Loklenker Stiel - Krone SK - E-Book

Loklenker Stiel E-Book

Krone SK

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Beschreibung

Loklenker Stiel ist eine Geschichte über anfängliche Heiterkeit, die sich immer mehr hin zu den dunkelsten Abgründen der Menschen bewegt. Ganz bewusst wollte ich den Gegensatz zwischen Humor und schlimmen Ereignissen in einem Werk zusammenfassen und denke, dass mir dies auch recht gut gelungen ist. Die Grundidee des Buches stammt von der novellistischen Studie "Bahnwärter Thiel" von Gerhart Hauptmann und hat diese als Vorbild für den Loklenker genommen. Trotzdem ist Loklenker Stiel als ein eigenes Werk, mit eigenen Handlungen und eigenen Charakteren anzusehen.

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EPUB
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Seitenzahl: 47

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Nachwort

Vorwort

Sicher erinnern sich noch viele an die Zeiten, in denen man im Deutschunterricht saß und gespannt, oder doch zumindest angespannt, den Worten des Lehrers oder der Lehrerin lauschte und er oder sie lang und breit über literarische Werke schwadronierte.

Oftmals kam es dann dazu, dass die vereinigte Schülerschaft einzelne Abschnitte oder gar ein komplettes Buch interpretieren musste, wobei dabei nicht die Eigeninterpretation, sondern die Interpretation des Lehrers bzw. die, die er oder sie gern hören wollte, ausschlaggebend war. Besonders beliebt waren dafür literarische Ergüsse, die sich wie ein alter Kaugummi hinzogen und so selbst den Mathematikunterricht paradiesisch wirken ließen.

Mein persönliches Waterloo unter den zu interpretierenden Werken ist dabei die novellistische Studie „Bahnwärter Thiel“ von Gerhart Hauptmann – weniger deshalb, weil das Werk zu schwer durchschaubar gewesen wäre, sondern vielmehr, weil sich die Geschichte des Bahnwärters wie ein schlechter Film in bestimmten Szenarien verliert. Und eben diese Szenarien sind es, die Hauptmanns Geschichte für Lehrer so anziehend machen, während sich die Schüler frustriert von der Literatur abwenden.

Doch eben diese Faktoren brachten mich auf die Idee einer Neuinterpretation des Bahnwärters. Mein Ziel dabei war die Verknüpfung zwischen Hauptmanns Naturalismus und dem modernen Verständnis von Literatur – einerseits gut verständlich und mit viel Humor, andererseits tiefgründig und anregend. Das Ergebnis nennt sich Loklenker Stiel.

Zwar diente Gerhart Hauptmanns „Bahnwärter Thiel“ als Vorbild und auch als Fundament, doch ist Loklenker Stiel als eigenes Werk, mit eigenen Handlungen und eigenen Charakteren, anzusehen.

Es ist also nicht zwingend erforderlich, Hauptmanns Geschichte zu kennen, sie gelesen oder interpretiert zu haben, um die Geschichte des Loklenkers nachvollziehen zu können, da ausschließlich der Grundgedanke diese beiden Werke miteinander verbindet.

Doch genug der langen Vorrede. Nun beginnt eine Reise in eine Welt voll witziger Gedanken und finsterster Abgründe.

Kapitel 1

Jeden Sonntag, egal, zu welcher Tag- oder Nachtzeit, wobei es sich in den Nachtzeiten doch als einigermaßen schwierig herausstellte, saß der nie krank werdende Loklenker Stiel in der Kirche von Apen im Ammerland. Nun ja, es gab da schon manch-sonntägliche Ausnahmen, beispielsweise, wenn Stiel Dienst hatte oder vielleicht doch einmal krank wurde. Ob letzteres je geschah ist aber ein Mysterium. Man munkelte, dass er zweimal, in zehn Jahren, einer Krankheit Opfergaben erbringen musste. Einmal durch eine Birne, die ihm aus einem vorbeifahrenden Zug vor den Kopf flog, und das andere Mal durch ungeschickte Manöver im halbgeistigen Zustand der Trunkenheit. Doch man kennt das ja: manchmal sind es nur Gerüchte, wobei die Stiege Wein am Loklenkerhäuschen eine eigene Sprache sprach.

Manch einer fragte auch schon, was denn ein Loklenker überhaupt sei. Und manch anderer nahm sogar an, dass dies überhaupt keine Berufsbezeichnung sei. Auch wenn dem so wäre, so würde ein Loklenker trotzdem eine Schranke verwalten und den Zügen zuwinken. Und an ganz spannenden Tagen durfte er sogar die Weichen der Gleise umstellen und damit indirekt die Züge lenken. Und da Zug ja nur das moderne Wort für Lok ist, ergibt sich daraus Loklenker. Das ist nicht nur praktisch, sondern auch im Ansatz kreativ.

Die ersten fünf Jahre seines abwechslungsreichen Berufes musste er den Weg von Apen bis zum Bahnübergangsposten Holtgast allein bewältigen. Das machte Stiel aber nicht sonderlich viel aus, denn er wusste, dass nicht jeder Zug einen Schaffner haben kann, da in Zeiten besonderer Durststrecken ein Fachkräftemangel durchaus vorkommen konnte.

Doch dann, eines schönen, monotonen Tages, zeigte der gesellschaftliche Wandel seine andere Fratze und schenkte Stiel eine schöne, wenn auch schmächtige Blondine, die, so sagten manche Zeitgenossen von Welt, nur mit viel Phantasie zu seiner etwas robusteren Gestalt passte. Und so kam es, trotz der äußerst objektiven Meinungen seiner wissbegierigen Mitmenschen, zur Hochzeit, die natürlich in der Kirche zu Apen, zur großen Abwechslung an einem Sonntag, stattfand.

Zwei Jahre lang saß die detailreich beschriebene Frau nun zusammen mit Stiel jeden Sonntag in der Kirche. Dann war sie weg, der Loklenker jedoch nicht. Denn eine Woche vor dem nicht genau definierten Datum läuteten Glocken, jedoch keine Hochzeitsglocken, sondern die natürliche Reaktion darauf: Todesglocken. Die schmächtige Frau, mit der wir so viel Zeit verbrachten, war gestorben.

Dem Lenker der Loks schien dies, zumindest äußerlich, möchte man den Marktschreiern von Apen Glauben schenken, jedoch nicht sonderlich viel auszumachen. Denn es blieb bei ihm alles wie gehabt: ein akkurat gekämmter Scheitel, die Uniform der Bahn, pflichtbewusst geknöpft bis an die Luftröhre, war sauberer denn je. Die einzige Neuheit war, dass er seinen Kopf leicht senkte, bevor er in der Kirche anfing zu singen, den Ton nur halbherzig treffend, aber dafür aus voller, vom Knopf bedeckter Kehle. Und aus diesem Grund beschloss das allwissende Volk des Dorfes Apen, dass Stiel seine Frau nicht vermisse. Die Bekräftigung dieses, in göttlicher Weisheit, tadellos gefällten Urteils erhielt die hiesige Bevölkerung dadurch, dass der Loklenker nur ein Jahr nach dem Tod seiner Frau mit einer neuen Dame, einer kräftigen und angerundeten Metzgermeisterin aus Buxtehude, vor dem Altar stand. Selbst Pfarrer Pfaffe fragte liebevoll, und keinesfalls aufdringlich, nach den Gründen von Stiels unsäglichem Verhalten, als dieser seine neue Hochzeit anmeldete:

“Jetzt mal im Ernst, Stiel, haben Sie es wirklich so nötig?”

“Naja, es ist wie nach einem Betriebsunfall. Der Schaden muss ersetzt werden!”

“Das klingt einleuchtend und im Sinne der Kirche. Aber selbst die Inquisition hat sich manchmal ausgeruht.”

“Mein Junge ist aber zurzeit maximal ein Inquisitiönchen und braucht Führung!”

Stiels erste Frau hatte nämlich ein Kindlein zur Welt gebracht, aber dieses belanglose Detail muss erst an dieser Stelle beiläufig erwähnt werden. Und wenn wir schon von belanglosen Details sprechen: das Kind trug den Namen Olaf.