Lolas Entscheidung - Sloane Crosley - E-Book
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Sloane Crosley

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Beschreibung

New York City, Chinatown. Die frisch verlobte Lola ist mit ihren Kollegen unterwegs und wollte eigentlich nur schnell Zigaretten holen gehen, als sie von einer »zufälligen« Begegnung mit einem Ex-Freund in ihre Vergangenheit katapultiert wird. Am nächsten Abend trifft sie an der gleichen Stelle wieder auf einen Ex-Freund. Und dann auf noch einen. Plötzlich scheint die Stadt überflutet mit den Geistern von vergangenem Herzschmerz. Ist das alles noch Zufall?
Eigentlich kümmert Lola das alles nicht mehr, denn sie hat den perfekten Mann gefunden. Oder vielleicht doch nicht? Denn die Begegnungen rühren vergangene Verletzungen auf und lassen sie nicht los, genau wie das Gefühl, dass ihr ehemaliger Chef, nun bester Freund und mittlerweile mystischer Guru, ein zu großes Interesse an dem Ergebnis ihrer Reise in die Vergangenheit haben könnte ...

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Veröffentlichungsjahr: 2023

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INHALT

» Über die Autorin

» Über das Buch

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» Impressum

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» www.keinundaber.ch

ÜBER DIE AUTORIN

Sloane Crosley ist die Autorin der Essaybände und New York Times-Bestseller I Was Told There'd Be Cake (Finalist des Thurber Prize) und How Did You Get This Number. Sie schreibt für die New York Times und ist Redakteurin bei Vanity Fair. Ihr neuester Roman, Cult Classic, ist ihr erstes Buch, das auf Deutsch erscheint. Ihr nächster Essayband, Grief is for People, wird 2024 veröffentlicht und erscheint ebenfalls bei Kein & Aber. Sloane Crosley lebt in Manhattan.

ÜBER DAS BUCH

New York City, Chinatown: Die frisch verlobte Lola ist mit ihren ehemaligen Arbeitskollegen – unter anderem mit ihrem ehemaligen Chef, der gleichzeitig ihr bester Freund ist – bei einem ihrer traditionellen Abendessen und wollte eigentlich nur schnell Zigaretten holen, als sie durch eine »zufällige« Begegnung mit einem Ex-Freund in ihre Vergangenheit katapultiert wird. Am nächsten Abend trifft sie an der gleichen Stelle wieder auf einen Ex-Freund. Und dann auf noch einen. Plötzlich scheint die Stadt überflutet mit den Geistern von vergangenem Herzschmerz. Ist das noch Zufall? Eigentlich kümmert Lola das alles nicht mehr, denn sie hat den perfekten Mann gefunden. Oder vielleicht doch nicht? Denn die Begegnungen mit den Verflossenen reißen alte Wunden auf und lassen sie nicht los, genau wie das Gefühl, dass ihr ehemaliger Chef – nun mittlerweile mystischer Guru – ein zu großes Interesse an dem Ergebnis ihrer Reise in die Vergangenheit haben könnte …

 

Für die Männer.Für einige unter den Männern.

Es gibt nur einen Ort außer dem Himmel, wo wir vorallen Gefahren und Wirrungen der Liebe vollkommensicher sind: die Hölle.

c. s. lewis

Die Hölle, das sind die anderen.

sartre

PROLOG

Unter den Toten gibt es eine Art Glücksspiel. Jede Woche nehmen sie an einer Lotterie teil. Sie halten Lose in ihren staubigen, knöchernen Fingern und schleichen sich damit an einen Hut heran. Dieser steht auf einem kleinen Tisch mitten auf dem Hauptplatz ihres jeweiligen Wohnviertels. Sie strecken ihre Arme aus wie die Klauen eines Greifautomaten und lassen ihre Zettel in den Hut fallen. Die Hüte werden dann von einem besonders gespenstischen bürokratischen Angestellten eingesammelt, und ihr Inhalt wird in eine sich drehende Kugel geleert, deren Standort geheim ist. Wieder zu Hause schalten die Toten ihre Fernsehgeräte ein oder schließen die Telefone oder AM/FM-Radios an, je nachdem, in welcher Ära sie gestorben sind. Dann warten sie. Anfänglich gab es eine Debatte darüber, ob die Lotterie live übertragen werden sollte. Die Bedenken hatten mit den Zeitzonen zu tun. Im Jenseits sind Tag und Nacht identisch mit den irdischen Zeiten. Es schien unfair, dass jeder jemals verblichene Japaner bei Bekanntgabe der Ergebnisse schlafen würde. Schließlich befand man es jedoch für sinnvoller, überhaupt einen Zeitpunkt auszuwählen, als völlig darauf zu verzichten.

Der Hauptgewinn der Lotterie besteht in der Chance, für genau drei Minuten noch einmal unter den Lebenden zu weilen. In drei Minuten kann man wenig ausrichten (abgesehen von Mord, wie man so hört), aber mehr als das ist ihnen nun mal nicht gestattet. Was vermutlich auch erklärt, warum jeder Spuk und jede Geistersichtung der Geschichte ungefähr genau diese Zeitspanne dauert. Geister unternehmen keine Roadtrips. Sie warten nicht mit dir in der Schlange im Supermarkt oder schauen dir beim Fernsehen über die Schulter. Natürlich versuchen immer wieder einige, ihr Zeitbudget auszudehnen. Das sind solche Geister, die, als sie noch Menschen waren, in Umkleidekabinen schlenderten und Hosen in einem Tempo anprobierten, als hätte sie es vorher noch nie mit Hosen zu tun gehabt. Doch solche werden rasch wieder zurückzitiert. Obendrein wird ihnen auf alle Ewigkeit die Teilnahme an der Lotterie verweigert. Eine vernichtende Strafe. Trotzdem bedeutet ihnen die Gelegenheit, eine rissige Zimmerdecke anzustarren, sich die Hände zu waschen, den Tisch zu decken oder ihr Zimmer aufzuräumen, so viel, dass sie dafür alles riskieren. Sie vermissen die Teilnahme an diesen kleinen Alltagsdingen so heftig, dass die Sehnsucht danach sie über alle Maßen verzehrt.

Diese Geschichte tischte Clive Glenns Mutter ihm immer dann auf, wenn er sich über Langeweile beklagte.

Ich denke in letzter Zeit oft über diese Geschichte nach, was seltsam ist, denn Clive hat mir seitdem noch reichlich anderen Stoff zum Nachdenken gegeben. Sie fungiert zwar eher als lustige Anekdote denn als ernst zu nehmende Lektion, aber ein Aspekt der Geschichte hat sich bei ihm festgesetzt, vermutlich der falsche. Das hat die Kindheit nun mal so an sich. Deine Eltern packen dir einen Koffer voller pädagogischer Weisheiten, und wenn du erwachsen bist, stellt sich heraus, dass das meiste davon unnützer Ballast ist. Man muss ausmisten und seinen eigenen Koffer packen. Ich erinnere mich an den Tag, an dem Clive ganz ernsthaft von dieser parallelen Geisterwelt erzählte, und ich glaubte, er wolle sich darüber lustig machen. Aber nein, in Wahrheit legte er ein Geständnis ab. Damals kam mir zum ersten Mal der Verdacht, dass bei ihm etwas nicht in Ordnung war. Und zwar ganz und gar nicht in Ordnung. Trotz all unserer Gemeinsamkeiten an der Oberfläche tummelte sich in Clives Abgründen eine ganze Schar einäugiger Tiefseekreaturen.

Es war an einem Freitagnachmittag. Wir saßen um den Konferenztisch, auf den Kanten der ergonomischen Stühle, vor uns die halb leeren Plastikschüsseln mit Salat, erhitzt von urbanen Sonnenstrahlen. In der Mitte lagen die unberührten Servietten des Lieferdienstes. Zunächst gingen wir davon aus, Clive betrachte die verrückten Erziehungspraktiken seiner Mutter als Unterhaltungsstoff für die Lunchpause. Aber nein, er wollte die Idee ernsthaft diskutieren. Ob wir es für möglich hielten, dass das Totenreich tatsächlich so funktionierte? Dass unsere Existenz auf diese Weise in unterschiedlichen Ebenen strukturiert war? Er forderte uns auf, über den Tellerrand zu schauen, hinter die »Naturwissenschaften«, und uns zu fragen, was jenseits davon möglich war.

Aber wir waren nicht in der Lage, uns solchen Fragen zu stellen, geschweige denn, darauf zu antworten. Wir waren jung und arm und aßen im Büro zu Mittag, damit wir nicht selbst dafür zahlen mussten, da der Lieferservice bei uns inbegriffen war. Wir kramten nach passenden Gesprächsstoffen. Vadis hatte eine Tante, die mal einen Exorzisten angeheuert hatte. Zach besaß einen Toaster, der sich mitten in der Nacht von selbst einschaltete. War das nicht gruselig? Clive verabschiedete sich unter dem Vorwand, einen Anruf machen zu müssen.

Ich hatte gehofft, damit wäre die Sache erledigt. Aber als wir am nächsten Tag aus einer Redaktionssitzung kamen, hielt Clive mich auf und erzählte mir, wie er einmal im Gebäude einen Geist gesehen hatte. Unser Magazin war seit mehr als einem Jahrzehnt in diesem Gebäude untergebracht. Vor uns war hier eine Branding-Agentur, vor ihnen Werbeleute, davor ein Berlitz-Sprachzentrum und ganz früher ein Pan-Am-Callcenter. Wirklich, es hätte jeder sein können, der hier durch die Hallen spukte. Es sei keine Gestalt gewesen, stellte Clive richtig, sondern viel eher »ein Schatten, der sich eigenständig bewegte«. Konnte ich glauben, dass irgendein armer Trottel seine Auszeit von der ewigen Verdammnis genutzt hatte, um die blinkende Toner-LED an unserem Kopierer anzuglotzen? Ich schüttelte den Kopf. Was ich hingegen nicht glauben konnte, war, dass wir dieses Gespräch führten.

Der Schatten, fuhr er unaufgefordert fort, erinnere uns an etwas, das jenseits der gewohnten Bahnen unseres Denkens liege. An eine Welt, die trotz unserer Skepsis und unserer mentalen Scheuklappen nicht weniger schlüssig und real sei.

»Mystik«, schloss er, »ist für ihre Anhänger ebenso logisch wie Mathematik.«

Ich blinzelte und wartete, ob er noch etwas hinzufügen würde. Tat er aber nicht. »Willst du mich verscheißern mit diesem Quatsch?«

An diesem Punkt sollte ich wohl erwähnen, dass besagtes Magazin, bei dem Clive elf Jahre Chefredakteur und ich neun Jahre lang seine Stellvertreterin war, Modern Psychology hieß. Also eine wissenschaftliche Fachzeitschrift, vielleicht eine der ältesten und renommiertesten des Landes, wenn nicht der Welt. Wir waren die Schwellenwächter des Berufsstands, wir entschieden über die Relevanz von Forschungsergebnissen, waren die Entzauberer von Mythen. Daher war ich für diese Art von Gesprächen nicht ausgebildet, schon gar nicht von meinem Mentor, einem von wissenschaftlicher Logik und Whiskey beseelten Mann. Ich fühlte mich von seinem Hang zum Okkulten verraten, so wie er sich durch mein schnelles Urteil. Schon bald begann er mich zu meiden, entzog mir sein Vertrauen, flüsterte in meiner Anwesenheit ins Telefon, fehlte ohne jede Vorankündigung bei der Arbeit. Auch unsere Kolleginnen und Kollegen setzte er darüber nie in Kenntnis. Wann immer etwas von oben abgenickt werden musste, fragten sie mich nach Clive. Wohin er verschwunden sei. Oder wann er wieder da wäre. Immer kamen sie zu mir. Aber ich hatte keine Ahnung.

Das war, bevor das Magazin den Bach runterging, genau wie die gesamte Printmedienlandschaft, und wir uns alle neu orientieren mussten.

Und jetzt? Nun, nichts weiter, Clive. Jetzt bist du tot.

Ich sage es dir nur ungern, aber das Leben auf Erden ist auch ohne dich weitergegangen. All deine Machenschaften haben die gewohnten menschlichen Sichtweisen nicht großartig verändert. Gefühle lassen sich nicht durch äußere Manipulationen kaufen oder heilen. Die Menschen sind nicht deine Marionetten. Aber falls es dich tröstet: Ich bin nicht mehr dieselbe. Nicht nach allem, was du mir angetan hast. Zum Beispiel glaube ich nicht mehr an Zufälle. Oft habe ich das Gefühl, jemand würde mir hinter der nächsten Ecke auflauern, und dieses Gefühl ist so stark, dass ich dann in die entgegengesetzte Richtung gehe. In Menschenmengen bin ich immer angespannt, was nichts Außergewöhnliches ist, aber auch der Rückzug in die Einsamkeit kann eine trügerische Falle sein. Beim Einschlafen regt sich eine nicht unbedingt wohlwollende Energie hinter meinen Augenlidern. Als könnte ich den Mechanismus eines Vorhangs hören, der zugezogen wird. Und falls es dir hilft: Es tut mir leid. Es ist nicht leicht das zuzugeben, angesichts der vielen Zeit, die ich darauf verschwendet habe, mich von dir ungerecht behandelt zu fühlen. Aber ich nehme an, der Tod ist ein ultimatives Gleitgel für die Wahrheit. Du warst einmal mein Freund, und es tut mir leid, dass ich nicht mehr Verständnis für dich aufgebracht habe, als es noch möglich gewesen wäre. Ich bin auf meine Projektionen hereingefallen und habe die Person dahinter vernachlässigt. Ich wünschte, ich hätte dir an jenem Tag im Konferenzraum besser zugehört. Du wolltest uns erklären, dass jeder von uns, so wie die Toten, alles riskieren würde – Geld, Vernunft, Sicherheit – für eine klitzekleine Chance, in die Vergangenheit zurückzukehren, um unsere Entscheidungen besser zu verstehen, das heillose Durcheinander, das wir sind. Falls es dir also hilft, Clive: Ich glaube, dass du jetzt gerade da draußen bist, deinen Namen auf einen Loszettel kritzelst und geduldig darauf wartest, bis du an der Reihe bist. Das glaube ich wirklich. Falls es dir hilft: Ich weiß, dass du mich verdammt noch mal hören kannst.

1

Unser Dinner in Chinatown plätscherte so vor sich hin, also stand ich auf, um Zigaretten zu holen. Einfach um mich zu beschäftigen, weniger um ein Verlangen zu befriedigen. Es sei denn, man betrachtet den Wunsch nach einem Moment Ruhe vor anderen Menschen als Verlangen. Ich bin Nichtraucherin, zumindest offiziell. Die meisten meiner Freunde würden sich wundern, mich mit einer Zigarette zu sehen. Ich rauche sie auch nie zu Ende, sondern hinterlasse eine Spur langer weißer Kippen. Manchmal frage ich mich, wie andere diese Spuren abgebrochenen Genusses deuten, abgesehen davon, dass sie sie als Müll wahrnehmen. Ich fantasiere über ihre Fantasien: Limousinen, die früher als erwartet eintreffen, um mich zu einem glamourösen Ereignis zu bringen. Manchmal wird es auch düsterer. Eine Entführung, ein Lieferwagen, Männer mit Skimasken, die mich auf die Ladefläche stoßen und die Tür hinter mir zuschlagen. Die Speichelspuren auf dem Filter – damit werden sie mich identifizieren. Aber die Unwahrscheinlichkeit, in Downtown Manhattan von der Straße gezerrt zu werden, lässt mich diese Idee rasch wieder verwerfen. Obwohl das immer noch besser wäre als Rauchen.

»Welche Sorte?«, fragte Vadis und löste sich allzu bereitwillig von Zach.

Ihr Gesicht war gerötet. Energisch stütze sie einen Ellbogen auf den Tisch und erzeugte ein kleines Seebeben in ihrem Weinglas. Goldene Armreifen klimperten ihren Arm hinab, lieferten sich eine Verfolgungsjagd, bis sie sich unten wieder vereinten. Zach griff nach seinem Handy, als wäre auch er von etwas abgelenkt worden.

»Die mit dem Nikotin drin.«

»Oh«, sagte sie, irgendwie enttäuscht.

Welche Sorte. Was für eine sinnlose Frage. Zigaretten unterscheiden sich nicht wirklich, außerdem rauchte Vadis nicht. Allerdings strotzte sie immer schon vor sinnlosen Fragen. Etwa wenn sie wissen wollte, wann Sitzungen begannen, zu denen sie gar nicht gebeten war, oder ob ich die Kontaktdaten eines längst verstorbenen Psychiaters hätte, ob B. F. Skinner Haustiere besessen hätte, ob »wir« einen Standpunkt zu diesem Feature über emotionale Intelligenz hätten, ob ich zufällig doppelseitiges Klebeband hätte. Wer bitte, in der Geschichte der Menschheit, hatte jemals zufällig doppelseitiges Klebeband vorrätig? Wenn ich ihr dann erklärte, ich könne ihr leider nicht helfen, seufzte sie über meinen Schreibtisch hinweg und trommelte mit ihren aristokratischen Fingern auf meinem Monitor, als ob ihr Verharren eine günstigere Antwort heraufbeschwören könnte. Je länger sie dastand, desto beleidigender wurde ihre Anwesenheit. Es war Vadis’ Art zu suggerieren, sie kenne die Gedanken anderer Menschen besser als diese selbst.

»Ich habe mal einen Artikel in Harper’s gelesen«, bemerkte Zach, der immer noch auf sein Display starrte, »über Leute, die auf Ambien allen möglichen Scheiß bauen. Sie sind in der Zimmerecke aufgewacht oder haben ihre Unterwäsche gekocht. Diese eine Frau hat ihre Zigaretten mit Butter bestrichen und dann gegessen.«

»Harper’s hat so was veröffentlicht?«, fragte ich.

»Irgendwo«, sagte er. »Als mahnendes Exempel.«

»Das ist keine Geschichte über Zigaretten«, korrigierte ihn Vadis und fuhr sich mit gespreizten Fingern durchs Haar, »es ist eine Geschichte über Ambien.«

»Oder über Butter«, bot ich an.

»Es ist eine Geschichte über die Vereinigung von Begehren.«

»Sag nicht Begehren«, rügte sie ihn.

»Also eine Orgie der Laster.«

Sie sah ihn streng an.

»Sag bloß nicht ›Orgie‹.«

»Wahrscheinlich hat die Frau die Pillen in Butter zerkleinert und die Zigaretten dann darin gewälzt«, murmelte Zach.

»Was?!«, zischte Vadis.

»Wie einen mexikanischen Maiskolben.«

»Keiner kapiert, wovon du redest.«

»Lola schon.«

»Lasst mich bitte aus dem Spiel, ja?«, sagte ich.

Wie war es dazu gekommen, dass ich mich mit solchen Leuten umgab? Ich hatte doch andere Freunde vor ihnen gehabt, oder nicht? Es war schwer, sich daran zu erinnern. Die Auflösung von Modern Psychology war wie ein Startschuss gewesen, in dessen Folge wir uns in verschiedene Ecken des beruflichen Universums zerstreut hatten. Vadis ging zu einem von einer Prominenten geführten »Bettwaren und Lifestyle«-Unternehmen (die willkürliche Abgrenzung zwischen »Bettwaren« und »Lifestyle« amüsierte uns alle). Dort organisierte sie Events und produzierte Content (Blogbeiträge mit Überschriften wie »Bei uns reißt der Faden nicht ab« und »Badebomben, die in Stille detonieren«). Häufig klagte sie über ihre flatterhafte, ungestüme und anmaßende Chefin – Eigenschaften, die ich durchaus mit Vadis selbst in Verbindung brachte. Daher war es schwer einzuschätzen, ob die Promi-Frau das Problem darstellte, oder Vadis es in Wahrheit nicht gewohnt war, sich mit ihrem Spiegelbild auseinanderzusetzen.

Zach landete in der PR-Abteilung einer Headhunter-Agentur. Deren Gedanke war wohl gewesen: Wenn Modern Psychology, das weltweit führende Psychologiemagazin, Zach eingestellt hatte, musste er ein guter Menschenkenner sein. Er musste zweifellos ein Gespür für die Bedürfnisse der Leute besitzen. Als sie ihn feuerten, führten sie als Grund eine Persönlichkeitsstörung an. Dass sie sechs Monate gebraucht hatten, um zu diesem Schluss zu kommen, war alarmierend. Eigentlich hätte Zach es als Ruhmesblatt verbuchen können, von diesem Laden gefeuert worden zu sein. Doch ein arbeitsloser Headhunter war natürlich ein wandelnder Witz, und das fand nicht einmal er lustig. Desillusioniert von den amerikanischen Unternehmen und der »Korruption der Medien«, entschied er sich für etwas Handfesteres. Anstatt sich mit einem »nebulösen Faksimile« von Kultur zufriedenzugeben, trat er in die Gig Economy ein. Er lieferte Arzneimittel aus, baute Bücherregale, bohrte Löcher in die Wände von Hochschulabsolventen mit zwei linken Daumen und holte Hundemedikamente für alte Damen ab. Er meinte, er hätte es vorgezogen, für die Hunde selbst zu arbeiten.

Von Clives Protegés blieb nur ich auf Kurs. Oder zumindest nahe am Kurs. Ich leitete den Kunst- und Kulturteil einer Webseite namens Radio New York, dem Lieblingsprojekt eines Risikokapitalgebers, der uns weitgehend freie Hand ließ. Ich lieferte mundgerechte Nostalgie in Form von Listen beliebter Bücher, Filme und Podcasts, ich gab Essays über beliebte Bücher, Filme oder Podcasts in Auftrag, oder ich schrieb Kommentare zu Essays über beliebte Bücher, Filme oder Podcasts. Es war gewissermaßen der Lloyd-Dobler-Albtraum des neuen Millenniums. Radio New York brachte alles auf gängiges Format. Die Kultur der Quoten und Reviews war für einige schwierig (für mich) und für andere eine Selbstverständlichkeit (für jeden unter fünfunddreißig). Aber zumindest war hier das Gespenst des Niedergangs der Medien weniger bedrohlich als bei Modern Psychology, dessen Niedergang irgendwann viel mehr Bedeutung beigemessen wurde, als das Magazin je hatte. In der neuen Medienlandschaft waren Abbau und Kürzungen Teil des Deals. Wie wenn man als Stuntdouble arbeitet: Wahrscheinlich passiert dir nicht gleich was Schlimmes, aber eines Tages wirst du damit rechnen müssen.

»Ist noch was von dem pikanten Blumenkohlzeugs übrig?«, fragte Vadis und spähte auf dem Tisch umher.

Der Tisch war eindeutig abgeräumt und alle Gerichte waren durch Dessert-Speisekarten ersetzt worden.

»Ich mache mir manchmal Sorgen um dich«, sagte Zach.

»Mach dir lieber welche um dich«, sagte sie und tätschelte ihm die Wange.

Sein Kopf zuckte leicht zurück, offenbar unsicher, ob es sich um die ersehnte liebevolle Zuwendung handelte.

Ich tastete nach meiner Jacke auf der Rücklehne meines Stuhls. Eine dünne Armeejacke, leicht entflammbar, mehr modisches Statement als von echtem Gebrauchswert. Zur Not würde ich sie als Kollateralschaden hier zurücklassen.

Zu Beginn waren diese Dinner eine Rettungsleine in die Vergangenheit. Ins Leben gerufen hatte sie Clive Glenn, unser ehemaliger König, womit er den Eindruck von wenn auch beschnittener Führungsstärke vermittelte. Das war es, wonach wir uns sehnten und was wir verloren hatten. Es hatte eine Zeit gegeben, in der wir jeden Augenblick des Tages miteinander verbracht und über Artikel wie »Produktive Auseinandersetzungen mit Kollegen« debattiert hatten. Wir hatten Schiffbruch an den Zeitschriftenkiosken erlitten, waren aber von Arztpraxen am Leben erhalten worden, die es uns erlaubten, pro Exemplar sage und schreibe 17,5 Leser angeben zu können. Wir waren nicht zu den coolen Partys eingeladen worden (außer manchmal Vadis), zu den ausufernden Twitter-Schlachten (außer oft Zach) oder zu den Diskussionsrunden im Fernsehen (außer gegen Ende Clive). Aber wir zahlten nur niedrige Krankenversicherungsbeiträge, und wir konnten unseren gegenseitigen Anblick ertragen.

Doch leider waren auch wir von der geschrumpften Aufmerksamkeitsspanne der Amerikaner nicht verschont geblieben. Die Werbetreibenden hatten die Nutzlosigkeit der Zeitschriftenwerbung erkannt, selbst bei einem klar umrissenen Zielpublikum wie unserem. Printanzeigen seien so, als würde man »Perlen in ein Fass ohne Boden werfen«, meinte ein Kundenvertreter, eine Katachrese, über die wir lange witzelten: so als würde man Perlen in ein Fass ohne Boden schmeißen, wenn man Hopfen und Malz zum Fenster rauswerfe. Aber im Endeffekt führte es dazu, dass wir unser Erscheinen von monatlich auf zweimonatlich, von zweimonatlich auf vierteljährlich, von vierteljährlich auf nur online, von nur online auf Newsletter, von Newsletter auf Schall und Rauch umstellten.

Nur Clive ging aus dieser Erfahrung irgendwie aufgewertet hervor. Nicht unbeschadet, so wie ich, die bis zu einer neuen Festanstellung bei einer Medien-Gastfamilie untergebracht wurde. Aufgewertet. Bereits als sein Name noch das Impressum krönte, hatte er begonnen, sich der lästigen Geschäftsführungsaufgaben des Magazins zu entledigen und sich zu einem vollwertigen Psychoguru zu entwickeln. Er schrieb das Vorwort zu einer Anthologie über psychischen Schmerz. Er erfand ein Trinkspiel, das sich über die klinische Diagnose von Alkoholabhängigkeit lustig machte und das er auf exklusiven Dinnerpartys mit Prominenten spielte, die Videos davon auf ihren privaten Social-Media-Accounts posteten. Als die Videos öffentlich wurden, entschuldigte er sich für seine Gefühllosigkeit, was ihm einen Auftritt bei National Public Radio einbrachte. Eine Zeit lang bekam er sogar seine eigene Talkshow. Tragetaschen mit der Silhouette seines Kopfes darauf kamen in Umlauf. Seine Honorare für Vorträge stiegen ins Astronomische. Aber selbst bei Clive, mit seinen Brain-Wise™-Meditationskits und schicken Freunden, selbst bei Clive hatte ich nie das Gefühl, einer von uns sei alleine so glücklich, wie wir es zusammen gewesen waren.

Deshalb fürchtete ich, so widersinnig es klingt, diese Abendessen.

Wir trugen unser früheres Ich vor dem Hintergrund des jetzigen zur Schau. Wir hatten uns zu sehr voneinander entfernt, waren ängstlich darauf bedacht, die Kluft zu überbrücken. Wir hakten Gesprächsthemen ab, als würden wir ein Auto inspizieren. Wie gehts der Familie? Im Job? Bei der Wohnungssuche? Als ob tiefere Erkundigungen einen Krater der Traurigkeit aufreißen könnten, aus dem wir nie wieder auftauchen würden. In einem indischen Restaurant beobachtete ich Zach einmal dabei, wie er mürrisch Käsewürfel aus seinem Saag Paneer herauspickte. Warum hatte er es überhaupt bestellt? Offenbar hatte er eine masochistische Beziehung zu Milchprodukten. Ich fragte ihn nach seinen Plänen für den Sommer.

»Lola«, sagte er und verzog das Gesicht, »versuchst du etwa, Konversation zu betreiben?«

Wir hassten es, diese Fragen zu stellen. Außerdem kannte ich bereits alle Antworten. So etwa wusste ich alles über Clives Immobilienjagd. Er hatte in meinem zunehmend gentrifizierten Viertel ein Gebäude entkernen lassen, ein Duplex-Penthouse mit Fußbodenheizung im Bad und mit zwei Terrassen, von denen eine sogar über zwei Seiten hinweg im Mittelteil eines Designmagazins prangte. Die Anlage war konzipiert für kinderlose Männer, die sich früh und ohne Konsequenzen hatten scheiden lassen, Männer, die mit fünfzig noch jung waren. Clive lebte jetzt mit seiner Freundin zusammen, einer Giraffe namens Chantal, mit so dünnen Schenkeln, dass wahrscheinlich Vögel sie für Äste hielten und sich daraufsetzten. Nach wie vor war er der Poster-Boy für New Yorker Geschiedene, für das Sammeln harmloser Kunst und das Bezirzen von Frauen, die halb so alt waren wie er, indem er Linguine für sie kochte. Manchmal entdeckte ich ihn auf dem Subway-Bahnsteig und verbarg mich rasch. Nichts, worauf ich stolz war. Aber ich war einfach nie in der richtigen Gemütsverfassung, um Clive zu begegnen.

Und doch war da immer die Versuchung, einen Fremden anzuquatschen, auf Clive zu deuten und zu flüstern: »Fragen Sie mich alles über diesen Mann da drüben.«

»Lola verlässt uns schon?«, grölte Clive von seinem Ende des Tischs.

Er hatte Schluckauf, fand das aber offenbar höchst vergnüglich, wie ein Baby. Keiner kam nüchtern aus diesen Dinner-Gelagen heraus. Vielleicht, weil sie freitagabends stattfanden. Möglicherweise lag es aber auch daran, dass Clive nie die Rechnung übernahm und alle Vorschläge in diese Richtung abschmetterte. Zachs Theorie war, dass Clives Geiz ihm das Gefühl vermittelte, er bewerbe sich um ein politisches Amt. Versammelt euch, ihr Städter, und seht zu, wie der Multimillionär einen Hotdog isst! Ich hielt es eher für eine Respektsbekundung, so als wären wir jetzt, da er uns nicht mehr feuern konnte, alle auf Augenhöhe. Vadis meinte, wir würden uns deswegen unnötig einen Kopf machen: Reiche Leute bleiben reich, indem sie kein Geld ausgeben. Sie musste es ja wissen, schließlich wurde sie von der Gesellschaftsdame im Bettengeschäft haarsträubend unterbezahlt. Was auch immer die Gründe waren, am Ende teilten wir jedes Mal die Rechnung, und um die anderen bluten zu lassen, schnitten wir uns ins eigene Fleisch und bestellten jeder so viele Cocktails wie möglich.

»Wie kannst du nur?«, fragte Clive und tat, als wäre er tief verletzt.

»Weil ich kein Interesse daran habe, Zeit mit dir zu verbringen.«

»Lügnerin«, brüllte er und hämmerte auf den Tisch.

Selbst betrunken und leicht derangiert wie ein nach Met schreiender Wikinger, war der Mann verführerisch. Vielleicht nicht für mich, zumindest nicht mehr, aber ganz sicher für die Chantals dieser Welt. Man musste sich nur seine reliefartigen Wangenknochen ansehen, an denen sich seine Jugend wie ein Cliffhanger festklammerte. Oder seine funkelnden Augen von unbestimmter Farbe, die unter dem üppigen Haarschopf blitzten. Oder die Narbe am Kinn, die von einem Fahrradunfall als Kind in einer Stadt ohne fähigen plastischen Chirurgen herrührte.

»Wohin gehst du?«, fragte er und klang diesmal etwas aufrichtiger.

Ich hielt zwei Finger vor meine Lippen und zog sie wieder weg. Ich spürte, dass er sich am liebsten mit mir verdrückt hätte, das kommunikative Äquivalent zum Vertilgen eines Hotdogs. Aber er durfte nicht riskieren, von einem Wellness-Fanatiker mit großer Internet-Followerschaft beim Rauchen erwischt zu werden. Außerdem war da sein alles dominierender Wunsch, Hof zu halten. Jetzt zu gehen, hieße einzugestehen, dass das Gespräch auch ohne ihn als Moderator weiterlaufen würde.

Eine lange Bar verband den Eingangsbereich mit dem Speisesaal im hinteren Teil. Barbesucher ruckelten vergeblich an ihren im Boden festgeschraubten Hockern. Sie schlürften Cocktails, garniert mit dunklen Kirschen und Zitrusschalen auf Spießchen. Die verspiegelte Wand hinter der Bar projizierte die Reihen mit Spirituosen ins Unendliche. Die Vorstellung, dass ein Fremder in diesen Laden stolperte und feststellte, dass der ganze Prunk und Protz sich überall auf der Welt glich, berührte mich merkwürdig. Wir hatten Mitte Mai, eine Jahreszeit, die einmal als »Frühling« galt, trotzdem waren die schweren Samtvorhänge im Eingangsbereich noch nicht abgenommen worden. Sie zu durchschreiten vermittelte einem den Eindruck, eine Bühne zu betreten.

Dieser Teil Chinatowns war mir nicht vertraut, soweit einem eine Insel, die man bewohnt, nicht vertraut sein kann. Ein paar Blocks weiter erfuhr das Viertel eine sogenannte Mini-Aufwertung in Form veganer Lebensmittelläden und gehobener Boutiquen, in denen Designstudenten arbeiteten. Die Preise dort ließen sich erahnen, wenn man den Abstand zwischen den Kleiderbügeln mit der Höhe der Betriebskosten multiplizierte. Für mich war das irritierend, denn es bestand eigentlich keine Notwendigkeit für eine Aufwertung. Das Viertel lag schon seit Jahren im Trend. Was auch immer neu an Geschäften eröffnet wurde, entsprang weder günstigen Mieten noch einer echten gemeinschaftlichen Entwicklung, sodass es sich anfühlte, als hätten Leute Schichten von routinierter Nonchalance aufgetragen, nachdem sie ohne Sinn für Geschichte die Entdeckerfahne in einem Viertel gehisst hatten, in dem die Bewohner schon seit 2005 Biowein tranken.

Diese ganze vermeintliche Coolness ging mir gegen den Strich. Sie machte mich müde. Also bog ich nach links ab, in Richtung des Houston-Viertels, einer weniger angesagten Gegend. Dort gab es Reste eines Straßenmarktes, Kleiderständer mit steifen Lederjacken, die auf die Straße hinausragten. Ich kam an einer Galerie ohne Kunst vorbei, an einer Kellerbar ohne Schild, an namenlosen Klingeln. Schließlich entdeckte ich das grelle Gelb einer elektrischen Markise. Sie gehörte zu einer erstklassigen Bodega; eine mit so vielen Energieriegeln, dass man sich aufgefordert fühlte auszurechnen, wie lange der Körper durchhalten würde, wenn er in dem Laden eingesperrt wäre. Ich wartete hinter einem älteren Mann, der einen Lottoschein ausfüllte und ein Päckchen Merits verlangte. Sein Hosensaum schleifte über den Boden, der Kassierer ertrug ihn geduldig. Auf der Kasse thronte eine Plastikkatze mit großen Augen, die ihre Pfote in stillem Protest auf- und abbewegte.

Als die Reihe an mir war, wollte ich besonders gesund und normal wirken. Ich verzichtete auf die angebotenen Streichhölzer in einem Ton, als würde ich mein Erbe ausschlagen.

»Ich nehme noch ein Feuerzeug«, sagte ich. »Bitte.«

Der Kassierer schob eines über die Plastiktheke. Ich ratschte kurz mit dem Daumen über das Metallrädchen.

»Zünden Sie das nicht in Ihrer Tasche an«, warnte er.

»Das würde mir nicht im Traum einfallen.«

In Wahrheit träumte ich davon und tat es oft. Manchmal hatte ich Sorge, ich könnte in einer geistigen Abwesenheit mit einem Feuerzeug in meiner Tasche spielen und mich so in Brand stecken. Angesichts solcher Vorstellungen grenzte es an ein Wunder, dass es noch nie passiert war.

Ich kehrte auf der gleichen Straßenseite zurück und hielt die Zigarettenpackung in meine Handfläche gepresst. Zwanglose Begegnungen mit Fremden bereiteten mir unverhältnismäßig große Freude. Ich vermute, das lag daran, dass dies die Art von Interaktion war, die ich gerne von allen Männern dargeboten bekommen hätte, mit denen ich je ausgegangen war. Oder andersherum. So viele meiner früheren Beziehungen hatten mit Streitereien in öffentlichen Verkehrsmitteln oder langen, unwürdigen SMS-Verläufen geendet. Oft hatte ich gedacht: Wenn ich dich nur dabei erleben könnte, wie du deine Post durchgehst. Oder Flugtickets buchst. Und wenn du mich dabei sehen könntest, wie ich dem Taxifahrer eine gute Nacht wünsche. Oder wir einander dabei, wie wir unsere Sozialversicherungsnummern aufsagen, um unsere Identitäten nachzuweisen. Wo blieben nur diese verführerisch funktionalen Menschen, sobald der Sex ins Spiel kam?

Genau in diesem Moment entdeckte ich meinen Ex-Freund Amos.

Amos stand mit einem hochgewachsenen Begleiter vor dem Restaurant. Die beiden teilten sich eine Steinplatte des Gehwegs, wobei der Begleiter seinen Daumen unter den Riemen einer Umhängetasche schob, um die Schulter zu entlasten. Offensichtlich waren sie gerade herausgekommen. Höhere Mächte hatten uns vor einer Begegnung im Restaurant bewahrt, aber damit waren die Möglichkeiten höherer Mächte bereits ausgeschöpft. Jetzt, nachdem ich weggegangen und wiedergekommen war, wuschen sie ihre Hände in Unschuld.

Nie hätte ich damit gerechnet, dass Amos von diesem Laden gehört hatte, geschweige denn ihn besuchen würde. Als wir noch zusammen waren, hatte er die »fetischisierten Preise« Manhattans verteufelt. Die Stadt war in seinen Augen seelenlos, gentrifiziert, einst für die ganz Jungen und die ganz Reichen, jetzt nur noch für die ganz Reichen und die ganz Seelenlosen. Die wahre Persönlichkeit der Stadt lag in der Vergangenheit, ihr Stolz war illusorisch, reiner Wahn. Ich war meist zu müde gewesen, um mich zu wehren – wahrscheinlich, weil ich mich bis raus nach Bed-Stuy zu ihm hatte schleppen müssen. Es schien nicht der Mühe wert, unsere fast identischen Mieten oder die Pilates-Studios in seiner Nachbarschaft als Argumente ins Feld zu führen. Außerdem hat Amos nie kapiert, dass er mich mit jeder Deklaration meines Wohnorts als tote Zone darin bekräftigte, dort zu leben. Das Auge eines Hurrikans mag nicht für jeden zugänglich sein, aber es ist immerhin das Auge.

Gegen Ende unserer Beziehung empfand ich eine Art trotzige Liebe zu all den Dingen, die Amos verabscheute. Nicht nur zu Manhattan, sondern auch zu Streaming-Diensten, Naturvideos, teuren Kosmetikartikeln, Popmusik, Smartphones, Stränden, dekorativen Sofakissen, Wasser in Plastikflaschen, alternativen Milchprodukten, Küchengeräten (zu einem Kirschentsteiner – wer hätte das gedacht!) und Katzen. Ich war so besessen von diesen Dingen (es war bestimmt nicht das erste Mal, dass jemand aus Trotz ein Kätzchen adoptierte), dass ich mir einredete, sie würden mehr über mich aussagen als die tieferen Gemeinsamkeiten zwischen Amos und mir. Ich wurde wütend auf Bücher und Politik, auf die ganze Nischenkultur, die uns zusammengebracht hatte. Als hätte sie mich verraten, indem sie mich in die Arme eines Mannes getrieben hatte, der Clive als Scharlatan und meine Freunde als »moralisch verwahrlost« diagnostizierte.

Unsere Beziehung hätte niemals zwei Jahre gehalten, wäre da nicht Kit gewesen. Amos hatte eine Cousine in den Zwanzigern namens Kit, ein Hollywood-Starlet mit einer Vorliebe für Filterzigaretten und Filmzitate. Aber sie war seine Blutsverwandte, und das machte sie für Amos erträglich, was ihn wiederum für mich erträglich machte. Als Kit in New York einen Film drehte, gingen wir zu dritt zum Dinner. Sie bestellte, als ob sie und der Kellner an einem gemeinsamen Projekt arbeiten würden. Sie erzählte Geschichten aus Amos’ Kindheit und überzeugte uns, von Tequila zu Mezcal zu konvertieren.

»Du eignest dich wirklich als Missionarin«, sagte Amos zu ihr. »Zu schade, dass du Jüdin bist.«

Kit zerknüllte die Verpackung des Strohhalms zu einem Ball und schnippte sie in Amos’ Gesicht, und er kicherte. Sie weckte einen weniger verschlossenen Amos in ihm. Er verzichtete vor ihr darauf, sich über den Hollywood-Industriekomplex lustig zu machen. Als die Rechnung kam, schnappte Kit sie, als ob es nichts wäre. Ich hatte vorher noch nie jemanden erlebt, der eine Rechnung entgegennahm, ohne dabei einen Moment den Gesprächsfaden zu verlieren. Amos zuckte nicht mit der Wimper. Obwohl wir jedes einzelne Mal, wenn ich mir die Rechnung schnappte, danach schrägen Sex hatten.

Nach unserer Trennung ertappte ich mich dabei, wie ich Kits Multicam-Sitcom anschaute und in ihrem Gesicht nach seiner Kieferpartie suchte. Nicht aus Selbstquälerei, obwohl das natürlich auch ein Grund war, sondern um nach Beweisen dafür zu suchen, dass Amos echt gewesen war, dass ich tatsächlich die Kontaktlinsenlösung dieser Person in meinem Medizinschrank aufbewahrt hatte. So habe ich mich oft nach Trennungen gefühlt, egal, wer den Schlussstrich gezogen hatte – dieser stets gleiche Schock, dass das Leben nicht mit einem einzigen Schlag endete. Langfristig ein tröstliches Konzept, kurzfristig ein niederschmetterndes. Resilienz wird überschätzt. Gefühlt von einem Lastwagen überrollt zu werden und am nächsten Morgen mit der Subway zu fahren, ist nicht rühmlich, es ist Wahnsinn. Aber dank Kit konnte ich diesen Trauerprozess auf unbestimmte Zeit hinausschieben. Ich verfolgte ihre Sendung mit fast religiöser Hingabe, sodass meine Leidenschaft dafür ein von Amos unabhängiges Eigenleben annahm. Im Büro teilten Zach und ich uns einen Arbeitsplatz, daher drängte ich ihm Zusammenfassungen der Handlung auf, obwohl er keinerlei Interesse an einer Sitcom für Teenager hatte. Ich studierte die Kritiken und googelte Kits Namen, um zu sehen, ob jemand ihre Leistung hervorgehoben hatte. Diese Artikel wurden sofort weggeklickt, sobald ich Clive oder Vadis hinter mir ahnte.

Als die Sendung abgesetzt wurde, verspürte ich eine zweite Welle des Trennungsschmerzes, die sich ähnlich anfühlte wie die erste. Schon längst vergessen geglaubte Details tauchten wieder auf – die Löcher in Amos’ Kleidung, die Kratzer auf seinen Platten, die merkwürdige Form von Unfähigkeit, die es ihm unmöglich machte, einen Spüllappen auszuwringen. Ich erinnerte mich nur zu gut an die Einrichtung seiner Wohnung. Vor allem an das muffige Sofa, auf dem er mir erklärte, Monogamie sei ein überholtes Konstrukt, das uns von den Puritanern hinterlassen worden sei. Das sei gar nicht ich, das müsse ich endlich verstehen. Nur dass ich es doch war, weil es eben nur eine von mir gab.

Wir hockten da, als wären wir die Gäste seiner Einrichtung. Ich erklärte ihm, dass mir seine Art und Weise darüber zu sprechen, nicht gefiel. So als hätte er ein Gebrechen, das ihn dazu zwang, seinen Penis in eine Vielzahl von Menschen zu stecken. Ich fügte hinzu, dass ich jemandem, sogar ihm, Fremdgehen verzeihen könnte, aber auf keinen Fall, sogar ihm nicht, wenn er es darauf anlege.

»Warum nennst du es ›Fremdgehen‹?«, fragte er in seinem einschüchternden Tonfall.

»Nenn es meinetwegen, wie du willst«, sagte ich. »Nudeln. Ich werde nicht ruhig hier sitzen, während du jede Frau, die du triffst, nudelst.«

»Jede Frau, das ist eher unwahrscheinlich«, erwiderte er spöttisch.

Unsere Trennung lag etwa sechs Jahre zurück. Kits Sitcom war vor zwei Jahren abgesetzt worden. Als ich jetzt auf Amos zuging, befürchtete ich, dass diese Diskrepanz der Trauerzeit spürbar sein würde. Außerdem trug ich zufällig dasselbe Hemd wie in der Nacht unserer Trennung, ganz so, als wäre ich seither in einem Mausoleum herumgelaufen und hätte abgestandene Amos-Adler-Luft geatmet. Ich rief mir in Erinnerung, dass ich jetzt ein erfülltes Leben hatte. Ich hatte eine Festanstellung, die ich nicht völlig hasste. Gute Freunde. Zehn Finger, zehn Zehen. Ich hatte mir noch vor zwölf Uhr mittags den Schlaf aus den Augen gerieben. Außerdem hatte ich Sex gehabt.

Und was noch wichtiger war: Der Sex, den ich hatte, war mit meinem Verlobten. Mein Verlobter, den ich heiraten wollte, dem ich ein Leben in gegenseitiger Toleranz vorgaukelte.

Er war ein Mann, der nie andere Frauen nudeln würde (obwohl ich mir manchmal Sorgen machte, dass es mir in dem Punkt einfach an Vorstellungskraft mangelte), oder der wochenlang abtauchen würde, um dann die Funkstille mit einem dreitausend Worte langen Geschwafel zu brechen, oder, noch besser, um jede Funkstille vehement zu leugnen. Möge das Gaslighting die Brücken der Wahrheit erhellen, die wir niederbrennen! Er war ein Mann, dessen Snobismus nachvollziehbar war (die besseren Konzertkarten kaufen, früh wählen gehen, seinen eigenen Kaffee kochen). Er war ein Mann, der mich abends nach meinem Tag fragte, weil es ihn wirklich interessierte, nicht weil er mein Lob dafür einheimsen wollte. Ein Mann, der intuitiv die Relevanz meiner Ferienlagergeschichten erkannte. Ein Mann, der es zuließ, dass ich ihn »Boots« nannte. Ein Spitzname, der während eines Gesprächs über Eltern entstand, die ihren Babys schon im Mutterleib allerlei alberne Namen gaben. Die Implikation, dass er damit in gewisser Weise das Kind unserer Beziehung war, war ihm egal. Für ihn spielte das keine Rolle. Denn er war ein Mann, der sich nicht als von der Welt vernachlässigt betrachtete, der in keine existenzielle Krise stürzte, nur weil eine Literaturzeitschrift ihn nicht erwähnt hatte. Er war ein ruhiger, unvoreingenommener Mensch, der Amos Adler nur deshalb kannte, weil ich ihn einmal beiläufig erwähnt hatte.

»Famous Amos?«, hatte Boots gefragt und kurz darüber sinniert. »Wie die berühmten Schoko-Kekse?«

»Mehr oder weniger«, hatte ich erwidert und das alte Sweatshirt von Amos zusammengeknüllt, das diesen Wortwechsel ausgelöst hatte.

»Ich habe noch nie einen Amos gekannt.«

Ich wollte hinzufügen: »Ich auch nicht«, aber ich wusste, dass ich dieses Gespräch beenden musste.

Ganz am Anfang unserer Beziehung hatten Boots und ich nämlich vereinbart, nie über unsere Verflossenen zu sprechen, außer im Notfall. Etwa wenn jemand von uns bei einem Unfall ums Leben kam, und der andere sollte die Grabrede halten. Oder jemand wurde zum Staatsoberhaupt eines kleinen Landes gewählt. Es war Boots’ Wunsch, ohne die Altlasten der Vergangenheit in die gemeinsame Zukunft zu gehen. Er war traumatisiert von einer früheren Freundin, die von ihrem Ex-Mann besessen gewesen war. Er hatte beständig einen schrecklichen Eiertanz hinlegen müssen, um ihre Triggerpunkte zu vermeiden. Sie »hatte wahnsinnige Altlasten im Gepäck, wie die Karikatur einer Frau, die Schiffskoffer hinter sich herschleift«.

»Und einen Pudel!«

»Was für ein Pudel?«

»Nichts, erzähl weiter …«

»Wie auch immer, ich schätze, Altlasten sind meine Altlasten.«

Und so ließ ich mich ein auf dieses Arrangement, obwohl ich die Regelung zu radikal fand, unter anderem, weil sie uns gewisser aufregender, für den Sex gut brauchbarer Bilder beraubte. Letztlich war ich von der Regelung am meisten betroffen: Boots hatte nur zwei ernsthafte Beziehungen gehabt, die College-Freundin und die gruselige Freundin eingeschlossen. Wir würden nie mit jemandem an einen Tisch gesetzt werden, zu der er eine Erklärung abliefern musste. Ich hingegen könnte ständig in Erklärungsnotstand geraten. Manche bekommen am Geldautomaten der Liebe eben die kleineren Scheine ausgezahlt. Von kurzen Affären abgesehen hatte ich etwa fünfzehn fünfmonatige Beziehungen, ganz zu schweigen von den sechs- und neunmonatigen, ganz zu schweigen von solchen, die mich nachts heimsuchten wie gespenstische Toaster: Bist du wach?

Ich hatte versucht, den Grund dafür zu erforschen. Und dank Modern Psychology hatte ich Zugang zur umfassendsten Therapeuten-Datenbank der Welt. Meine Eltern waren immer noch glücklich verheiratet. Niemand hatte mich als Kind im Stich gelassen, mich geschlagen oder mir seine Liebe verweigert. War ich etwa anfällig für das Desinteresse anderer, desinteressiert an echter Zuneigung, entschlossen, mein Herz an Menschen zu verschenken, die es nicht verdient hatten? Pendelte ich zwischen verzweifelter Sehnsucht und trotzigem Rückzug wie ein verwirrtes Kind? War ich auf der Suche nach Vaterfiguren, nur um diese dann vom Podest zu stürzen? Hatte sich Amors Bastard-Bruder in mein Schlafzimmer geschlichen, um mir ins Ohr zu flüstern: »Mein Kind, binde dich niemals«? Irgendwann kam mir sogar der Verdacht, meine Suche nach der Ursache sei die Ursache. Aber noch bevor ich diesem Umstand auf den Grund gehen konnte, begegnete ich Boots, und das Ganze hatte sich erledigt. Er konnte meine Brüche zwar nicht flicken, schützte mich aber vor meinem eigenen Narrativ einer Zerbrochenen.

In der Nacht unserer Verlobung (an der Brooklyn-Heights-Promenade, wo die Lichter der Stadt beifällig herüberwinkten) fuhren wir in einem Taxi über die Manhattan Bridge. Zu dem Zeitpunkt war ich schon ziemlich blau und flirtete mit dem Brechreiz. Ich kurbelte das Fenster herunter und schaute an meinem linken Arm entlang, verfolgte ihn bis zu seinem natürlichen Ende.

»Wessen Finger ist das?«, fragte ich.

»Wer hat denn da was drangesteckt?«, neckte Boots mich lachend und erklärte mich für hoffnungslos bezecht.

Aber ich meinte nicht den Ring. Ich war so hackedicht, dass ich tatsächlich von meinem eigenen Finger sprach.

Boots hatte bei meinen Eltern angerufen und um meine Hand angehalten, falls es tatsächlich meine Hand war. Das Gespräch kann man sich leicht ausmalen: Einer von ihnen hatte dem anderen zugebrüllt, er solle das Telefon in der Küche abnehmen. Meine Eltern sind keine taffen Menschen. Mit einem simplen Telefonanruf könnte man sie dazu bringen, das Haus zu verkaufen, um erpresserische Terroristen auszubezahlen. Oder ihre Tochter zu verheiraten. Allerdings hatten Boots und ich nie explizit über Heirat gesprochen, nur als schöne Aussicht, so wie wenn man den Kalender schon mal nach möglichen Ferienterminen durchforstet. Also, auch wenn das Thema Hochzeit nicht aus der Luft gegriffen war, würde es sicher kein Schnellschuss werden.

Vermutlich würde ich noch viel Zeit damit verbringen, das alles zu drehen und zu wenden und mich zu fragen, ob ich wohl genauso verunsichert wäre, wenn er ihre Einwilligung nicht bekommen hätte. Wahrscheinlich waren die besten Jahre, um das Konzept der Ehe zu durchdenken, in meiner Kindheit gewesen, als das Leben noch hypothetisch vor einem ausgebreitet lag. Bei Erwachsenen wirkte es leicht albern, wenn sie sich über eine weit verbreitete Institution echauffierten, die sie nur vom Hörensagen kannten. Das hatte den Beigeschmack saurer Trauben. Boots war zu einer Zeit in mein Leben getreten, da man mit Recht eine fundierte Haltung zu dem Thema von mir hätte erwarten können. Hätte ich konsequent politisch gedacht, hätte ich die Ehe vermutlich als Kerker betrachtet, als Ausverkauf meiner Freiheit. Viele Menschen erhofften sich davon eine Veränderung, allzu oft jedoch endete es mit einer Gehirnamputation. Aus einer großen Idealisierung war eine Riesenenttäuschung geworden. Aber das Leben besteht nun mal nicht vorwiegend aus Politik, sondern aus ganz alltäglichen Bedürfnissen.

Und so hockte ich auf der Rückbank des Taxis und war vollauf zufrieden damit, nichts weiter zu betrachten als Boots’ Profil und die dahinter aufragende Stadt. Selbst wenn ich mir sozusagen die Gewissheit eines anderen ausborgte, würde sie gewiss irgendwann zu meiner eigenen werden. Ich konnte dieses Kapitel in Ruhe sacken lassen. In diesem Moment beschloss ich: Wenn irgendetwas mit mir nicht in Ordnung sein sollte, lag es nur daran, dass ich in New York aufgewachsen und nie weggegangen war.

Was das Wiedersehen mit Amos exponentiell verschlimmerte, war, dass er tatsächlich zu einem famous Amos geworden war. Das Schicksal hatte für jeden von uns etwas anderes in petto, aber Amos war es sichtlich gewogen. Meine ganzen nach der Trennung gegen ihn ausgestoßenen Verfluchungen waren offenbar nach hinten losgegangen. Er hatte zwei Romane geschrieben und nach allem, was man so hörte, stellte er gerade seine Gedichtsammlung zusammen. Sein erster Roman war lang und prätentiös gewesen und hatte einen Sturm schlechter Kritik geerntet; er hatte offenbar alles richtig gemacht, um die Leute auf die Palme zu bringen. Der zweite war ebenso lang und prätentiös, handelte aber von einem palästinensischen Jungen, der eines Tages beim Spielen in ein baufälliges Haus gerät. Dort öffnet er einen Küchenschrank und stößt auf einen von der Hamas gegrabenen Tunnel, in den er hineinkriecht. Aber statt in Israel aufzutauchen, landet er in einer alternativen Realität, in der es so etwas wie Krieg nicht gibt. Das Buch hatte vier Wochen lang auf der Bestsellerliste gestanden und war populär genug, um den Konsens über Amos’ ersten Roman zu ändern, der nun von »unlesbar« zu »dicht« avancierte. Plötzlich war Amos kein Lyriker mehr, der in der Belletristik dilettierte, sondern ein Romancier, der sich in der Poesie versucht hatte.

Der größere Mann mit der Umhängetasche war vermutlich sein neuer Lektor und musste den Treffpunkt ausgewählt sowie das Essen bezahlt haben. Er bemerkte mich zuerst. Amos registrierte die geteilte Aufmerksamkeit seines Publikums sofort und folgte dem Blick des größeren Mannes. Er lächelte und wippte auf den Fersen nach hinten.

»Hallo«, sagte ich und umarmte ihn, damit ich etwas Zeit gewann, bevor ich ihm ins Gesicht sehen musste.

»Lola«, flüsterte er halb.

»Ich würde dich am liebsten Fremder nennen.«

»Nur zu«, sagte er und drückte sein Kinn gegen meine Schulter.

»Hallo, Fremder.«

Als wir uns voneinander lösten, hatte er diesen seligen Ausdruck im Gesicht. Hier war jemand, der ausgiebig getrauert hatte, dessen Erinnerung von allem Schmerzhaften gereinigt war.

»Kommst du oder gehst du?«

»Weder noch«, sagte ich und hielt die Zigarettenschachtel hoch. »Ich komme zurück.«

Amos rauchte regelmäßiger als ich, oder zumindest hatte er das damals getan.

»Wie gehts dir?«, fragte er, als hätte er mir ein Wahrheitsserum verabreicht.

»Ach weißt du, ich streune durch die dunklen Straßen Chinatowns. Und du?«

»Oh, viel zu viel los, um es in einem Satz zu fassen.«

Mühsam verkniff ich mir, das Feuerzeug in meiner Tasche zu zünden.

»Schön, dich zu sehen«, fuhr er fort. »Arbeitest du immer noch als Redakteurin?«

»Pinkelst du immer noch im Stehen?«

»Was?«

»Nichts«, sagte ich und winkte ab. »Ja, natürlich bin ich noch Redakteurin. Ich bin jetzt bei Radio New York.«

»Diese Tech-Konzern-Geschichte?«

»Es ist keine Tech-Konzern-Geschichte«, sagte ich, »es wird nur so finanziert. Ich bin ein wenig enttäuscht, dass du nicht weißt, wo ich arbeite.«

»Oder tue ich vielleicht nur so, als wüsste ich es nicht?«

»Tja, interessante Frage. Clive, Vadis und all die anderen sind auch im Lokal.«

»Du machst Witze«, sagte Amos und spähte über seine Schulter nach hinten, als würden sie dort ihre Nasen an die Scheibe drücken. »Ich habe sie nicht gesehen.«

»Nun, ist vermutlich auch besser so.«

»Ich hatte nie ein Problem mit diesen Leuten.«

»Clive ist nun weniger aufgedreht«, sagte ich, »seit er seinen inneren Frieden gefunden und eine Milliarde Dollar gescheffelt hat. Und Vadis ist, keine Ahnung …«

»Faucht keine Praktikanten mehr an?«

»Nein, kein Fauchen mehr. Sie steht jetzt auf Gypsy-Chic.«

»Ich tue jetzt mal so, als hätte ich eine Ahnung, was das ist. Aber Mann, wie konnte ich dich nur übersehen?«

Sollten wir einfach gleich auf dem Bürgersteig ficken und es hinter uns bringen? Amos war kleiner als die meisten Typen, mit denen ich zusammen gewesen war. »Napoleonisch sexy«, wie Vadis ihn nach der Diashow auf meinem Smartphone charakterisiert hatte. Amos auf einer Tagung, finster dreinblickend. Amos auf einer Party, finster dreinblickend. Amos auf einem Steg in Maine, finster dreinblickend. Ein Immobilienmakler, der gar nicht Amos war. Der Erfolg hatte den Mann von Welt in ihm entfesselt. Seine in Wahrheit elegante Erscheinung war lediglich im Körper eines Hungerkünstlers gefangen gewesen. Vor allem seine Kieferpartie war für schicke Anzüge prädestiniert und scharf vom Hals abgesetzt, wie bei einem PEZ-Spender.

Ich reichte dem großen Mann die Hand und spürte, wie Amos’ Blick meine Brüste streifte.

»Wir sind uns schon mal begegnet«, sagte er knapp und drückte meine Hand, »Roger«.

Es tat mir leid für Roger, dass er nicht seine eigene Ex-Freundin hatte, die er auf seiner eigenen Gehwegplatte vögeln konnte, aber mich gleich dafür bestrafen? Dafür hatte er keinen Grund.

»Natürlich«, sagte ich und schüttelte den Kopf. »Arbeitet ihr zusammen?«

»Du fragst, ob er mein Autor ist?«

Nein, ich frage natürlich, ob ihr auf einer Baustelle malocht.

»Ja, genau.«

»Schön wärs«, sagte Roger.

»Er wünscht es sich«, bestätigte Amos, als sei das ein wahnsinnig witziger Insiderscherz zwischen ihnen.

»Warum bist du es dann nicht? Roger, keine Ahnung, ob dir das bewusst ist, aber Amos ist ein brillanter Schriftsteller. Ich bin sicher, er hat noch weitere ein bis sechs Bücher auf der Pfanne.«

»Klar, aber ich will mich nicht mit Jeannine anlegen.«

»Jeannine Bonner«, sagte ich, nur um zu beweisen, dass auch ich mir Namen von Leuten merken konnte.

»Jeannine ist sehr besitzergreifend«, seufzte Amos, als wäre es eine Bürde, von der legendären Redakteurin betreut zu werden und mit ihr vertrauten Umgang zu pflegen.

Roger nahm seine Brille ab und putzte sie an seinem Hemd. Er war mindestens fünf Jahre jünger als Amos, vielleicht sogar acht. Meiner Meinung nach dünstete er Wohngemeinschaftsmuff aus. Laminatböden. Kakerlakenfallen.

»Hoffentlich hast du nicht für sein Essen bezahlt«, sagte ich, »da Amos ja bereits Eigentum einer anderen ist.«

»Eher andersherum«, kicherte Roger.

»Willst du damit andeuten, Amos betrachtet Frauen als sein Eigentum? Ist es schon so weit, dass man sich jetzt offen zu so etwas bekennt?«

»Kannst du dir vorstellen, dass wir mal zusammen waren?«, fragte Amos, und dann zu mir gewandt: »Holen wir uns nun einen Drink, oder was? Roger muss nach Hause, um sich in ein paar Stunden von einem schreienden Baby wecken zu lassen.«