3,99 €
Trotz allem. Man muss sich irgendwie ablenken! Sagt Rike Scherschnitt und weiter: »Wenn ich vorher nur den Funken einer Ahnung gehabt hätte, dass Hilmar bei Preisausschreiben mitmacht, wäre die Sache nicht derart aus dem Ruder gelaufen. Steffi meinte: »Mittlerweile mache ich mir wegen euch Sorgen, dass ihr nicht ebenfalls auf den Enkeltrick hereinfallt.« Irgendwie und irgendwann ging es trotz Lockdown aus Griechenland wieder zurück. Ein kurzes Aufatmen. Bis Lothar kam und der nistete sich ein wie ein Kuckuckskind. Weil der über einen anspruchsvollen feinen Geschmackssinn verfügt aber Bargeld- und Masterkartenlos ankam, haben wir jetzt ein sattes Minus auf unserem ohnehin miesen Konto. Neuerdings buddele ich den Garten um und schaufle tiefe Gräben. Mit irgendetwas muss man sich ja ablenken. Übrigens ist die Zahl der Scheidungen und Morde erschreckend in die Höhe geklettert.«
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2022
Neues von den Scherschnitts
Lockdown und Stubenarrest für alle!
Satire
von
Martina Plischka
1. Vorher
Schrecken eines Segeltörns
2. Verfluchte Geschenke
3. Weihnachten für die Papiertonne
4. Vom Fluch der Doppelnamen
5. Der Drache ist tot
6. Geiergier
7. Partnerschaftsbörse
8. Freigestellt mit besten Aufstiegschancen
9. Eine Überraschung rundet alles ab
10. Die Einladung und nichts anzuziehen
11. Bahnservice
12. Massongi-Beach-Resort-Hotel
13. Privater Schönheitssalon in pandemischen Zeiten
14. Achtung! Lothar kommt
15. Melancholische Erinnerungen
16. Wenn die Musik die Seele streichelt
17. Die Backorgie
18. Schwanensee
19. Coronastress
20. Notfallversorgung in schwierigen Zeiten
21. Panische Pandemie
Das Wiedersehen
Impressum
März 2021:
In diesem kleinen Ort in der Eifeler Provinz lebt man in aller Beschaulichkeit vor sich hin. Doch vor einem Jahr trat doch plötzlich ein Winzling in unser Leben, der wie eine Lawine schlagartig den Alltag veränderte. Ehe man sich versah, wurde in vielen Ländern dieser Erde ein weltweiter Lockdown verkündet und das ausgerechnet, als wir unseren Urlaub in Griechenland verbrachten. Von einem Moment auf den anderen bekamen alle auf dieser Welt den Stubenarrest verpasst.
Es ist doch so: Eine ganze Weile plätschert das Leben vor sich hin, tag ein und aus immer das Gleiche und die Tage, Wochen, Monate und Jahre vergehen ohne besondere Vorkommnisse. Aber dann verändert sich alles und unser Alltag ist nicht mehr so wie bisher.
Von unserem letzten Urlaub auf Kreta haben wir jedenfalls die Nase gestrichen voll. Wegen dieser Pandemie glich unser Hotel einem Hochsicherheitstrakt, wir durften nicht mehr hinaus und unser Essen bekamen wir ab sofort vor die Hotelzimmertür gestellt. Bei einem Preisausschreiben machen wir deshalb schon aus diesem Grund garantiert nicht mehr mit. Allerdings war das längst nicht alles. Ich sage Ihnen: ein einziges Desaster vom Anfang bis zum Ende! Seitdem stehen wir dem Urlaub in einem Hotel, das seine Sternenkategorie der Länge und Anzahl der Außenbars verdankt sehr skeptisch gegenüber. Aber auch ohne Meeresbrise schwappt eine Welle nach der nächsten über unser Land hinweg.
Seitdem ist die Stimmung ziemlich betrübt. Hier im Ort kennt fast jeder jeden und das macht die Sache eigentlich viel schlimmer. Jedermann ist auf der Hut vor dieser seltsamen Fledermausseuche, obwohl hierzulande noch niemand, nicht einmal Hilmar, je eine Fledermaus gesehen hat. Bei uns gibt es diese Tierart nur zu Halloween in der XXL-Fruchtgummitüte eines bekannten Süßigkeitenherstellers.
Alle Welt weiß, dass die Asiaten wirklich alles essen, was nicht schnell genug hoch oben auf dem Baum ist und selbst dort hat man als Flugtier keine Chance.
Aber hier mag keiner dieses Tier und das wird auch der Grund dafür sein, dass es in diesem Ort kein chinesisches Speiselokal gibt. In diesen Zeiten leidet man doch sehr, weil man sonst immer für den einen oder anderen Plausch auf der Straße stehen blieb, um sich über die Ortsgemeinschaft auszutauschen.
Dieses furchtbare Fiasko, so etwas braucht kein Mensch. Natürlich ist es, wie üblich, offenbar Made in China. Wie das meiste Zeug, das von daher kommt, ist jeglicher Umtausch nach dem Ablauf der Garantiezeit ausgeschlossen. Darüber rege ich mich ständig auf. Es ist doch auch wahr: Seit der Globalisierung wird alles festgeklebt oder miteinander verschweißt und nicht mehr verschraubt. Egal, ob Fernseher, Funkwecker, Smartphones oder Autos: Sämtliche Teile werden so miteinander verbunden, dass sie kein Mensch mehr zur Reparatur auseinanderbekommt. Man soll ja immer alles neu kaufen, das ist das Motto und uns Verbrauchern dann den schwarzen Peter zuschieben, das haben wir gerne. Früher, wenn die Wasserpumpe kaputt war, konnte ich mit meiner Feinstrumpfhose meinen alten Wagen noch problemlos zum Weiterfahren reparieren, dann habe ich, um nicht zu frieren, drinnen mal kurz die Heizung angestellt und bin bis zur nächsten Werkstatt gefahren. Heute muss gleich der ADAC zum Abschleppen kommen.
Wie früher, einmal schnell eine Glühbirne am Wagen austauschen geht gar nicht. Dann muss gleich der Wagen in die Werkstatt, um die halbe Karosserie abzumontieren.
Man stelle sich das einmal vor: Wegen des Auswechselns einer Glühlampe müsste zu Hause gleich ein Großteil des Hauses auseinandergenommen werden. Na ja, das kommt bestimmt als Nächstes, zumindest bei diesen Smarthomes. Aber manchen Leuten und ihrer Technikgläubigkeit kann man eben nicht helfen.
Ach, dieses Umtauschen ist für mich ohnehin ein leidiges Thema, in dieser Beziehung spreche ich aus meinen vorherigen Erfahrungen heraus. Aber die Grünen wollen den Umweltschutz bei der nächsten Wahl zu ihrem Hauptthema machen. Na, die sollen lieber erst einmal nach China gehen, und dort aufräumen und die Fridays for Future-Bewegung soll sich mal lieber dort auf den Hauptverkehrsadern dieser Megastädte zur morgendlichen Stoßzeit mit den Händen festkleben anstatt in Bonn oder in Bad Münstereifel. Irgendwann werden die chinesischen Schulkinder bei uns einen Erholungsurlaub verbringen damit sie einmal blühende Landschaften und saubere Seen so weit das Auge reicht sehen können.
Letztens, in der Buchhandlung Schoppenheuer sagte eine jüngere Kundin mit einem Buch in der Hand und befriedigtem Gesichtsausdruck zu der Inhaberin: „Ja, da ist es endlich. Ganz neu auf dem Markt.“
Mit wohlwollender Miene blickte die auf das Cover und fügte hinzu: „Wissen Sie, den Robert Habeck, den finde ich richtig gut. Ich habe fast alle Bücher von dem und hoffe, dass der mal Kanzler wird. Sieht er nicht smart aus? Der würde doch etwas her machen, anders als die anderen. Diese Hosenanzugsträgerin bin ich nach all den Jahren wirklich leid.
Ich will endlich mal etwas anderes sehen. Schauen Sie mal, wie fotogen der auf dem Buchtitel wirkt. Allerdings muss ich sagen, die Titelbilder sehen sich allesamt zum Verwechseln ähnlich. Vielleicht wäre ein anderes Bild doch besser gewesen. Vor allem, wenn es um das Thema Umweltschutz geht. Eine überfüllte gelbe Mülltonne zum Beispiel. Hach, aber der ist so fotogen, den kann ich mir direkt in einem dunklen Anzug mit grüner Krawatte auf dem roten Teppich in Washington vorstellen direkt neben dem US-Präsidenten.“
Darauf antwortete die Buchhändlerin zunächst einmal nichts, deutete auf ein anderes Buch und sagte: „Wir haben übrigens auch noch ein neues Buch von Olaf Scholz. Hier sehen Sie mal!“
Worauf die Kundin naserümpfend mit dem Kopf schüttelte: „Nein, also der ist jetzt nicht so mein Fall. Bei dem ist die Handpose doch genauso wie bei seiner Hosenanzug tragenden Vorgängerin. So, das wäre es dann erst einmal. Äh, mir fällt gerade etwas ein: Meine siebenjährige Nichte hat Geburtstag. Haben Sie vielleicht noch ein Märchenbuch von Robert Habeck?“
Eine jüngere Verkäuferin, die zuvor mit dem Aufstellen eines Bücherständers beschäftigt war, eilte heran und mischte sich ein: „Wir hätten hier ein neues Märchenbuch: Annalena und die vierzig verrückten Kobalte in der Koboldmine! Das ist soeben hereingekommen.“
Na ja, ich bin dann hinausgegangen und dachte mir meinen Teil. Eigentlich ist es doch mittlerweile egal, wen man wählt. Aus dieser vermaledeiten Geschichte kommen wir, egal wer regiert, anscheinend so schnell nicht wieder heraus. Angeblich soll sie kommen und wird medial regelrecht herbeigebetet: die Ampelkoalition. Grün sorgt für den Klimawandel, bei Gelb wird ordentlich Gas gegeben und man fährt noch schnell munter drüber und Rot stoppt dann alle und alles.
Letztens meinte doch die Frau Hannah Liebecke, die ich von der Gassirunde her kenne, wissen Sie, das ist die, mit dem fiesen andalusischen krummbeinigen Wuschelmix aus Andalusien, der meinen Alf immer so dumm anmacht, dass wir hier noch eine richtige Demokratie hätten. »Da können wir aber froh sein!«, sagte sie, weil ich eine Bemerkung über die dort oben gemacht hatte, die ihr nicht passte, und sah mich aus grauen Augen forschend an.
»Dann gehen Sie mal nach China, was bei denen los ist. Dort bekommen Sie schon einen Punkt Abzug, weil Sie morgens früh vergessen haben, die Mülltonne ordnungsgemäß abzustellen oder sich die Hände auf der Bahnhofstoilette nicht abgewaschen haben. Wenn Sie dann am Bahnhof sind, um in den Zug zu steigen, zack gehen die Schranken herunter, ein Alarm geht an und ihr Passbildgesicht erscheint plötzlich oben auf der Anzeigetafel groß und in Farbe. Alle Passanten bleiben stehen und starren Sie an und Sie müssen umkehren, das war es mit der Fahrt.«
Plötzlich fiel mir Hilmars gesammeltes Punktekonto in Flensburg ein und ich erwiderte darauf dann gar nichts mehr. In einem hat die Liebecke ja recht: Im Gegensatz zu anderen Ländern, in denen sich die Abgeordneten einen Schlagabtausch mit regelrechten Prügeleien im Parlament liefern, sind unsere Politiker sehr friedliebende Wesen. Eine Hand wäscht die andere, nicht wahr. Aber das mit dem Punktekonto wie beim Drogeriemarkt, das kommt auch hierher, da gehe ich jede Wette ein!
Ach, wissen Sie: Dieses ganze Polittheater ist mir mittlerweile zu viel! Nein, ich habe für mich beschlossen, dass man für sich selbst ab sofort umdenken sollte. Dabei bin ich von meinem Naturell und Garten her bereits ganz schön grün. Flexibilität lautet das Zauberwort, selbst wenn es einige Schlafschafe noch immer nicht begriffen haben.
Vermutlich werden demnächst nicht nur die Baumärkte, sondern ebenfalls die Supermärkte schließen und es gibt von einem Tag auf den anderen keine Ware mehr. Aber auch die Leute, die wie ich Konserven bunkern, Einmachgläser befüllen und Dörrfleisch wegen der kommenden Krise zurücklegen sollten wissen: Sobald die Frischware fehlt, kann man ein gesundes Essen vergessen.
Von mir aus kann Hilmar ruhig sagen, was er will und mich weiterhin Prepper nennen, das ist mir total egal. In der Krise wird er mich noch auf Knien wegen der Lebensmittel anflehen.
Ach ja, apropos frisch: Wie man hört, bleiben die Etablissements geöffnet. Irgendjemand muss sich in Zeiten wie diesen opfern und für den Konsum sorgen. Wer soll sonst die viele Kohle heranschaffen, die unser Land und die anderen EU-Staaten benötigen? Neuerdings heißt es ja nicht umsonst: Sexarbeiterinnen. Na, dafür werden die fleißigen Bienchen sehr zu ihrer Freude, wie sich das gehört, allesamt kranken- und sozialversichert. Mit der Schwarzarbeit und dem unseriösen Gewerbe war ab sofort Schluss, als ausgerechnet drei emanzipierte Frauen auf diese wunderbare Idee kamen. Ja, die fackelten nicht lange, denn die haben sich den Sozialismus auf die Fahne geschrieben. Weil die so voller Kreativität stecken, kletterten die gleich weiter hoch auf der Leiter. Bislang war leider von einem Karriereschub für die neue Arbeiterklasse noch nichts zu hören oder zu lesen. Aber so etwas dauert sicherlich, bis auch endlich eine Frau aus dem glamourösen Milieu die Hühnerleiter erklimmt.
Bisher galt die Arbeit in den Hinterhöfen und gewissen Geschäftsräumen als Schwarzarbeit. Dank dreier Geschlechtsgenossinnen aus der Politik können die Damen froh sein, dass man ihnen derart selbstlos unter die Arme gegriffen hat! Das war ja seinerzeit eine regelrechte Revolution! Nebenbei stieg auch die Anzahl der männlichen Touristen unaufhörlich an. Vergessen Sie exotische Ziele wie Thailand, kommen Sie stattdessen in unser wunderschönes Deutschland, in dem die Welt zu Hause ist.
Demnächst unternehmen gewisse intime Etablissements am Wahltag einen Betriebsausflug, um der Partei zu helfen, die denen das Hochklettern auf der Karriereleiter erst ermöglicht hat. Andererseits, wenn ich mich an die vorletzte Wahl in diesem Ort erinnere, sollte man sich das Wählen für Wahlungeübte lieber noch einmal durch den Kopf gehen lassen. Wenn ich an das vorletzte Wahldebakel mit Hermi denke, das war die ultimative Katastrophe! Seitdem gibt es für unsere Senioren nur noch Briefwahl mit vorheriger Ankreuzungs-Schulung.
Wissen Sie, in Zeiten wie diesen, muss eben noch irgendwer Geld heranschaffen und nicht alleine den Pflegekräften und dem medizinischen Fachpersonal das Arbeiten überlassen. Die Letztgenannten verdienen doch nicht das Salz in der Suppe, das sie den Senioren löffelweise verabreichen. Selber schuld, warum konnten die auch nicht etwas Anständiges in ihrem Leben zustande bringen? Zum Beispiel ein Studium aufnehmen, um als Durchstarter in der Politik von dort aus anderen zu helfen.
Um auf die Frischware zurückzukommen: Weil vermutlich wegen der Winzlingskatastrophe demnächst alles schließen wird, habe ich Fakten geschaffen und in meinem Garten kurzen Prozess gemacht: Zunächst mussten meine geliebten Rosensträucher daran glauben, die waren ohnehin voller Läuse. Anschließend kamen meine Blumenbeete dran. Nach der Pflügaktion wurde das gesamte Gebiet von mir mit sofortiger Wirkung zur Notversorgung im Katastrophenfall erklärt.
Im Gegensatz zu der Bundesregierung, die derzeit nicht in der Lage ist, genügend Masken und Gasvorräte in ihren Reservetanks zu bunkern, sorge ich für die Zukunft vor! Dort wo früher die Tulpen, Rosen, verschiedene seltene Stauden und Kamelien wuchsen, werden sich jetzt im Frühjahr bald hoffentlich die ersten Keimlinge von Kartoffeln, Möhren und Brokkoli & Co. zeigen. Bei dieser Aktion ist sogar Kater Fritzchen mit von der Partie.
Vor einiger Zeit ist nämlich Hermis rot-gestreifter Dachhase in die ewigen Hühnerjagdgründe übergewechselt. Die Hühner vom Bauer Schnake mochte er besonders gerne. Deshalb lieferte dieser sich zu gegebenem Anlass mit Fritzi auch ein regelrechtes Wettrennen mit der Schrotflinte in der Hand.
Glücklicherweise ließ Fritzchen, weil ihm die Farbe nicht gefiel, unsere Hennen links liegen. Aber der Schnake war nicht der Grund, weshalb der Kater die Seite wechselte, sondern sein Alter.
Er war in Hermis Bett friedlich eingeschlafen. Es war mittags, als sie sich darüber wunderte, wo Fritzi blieb. Denn sobald sie ihn von unten rief, lief der trotz seiner fortgeschrittenen Arthrose sofort in Richtung Futternapf. Stilvoll wurde er von uns in einem stabilen Stiefelschuhkarton feierlich mit Kerzen und Blumen zu Grabe getragen.
Hermi heulte sich die Tränen aus dem Leib. Anschließend sang sie ihm noch als einen letzten Gruß „Comme ils disent`“, hinterher. Lisa flüsterte mir zu: „Obwohl das Lied eigentlich nicht zu diesem Anlass passt! Dabei geht es doch um einen Transvestiten.“ Darauf meinte ich: „Das ist egal. Sie singt es, weil das Lied so wundervoll sentimental klingt. Außerdem kann sich Hermi mit diesem Text gut identifizieren und deshalb ist es ihr Lieblingslied!“
Fritzi fühlte sich aber sehr wohl als Kater, selbst wenn ihm in früheren Zeiten seine Katerwürde genommen wurde. Völlig gebannt folgten Hilmar, Lisa, Steffi und ich dem melancholischen Gesang über einen Transvestiten.
Nachdem Hermi, die als ehemaliger Travestiestar fast sämtliche Kabarettbühnen der Republik gefüllt hatte, mit Tränen in ihren rehbraunen Augen, das Chanson beendete, reichte ihr Hilmar schweigend die kleine Gartenschaufel vom Gemüsebeet herüber. Sie warf einen letzten langen sehnsuchtsvollen Blick hinunter, nahm eine Schaufel Erde, um den ersten Erdklumpen hineinzuwerfen, und wir schlossen uns dieser Zeremonie an.
Alle sorgten dafür, dass Fritzi nicht in Vergessenheit geriet, und brachten Blumensträuße und eine Gedenktafel auf das Grab.
Irgendwann fand ich, dass einmal damit Schluss sein musste, und ich setzte mehrere Pflanzen auf das Beet.
Seitdem wuchsen dort, in Bestlage, wie es sich für ein Friedhofsgrab gehört, im Frühjahr die Tulpen und Primeln, im Sommer Tagetes & Co. und im Herbst die Astern. An keinem anderen Ort im Garten gediehen die Blumen so prächtig. Wie oft habe ich mich früher darüber aufgeregt, weil Fritzi sich ausgerechnet an dieser Stelle, mitten im Staudenbeet, den Platz für seine Hinterlassenschaften ausgesucht hatte. Alles ist dann später vergeben und vergessen, denn an so etwas denkt man nicht mehr, wenn plötzlich jemand weg ist, über den man sich jetzt nicht mehr aufregen kann.
Hilmar, mein Gefährte, der sonst immer mit mir durch dick und dünn geht, (er machte einmal sogar eine Diät mit) zeigte sich angesichts der jetzigen Neubepflanzung zunächst irritiert, danach geradezu empört. Damals, bei der Bestattungsfrage, nannte er mich pietätlos, weil ich zu diesem Zweck ausgerechnet seinen schönsten und größten Schuhkarton genommen hatte: „Na toll! Und wohin soll ich jetzt mit meinen handgearbeiteten Lederstiefeln aus Spanien hin? In dem offenen Schuhschrank stauben die total voll. Das sind die besten Stiefel, die ich je hatte und du nimmst einfach den stabilen kunstvoll bedruckten Karton”, meckerte er.
„Es ist halt für den guten Zweck. Der Fritzi, der war doch so ein Lieber. Schließlich hat er uns die Mäuse und Ratten ferngehalten”, entgegnete ich. Darauf schwieg er, der den gleichen satten Rotton im Haar trug wie der zu Bestattende.
Vorhin kam übrigens meine Jüngste, die derzeit bei uns zu Besuch ist und mich mittlerweile um gut einen Kopf überragt, zu mir in den Garten und meinte: „Papa hat mir eben alles erzählt. Du hast wieder umgepflanzt. Du, das kann ja wohl nicht wahr sein! Mensch Mama, das ist ja total ekelig”, und dabei rümpfte sie die Stupsnase in ihrem sommersprossigen Gesicht.
Mit dem iPhone in der Hand schüttelte sie ihren rothaarigen Schopf, als wir vor Fritzis Friedstätte standen: „Ab sofort esse ich jedenfalls keine Radieschen mehr, das ist ja widerlich.”
Zur Beweisaufnahme machte sie ein paar Fotos, stapfte ins Haus zurück um diese unverzüglich, mit einem entsprechenden Kommentar, an ihre ältere Schwester Lisa zu senden. Um diese Uhrzeit saß die im Homeoffice und wartete für ihr Reisebüro auf Kundschaft.
Wenig später kehrte sie wieder, stemmte die Hände in die Hüften und meinte: „So. Siehst du! Alle anderen finden das auch total ekelerregend. Man Mama, wie kann man nur!”
Nun sah ich es an der Zeit, meinen erwachsenen veganen Nachwuchs über die wesentlichen Dinge des Lebens aufzuklären: „Hast du dir eigentlich einmal Gedanken darüber gemacht, weshalb die meisten Kleingartenanlagen mit dem gesunden leckeren Obst und Gemüse meistenteils unterhalb eines Friedhofes zu finden sind?”
Als sie mich mit ihren hellen blauen Augen im sommersprossigen Gesicht völlig erstaunt ansah, fügte ich hinzu: „Außerdem gibt es Fritzi seit drei Jahren nicht mehr! Mittlerweile liegen dort nur noch Knochen.”
Und zum guten Schluss sagte ich erbarmungslos: „Und im Übrigen pflegt in der letzten Zeit niemand von euch das Grab.”
In diesem Augenblick der absoluten Verblüffung sickerte bei ihr die Tatsache, dass es einen vollkommenen Fleischkonsumverzicht trotz jahrelangen Vegetariertums nicht geben konnte, langsam ins Bewusstsein. Mit ihren erstaunten himmelblauen Augen sah sie mich völlig entsetzt an. Als ich dem noch etwas hinzufügen wollte, verschwand mein rothaariger Ableger plötzlich von der Bildfläche.
Als die ersten Tropfen fielen und es binnen weniger Minuten immer heftiger zu regnen begann, erklärte ich die Gartenarbeit mit sofortiger Wirkung für beendet. Wenigstens musste ich die Neubepflanzung nicht mehr gießen.
Bereits gut durchfeuchtet ging ich ins Haus und setzte mich an den Schreibtisch, um meine Mails zu checken. Und tatsächlich: Neben Werbebotschaften an den Weinliebhaber mit dem verwöhnten Gaumen, Senioren-Matratzen, Last-Minute-Beerdigungsversicherungen, diversen Pornoseiten und Viagra zur Aufrechterhaltung des standhaften Mannes befand sich endlich einmal etwas wirklich Interessantes in meinem Postfach:
Von: nancy.d.etwasfeineszumna[email protected]
An: rike-scherschnitt@t-online.de
Betreff: Hier ist es so schööön!
Hey! Sonnige, heiße Grüße aus dem wundervollen Guadeloupe!!!
Ich wollte mich einmal bei dir melden. Nach dem einwöchigen Hotelaufenthalt haben wir vor zwei Tagen das weiße Segelboot in Pointe-o-Pitre vom Vercharterer übernommen. Übrigens bekommt man von dem erneuten Lockdown in Deutschland hier gar nichts mit. Zum Glück! Es ist doch ziemlich eng an Bord, vor allem für vier Personen. Aber das Element Wasser besitzt trotz des Wellengangs etwas Entspannendes und Meditatives.
Ich finde den Wellengang, im Gegensatz zu unseren beiden Begleitern, nach dieser stressigen Zeit zu Hause absolut beruhigend. Deshalb werde ich ab jetzt wieder mit Yoga anfangen.
Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie toll es ist, dieses Freiheitsgefühl zu spüren. Keine blöden Masken mehr unter denen man bald erstickt. Draußen können wir nach Lust und Laune flanieren und unmaskiert im Café sitzen oder zum Tanzen gehen.
Unsere Begleiter, die Ines und der Mike, haben sich bereits am zweiten Tag im Hotel dauernd gestritten. Die war morgens schon sauer, weil es dort, am Büffet, kein Nutella gab. Hier an Bord geht der Spaß mit den Zweien munter weiter. Abends gab es im Hotel einen Travestieabend und sofort musste ich an Hermi denken.
Denn es trat einer als Liza Minelli auf und der sang live mit einer super Stimme. Das klang fast so gut wie bei Hermine in ihren besten Zeiten. Schade, dass die nicht mehr auftritt. Auf dem Dorffest würde sie eine absolute Show abliefern!
Anbei ist ein Foto, leider kann ich die anderen Bilder nicht wegen eines zu großen Datenvolumens schicken. Die zeige ich dir alle, wenn wir uns zu Hause sehen. Zum Glück gibt es eine Solaranlage auf dem Dach der Yacht und Sonne ist ohnehin genug vorhanden. Hier muss man wenigstens nicht an Strom sparen.
An Bord ist eine Brotbackmaschine, die backt jeden Tag frischgebackenes Brot und frische gekochte Eier essen wir ebenfalls. Derzeit sitze ich an Deck und checke die E-Mails mit den Aufträgen. Die Ute schafft das nicht alleine. Unsere Neue, die Marion, die kriegt wirklich überhaupt nichts auf die Reihe.
Die sollte ja für die Auftragsbestätigungen zuständig sein. Jetzt kommen zahlreiche Beschwerden auch von Bestandskunden, die zum Teil lange auf ihre Lieferung warten mussten. Die sind echt sauer. Wenn man nicht alles selber macht.
Grüße aus dem Paradies von Nancy
Ps: Ist der Svenny (das ist der Blonde, der neben dem kahlköpfigen Mike sitzt) nicht süß? Apropos süß: Weil wir uns so gut verstehen überlegt er, ob er nicht in mein Sweet-Dreams-Geschäft mit einsteigt. Gas- und Wasserinstallateure sind zwar gefragt, aber wer buddelt schon gerne dauerhaft in der Sch …e von anderen? Svennys Vater gehört der Sanitärbetrieb und er meinte, der wäre echt sauer, wenn der Svenny den Laden später nicht übernimmt. Es ist ja noch Zeit, bis dahin kann ich ihn eventuell überreden.
Zwei Wochen in einem gemeinsamen wahren Traumurlaub, bevor es wieder nach Hause geht. Ich würde am liebsten immer an diesem wunderschönen Ort bleiben, zusammen mit meinem Traummann.
Wir stellen Überlegungen an, ob wir daheim alles irgendwann aufgeben und hierhin ziehen. Sobald ich genug Kohle zusammenhabe, lassen wir uns hier nieder. Der Svenny meinte, eine Tauchstation für Touristen mit einer Tauchglocke, das wäre noch eine Marktlücke und darauf hätte er richtig Bock.
Ciao, Nancy.
Im Anhang öffnete ich ein Bild, das offenbar von einer bestens gelaunten Nancy auf dem Deck sitzend aufgenommen wurde. Sie saß, beneidenswerterweise genauso schlank wie eh und je, an einem braunen Holztisch und trug über ihren hellblond gefärbten langen Haaren einen kunstvoll bedruckten bunten Turban auf dem Kopf. Lediglich mit einem Pareotuch bekleidet das, wie bei einer offengelegten Ausgrabungsstätte, die diversen Tattoos auf ihrem Oberkörper freigab, blinzelte sie lächelnd aus ihren blau-grauen Augen in die Kamera.
Vor ihr stand ein halbgefülltes Longdrinkglas mit einer Zitrone am Rand. Neben ihr sitzend, grinste der süße hellblonde blauäugige Jungbrunnen Svenny mit einem sprießenden Mehr-Tage-Bart in die Linse. Braungebrannt wie Nancy aber eindeutig jünger als seine über fünfzigjährige Reisebegleiterin, schien zumindest sein Oberkörper eine von Tattoos freie Zone zu sein.
Links von ihm hockte ein bis zum Hals tätowierter dürrer Kahlköpfiger in den Vierzigern mit Ohrringen, der mich spontan an einen ausgemergelten Galeerensträfling erinnerte. Mit einem Glas Hellem in der Hand zog der ein Gesicht, als hätte er soeben in eine Zitrone gebissen. Daneben saß eine Blondine mit Kurzhaarschnitt. Ihrem gezwungenen Gesichtsausdruck nach befand sich in ihrem zum Trinken erhobenen Sektglas offenbar die reine Essigsäure.
Ich drückte auf: ?Antworten
Von: rike-scherschnitt@t-online.de
An: nancy.d.etwasfeineszumna[email protected]
Betreff: Grüße aus dem Regen
Hallo Nancy,
ich danke dir für die Nachricht. Auf dem Foto kann man gut sehen, wie schön es dort ist. Ich beneide euch! Das ist ja wirklich ein Traumstrand im Hintergrund. Mit den vielen Palmen sieht das aus wie nebenan auf der Fototapete in Arayas ehemaligem Zimmer.
Ihr habt den Sonnenschein, der bei uns leider fehlt. Hier in der Eifel ist das Wetter hundsmiserabel. Alf will bei dem Matschwetter überhaupt nicht mehr raus und Hilmar auch nicht. Vorhin, als es einmal aufgehört hat zu regnen, konnte ich endlich die Salat- und Gemüsesetzlinge in den Garten setzen. Der größte Teil der Blumen ist weg. Wenn du wiederkommst, wirst du staunen, wie viele Setzlinge ich gepflanzt habe. Unser Grundstück ist jetzt ein Biobauernhof.
Hermi geht es nicht so gut. Vor allem nach der Sache mit dem Knastaufenthalt in Bangkok ist sie ziemlich durch den Wind. Aber immerhin saß sie gemeinsam mit Araya drin und dort konnten die beiden sogar ein paar Freundschaften schließen. Seit sie weiß, dass Araya mit Ralf in Thailand bleibt, ist sie nicht mehr zu trösten. Sie weigert sich, zu duschen, und eine Pflegekraft lehnt sie kategorisch ab. Auch eine Rasur kommt nicht infrage.
Sie sitzt mit Bart und einer ihrer Langhaarperücken auf dem Kopf den ganzen Tag vor dem Fernseher. Weil sie als Mann geboren wurde und zudem ziemlich zugelegt hat, wollte der hiesige Pflegedienst einen neuen muskulösen Mitarbeiter vorbeischicken.
Nun geht das Theater in die nächste Runde und dabei war ich damals so erleichtert, als die Araya seinerzeit nebenan eingezogen ist. Jetzt muss ich mir eine andere Lösung ausdenken. Unser Anbau ist nach der Granatenexplosion wieder tipptopp. Eigentlich könnte Hermi froh sein.
Hilmar hofft darauf, dass die Polizei den Tommy endlich schnappt. Stell`dir vor, der wird sogar per internationalem Haftbefehl gesucht. Meine Mutter meinte, das sei alles unverhältnismäßig und ein Versehen gewesen. So etwas würde ihr Sohn niemals absichtlich machen.
Jetzt läuft nicht nur ein Verfahren gegen ihn wegen der Granatenexplosion nebenan bei und sondern auch noch ein zweiter Strafbefehl von thailändischer Seite aus. Zum Glück haben meine Eltern den finanziellen Schaden, der durch Tommy entstanden ist, übernommen. Die beschädigte Gebäudeseite ist mittlerweile neu verputzt worden. Nun liegen meine Eltern uns ständig in den Ohren, wir sollten die Anzeige gegen Tommy zurückziehen.
Hilmar weigert sich und das verstehen meine Eltern jedoch nicht. Schließlich sind doch alle glücklicherweise mit dem Schrecken davongekommen. Meine Mutter sagte, dass Hermi nebenan froh sein kann, dass sie auf diese Weise zu einer kompletten neuen Einrichtung gekommen wäre. Aber das interessiert Hilmar nicht, denn er will den Tommy endlich hinter schwedischen Gardinen sehen.
Er meinte, er sähe nicht ein, dass der sich wieder einmal nicht für seine Missetaten verantworten muss. So leicht käme der ihm jetzt nicht davon. Hermi sitzt nebenan stundenlang in ihrem Sessel. Steffi wohnt jetzt endgültig bei ihrem Freund in der Stadt. Hierhin bekämen sie keine zwei Pferde mehr. Es sei ihr hier viel zu öde, meinte sie letztens noch.
Hilmar hat leider wieder nur einen zeitlich begrenzten Arbeitsvertrag für ein Tierschutzprojekt. Als Biologe sind die Aussichten nicht sehr rosig. Er überlegt, ob er nicht umsattelt. Wir müssen unser Haus abbezahlen und deshalb macht man sich natürlich Sorgen um die Zukunft.
Na, euch viel Spaß in eurem Traumurlaub, ich beneide dich.
Alles Liebe, Rike.
Am 01. April folgte eine weitere Mail von Nancy, die ich allerdings zunächst für einen Aprilscherz hielt:
Von: nancy.d.etwasfeineszumna[email protected]
An: rike-scherschnitt@t-online.de
Betreff: Mord und Totschlag an Bord
Hallihallo,
du solltest dir einmal ernsthaft überlegen, ob du nicht bei uns mit einsteigst. Bei uns läuft es geschäftlich absolut super. Wie gesagt, die neue Mitarbeiterin kann man vergessen. Wäre das nichts für dich?
Du würdest vom Homeoffice aus die Bestellungen bearbeiten, das hast du ja schließlich gelernt. Außerdem bekommst du monatlich extra eine Ladung Gras frei Haus geliefert. Du wirst sehen, das hebt die Stimmung und bei Hilmar und Tantchen Hermi ebenso.
Die bekommt einfach ihre Prise in den Kakao unter die Sahnehaube gerührt und dann klappt das auch mit dem Singen bei ihr wie geschmiert! Ich zahle wirklich gut. Wenn ihr möchtet, kommt ihr bald hierher zum Segeln und genießt hier euren Traumurlaub. Mein Backbuch „Backen mit Cannabis mit Nancy” läuft absolut super.
Svenny und mir geht es ausgezeichnet, vor allem, seitdem die beiden Nervensägen ausgezogen sind. Zum Glück!!!
Das konnte man ja echt nicht aushalten mit denen. Stell`dir vor: Gestern wurde er von ihr über Bord geschubst und hinterher behauptete sie, das sei ein Unfall gewesen. Der Mike war hackedicht, so viel hat der gesoffen und sie sagte, er sei auf der Reling herumgeturnt.
Dagegen sagt er, sie habe ihm von hinten einen Schubs gegeben und ihm, als er im Meer gelandet ist, noch ein dickes Tau auf den Kopf geworfen. Darauf erzählte sie, er sei sturzbetrunken ins Wasser gefallen und sie wollte ihm zur Rettung nur das Seil zuwerfen, damit er sich daran hoch seilen könnte. Der Svenny und ich, wir hatten von dem Theater gar nichts mitbekommen, wir befanden uns beim Kochen unter Deck.
Erst als wir wegen der lauten Motorgeräusche eines Bootes nach oben kamen, sahen wir, dass die Polizei war. Die nahm die Zwei, die aufeinanderlosgegangen sind, gleich mit. Vorher hatte er um Hilfe gerufen und die Besatzung eines Segelbootes, das in der Nähe vor Anker lag, betätigte den Polizeinotruf.
Zum Glück befanden wir uns noch im Hafen, weil die Tussi zu einem Arzt gehen wollte, wegen ihrer Sonnenallergie. Der Mike hat einen Nasenbeinbruch, überall sah man die Blutspritzer. Sogar am Steuer gab es Blut, das sah aus wie nach einem Gemetzel. Er behauptet, dass sie ihm eins mit dem kleineren Anker auf die Nase gegeben hat. Es wäre ein astreiner Mordversuch gewesen.
Sie sagte, sie musste sich nur verteidigen. Plötzlich stand er vor ihr mit einer Flasche mit Hochprozentigem und damit hätte er sie übergossen. Danach soll der mit seinem Feuerzeug vor ihr hantiert haben. Worauf er erzählte, das sei ein Irrtum. Sie würde das falsch darstellen, weil sie generell gegen das Rauchen wäre.
Er wollte sich nur eine Zigarette anmachen und das mit dem Schnaps, das sei barer Unsinn. In dem Augenblick, in dem er sich etwas Alkoholisches einschenken wollte, griff sie plötzlich nach der Flasche, um sie ihm zu entreißen. Außerdem könnte man mit dreißigprozentigem Alkohol gar nichts anzünden.
Eben kam der Mike von der örtlichen Polizeistation zurück und holte seine Sachen. Der erzählte, dass sie noch die letzten Flüge bekommen haben, und beide würden gleich nach Hause zurückfliegen. Sie wollte sofort aus der gemeinsamen Wohnung ausziehen. Im Endeffekt seien sie sich einig, dass bei ihnen die Harmonie fehlte.
Vor allem im Hinblick darauf, dass sie Veganerin ist und er eine fleischfressende Pflanze.
Na, jedenfalls erleichtert es den Svenny und mich, dass wir die los sind. Jetzt können wir unseren Urlaub wenigstens in Zweisamkeit genießen. Späteres Glück zu Hause ist übrigens nicht ausgeschlossen.
Bis bald, Gruß von einer superverliebten Nancy
Ich drückte: ?Antworten
Von: rike-scherschnitt@t-online.de
An: nancy.d.etwasfeineszumna[email protected]
Betreff: WG. Zusammenarbeit
Hallo Nancy,
danke wegen deines Angebotes. Aber Hilmar fand das keine gute Idee. Er meinte, es gäbe für uns in der letzten Zeit schon genug Ärger mit Polizei und so. Man muss es nicht herausfordern. Ich habe das neue Buch so weit fertig. Willst du es bald zur Probe lesen?
Liebe Grüße von Rike.
Von: nancy.d.etwasfeineszumna[email protected]
An: rike-scherschnitt@t-online.de
Betreff: Sende mir dein Manuskript zu.
Hallo Rike,
schicke mir dein Buchmanuskript zu. Nun kann ich relaxen und es ist genug Zeit, um zu lesen. Aber denke bitte daran, dass du mich und mein Unternehmen in deinem Buch bitteschön lediglich mit einem Pseudonym erwähnst. Zwar wäre das eine klasse Werbung für mich, aber aus bestimmten Gründen wäre es besser, alle Spuren zu verwischen, sonst stehen bald die Bullen auf meiner Matte.
Hier ist es wirklich supertoll! Wir haben die Leinen losgemacht und segeln an Traumstränden vorbei. Heute liegen wir in einer idyllischen Bucht. Es sieht aus wie in einem Werbespot. Einfach einmalig! Es fehlt nur noch die Musik zur bekannten Rum-Werbung. Es ist traumhaft.
Gegen Mittag ging es zum Schnorcheln. Eine fantastische Unterwasserwelt ist das mit so vielen bunten Fischen. Nun ist der Svenny im Angelfieber. Vorhin verkündete er, dass es ab jetzt jeden Tag leckeren Fisch gibt! Ich freue mich! Übrigens kocht er supergut, besser als ich. Er verwöhnt mich, wo immer er kann.
Der Svenny ist soooo süß!!! Meine mitgebrachten Bücher habe ich schon alle gelesen, dann kommt mir dein Manuskript zum Probelesen nur recht. Ich weiß nicht, ob hier überall Empfang ist und je nach dem, schreibe ich dir.
Liebe Grüße von Nancy
Einige Tage nach ihrer letzten Nachricht erreichte mich eine weitere, diesmal allerdings eine alarmierende E-Mail von Nancy:
Von: nancy.d.etwasfeineszumna[email protected]
An: rike-scherschnitt@t-online.de
Betreff: Hier herrscht das totale Chaos.
Liebe Rike,
das darf doch nicht wahr sein!! Wir hängen fest. Lockdown. Als wir das mit der Quarantäne erfuhren, segelten wir sofort nach Ponte-o-Pitre in Richtung Hafen zurück. Aber zu spät. Die lassen uns überhaupt nicht mehr an Land.
Wir dürfen noch nicht einmal in den Jachthafen wegen dieses beschissenen Corona-Gedriss. Nur weil zwei Urlauber daran erkrankt sein sollen, wird gleich alles dichtgemacht.
Im Internet stand, dass die Anleger bis zum Bersten gefüllt sind, ist wohl kein Platz. Niemand darf von Bord und jetzt ankern wir mit zahlreichen anderen Booten vor der Küste. Unser Wasservorrat ist auf lediglich sechs Liter geschrumpft. Wenn es nach mir gegangen wäre, gäbe es genug zu trinken, aber der Sven wusste ja wieder alles besser. Mit sage und schreibe sechs Litern Wasser müssen wir zu zweit auskommen, inklusive Zähneputzen und Waschen. Außerdem gibt es, außer ein paar Konserven und drei Packungen Nudeln, nichts mehr zu essen an Bord. Man weiß ja nicht, wie lange das jetzt gehen soll.
Als wir mit unserem Dingi heimlich in Richtung Hafen fahren wollten, wurden wir von der Wasserschutzpolizei abgefangen und zurück zum Boot eskortiert. Zustände sind das, einfach schrecklich. Wie in einem Katastrophenfilm.
Im Internet konnten wir sehen, dass es überall schlimm ist, aber hier ist es viel übler, weil wir nicht an Land dürfen. Sven hat das Wasser rationiert. Jeder darf höchstens einen halben Liter täglich trinken und das bei der Hitze! Als ich noch etwas nachnehmen wollte, hat der mir doch brutal die Flasche aus der Hand gerissen. Stell` dir das vor! Weil der sich den Schlüssel für den Vorratsschrank ausgerechnet in seine Shorts gesteckt hat, komme ich nicht mehr heran. Dabei ist das ganze Drama nur ihm zu verdanken.
Wenn es nach mir gegangen wäre, säßen wir jetzt jedenfalls nicht auf dem Trockenen. Er sagt, ich sollte mir kein Kopfzerbrechen machen, er würde genug Fisch fangen, um uns sattzukriegen. Na, das kann ja heiter werden.
Liebe Grüße von Nancy
Zwei Tage später folgte die nächste Horrornachricht:
Von: nancy.d.etwasfeineszumna[email protected]
An: rike-scherschnitt@t-online.de
Betreff: Hilfe! Ich will hier weg!!!
Hallo, Rike,
ich bin so verzweifelt. Zwar wurden uns von den Behörden Wasservorräte in einem Sixpack gebracht und etwas zum Essen gab es auch, aber das macht die Sache nicht wesentlich besser. Jetzt haben wir ein paar Packungen Kekse und Reis an Bord. Sobald ich Fisch sehe, laufe ich weg. Ich wünsche mir ein schönes saftiges blutiges Steak mit einem Salatteller oder ein Pastagericht.
Das Salzwasser trocknet die Haut total aus, damit ist das Waschen unmöglich. Wenn wir auf einem See oder Fluss wären, dann gäbe es wenigstens genügend Trinkwasser.
Tagsüber orgelt die Sonne heiß auf das Dach, es ist unerträglich. Ich kann langsam keinen Sonnenschein mehr sehen. Leider erfahren wir auch nicht, wie lange wir mitten auf dem Meer ausharren müssen. Im Internet gibt es dazu keinerlei Infos. Der einzige Trost ist, dass es den anderen genauso ergeht. Unsere Flüge werden wohl verfallen und dann wissen wir nicht, wie wir von hier wegkommen.
Eine Verzweifelte.
In meiner Antwort-Mail versuchte ich mein Bestes, um sie zu trösten.
Am nächsten Tag sandte mir Nancy einen Hilferuf zu:
Von: nancy.d.etwasfeineszumna[email protected]
An: rike-scherschnitt@t-online.de
Betreff: SOS von der Seawind!!!
Liebe Rike,
ich halte es nicht mehr aus! Jetzt fiel mir erst auf, dass ich mit einem Irren an Bord bin! Das ist wirklich nicht übertrieben. Der Sven wurde eben von einem Babyhai beim Tauchen in den Zeh gebissen. Als der total panisch hochkam und schrie, sein Fuß sei von einem Hai gefressen worden, war ich natürlich geschockt.
Du kannst dir gar nicht vorstellen, was ich für einen Schreck bekommen habe! Als der auf das Boot kam, dachte ich im ersten Moment, gleich sehe ich nur noch einen Beinstumpf, wie in einem Horrorfilm! Dann stellte sich heraus, dass es lediglich ein leicht blutender Riss im Großzeh ist.
Der hat aber ein Theater gemacht, als sei sein kompletter Fuß amputiert. Der wollte doch tatsächlich, dass ich einen Notruf wegen eines Haiunfalls absetze.
Als er weiterhin Trara machte, habe ich ihm den Gefallen erwiesen und einen Notruf abgesetzt und mir gedacht, vielleicht hat es auch sein Gutes und wir kommen hier schneller weg. Allerdings wurde mir von den zuständigen Behörden mitgeteilt, ich sollte den Fuß fotografieren und ihnen das Bild mailen. Aber das wäre ja völliger Schwachsinn gewesen, bei der Lappalie.
Plötzlich fiel mir das Tauchermesser ein. Zugegeben, ich wollte es nehmen, um die Sache ein wenig zu beschleunigen. Nur ein kleiner Ritz mehr, an der richtigen Stelle angesetzt, verfehlt das nicht seine Wirkung. Vermutlich wäre das die Rettung und man fliegt uns sogar per Rettungshubschrauber endlich nach Hause.
Man! Hat der ein Theater gemacht! Ich kann dir sagen, der brüllte wie am Spieß, ich wollte ihn umbringen und so. Der schrie völlig hysterisch, ich sollte mich sofort von ihm entfernen. Dabei ist er rückwärtsgegangen und ist über ein Tau gestolpert. Dieser Mann ist wahnsinnig! Ich bin auf einen Irren hereingefallen! Jetzt liegt der unten im Bett mit gestauchtem Bein und sagt, ich sei es schuld, dass er sich sein Bein gebrochen hat.
Er übertreibt maßlos, das ist mit Sicherheit kein Bruch, er kann ja immerhin damit herum hinken. Aber das ist noch nicht alles.
Er hat mir Vorwürfe gemacht und behauptet, die Sache mit dem Hai wäre nur passiert, weil ich immer die Küchenabfälle über Bord werfe. Das stimmt überhaupt nicht. Ich bin die Ordnungsliebe in Person.
Deshalb ist diese Unterstellung eine Frechheit sondergleichen.
Zumal er weiterhin sagte, dass ich sämtliche Klamotten stehen und liegen lasse und er deswegen permanent wegen meiner, auf dem Boden liegenden Sachen stolpert. Dieser Idiot! Vielleicht fallen die bei dem Wellengang zu Boden? Außerdem würde er noch nicht einmal seinen Rasierer unter all meinen verteilten Kosmetikartikeln wiederfinden. Dabei ist das nur eine blöde Ausrede, weil der zu faul ist, sich den Bart wegzurasieren. Mit dem Vollbart sieht der aus wie ein Almöhi. Und dann behauptete der, dass es überhaupt ein wahres Wunder wäre, dass er erst jetzt wegen mir diesen Unfall erlitten hätte.
Wie soll ich das so lange ertragen?
Ich bin bald so weit und springe nachts ins Wasser und werde versuchen, das Festland zu erreichen. Lieber lasse ich mich von einem Haifisch als Hauptspeise fressen, als weiterhin mit diesem Irren an Bord zu bleiben. Wenn das jetzt schlimmer wird, schieße ich gleich die Notraketen in den Himmel.
Gruß von einer Verzweifelten.
Bevor ich ihr eine Antwort schreiben konnte, erreichte mich ein weiterer Hilferuf von der Segelyacht „Seawind”:
Von: nancy.d.etwasfeineszumna[email protected]
An: rike-scherschnitt@t-online.de
Betreff: Es ist der blanke Horror!!!
Liebe Rike,
während ich dies hier schreibe, sitze ich hier mutterseelenallein in der völligen Dunkelheit. Mein Smartphone und mein Laptop geben mir wenigstens noch etwas Licht. Ich weiß nicht, wie lange die Akkus halten. Jetzt hat er sich unter Deck verbarrikadiert und lässt mich nicht mehr ins Bett. Ich muss in der Hängematte schlafen und werde von Moskitos attackiert. Die summen mir ständig um die Ohren. Es ist einfach unerträglich.
Mein Rücken tut mir weh, so kann ich kein Auge zumachen. Eine Flasche Wasser mit einem Stück Zwieback hat der Gnädige mir nach oben geworfen, wie einem Hund, bevor er die Klappe hinter sich zumacht. So ein Ungeheuer!
Wenn ich hier irgendwie noch einmal lebend wegkomme, dann zeige ich den vor dem Internationalen Gerichtshof an wegen Verbrechens gegen die Menschlichkeit.
Auf jeden Fall darf der feine Herr bald ordentlich seine Zeit im Knast absitzen und zusätzlich an mich Schmerzensgeld blechen. Außerdem schuldet der mir die Charterkosten für diese Nussschale. Und die Flüge samt Flugkosten habe ich auch bezahlt genauso wie die übrigen Kosten. Angeblich hat der seine Masterkarte zu Hause vergessen.
Das zahlt der mir alles auf Heller und Pfennig zurück. Der kann sich aber warm anziehen, sage ich dir. So ein Arschloch. Der warf mir während des Streits noch tatsächlich an den Kopf, dass er sich die Sache mit mir und dem Zusammenziehen ohnehin überlegt hat. Der Altersunterschied sei einfach zu gewaltig.
Dieses alberne Getue von mir, das ginge ihm auf die Nerven. Ich wollte bewusst einen auf jung machen, das wirke total lächerlich und deshalb schämt er sich vor anderen Leuten. Er hätte nachgerechnet: Wenn ich mit achtzehn schwanger gewesen wäre, dann könnte er jetzt locker mein Sohn sein.
Damit seien seine Eltern nie und nimmer mit einverstanden. Seine Mutter wünscht sich von ihm Enkelkinder und dafür sei ich ja wohl schon viel zu alt. Außerdem wollte er einmal das Geschäft seines Vaters übernehmen. Was ich mir eigentlich dabei denken würde, ihn dazu überreden zu wollen, dass er ein solides Business gegen so etwas Unmoralisches tauschen sollte?
Der meinte doch tatsächlich, ich wäre skrupellos, weil ich Drogen und aufblasbare Pornopuppen frei Haus liefere. Daraufhin sagte ich, dass er mir letztens erzählt hat, dass sein Bruder schwul ist, in Sadomaso-Studios verkehrt und kriminell ist.
Stell` dir vor, der räumte vor einem Jahr das Konto der Eltern leer, um sich anschließend mit seinem Lebenspartner irgendwo in Griechenland abzusetzen. Aber die Alten haben aus Angst vor den Steuerbehörden von einer Anzeige abgesehen, denn das war Schwarzgeld in Höhe von über 78.000 Euro. Außerdem fürchten die den Skandal. Eine feine Familie ist das!
Bin ich froh. Jetzt fällt es mir wie Schuppen von den Augen, auf was ich mich beinahe eingelassen hätte! Im Übrigen werde ich den Sven wegen des Verstoßes gegen das Artenschutzabkommen dran bekommen. Die im Anhang befindlichen Fotos beweisen, dass der vorgestern eine Wasserschildkröte geangelt hat. Aber anstatt das arme Tier vom Haken zu nehmen, worum ich ihn inständig bat, hat er sie in den großen Topf geworfen. Sie war noch so winzig.
Eine kleine niedliche Babyschildkröte, die hat mich sofort an Arayas Schildkröten erinnert, die früher in ihrem Zimmer im Sand herumgekrochen sind. Anschließend wurde sie gekocht und er hat sie gegessen. Mir wurde so schlecht, ich bin nach draußen gegangen, während er sich die Babyschildkröte schmecken ließ. Er will den Panzer aufbewahren und ihn als Souvenir mitnehmen.
Bevor wir zum Zoll gehen und die auch mich drankriegen, werde ich dieses Ungeheuer anzeigen. Vielleicht könnte Hilmar etwas machen? Er hat doch beste Kontakte zu den zuständigen Behörden.
Schlaf du gut in deinem schönen weichen Bett, in der Sicherheit eures gemütlichen Heims. Und trinkt ein leckeres kühles Bier auf mich und meine hoffentlich baldige Ankunft zu Hause.
Alles Liebe, Nancy.
Danach hörte ich erst einmal nichts mehr von ihr und konnte nachts vor lauter Sorgen kaum schlafen.
Gestern kam endlich die erlösende Nachricht: Ute Brügge, Nancys Geschäftspartnerin, rief mich an und sagte, dass die Nancy es über Umwege schaffen will, bald nach Hause zu kommen. Leider sei das Telefonat nur kurz gewesen, da die Verbindung so schlecht war. Sie sei von ihr darum gebeten worden, mich zu fragen, ob ich bei ihr im Briefkasten einmal nach der Post schaue. Natürlich kam ich dieser Bitte auch gleich nach.
Noch am selben Tag machte ich mich mit dem Auto auf den Weg nach unten, zu dem weiß getünchten Fachwerkhaus mit den, für diese Gegend, typischen braunen Holzbalken.
Eigentlich die perfekte Tarnung: ein gutbürgerlicher Anstrich für ein unseriöses Gewerbe.
Dort angekommen blieb ich mit dem Schlüssel in der Hand vor dem Riesenkasten des schmucken Hauses mit der Hausnummer 17 im Vorgarten stehen. Unverkennbar nutzte Nancy jede Gelegenheit dazu, um für ihr expandierendes Unternehmen die Werbetrommel zu rühren. In dem Augenblick, in dem ich den Briefkasten im Hausmülleimerformat mit dem unübersehbaren schokoladenbraunen Werbeschild und dem pinkfarbenen Schriftzug ihrer Firma: „Sweetdreams, Überraschungen nur für Erwachsene“ öffnete, fiel mir der gesamte Segen bereits von selbst entgegen.
Mit blitzartiger Geschwindigkeit reagierte ich und brachte mich mit einem seitlichen Hechtsprung in Sicherheit. Danach hob ich, trotz meiner peinigenden Rückenschmerzen in gebückter Haltung die direkt neben einer Wasserpfütze liegenden Briefkuverts und Katalogsendungen auf. Sorgfältig trocknete ich einige Kuverts mit einem zerknüllten Tempo aus der Jackentasche ab.
Vermutlich war die Hälfte dieser Briefsendungen ohnehin überflüssig. Trotzdem sortierte ich den Krempel in den von mir in weiser Voraussicht mitgebrachten extra stabilen Müllbeutel von Rossmann hinein.
Als dieser Teil meiner nachbarschaftlichen Hilfe beendet war, ging es zu Punkt zwei der Hilfsleistung: dem Haus.
Vor allem in Zeiten wie diesen musste man völlig uneigennützig agierende Menschen wie mich nicht erst aufgrund eines Pandemie-Zustandes in den Medien darum bitten, notwendige Nachbarschaftshilfe zu leisten.
Nach dem viermaligen Signalton der Alarmanlage, bei dem ich sämtliche direkte und indirekte Nachbarn kennenlernen durfte, kämpfte ich mich letztendlich in das Innere des Hauses hinein. Zunächst musste ich den von einigen besorgten Bürgern herbeigerufenen Polizisten aber erklären, weshalb ich hier Einlass begehrte. Zu meinem Glück waren der Bauer Schnake und der amtierende Bürgermeister in der Nähe, die für mich bürgten.
Tief durchatmend trat ich ein und staunte nicht schlecht: Donnerwetter! Seit meinem letzten Besuch hatte sich tatsächlich einiges getan. Alles roch nach frisch gestrichenen Wänden und die komplette Etage, sogar die Gästetoilette, wie ich nach einem kurzen Check feststellte, war neu gefliest worden.
Ebenso erstrahlte die im Wohnraum integrierte Küche in hochaktuellem Design und die ehemals weißen Küchenfronten wichen schwarzen hochglanzlackierten Möbeln mit einer großen Kochinsel in der Mitte. Erfreulicherweise stellte ich bei meiner Inspektion des nagelneuen Kühl- und Gefrierschrankkomplexes fest, dass Nancy ihrer reichhaltigen Vorratshaltung glücklicherweise treu blieb.
Im Gegenteil: Ihre jetzige Kühlkombination bot viel mehr Platz als die ehemalige. Jetzt konnte bei meinem nächsten Keksunfall eigentlich nichts schief gehen. Zu meinem Glück verfügte meine Nachbarin bereits damals über ein großartiges Gefriersortiment eines bekannten Tiefkühllieferanten, sonst hätte ich vermutlich seinerzeit dieses Malheur nicht so unbeschadet überstanden.
Hilmar schimpft noch immer wegen der Sache am Besuchstag seiner Mutter. Bis zum heutigen Tag behauptet er, die Alkoholvergiftung bei Nancy sei ein Komplott gewesen und von mir nur vorgetäuscht worden, um ihn mit dem Besuch bei uns zu Hause im Stich zu lassen. Glücklicherweise kennt er bis heute nicht die ganze Wahrheit. Eigentlich war die Sache ja Nancys Schuld. Wer ahnt denn, dass die in die lecker riechenden noch backofenwarmen Kekse auch Gras eingebacken hatte? Zum Glück war nichts Großartiges passiert, von einer kolossalen Appetitattacke meinerseits einmal abgesehen.
Ansonsten hätte sich Nancy so etwas von warm anziehen können, wenn durch meinen Zustand die Wahrheit ans Tageslicht gekommen wäre. Sicherlich drohten ihr und ihrer Komplizin wegen Körperverletzung und Drogenhandels einige Jährchen Haft. Und das ist nur der Anfang eines ganzen Strafkontos. Außerdem weiß man ja nie, inwiefern so ein ahnungsloses Probieren eventuelle Langzeitschäden verursacht.
Wenn ich schon einmal hier war, sah ich mich weiter um, denn auch das Wohnzimmer erkannte ich kaum wieder: Statt der hellen Möbel stand dort eine riesige schwarze Lederlandschaft zum Herumlümmeln. Natürlich wollte ich gleich eine Portion Probesitzen. Hm, nicht übel, sehr bequem. Es ließ sich darin wirklich fabelhaft faulenzen. Das feine Leder roch gut und fühlte sich wunderbar weich und geschmeidig an.
An den Wänden hingen mehrere schwarz-weiße Bilder alles harmonisch abgestimmt auf die übrige Einrichtung. Mit den Sitzelementen konnte man sich fast um die eigene Achse drehen und noch dazu den Sitz in eine Liegeposition stellen. Das lud gerade zu einem längeren Verweilen ein!
Na ja, der Svenny würde hier jedenfalls nicht Platz nehmen, so viel war klar.
Dagegen weilte Nancys vierbeiniger Gefährte Pluto, der früher fast die gesamte Fläche auf der alten Couch beanspruchte und einmal mein Schlemmerkumpel war, schon lange nicht mehr unter uns. Er verstarb nach der Plünderung eines von Nancy an ihrem fünfzigsten Geburtstag aufwendig gestalteten Frühstücksbüffets an einem Darmverschluss wegen eines Pfunds Butter.
Leider konnte auch der erfahrene und eilig herbeigerufene Tierarzt Dr. Schmidtbauer nichts mehr machen. Pluto, der mit zunehmendem Alter immer ordentlicher an Gewicht zulegte, hatte die Alufolie versehentlich gleich mitverschlungen. Deshalb mussten alle Gäste hungrig zurück nach Hause, denn das Buffet war dank der Unersättlichkeit dieses englischen Pitbulls, der statt Muskeln die Fettmassen mit sich herumtrug, komplett leer geräumt worden.
Niemand konnte Nancy trösten und seit diesem Schock feierte sie keinen ihrer Geburtstage mehr.
Um ihr eine Notiz zu hinterlassen, machte ich mich auf die Suche nach einem Stift und Zettel. Weil ich in den Schubfächern ihrer neugestalteten Küche überhaupt nichts Brauchbares fand, Notizzettel und Stifte waren hier offenbar Mangelware, wollte ich im weiß lackierten Sideboard nachsehen. Ahnungslos öffnete ich das erste Fach und genauso wie beim Öffnen des Briefkastens fiel mir auch dort allerhand überflüssiger Krempel entgegen. Aber kein einziges Fitzelchen Papier und irgendeinen Schreibstift konnte man finden. Typisch Nancy! Sorgfältig sammelte ich auf dem Boden sitzend, die vor mir liegenden Sachen ein. Und abermals stellte ich, genau wie bei meinem damaligen Zwangsaufenthalt fest, dass hier alles so geblieben war wie bisher. Bei diversen Kondompackungen wahlweise mit Bananen- und Kirschgeschmack, war das Mindesthaltbarkeitsdatum bereits beträchtlich abgelaufen. Die lagen direkt neben den nach Tabak stinkenden geöffneten Zigarettenpackungen.
Kein Wunder, dass es bei ihr keiner aushielt! Na, da musste einem Mann doch wirklich der Kragen platzen! Verschiedene Ansichtskarten aus allen möglichen Ländern von Personen aus Nancys nahem und weiterem Umfeld befanden sich in direkter Nachbarschaft zu Rechnungen von anno 1990 und Büchern wie: „Wege aus der Sex-Krise, die Frau um die Fünfzig” und: „Wie komme ich, wenn ich um die Fünfzig bin?”, „Heilpflanzen für die Erotik der Frau” und „Die feuchten Geheimnisse einer Frau”.
Nach dem Durchblättern einiger Schreiben stellte ich fest, dass das heute genug Einblicke aus dem Leben einer offenbar einsamen Singlefrau waren. Ein wenig genervt stopfte ich all die Briefe und Postkarten dahin zurück, wo sie herkamen. Nur mit Mühe und Not gelang es mir, die Tür mit dem Magnetverschluss zu schließen. Kein Wunder: In den Schränken lagerte bis zum Bersten gefüllter Müll.
Schließlich war ich auch nicht die kostenlose Aufräumerin vom Dienst. Hier sollte die Eigentümerin, sofern sie, irgendeinmal erholt wieder ankam, einmal schön selbst heran. Wenn man nicht bereits als Kind zur Ordnungsliebe herangeführt wird, endet das Ganze später in einem einzigen Fiasko wie diesem. Ich meine immer, dass das vor allem eine Frage des Elternhauses ist.
Plötzlich schrak ich zusammen: Wie Phönix aus der Asche stand sie dort: Ute Brügge, Nancys Geschäftspartnerin und Freundin. Mit ihren schwarz gefärbten langen dünnen Fusseln auf dem Kopf, dem Nasenbrilli und den geschmacklosen Ethnoklamotten, sah die aus wie die Re-Inkarnation von Nscho-tschi, der Schwester von Winnetou. Aber als vierzig Jahre ältere Version. Offenbar fügte die sich mittlerweile nahtlos in diese Rolle hinein und schlich sich auf losen Socken derart leise heran, dass ich die überhaupt nicht gehört hatte.
„Ach hallo, ich habe dich gar nicht gehört. Man, du hast mich ganz schön erschreckt! Also, ich bin auf der Suche nach einem Stift und einem Zettel. Ich finde aber gar nichts”, bemerkte ich nach dem ersten Schreck in ihre Richtung.
Statt einer Antwort stand die immer noch, wie eine Statur in der Westernstadt des Brühler Phantasialand mit ihrem bunten Poncho und braunen Lederreitstiefeln, im Türrahmen und schwieg.
Um die Sache ein wenig zu beschleunigen, startete ich den Gegenangriff: „Und was machst du hier? Hast du auch einen Haustürschlüssel?”
In ihrem Dank Solariumröhren, braun verbrutzelten Gesicht regte sich zunächst nichts. Hoppla, war wohl wieder jemand zu stark ins Kosmetiktöpfchen gefallen! Mit ihren viel zu betonten dunkelbraunen Augen sah sie mich wie eine lauernde Klapperschlange an. Ihre schmalen Lippen mit dem unpassenden dunkelroten Lippenstift zu einem Strich nach unten gezogen, sagte die kein Wort. In die scheinbar endlose Stille hinein ließ sie sich schließlich doch zu einer Antwort herab: „Ja, die Nancy hat mir für alle Fälle ihre Schlüssel gegeben.
Sie kommt übrigens heute spät mit dem ersten Flugzeug in Frankfurt zurück. Es ist die allerletzte Maschine, die noch Passagiere nach Deutschland bringt. Sie musste zweitausendfünfhundert Euro dafür bezahlen und über Umwege mit dreimaligem Umstieg fliegen.
Derzeit wartet sie auf dem Flughafen Amsterdam auf die Anschlussmaschine. Mein Liefertransporter hat eine Panne, ich bin damit eben liegen geblieben, der ist jetzt in der Werkstatt. Ich hole mir den Schlüssel für Nancys Wagen. Und was machst du eigentlich?”, dabei sah sie mich mit durchdringendem und vielsagendem Blick an.
„Ich sollte mich um die Post kümmern, hast du mir doch selbst gesagt. Nebenbei wollte ich die Pflanzen gießen und auch so nach dem Rechten sehen”, antwortete ich.
Mit vor die Brust verschränkten Armen fragte die wie aus der Pistole geschossen: „Aha, und die Blumen gießt du in den Schränken?”
Eigentlich hatte ich es überhaupt nicht nötig auf eine derart unverschämte Frage zu antworten. Aber der gemeinsamen Freundschaft unserer lieben Freundin Nancy wegen blieb ich meinem Naturell getreu friedlich und ich antwortete: „Eine der Pflanzen dahinten ist voller Läuse. Wie ich eben in Nancys Kräuterbuch gelesen habe, hilft Brennnesselsud. Weil ich keinen finde, werde ich Schmierseife nehmen, die geht ebenso gut. Außerdem liegt mein Manuskript als Ausdruck auf dem Tisch. Das alles wollte ich ihr nur mitteilen. Leider finde ich aber weder einen Zettel noch einen Stift. Im Schrank ist auch nichts!”
„Schmierseife ist in der Vorratskammer in der Küche”, sagte Ute mit unfreundlicher Miene und deutete in Richtung Küchenzeile. Abrupt drehte sie sich herum zum Schlüsselbrett und schnappte sich den Autoschlüssel des Transporters. Bevor sie ging, teilte sie mir mit: „Ich muss jetzt weg und bin eh schon zu spät dran. Wenn du der Nancy eine Nachricht hinterlassen willst, kannst du das auf der Memotafel vorne machen. Dort hängt übrigens auch ein passender Schreibstift!” Dabei deutete sie auf die, in der Küche, hängende Riesenglastafel mit Kaffeemotiv an der Wand. Zum Abschluss verabschiedete sich mit einem vernichtenden Blick. Grußlos ließ sie hinter sich die Tür ins Schloss fallen. Manchmal musste man sich wirklich darüber wundern, welche Manieren manche haben! Nicht einmal zu einem Abschiedsgruß waren die in der Lage!
Bevor ich ging, goss ich zügig die Blumen. Die Pflanze mit den vielen Blattläusen sollte die Nancy gefälligst selbst behandeln. Schließlich hatte ich hier genug Zeit mit diesem ganzen Blödsinn verplempert. Zu allem Überfluss musste ich mich auch noch mit solchen Kleingeistern wie dieser Ute herumärgern! Diese alte Squaw tat eben so, als wollte ich den gesamten Goldbestand der EU und der USA gleichzeitig aus dem Tresor der Federal Reserve Bank in Manhattan rauben!
Eilig hinterließ ich Nancy eine Nachricht auf dem Memoboard mit dem Hinweis auf mein ausgedrucktes Buchmanuskript auf dem Küchentisch.
Liebe Nancy,
ich hoffe, dass du, wenn du das hier liest, wieder gut zu Hause angekommen bist. Weil du auf dem Boot bestimmt etwas anderes zu tun hattest, habe ich dir das Buch nicht per E-Mail zugesandt. Damit du das Manuskript vielleicht auch im Bett oder auf der Couch lesen kannst, habe ich es dir ausgedruckt. Ich habe einmal aufgeschrieben, was sich seit dem 19.04.2017 bei uns so ereignet hat. Übrigens sind weitere aktuelle Kapitel dazugekommen, denn bei uns ist so einiges passiert, als du nicht warst. Du hast es gut, so schön allein. Mein Schwiegervater hat sich bei uns eingenistet. Es ist wirklich schlimm.
Ach, lies selbst, es ist einfach fürchterlich! Wenn ich nur wüsste, wo ich hingehen könnte, aber es ist ja überall alles dicht, auch die Hotels sind geschlossen.
Bis demnächst, lass dich mal wieder blicken.
Liebe Grüße von Rike
Manuskript
19.04.2017:
Aufgrund meiner Bewerbung bei einer Zeitarbeitsfirma bekam ich einen Anruf und die Personalmitarbeiterin Frau Petersmann fragte sofort: „Wenn Sie Zeit und Lust auf einen Job im Bürobereich haben, dann können Sie sich dort vorstellen. Sollten die sich für Sie entscheiden, müssten Sie allerdings möglichst gleich anfangen!“
Tatsächlich fand ich mich am übernächsten Tag im Besprechungsraum einer namhaften Versicherung wieder.
Nach dem ungefähr einstündigen Gespräch sah mich die Personalleiterin Frau Siebenschläger forschend an und bemerkte: „Na, die Sache mit dem Nachwuchs ist bei Ihnen ja sicherlich abgehakt. Sie sagten, Sie hätten zwei erwachsene Töchter. Wie sieht es denn bei denen und dem Kinderwunsch aus?“
Überrascht über diese Frage, benötigte ich erst einmal eine gewisse Anlaufzeit zur Antwort: „Nein, es ist nichts dergleichen in Sicht. Die eine sucht noch nach dem passenden Mann und die andere studiert“, und beruhigte sie im festen Glauben daran, damit alle Bedenken konsequent vom Tisch gefegt zu haben.
Irgendwie erleichtert nickte daraufhin die Siebenschläger genauso wie der neben ihr sitzende Abteilungsdirektor Dr. Heßmann. „Ach ja, gut“, meinte dieser. „Dann kann man bloß hoffen, dass Ihre Töchter Sie nicht doch vorzeitig zur Oma machen!“
„Genau“, fand ebenso die hagere Isolde Siebenschläger,„wir suchen nämlich jemanden, der die Mutterschaftszeit der Frau Müllens abdeckt. Wissen Sie, innerhalb von drei Monaten sind zwei Damen, die wir als Vertretung eingestellt haben, schwanger geworden. Das sind insgesamt drei Mitarbeiterinnen, die in der kurzen Zeit hintereinander wegen Kinderkriegens ausfallen.
Die eine Mutterschaftsvertretung bekommt ein Kind und diejenige, die eigentlich als deren Vertretung gedacht war, erwartet nach einem Monat bei uns ebenfalls Nachwuchs, diesmal sogar Zwillinge. Während der Schwangerschaft haben sich sofort alle krankgemeldet. Wissen Sie, so etwas wollen wir jetzt nicht mehr, das bringt viel Unruhe in die Abteilung. Wir müssen uns darauf verlassen, dass Sie das Jahr tatsächlich bei uns durchhalten. Heutzutage gehen ja die meisten nach der Elternzeit erneut arbeiten und natürlich kommt in der Regel die Oma ins Spiel.
Sobald der Nachwuchs krank ist oder auch sonst, wird nach der Großmutter gerufen. Sie wissen, was ich meine?“, prüfend blickte sie mich aus ihren großen runden Brillengläsern an. Die trug die blaue Brille farblich passend zu ihrem Hosenanzug und nestelte, auf eine Antwort meinerseits wartend, nervös an ihrem Halstuch herum.
Eifrig nickte ich: „Ja, ich verstehe das. So weit ich weiß, will meine Älteste keine Kinder. Vor allem, weil der richtige Vater nicht in Sicht ist. Von dort droht keinerlei Gefahr. Außerdem ist die künstliche Befruchtung auch nicht ihr Ding. Manche machen so etwas ja mit sich alleine aus. Von daher kann man beruhigt sein. Und meine Jüngste möchte ihr Studium durchziehen. Sie ist in jeder Beziehung sehr ehrgeizig.“, und dabei dachte ich an ihre großflächige Körperbemalung, die sie mir letztens vorführte.
Zur Begutachtung ihrer Rückfront zog sie sich das T-Shirt über den Kopf, drehte sich um und sagte: „Guck` mal Mama. Das hier habe ich mir vor einem Monat stechen lassen. Ein richtiger Dschungel mit Rot-Aras und Hyazinth-Aras ist das. Dafür musste ich mehrere Tage für zig Stunden im Studio auf der Liege bleiben. Ein wahres Kunstwerk ist das!“
Voller Stolz zeigte sie mir wie eine Mutter ihr frisch geschlüpftes Neugeborenes anschließend auch noch ihre Vorderfront. Auf eine kleine Lücke zwischen Brust- und Bauchbereich deutend teilte sie mit: „Und hier, unterhalb der Wolken und der Sonne und oberhalb von dem Grünbereich unten, dazwischen fliegen demnächst noch einige Sittiche und Kakadus. Deshalb muss ich jetzt wirklich sparen, bis ich die Kohle dafür zusammenhabe. Ich wünsche mir übrigens zu Weihnachten und zum Geburtstag nichts anderes als Geld. Dann musst du nicht großartig herumlaufen, um etwas zu suchen.
Diese Sucherei ist ja echt ätzend für dich und dann geht das wieder mit der nervigen Umtauscherei los. Außerdem hab` ja alles. Hach, ich liebe den Dschungel und die bunten Tiere darin! Diese Tattoos gehen ganz schön ins Geld. Danach ist aber erst einmal Ruhe. Irgendwann lasse ich mir vielleicht ein klammerndes Kapuzineräffchen um den rechten Oberschenkel herum stechen. Ich habe so gewisse Vorstellungen. Ach, ich liebe diese Natur so sehr!“
„Aber ich denke, dein neuer Freund macht dir die Tattoos in seinem Studio umsonst?“
Während sie sich wieder anzog, schüttelte Sie mit dem Kopf: „Nein, wo denkst du hin! Was glaubst du eigentlich, was alleine die Farbe kostet? Außerdem macht mir das ein Mitarbeiter, der Tim. Der hat sich auf solche aufwendigen Dschungelmotive spezialisiert. “
Na, immerhin kam sie in dieser Beziehung nach ihrem Herrn Papa.
Ein wenig erleichtert blickten mich die beiden Entscheider von der Personalabteilung an und der über sechzigjährige ergraute Dr. Heßmann äußerte sich als Erster: „Na, das ist ja wirklich erfreulich zu hören. Wissen Sie: Meine Frau und ich, wir haben zwei Töchter und vier Enkelkinder von denen bereits zwei fast erwachsen sind. Aber die Kleinsten bringen jedes Mal eine andere Seuche von der Kita oder Schule mit nach Hause.
Natürlich werden, wenn es um die Krankenpflege geht, gerne die Großeltern gefragt. Schließlich kann man ja nicht wegen der Erkrankung seines Nachwuchses gleich zu Hause bleiben. Sobald man sich für eine Familie entscheidet, sollte die Mutter sich um die Kinder kümmern und nicht arbeiten gehen.
Allerdings sind meine beiden Töchter anderer Meinung. Die meinen, sie müssten in einem Unternehmen ihren Mann stehen. Ich finde, eine Familie zu gründen, und arbeiten gehen, das verträgt sich nicht. Meine Frau ist immer zu Hause geblieben und hat das Heim und alles Übrige gemanagt.
Darüber waren wir uns seinerzeit bei der Hochzeit einig. Sonst hätte ich sie auch nie geheiratet. Wir haben das genauso gemacht wie meine Eltern damals und deshalb blicke ich, bis heute, auf eine glückliche Kindheit zurück. Also ehrlich gesagt: Karriere und Familie, das geht irgendwie nicht zusammen.“
An dieser Stelle führte die Isolde Siebenschläger die Fragerunde weiter: „Was studiert Ihre Tochter eigentlich?“, fragte sie interessiert.
„Kunst!“, antwortete ich spontan.
„Na ja, damit lässt sich ja kein richtiges Geld verdienen. Es sei denn, man findet einen gut verdienenden Ehemann und kann seinem Hobby zu Hause frönen!“, warf jetzt der Dr. Heßmann ein.
„Können Sie sich eigentlich vorstellen, bei uns zu arbeiten?“, fragte mich die Frau Siebenschläger.
