Lockruf Almanya - Heinz W. Bissinger - E-Book

Lockruf Almanya E-Book

Heinz W. Bissinger

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Beschreibung

Ali verbringt neun Monate im Jahr als Hirtenjunge alleine mit seinen Hunden und der Schafherde auf einem Berg in Anatolien. Die Einsamkeit in der imposanten Bergwelt prägt seine Kindheit, die Stille der Natur ruht in seinem Herzen. Dennoch ist er wissbegierig und neugierig auf die Welt jenseits der Bergkämme. Dramatische Ereignisse zwingen ihn, sein Heimatdorf zu verlassen. In der Großstadt Afyon findet er Arbeit und Unterschlupf in einem Installationsbetrieb. Er lernt das Handwerk, aber auch die türkisch-kurdische Problematik kennen. Und er hört zum ersten mal etwas von Almanya, dem fernen Land, das den Fleißigen und Tüchtigen unglaubliche Verdienst- und Aufstiegsmöglichkeiten bieten soll. Der Traum von diesem »Almanya« wird ihn nicht mehr loslassen

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Seitenzahl: 386

Veröffentlichungsjahr: 2022

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© 2022 – e-book-AusgabeRHEIN-MOSEL-VERLAGZell/MoselBrandenburg 17, D-56856 Zell/MoselTel 06542/5151 Fax 06542/61158Alle Rechte vorbehaltenISBN 978-3-89801-924-8Lektorat: Sandra JungenAusstattung: Stefanie ThurTitelfoto: Arne Houben

Heinz W. Bissinger Christoph Kloft

Lockruf Almanya

von Emirdağ nach Köln

Roman

Rhein-Mosel-Verlag

Zum Geleit

In den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts kommen arbeitswillige und hoffnungsvolle junge Männer aus der Türkei in die damalige wirtschaftlich aufstrebende Bundesrepublik Deutschland. Eine große Zahl der Fremdarbeiter stammt aus Ostanatolien und ist kurdischer Herkunft. Von den Einwohnern der westlichen Türkei werden die Kurden Bergtürken genannt, weil es ihr Volk offiziell nicht geben darf. Die BRD mit ihrer Hauptstadt Bonn bezeichnet alle Fremdarbeiter wohlwollend als Gastarbeiter, die zur Arbeit herzlich willkommen sind. Im Ruhrpott heißen körperlich hart arbeitende Menschen Malocher. Die Arbeitskräfte aus der Türkei sind rasch als vorbildliche Malocher bekannt – still und ohne zu murren sind sie sich auch für die erbärmlichsten Drecksarbeiten nicht zu schade.

Im vorliegenden Buch ist die ungewöhnliche Geschichte eines Freundes festgehalten, den es wirklich gegeben hat. Ali, wie wir ihn genannt haben, kommt nach schlimmen Erfahrungen in seiner Heimat in das gelobte Land und fasst hier rasch Fuß. Er ist sehr stolz und für ihn ist es ein besonderes Privileg, bei der Weltfirma Ford in Köln arbeiten zu dürfen. Ob er in der neuen Heimat auch privat sein Glück findet, wird sich im zweiten Band herausstellen.

Eine tiefe Freundschaft mit einem besonderen Menschen hat mich inspiriert, seine Lebensgeschichte nach außen zu tragen.

Ich danke an dieser Stelle dem Schriftsteller Christoph Kloft ganz herzlich, dass er mir bei dieser Arbeit geholfen hat.

Heinz W. Bissinger

1. Kapitel

Fröstelnd wacht er auf. Obwohl der Höhlenboden mit Schaffellen ausgelegt und der Eingang mit Kuhhaut verhangen ist, dringt die Herbstkälte der anatolischen Berge von Emir Dağlari bis unter seine Decke. Nur unter seiner Wange fühlt es sich warm und behaglich an, weshalb Ali sich gleich noch tiefer in Aras Fell kuschelt. Ein besseres Kopfkissen als seine Kangalhündin kann der Hütejunge sich nicht wünschen.

Er blinzelt zur Feuerstelle und stellt enttäuscht fest, dass die Glut über Nacht erloschen ist. Sein morgendlicher Cay (Tee)muss also noch warten. Ali gibt sich einen Ruck und steht auf, tritt aus der Höhle heraus, wo seine Schafe friedlich grasen. Sofort springen die beiden Treiberhunde Köpek und Kurt auf und begrüßen ihren jungen Herrn freudig. Die Namen hat Ali ihnen gegeben – Köpek bedeutet Hund und Kurt Wolf. Letzterer ist ein Mischling aus Hund und Wolf. Die Schafherde besteht aus beinah 200 Schafen, die frei weiden dürfen. Ali ist stolz, dass man einem kleinen Jungen wie ihm die Tiere anvertraut hat. Er liebt jedes Einzelne von ihnen. Sein Lieblingstier aber ist die mutige Herdenschutzhündin. Wenn sie auf ihren Hinterbeinen steht, ist sie fast zwei Meter groß. Sogar die Bären und Wölfe, die hier in den Bergen leben, haben Respekt vor Ara, und auch der anatolische Leopard lässt sich auf keinen Kampf mit ihr ein.

Ali lässt den Blick über die Herde schweifen, er blickt über die saftigen Wiesen und die mächtigen Bergketten um ihn herum, deren Kämme majestätisch in den Himmel ragen. Aus den Tälern steigt dichter Nebel auf, nirgendwo auf der Welt könnte es schöner sein.

Die Einsamkeit in der imposanten Bergwelt prägt seine Kindheit, die Stille der Natur ruht in seinem Herzen.

Seine Mutter hat ihn gelehrt, dass Menschen, die in freier Natur leben, die Ruhe und Ausgeglichenheit in sich tragen und in ihren Mitmenschen Bruder und Schwester – Abi und Abla – sehen.

Bei dem Gedanken an seine geliebte Mutter, zu der er als türkischer Junge Anne sagt, entweicht ihm ein schweres Seufzen. Im Spätherbst wird der Abtrieb sein, dann ist er den Winter über wieder bei ihr zu Hause in der warmen Stube, wo sie ihm Gözleme mit Spinat zubereitet. Er liebt es, ihr dabei zuzusehen, wie sie in den Töpfen rührt und den Teig knetet. Sie tut das immer mit einer solchen Hingabe. Bis es aber soweit ist, wird im Bach ganz in der Nähe noch viel Wasser herunterlaufen.

Spät am Abend weht ein starker und eisiger Wind die Berghänge herauf. Es wird Zeit, die Herde aus der höheren Region weiter talwärts zu treiben, bevor der erste Schnee kommt, denkt Ali und schlägt seinen Hirtenmantel enger um sich. Weil die Tiere unruhig sind, zieht er sich noch nicht in die Höhle zurück, sondern kauert sich vor den Eingang, um der Herde nahe zu sein. Gemächlich bewegt Ara sich in Richtung der Schafe. Sie schnuppert hier und da, leckt ihren Rudelgenossen die Ohren, hebt dann und wann den Kopf leicht an und lauscht wachsam dem Heulen der Wölfe, das von der Ferne bis zu ihnen heraufdringt. Auch wenn er es in der Dunkelheit nicht genau erkennen kann, weiß Ali, dass sie das jetzt tut. Sie kennt jedes einzelne Schaf und weiß, wie sie den Tieren Sicherheit vermitteln kann.

Nach und nach kehrt wieder die gewohnte Ruhe in die Herde ein.

Im Mondlicht heben sich in schwarzen Konturen die Bergkämme vom Himmel ab. Wieder kommen Ali Fragen in den Sinn – in letzter Zeit kommt der Hütejunge einfach nicht von einem Gedanken los: Was mag wohl hinter diesen hohen Bergen liegen? Sind dort wieder Berge und Wiesen für seine große Herde? Gibt es dort noch andere Siedlungen? Vielleicht größere als die Kleinstadt Büjükkarabag, die rund 30 Kilometer entfernt liegen soll? Gibt es eine größere Schule? Sind dort sehr viele laute Menschen, die die scheuen und wildlebenden Tiere vertreiben? Wie so oft, wenn er sich mit diesen Fragen beschäftigt, hebt er ratlos die Schultern.

Unzählige Himmelskörper erleuchten die Nacht. Ali blickt nach oben, und ihm ist, als könnte er die Sterne mit den bloßen Händen greifen. In diesem Moment fühlt er sich Allah ganz nah. Er möchte ein gläubiger Muslim sein, aber manchmal vergisst er zu beten, was daheim bei seiner Anne niemals vorkommt. Dort geht es jeden Freitag in die kleine Moschee. Hier oben denkt er meist nur in solchen Augenblicken wie diesem daran. Schnell dreht er sich in Richtung Mekka und dankt Allah für die schöne Natur.

Auch seine Tiere schließt er in sein Gebet ein. Ihre Gesundheit liegt ihm sehr am Herzen. Er weiß, wie man kleinere Verletzungen der Schafe behandelt, und pflegt sie meistens wieder gesund. Manchmal kann er aber auch nicht helfen und er ist sehr traurig, wenn er ein Tier begraben muss. In solchen Momenten bekommt er es mit der Angst zu tun. Was soll er ohne Ara hier, wenn sie mal nicht mehr ist? Sie wird ihn nicht überleben. Und was wird sein, wenn seine Eltern eines Tages sterben? Mutter ist zwar viel jünger als Vater, aber auch sie wird es eines Tages nicht mehr geben.

Neun Monate im Jahr ist Ali mit seinen Tieren hier oben, und nur drei Monate in der Winterzeit lebt er bei seinen Eltern. Eine recht kurze Zeit, findet er. Er würde gerne länger bei seiner Anne sein. Wie gerne er ihr zusieht, wenn sie Fladenbrot backt! Was für ein herrlicher Moment, wenn sie es aus dem Ofen holt und ihm ein kleines Stück zum Probieren abbricht – nichts geht über den herrlichen Duft des warmen Brotes und diesen unbeschreiblichen Geschmack auf der Zunge.

Doch so schön es auch ist bei seiner Anne: Ali weiß auch, wie sehr es ihn in jedem Frühjahr drängt, wieder mit den Tieren in die Berge zu ziehen, wie er sich immer freut auf das frische Gras, das sich gerade erst seinen Weg durch den Boden gebahnt hat, den würzigen Geruch der Zypressen und den Tau, der am frühen Morgen über allem liegt.

Wenn er in den Wintermonaten zu Hause ist, kommt Ali gelegentlich mit den Dorfbewohnern zusammen, deren Schafe er ebenfalls hütet. Viele von ihnen sind laut und stören die Ruhe der Natur. Die Frauen und Mädchen sind verschleiert. Sie leben in ihrer eigenen Welt, arbeiten auf den Feldern und backen am häuslichen Herd Pide. Ali hält nichts von den Mädchen im Dorf, da ist ihm sogar seine Ara lieber. Die Mädchen würden doch vor jedem wilden Tier die Flucht ergreifen, schließlich sind sie von Natur aus ängstlich und feige, wie Vater immer wieder betont. Und was Vater sagt, ist Gesetz. Der hält auch die Ansichten seiner Frau Emine für blödes Weibergeschwätz. Als weibliches Wesen, sagt er, sei sie unrein und habe ihrem Herrn und Gebieter niemals zu widersprechen. Sie sei ihm zu absolutem Gehorsam verpflichtet. Das zeigt er ihr auch bei jeder Gelegenheit. Trotzdem hält Ali seine Mutter, und nur sie, für ein vernünftiges weibliches Wesen.

Zu den Jungen im Dorf hat Ali kaum Kontakt, sie lungern meist nur herum. Die Männer sitzen tagsüber oft stundenlang im Teehaus und spielen Tavla. Dieses Brettspiel will auch Ali eines Tages lernen, doch jetzt fehlt ihm die Zeit dazu. Ebenso, um zur Schule zu gehen. Sein Vater ist froh darüber und glaubt, dass ein guter Hirte keine Schule von innen sehen muss, doch seine Mutter sieht das anders. Für sie ist ein Junge ohne Schulbildung kein richtiger Mensch, sondern kommt einem Tier gleich.

Ali nimmt sich die Einstellung seiner Mutter zu Herzen und möchte eines Tages sehr gerne zur Schule gehen. Manche Leute im Dorf, die sich für zivilisiert halten, finden es nicht gut, dass Ali so eine lange Zeit mit den Tieren in den Bergen verbringt. Angeblich bliebe da die geistige Tätigkeit auf der Strecke. Aber das muss falsch sein, denkt Ali, denn er schafft es schließlich, ganz alleine in der rauen Bergwelt für sich zu sorgen. Mit seiner Hände Arbeit schafft er so viel, wie es die meisten dieser Menschen nicht hinbekommen würden. Auf seinen Wanderungen mit den Tieren fällt es ihm inzwischen leicht, ein Nachtlager aufzubauen, das ihn vor Wind und Regen schützt. Nur bei der Verpflegung mit schnell verderblichen Lebensmitteln braucht er etwas Unterstützung. Hin und wieder kommt sein Vater zu ihm in die Berge, um ihn mit neuen Vorräten zu versorgen. In seinem großen Rucksack bringt er Brot, Dauerwurst, Zwiebeln, Tomaten, Käse, Paprika, Gurken, frischen Knoblauch und selbstgemachten Honig mit.

Ali möchte einmal so mächtig und stark wie sein Vater werden, der die meisten Tiere und die größten Felder von allen hat. Er ist der mächtige Großgrundbesitzer in dieser Region, und sein Wort lässt im nahegelegenen Dorf keine Widerrede zu. Manche im Ort fürchten sich sogar vor ihm. Ali hat vieles von seinem Vater gelernt, vor allem aber, dass das höchste Gut auf der Welt die Ehre ist. Und er empfindet es als besondere Auszeichnung, Ahmet Dogans einziger Sohn zu sein. Ihm gegenüber verhält er sich höflich und voller Respekt, wie es guter Brauch ist. Ebenso wird ein Sohn niemals an den Worten seines Vaters zweifeln und schon gar nicht wird er ihm widersprechen. Die Worte eines Vaters sind Gesetz, welches ein Sohn niemals brechen darf. Sein Leben lang will Ali der beste, dankbarste und treueste Sohn der Welt sein, die Ehre seiner Eltern niemals beschmutzen. Niemals wird ein Sohn sich bei seiner Mutter über den Vater beschweren, und diese wird nie ein böses Wort an den Ehemann richten.

Ali liebt seine Anne abgöttisch, so sehr, dass er für sie sterben würde. Die Ehre der Familie würde er notfalls bis aufs Blut verteidigen. Ebenso, wie er es mit der Herde hält: Er würde sie niemals den Raubtieren preisgeben, sondern sich gemeinsam mit Ara zum Kampf stellen. Das wäre ganz im Sinne seines tapferen Vaters, wenn er todesmutig gegen die Bestien kämpfen würde.

Ein wenig wundert ihn allerdings, dass der Vater nicht mit ihm spricht. Alle Begegnungen zwischen ihnen verlaufen stumm, nur ganz selten werden einige unbedeutende Worte gewechselt. Ali hat seinen Vater bisher niemals lachend, geschweige denn lustig gesehen. Er ist ein sehr ernster Mensch, der den Umgang mit anderen scheut. Wenn Baba ihn anschaut, hat Ali den Eindruck, dass er durch ihn hindurchsieht, ohne ihn wahrzunehmen. Nie hört er von ihm ein wohlwollendes oder gar lobendes Wort. Dafür wird er aber auch nicht getadelt. Hat er etwas falsch gemacht, schaut der Vater ihn nur strafend an und geht davon, ohne auch nur ein Wort zu sagen. Ist eine Arbeit nicht richtig ausgeführt, flucht er leise vor sich hin und behebt den Fehler.

Es schmerzt Ali sehr, dass sein Baba ihm so fremd ist, und manchmal ist er erleichtert, wenn der Vater nach einem Besuch in den Bergen den Heimweg antritt. Wieder mit seiner Hündin allein bei der Herde zu sein, beruhigt ihn sogar. Manchmal laufen an solchen Tagen Tränen über sein gebräuntes Gesicht, die Ara aber sofort mit ihrer Zunge ableckt.

2. Kapitel

Seit dem Sonnenaufgang ist Ali mit seiner Herde talabwärts unterwegs. Ein kräftiger Windstoß jagt einen ganzen Schwung bunten Laubs von den Bäumen auf den Jungen und die Tiere herab. Als sie aus dem kleinen Wäldchen heraus wieder auf eine große Weide ziehen, gibt er Köpek und Kurt das Kommando, die Schafe an dieser Stelle zusammenzuhalten. Hier will er im nächsten Frühjahr ein paar Bäume fällen und daraus eine stabile Blockhütte bauen, die auch den harten Wintern hier in den Bergen trotzen kann. Er setzt sich inmitten der Herde auf einen großen Felsbrocken, den die Sonne bereits gut gewärmt hat, und greift in seinen Rucksack. Mit seinem Messer schnitzt er letzte Kerben in das Holz und betrachtet dann zufrieden die fertige Figur: Eine Frau mit Burka, die er bei seiner Ankunft zu Hause seiner Mutter schenken will. Sie hat bereits eine beträchtliche Sammlung an Figuren der letzten Jahre, und immer, wenn sie eine neue bekommt, streicht sie ihm stolz über den Kopf, denn sie weiß, dass er sich das Schnitzen in den Bergen selbst beigebracht hat.

Plötzlich hebt Ara, die zwischen den grasenden Schafen liegt, den Kopf und spitzt die Ohren. Ali lenkt seinen Blick in dieselbe Richtung wie seine Hündin, da hört er die kläffenden Hunde auch schon. Endlich kann der Abtrieb beginnen. Ali hüpft von dem Felsmassiv herunter und geht seinem Vater und den Treibern entgegen.

Es dauert nicht lange, da rennt die kläffende Meute auch schon auf ihn zu. Ali glaubt nicht richtig zu sehen. Jetzt haben sie zu den anderen Tölen auch noch drei weitere Pinscher mitgebracht. Offenbar glauben sie, dass der Abtrieb hierdurch schneller geht. Aber Ali weiß, dass diese Bastarde seine Herde nur noch nervöser machen, als sie es ohnehin schon ist. Der Abtrieb ist nie ein leichtes Unterfangen. Einige Tiere verletzen sich auf dem Weg ins Tal und nicht selten finden welche den Tod. Die fremden Hunde machen es nur noch schwieriger. Sie hetzen die Schafe oft zu sehr und manch ein Tier ist schon vor Angst in eine Schlucht gesprungen. Ali hat kein Verständnis dafür, wie man solche Missgeburten als Treibhunde einsetzen kann. Kurt und Köpek kennen die Schafe wenigstens und leisten gute Arbeit.

Ara hat wohl dieselben Ansichten wie Ali. Als die kleinen Köter sich ihr nähern, dringt ein dunkles Knurren aus ihrer Kehle. Ali gibt ihr einen kurzen Befehl. Nun ist sie still und würdigt die Kläffer keines Blickes mehr. Ihre Drohung zeigt aber Wirkung – die fremden Hunde meiden ab jetzt ihre Nähe und halten sich an Kurt und Köpek.

In der Abenddämmerung sitzen die Männer um das Lagerfeuer, das sie an ihrem neuen Rastplatz weiter talwärts entzündet haben, und reichen die Rakiflasche herum. Ali kümmert sich lieber um die verletzten Schafe. Manch eines hat sich beim Abtrieb am scharfkantigen Felsgestein einen Huf aufgerissen und sollte dringend versorgt werden, damit es morgen weiterlaufen kann. Aus den in der näheren Umgebung gesammelten Ästen hat er einen kleinen Pferch gebaut. Dort will er die verletzten Tiere von der Herde separieren, damit sie zumindest über Nacht Ruhe halten und sich erholen können. Schließlich haben sie noch einen weiten Weg vor sich. Die humpelnden Schafe halten sich schon in seiner Nähe auf; sie wissen genau, dass sie von ihm gut versorgt werden und er ihnen kein Leid antut. Heute, am ersten Tag des Abtriebs, sind es nicht viele. Die gefährlichsten Wegstellen stehen ihnen erst noch bevor.

Er greift nach dem nächststehenden Schaf und setzt es vor sich hin, so dass es mit dem Rücken an seine Schienbeine lehnt. Jetzt kann er sich in Ruhe die Verletzung am Vorderhuf anschauen. Die Utensilien, die er für die Behandlung braucht, hat er schon neben sich zurechtgelegt. Erst säubert er die Wunde, legt dann seine Kräuter auf die verletzte Stelle und umwickelt den Huf mit den dafür zurechtgeschnittenen Lappen.

Aus dem Augenwinkel bemerkt er zwei Männer, die sich vom Lagerfeuer nähern.

»Lass dir helfen!«, ruft der Eine ihm zu. Seine Stimme verrät, dass er den Anisschnaps bereits einige Male gereicht bekommen hat.

Obwohl Ali weiß, dass die Männer ihrer Aufgabe nicht gewachsen sind, will er nicht unhöflich sein und schweigt.

Schon packt der Betrunkene einem Schaf in die Wolle und wirft es nach hinten. Ein kläglicher Versuch, das Tier zum Sitzen zu bringen, denn er war viel zu grob und das Schaf entkommt ihm. Es scheint, dass er seine Kräfte durch den Alkohol nicht mehr recht dosieren kann.

Mit einem lauten Fluch stürzt sich der Zweite auf das Tier. Doch es wehrt sich und droht auch ihm zu entkommen.

Der Erste versetzt dem Schaf einen gehörigen Tritt. »Du verfluchtes Stück Scheiße!«, brüllt er. »Bist nicht besser als mein Weib daheim! Die ist genauso widerborstig, wenn ich sie auf den Rücken lege. Aber warte nur, dir werd’ ich’s genauso zeigen wie der dreckigen Hure!«

Die Männer am Lagerfeuer grölen und lachen. Auch Alis Vater blickt herüber, aber er sagt kein Wort dazu.

Ali schüttelt den Kopf. Diese Männer gehören einfach nicht in die Welt der Berge. Im Teehaus wären sie besser aufgehoben, findet er. Seine Mutter hat wohl nicht ganz Unrecht, wenn sie diese Männer als Abschaum bezeichnet, da sie weder Anstand noch Bildung besitzen.

Nachdem Ali die drei verletzten Schafe versorgt und eingepfercht hat, merkt er, wie kalt es inzwischen geworden ist, und setzt sich, wenn auch etwas widerwillig, zu den anderen ans Feuer. Aber er achtet nicht auf deren verdorbene Reden. Seine Gedanken wandern, wie so oft in letzter Zeit, hinter die Berge und kreisen wieder und wieder um die Frage, wie es dort wohl aussehen mag. Ist dort vielleicht eine große Stadt, in der alle Menschen lesen und schreiben können? Die Leute im Dorf und seine Eltern können das jedenfalls nicht. Dafür ist Vater der reichste Mann weit und breit, und seine Mutter backt die besten Fladenbrote. Und ihr Börek erst! Das schmeckt herrlich. Warum auch sollte ein Mensch lesen und schreiben lernen, wenn man doch sprechen kann? Der einzige Mensch im Dorf, der die Welt der Buchstaben beherrscht, ist der Herr Bürgermeister. Er hat das Lesen und Schreiben in einer großen Stadt gelernt, aus der er vor Jahren in ihr kleines Bergdorf gekommen ist. Die Dorfbewohner schätzen es, einen so gebildeten Mann in ihrer Mitte zu haben.

Bereits im vergangenen Winter hat der Herr Bürgermeister ihnen mitgeteilt, dass die Schulpflicht auch in ihrem Dorf eingeführt wird und zumindest die Jungen zur Schule gehen müssen. Bei den Mädchen sehe das noch anders aus, weil man davon ausgehe, dass ihre Mütter sie auf das Leben vorbereiten könnten. Weil Vater nach wie vor nicht damit einverstanden ist, dass sein Sohn die Schulbank drückt, und weil er als Familienoberhaupt einzig und allein über seinen Jungen bestimmen will, hat der Herr Bürgermeister zugestimmt und Ali fürs Erste vom Schulunterricht befreit. Schließlich braucht die Herde einen zuverlässigen Hirten und auch die Schafe des Bürgermeisters sind in der Herde zu bewachen.

Für die drei Monate in dieser Winterzeit hat Ali allerdings große Lust, zur Schule zu gehen. Nur wie bringt er das dem Vater bei? Er muss den richtigen Zeitpunkt abwarten und dann seinen strengen Baba um Erlaubnis bitten. Schließlich ist er das einzige Kind, und sein Vater wird es vor Allah hoffentlich als Ehre ansehen, einen so strebsamen Sohn zu haben.

Ali ist so froh, dass er keine weiteren Geschwister hat. So hat er Annes ganze Liebe für sich allein. Nur ihn nimmt sie in die Arme und nur für ihn ist sie da. Das macht es erträglicher, dass sein Vater auf Abstand zu ihm bleibt.

Mit seligem Strahlen in den Augen steht seine Mutter vor dem Haus und schließt ihren Sohn in die Arme.

»Endlich bist du wieder hier!« Sie küsst ihn auf die Stirn, blickt ihm immer wieder selig in die Augen und gibt ihm einen Kosenamen nach dem anderen. Ali schämt sich ein wenig vor den Männern und er vermeidet den Blick seines Vaters. Baba schweigt. Und als Ali doch einmal zu ihm hinsieht, wendet der sich kopfschüttelnd ab. Ist es wirklich so unwürdig, seine Mutter zu lieben?, fragt sich Ali. Sie hat ihn doch zur Welt gebracht. Seine Anne ist bei seiner Geburt fast gestorben, haben sie ihm erzählt, und kann seither keine weiteren Kinder bekommen. Vater behandelt sie deshalb wie eine Aussätzige. Das findet Ali sehr schlimm.

Aus der offenen Haustür hinter Mutter dringt verführerischer Duft in Alis Nase. Seine Anne hat sicher wieder etwas Besonderes gekocht. Er schnuppert kurz durch die Luft. Es duftet nach einem saftigen Stück Lammfleisch und Gemüse aus dem Garten. Bestimmt gibt es anschließend Annes herrlichen süßen Kürbis. Ali wird der Mund wässrig.

Wie er seine Anne kennt, belässt sie es nicht nur bei einem besonderen Willkommensmahl, sondern hat ihm auch noch einen warmen Pullover gestrickt und beim Schuhmacher warme Fellstiefel bestellt. Sicher hat sie auch an eine dicke Wollmütze gedacht.

Nachdem die Schafe der Dorfbewohner verteilt und die eigenen im schützenden Stall untergebracht sind, bringt Ali seine Ara in den angrenzenden Zwinger. Den Winter über muss sie dort leben und nur Ali darf ihn zwischendurch öffnen. Kein anderer wagt es, sich dem Käfig auf weniger als fünf Meter zu nähern. Selbst Alis Vater, der eigentlich keine Angst kennt, geht der Hündin aus dem Weg. Er bezeichnet sie als Bestie, als unnützes Tier, das mehr fressen kann als drei erwachsene Männer und scheißt wie drei Elefanten.

Ein paar Tage darauf, es ist bereits später Nachmittag, klopft es an der Haustüre. Baba sitzt mit gekreuzten Beinen im Wohnraum auf den dicken Teppichen und stiert vor sich hin. Als gäbe es für ihn auf dem Hof nichts zu tun. Stattdessen greift er schon am frühen Morgen im Stall heimlich zur Flasche. Er mischt den Anisschnaps mit Wasser, so dass er weiß wird. Löwenmilch nennen die Leute das Getränk. Danach hält Baba sich gewöhnlich von morgens bis abends im Teehaus auf und macht sich dort vor den anderen Männern lächerlich. Völlig betrunken kommt er dann nach Hause getorkelt und schläft meist bei seinem Vieh im Stall. Offenbar will er nicht, dass der Sohn von seinem Trinken erfährt. Aber Ali hat es in den letzten Tagen oft genug mitbekommen: Der Raki ist inzwischen Vaters ständiger Begleiter, das war im letzten Winter noch nicht der Fall.

Während Ali sich zum Öffnen auf den Weg zur Haustür macht, kann er ein Gähnen nicht unterdrücken. Den ganzen Tag hilft er seiner Mutter bei der Arbeit und fällt abends todmüde ins Bett. Er öffnet die Tür und vor ihm steht der Herr Bürgermeister mit einem Schreiben in der Hand. Ali führt den hohen Besuch zu Baba, doch der blickt dem Herrn zunächst nur grimmig entgegen. Dann jedoch hievt er sich von den Teppichen hoch und grüßt höflich.

»Ja, also …«, beginnt der Bürgermeister und wedelt nervös mit dem Schreiben herum, das er jetzt mit zitternden Fingern auseinanderfaltet und Vater entgegen hält, »der Grund meines Besuches ist folgender: Auf Anordnung der Regierung hat mit sofortiger Wirkung auch der Sohn eines Großbauern im Winter der Schulpflicht Folge zu leisten.«

Vater quellen bald die Augen über, sein Gesicht läuft auf einmal rot an und er wird laut, will auf den Besucher losgehen, aber Ali und seine Mutter stellen sich zwischen die beiden Männer und versuchen das Schlimmste abzuwehren. Ali fürchtet, dass es wieder zu einer Prügelei kommt, denn sein Vater ist sehr stark und es wäre nicht das erste Mal, dass er den Herrn Bürgermeister verprügelt. Beim letzten Mal hat der Herr Bürgermeister geheult wie ein kleines Kind. Aber danach hat der Vater ihm eine Kuh geschenkt und alles war vergessen.

Jetzt nimmt Ali all seinen Mut zusammen und sagt: »Vater, es geht doch nur um den Winter.«

»Die Zeiten ändern sich«, wirft Mutter ein, »Schulbildung ist sehr wichtig.«

»Du missratenes Weib!«, schreit Vater und deutet an, die Hand gegen sie heben zu wollen. »Kümmere dich um deine Kochtöpfe und mische dich nicht in Männergespräche ein!«

Um die Mutter zu schützen, will Ali die Aufmerksamkeit schnell wieder auf sich lenken. »So schlecht kann es doch gar nicht sein, in die Schule zu gehen. Da lerne ich doch auch, wie ich den Tieren noch besser helfen kann.«

Vater sieht ihn verdutzt an, woraufhin der Herr Bürgermeister sich schnell verabschiedet.

Schon am nächsten Morgen geht Ali zur Schule. Es gefällt ihm hier. Er lernt nicht nur Lesen und Schreiben, sondern auch mit den Fingern zu zählen. Der Lehrer nennt das Rechnen. Fast bereut der Junge, dass er nicht schon früher in die Schule gekommen ist. Das Lernen fällt ihm leicht, und der Lehrer sagt, dass sein Verstand hellwach ist, wacher als bei den anderen Schülern.

Schon nach kurzer Zeit kann Ali zählen, aus wie vielen Schafen seine Herde besteht. Er möchte so klug wie der Bürgermeister werden und ist ihm sehr dankbar, dass er ihn zur Schule geschickt hat. Sooft es geht, möchte er dorthin, und vielleicht darf er im Sommer seine Bücher mit in die Berge nehmen. Dort hat er viel Zeit, um zu lernen. Mutter wird sich freuen, wenn er immer mehr lernt, und am Ende wird ganz sicher auch Baba stolz auf ihn sein. Für Ali ist es ab jetzt nicht nur wichtig, in den Armen, sondern auch im Kopf stark zu sein. Mutter ist da sein Vorbild. Sie ist eine so zarte und zerbrechliche Frau, und bei ihr ist die meiste Kraft im Kopf. Sie kann zwar nicht lesen und schreiben, dafür aber richtig zählen. Wie dumm und zurückgeblieben sind gegen sie die Frauen im Dorf! Mutter weiß sehr viel. Außerdem ist sie sehr fleißig, arbeitet, obwohl sie so schwach aussieht, auf den Feldern und im Garten, hält das Haus sauber und übernimmt auch noch Aufgaben, die eigentlich Männersache sind. Sie ist viel jünger als Vater. Manchmal kann Ali nicht verstehen, warum der sich nicht eine zweite Frau anschafft. Bei so viel Land und Vieh wäre das doch angemessen. Außerdem könnte diese Frau seiner Anne im Haus helfen. Dann müsste sie nicht mehr so viel schuften. Ein andermal hingegen ist Ali froh, dass Vater keine zweite Frau hat, denn er müsste dann auch mit Geschwistern rechnen. Doch es ist viel zu schön, der einzige Sohn zu sein.

Spät am Abend ist Ali auf dem Weg ins Bett, ihm fallen bereits im Gehen beinah die Augen zu. Plötzlich hört er aus der Kammer nebenan seinen Vater schreien.

»Du gefühllose Schlampe! Da bereiten mir ja sogar die Viecher mehr Lust als du!«

Sofort weiß Ali, was der Vater meint. Er hat ihn gesehen, im Stall.

Immer wieder erniedrigt dieser Mann Alis Mutter, das Leben mit ihm muss für sie in der letzten Zeit kaum noch zum Aushalten sein. Bisher hat er seiner Frau nur mit Worten wehgetan, aber Ali fürchtet, dass es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis er sie auch schlägt. Hier auf dem Land gilt das Schlagen einer Frau nicht als Gewalt, sondern als Maßnahme zur Erziehung. Böse und gemeine Worte sind aber ebenso verletzend.

Das Herz voll trauriger Gefühle, legt Ali sich ins Bett und zieht sich die Decke über den Kopf.

Am nächsten Morgen hört Ali seine Mutter leise weinen, wie so oft, seit er wieder zu Hause ist. Sie ist stets darum bemüht, ihre Tränen vor ihm zu verbergen, aber Ali merkt es doch. Sie sitzt an dem groben Küchentisch und birgt den Kopf in den Händen. Als sie ihn bemerkt, wischt sie schnell ihre Tränen weg und lächelt.

»Alles ist gut, mein Junge«, sagt sie auf seinen fragenden Blick hin.

Aber ihm kann sie nichts vormachen, die Natur draußen in den Bergen hat ihn wachsam werden lassen wie ein Wildtier. Zudem sieht er den Schmerz in ihren Augen. Sie weiß nicht, was Ali alles mitbekommt und will sicherlich verhindern, dass er erfährt, dass sein Vater ein Trinker ist und dass der Raki ihn brutal und böse macht. Was ist nur aus Baba geworden? Er hat zwar auch früher nicht viel geredet, aber doch noch halbwegs am Familienleben teilgenommen. Inzwischen geht er ihr und seinem Sohn permanent aus dem Weg. Für das alltägliche Leben hat er schon lange keinen Sinn mehr. Wo sind nur sein Stolz und seine Führungskraft geblieben? Es ist klar: Der Mutter fehlt der Mann und Ali der Vater. Im nächsten Jahr will er Baba darauf ansprechen. Jetzt ist er noch zu jung, um ihm solche Fragen zu stellen. Er ist ihm schließlich zu Dank verpflichtet, dass er die Schule besuchen darf.

»Gehst du jetzt zur Schule?«, fragt sie und unterbricht damit seine Gedanken.

Ali nickt. Er will eigentlich nichts sagen, weil seine Begeisterung nicht zur Situation passt. Doch dann überlegt er, dass er seiner Mutter damit vielleicht auch eine Freude bereiten kann, und es sprudelt aus ihm heraus: »Der Lehrer hat mich noch kein einziges Mal geschlagen. Die Hiebe haben immer nur die anderen bekommen, weil sie faul waren oder freche Antworten gegeben haben. Mit meinen Leistungen war er wohl immer zufrieden. Und das Lernen macht mir auch großen Spaß.«

Jetzt hat Mutter wieder diesen besonderen Glanz in den Augen, der ihm zeigt, wie stolz sie auf ihn ist, und Ali ist froh, dass er es ausgesprochen hat.

»Lerne so viel, wie es eben geht«, sagt sie eindringlich. »Genieße und nutze das, was mir immer verwehrt geblieben ist. Auch ich wäre in jungen Jahren gern zur Schule gegangen, aber als Mädchen war mir das nicht möglich. Hier auf dem Land haben es die Mädchen sogar heute noch schwer damit.«

Schon bald wird Ali mit der Herde wieder in die Berge ziehen. Er ist hin- und hergerissen zwischen der Vorfreude auf die Freiheit und die Weite der Natur und dem Wunsch, weiter in die Schule zu gehen. Er liebt das Lernen bei dem jungen Lehrer und sehr gerne will er sich noch viel, viel mehr Wissen aneignen. Der Herr Bürgermeister ist sein großes Vorbild. Ali sieht ihm sogar nach, dass er nicht so stark ist wie sein Vater. Auch könnte er bei seiner Mutter sein und mit ihr am warmen Kamin sitzen und ihren Geschichten lauschen, wenn er weiter zur Schule ginge. Sie kann so wunderbar erzählen. Vielleicht könnte er sie dann auch vor den Übergriffen des Vaters schützen. Im Laufe des Winters ist es immer schlimmer geworden mit ihm. Immer häufiger hat er sich nicht unter Kontrolle. Ganz allmählich beginnt Ali seinen Vater zu hassen. Wenn dieser verwahrloste und nach Alkohol stinkende Mensch auf dem Stroh im Stall liegt, ist er nur noch eine erbärmliche, hilflose Kreatur. Manchmal weckt dieses Häufchen Elend in Ali tiefes Mitleid, und Tränen laufen über sein Gesicht. Mit einem solchen Wrack sind sie keine Familie mehr, und aller Stolz und alle Ehre sind vor dem Stall geblieben. Ali muss einsehen, dass sein Baba schon lange nicht mehr der liebende und ehrenwerte Beschützer seiner Familie ist. Sein Lebenswandel lässt sich nicht länger verheimlichen – die jungen Leute spotten bereits über Alis Vater und die Männer in der Teestube wollen schon lange nichts mehr mit ihm zu tun haben, weil er ständig Unfrieden stiftet. Gelegentlich kommen Hirten aus dem Dorf zu ihnen und erzählen, dass Baba immerzu Streit anfängt. In seinem betrunkenen Kopf prügelt er gleich los und trägt selbst manchmal heftige Blessuren davon. Früher hat es noch gereicht, wenn er ein paar Tage später die Rechnungen für die anderen bezahlt hat, doch heute kann er sein Benehmen auch damit nicht wieder gutmachen.

Ali entfernt sich in seinen Gedanken immer weiter von seinem Vater. Wenn er ihn früher auch noch so sehr verehrt hat – heute will er nur noch eines: niemals so werden wie Baba! Den ganzen Tag in der Teestube herumlungern und Raki trinken, das wäre absolut nichts für ihn. Er ist ein Naturmensch, der sein freies Leben in den Bergen für nichts in der Welt aufgeben möchte. Wie ein wildes Tier, das nicht in einem Käfig eingesperrt sein will. Geld oder Schmuck sind ihm unwichtig. Menschen wie er ringen durch ihrer Hände Arbeit der Natur alles ab, was sie zum Leben brauchen. Sie sind glücklich und zufrieden, sind hilfsbereit und kümmern sich um andere. Der Glaube an Allah gibt ihnen die Kraft und die Lebensfreude. Was auch immer im Leben auf solche Naturmenschen wie ihn zukommt, ist von Allah bestimmt. Und weil es so gewollt ist, werden sie es immer dankend annehmen.

Und außerdem: Wer könnte denn seine Herde führen und bewachen, wenn er immer in der Schule wäre? Und was würde aus seiner Ara? Er überlegt hin und her. Noch hat Ali keine Idee.

3. Kapitel

Die Hunde drehen bald durch vor Freude. Sogar Ara, mit ihrem sonst eher ruhigen Gemüt, läuft aufgeregt zwischen den Schafen umher und scheint nach dem langen Winter jedes einzelne von ihnen begrüßen zu wollen. Der Tag des Aufbruchs ist da.

Vater ist zum Glück einigermaßen nüchtern. Zum ersten Mal kommt auch der Bürgermeister als Treiber mit. Ali erhält einen Esel als Träger. Der ist so stark, dass man ihm sehr große Lasten aufbürden kann. Darüber freut Ali sich ganz besonders, denn er will das Tier zum Herbeischleppen der Baumstämme für die Blockhütte einsetzen. Hoffentlich ist der Esel nur nicht so störrisch!

Das Arbeitsmaterial für die Errichtung der Hütte hat Ali von seinem Baba erhalten. Er stellt sich vor, wie stolz der Vater auf ihn sein wird, wenn die Hütte erst mal fertig ist. Allen wird er mitteilen, was für ein guter Zimmermann und Bauarbeiter sein gescheiter Junge ist. Ali hört ihn schon zu den anderen Männern sagen: ›Solch einen Sohn könntet ihr Hurensöhne niemals zeugen. Für so einen Sohn gehe ich durch das Höllenfeuer und höre ab heute mit dem Saufen auf.‹ Wie gerne würde Ali diese Worte hören. Aber er weiß, dass dies nur ein frommer Wunsch bleiben wird. Er wird sein Blockhaus alleine bauen und bestaunen müssen. Und danach will er den Vater vom Alkohol befreien. Wie er das im Einzelnen anstellen soll, weiß er noch nicht, aber er will es unbedingt schaffen. Die hämischen Tratschweiber im Dorf werden dann endlich ihre Mäuler halten und Ali kann wieder stolz auf seinen Vater sein. Er stellt sich weiter vor, wie Vater und Sohn dann später mitten im Dorf das größte und schönste Haus aus Stein errichten. Dort darf dann der Herr Bürgermeister mit seiner alten Mutter wohnen. Es wird das erste Haus mit elektrischem Licht, und auch eine moderne Schule, in der der junge Lehrer sein Wissen weitergeben kann, wird dort untergebracht sein. Ali wünscht sich nichts mehr, als dass seine Träume in Erfüllung gehen.

Sie sind bereits den halben Tag unterwegs und legen eine kurze Rast ein, als Ali die Holzflöte, die er im Winter geschnitzt hat, aus seiner Tasche hervorholt. Später im Lager wird er nur seinen Tieren etwas vorspielen können. Er setzt das Mundstück an und spielt ein Lied, das er sich selbst ausgedacht hat: Damit wird er die Schafe beruhigen, sie sollen wissen, dass sie gut bei ihm aufgehoben sind und keine Angst haben müssen, weil er immer gut auf sie aufpassen wird. Er malt sich dabei aus, dass in sicherer Entfernung vielleicht auch wilde Tiere seinem Flötenspiel zuhören und Gefallen daran finden. Hoffentlich verlassen die Treiber das Lager nach getaner Arbeit so schnell wie möglich wieder.

Seit drei Tagen ist Ali nun mit seinen Tieren allein unterwegs. Die Nächte sind noch empfindlich kalt und er sehnt sich nach seinem gemütlichen Bett und Annes warmer Stube daheim. Im Gegensatz zu ihm hat sie keine Zeit, ihren Träumen nachzuhängen. Jetzt, wo er weg ist, muss sie wieder doppelt so viel arbeiten. Oft hat sie seine Hilfe abgelehnt, weil das ihrer Meinung nach Frauenarbeit sei. Aber Ali sieht das anders, auch wenn Vater ihr nie bei irgendetwas hilft. Umgekehrt hat der aber nichts dagegen, wenn seine Frau die Arbeiten eines Mannes tut. Offenbar ist das für die beiden normal. Eine Frau scheint nicht viele Rechte zu haben.

Manchmal fragt sich Ali, in was für einem Land er lebt. So vieles hier versteht er nicht. In der Schule hat er gelernt, dass es andere Länder gibt, in denen Frauen fast so viel dürfen wie Männer. Der Lehrer erzählt von Almanya, einem Land, das vor Kurzem noch Krieg geführt hat und jetzt alles besser machen will. Sein Anführer Konrad Adenauer soll ein weiser, alter Mann sein. Die Amerikaner und die Chinesen findet Ali nicht besonders gut, denn sie mischen sich überall ein und töten gerade in Korea wieder viele unschuldige Menschen. Von der Türkei hört er so etwas nicht. Es ist ein gutes Land, in dem er lebt. Er glaubt auch nicht, dass sein Land die Schuld daran trägt, dass Mutter so viel arbeiten muss. Anne sagt, es ist nur das alte Denken, dass der Mann über der unreinen Frau steht. Einer wie sein Vater Ahmet setze nur das fort, was ihm viele Generationen vorgelebt hätten.

Wenn Ali ein guter und angesehener Muslim sein will, wird auch er diese Tradition fortführen müssen. Aber will er das? Will er, sollte er eines Tages einmal selbst eine Frau besitzen, sie für sich schuften lassen, sie unterjochen, so wie sein Vater es mit Mutter tut? Wie es die meisten Männer im Dorf mit ihren Frauen tun, wenn man ihren prahlerischen Reden glauben kann? Reicht es nicht, einfach nur ein guter Mensch und gläubig zu sein?

Um Allah nahe zu sein, wird Ali den Koran lesen und den Koranunterricht besuchen. Das Lernen in der Schule war so schön, und wenn er eines hier oben in den Bergen vermisst, dann ist es – neben seiner Anne – ganz gewiss die Schule. Und außerdem ist er sich sicher, dass er später sowieso nicht die Gesellschaft einer Frau braucht. Er hat doch Ara. Die einzige Frau auf der Welt, auf die er niemals verzichten kann, ist seine Anne.

Die Einsamkeit umhüllt ihn und legt sich über ihn wie ein schützender Mantel. Fünf Monate ist Ali nun schon mit den Tieren allein. Er sitzt mit Ara in der Mittagssonne und plötzlich stellen sich ihre Nackenhaare auf und sie knurrt tief. Ali sieht sich um, kann aber nichts Beunruhigendes erkennen.

»Ruhig, Ara, ruhig«, sagt er und streichelt ihr Fell.

Aber sie will sich nicht geben und brummt weiter. Es dauert einige Zeit, bis er den Grund ihrer Aufregung begreift. Zwei Männer nähern sich dem Lager.

Als die beiden den Hund sehen, bleiben sie stehen. Ali möchte wissen, ob die Fremden in guter Absicht kommen, und stellt ihnen einige Fragen.

Der Eine rückt das geschulterte Gewehr zurecht, nimmt seinen Schlapphut ab und ruft: »Wir sind Jäger und wollen uns hier nur kurz ausruhen, wenn’s recht ist!«

»Wir wollen den Bären schießen, der im Tal etliche Schafe gerissen hat«, ergänzt der andere und hebt schief grinsend sein Gewehr in die Luft.

Ali bittet die Männer, Platz zu nehmen und bietet ihnen einen heißen Tee an.

»Wenn ihr wollt, könnt ihr für eine Nacht hier schlafen.«

Die Fremden nehmen dieses Angebot dankbar an, doch während sie sich unterhalten, muss Ara immer wieder beruhigt werden. Was ist los mit seiner Hündin? Will sie ihm etwas sagen? Sie scheint die Männer nicht zu mögen. Ali nimmt sich vor, ab jetzt genau darauf zu achten, wie sie sich den Fremden gegenüber verhält.

Am Abend sitzen Ali und die beiden Jäger am Lagerfeuer. Sie reden nicht viel, und trotzdem ist Ali froh, einmal nicht alleine zu sein. Er findet die Gesellschaft der wortkargen Männer interessant, denn er hat hier oben nicht viel Abwechslung. Nach einigen Fragen erzählen sie, dass sie mit ihren Familien hinter den Bergen in einer großen Stadt leben und im Tal zufällig von dem Bären erfahren haben. Doch die Jagd auf ihn scheint sie im Moment nicht so sehr zu interessieren, und am nächsten Morgen beschließen sie noch zu bleiben. Am dritten Abend trinkt Ali zum ersten Mal in seinem Leben ein Glas Raki mit Wasser, Aslan Sütü. Es ist die Löwenmilch, die auch sein Vater immer trinkt. Genau deshalb hat er sich zuerst noch dagegen gewehrt, aber die Männer haben gesagt, es sei unhöflich, wenn er nicht mit ihnen trinken würde. Schließlich hat er nachgegeben und sie haben sein Glas bis zum Rand vollgegossen.

In dieser Nacht schläft Ali sehr tief und fest. Am Morgen leckt Ara sein Gesicht. Er wacht auf und spürt, wie sein Schädel brummt. Ob das vom Raki kommt? Warum ist Ara hier? Sollte sie nicht bei der Herde wachen? Normalerweise verlässt sie ihren Platz niemals, wenn er ihr befiehlt, auf die Schafe aufzupassen. Als er aufsteht und sich umblickt, sieht er, dass die Männer weg sind. Sofort ist er hellwach, macht ein paar Schritte auf die Wiese zu – tatsächlich, sie sind nirgends zu sehen. Ihm schwant Böses, er geht zurück. Mit wenigen Blicken erfasst er, dass die Männer mindestens die Hälfte seiner Vorräte mitgenommen haben. Was sie tragen konnten, haben sie fortgeschleppt. In seiner Aufregung stolpert er über die leere Rakiflasche. Wütend nimmt er sie auf und donnert sie in die erloschene Feuerstelle. Die Männer sollen in tausend Teile zerspringen wie dieses Glas! Diese Schweine haben die anatolische Gastfreundschaft mit Füßen getreten. Sein erster Gedanke ist, die Halunken mit Ara zu verfolgen. Allerdings sind die Männer bewaffnet und er kann seine Herde nicht schutzlos zurücklassen. Das haben sie genau gewusst! Ali ist fassungslos. Nie mehr wird er fremden Menschen sein Vertrauen schenken. Die Diebe leben in der großen Stadt, die sich Afyon nennen soll. So haben sie es Ali erzählt, und er hat auf einmal große Zweifel, ob es eine solche Stadt überhaupt gibt. Sollte dies aber so sein, wird er die Männer eines Tages mit Ara aufspüren. Sie müssen ihm den Schaden unbedingt ersetzen. Vielleicht findet er sie aber auch nie, denn in dieser Stadt leben bestimmt mehr Menschen als die Schafe, die er hütet.

Als Ali im Herbst wieder ins Dorf zurückkommt, führt Vater ihn direkt in den Stall und zeigt stolz an die Decke.

»Meine Erfindung!«, ruft er. Eine scharf nach Raki stinkende Fahne schlägt Ali entgegen.

Was Ali aber dort oben im Dachgebälk entdeckt, lässt ihm vor Staunen den Mund offenstehen. Vater hat dort nebeneinander drei dicke Bohlen angebracht, an denen kurze, schwere Eisenketten hängen. Durch die letzten Glieder dieser Ketten hat er jeweils ein Seil geschlungen, die Säcke mit den Wintervorräten mit dieser Winde bis zur Decke hochgezogen und die losen Enden der Seile an Pflöcken im Boden festgebunden. Sicher vor Ratten und Mäusen hängen die Säcke mit Mehl, Reis, Bohnen und Mais hoch in der Luft. Ali ist in diesem Moment sehr stolz auf seinen Baba und lächelt ihm anerkennend entgegen.

Mit einem nicht zu deutenden Grinsen im Gesicht sagt Vater: »Auch dich kann ich daran aufhängen, wenn du nicht gehorchst.«

Ali weiß nicht, wie er reagieren soll und murmelt nur, dass sein Vater der Größte und Allmächtige ist.

Am Abend liegt Ali im Bett und wälzt seine Gedanken hin und her. Die Gedanken, die ihn schon den ganzen Sommer in den Bergen umgetrieben haben. Er glaubt, es ist jetzt wirklich an der Zeit, sich noch viel mehr Wissen anzueignen, und er würde gerne das ganze Jahr über die Schule besuchen. Aber das hieße für Ara – ja, was eigentlich? Ali ist mit der Hündin aufgewachsen, als Kind ist er auf ihr geritten. Sie beschützt ihn, als wäre er ihr eigenes Junges. Er verbringt neun Monate im Jahr Seite an Seite mit ihr, bei Wind und Wetter trotzen sie gemeinsam den Gefahren, gehen durch dick und dünn. Und wenn er nun nicht mehr der Hütejunge wäre? Was würde aus Ara? Vater ärgert sich nur über sie. Er hätte sie von Anfang an lieber als Treibhund eingesetzt, aber Ali hat ihm mehrfach erklärt, dass sie nun mal ein Wachhund ist, der zudem die Schafe ganz hervorragend beschützt. Und ihn noch mit dazu. Sie würde niemals grundlos einen Menschen anfallen. Sie ist so lieb und zartfühlend wie ein neugeborenes unschuldiges Lämmchen. Aber sie hört nun mal nur auf seinen Befehl. Wenn sie allerdings sich selbst, die Schafe und Ali verteidigen müsste, dann könnte auch seine Ara zur Bestie werden. Dies weiß auch Alis Vater. Er würde es niemals wagen, Ali im Beisein der Hündin ein Leid zuzufügen. Sie würde ihn auf der Stelle zerfleischen. Wenn Ali zu Hause ist, wagt es der alte Mann auch nicht, sich an seiner Frau zu vergreifen. Deshalb wird er auch jedes Mal froh sein, wenn Ali mit der Bestie aus dem Haus ist.

Während des Streits und auch nie mehr danach konnte Ali ihn von ihren Qualitäten überzeugen. Vater hat mehrfach betont, dass er sie sofort erschießt, sollte sie jemals einen Menschen anfallen. Und als Ali damals weitere Argumente für seine Hündin in die Waagschale werfen wollte, wurde Vater richtig zornig und hat zum Schluss geschworen, dass er sie eines Tages töten wird.

Hätte Ali seine Ara in dem Moment nicht zurückgehalten, wäre sie über den Vater hergefallen.

Alis Wunsch zu lernen ist über den Sommer zu groß geworden, als dass er ihn noch länger ignorieren könnte. Aber ist er dafür überhaupt geeignet? Wird er sich nicht irgendwann wieder so sehr nach der Freiheit in den Bergen sehnen, dass er die Idee mit der Schule eines Tages verflucht? Wenn er nun tatsächlich das ganze Jahr über zur Schule gehen will, muss sichergestellt sein, dass Ara bestens versorgt ist, am besten, indem sie hier bei ihm bleiben kann. Oder sich ein geeigneter Nachfolger für die Herde findet, mit dem sie zurechtkommt. Für die Suche will Ali den Winter nutzen. Gleich morgen wird er mit dem Bürgermeister darüber sprechen. Vielleicht hilft er ihm dabei.

Am nächsten Morgen hilft Ali seiner Mutter, die Kühe im Stall zu melken. Baba will, dass sie diese Arbeit tut, denn für ihn ist sie nicht besser als die anderen, die auf dem Hof arbeiten. Während er auf dem Melkschemel sitzt und die Milch rhythmisch aus dem warmen Euter in den Eimer fließt, erwähnt er betont beiläufig sein Vorhaben.

Sofort kommt sie zu ihm gerannt. So fröhlich hat Ali seine Anne schon lange nicht gesehen.

»Mein Junge, das ist ja großartig!« Sie beugt sich zu ihm herunter, umfasst sein Gesicht mit beiden Händen und küsst ihn auf die Stirn. »Ein Gehirn haben Mensch und Tier. Es aber zu benutzen, ist nicht jedem gegeben. Geh und lerne, denn du bist in der Lage dazu. Du bist so ein kluger Junge!«