­men. Lei­der sei das Tele­fo­nat nur kurz ge­we­sen, da die Ver­bin­dung so schlecht war. Sie sei von ihr da­rum ge­be­ten wor­den, mich zu fra­gen, ob ich bei ihr im Brief­kas­ten ein­mal nach der Post schaue. Na­tür­lich kam ich die­ser Bit­te auch gleich nach.

Noch am sel­ben Tag mach­te ich mich mit dem Auto auf den Weg nach un­ten, zu dem weiß ge­tün­chten Fach­werk­haus mit den, für die­se Ge­gend, ty­pi­schen brau­nen Holz­bal­ken.

Eigent­lich die per­fek­te Tar­nung: ein gut­bürg­er­li­cher An­strich für ein un­se­riö­ses Ge­wer­be.

Dort an­ge­kom­men blieb ich mit dem Schlüs­sel in der Hand vor dem Rie­sen­kas­ten des schmu­cken Hau­ses mit der Haus­num­mer 17 im Vor­gar­ten ste­hen. Un­ver­kenn­bar nutz­te Nan­cy je­de Ge­le­gen­heit da­zu, um für ihr ex­pan­die­ren­des Un­ter­neh­men die Wer­be­trom­mel zu rüh­ren. In dem Augen­blick, in dem ich den Brief­kas­ten im Haus­müll­ei­mer­for­mat mit dem un­über­seh­ba­ren scho­ko­la­den­brau­nen Wer­be­schild und dem pink­far­be­nen Schrift­zug ih­rer Fir­ma: „Sweet­dre­ams, Über­ra­schun­gen nur für Er­wachs­ene“ öff­ne­te, fiel mir der ge­sam­te Se­gen be­reits von selbst ent­ge­gen.

Mit blitz­ar­ti­ger Ge­schwin­dig­keit rea­gier­te ich und brach­te mich mit ei­nem seit­li­chen Hecht­sprung in Si­cher­heit. Da­nach hob ich, trotz mei­ner pei­ni­gen­den Rü­cken­schmer­zen in ge­bück­ter Hal­tung die direkt ne­ben ei­ner Was­ser­pfüt­ze lie­gen­den Brief­ku­verts und Ka­ta­logs­en­dun­gen auf. Sorg­fäl­tig trock­ne­te ich ei­ni­ge Ku­verts mit ei­nem zerk­nüll­ten Tem­po aus der Ja­cken­ta­sche ab.

Ver­mut­lich war die Hälf­te die­ser Brief­sen­dun­gen oh­ne­hin über­flüs­sig. Trotz­dem sor­tier­te ich den Krem­pel in den von mir in wei­ser Vor­aus­sicht mit­ge­brach­ten ex­tra sta­bi­len Müll­beu­tel von Ross­mann hin­ein.

Als die­ser Teil mei­ner nach­bar­schaft­li­chen Hil­fe be­en­det war, ging es zu Punkt zwei der Hilfs­leis­tung: dem Haus.

Vor al­lem in Zeiten wie die­sen muss­te man völ­lig un­eigen­nüt­zig agie­ren­de Men­schen wie mich nicht erst auf­grund ei­nes Pan­de­mie-Zu­standes in den Me­dien da­rum bit­ten, not­wen­di­ge Nach­bar­schafts­hil­fe zu leis­ten.

Nach dem vier­ma­li­gen Sig­nal­ton der Alar­man­la­ge, bei dem ich sämt­li­che direk­te und in­direk­te Nach­barn ken­nen­ler­nen durf­te, käm­pfte ich mich letz­tend­lich in das In­ne­re des Hau­ses hin­ein. Zu­nächst muss­te ich den von ei­ni­gen be­sorg­ten Bürg­ern her­bei­ge­ru­fe­nen Poli­zis­ten aber er­klä­ren, wes­halb ich hier Ein­lass be­gehr­te. Zu mei­nem Glück waren der Bau­er Schna­ke und der am­tie­ren­de Bürg­er­meis­ter in der Nä­he, die für mich bürg­ten.

Tief durch­at­mend trat ich ein und staun­te nicht schlecht: Don­ner­wet­ter! Seit mei­nem letz­ten Be­such hat­te sich tat­säch­lich ei­ni­ges ge­tan. Alles roch nach frisch gest­ri­che­nen Wän­den und die kom­plet­te Eta­ge, so­gar die Gäs­te­toi­let­te, wie ich nach ei­nem kur­zen Check fests­tell­te, war neu ge­fliest wor­den.

Eben­so er­strahl­te die im Wohn­raum in­teg­rier­te Kü­che in hoch­ak­tu­el­lem De­sign und die ehe­mals wei­ßen Kü­chen­fron­ten wi­chen schwar­zen hoch­glanz­la­ckier­ten Mö­beln mit ei­ner gro­ßen Koch­in­sel in der Mit­te. Er­freu­li­cher­wei­se stell­te ich bei mei­ner In­spek­tion des na­gel­neu­en Kühl- und Ge­frier­schrank­kom­ple­xes fest, dass Nan­cy ih­rer reich­hal­ti­gen Vor­rats­hal­tung glü­ckli­cher­wei­se treu blieb.

Im Ge­gen­teil: Ih­re jet­zi­ge Kühl­kom­bi­na­tion bot viel mehr Platz als die ehe­ma­li­ge. Jetzt konn­te bei mei­nem näch­sten Kek­sun­fall eigent­lich nichts schief ge­hen. Zu mei­nem Glück ver­füg­te mei­ne Nach­ba­rin be­reits da­mals über ein groß­ar­ti­ges Ge­frier­sor­ti­ment ei­nes be­kann­ten Tief­kühl­lie­fe­ran­ten, sonst hät­te ich ver­mut­lich sei­ner­zeit die­ses Mal­heur nicht so un­be­scha­det über­stan­den.

Hil­mar schimpft noch immer we­gen der Sa­che am Be­suchs­tag sei­ner Mutter. Bis zum heu­ti­gen Tag be­haup­tet er, die Al­ko­hol­ver­gif­tung bei Nan­cy sei ein Kom­plott ge­we­sen und von mir nur vor­ge­täuscht wor­den, um ihn mit dem Be­such bei uns zu Hau­se im Stich zu las­sen. Glü­ckli­cher­wei­se kennt er bis heu­te nicht die gan­ze Wahr­heit. Eigent­lich war die Sa­che ja Nan­cys Schuld. Wer ahnt denn, dass die in die le­cker rie­chen­den noch back­ofen­war­men Kek­se auch Gras ein­ge­ba­cken hat­te? Zum Glück war nichts Groß­ar­ti­ges pas­siert, von ei­ner ko­los­sa­len Ap­pe­ti­tat­ta­cke mei­ner­seits ein­mal ab­ge­se­hen.

An­sons­ten hät­te sich Nan­cy so et­was von warm an­zie­hen kön­nen, wenn durch mei­nen Zu­stand die Wahr­heit ans Tages­licht ge­kom­men wä­re. Si­cher­lich droh­ten ihr und ih­rer Kom­pli­zin we­gen Körper­ver­let­zung und Dro­gen­han­dels ei­ni­ge Jähr­chen Haft. Und das ist nur der An­fang ei­nes gan­zen Straf­kontos. Außer­dem weiß man ja nie, in­wie­fern so ein ah­nungs­lo­ses Pro­bie­ren even­tu­el­le Lang­zeit­schä­den ver­ur­sacht.

Wenn ich schon ein­mal hier war, sah ich mich weiter um, denn auch das Wohn­zim­mer er­kann­te ich kaum wie­der: Statt der hel­len Mö­bel stand dort ei­ne rie­si­ge schwar­ze Leder­land­schaft zum Her­um­lüm­meln. Na­tür­lich woll­te ich gleich ei­ne Por­tion Pro­be­sit­zen. Hm, nicht übel, sehr be­quem. Es ließ sich da­rin wirk­lich fa­bel­haft fau­len­zen. Das fei­ne Leder roch gut und fühl­te sich wun­der­bar weich und ge­schmei­dig an.

An den Wän­den hin­gen meh­re­re schwarz-wei­ße Bil­der alles har­mo­nisch ab­ge­stimmt auf die üb­ri­ge Ein­rich­tung. Mit den Sitz­ele­men­ten konn­te man sich fast um die eige­ne Ach­se dre­hen und noch da­zu den Sitz in ei­ne Lie­ge­po­si­tion stel­len. Das lud ge­ra­de zu ei­nem län­ge­ren Ver­wei­len ein!

Na ja, der Sven­ny wür­de hier je­den­falls nicht Platz neh­men, so viel war klar.

Da­ge­gen weil­te Nan­cys vier­bei­ni­ger Ge­fähr­te Plu­to, der frü­her fast die ge­sam­te Flä­che auf der al­ten Couch be­an­spruch­te und ein­mal mein Schlem­mer­kum­pel war, schon lan­ge nicht mehr un­ter uns. Er ver­starb nach der Plün­de­rung ei­nes von Nan­cy an ih­rem fünf­zigs­ten Ge­burts­tag auf­wen­dig ge­stal­te­ten Früh­stü­cksbüf­fets an ei­nem Darm­ver­schluss we­gen ei­nes Pfunds Butter.

Lei­der konn­te auch der er­fahr­ene und ei­lig her­bei­ge­ru­fe­ne Tier­arzt Dr. Schmidt­bau­er nichts mehr ma­chen. Plu­to, der mit zu­neh­men­dem Al­ter immer or­dent­li­cher an Ge­wicht zu­leg­te, hat­te die Alu­fo­lie ver­se­hent­lich gleich mit­ver­schlun­gen. Des­halb muss­ten alle Gäs­te hung­rig zurück nach Hau­se, denn das Buf­fet war dank der Un­er­sätt­lich­keit die­ses eng­li­schen Pit­bulls, der statt Mus­keln die Fett­mas­sen mit sich her­um­trug, kom­plett leer ge­räumt wor­den.

Nie­mand konn­te Nan­cy trös­ten und seit die­sem Schock fei­er­te sie kei­nen ih­rer Ge­burts­ta­ge mehr.

Um ihr ei­ne Notiz zu hin­ter­las­sen, mach­te ich mich auf die Su­che nach ei­nem Stift und Zet­tel. Weil ich in den Schub­fä­chern ih­rer neu­ge­stal­te­ten Kü­che über­haupt nichts Brauch­ba­res fand, Notiz­zet­tel und Stif­te waren hier of­fen­bar Man­gel­wa­re, woll­te ich im weiß la­ckier­ten Si­de­bo­ard nach­se­hen. Ah­nungs­los öff­ne­te ich das er­ste Fach und ge­nau­so wie beim Öff­nen des Brief­kas­tens fiel mir auch dort aller­hand über­flüs­si­ger Krem­pel ent­ge­gen. Aber kein ein­zi­ges Fit­zel­chen Papier und ir­gend­ei­nen Schreib­stift konn­te man fin­den. Ty­pisch Nan­cy! Sorg­fäl­tig sam­mel­te ich auf dem Boden sit­zend, die vor mir lie­gen­den Sa­chen ein. Und aber­mals stell­te ich, ge­nau wie bei mei­nem da­ma­li­gen Zwangs­auf­ent­halt fest, dass hier alles so ge­blie­ben war wie bis­her. Bei di­ver­sen Kon­dom­pa­ckun­gen wahl­wei­se mit Ba­na­nen- und Kirsch­ge­schmack, war das Min­dest­halt­bar­keits­datum be­reits be­trächt­lich ab­ge­lau­fen. Die lagen direkt ne­ben den nach Tabak stin­ken­den ge­öff­ne­ten Ziga­ret­ten­pa­ckun­gen.

Kein Wun­der, dass es bei ihr kei­ner aus­hielt! Na, da muss­te ei­nem Mann doch wirk­lich der Kra­gen plat­zen! Ver­schie­de­ne An­sichts­kar­ten aus allen mög­li­chen Län­dern von Per­so­nen aus Nan­cys na­hem und wei­te­rem Um­feld be­fan­den sich in di­rek­ter Nach­bar­schaft zu Rech­nun­gen von an­no 1990 und Bü­chern wie: „We­ge aus der Sex-Kri­se, die Frau um die Fünf­zig” und: „Wie kom­me ich, wenn ich um die Fünf­zig bin?”, „Heil­pflan­zen für die Er­otik der Frau” und „Die feuch­ten Ge­heim­nis­se ei­ner Frau”.

Nach dem Durch­blät­tern ei­ni­ger Schrei­ben stell­te ich fest, dass das heu­te ge­nug Ein­bli­cke aus dem Le­ben ei­ner of­fen­bar ein­sa­men Sing­lef­rau waren. Ein we­nig ge­nervt stopf­te ich all die Brie­fe und Post­kar­ten da­hin zurück, wo sie her­ka­men. Nur mit Mü­he und Not ge­lang es mir, die Tür mit dem Ma­gnet­ver­schluss zu schlie­ßen. Kein Wun­der: In den Schrän­ken la­ger­te bis zum Bers­ten ge­füll­ter Müll.

Schließ­lich war ich auch nicht die kos­ten­lo­se Auf­räu­me­rin vom Dienst. Hier soll­te die Eigen­tü­me­rin, so­fern sie, ir­gend­ein­mal er­holt wie­der an­kam, ein­mal schön selbst he­ran. Wenn man nicht be­reits als Kind zur Ord­nungs­lie­be her­an­ge­führt wird, en­det das Gan­ze spä­ter in ei­nem ein­zi­gen Fi­as­ko wie die­sem. Ich mei­ne immer, dass das vor al­lem ei­ne Fra­ge des Eltern­hau­ses ist.

Plötz­lich schrak ich zu­sam­men: Wie Phö­nix aus der Asche stand sie dort: Ute Brüg­ge, Nan­cys Ge­schäfts­part­ne­rin und Freun­din. Mit ih­ren schwarz ge­färb­ten lan­gen dün­nen Fuss­eln auf dem Kopf, dem Na­sen­bril­li und den ge­schma­cklo­sen Ethnok­la­mot­ten, sah die aus wie die Re-In­kar­na­tion von Nscho-tschi, der Schwes­ter von Win­ne­tou. Aber als vier­zig Jah­re äl­te­re Ver­sion. Of­fen­bar füg­te die sich mitt­ler­wei­le naht­los in die­se Rol­le hin­ein und schlich sich auf lo­sen So­cken der­art lei­se he­ran, dass ich die über­haupt nicht ge­hört hat­te.

„Ach hal­lo, ich ha­be dich gar nicht ge­hört. Man, du hast mich ganz schön er­schreckt! Al­so, ich bin auf der Su­che nach ei­nem Stift und ei­nem Zet­tel. Ich fin­de aber gar nichts”, be­merk­te ich nach dem er­sten Schreck in ih­re Rich­tung.

Statt ei­ner Ant­wort stand die immer noch, wie ei­ne Sta­tur in der West­ern­stadt des Brüh­ler Phan­ta­sia­land mit ih­rem bun­ten Pon­cho und brau­nen Leder­reits­tief­eln, im Tür­rah­men und schwieg.

Um die Sa­che ein we­nig zu be­schleu­ni­gen, star­te­te ich den Ge­gen­an­griff: „Und was machst du hier? Hast du auch ei­nen Haus­tür­schlüs­sel?”

In ih­rem Dank So­la­ri­um­röh­ren, braun ver­brut­zel­ten Ge­sicht reg­te sich zu­nächst nichts. Hop­pla, war wohl wie­der je­mand zu stark ins Kos­me­tik­töpf­chen ge­fal­len! Mit ih­ren viel zu be­ton­ten dun­kel­brau­nen Augen sah sie mich wie ei­ne lau­ern­de Klap­per­schlan­ge an. Ih­re schma­len Lip­pen mit dem un­pas­sen­den dun­kel­ro­ten Lip­pen­stift zu ei­nem Strich nach un­ten ge­zo­gen, sag­te die kein Wort. In die schein­bar end­lo­se Stil­le hin­ein ließ sie sich schließ­lich doch zu ei­ner Ant­wort he­rab: „Ja, die Nan­cy hat mir für alle Fäl­le ih­re Schlüs­sel ge­ge­ben.

Sie kommt üb­ri­gens heu­te spät mit dem er­sten Flug­zeug in Frank­furt zurück. Es ist die aller­letz­te Ma­schi­ne, die noch Pass­agie­re nach Deutsch­land bringt. Sie muss­te zwei­tausend­fünf­hun­dert Eu­ro da­für be­zah­len und über Um­we­ge mit drei­ma­li­gem Um­stieg flie­gen.

Der­zeit war­tet sie auf dem Flug­hafen Ams­ter­dam auf die An­schluss­ma­schi­ne. Mein Lie­fer­trans­por­ter hat ei­ne Pan­ne, ich bin da­mit eben lie­gen ge­blie­ben, der ist jetzt in der Werks­tatt. Ich ho­le mir den Schlüs­sel für Nan­cys Wagen. Und was machst du eigent­lich?”, da­bei sah sie mich mit durch­drin­gen­dem und viel­sa­gen­dem Blick an.

„Ich soll­te mich um die Post küm­mern, hast du mir doch selbst ge­sagt. Ne­ben­bei woll­te ich die Pflan­zen gie­ßen und auch so nach dem Rech­ten se­hen”, ant­wort­ete ich.

Mit vor die Brust ver­schränk­ten Ar­men frag­te die wie aus der Pis­to­le ge­schos­sen: „Aha, und die Blu­men gießt du in den Schrän­ken?”

Eigent­lich hat­te ich es über­haupt nicht nö­tig auf ei­ne der­art un­ver­schäm­te Fra­ge zu ant­wor­ten. Aber der ge­mein­sa­men Freund­schaft un­se­rer lie­ben Freun­din Nan­cy we­gen blieb ich mei­nem Natur­ell ge­treu fried­lich und ich ant­wort­ete: „Ei­ne der Pflan­zen da­hin­ten ist vol­ler Läu­se. Wie ich eben in Nan­cys Kräu­ter­buch ge­le­sen ha­be, hilft Brenn­nes­sel­sud. Weil ich kei­nen fin­de, wer­de ich Schmier­sei­fe neh­men, die geht eben­so gut. Außer­dem liegt mein Ma­nu­skript als Aus­druck auf dem Tisch. Das alles woll­te ich ihr nur mit­tei­len. Lei­der fin­de ich aber we­der ei­nen Zet­tel noch ei­nen Stift. Im Schrank ist auch nichts!”

„Schmier­sei­fe ist in der Vor­rats­kam­mer in der Kü­che”, sag­te Ute mit un­freund­li­cher Mie­ne und deu­te­te in Rich­tung Kü­chen­zei­le. Ab­rupt dreh­te sie sich he­rum zum Schlüs­sel­brett und schnapp­te sich den Auto­schlüs­sel des Trans­port­ers. Be­vor sie ging, teil­te sie mir mit: „Ich muss jetzt weg und bin eh schon zu spät dran. Wenn du der Nan­cy ei­ne Nach­richt hin­ter­las­sen willst, kannst du das auf der Me­mo­tafel vor­ne ma­chen. Dort hängt üb­ri­gens auch ein pas­sen­der Schreib­stift!” Da­bei deu­te­te sie auf die, in der Kü­che, hän­gen­de Rie­sen­glas­tafel mit Kaffee­mo­tiv an der Wand. Zum Ab­schluss ver­ab­schie­de­te sich mit ei­nem ver­nich­ten­den Blick. Gruß­los ließ sie hin­ter sich die Tür ins Schloss fal­len. Manch­mal muss­te man sich wirk­lich da­rüber wun­dern, wel­che Ma­nie­ren man­che ha­ben! Nicht ein­mal zu ei­nem Ab­schieds­gruß waren die in der La­ge!

Be­vor ich ging, goss ich zü­gig die Blu­men. Die Pflan­ze mit den vielen Blatt­läu­sen soll­te die Nan­cy ge­fäl­ligst selbst be­han­deln. Schließ­lich hat­te ich hier ge­nug Zeit mit die­sem gan­zen Blöd­sinn ver­plem­pert. Zu al­lem Über­fluss muss­te ich mich auch noch mit sol­chen Klein­geis­tern wie die­ser Ute her­um­är­gern! Die­se al­te Squaw tat eben so, als woll­te ich den ge­sam­ten Gold­be­stand der EU und der USA gleich­zei­tig aus dem Tre­sor der Fe­de­ral Re­ser­ve Bank in Man­hat­tan rau­ben!

Ei­lig hin­ter­ließ ich Nan­cy ei­ne Nach­richt auf dem Me­mo­bo­ard mit dem Hin­weis auf mein aus­ge­druck­tes Buch­ma­nu­skript auf dem Kü­chen­tisch.

 

Lie­be Nan­cy,

ich hof­fe, dass du, wenn du das hier liest, wie­der gut zu Hau­se an­ge­kom­men bist. Weil du auf dem Boot be­stimmt et­was an­de­res zu tun hat­test, ha­be ich dir das Buch nicht per E-Mail zu­ge­sandt. Da­mit du das Ma­nu­skript viel­leicht auch im Bett oder auf der Couch le­sen kannst, ha­be ich es dir aus­ge­druckt. Ich ha­be ein­mal auf­ge­schrie­ben, was sich seit dem 19.04.2017 bei uns so er­eig­net hat. Üb­ri­gens sind weite­re ak­tu­el­le Ka­pi­tel da­zu­ge­kom­men, denn bei uns ist so ei­ni­ges pas­siert, als du nicht warst. Du hast es gut, so schön allein. Mein Schwie­ger­vater hat sich bei uns ein­ge­nis­tet. Es ist wirk­lich schlimm.

Ach, lies selbst, es ist ein­fach fürch­ter­lich! Wenn ich nur wüss­te, wo ich hin­ge­hen könn­te, aber es ist ja über­all alles dicht, auch die Hotels sind ge­schlos­sen.

Bis dem­nächst, lass dich mal wie­der bli­cken.

 

Lie­be Grü­ße von Ri­ke

 

2. Verfluchte Geschenke

Ma­nu­skript

 

19.04.2017:

Auf­grund mei­ner Be­wer­bung bei ei­ner Zeit­ar­beits­fir­ma be­kam ich ei­nen An­ruf und die Per­so­nal­mit­ar­bei­te­rin Frau Pe­ters­mann frag­te so­fort: „Wenn Sie Zeit und Lust auf ei­nen Job im Büro­be­reich ha­ben, dann kön­nen Sie sich dort vor­stel­len. Soll­ten die sich für Sie ent­schei­den, müss­ten Sie aller­dings mög­lichst gleich an­fan­gen!“

Tat­säch­lich fand ich mich am über­näch­sten Tag im Be­spre­chungs­raum ei­ner nam­haf­ten Ver­si­che­rung wie­der.

Nach dem un­ge­fähr ein­stün­di­gen Ge­spräch sah mich die Per­so­nal­lei­te­rin Frau Sieben­schlä­ger for­schend an und be­merk­te: „Na, die Sa­che mit dem Nach­wuchs ist bei Ih­nen ja si­cher­lich ab­ge­hakt. Sie sag­ten, Sie hät­ten zwei er­wachs­ene Töch­ter. Wie sieht es denn bei de­nen und dem Kin­der­wunsch aus?“

Über­rascht über die­se Fra­ge, be­nö­tig­te ich erst ein­mal ei­ne ge­wis­se An­lauf­zeit zur Ant­wort: „Nein, es ist nichts der­glei­chen in Sicht. Die ei­ne sucht noch nach dem pas­sen­den Mann und die an­de­re stu­diert“, und be­ru­hig­te sie im fes­ten Glau­ben da­ran, da­mit alle Be­den­ken kon­se­quent vom Tisch ge­fegt zu ha­ben.

Ir­gend­wie er­leich­tert nick­te da­rauf­hin die Sieben­schlä­ger ge­nau­so wie der ne­ben ihr sit­zen­de Ab­tei­lungs­di­rek­tor Dr. Heß­mann. „Ach ja, gut“, mein­te die­ser. „Dann kann man bloß hof­fen, dass Ih­re Töch­ter Sie nicht doch vor­zei­tig zur Oma ma­chen!“

„Ge­nau“, fand eben­so die ha­ge­re Isol­de Sieben­schlä­ger,„wir su­chen näm­lich je­man­den, der die Mutter­schafts­zeit der Frau Müll­ens ab­deckt. Wis­sen Sie, in­ner­halb von drei Mo­na­ten sind zwei Damen, die wir als Ver­tre­tung ein­ge­stellt ha­ben, schwan­ger ge­wor­den. Das sind ins­ge­samt drei Mit­ar­bei­ter­in­nen, die in der kur­zen Zeit hin­ter­ein­an­der we­gen Kin­der­krie­gens aus­fal­len.

Die ei­ne Mutter­schafts­ver­tre­tung be­kommt ein Kind und die­je­ni­ge, die eigent­lich als de­ren Ver­tre­tung ge­dacht war, er­war­tet nach ei­nem Monat bei uns eben­falls Nach­wuchs, dies­mal so­gar Zwil­lin­ge. Wäh­rend der Schwan­ger­schaft ha­ben sich so­fort alle krank­ge­mel­det. Wis­sen Sie, so et­was wol­len wir jetzt nicht mehr, das bringt viel Un­ru­he in die Ab­tei­lung. Wir müs­sen uns da­rauf ver­las­sen, dass Sie das Jahr tat­säch­lich bei uns durch­hal­ten. Heut­zu­ta­ge ge­hen ja die meis­ten nach der Eltern­zeit er­neut ar­bei­ten und na­tür­lich kommt in der Re­gel die Oma ins Spiel.

So­bald der Nach­wuchs krank ist oder auch sonst, wird nach der Groß­mutter ge­ru­fen. Sie wis­sen, was ich mei­ne?“, prü­fend blick­te sie mich aus ih­ren gro­ßen run­den Bril­len­glä­sern an. Die trug die blaue Bril­le far­blich pas­send zu ih­rem Ho­sen­an­zug und nes­tel­te, auf ei­ne Ant­wort mei­ner­seits war­tend, ner­vös an ih­rem Hals­tuch he­rum.

Eif­rig nick­te ich: „Ja, ich ver­ste­he das. So weit ich weiß, will mei­ne Äl­tes­te kei­ne Kin­der. Vor al­lem, weil der rich­ti­ge Vater nicht in Sicht ist. Von dort droht kei­ner­lei Ge­fahr. Außer­dem ist die künst­li­che Be­fruch­tung auch nicht ihr Ding. Man­che ma­chen so et­was ja mit sich allei­ne aus. Von da­her kann man be­ru­higt sein. Und mei­ne Jüngs­te möch­te ihr Stu­di­um durch­zie­hen. Sie ist in je­der Be­zie­hung sehr ehr­gei­zig.“, und da­bei dach­te ich an ih­re groß­flä­chi­ge Körper­be­ma­lung, die sie mir letz­tens vor­führ­te.

Zur Be­gut­ach­tung ih­rer Rück­front zog sie sich das T-Shirt über den Kopf, dreh­te sich um und sag­te: „Guck` mal Ma­ma. Das hier ha­be ich mir vor ei­nem Monat ste­chen las­sen. Ein rich­ti­ger Dschun­gel mit Rot-Aras und Hya­zinth-Aras ist das. Da­für muss­te ich meh­re­re Ta­ge für zig Stun­den im Stu­dio auf der Lie­ge blei­ben. Ein wah­res Kunst­werk ist das!“

Vol­ler Stolz zeig­te sie mir wie ei­ne Mutter ihr frisch ge­schlüpf­tes Neu­ge­bo­re­nes an­schlie­ßend auch noch ih­re Vor­der­front. Auf ei­ne klei­ne Lü­cke zwi­schen Brust- und Bauch­be­reich deu­tend teil­te sie mit: „Und hier, un­ter­halb der Wol­ken und der Son­ne und ober­halb von dem Grün­be­reich un­ten, da­zwi­schen flie­gen dem­nächst noch ei­ni­ge Sit­ti­che und Ka­ka­dus. Des­halb muss ich jetzt wirk­lich spa­ren, bis ich die Koh­le da­für zu­sam­men­ha­be. Ich wün­sche mir üb­ri­gens zu Weih­nach­ten und zum Ge­burts­tag nichts an­de­res als Geld. Dann musst du nicht groß­ar­tig her­um­lau­fen, um et­was zu su­chen.

Die­se Su­che­rei ist ja echt ät­zend für dich und dann geht das wie­der mit der ner­vi­gen Um­tausch­erei los. Außer­dem hab` ja alles. Hach, ich lie­be den Dschun­gel und die bun­ten Tie­re da­rin! Die­se Tat­toos ge­hen ganz schön ins Geld. Da­nach ist aber erst ein­mal Ru­he. Ir­gend­wann las­se ich mir viel­leicht ein klam­mern­des Ka­pu­zi­ne­räff­chen um den rech­ten Ober­schen­kel he­rum ste­chen. Ich ha­be so ge­wis­se Vor­stel­lun­gen. Ach, ich lie­be die­se Natur so sehr!“

„Aber ich den­ke, dein neu­er Freund macht dir die Tat­toos in sei­nem Stu­dio um­sonst?“

Wäh­rend sie sich wie­der an­zog, schüt­tel­te Sie mit dem Kopf: „Nein, wo denkst du hin! Was glaubst du eigent­lich, was allei­ne die Far­be kos­tet? Außer­dem macht mir das ein Mit­ar­bei­ter, der Tim. Der hat sich auf sol­che auf­wen­di­gen Dschun­gel­mo­ti­ve spe­zi­a­li­siert. “

Na, immer­hin kam sie in die­ser Be­zie­hung nach ih­rem Herrn Pa­pa.

Ein we­nig er­leich­tert blick­ten mich die bei­den Ent­schei­der von der Per­so­nal­ab­tei­lung an und der über sech­zig­jäh­ri­ge er­grau­te Dr. Heß­mann äu­ßer­te sich als Er­ster: „Na, das ist ja wirk­lich er­freu­lich zu hö­ren. Wis­sen Sie: Mei­ne Frau und ich, wir ha­ben zwei Töch­ter und vier Enkel­kin­der von de­nen be­reits zwei fast er­wach­sen sind. Aber die Klein­sten brin­gen je­des Mal ei­ne an­de­re Seu­che von der Ki­ta oder Schu­le mit nach Hau­se.

Na­tür­lich wer­den, wenn es um die Kran­ken­pfle­ge geht, ger­ne die Groß­eltern ge­fragt. Schließ­lich kann man ja nicht we­gen der Er­kran­kung sei­nes Nach­wuch­ses gleich zu Hau­se blei­ben. So­bald man sich für ei­ne Fa­mi­lie ent­schei­det, soll­te die Mutter sich um die Kin­der küm­mern und nicht ar­bei­ten ge­hen.

Aller­dings sind mei­ne bei­den Töch­ter an­de­rer Mei­nung. Die mei­nen, sie müss­ten in ei­nem Un­ter­neh­men ih­ren Mann ste­hen. Ich fin­de, ei­ne Fa­mi­lie zu grün­den, und ar­bei­ten ge­hen, das ver­trägt sich nicht. Mei­ne Frau ist immer zu Hau­se ge­blie­ben und hat das Heim und alles Üb­ri­ge ge­ma­nagt.

Da­rüber waren wir uns sei­ner­zeit bei der Hoch­zeit ei­nig. Sonst hät­te ich sie auch nie ge­hei­ra­tet. Wir ha­ben das ge­nau­so ge­macht wie mei­ne Eltern da­mals und des­halb bli­cke ich, bis heu­te, auf ei­ne glü­ckli­che Kind­heit zurück. Al­so ehr­lich ge­sagt: Kar­rie­re und Fa­mi­lie, das geht ir­gend­wie nicht zu­sam­men.“

An die­ser Stel­le führ­te die Isol­de Sieben­schlä­ger die Fra­ge­run­de weiter: „Was stu­diert Ih­re Tochter eigent­lich?“, frag­te sie in­te­res­siert.

„Kunst!“, ant­wort­ete ich spon­tan.

„Na ja, da­mit lässt sich ja kein rich­ti­ges Geld ver­die­nen. Es sei denn, man fin­det ei­nen gut ver­die­nen­den Ehe­mann und kann sei­nem Hob­by zu Hau­se frö­nen!“, warf jetzt der Dr. Heß­mann ein.

„Kön­nen Sie sich eigent­lich vor­stel­len, bei uns zu ar­bei­ten?“, frag­te mich die Frau Sieben­schlä­ger.