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Eine Coming-of-Age-Geschichte aus den 1990er-Jahren Die 16-jährige Tari und ihre Clique jonglieren mit dem Drang nach Leben und dem zur Selbstzerstörung, erleben Freundschaft und Verrat, Liebe und Verlust, Sex und Macht. Und unter der Oberfläche verbergen sich viel tiefere Abgründe, als es zunächst scheint. Ein Roman der Edition Scharf des Baltrum Verlags. Mehr aus unserem Buchtprogramm finden Sie auf unserer Webseite.
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Seitenzahl: 196
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Loop
Von Katja Decher
Buchbeschreibung:
Eine Coming-of-Age-Geschichte aus den 1990er-Jahren
Die 16-jährige Tari und ihre Clique jonglieren mit dem Drang nach Leben und dem zur Selbstzerstörung, erleben Freundschaft und Verrat, Liebe und Verlust, Sex und Macht. Und unter der Oberfläche verbergen sich viel tiefere Abgründe, als es zunächst scheint.
Über die Autorin:
Katja Decher wurde 1980 in Alsfeld (Oberhessen) geboren, wo sie auch aufgewachsen ist. Aktuell wohnt sie in Mannheim und arbeitet als Redakteurin in Teilzeit für eine Tageszeitung sowie als freie Journalistin und Autorin. Literarisch aktiv ist sie seit ihrem Germanistik-Studium in Köln.
Loop
das Leben feiern
Von Katja Decher
Baltrum Verlag GbR
Weststraße 5
67454 Haßloch
Baltrum Verlag
www.baltrum-verlag.de
Impressum
©2020 Baltrum Verlag GbR
BV 2111 – Loop – das Leben feiern
Umschlaggestaltung: Baltrum Verlag GbR
Bild Rückseite: Marcelle Wortmann
Lektorat, Korrektorat: Baltrum Verlag GbR
Herausgeber: Baltrum Verlag GbR
Verlag: Baltrum Verlag GbR,
Weststraße 5, 67454 Haßloch
Internet: www.baltrum-verlag.de
E-Mail: [email protected]
Druck: epubli – ein Service der neopubli GmbH, Berlin
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Loop – das Leben feiern
Inhalt
I. Yang
II. Es dreht sich alles
III. Yin
IV. Epilog
Personen
Tari (16): Sie ist sensibel, romantisch, treu, offen, kreativ, verspielt und lebenslustig. Bei ihren Freunden sucht sie Halt und Geborgenheit, in Alex die große Liebe, nach der sie sich schon so lange sehnt. Sie ist noch Jungfrau.
Naomi (16): Sie ist dunkel, schön und sexy und weiß um die Wirkung ihrer üppigen Kurven. Leidenschaftlich und fordernd fackelt sie nicht lange, bevor sie Sex hat. Ihre Freundinnen sind ihr wichtig, kommt jedoch ein Mann ins Spiel, vergisst sie das mitunter schnell.
Lemon (16): Die Clique bezeichnet sie gerne als „durchgeknallt“ und „verpeilt“. Mit ihrer chaotischen und verrückten Art sorgt sie oftmals für Stimmung und Action, aber diese macht es auch schwer, hinter ihre Fassade zu blicken.
Alex (23): Er ist wild, macht gerne Party und nimmt viele, auch harte Drogen, will alles im Leben ausreizen und vor allem: Spaß haben! Die jüngeren Besucher seines früheren Stammclubs, wie Tari und ihre Clique, betrachtet er zunächst mit amüsierter Neugier.
Jannis (18): Er ist Taris bester Freund und fast so etwas wie ein großer Bruder, ruhig, zuverlässig, humorvoll, aber auch nachdenklich und manchmal melancholisch. Über sich selbst spricht er nicht so gerne und kümmert sich lieber um andere.
Natascha (18): Sie mag Tari und will ihr eine gute Freundin sein. Sie ist liebe- und verständnisvoll, rational und vernünftig, feiert aber genauso gerne in Clubs wie die Clique. Auch harte Drogen hat sie mal ausprobiert, aber wieder damit aufgehört.
Tino (18): Er möchte die Gruppe zusammenhalten und ist unglücklich in Naomi verknallt. Er trinkt kaum Alkohol, nimmt keine Drogen und würde das gerne auch seinen Freunden verbieten. Er steht Tari anfangs nicht so nah wie die anderen.
Frei
Ich mag es, wenn das
Gras hoch wächst,
die Bäume durch
die Häuser brechen
und die Elstern
auf den Dächern
tanzen.
Den Käfig, den ich
mir selbst gewebt
habe, den ich gebaut
bekommen habe,
stoße ich um, sodass er
vom Tisch fällt und
über den Boden rollt
bis in die letzte Ecke
des toten Zimmers.
Dort bleibt er liegen.
Schimmert golden.
Und der Vogel ist frei.
I. YANG
After-Hour
Der Bass dröhnt bis in Taris Kopf. Sie sitzt im Chill-out-Raum auf der obersten Stufe der treppenartig angelegten Sitzbänke, den Kopf an die Wand gelehnt, die an den House-Club grenzt. Sie lächelt, hat die Augen geschlossen. Der Fuß wippt im Takt. Da lässt sich jemand auf den Platz neben ihr fallen. »Boah, ist mir heiß!« Tari öffnet die Augen. Lemon stürzt ein Glas Wasser herunter, dann schnappt sie sich einen der herumliegenden Flyer und fächelt sich Luft zu. Mit geweiteten Pupillen sieht sie Tari an. »Da drin tropft schon wieder der Schweiß von der Decke«, sagt sie und zeigt mit dem Daumen in Richtung House-Club. »Der Sonic ist aber auch mal wieder richtig geil heute, oder?« »Ja. Die Musik ist heute eh echt der Hammer! So viel getanzt habe ich schon lange nicht mehr«, sagt Tari und legt kurz ihren Kopf auf Lemons Schulter. »Aber so langsam bin ich ganz schön fertig und meine Füße tun voll weh …« »Ach was, komm schon«, lacht Lemon und schiebt die Schulter und damit auch Taris Kopf hoch. »Nicht schlapp machen jetzt, gleich kommt noch Karotte zur After-Hour!« »Oh, cool!« Tari nimmt Lemon das Glas aus der Hand und trinkt den letzten Schluck aus. »Wo ist denn eigentlich Naomi die ganze Zeit?« »Na, was glaubst du wohl? Ich habe sie vorhin die ganze Zeit mit Batschi quatschen sehen. Ich wette, die treiben’s jetzt gerade irgendwo.« Tari verzieht das Gesicht. »Die könnte doch wenigstens mal Bescheid sagen, wenn sie so lange weg ist.« »Die hat gerade ganz anderes im Kopf. Los komm, wir gehen wieder rein.« »Okay, aber ich hole noch schnell neues Wasser.« »Dann bis gleich.«
Auf dem Weg zu den Toiletten läuft Tari Chris über den Weg. »Hey, Sweetie, ich dachte schon, du wärst abgehauen, ohne dich zu verabschieden!« »Als ob ich so etwas jemals tun würde!« Tari grinst und schmiegt sich in seinen Arm. Allerdings nur kurz. »Bäh, du bist ganz nass geschwitzt.« »Na, das wärst du auch, wenn du nicht so lange Pause machen würdest.« »Ha, ha! Ich hole nur schnell Wasser, und dann geht’s weiter.« »Oh, ich komme mit.« Chris drängelt sich hinter ihr her in die Damentoilette. »Was soll das werden?« »Tu doch nicht so unschuldig!« Er zieht sie an sich und küsst sie sanft. »Ich finde, ich konnte mich heute bisher viel zu wenig um dich kümmern …« Tari lächelt. »Du meinst wohl, du möchtest, dass ich mich um dich kümmere, oder?« Sie lässt ihre Hand in seinen Schritt gleiten. »Mmhhh …« »Ja, das auch«, stößt Chris hervor und küsst sie wieder, diesmal weniger sanft. Er drängt sie an die Wand, und sie reiben ihre Körper aneinander. »Mensch, muss das sein? Macht mal Platz da!« Eine junge Frau steht hinter ihnen. »Kann ich heute noch mal ans Waschbecken, oder was?« »Ja, klar doch«, sagt Chris schnell und Tari kichert. »Komm«, sagt sie und zieht ihn in eine der Kabinen. »Schließ die Tür ab.« Wieder drängen sie sich aneinander. Während ihre Küsse immer wilder werden, schiebt er ihr Top und ihren BH hoch und streichelt ihre Brüste. Sie nestelt an seinem Gürtel, bis es ihr schließlich gelingt, ihn zu lösen. Dann öffnet sie seine Hose und greift nach seinem Schwanz. Er stöhnt, während sie ihre Hand langsam auf und ab gleiten lässt. »Komm, leg dich hin!« Chris bugsiert sie herum und hilft ihr, sich auf den geschlossenen Toilettensitz zu setzen und nach hinten zu lehnen. Dann hockt er sich zwischen ihre Beine und streift ihr den ohnehin kurzen Rock über die Hüfte nach oben, den Slip zur Seite. Nun ist es an ihr, zu stöhnen, als sie seine Zunge spürt. »Moment, warte mal …« Sie rutscht ein Stück weiter nach vorne und stemmt ihre Füße links und rechts von ihm an die Toilettentür. »Ja, spreiz die Beine, Schätzchen«, flüstert Chris, und Tari lacht. Er widmet sich ihr wieder, während sie mit den Händen durch sein Haar fährt. Sie kommt ziemlich schnell, und als er sie wieder auf die Füße zieht und sie umarmt, grinst er breit. »Nur nicht so selbstzufrieden, mein Lieber«, sagt sie, küsst ihn aber lange und nimmt seinen Schwanz in beide Hände. »Hier wartet wohl noch jemand auf mich.« »Oh ja …«
Danach ordnen sie in der Enge der Toilettenkabine mühsam ihre Kleider und lächeln sich an. »Hoffentlich hat uns niemand gehört«, sagt Tari. »Oh doch!«, tönt es aus der Nachbarkabine. »Und es war geil!« Schnell verlassen Chris und Tari die Kabine und gucken nach nebenan. Dort kommt ebenfalls ein Pärchen heraus. »Ach klar, der Juri, wer sonst bringt so 'nen Spruch«, sagt Chris und begrüßt den Mann mit Handschlag. »Keine Sorge, wir hatten auch unseren Spaß«, sagt Juri und wedelt mit einer Tüte weißen Pulvers vor Chris‘ Gesicht herum. »Brauchst du was?« »Ich bin versorgt, danke, Mann.« »Na dann.« Juri lässt das Tütchen in der Tasche der braunen Lederjacke verschwinden, die er über einem weißen Tank-Top trägt. Seine Begleiterin steht noch vor dem Spiegel und wischt an ihrer Nase herum. »Komm schon, ich will feiern.« Die beiden ziehen ab. »Wer war das denn?«, fragt Tari. »Ach, der Juri, der geht schon länger ins ,Loop‘ als wir. Aber er war eine ganze Weile abgetaucht, ich habe ihn ewig nicht gesehen.« »Der kommt sich ziemlich cool vor, was?«, fragt Tari, während sie sich die Hände wäscht. »Kann sein, ich kenne ihn eigentlich kaum.« Chris umarmt sie von hinten und betrachtet sie beide im Spiegel. »Ich mag übrigens deine neue Haarfarbe. Was ist das, Rotblond?« »Ja.« Er sucht ihren Blick. »Geht’s dir gut?« Sie dreht sich um und küsst ihn noch mal. »Ja, klar! Lass uns tanzen gehen!«
»Na endlich! Wo ist denn das Wasser?«, ruft Lemon ihr ins Ohr, als sie in den House-Club kommen. »Oh, sorry, das habe ich wohl irgendwie vergessen …« Tari schaut zu Chris und kichert. Lemon verdreht die Augen, muss dann aber auch lachen. »Hast du noch ein leeres Glas? Dann gehe ich was holen!« Lemon drückt Chris ein Glas in die Hand, und der trabt zurück in Richtung Wasserhahn, während sich die Mädchen durch die Menge in die Mitte der Tanzfläche schieben. »Ist Karotte schon da?«, fragt Tari. »Ich sehe auch nichts, aber hört sich so an. Ah, da sind Tino und Jannis«, sagt Lemon und zeigt auf ihre Freunde. Jannis winkt ihnen zu, aber Tino scheint zu vertieft, als dass er sie bemerken würde. Tari und Lemon bewegen sich nun ebenfalls zur Musik. Tari schließt die Augen und streckt die Arme nach oben. »Keep on jumpin‘…« Da stößt sie jemand mit der Hüfte an, und sie sieht auf. »Hey, da bist du ja endlich wieder!« Naomi tanzt nah an sie heran und küsst sie auf den Mund. Eng umschlungen bewegen sie sich einige Takte lang zusammen, bis Naomi sich wieder aus der Umarmung löst. Inzwischen hat auch Lemon die Freundin bemerkt und gesellt sich zu ihnen. »Na, wie war’s denn, du kleine Schlampe?«, fragt sie grinsend und zieht Naomi an ihren langen, schwarzen Haaren. »Ziemlich geil war’s, und du bist doch nur neidisch«, gibt diese zurück und lächelt. »Ja klar, auf Batschi, ganz bestimmt!« »Hey, Schluss jetzt!« Tari legt jeder von ihnen einen Arm um die Schultern. »Sonst verpassen wir noch Karottes ganzes Set.« Eine Weile tanzen die drei eng aneinandergedrängt, bis sich Lemon wieder mehr nach vorne bewegt. »Whooohhh!«, ruft sie und reckt ihren Arm Richtung DJ-Pult. Naomi tanzt mehr in die Mitte und gesellt sich zu Tino. Während sie sich weiter dem Rhythmus hingibt, schließt Tari wieder die Augen und lächelt. »Something‘s goin‘ on in my soul …«
Gegen 10 Uhr drängt Tino, er wolle nun fahren. »Was, schon?«, nölt Lemon, aber Tari stimmt ihm zu. »Ich bin echt im Arsch. Und ich habe meiner Mutter versprochen, zum Mittagessen zu Hause zu sein.« Naomi und Lemon lachen. »Na und, was denn?« »Also, los jetzt!«, unterbricht sie Tino, und gemeinsam mit Jannis gehen sie alle durch die sich langsam lichtenden Reihen der Tanzenden in Richtung Ausgang. Im Chill-out winken sie noch einigen Bekannten zu, bei Luke und Mela, einem sehr harmonisch wirkenden Paar, bleiben sie kurz stehen und verabschieden sich alle – bis auf die Jungs untereinander – mit Küssen auf den Mund. »Kommt ihr nächste Woche?«, fragt Luke noch und drückt Tari einen Flyer in die Hand: ,Das Loop in Kassel präsentiert: Samstag, 6. Juli 1996 – Sven Väth‘. »Ja klar, das lassen wir uns nicht entgehen«, sagt Tino. »Seht nur zu, dass ihr früh da seid, es wird total voll werden.« Luke nickt und lächelt Tari noch mal kurz an. Als die Clique die Kasse schon passiert hat und gerade die Treppe heruntergegangen ist, bleibt Tari an deren Fuß stehen. »Oh Mist, ich habe noch meine Tasche am Eingang liegen.« »Dann hole sie schnell, wir warten im Auto, okay?«, sagt Tino. »Alles klar!« Tari steigt die Treppe wieder nach oben. Als sie etwa in der Mitte ist, blickt sie auf, weil ihr jemand von oben entgegenkommt – und bleibt abrupt stehen. Seine Haare sind lang, bis auf die Schultern, blondiert, mit dunklem Ansatz und verwaschenen Blau- und Grün-Resten darin, seine Arme muskulös, sehnig, tätowiert. Er sieht sie nun ebenfalls an. Tari zuckt zusammen. Seine Augen sind dunkel und … wild. Er mustert sie aufmerksam, lächelt ein wenig schief und geht an ihr vorbei die Stufen hinunter. Sie dreht sich um und schaut ihm wie hypnotisiert hinterher. Zögernd hebt sie den Fuß, unschlüssig, in welche Richtung sie gehen soll. Sie schwankt und wäre vielleicht gefallen, wenn sie nicht jemand an der Schulter festgehalten hätte. Es ist Natascha. »Hey, Tari, was machst du denn?« »Ich, äh, keine Ahnung … Hast du den Typ gerade gesehen?« »Nur von hinten, wieso?« »Ich muss unbedingt wissen, wer das ist …« »Gefällt er dir? Keine Sorge, der kommt bestimmt nächste Woche wieder, wenn der Väth da ist.« »Meinst du echt?« Der Unbekannte ist um die Ecke verschwunden, und Tari sieht Natascha jetzt erstmals in die Augen. »Ja klar, ganz bestimmt«, sagt Natascha und schüttelt ihre langen, platinblonden Haare. Dann streichelt sie Taris Arm. »Fahrt ihr jetzt? Dann brauchst du noch deine Tasche, gell?« Sie hakt Tari unter, und gemeinsam gehen sie die Treppe weiter nach oben. Aus dem Inneren des Clubs dringen dumpf die Takte von »Finally«. Natascha verschwindet im Kassenraum und kehrt mit Taris Handtasche zurück. »Ich habe dir übrigens einige Seiten in dein Feierbuch geschrieben, gegen Morgen war der Kassendienst echt langweilig.« »Super, danke!« Tari umarmt Natascha, und sie küssen sich zum Abschied. »Bleibst du noch?« »Ja, ein bisschen tanzen will ich noch, aber ich haue auch bald ab. Dann bis nächste Woche, ja?« »Auf jeden Fall, das wird cool!«
Tari stemmt sich gegen die Tür und tritt ins Freie, aus dem Dunkel des Clubs ins helle Sonnenlicht. Es blendet sie, sodass sie für einen Moment die Augen schließen muss. Sie lächelt und genießt kurz die Wärme auf ihrem Gesicht. Dann macht sie sich auf den Weg zu Tinos Auto. Er sitzt bereits hinter dem Steuer, Jannis hat sich auf dem Beifahrersitz zusammengerollt und scheint zu schlafen. Naomi und Lemon stehen neben dem Auto und teilen sich einen Joint. Als Tari jetzt zu ihnen kommt, hält Lemon ihr den Rest hin. »Magst du den zu Ende rauchen?« »Ja, danke!« Tino kurbelt die Seitenscheibe herunter. »Wie lange braucht ihr denn noch?« »Wenn du dich nicht immer so anstellen würdest, hätten wir den auch während der Fahrt rauchen können«, antwortet Lemon. »Oh, da ist der Mario, mit dem muss ich noch kurz was klären!« »Wir beeilen uns«, sagt Tari schnell zu Tino und zieht wieder an dem Joint. »Muss das denn immer sein mit der Scheiß-Kifferei?«, schimpft der. »Ich dachte, wir sind gegen Drogen?« »Sind wir ja auch, aber so ein bisschen Gras ist doch nicht schlimm«, sagt Naomi. Tino schnaubt nur. »Was hat Lemon denn in letzter Zeit dauernd mit diesem Mario zu schaffen?«, fragt Tari. Naomi zuckt mit den Schultern. »Keine Ahnung, was sie von dem Druffi will. Ich finde es auch komisch, aber na ja.« »Sag mal, hast du eben so einen Typen rauskommen sehen, mit langen, bunten Haaren, brauner, weiter Hose und einem ärmellosen Shirt?« »Nö, wieso?« »Der sah echt hammergeil aus, ich muss unbedingt wissen, wer das ist!« »Wir schauen nächste Woche nach ihm, okay? Hast du ihn echt vorher noch nie gesehen?« »Hast du dich verknallt, oder was?« Tino grinst breit. »Ach, Quatsch!«, sagt Tari und wirft den Jointstummel auf den Boden. Die beiden Mädchen steigen ein. »Lemon!!«, schreit Tino über den Parkplatz, sodass Jannis zusammenzuckt. »Jetzt komm endlich!« »Jaa-haaaa …«
Während der Fahrt kuschelt Tari sich vorsichtig an Naomis Schulter. »Du«, flüstert sie ihr zu. »Ich glaube, ich habe mich wirklich verliebt …« Da gibt es plötzlich einen Ruck, und alle werden nach vorne in die Gurte geworfen. »Tino!!!« »Sorry, den habe ich nicht gesehen, da half nur noch eine Vollbremsung, he, he.« »Oh, Mann«, stöhnt Naomi. »Vielleicht fährst du zur Abwechslung einfach mal etwas langsamer ...« »Ach, Schwachsinn! Komm schon, sonst machst du dir doch auch nie Sorgen bei mir im Auto, oder?« Tino greift nach hinten nach Naomis Hand, aber sie entzieht sie ihm. »Guck lieber auf die Straße!« Eine Weile schweigen sie alle. »Naomi«, flüstert Tari dann wieder. »Ja?« »Ich habe das eben ernst gemeint, so was habe ich noch nie gefühlt …« »Ach, Mäuschen …«
Sterne gucken
Sie liegen auf einer Decke, die sie über Motorhaube und Windschutzscheibe des Autos gebreitet haben, Tari in der Mitte, Jannis rechts, Naomi links von ihr, und schauen hinauf in den Nachthimmel. »Ist das nicht echt schön?«, fragt Jannis. »So viele Sterne wie heute sieht man sonst selten.« »Ja«, seufzt Tari, und Naomi gluckst. »Hach, ihr seid aber romantisch heute Abend …« »Darauf trinken wir«, sagt Jannis, und sie lassen ihre Bierflaschen aneinander klingen. In der anschließenden Stille sind nur die zirpenden Grillen zu hören und, ganz leise, ein Plätschern: Der leichte Sommernachtwind bewegt sacht das Wasser des Sees, an dessen Ufer das Auto steht. »Der Himmel sieht aber wirklich wunderschön aus«, sagt Tari schließlich. »Vielleicht sehen wir ja auch eine Sternschnuppe …« »Und dann wünschst du dir den Typ vom Wochenende hierher statt Jannis und mich, oder? Das wäre doch eine super Gelegenheit, um sich endlich entjungfern zu lassen!« »Naomi!!!« »Was denn?« Naomi lacht. »Du bist 16, da wird’s ja wohl mal Zeit. Und so scharf wie du auf ihn bist? Du redest doch die ganze Zeit von ihm.« »Sag doch einfach, wenn es dir auf die Nerven geht.« »Ach, Quatsch, jetzt sei doch nicht gleich eingeschnappt.« Naomi kuschelt sich noch näher an Tari ran. Jannis räuspert sich. »Möchtest du auch etwas sagen, Jannis? Nur zu, trau dich!«, feixt Naomi. »Das erste Mal sollte schon etwas Besonderes sein, oder?«, sagt er. »Deshalb ist es doch okay, sich Zeit damit zu lassen.« »Und wie lange hast du dir Zeit gelassen? Oder wartest du etwa immer noch auf die Richtige dafür?? … Nee, oder?« Die Mädchen schauen ihn neugierig an, aber Jannis trinkt von seinem Bier und schweigt. »Nun sag doch mal …« Jannis schweigt weiter. »Meine Güte, ihr beiden seid ganz schön verklemmt!« »Ich bin überhaupt nicht verklemmt«, empört sich Tari. »Aber es kann sich ja nicht jeder mit 14 an einer Hauswand stehend entjungfern lassen.« »Echt, so war das bei dir?« Jannis setzt sich auf und guckt Naomi an. »Mit wem denn?« »Na, mit so einem Typen, mit dem ich damals zusammen war. Ich wollte das erste Mal eben endlich hinter mir haben und richtig loslegen …« »Und du hast ihn geliebt«, sagt Tari. Naomi schnaubt und nimmt einen Schluck Bier. »Ja«, sagt sie leiser. »Ich habe ihn geliebt.« »Und was ist dann passiert?«, fragt Jannis. »Ihrem Vater hat es nicht gepasst, dass Marcel so viel älter war als sie. Er …« »Ach, meinem Vater passt doch nie jemand, mit dem ich zusammen bin. Er macht doch jedes Mal so einen Aufstand.« »Ja, aber bei Marcel …« »Können wir jetzt vielleicht mal das Thema wechseln? Hast du mal 'ne Kippe?« Tari tastet in der zaghaften Helligkeit, die es von den Sternen und der schmalen Sichel des zunehmenden Mondes bis zu ihnen hinunter geschafft hat, nach ihrer angebrochenen Schachtel. »Hier.« »Danke!« Für einen Moment erhellt der warme Schein der Feuerzeugflamme Naomis Gesicht, dann kehrt die Nacht zurück. »Bevor wir über etwas anderes reden, sollten wir aber noch mal anstoßen«, sagt Jannis. »Auf das insgeheim doch romantische Herz der Naomi Schilling!« Er hält seine Bierflasche hoch und grinst Naomi an. »Keine Sorge, ich verrate es niemandem.« »Ha, ha!« Sie stoßen an. »Sag es vor allem nicht Tino«, sagt Tari. »Sonst verliebt er sich noch rettungsloser in Naomi, als er es sowieso schon ist.« »Oh Mann, wollten wir nicht das Thema wechseln?« Naomi bläst den Rauch in die Luft und guckt in die Sterne. Auch Jannis lehnt sich wieder zurück, und alle drei schauen erneut in den Himmel.
