Loneliest Planet - Samuel Vakov - E-Book

Loneliest Planet E-Book

Samuel Vakov

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Beschreibung

Der Leser begleitet den jungen Protagonisten auf einer kurzen und intensiven Reise um die Welt. Der Roman beginnt mit Flucht des unsicheren Abiturienten aus seiner deutschen Kleinstadt und vor einem scheinbar vorbestimmten Spießerleben. Durch seine Erlebnisse und Erfahrungen während seiner Reise durch unterschiedliche Länder, scheint der einzige Sinn im Leben des Protagonisten darin zu bestehen, einen Job nach dem anderen anzunehmen. Eskapaden mit Drogen und erotische Entgleisungen begleiten den zutiefst sexuell verunsicherten jungen Mann und lassen ihn zweifelnd zurück. Am Ende seiner Reise und nach etlichen Enttäuschungen überlässt er der Technik die Verantwortung über seine weitere Existenz…

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Seitenzahl: 267

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Loneliest Planet

In dieser unsern Welt, die man selbstredend für die beste hält,

Selbstoptimiert und feilt ein jeder an sich und andern Leuten.

Und Müdigkeit sorgt stets dafür, dass man erschöpft ins Bette fällt.

Nur morgens ist‘s noch schlimmer, gleich wann die Glocken läuten.

Auf Arbeit gibt es keinen Sinn, man tauscht das Geld mit Lebenszeit

Und für Konsum wird Welt und Mensch zerstört, man könnt‘ sich selber Häuten.

Für gut‘s Gewissen, Kreuz für Grün, sind wir natürlich stets bereit

Schon lang vorbei, die gute Zeit, als nur Konzerne uns verlachten

Die eig‘nen Leut versteh‘n nichts mehr, und wir tun ihnen leid.

Er ist getötet, Gott sei Dank! Die, die nach dem Leben trachten

Die Welt erneut dekonstruiert, nur Ironie kann es noch richten

Rein, raus, ausmelken, stopfen, Tier, es ist das reinste Schlachten.

Ruht ruhig, in Frieden, ihr, die Träum‘, die sich langsam lichten

Herz auch und Kopf schrei‘n unentwegt nach Is‘lation

Man reist von Ort zu Ort mit Ziel, einfach davon zu berichten.

Nur kurz und knapp entfernt von Angst und Depression

Ertränken wir unsere Probleme in Schnaps und Wein

Und Rauchen, Löcher zu füll‘n, als Manifestation.

Oh und wenn der Vorhang endlich fällt, erscheint uns der banale Schein

Drum frag nicht, was dahinter ist verborgen!

Tu was du liebst, lieb was du tust, das ist der Key zum Sein!

Fahr nach Nordkorea und Disneyland und mach dir keine Sorgen.

HÖLLE

Wie ich so im Wald stand und mich umsah, war nicht mehr viel zu spüren von der ganzen Aufregung. Mir war weder schlecht noch hatte ich das Gefühl, dass sich alles drehte. Ich war wohl schon ein Stück gelaufen. An den Weg, an diesen Ort gekommen zu sein, konnte ich mich nicht mehr erinnern. Ich war müde. Ich setzte mich auf einen umgestürzten Baumstamm und atmete ein paarmal tief durch. Es war schon dunkel und bald würde es komplett finster sein. An dieser Stelle war der Wald dicht. Überall waren Bäume, Büsche und Sträucher. Es roch, wie ein Wald so riecht, nach Erde und Pflanzen. Ich wusste, ich passte hier nicht hin, und mir war klar, dass ich unbedingt würde verschwinden müssen, bevor es völlig dunkel würde.

Obwohl ich mich an diesem Ort wie ein Fremdkörper fühlte, bemerkte ich doch, wie sich, nicht weit von mir entfernt, eine Ziege an einer kleinen Pflanze vollfraß. Sie kaute genüsslich an einem Zweig, ohne mich zu beachten. Ich beobachtete sie eine Zeit lang, bevor mir nur ein paar Meter weiter, an einer großen Eiche, ein interessanter Vogel auffiel. Wenn ich mich nicht irrte, handelte es sich dabei um einen Pelikan. Er streckte sich und es schien mir so, als würde er mit seinem Schnabel sein Gefieder putzen. Ich war schon sehr verwundert, dass sich hier mitten im Wald solche Tiere herumtrieben.

Auf einmal raschelte es hinter mir. Auch die Ziege und der Pelikan schreckten auf und schauten in meine Richtung. Deshalb drehte ich mich langsam um. Keine 20 Meter von mir entfernt stand ein zähnefletschender Wolf. Völlig eingeschüchtert erhob ich mich vom Baumstamm und versuchte langsam und vorsichtig, einen Schritt zurück zu gehen. Kurz überlegte ich, mich tot zu stellen. Ich meinte, mich zu erinnern, dass man das so macht, wenn man von einem Tier in freier Wildbahn angegriffen wird.

Aber ich war gefangen zwischen der Ziege, dem Pelikan und dem Wolf und musste mich entscheiden, welchen Weg ich jetzt wohl am besten nehmen sollte, um zu fliehen. Instinktiv wohl wählte ich den Weg zum Pelikan hin, weil der mir als das harmloseste Tier erschien. Im Nachhinein war das allerdings nicht die beste Idee, wie ich feststellen musste, weil mich dieser große Vogel eine ganze Weile verfolgte, rumschrie und quakte, als ob er einen Schlaganfall hätte. Vor Schrecken blieb ich deswegen bei meiner Flucht im Dickicht hängen und fiel immer wieder über meine eigenen Beine.

Doch der Pelikan und die beiden anderen Tiere ließen nicht locker und verfolgten mich weiter und weiter. Aber ich hatte offensichtlich Glück, denn kurz, bevor mir die Puste auszugehen drohte, landete ich stolpernd und holpernd an einem Waldausgang nahe am Fußball-Vereinsheim meines Heimatdorfes, wo noch Licht brannte. Die wilden Tiere hatte ich anscheinend irgendwie abwimmeln können, als mich mein Ex-Trainer aus der F-Jugend entdeckte. Er kam mir entgegengerannt und fragte mich, was denn passiert sei und ob er mich irgendwohin mitnehmen könne.

Als ich mit einem Ruck aus meinem Albtraum erwachte, war alles beim Alten: Ich war 14 und wusste, ich würde sterben. Schon bald. Diese Gewissheit geht nicht wieder weg, bis man dann tot ist, auch das war mir klar.

Ich befand mich in einem Zustand, den ich vom Fliegen her kannte. Man wartet die ganze Zeit angespannt, dass was passiert. Man stellt sich die ganze Zeit vor, wie das vordere Fahrwerk Feuer fängt, wie auf einmal der Druck im Flugzeug abnimmt und wie diese komischen Masken von der Decke herunterfallen, um, was weiß ich, zu machen. Wahrscheinlich bekommt man da eine Dosis Betäubungsgas, damit nicht alle komplett durchdrehen, bevor man auf dem Boden aufschlägt und zermatscht wird.

Der Unterschied ist, dass man sich bei einem richtigen Flug einreden kann, dass dies ganz normale Geräusche und Ruckler sind, die bei Start und Landung dazugehören. Aber, wenn man weiß, dass man eigentlich jeden Moment abstürzen könnte, hilft das beste Entertainment-Programm an Bord nix. Die einzige Frage ist dann eben nur noch, wann und wie. Es sollte Jahre dauern, bis ich mit dieser Benommenheit fertig werden würde.

Wenn ich jetzt so darüber nachdenke, war meine Angst vorm Fliegen doch echt übertrieben.

CATCHING UP

Na ja, zurück zum Anfang. Ich war im Krankenhaus aufgewacht und so wie auf diesem Todesflug fühlte ich mich dann schließlich auch, nachdem ich nach meiner Entlassung den ersten Schritt in die freie Welt machte. Nur, dass jetzt alles anders war. Hätte ich gewusst, wie anders es werden würde, vielleicht wäre ich im Krankenhaus geblieben.

Nachdem mich meine Eltern nach all den Strapazen und den Untersuchungen auf der ambulanten Krankenstation wieder abgeholt hatten, musste ich erstmal etwas essen. Das Nächste, was mir über den Weg lief, war unsere alte Dorfbäckerei. Es war eine der Bäckereien mit einem Schild darüber ‚Backkunst hausgemacht seit 572 Jahren‘. Die Menschen, die ich dort antraf, waren, glaube ich, wohl ähnlich alt wie die Backkünste des Konditormeisters.

Ich bestellte mir einen Bienenstich und eine Tasse Kaffee, obwohl ich das noch nie in meinem Leben getan hatte. Nach meiner überraschenden Genesung war ich immer noch sehr verwirrt. Die Nachricht, doch nicht sterben zu müssen, nahm mich ganz schön mit. So muss sich wohl ein neugeborenes Baby fühlen, dachte ich. Gerade eben ist man noch nicht wirklich am Leben, da wird man schon einfach rein-, beziehungsweise im Fall des Säuglings, rausgeworfen in die Welt, und ab dann soll man schön selber klarkommen. Was für ein Witz. Gefragt wurde man wie bei den meisten Sachen natürlich auch nicht.

Die verwahrlosten Damen und der Herren, die in der hintersten Ecke der Bäckerei saßen und anscheinend wohl öfter hierherkamen, hatten so eine Art Stammtisch der Scheintoten gegründet, waren aber irgendwie nett zu mir und fragten mich, ob es mir gut ginge. Sie meinten, ich würde so blass um die Nasenspitze herum aussehen, und forderten mich auf, mich doch zu ihnen zu gesellen.

Ich glaubte, sie meinten es wirklich gut. Deshalb entschloss ich mich, weil ich auch irgendwie gerade keine Lust hatte, allein zu sein, mich zu den scheinbar letzten Trümmerfrauen des zerbombten Dresdens zu gesellen. Von denen hatte mir, meine ich, meine Oma mal erzählt. Am Tischende saß auch noch ein alter Kriegsveteran, der bestimmt mal in russischer Gefangenschaft gewesen war. Alle hatten eine Tasse Kaffee, der einen angenehmen Duft verbreitete, vor sich stehen. Dazu gab es für alle ein Stückchen Kuchen. Die Vielfalt der Back- und Konditorwaren dort war schon beeindruckend. Hier gäbe es, wie mir erklärt wurde, Linzer Torte, Streuselkuchen, Apfel-Nusskuchen, Käsesahnetorte oder auch eine schöne Donauwelle.

Da ich mich an die Namen der einzelnen „Insassen“ nicht mehr erinnern kann, nenne ich sie jetzt einfach, wenn es um den alten Opa geht, Scharführer Paul, und die Omis, Aufseherin 1 bis 4. Das klingt jetzt zwar ein bisschen hart, aber es passte irgendwie zu ihrem verhärmten Aussehen.

Ich antwortete also auf die Frage, warum ich so blass aussehen würde, einfach mit der Wahrheit.

„Ehrlich gesagt, ich komme gerade aus dem Krankenhaus, und dachte, ich muss sterben. Das kennt ihr bestimmt. Aber wie sich herausgestellt hat, ist alles in Ordnung, und ich erfreue mich bester Gesundheit.“

„Aber das ist doch toll!“, sagte Aufseherin 3 euphorisch.

„Ja, schon irgendwie, aber ich bin gerade so ein bisschen durcheinander und muss erstmal runterkommen von meinem Trip, dass bald hätte alles vorbei sein können.“

Es herrschte Stille.

„Wissen denn deine Eltern, wo du bist?“, fragte Scharführer Paul, offensichtlich besorgt, dass es mit der Ordnung und Disziplin in der Jugend zu Grunde gehen könnte.

Ich meinte nur: „Ne, nachdem die mich abgeholt hatten, denken die bestimmt, ich bin jetzt wieder in der Schule. Das gibt bestimmt Stress, wenn ich wieder daheim bin.“

„Na hoffentlich“, die machen sich bestimmt riesige Sorgen“, meinte Aufseherin 3 daraufhin.

Ja, das machten sie sich bestimmt, und ich vermisste sie auch sehr. Komisch, ich hatte schon gar nicht mehr an sie gedacht, aber in diesem Moment wäre nichts schöner gewesen, als in ihren Armen zu liegen. Sie hätten mir dabei bestimmt solche Sachen gesagt wie, dass jetzt alles gut werde würde und ich mir keine Sorgen mehr zu machen bräuchte, da sie ja jetzt da wären.

Mir traten Tränen in die Augen, als ich daran dachte, dass meine Eltern bald auch so aussehen würden wie diese faltigen verrunzelten Gestalten vor mir. Niemals durfte es so weit kommen. Wahrscheinlich würde ich ja auch bald so aussehen, würde ganz allein in einer Bäckerei sitzen und eine Donauwelle essen.

Es war alles super deprimierend. Ich wollte auf jeden Fall so schnell wie möglich heim und meinen Eltern sagen, wie lieb ich sie hätte, und dass sie bitte mit dem Älterwerden warten sollten, bis ich so alt wäre wie sie.

So saßen wir uns eine Weile gegenüber, die Alten und ich. Der Scharführer mit seiner Brille, deren Gläser anscheinend 15 cm dick waren, damit er überhaupt noch irgendwas erkennen konnte, und die schlicht gekleideten Damen auf der einen Seite und ich auf der anderen Seite des Tisches. Ein bisschen wie in der mündlichen Schulaufgabe in Englisch letztes Schuljahr.

Sie aßen langsam und mechanisch. Ohne noch einmal aufzusehen, war das leckere Kuchenstück dann auch schon weg. Man hätte noch eine neue Ladung nachschieben können, solange bis, und das war ja die Hoffnung, nichts mehr von dem Kuchen übrig wäre. Es schien allen zu schmecken.

Da ich langsam nervös wurde und der Elefant im Raum ja nicht zu übersehen war, dachte ich, ich spreche es einfach mal an, auch, weil meine Großeltern die ganze Kriegszeit offensichtlich voll langweilig gefunden hatten, also zumindest schien es mir so, da sie irgendwie nie darüber reden wollten. Deshalb dachte ich mir, ich sollte die Gelegenheit nutzen, die alten Leute, die mir gegenübersaßen, zu fragen, was sie damals so gemacht hatten und wie die Zeit für sie so war. Schließlich gehörten wir ja irgendwie auch zusammen. Deutsche und so und den baldigen Tod vor Augen.

„Und wie war das so unter den Nazis? War das anstrengend oder eher auch Alltag wie überall woanders auch?“

Ich wusste zwar nicht, wie man einen mehrfachen Schlaganfall in Verbindung mit einem akuten Herzinfarkt nennt, aber, ich glaube, ein paar der Aufseherinnen bekamen jeweils ad hoc einen. So viel Leben war wirklich nicht mehr in ihnen. Wenn ich mich recht erinnere, fiel vor Schreck einer der Aufseherinnen ein Stück von ihrer Linzer Torte von der Kuchengabel tatsächlich auch auf den Teller. Mit so einer Frage hatten sie offensichtlich alle nicht gerechnet.

„Wie bitte?“, meinte nur die Aufseherin 1 völlig schockiert.

„Ähm, Entschuldigung, aber ich dachte, da wir uns ja jetzt irgendwie schon länger kennen, und ich auch gern etwas mehr über euch erfahren würde, wäre es cool, wenn wir ein bisschen über früher reden könnten.“

„Aber Jungchen“, erwiderte Scharführer Paul.

Warum nannte er mich eigentlich Jungchen?

„Das ist doch alles schon so lange her.“

„Na und?“

„Und ich weiß auch gar nicht mehr, ob ich mich an alles erinnern kann.“

„Hmm, dann erzählt doch das, an das ihr euch noch erinnert, ist egal, was.“

Da wieder Ruhe herrschte, musste ich als Jüngster der Gruppe die Initiative ergreifen, und das, obwohl ich schon langsam wieder richtig müde wurde, und sie mich echt anfingen, zu nerven. Hockten da einfach nur rum und dann kommt mal jemand, offensichtlich interessiert und neugierig, und dann können sie sich ‚nicht mehr erinnern‘.

„Wie war Hitler so?“, straighte Frage, bricht bestimmt das Eis, dachte ich. Da würde doch sicherlich jemandem etwas zu einfallen.

„Also, so einfach ist das nicht zu beantworten, Jungchen“, jetzt fing auch Aufseherin 1 an, mich Jungchen zu nennen.

„War er echt so ‘n Psychopath?“

„Na ja“, antwortete Aufseherin 4 sichtlich beschämt, „am Anfang, das muss man schon ehrlich sagen, dachten wir das nicht.“

Ist das auch so ein Nazi-Ding, zu denken, dass, so wie man selbst denkt, alle denken müssen, dachte ich kurz. Macht ja auch nur Sinn, vielleicht. Warum sollte jemand anderes auch anders denken. Egal, ich wollte die Unterhaltung nicht durch dummes Nachfragen stören, auch weil ich das Gefühl hatte, dass wir endlich connecteten.

„Aber der war schon irre drauf mit dem ganzen Hate gegenüber Juden und so.“

„Du brauchst hier nicht so rumschreien Jungchen und was ist ‚Hate‘?“, wies mich die Aufseherin 3 zurecht.

„Also, Hate ist Englisch und heißt übersetzt Hass, irgendwie, aber auch ein bisschen mehr noch, so richtig jemanden verabscheuen und sogar den Tod wünschen.“

„Also, den Tod haben wir natürlich niemandem gewünscht.“

Interessant, dachte ich.

„Aber damals war das halt eine andere Zeit und er sprach damals vielen von uns aus der Seele.“

„Apropos, Seele“, erwiderte ich.

„Hat jemand von euch jemanden umgebracht, also im Krieg?“

Das richtete sich natürlich vor allem an den Scharführer.

Erst kam eine ganze Weile nichts, nur Funkstille, bevor dann Aufseherin 2 meinte: „Das sind ganz schön persönliche Fragen, die du da stellst, mein Junge.“

Oh ha, jetzt war ich schon ihr Junge. Ich war damals sehr überrascht darüber. Es waren klare Kommunikationssignale einer aussterbenden Generation. Da hatte sie wohl recht, also kam ich wieder auf die Zeit unter Adolf Hitler und so zu sprechen. Also über das, was da so am Anfang lief.

„Also immer, wenn wir in der Schule von der Nazi-Zeit hören, geht's echt immer darum, dass alle mitgemacht haben und irgendwie keiner mal auf die Idee gekommen ist, zu sagen: ‚Ne, stimmt so nicht.‘. War das bei euch auch so?“

„Wenn man das so vereinfacht ausdrücken will, stimmt das wohl, obwohl es dafür natürlich Gründe gab“, antwortete Aufseherin 2.

„Oh, und welche Gründe? Also, weil ich auch zu meinem Lehrer gemeint hab, das ist doch klar, erstmal ist man doch voll nett zu anderen Menschen, und es konnte ja keiner ahnen, dass der Adolf voll der Psycho ist.“

„Ähm, wie meinst du das?“

„Na ja, also. Ich versuch das mal so zu erklären. Wir sind ja so viele Menschen auf der Welt, und man muss ja auch Rücksicht aufeinander nehmen.“

„Absolut“, stimmte mir Paul zu.

Toll, wir waren uns das erste Mal einig.

„Und um jemand anderen nicht zu verletzen, stimmen wir manchmal vielleicht Sachen erst mal zu, damit der andere sich nicht verletzt fühlt, versteht ihr, was ich meine? Auch dem Hitler. Man will ja nicht gleich seine Gefühle verletzten und sagen, ‚Ey, was bist du denn für ein Spasti, halt die Klappe!‘, sondern man ist ja erstmal höflich. Vor allem damals.“

„Also, wenn ich das richtig verstanden habe, meinst du, wir waren damals nur gehorsam, weil wir gut erzogen waren?“

Die Seniorengruppe lachte leise. Ich hatte ehrlich gesagt keine Ahnung, wieso.

„Ja, genau“, erwiderte ich.

“Das war ja auch irgendwie voll nett von euch. Aber dann gleich mit so viel, ich sag mal, Aufopferung und so. Das verstehe ich nicht.“

„Oh, Jungchen, glaube mir, hätten wir gewusst, was passiert, wir wären niemals so blind gefolgt. Das hat wohl bei uns noch mit einer Hingabe zu tun gehabt, die man heute nicht mehr kennt.“

Alle stimmten Aufseherin 1 bedächtig zu und murmelten leise etwas in sich hinein und nickten dabei ganz sachte mit dem Kopf auf und ab.

„Okay, da ist was dran, aber ich weiß nicht, wenn halt alles Scheiße ist und den Bach runter geht, warum dann noch großartig aufregen und weitermachen?“

„Wir wussten ja nie wirklich, was da alles ablief. Klar, man hat jetzt danach schlimme Schuldgefühle. Aber was hätte man denn damals groß machen sollen?“

„Ja, das war so. Wir haben ja nur Befehle ausgeführt, und hätte man sie nicht befolgt, dann wäre man selbst dran gewesen.“

„Aber das, was passiert ist, das kann man ja auch nicht mehr gut machen, und die Vergangenheit muss man auch irgendwann ruhen lassen.“

Hmm, dachte ich. Da ich noch nie so wirklich über die Möglichkeit nachgedacht hatte, dass es da was zum Wiedergutmachen gäbe, fiel mir aber spontan doch irgendwie etwas ein.

„Was haltet ihr denn davon, wenn sich alle von damals einfach treffen würden, also natürlich nur die, die wirklich schuldig sind und was Böses gemacht haben. Und, na ja, das hört sich jetzt vielleicht ein bisschen krass an, aber alle schreiben einen schönen Abschiedsbrief und lassen sich einfach auch in so Duschräumen wie in den Konzentrationslagern vergasen. Kann natürlich auch eine herkömmliche Dusche sein, weil, die in den KZs funktionieren ja, glaub ich, nicht mehr so gut.“

Es war komplett ruhig geworden. Ich befürchtete, jetzt hatte ich es mir mit meinen neuen Freunden versaut.

„Ach, herrje, kleiner Mann, du hast aber eine lebhafte Fantasie“, war Aufseherin 4 als erste wieder in der Lage, etwas zu sagen.

Ich schaute auf die Uhr. Ich musste jetzt schnell heim, meine Mom kam gleich nach Hause, und ich wollte ihr ja noch sagen, wie lieb ich sie hab, und dass sie einfach toll sei, egal, ob ihre Eltern Mörder oder sonst was waren. Ich verabschiedete mich bei allen und wünschte noch einen schönen Nachmittag.

Man kann wirklich sagen, was man will, aber in den hinteren Ecken dieser Cafés und Bäckereien, die es überall in Deutschland gibt, da sitzen bestimmt die verrücktesten Leute mit den krassesten Geschichten und keinen interessierts. Sie sind wie lebende Reliquien, wobei lebend bei manchen vielleicht ein bisschen übertrieben ist. Aber keiner hört ihnen mehr zu oder, und das war nicht auszuschließen, keiner konnte sie mehr wirklich verstehen.

Auf der anderen Seite, Jammern und Kuchen essen, was soll das bringen? Das wird das Ganze auch nicht wieder rückgängig oder vergessen machen, wobei man schon sagen muss, dass diese Torten und Kuchen schon lecker sind, und es dauert auch, bis man sich da durchgegessen hat.

DIE ZUKUNFT DER MENSCHHEIT

Einige Jahre später näherte sich meine Schulzeit schließlich dem Ende entgegen. Nach dem Abitur, das ich mit überraschend wenig Schwierigkeiten mit einem soliden Schnitt von 2,7 absolviert hatte, war ich erst einmal völlig ratlos, was ich danach tun sollte. Bis auf ein paar Ausnahmen in der Klasse hatte auch niemand anderes einen richtigen Plan. Ich war mir nur sicher, ich wollte noch einmal chillen. Arbeiten konnte ich ja noch lange genug.

Bei unserer Abifeier fühlte ich mich dann am Ende eigentlich auch nicht viel mehr als ein Zaungast. Alle hatten sich fein rausgeputzt. Die Jungs trugen Anzug und Krawatte, und manche sogar eine Fliege. Die Mädels trugen schöne, leuchtende Abendkleider, die ihre noch wenig ausgeprägte Weiblichkeit akzentuierten, und es einem schwer machten, sich während dieses ganzen Lobpreisredeschwachsinns zu konzentrieren.

Da es für uns Absolventen eine offene Bar gab, und nach circa fünf Minuten der Rede unseres Direktors mindestens 20-mal das Wort „Stolz“ und „unsere Zukunft“ und die ganze pathetische Scheiße gefallen war, entschied ich mich, mich zumindest ein bisschen zu betäuben, und bestellte mir ein Bier.

Meine Eltern saßen zum Glück relativ weit weg, an einem anderen Tisch. Sie mussten sich bestimmt mit so anderen lahmen Eltern über ihre erbärmlichen Kinder unterhalten. Obwohl ich damals versuchte, mit meinen Eltern auszukommen, und sie auch alles taten, mich zu unterstützen, kapselte ich mich trotzdem immer weiter von ihnen ab. Auch an diesem festlichen Tag war das so.

Der Abend ging gut voran, wir bekamen unsere Zeugnisse überreicht. Es wurden Lieder gespielt, die von motivierten Schülern und noch motivierteren Schülerinnen auf einer kleinen Bühne in der Aula performt wurden. Wie bei diesen oberpeinlichen Auftritten ging es, so hatte ich zumindest das Gefühl, auch bei dem ganzen Abi- und Abschlusskram nur darum, dass sich ein paar Leute für eine kurze und unbedeutende Zeit selbst feiern konnten.

Das hatte ich schon öfter festgestellt, dass bei solchen Veranstaltungen auf einmal mit den Lehrern auf kumpelhaft gemacht, sich unterhalten und so getan wurde, als ob die Schulzeit eine richtig coole Zeit gewesen wäre. Wie gern man sich im Grunde eigentlich schon immer hatte und was man alles so voneinander gelernt hatte. Das fand ich irgendwie naiv, und ich war auch nicht wirklich scharf auf so Smalltalk und gute Ratschläge. Aber da ich meine Englischlehrerin Mady O' Kerr, die in Kanada zur Welt gekommen war, ja immer ganz nett gefunden hatte, dachte ich, gebe ich dem Ganzen mal eine Chance. Aber dann verlief unser Gespräch an der Bar doch eher schleppend und ich verstand nicht, was sie meinte, als sie sagte: „Na, how are you today? Jetzt stehen dir endlich alle Türen offen und du kannst machen, was du willst. The world is your oyster. Freust du dich denn auf die Zukunft?“

Von so einer tiefgründigen Frage fühlte ich mich dann doch ein bisschen überfordert, und der Alkohol half mir auch nicht wirklich, meine Gedanken zu ordnen. Ich dachte, sie meinte diese Frage wirklich ernst, deshalb bemühte ich mich auch, sie ernsthaft zu beantworten.

„Na ja, ich find das schon ein bisschen schwierig, sich jetzt auf einmal entscheiden zu müssen.“

„Klar, das ist auch nicht so einfach. Das will schon gut überlegt sein, you know.“

Sie hatte die Gewohnheit, in ihre Antworten immer kleine englische Wortfetzen oder einen kleinen englischen Satz einzubauen. Das konnte einen manchmal zur Weißglut bringen.

„Ich weiß nicht, ich habe leider nicht wirklich einen Plan, was ich machen soll oder überhaupt will. Mich interessiert ziemlich viel Zeugs.“

„Interesting! Was denn zum Beispiel?“

„Ich würde gern ein bisschen von der Welt sehen, vielleicht auch studieren, wobei ich da auch kein Plan habe, was. Ich würde auch gern eine Ausbildung machen, weil, ich koche eigentlich sehr gern. Und diese ganzen Nahrungsmittel, und wie man die am besten zubereitet und dann dem Gast serviert, das hat schon was Magisches irgendwie. Ach, wenn ich drüber nachdenke, fallen mir unzählige Dinge ein.“

Ich war wirklich verwirrt. Es war viel, was ich mir vorstellen konnte. Nur nie etwas Konkretes. Ich musste auch zugeben, bis dahin war in meinem Leben noch nie irgendetwas ‚konkret‘ gewesen. Warum, weiß ich nicht.

„Das ist doch schön. Jetzt nach deinem Abschluss kannst du dich ausprobieren und schauen, was dir am besten liegt. Ich bin damals nach dem Abi auch erstmal durch Amerika gereist und habe als Au-pair gearbeitet. Das war marvellous!“

„Als ob es irgendwas ändert, ob ich jetzt das Beste aus mir mache oder nicht“, dachte ich nur. Ich war da immer ein bisschen überfordert, denn, je nachdem, mit wem ich so gerade gelabert hatte, das Beste - schien doch ein sehr dehnbarer Begriff zu sein. Und ich meine, klar, hör ich mir gerne Tipps und Ratschläge von meinen Mitmenschen an, aber leider hatte ich noch keinen ‚eye-opener‘ erfahren, wie Ms. O' Kerr es nennen würde. Es waren immer sehr vage und für mich, damals wie heute, schwammige Slogans, die mir wahrscheinlich meine Angst vor der Zukunft nehmen sollten.

„Ja, kann gut sein. Aber irgendwie ist das doch so, dass die Leute einen versuchen, in eine bestimmte Richtung zu stoßen, und ich bin mir manchmal auch gar nicht so sicher, ob das so geil ist, wenn man sich so viel vorstellen kann, weil dann ist es auch irgendwie schwer, sich mit einer Sache die ganze Zeit zu beschäftigen und sich festzulegen.“

„Hmm, was meinst du denn genau damit? I don't get it.“

„Na ja, manchmal habe ich so das Gefühl, wenn du wirklich glücklich sein willst, dann wäre es praktisch, wenn du in einer Sache deine ‚passion‘ findest.“

Ich hatte wirklich ‚passion‘ gesagt. Ich hasste sie dafür.

„Und wenn du dann an dieser Leidenschaft diszipliniert und fleißig arbeitest und irgendwann der Beste bist, brauchst du nur Glück, dass das, was du so gut kannst, auch gefragt ist.“

„Ich glaube, I know, what you mean“, erwiderte sie auf einmal ziemlich ernst und fuhr fort.

„Bei all den Möglichkeiten und unterschiedlichen Dingen, die man machen kann, ist es schwer, sich zu entscheiden, und man hat Angst, etwas zu verpassen und Dinge nicht gemacht zu haben, right?“

„Ja, so ähnlich. Es macht halt einfach nur Sinn. Je mehr man macht, desto verstreuter wird man ja dann selbst auch irgendwie. Man fühlt sich nirgends so richtig angekommen und zuhause. So geht es mir ja jetzt auch schon. Darum wäre ich irgendwie gern in irgendeinem Bereich der Beste. Dann würde ich mich nur mit den Leuten aus diesem Fachgebiet abgegeben, weil die ja dann immer wieder sagen würden, wie gut ich darin bin, und dass ich der Beste bin. Das würde echt so ein toller Kreislauf aus meinem Schaffen und Anerkennung von anderen sein, der einen einfach happy machen muss.“

„Oh, wow, that sounds crazy. Aber vielleicht ist da ja was dran“, antwortete sie und wollte, glaube ich, wirklich ein Gespräch mit mir beginnen, als Caroline, ihre Freundin und unsere Kunstlehrerin, dazu kam, sie sich mit „What's up Darling!“ begrüßten und sich zwei Küsschen auf die Backe gaben. Sie redeten dann auf einmal ganz schnell und durcheinander. Ich konnte kaum zuhören und holte mir mein mittlerweile viertes Bier. Ich war daher auch mehr als nur angetrunken, so dass ich froh war, als sich auch meine Eltern von mir verabschiedeten.

Nachdem sie mich umarmt und mir nochmal beteuert hatten, wie stolz sie auf mich wären, setzte ich mich in die Ecke und fing an, die ganze Szenerie wie von außen zu beobachten. Während meine Blicke über die anwesenden Gäste, die ausgelassenen Gespräche und euphorischen Jugendlichen schweiften, stellte ich mir immer wieder die eine Frage: ‚Warum habe ich diesem Ball nur zugesagt?‘

Ich mochte die Leute doch noch nie. Aber als mich mein Bekannter Ferdinand gefragt hatte, ob ich denn käme und wann wir uns dort treffen könnten, schlug ich einfach eine Uhrzeit und einen Termin vor. Aber eigentlich wollte ich gar nicht wirklich hin und auch den Ferdinand mochte ich nie wirklich, von den sich immer wieder profilierenden Rednern ganz zu schweigen. ‚Dieser Ball macht dich krank‘, dachte ich mir, als ich in der Ecke auf einem Stuhl saß und das Geschehen beobachtete. ‚Der Ferdinand war immer gut in der Schule‘, dachte ich. Er hatte gute Noten und hat mich gefragt, wann und wo wir uns denn heute auf dem Abiball treffen würden, und ich hatte 18 Uhr gesagt, obwohl ich eigentlich nicht kommen wollte und keine Lust hatte, die zu treffen, die sich dauernd profilieren müssen. Auch so mochte ich die meisten der Anwesenden nicht und, wie ich so auf einem Stuhl in der Ecke saß und von weitem dem Treiben zuschaute, verstand nicht, warum ich heute Mittag dem Ferdinand zugesagt hatte. Von meinem Stuhl aus ließ ich eine Profilierungsrede nach der anderen über mich ergehen und fragte mich, warum ich, als der Ferdinand mich gefragt hatte, wann wir uns treffen würden, ich 18 Uhr vorgeschlagen hatte. Und als mir so richtig bewusst wurde, dass ich eigentlich gar nicht hier sein wollte und den Ferdinand eigentlich auch noch nie so wirklich gemocht hatte, holte ich mir nach und nach immer wieder aufs Neue ein Bier.

Der Abend und die Nacht wurden danach aber nicht wirklich besser. Ich begab mich nur irgendwann von meinem Stuhl in meiner Ecke, von der aus ich alles im Blick gehabt hatte, zur Bar. Der Grund war einfach. Ich sah dort Josephine. Eine Elftklässlerin mit thailändischen Wurzeln, die mich süß fand. Und da ich sowieso kaum mehr reden konnte, auch nicht den Mut und die Hoffnung hatte, bei Mädchen zu landen, auf die ich wirklich stand, ließ ich meinen Charme wie üblich spielen.

„Hey!“

„Hey“, antwortete sie schüchtern.

Ich weiß bis heute nicht, was sie an mir fand. Es muss wohl ihr noch geringeres Selbstwertgefühl als mein eigenes gewesen sein, um einen völlig betrunkenen und stinkenden Versager wie mich, zu mögen. Wir liefen dann auch schnell und ohne viel Umschweife zum Auto.

Dabei musste sie mich stützen, damit ich nicht umfiel. Wir knutschten und hatten wohl beide ‚Bock‘ aufeinander. Als wir uns schon fast komplett entkleidet hatten, und eigentlich alles bereit war für eine ungewollte Schwangerschaft und Abtreibung mit 16 Jahren, die das Leben von uns beiden vermutlich zerstört hätte, fuhr es in mich hinein.

„Was ist denn?“, fragte sie.

Ich zuckte zusammen und mein Magen verkrampfte sich.

„Sorry, irgendwie is mir gerade voll schlecht.“

Ich packte sie, schubste sie von meinem Schoß und hüpfte mit runtergelassenen Hosen aus dem Auto. Verwirrt stolperte ich geradeaus, ohne Plan wohin, und zog währenddessen meine Hose, so gut es ging, hoch. Dann überkam mich schlagartig der ganze Abend, die offene Bar und meine Übelkeit forderte ihren Tribut.

Das Letzte, was ich dann tat, war komplett dicht vor die Eingangstür des Gymnasiums zu kotzen. Selten hatte ich mich so übergeben müssen, aber es tat gut.

Danach schliefen Josephine und ich die Nacht im Auto. Am nächsten Morgen fuhr ich sie heim, entschuldigte mich für die Nacht und meinen unrühmlichen Abgang. Sie meinte, das wäre doch kein Problem, und küsste mich zärtlich auf die Backe. Dann stieg sie aus. Die Sonne schien und ich schaute ihr noch nach, bis sie in der Haustür verschwunden war. Es war so ein typisches Einfamilienhaus, von denen es viele bei uns auf dem Land gab. Eins glich dem anderen und versprühte neben sterilem Pragmatismus die Hoffnung auf ein geordnetes und sorgenfreies Leben. Als ich versuchte, den Motor meines Autos wieder anzumachen, überkam mich eine solche Traurigkeit, dass ich erst einmal meinen Tränen freien Lauf lassen musste und ich mich gut 20 Minuten nicht rühren wollte.

Ich war erschöpft und eigentlich hätte ich in diesem Moment nichts lieber getan, als Josephine hinterher zu laufen, um ihr zu sagen, wie sehr ich sie liebte, und dass ich mir genau dieses Leben in diesem Reihenhaus mit ihr wünschte. Aber nichts davon tat ich, ganz im Gegenteil.

Josephine habe ich danach nur noch ein paar Mal auf irgendwelchen Partys und Geburtstagsfeiern wiedergetroffen. Da war ich schon längst durch Chris aus meinem Abijahrgang ersetzt worden. Wahrscheinlich, so stellte ich mir vor, lebten sie jetzt auch das Leben, dass ich mir im Auto, gerade als ich den Motor anmachen wollte, erträumt hatte.

Als Belohnung für mein Abitur bekam ich von meinen Eltern für mehrere Wochen eins unserer drei Autos spendiert, so dass ich mich frei bewegen und die Zeit mit meinen Freunden und ‚Kameraden‘ verbringen konnte. Nur komischerweise wollte ich das gar nicht, sondern verbrachte die meiste Zeit damit, sinnlos in der Gegend herumzutingeln. Ich hatte aber ständig einen gepackten Koffer im Kofferraum mit all den Dingen, die man braucht, um mindestens eine Woche gut über die Runden zu kommen. Genügend frische Unterwäsche, Wechselklamotten, Reisepass, Handtuch, Badehose, Schlafsack und auch das Geld, das ich von meinen Großeltern zum Abschluss bekommen hatte. Das war eine richtige Stange Geld, das ihre Rente eigentlich nicht hergab, dachte ich mir. Aber annehmen musste ich das Geschenk natürlich trotzdem, um sie nicht zu beleidigen.

Ich liebte es, das Auto meiner Eltern zu fahren. Es fehlte mir nur irgendwie der Plan. Es wollte mir auch einfach nichts einfallen oder wo ich hätte hinfahren können oder was ich mit dem Geld hätte machen können, bis ich dann sozusagen, wie das Leben oft spielt, überrumpelt und ins Leben gestoßen wurde.

SUCCUBUS