Lord of Light - Pat Langdon - E-Book

Lord of Light E-Book

Pat Langdon

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Beschreibung

Nachdem Jenny Alvarez aus ihrem Elternhaus geflüchtet ist, trifft sie auf Drago, einem Außerirdischen, der mit weiteren Gefährten in einer unterirdischen Anlage in der Sonora Wüste/USA lebt. 2088 schlagen große Teile des erdumkreisenden Planetoiden 'Apophis' auf der Erde ein und verändern ihr Angesicht. Als sich die lebensrettenden Bunker 2100 wieder öffnen, beginnt für Jenny auf der Suche nach ihrer eigenen Identität eine Reise ins Ungewisse …

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Seitenzahl: 636

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Lord of Light

Roots

Science-Fantasy-Roman

Pat Langdon

„Wirklich gut bist du nur, wenn du einmal mehr

aufstehst, als du gefallen bist.“ (Pat Langdon)

Impressum

© Pat Landon

Cover: Pat Langdon

Bildnachweis: Pixabay

Herstellung: Bookmundo

Web-Seiten:

Autorenseite:

https://pat-langdon.hpage.com/index.html

Facebook,

https://www.facebook.com/PatLangdon777/

Über die Autorin:

Pat Langdon wurde in Bochum geboren und wuchs in Essen auf. 1981 erlernte sie den Beruf der Justizangestellten, ab 1986 den Beruf der Justizbeamtin. Privat pflegte sie ein Familienmitglied und erlangte so die SoF 11.

1995 verließ die Justizbeamtin die Essener Justizbehörden und zog ins rheinländische Siegburg. Dort entdeckte sie den Beruf des Alltagsbegleiters für sich und sammelte dabei neben ihren eigenen, auch berufliche Erfahrungen im Bereich „Palliative Begleitung“. 2019 ergänzte sie ihr Wissen durch ein Fernstudium im Bereich „Grundlagen der Psychologie“.

Weitere Bücher von Pat Langdon:

Palliative Begleitung – Abschied nehmen

ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3759726056

Zeitreise in die Vergangenheit

Am 7. Juli 1947 beherrschten Schlagzeilen aus den Vereinigten Staaten von Amerika die Weltpresse:

„UFO über Roswell/New Mexiko abgestürzt!“

Bei vielen Menschen in aller Welt löste diese Meldung Begeisterung und die wildesten Spekulationen aus. Gab es endlich einen Beweis, dass wir nicht allein im Universum waren?

Während die Menschheit diskutierte und Verschwörungstheorien entwickelte, beschäftigten sich US-Soldaten emsig damit, sämtliche Beweisstücke zum Luftwaffenstützpunkt Nelles zu bringen.

Nelles, irgendwo in der Wüste Nevadas, fernab und ungestört jedweder Zivilisation gelegen, ist besser bekannt als Area 51.

Gerüchten zufolge hatten die Einsatzkräfte nicht nur Wrackteile zur Area 51 gebracht. Es hieß, dass sie ebenso mehrere Leichen und einen Überlebenden gefunden hatten, der kurze Zeit darauf seinen Verletzungen erlag. Tage später dementierte die US-Regierung den Absturz und versuchte die Menschen davon zu überzeugen, dass es sich um die Überreste eines Wetterballons gehandelt habe. Sie erklärte die Vorkommnisse in Roswell zu einer Angelegenheit der nationalen Sicherheit und warf den Mantel des Schweigens über die Ereignisse. Diese Begebenheit fand, wie alle anderen, welche die nationale Sicherheit betrafen, ihren Eintrag in das ‚Blue Book‘. Jenes geheime Buch, das nur dem jeweiligen Präsidenten zugänglich war und ausschließlich seinen Augen vorbehalten blieb.

Die Gerüchteküche verstummte nie. Das Weltgeschehen in den 1960er-Jahren sorgte dafür, dass die Menschen Roswell vergaßen und ihre Augen sorgenvoll auf Kuba richteten.

In den Wirren und Ängsten jener Zeit gefangen, entging der Weltbevölkerung, dass nicht alles, was aussah wie ein Meteorit, der am nächtlichen Abendhimmel einen wunderschönen Hitzeschweif hinter sich herzog, auch tatsächlich einer war.  

Die meisten dieser Abstürze blieben unentdeckt. Die Überlebenden vereinigten sich auf dem Staatsgebiet der USA.

Von alldem ahnte die sechzehnjährige Jenny Alvarez nichts, als sie im Sommer 1980 nicht einschlafen konnte. Auf dem Bett in ihrem kleinen, karg und lieblos eingerichteten Zimmer wälzte die Jugendliche sich hin und her. Das zierliche Mädchen mit langen blonden Haaren und blaugrauen Augen unterdrückte ihre Tränen. Obwohl noch jung an Jahren kannte sie in ihrem Leben bereits die grausame Bedeutung von physischer und psychischer Gewalt. Der Hunger hielt sie wach. Ihr Rücken schmerzte von den Prügeln, die sie Stunden zuvor grundlos bezogen hatte. Seit ewiger Zeit schon ließ sie niemanden mehr an sich heran, blieb introvertiert und drohte an ihrem Schicksal zu zerbrechen.

Nirgendwo gab es einen Ort, an dem sie sich geborgen fühlte. In der Schule war das schmächtige Kind ein Außenseiter, das nie mitreden konnte, wenn es um Teenie-Angelegenheiten ging. Wurden im Sportunterricht Teams gewählt, rief man Jennys Namen zu allerletzt. Keiner wollte jemanden im Team, der gehandicapt war und nicht schneller laufen konnte, als ein Achtzigjähriger. Jenny hatte keine Freunde. Selbst wenn es welche gegeben hätte, niemals wäre ihr erlaubt gewesen, sie nach Hause mitzubringen. Wenn sie aus der Schule kam, war es ihre Pflicht, den nicht enden wollenden Kampf gegen die ständig nachrückenden, nervigen Heere von Staubwollmäusen, den Kampf anzusagen. Zu kochen, aufzuräumen und all die Dinge zu tun, die Teenager nicht mögen. Sie lebte allein mit ihrem Vater im Süden von Richfield im Bundesstaat Utah. Ein kleines verschlafenes Nest mit 6789 Einwohnern, das man auf dem Weg von Los Angeles nach Denver fand. Das schon baufällige und heruntergekommene Holzhäuschen lag abgeschieden weit abseits des Ortes. Jenny konnte nie mit anderen Menschen reden oder sich irgendwem anvertrauen. Dieser Umstand ließ ihr keine andere Wahl, als in diesem ungeliebten, kaltherzigen Zimmer, dessen Wände kein einziges Bild schmückte, zu verweilen und ihr trostloses Dasein zu fristen. Wenn er nur nicht immer so ausrasten würde, wenn er getrunken hatte…, dachte sie. Und seine Freunde erst. Bei diesem Gedanken fröstelte es sie sofort und ihr Körper überzog sich gänzlich mit Gänsehaut.

Stets lag eine tiefe Traurigkeit in ihr, die es ihr unmöglich machte, unbeschwerte Momente tatsächlich zu genießen. Die negativen Dinge, die sie erlebte, überwogen die positiven. Dadurch mischte sich ihre Verzweiflung mit innerer Wut, die sie jedoch nie herausließ.

Sie kam all ihren Pflichten nach und die einzige winzige Freude, die ihr blieb, war der Musik zu lauschen, die sie ein wenig träumen ließ von einer besseren Welt. Doch die reale Welt, in der sie lebte, hatte sie früh gelehrt, dass Gefühle zeigen sie angreifbar und verwundbar sein ließ. Deshalb hatte sie sich angewöhnt, ihre Empfindungen nicht mehr nach außen dringen zu lassen. In sich gekehrt, nagte die Einsamkeit unablässig an ihr. Ich wünschte, ich wäre an einem anderen Ort und müsste nie zurückkehren, dachte Jenny zum gefühlten tausendsten Mal. Genauso oft trug sie sich mit dem Gedanken, abzuhauen und alles hinter sich zu lassen. Diesen grausamen Mann, der sich Vater nannte, - aber kaum mehr war, als der von ihr abgrundtief verhasste Erzeuger. Doch wohin sollte sie? Ohne Geld kam sie nicht weit, das wusste sie. Jenny bezweifelte, dass dieser Mensch sie vermissen oder nach ihr suchen würde. Traurig schloss sie ihre Augen und versuchte etwas Ruhe zu finden.

Plötzlich spürte Jenny, dass etwas anders war als sonst. Vorsichtig, minimal blinzelnd, öffnete sie ihre Augen, um sie sofort wieder aufeinander zu pressen. Ihr Herzschlag verdreifachte sich in Sekunden und ihre Kehle vertrocknete schlagartig. Das muss ein Traum sein! Das gibt es ganz sicher nicht!, zweifelte sie. Jenny gehörte nicht gerade zu den mutigsten Menschen und hätte man sie gefragt, so hätte sie wohl geantwortet: „Mein Selbstbewusstsein füllt kaum einen Eierbecher und mein Wissen über die Welt passt auf das obere Drittel einer Briefmarkenrückseite.“ Ängstlich öffnete sie erneut ihre Augen und stellte fest, dass sie sich an einem Eingang befand. Zurückhaltend und verwirrt stand Jenny dort und wusste nicht, wie sie sich verhalten sollte. Ihre Beine zitterten leicht. Die Arme verkrampft um ihren Oberkörper geschlungen, ganz so, als könne sie sich selbst festhalten, hörte sie das Rauschen ihres Blutes, das ihr Herz jetzt zehnmal schneller durch den Körper schießen ließ, als es üblich war. Wie gelähmt, wagte sie es kaum zu atmen. Jenny schoss kurz die Augen. Ganz ruhig, sagte sie sich. Ist es nicht das, was du dir immer gewünscht hast? Du wolltest doch von Zuhause fort, dann trau dich jetzt auch. Los jetzt! Letztendlich siegte die Neugier über ihre Angst und sie begann, bewusst ihren Blick wandern zu lassen.

Das Mädchen befand sich in einem Raum, dessen Wände ein hellblau leuchtendes Licht abgaben und es schien ihr, als pulsierten sie. Nach oben hin schlug der Raum einen hohen Bogen, ähnlich eines Brückenbogens. Möbel, wie Jenny sie kannte, gab es keine. Die absolute Stille empfand Jenny als unheimlich, fast als erdrückend. Sie spürte, wie sich ihr Magen krampfhaft zusammenzog und sich ihre Härchen an den Armen aufbäumten. Zögerlich ging sie auf die vor ihr befindliche Wand zu, deren gleichmäßiges Pulsieren sie magisch anzog. Vorsichtig legte sie eine Hand an die Wand. Zu ihrem Erstaunen fühlte sie sich warm und weich an. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht, als sich diese wohlige Wärme auf sie übertrug. Ein ungewohntes Gefühl für sie.

„Hallo Jenny“, vernahm sie eine sanft und ruhig klingende Stimme. Erschrocken wirbelte Jenny herum.

„Wer sind Sie und wo bin ich?“

„Ich bin Maél und du befindest dich an einem sicheren Ort“, sprach der Fremde mit ruhig, freundlich weich klingenden Worten.

Misstrauisch beäugte Jenny Maél. Er sah ungewöhnlich anders aus. Maél war 1,97 m groß, besaß keine Haare und dort wo die Ohrmuscheln hätten sein sollen, befand sich lediglich ein Loch von der Größe eines 1-Cent-Stückes. Sein Körper schimmerte durch ein langes, bis zum Boden reichendes Gewand, leicht bläulich-gelb. Diese imposante Erscheinung schüchterte Jenny derart ein, dass sie es zunächst nicht wagte, nach dem ‚Wer und Wie‘ zu fragen.

„Es besteht kein Grund zur Furcht Jenny.“

Sprachlos stand Jenny eine ganze Weile wie angewurzelt da und starrte Maél an. Sie holte tief Luft und überwand ihre Starre.

„Wer sind Sie und wie komme ich hierher?“

„Du bist hier, weil du mich gerufen hast. Was deine zweite Frage nach dem Wie betrifft: Weißt du, was Teleportation ist?“

„Nein, keine Ahnung.“ Jenny schüttelte aufgeregt mit dem Kopf.

„Ich soll Sie gerufen haben? Ich kenne Sie doch gar nicht! Dann ist es also kein Traum?“ Jennys Stimme überschlug sich fast.

„Doch Jenny, wir kennen uns, - du hast es nur vergessen. Ich versichere dir: Es ist kein Traum.“

„Aber woher?“, fragte Jenny nachbohrend.

„Es ist nicht an der Zeit, diese Frage zu beantworten und es bedarf der förmlichen Anrede nicht. Du solltest dich setzen.“ Jenny setzte sich mit größtmöglichem Abstand zu Maél in eine Art Sessel, der sich ihrem Körper unverzüglich perfekt anpasste.

„Es ist mir nicht erlaubt, dir zu erklären, wer ich bin, wer du bist und wohin dich dein Weg noch führen wird. All diese Dinge wirst du selbst auf deinem soeben erst begonnenen Weg, deiner noch sehr lang andauernden Reise herausfinden müssen.“ „

Wenn Sie mir nichts sagen dürfen, warum bin ich dann hier?“, fragte Jenny missmutig.

„Weil es für den Augenblick wichtiger ist, dir etwas zurückzugeben, dass du verloren hast: Hoffnung!“

„Hoffnung? – Hoffnung ist was für Träumer“, erklärte Jenny verächtlich und unterstützte ihre Worte durch eine abwertende Handbewegung.

„Zum Träumen hab ich keine Zeit! Ich möchte viel lieber aufwachen aus diesem Albtraum, aber nicht mal das gelingt mir! Aber was wissen Sie schon davon.“

„Niemandem sollte widerfahren, was dir widerfährt und dieses Leben, das du derzeit gezwungen bist zu leben, war niemals für dich vorgesehen. Umso wichtiger ist es nun für dich, deine Stärken zu entdecken, damit du dich aus deiner Zwangslage befreien kannst.“

Obwohl Maél ruhig mit ihr sprach, beobachtete Jenny ihn misstrauisch. Er hat eine merkwürdige Art sich auszudrücken, dachte sie.

„Ach, und wie soll ich das bitte anstellen? Ohne Geld kommt man in meiner Welt nicht allzu weit, – und wo sollte ich schon hin? Was heißt, es war nicht für mich vorgesehen? Was kann ich schon ausrichten gegen Erwachsene, die viel stärker sind als ich?“

„Im Augenblick kannst du sicherlich nichts gegen deine Peiniger tun, doch ich versichere dir, dass du einen Weg finden wirst, dir euer Zahlungsmittel zu besorgen. Wenn du in seinen Besitz gelangt bist, wirst du fortgehen. Du bist etwas ganz Besonderes, dessen musst du dir bewusst werden. Die Kraft, die du brauchst, sie liegt in dir. Wohin du gehen wirst? Nun, für den Moment bist du bei mir. Doch ich will dir einen kleinen Ausblick auf einen Ort gewähren, an dem du einmal sein wirst.“

Maél bewegte seinen linken Arm in einem hohen Bogen von unten rechts nach links. Wenige Augenblicke später erschien ein holografisch dargestelltes Planetensystem.

„Kennst du es?“, wollte Maél wissen.

„Das ist der Andromedanebel“, platzte es aus Jenny staunend heraus.

„Richtig! Innerhalb dieses Nebels gibt es einen Planeten Namens Sodion. Dort wirst du in noch fernerer Zukunft sein.“ Jenny zog die Augenbrauen hoch und kräuselte die Stirn.

„Mhm, das soll ich glauben? Das meinen Sie doch nicht ernst?“

Doch Maéls Schweigen zeigte Jenny, dass er meinte, was er gesagt hatte.

„Sie werfen für mich mehr Fragen auf, als Sie mir beantworten. Bis die Menschen in der Lage sind, dort hinzufliegen, bin ich längst auf einer ganz anderen Art im Universum. Wenn Sie ein Kind hätten und ihm von einer solchen Reise erzählen würden, würden Sie ernsthaft erwarten, dass es Ihnen glaubt?“

Maél schmunzelte leicht.

„Ich erinnere nicht, gesagt zu haben, mit wem oder wie du nach Sodion gelangst. Mein Sohn Lísan würde es mir ohne jeden Zweifel glauben, denn er kennt diese Welten bereits.“

Jenny schmunzelte. Ahh, er hat also einen Sohn namens Lísan, ging es ihr durch den Kopf.

„Ist Ihre Welt so wie meine?“, wollte Jenny wissen.

„Jetzt begibst du dich auf den dir vorbestimmten Weg! Es ist wichtig, dass du die Dinge in einem größeren Zusammenhang siehst. Lerne und beginne zu verstehen. Die Erde ist nur ein winziger Teil des Gesamten und sie ähnelt nicht im Geringsten meiner Welt. Meine Heimat ist friedlich. Niemals zieht es einer von uns in Betracht, einem Anderen Gewalt anzutun oder ihn aus unserer Gemeinschaft derart auszuschließen. Wir fühlen uns mit unserer Welt verbunden, die in violettes Licht getaucht ist und die für uns sorgt. Wir sorgen füreinander und sind mental miteinander verbunden. So wie du und ich es von nun an sind. Ich werde dich entführen in unser Universum, dir zeigen, dass es mehr gibt, als nur die bloße Existenz.“

Ungläubig lauschte Jenny seinen Worten. Sie hibbelte dabei auf ihrem Sitz herum und wusste nicht wohin mit ihren Händen. Gleich werde ich wach und alles war nur ein Traum! Das ist einfach zu schön, um wahr zu sein!, dachte Jenny zweifelnd. Doch dem war nicht so. Unbeirrt begann Maél mit seinen Erzählungen. Jenny wagte es nicht, ihn zu unterbrechen.

Während Maél ihr von Dingen erzählte, von denen sie nie zuvor gehört hatte, die sie in Erstaunen versetzten, wurde das sonst so schüchterne Mädchen entspannter und ruhiger. Mit verstreichender Zeit, sorgte der gleichmäßige Klang seiner Stimme dafür, dass Maél Jenny vertrauter erschien und sie sich sogar bei ihm geborgen fühlen konnte.

Aufmerksam hörte sie zu. Kein Wort sollte ihr entgehen, während Maél ihr von einem friedlichen Planetensystem erzählte, das es in den Weiten des Universums gab. Er vermied es, Namen und Daten zu nennen. Jenny versank in der aus Worten gezeichneten Bilderflut einer ihr fremden Welt.

Maél vermied es, weitere persönliche Informationen preiszugeben. Doch er erzählte Jenny von Einem, der kommen, und sie auf den ihr vorbestimmten Weg zurückführen würde.

„Es ist unerlässlich, dass du diese Dinge nicht vergisst! Dein Leben wird sich an einem ganz bestimmten Tag grundlegend ändern. Du musst durchhalten, um jeden Preis! Niemals darfst du vergessen: Warte auf jenen, der eins sein wird mit dir. Er wird kommen! Du musst auf ihn warten, gleich, wie lange es dauert!“, mahnte Maél eindringlich.

„Woher soll ich wissen, welcher Tag es ist? Können Sie mir nicht wenigstens sagen, wie er heißt und wer es ist? Wie sieht er denn aus?“

„Ich sagte, es ist mir nicht erlaubt, dir mehr preiszugeben. Du wirst ihn erkennen. Er wird dich finden. Lerne zu vertrauen, Jenny.“

„Irgendwie finde ich das alles äußerst merkwürdig, Maél. Sie können in die Zukunft sehen und sie mir zeigen, aber Sie dürfen mir keine Namen nennen? Ich weiß echt nicht, was ich davon halten soll.“

Maél schwieg.

„Ich kann wirklich nicht hierbleiben?“, fragte Jenny traurig, fast flehend und begann heftig zu schlucken. Fürchtete sie doch den Verlust ihres neu gewonnenen Freundes und die Rückkehr in ihren unsichtbaren Kerker der Einsamkeit.

Maél lächelte sie an, nahm ihre Hand, streichelte sie sanft. Jenny spürte eine wohlige Wärme auf sich übergehen, die sie durchflutete.

„Dein Weg hat soeben erst begonnen. Dies ist noch kein Ort, an dem du auf Dauer verweilen darfst!“

„Dann werden wir uns niemals wiedersehen?“ Das zierliche Mädchen schluckte erneut und war den Tränen nahe.

„Doch das werden wir, vertraue darauf!“

Maél besuchte Jenny wie versprochen regelmäßig, was nichts daran änderte, dass ihr Leben ein Albtraum blieb. Ihr Vertrauen zu ihm wuchs und manches Mal schlief sie in seiner Obhut ein. Während ihrer Treffen lernte Jenny von Maél. Wissen, das ihr niemand nehmen konnte. Obwohl ihr des Öfteren der Kopf nur so rauchte, sog sie all das Neue gierig auf wie ein ausgetrockneter Schwamm das Wasser. Maél eröffnete ihr eine Welt, die den traurigen Alltag ihres erbärmlichen Lebens erträglicher werden ließ und den sie zwei Jahre durchhielt. Sie diskutierten häufig und lange. Nur, wenn sie über die Menschen sprachen, stritten sie heftig und wurden sich nie einig.

Diese Jahre verstrichen langsam, fast kriechend. Jenny nutzte sie, um heimlich Geld zu verdienen und es gut zu verstecken, damit ihr Vater es nicht fand. Ständig dem Rausch des Alkohols verfallen, bekam er von ihren geheimen Aktivitäten nichts mit. Insgeheim malte sie sich in den schillerndsten Farben aus, was sie alles tun könnte, wenn sie ihr Gefängnis endlich hinter sich lassen konnte. Sie begann zu lesen, und den Inhalt der Bücher in sich aufzusaugen. Zunehmend gefiel es ihr, zu lernen und das Gelernte umzusetzen.

Jenny hatte abermals die ganze Nacht wach gelegen. So sehr sie es sich wünschte, - Maél erschien seit zwei Monaten nicht mehr. Dieser Umstand verschlimmerte ihre Lage und sie wurde von Tag zu Tag verzweifelter.

Als die Jugendliche das erste Tageslicht an diesem Frühsommermorgen im Jahr 1982 wahrnahm, packte sie leise eine kleine Tasche. Aufgeregt, das Herz bis zum Hals pochend, holte das ersparte Geld aus seinem Versteck und schlich auf Zehenspitzen aus dem Haus. Vor Wochen schon hatte sie einen Fahrplan der Greyhound-Buslinien besorgt. Der Busbahnhof lag einige Kilometer entfernt. Sie musste laufen, erschien ihr Trampen doch zu gefährlich. Jenny drehte sich nicht um, denn: ‚Wer sich umdreht, kehrt zurück‘. Das war das Letzte, was sie wollte.

Der Weg war lang und beschwerlich. Abermals zeigte ihr ihre Gebehinderung Grenzen auf. Doch aufgeben kam für sie keinesfalls infrage. So lief sie langsam, mit gleichmäßigen Schritten, gleich eines tickenden Schweizer Uhrwerks, die Straßen entlang. Der Geruch von Freiheit trieb sie unvermindert an und die Hoffnung auf ein besseres Leben, fort von ihrem einstigen Gefängnis. Gegen 12 Uhr mittags erreichte sie endlich den Busbahnhof, in dem es von Menschen nur so wimmelte. Jenny versuchte das laute Stimmengewirr zu ignorieren und arbeitete sich, in der Warteschlange stehend, bis zum Schalter vor.

„Ein Ticket nach New York bitte.“

„Hin und Rück, Miss?“

„Nein, Sir. Bitte nur One Way.“ „Macht 85 Dollar, Miss.“

Jenny beglich die geforderte Summe wortlos. Der vollbärtige Ticketverkäufer stempelte ihr Ticket, schob es ihr zu, ohne sie eines Blickes zu würdigen.

„Bahnsteig Sieben, Miss. Sie müssen sich beeilen. Ihr Bus geht in vier Minuten.“

„Ich danke Ihnen“, sagte Jenny höflich und lief los. Auf den letzten Drücker erreichte sie den komfortablen Greyhound-Bus. Erschöpft, aber zutiefst erleichtert, es geschafft zu haben, ließ sich Jenny in einen, der mit rotem Samt überzogen Sitze fallen. Während ihre Beine vor Erschöpfung zitterten , fuhr der Bus, der etwa vier Tage unterwegs sein würde, um die 2247 Meilen zurückzulegen, endlich los. Jenny keinen Blick für die Schönheit der Landschaft. Sie dachte nach.

Die Bronx gehörte wahrlich nicht zu den beliebtesten und angenehmsten Bezirken New Yorks. Doch der Schmelztiegel aller sozialen Schichten und Rassen war groß genug, um darin unterzutauchen und nicht gefunden zu werden. Für den Fall, dass jemand nach ihr suchen sollte, was eher unwahrscheinlich war, würde niemand sie dort vermuten.

85 Dollar, dachte Jenny. Bleiben mir 200. Wenig für einen Neuanfang, aber wird schon gehen, versuchte sie sich aufzumuntern.

Jenny ignorierte die anderen Menschen im Bus, sie wollte mit niemandem reden. Ihre Tasche mit den wenigen Habseligkeiten fest umklammert, schlief sie übermüdet ein. Die Erschöpfung forderte ihren Tribut.

Der Bus hielt nur zweimal am Tag sowie ein weiteres Mal in der Nacht, an den auf dem Weg liegenden Diners. An den Haltestellen konnten sich die Fahrgäste die Beine vertreten und etwas essen. In der Zwischenzeit wechselten die Fahrer und der Bus wurde aufgetankt.

Vier Tage darauf hielt der Bus am Busbahnhof in der Bronx. Jenny stieg aus, streckte ihre Glieder und holte tief Luft. Sie hatte es geschafft!

Neugierig sah sie sich um. Wo sollte sie jetzt hin?

Zunächst ohne Ziel lief Jenny los, sah sich die Gegend an. Die Straßen waren verdreckt, überall quollen die Mülleimer über und Jenny überkam leichter Ekel, aber da musste sie jetzt durch. Graffitis in grellen Farben schrien das Elend der Bewohner der Bronx unverhohlen heraus. Es schien, als wollten die abgemagerten und ausgezerrten Junkies, die sich an dieselben Mauern lehnten, ihren Wahrheitsgehalt noch unterstreichen.

Heiß und kalt zugleich durchfuhr es Jenny. Die Geister, die ich rief…, dachte Jenny, presste ihre Tasche enger an ihren Körper und eilte schnelleren Schrittes davon. Dreißig Meter über ihr donnerte die Hochbahn mit quietschenden Rädern in die letzte Linkskurve vor der Einfahrt in den nächsten Bahnhof. Ein Geräusch, an das sie sich erst gewöhnen musste.

Nach einiger Zeit sah sie ein weißes Haus auf dem Southern Blvd., in dessen Schaufenster ein ‚Room to rent‘ Schild ein kleines Zimmer anbot. Jenny nahm all ihren Mut zusammen und ging in die Kanzlei des dort ansässigen Strafverteidigers.

„Verzeihung Sir. Mein Name ist Jenny Alvarez. Ich habe gesehen, dass Sie ein Zimmer vermieten. Darf ich fragen, was es kostet?“

„Guten Tag Miss Alvarez. Ich bin Jack, Jack Thomson“, begrüßte er sie mit einem Lächeln.

Jenny lächelte unsicher zurück.

„Das Zimmer kostet 25 die Woche. Ist nichts Besonderes, aber vielleicht reicht es Ihnen für den Anfang“, erklärte ihr Jack, dem Jennys Reisetasche nicht entgangen war.

„Kommen Sie, ich zeige es Ihnen gern.“

Jenny nickte und folgte Jack misstrauisch. Doch da ihr Körper förmlich nach einem weichen, gepolsterten Bett schrie, überwand sie ihre Scheu.

Eine Treppe höher angekommen öffnete Jack die quietschende Zimmertür, die ihre besten Jahre längst hinter sich hatte.

„Bitte treten Sie ein.“

Jenny betrat verhalten das Zimmer. Ein Bett, Waschbecken mit Spiegel, ein Einbauschrank, ein kleiner Fernseher, ein winziger Tisch, auf dem zwei Kochplatten standen. Der Mief abgestandener Luft schlug ihr entgegen. Nur das durch das große Fenster einfallende, wärmende Sonnenlicht ließ das Zimmerchen freundlicher erscheinen.

„25 ja?“

Jack schwieg.

„Sagen Sie, Mr. Thomson, wissen Sie vielleicht, wo ich hier Arbeit finden kann?“

„Wenn Sie die Schreibmaschine beherrschen und mit Mandanten freundlich umgehen können, dann versuchen Sie es doch bei mir.“

Jenny traute ihren Ohren nicht. Sollte sie derartiges Glück haben? Wie gut, dass sie ihr Geld in der Schulbibliothek erarbeitet und sie Schreibmaschineschreiben gelernt hatte.

„Wirklich?“

„Ich kann Ihnen allerdings nur 150 die Woche zahlen.“

Jenny verlor für einen Augenblick ihre Gesichtsfarbe. 600 Dollar sind nicht viel, um einen ganzen Monat zu bestreiten, überlegte sie. „Sagen wir, das Zimmer ist mit drin?“ Jenny schlug ein. Es war ein guter Anfang und es alles Weitere würde sich finden.

„Schön, dann geht es morgen los. Hier sind die Schlüssel. Willkommen - und einen schönen Tag noch. Ach ja, bevor ich es vergesse: Zwei Minuten von hier entfernt befindet sich der großzügig angelegte Zoo der Bronx. Wenn Sie also eine Oase zum Abschalten suchen …“

„Vielen Dank Mr. Thomson. Sie glauben nicht, wie dankbar ich Ihnen bin.“ „Schon gut, und sagen Sie einfach Jack zu mir.“

Jack verließ das Zimmer, und Jenny setzte sich auf das knarrende Bett. Sie konnte es kaum fassen.

„Yes!“, rief sie laut.

In den darauffolgenden Wochen richtete Jenny ihr Obdach behaglich ein. Die Arbeit ging ihr gut von der Hand. Obwohl ihr einige Mandanten ihres Chefs nicht geheuer waren und sie manchem von denen nicht im Dunkeln begegnen wollte, blieb Jenny stets zuvorkommend. Wenn ihr dennoch einmal einer von ihnen zu nahe kam, wurde aus ihrer höflichen Art eine etwas bestimmtere und ihr Ton eindringlicher. Eine Art Selbstschutz, von dem Jenny schnell gemerkte, dass er ihr half. Stets versuchte sie, anderen Menschen gegenüber möglichst keine Gefühle zu zeigen. Wann immer es ihre Zeit erlaubte, hielt sie sich im Zoo auf. Am liebsten saß Jenny im Regenwaldbereich. Sie genoss das Gezwitscher der Vögel, die bunte Vielfalt an Blumen und Bäumen, während sie ihr mitgebrachtes Mittagessen einnahm. Das einfallende Sonnenlicht wärmte sie. Hier fühlte sie sich frei und unbeschwert.

Zwei Jahre zogen ins Land und Jenny war zufrieden. Jack hatte sich als guter Chef erwiesen, und da seine Kanzlei weitaus besser lief, hatte er Jennys Gehalt erhöht. Doch obwohl Jack freundlich zu Jenny war, blieb sie verschlossen und in sich gekehrt, denn ihre Vergangenheit verweilte stets zugegen.

Im Herbst 1984 saß Jenny wie oft zuvor im Regenwaldbereich und starrte gedankenversunken vor sich hin.

Ein Mann setzte sich ungefragt neben sie.

„Hallo Jenny, war nicht leicht, dich zu finden!“

Wie unverschämt ist der denn?, dachte Jenny innerlich erzürnt über die unerwünschte Störung durch den Fremden.

„Junge, wenn das ‚ne Anmache werden soll, geht sie gerade voll in die Hose. Soll heißen: Verpfeif dich, aber zügig!“, fuhr Jenny den Unbekannten an, ohne ihn eines Blickes zu würdigen.

„Aber Jenny erkennst du mich nicht?“

Erst jetzt sah Jenny genauer hin, doch das freundliche Gesicht und das gesamte Aussehen des Mannes sagten ihr nichts.

„Sollte ich?“

„Ich weiß nicht genau, wie ich es dir erklären soll, aber ich war stets in deiner Nähe. Bis vor zwei Jahren jedenfalls.“

Jenny stutzte.

„Wohl kaum!“, zischte sie ungehalten.

„Ich bin Drago, und da du dich nicht mehr erinnern kannst. Wir haben einen gemeinsamen Freund: 1,97 m groß, keine Haare, fehlende Ohrmuscheln, langes Gewand und die Übersetzung seines Namens bedeutet: der Prinz.“

Jenny wirbelte herum.

„Wo immer du das herhast, es ist Vergangenheit, also lass mich in Frieden.“

„Bitte beruhige dich! Es geht nicht um die Vergangenheit, sondern um die Zukunft. Wir brauchen deine Hilfe!“

„Wer ist wir?“

„Es würde jetzt zu weit führen, dir all dies zu erklären. Für uns, aber auch für dich ist es wichtig, dass du mich begleitest! Bitte.“

Jenny starrte eine Weile wortlos vor sich hin. Wie konnte dieser Mann von Maél wissen? Ihrem Freund, an den sie lange nicht gedacht hatte; dessen Stimme sie plötzlich in sich vernahm: ´An einem bestimmten Tag wird sich dein Leben verändern. Du wirst wissen, welcher es ist´.

Misstrauisch versuchte sie, Drago abzuschätzen, der scheinbar entspannt auf der Bank saß und sie erwartungsvoll ansah. Sie schätzte, dass er um die 1,80 m groß war. Sein Gesicht, mit weichen Zügen, umrahmt von kurz geschnittenen blonden Haaren und kristallklaren saphirgrünen Augen, strahlte eine wohlwollende Ruhe aus, die Jenny anzog. Er hatte etwas an sich, das sich nicht benennen ließ, ihr dennoch gefiel. Obwohl ihr nicht wohl dabei war, nickte sie Drago zu.

„Wo soll’s denn hingehen? Ganz abgesehen davon, dass ich meine Sachen holen muss.“

„Deine Sachen befinden sich bereits in meinem Wagen. Ich habe mir erlaubt, Jack eine kleine Abfindung zu zahlen.“

Jenny musterte Drago und dachte: „ganz schön dreist“ und kräuselte missmutig die Stirn.

„Das beantwortet meine Frage nicht!“

„Es ist wesentlich einfacher, es dir zu zeigen, anstatt es zu erklären Jenny. Bitte schenke mir ein wenig Vertrauen. Ich gebe dir mein Ehrenwort! Es wird nicht dein Schaden sein.“

Jenny zog die Augenbrauen hoch, während sie noch darüber grübelte, woher sie Drago kennen sollte. „Ein – bisschen – Vertrauen“, ging ihr durch den Kopf. Doch schließlich gab sie ihren anfänglichen Widerstand auf und folgte ihm.

Die große Erleichterung war Drago anzusehen, als Jenny in seinen Wagen stieg und er endlich mit ihr abfahren konnte.

„Entspann dich! Unsere Fahrt wird einige Tage dauern!“ „Einige Tage …“, wiederholte Jenny, ohne eine genauere Erklärung zu erwarten.

Während Drago in Schweigen gehüllte, sein Wagen fast lautlos über die Straßen glitt, musterte sie ihn erneut, als wolle sie ihre erste Einschätzung seiner Person abermals bestätigt wissen.

Insgesamt strahlte seine Erscheinung etwas Beruhigendes aus, deshalb ließ sie sich in den weichen Sitz zurücksinken und die Landschaft vorbeigleiten.

Jenny zweifelte an sich: Hatte sie die richtige Entscheidung getroffen, dem Fremden zu folgen? Woher kannte sie ihn, und was ließ ihn derart vertraut erscheinen? Warum schwieg er sich aus und verweigerte ihr Antworten? Woran sollte sie sich erinnern?

In den darauffolgenden Tagen redeten die beiden über alle möglichen Dinge. Wirtschaft, Politik, die Menschen allgemein. Doch Drago blieb verschwiegen, was das Fahrtziel und seine Absichten betraf. Trotzdem fühlte sich Jenny in seiner Gegenwart zunehmend wohler. Sie schwieg sich aus, wenn Drago Dinge aus ihrer Vergangenheit wissen wollte.

Er überwiegend Nebenstraßen, und nur an den verschiedenen unumgänglichen Mautstellen erkannte Jenny, dass sie etliche Bundesstaaten durchquerten. Nach wenigen Tagen erkannte Jenny, dass das Ziel sie in den Bundesstaat Arizona zu führte. In den darauffolgenden Tagen fanden die Reisenden zueinander, und es gelang ihm sogar, Jenny zum Lachen zu bringen.

David 

Es war weit fortgeschrittene Nacht. Jenny schlief, als Drago im Bundesstaat Arizona von der Landstraße abbog, um auf unwegsamem Gelände die letzte Strecke der Reise zurückzulegen. Immer tiefer fuhr er in die menschenleere Wüste hinein. Während Jenny träumte, konnte, sah er den großen roten Felsen, der ihm den Weg nach Hause wies. Drago drückte auf einen Knopf auf seinem Armaturenbrett. Er sendete damit ein Signal. Wie aus dem Nichts erhob sich aus dem Staub ein breites containerähnliches Rechteck. Langsam fuhr Drago hinein, während sich das Tor hinter ihnen schloss, stellte er den Motor ab. Mit gleichbleibender Geschwindigkeit verschwand der Transporter erneut im Erdboden und brachte seine Gäste etliche Stockwerke tiefer, bis er sanft stoppte.

Vorsichtig berührte Drago Jenny am Arm.

„Wir sind da.“

„Wie spät ist es?“, fragte sie etwas verschlafen und rieb sich die Augen.

„Es ist späte Nacht, wird zwei Uhr sein, denke ich. Komm, ich zeige dir, wo du in Zukunft wohnen wirst!“

Jenny folgte der Aufforderung, stieg aus und folgte Drago durch die Tür, die sich vor ihnen öffnete. Sie standen mitten auf dem, mit Kupfer ausgekleideten Gang, dessen Wege nach links und rechts führten, auf denen keine Menschenseele zu sehen war. Jenny klopfte darauf und sah Drago fragend an.

„Gut gegen fremde Ohren“, meinte er nur und wies ihr den Weg, bis sie vor einer Tür stehen blieben.

„Du musst deinen Daumen auf den Scanner legen!“

Jenny folgte Dragos Anweisung und wenige Augenblicke später öffnete sich die Tür, indem sie in das Innere der Wand zur Rechten gezogen wurde. Neugierig betrat Jenny den Raum und sah sich um. Er war zweckmäßig eingerichtet und bot das Notwendigste: ein Bett, einen Schrank zu Jennys Rechten; dahinter seitlich versetzt Toilette und Dusche. Ihr Blick wanderte auf die andere Seite: ein Schreibtisch mit einem bequem aussehenden Sessel dahinter und ein überdimensional großer, an der Wand befestigter Flachbildschirm. Fragend sah sie Drago an.

„Fernsehen kann man damit ebenfalls“, grinste er.

„Ich werde dir morgen alles erklären. Jetzt solltest du dich erst einmal ausruhen und ankommen.“

„Ich würde gerne wissen,…“

„Morgen Jenny, morgen!“, wiederholte Drago und verließ mit einem ‚Gute Nacht‘ Jennys neues Zuhause.

Sie ließ sich auf ihr Bett fallen und starrte mit ausgebreiteten Armen an die Decke. Ob das alles richtig ist?, überlegte sie. 

Am nächsten Morgen war Jenny bereits angezogen, als Drago sie zum Frühstück abholte. Er hatte es in seinem, im Vergleich zu Jennys, wesentlich kleinerem Quartier vorbereitet.

„Wer hat all das gebaut, und wo sind wir überhaupt?“, fragte Jenny wissbegierig, während sie den herrlich duftenden, heißen Kaffee genoss.

„Diese Anlage war schon vor uns da. Wir haben sie nur ein wenig ausgebaut und für unsere Zwecke eingerichtet.“

„Ist das ein ehemaliges Militärgelände?“

„Nein“, erwiderte Drago kurz angebunden.

„Es wäre im Augenblick zu viel, dir alles zu erklären!“

„Aber was soll ich hier? Oder würde das jetzt auch zu weit führen, diese Frage zu beantworten?“

„Du wirst am Anfang deine Zeit in deinem Quartier verbringen und lernen!“ Drago überging ihre Provokation, ohne zu übersehen, dass sie die Augen genervt nach oben verdrehte.

„Dieses Quartier hat nicht einmal ein Fenster“, beschwerte sich Jenny, doch Drago reagierte nicht darauf.

„Wenn du die Fernbedienung deines Bildschirms benutzt, wird er dich durch eine Bibliothek führen. Die Bereiche und Unterkapitel, enthalten Wissen, das wir für dich zusammengetragen haben und das du lernen wirst. Wenn du Fragen hast, stehe ich dir jederzeit gerne zur Verfügung. Du kannst auftauchende Fragen auch direkt eingeben, indem du mit deiner Hand über die Ablage auf deinem Schreibtisch fährst. Dann erscheint eine holografische Tastatur. - Falls ich dir einen guten Rat geben darf: Vergiss, was du bei den Menschen gelernt hast und sei offen für alles.“

„Du wirst mir gerade unheimlich! Das soll jetzt mein Leben sein? Lernen, – nur lernen? Was darf ich denn sonst noch tun? Falls die Frage erlaubt ist?“

„Du wirst nichts anderes tun! Vorerst jedenfalls. Glaube mir, wenn ich dir sage, dass du vollends beschäftigt sein wirst!“

Jenny hob die Augenbrauen. Voll ätzend, dachte sie, unterließ es aber, weitere Fragen zu stellen.

In der darauffolgenden Zeit war Jenny tatsächlich nur mit Lernen beschäftigt. Bereiche wie Technik und Physik bereiteten ihr Schwierigkeiten, doch aufgeben stand für sie, schon allein, um Drago zu ärgern, nicht zur Debatte. Mit jedem erlernten Gebiet wurde ihr Ehrgeiz mehr und mehr angefacht. Denn das Erlernte bezog sich auf Planeten, Sternenkonstellationen, Raumfahrt und nährte ihre Neugierde. Nur dass sie von etlichen Planeten, Monden und Sternbildern nie zuvor gehört hatte, deshalb bombardierte sie Drago förmlich mit Fragen. Er beantwortete Frage um Frage mit einer Geduld, die ihresgleichen suchte. Wenn sie ihn jedoch fragte, ob sie an die Oberfläche darf, verneinte Drago dies vehement. Jenny glaubte, keine andere Wahl zu haben als jene, sich zu fügen. Sie lernte weiter und schwieg. 

Die Zeit verflog. Es vergingen Wochen um Wochen, Monate um Monate, Jahre um Jahre. Dekaden, in denen Jenny ihr Gedächtnis trainierte und ihr Gehirn unentwegt auf Hochtouren lief. Mit der Zeit fiel es ihr wesentlich leichter, all die Dinge über Navigation, Schiffsbautechniken und deren Bedienung aufzunehmen und zusammenzufügen.

Drago erwies sich zunehmend als guter Freund. Wenn sie, sich die Haare raufend, kurz vor der Verzweiflung stand, richtete er sie wieder auf. Er brachte das einst schüchterne Mädchen zum Lachen und in den Lernpausen betrachtete Jenny das Weltgeschehen im Fernsehen. Ab und zu gönnte sie sich den Spaß, menschliche Wissenschaftsshows anzusehen, und lächelte in sich hinein. Wenn die wüssten…, dachte sie, denn sie hatte längst begriffen, dass das Wissen, mit dem sie beschäftigt war, nicht von dieser Welt stammte. Doch bei allem Spaß bereitete ihr manch aktuelles Ereignis in der Welt draußen ernsthafte Sorgen.

Mitt Romney verlor 2012 gegen Barack Obama. 2017 wurde der Milliardär Donald Trump zum Präsidenten gewählt. Mit seinem Populismus gewann er zwar die Wahlen, jedoch nicht die Herzen der Amerikaner. Trotz seiner wechselhaften und oft nicht nachvollziehbaren Entscheidungen, wurde er 2025 erneut zum Präsidenten gewählt und trieb die Welt an den Rand des Abgrunds.

Besorgt betrachtete die Weltbevölkerung sowie die Regierungen Europas sein Treiben, griffen jedoch nicht ein. Von diesen Ereignissen abgelenkt, verhallten die eindringlichen Worte des ersten deutschen Interpolchefs Jürgen Stock. Er warnte vor einem zu großen Erstarken der Salafisten, die er nach wie vor als extreme Bedrohung ansah und von denen er bereits zu diesem Zeitpunkt ahnte, da sie vom `Islamischen Staat`, IS, unterstützt wurden. Doch seine Warnungen blieben trotz der Anschläge in Berlin, Paris und der Türkei fast ungehört. 

Jennys Selbstbewusstsein wuchs mit jedem neu erlernten Fachbereich, mit jedem Erfolg, der ihr beschieden war. Drago sparte nicht mit Lob, denn ihre Aufnahmefähigkeit und die Geschwindigkeit, mit der sie all das Wissen aufsaugte, imponierten ihm und übertrafen seine Erwartungen bei Weitem. Nur mit den merkwürdig anmutenden Sprachen, die sie lernte, tat Jenny sich wesentlich schwerer. Doch nach einiger Zeit überwand sie auch diese Hindernisse. Der Knoten in ihrer Zunge löste sich, sodass sie ‚Sitoratisch‘, ‚Katedonisch‘, ‚Quqerian‘, ‚Eturidori‘ sowie viele weitere, schließlich fließend sprach. Obwohl sie zu diesem Zeitpunkt stark bezweifelte, einen dieser verknotenden Zungenbrecher jemals zu benötigen. Sie trug ihr blondes Haar inzwischen kurz geschnitten, war stolze 1,87 m hochgewachsen und liebte lässige Kleidung. Jeans und T-Shirts, dazu leichte Sneakers. Auf Äußerlichkeiten wie Schminke und Schmuck, legte sie überhaupt keinen Wert. Außerdem bevorzugte Jenny die chinesische Küche und ließ es sich oft nicht nehmen, die vegetarischen Gerichte persönlich zuzubereiten. Begierig las sie die uralten chinesischen Schriftrollen, die sie in den buddhistischen Glauben eintauchen und verweilen ließ. Hier fand ihre Seele etwas Frieden und es schien, als könne Jenny sich mit ihrer Vergangenheit etwas versöhnen.

Viele Jahre zogen ins Land. Dekade um Dekade verrann. Doch sie fand keine Erklärung dafür, dass sie nicht mehr alterte. Ein Umstand, der ihr schwer zu schaffen machte, warf er doch unablässig die Frage nach dem ‚wer und was bin ich‘ auf. Immer öfter saß Jenny in ihrem Quartier und grübelte.

„Woran denkst du gerade?“ „

Drago, wird es mir wohl ein einziges Mal in meinem Leben vergönnt sein, dich anklopfen zu hören?“

„Komm schon Jenny, du willst doch wohl nicht behaupten, du hättest mich nicht gehört! Außerdem beantwortet das meine Frage nicht!“

„Ich denke darüber nach, warum ich mit über fünfzig aussehe, wie fünfundzwanzig und wozu das, was ich tue, gut ist.“

„Warum denkst du über Dinge nach, auf die du keinen Einfluss nehmen kannst?“

„Ach komm schon. Hast du dich etwa noch nie gefragt, wozu das, was du tust, gut ist? Wohin es führt?“

„Diese Frage stellt sich für mich nicht! Ich erfülle eine Aufgabe. Zeit ist dabei der unwichtigste aller Faktoren.“

Fragend sah Jenny Drago an, doch ihr treuer Gefährte ließ nichts weiter verlauten.

„Da du offensichtlich über zu viel Zeit verfügst, bitte ich dich mir zu folgen. Ich möchte dir etwas zeigen.“

„Gehen wir endlich nach oben?“, fragte Jenny jubelnd, während sie aufsprang.

„Nein!“

„Och Drago, wann kann ich endlich …“

„Nicht jetzt!“

Jenny presste ihre Lippen zusammen und folgte Drago schweigend einen langen Weg. Als sie endlich den Ort erreichten, den Drago für wichtig hielt, standen sie vor einer verschlossenen Tür.

„Was jetzt?“

„Diesen Raum gab es bereits, als wir hier ankamen. Er hat eine besondere Sicherung. Keiner von uns ist in der Lage, diese Tür zu öffnen und ich dachte, ein Versuch deinerseits kann zumindest nicht schaden.“

„Irgendeine Vermutung, was dahinter ist?“

Drago sah Jenny mitleidig lächelnd an.

„Jaja, schon gut“, sagte sie, während ihr Blick bereits auf den vor ihr befindlichen Glaskasten fiel.

Da sie ihn für einen einfachen biometrischen Scanner hielt, legte sie ihre Hand darauf. Einen Wimpernschlag später befand sich Jenny inmitten eines hellblau scheinenden Lichtkegels, der sie gut zwei Minuten einhüllte und all ihre biometrischen Daten sowie ihre DNA erfasste. Fasziniert von dem warmen Licht, sah Jenny nach oben. Sie konnte keine Quelle ausmachen. Es schien einfach aus dem Nichts zu kommen, und obwohl sie nicht wusste, was jetzt genau vor sich ging, spürte sie so etwas wie Vertrautheit. Die Wärme dieses Lichtes ließ keinen Platz für Furcht. Kurz darauf verschwand der Lichtkegel.

„Zutritt wird gewährt“, hörten beide eine freundlich, männlich klingende Stimme, während sich die Tür öffnete. Vorsichtig, wenngleich mit großer Neugierde, betrat Jenny den dunklen Raum, während Drago im Türrahmen stehen blieb und die eigene Wissbegierde zu bremsen versuchte.

„Siehst du irgendwo einen Lichtschalter, ich …? – Ohh, wow!“ Das Licht hatte sich eingeschaltet, bevor Jenny den Satz beendete.

„Tja, und was jetzt? Sieht so aus, als wären wir in der Abstellkammer gelandet. Schränke aus Stahl? Aber wo befinden sich die Griffe zum Öffnen? Komisch.“

Beide wollten keinesfalls glauben, dass es in einem derart gesicherten Raum nichts anderes geben sollte, als belanglose Schränke. Erwartungsvoll sah Drago Jenny an.

„Du hast absolut keine Ahnung, was du tun musst?“

„Nö, woher sollte ich? Du hast schließlich schon vor mir hier gewohnt, also müsstest du mir doch was sagen können.“

„Nur dass mir der Zutritt stets verweigert wurde.“

Jenny sah sich erneut um.

„Halloooo, einer zuhause?“

Drago lachte kopfschüttelnd und legte den Kopf grinsend auf den am Türrahmen abgestützten Ellenbogen.

„Not macht erfinderisch!“, grinste sie ihn an.

„Ich lassen dich besser allein, du machst das schon“, meinte Drago und verschwand mit einem Augenzwinkern, ehe Jenny ihn davon abhalten konnte. Die Tür verschloss sich unverzüglich hinter ihm.

„Na Super! Ich hasse Überraschungen!“

Jenny suchte mit ihren Augen langsam jeden Winkel des Raumes ab bis ihr ein kleines Zeichen auffiel. Klein und unscheinbar schien es eingraviert zu sein. Ohne die Bedeutung zu kennen, drückte Jenny vorsichtig darauf. Doch es tat sich nichts. Zweiter Versuch, diesmal presste Jenny mit wesentlich größerem Kraftaufwand. Sie schob das Zeichen tief in die Wand hinein. Kaum war es verschwunden, ertönte ein Surren. Aus der vermeintlichen Wand rechts von ihr erschien ein Board, ein in die Wand eingelassener, überdimensionaler Bildschirm wurde ebenfalls sichtbar.

„Aha, da kommen wir der Sache doch schon näher“, murmelte sie und betrachtete die Eingabetastatur genauer. „Noch ein Scanner?“, flüsterte sie, während sie mutig und zugleich erwartungsvoll ihre rechte Hand darauf legte. Nach kurzer Zeit leuchtete der Bildschirm bläulich auf, doch zu sehen gab es nichts.

„Willkommen!“, hörte Jenny dieselbe Stimme sagen, die ihr zuvor den gewährten Zutritt verkündet hatte. Verdutzt kniff Jenny die Augen leicht zu, runzelte die Stirn und verzog den Mundwinkel.

„Ja, äh … danke. Aber wer spricht mit mir?“, fragte Jenny zögerlich.

„Na ich!“

„Wer bitte ist ich?“

„Na ich eben!“

Ah ja, dachte Jenny. Jetzt bin ich gleich wesentlich schlauer. „Ähm, wer oder was bist du?“, fragte sie. Ich muss vollkommen verrückt sein, mit einer Tastatur zu reden, murmelte sie kopfschüttelnd.

„Ich bin eine künstliche, intelligente sowie selbstlernende Kommunikationsverbindungseinheit und ich stehe Ihnen zur Verfügung.“

„Wozu? Was soll ich mit dir machen?“

„Was immer Sie wünschen!“

„Was immer ich wünsche?“, wiederholte Jenny.

„Das ist korrekt!“

Leicht genervt fragte sie: „Verfügt dieser Raum eigentlich nur über Stehplätze?“

„Bitte definieren Sie ‚Stehplätze‘.“

Jenny huschte ein hauchdünnes Lächeln übers Gesicht, kam sie sich doch auf den Arm genommen vor. Von wegen „intelligent“; wer war so dumm nicht wissen, was ein Stehplatz war? Aber sie spielte mit.

„Ich würde gerne sitzen und nicht hier herumstehen. Dazu benötige ich etwas, auf das ich mich setzen kann. Falls du verstehst, was gemeint ist.“

Zu Jennys Erstaunen erschien binnen weniger Augenblicke ein Sessel, der nach einer holografischen Darstellung aussah.

„Das ist doch wohl ein Scherz!“

„Bitte definieren Sie ‚Scherz‘.“

Jenny runzelte die Stirn und unterdrückte krampfhaft den Drang, lauthals loszulachen. Sie streckte ihre Hand nach dem Sitz aus und erwartete, durch ihn hindurch zu greifen. Der verspürte Schmerz, belehrte sie eines Besseren, als sie die Kante traf. Vorsichtig ließ sie sich in den Sessel gleiten, jederzeit in der Erwartung, einen Wimpernschlag darauf auf dem Boden zu landen.

Hm, echt bequem, dachte Jenny. Wie auf einem Luftkissen. „Hey du, bist du noch da?“

„Selbstverständlich!“

„Wie machst du das?“

„Durch die mir eingegebenen Parameter ist es möglich …“, legte er los und schien kein Ende finden zu wollen.

Jenny verstand von alldem nicht das Geringste. Mehrfach kratze sie sich nachdenklich am Kopf und zog einige Grimassen während seines Vortrages. Sie wusste nicht, was sie davon halten sollte.

„Danke, das reicht erstmal!“

Sofort verstummte die Stimme. Fragend sah sich Jenny um und der Sessel drehte sich, ohne ihr Zutun, mit ihr.

„Ich gehe davon aus, dass wir intensiv und dauerhaft miteinander arbeiten werden. Da ich nicht gewillt bin, dauernd ‚Hey du‘ zu sagen, werde ich dir jetzt einen Namen geben.“

Jenny überlegte eine Weile.

„Von heute an heißt du: „David.“

Die Newcomer

Einige Monate zogen ins Land und Jenny verbrachte sie damit, ihre KI eingehender zu studieren. Bisher hatte sie nie etwas für Technik und Computer übrig gehabt. David war so anders, er schien lebendig zu sein und er faszinierte sie. Was immer Jenny wissen wollte, David gab auf alles eine Antwort.

Drago gewöhnte sich widerwillig daran, dass Jenny nicht gewillt war, ihm Auskünfte über David zu geben. Er vertraute darauf, dass ‚seine‘ Jenny schon wusste, was sie tat.

Abermals saß sie in dem Raum, in dem sich Davids Steuerungseinheit befand.

„David kannst du mir sagen, was über uns ist?“

„Sie können es sich ansehen, wenn Sie möchten!“

„Kannst du nicht endlich mal diese förmliche Anrede weglassen? Das nervt!“

„Wie Sie wünschen.“

Der Bildschirm vor ihr zeigte unbewohntes, grenzenloses Land, Steppe, Sand und ein paar karge Felsen. Weit und breit war kein menschliches Leben zu entdecken.

„Hast du da oben Kameras?“

„Nein, ich benutze die Satelliten der Menschen.“

„Was machst du, wenn sie das merken?“

„Werden sie nicht! Meine Technik ist der ihren weit überlegen, wie du bereits festgestellt haben wirst. Warst du etwa noch nie oben?“

„Nein, obwohl ich mir nichts mehr wünsche, aber Drago lässt mich nicht.“

„Das liegt nicht in seinem Ermessen Jenny. Er hat nur eine einzige Aufgabe zu erfüllen: dich zu schützen, gleich, wo du dich befindest!“

Nachdenklich sah Jenny auf den Bildschirm. Warum sollte es Dragos Aufgabe sein, sie zu beschützen? Meinte David damit, sie solle sich Drago etwa widersetzen? Undenkbar, - das lag jenseits ihrer Vorstellungskraft.

„Wo sind wir, und wem gehört das Land?“

„Wir befinden uns im Gebiet der Wüste Sonora. Sie gehört zu den Vereinigten Staaten von Amerika, Bundesstaat Arizona.“

„Aber wem gehört dieses Stück Land auf dem wir leben?“ „Die Sonora ist Wüstenland, sie ist in diesem Bereich unbewohnt und gehört niemandem.“

„Wir können hier tun und lassen, was wir möchten?“

„Woran denkst du?“

„An nichts Konkretes, im Augenblick jedenfalls. Wobei mir im Zusammenhang von eingesperrt sein einfällt: Ich möchte nicht ewig in diesem Raum eingepfercht sein, um mit dir zu arbeiten. Können wir nicht auf eine andere Art und Weise zusammenarbeiten?“

„An welche Art dachtest du?“

„Ich möchte, dass du ein Gesicht und einen Körper besitzt. Hältst du das für möglich?“

„Wozu sollte das dienlich sein?“

„Ganz einfach: Ich müsste nicht immer mit einer Wand reden und du könntest mich begleiten. Hierdurch hätten wir die Möglichkeit, überall miteinander zu kommunizieren. Und ganz ehrlich, ich käme mir dann nicht mehr so blöd vor.“

„Eine holografische Darstellung ist kein Problem, aber dich begleiten?“

„Für den Anfang reicht es mir, dass du antwortest, wenn du deinen Namen hörst. Hilf mir, einen Kommunikator zu entwickeln, den ich an, zumindest aber, bei mir tragen kann.“

Auf dem Board vor Jenny leuchtete einer der vielen grünen Knöpfe auf.

„Wenn es weiter nichts ist. Drück auf den leuchtenden Knopf.“

Sie tat wie ihr geraten und eine der Schranktüren öffnete sich. Sie nahm einen der dort aufgereihten runden, flachen Gegenstände in die Hand. Sieht ja nicht gerade nach viel aus, überlegte Jenny. Ein schwarzer Kreis mit weißem Hintergrund. Eine goldfarbene Eins zierte das kleine Teil von der Größe eines hauchdünnen Silberdollars. Ihrer Schätzung nach wog es nicht mehr als fünf Gramm. Mehr konnte sie von außen nicht erkennen.

„Bevor du ihn benutzt, muss ich dir etwas sagen: Einmal angelegt, kannst du ihn nicht mehr entfernen. Nie mehr! Er verbindet dich mit mir, du kannst jederzeit mit mir reden. Ich kann hören, was du sagst, und sehen, wo und in welcher Situation du dich befindest. Zu jeder Tages- und Nachtzeit. Bedenke es gut, bevor du dich entscheidest!“

Nachdenklich blickte Jenny auf den Kommunikator. Tag und Nacht beobachtet werden? Will ich das? Andererseits kann es nicht schaden, David bei mir zu haben. Im Prinzip kann ich nur gewinnen, …hoffe ich jedenfalls, sprach Jenny gedanklich mit sich selbst.

In Gedanken versunken, legte sie die kleine runde Scheibe direkt oberhalb der Brust knapp über dem Herzen an. Als das leichte Metallstück Jennys Haut berührte, schoss ein stechender Schmerz durch ihren Körper und durchflutete ihn mit Adrenalin. Jenny schnappte nach Luft, japste leicht und wollte instinktiv mit der Hand die Schmerzquelle berühren, als einen Wimpernschlag später dieses Missgefühl verschwand. Der Kommunikator verschmolz mit der Haut, sodass er kaum sichtbar war.

„Verdammt David! Spinnst du? Warum hast du mich nicht gewarnt!“

„Du hättest fragen können.“

„Ich werde es mir merken! Verlass dich drauf!“

Jenny rieb sich die Stelle, an der sie weiterhin ein leichtes Ziehen spürte. Sie blies ihre Wangen leicht auf und ließ die Luft anschließend stoßartig wieder entweichen.

„Das hätten wir. Kommen wir nun zu deinem Aussehen.“ Jenny beschrieb David das äußere Erscheinungsbild der Person, von der sie wünschte, dass sie sie dauerhaft begleiten sollte.

„Während du dabei bist, dir eine Erscheinung zu geben und dich dreidimensional zusammenzusetzen, beantworte mir eine Frage, die mich jetzt schon seit Monaten beschäftigt: Wer oder was hat dir gesagt, dass ich die richtige Person bin, mit der du zusammenarbeiten darfst?“

„Deine DNA!“

„Was hat meine DNA damit zu tun?“

„Diese Information steht im zurzeit nicht zur Verfügung!“

Ungläubig starrte Jenny auf den Monitor unmittelbar vor sich.

„Woher hast du meine DNA?“

„Diese Information steht zurzeit nicht zur Verfügung.“

„Wer hat dir gesagt, was zulässig ist und was nicht?“

„Mein Schöpfer. Er legte einst die Grundparameter für dich fest, die du weiterentwickeln kannst.“

„Hm, und dein Schöpfer ist wer?“

„Diese Information ist zurzeit nicht verfügbar.“

Verärgert blies Jenny Luft aus und zog die Augenbrauen hoch. Mit ihren Fingern spielte sie auf der Ablage Luftklavier.

„Dann muss ich mich für den Augenblick wohl damit zufriedengeben, und derweil mit Drago reden“, seufzte Jenny.

„Jenny, eine Frage gibt es da noch: Die Person, in deren Gestalt ich in Zukunft holografisch erscheinen soll; wer ist sie und ist sie etwas Besonderes für dich?“

Jenny drehte sich ruckartig um:

„Diese Information ist zurzeit nicht verfügbar!“

Schmunzelnd verließ sie den Raum und begrüßte Drago, der auf dem Flur auf sie wartete. Sie hatte ihn seit einigen Tagen nicht mehr gesehen.

„Was gibt’s?“

„Wir haben ein Problem oder genauer gesagt, sind es gleich mehrere!“

„Wir? Schon wieder Drago? Willst du mir nicht endlich sagen, wer ‚wir‘ ist? Was muss ich tun, damit du mir endlich vertraust?“ Verärgert schüttelte Jenny den Kopf. Diese Heimlichtuerei war ihr schon lange zuwider.

Erschrocken sah Drago sie an.

„Jenny, ich vertraue dir mein Leben an. Ich wollte nur nicht, dass …“

Drago sah Jennys missbilligenden Blick.

„Also gut, hör zu: Seit 1947 hat es etliche wie mich von außerhalb gegeben, die versehentlich abstürzten. Später kamen noch andere, die Zuflucht gesucht haben, hinzu.“

„Los, los Weiter“, drängelte sie.

Drago stutzte, hatte er doch eine andere Reaktion von Jenny erwartet.

„Naja“, druckste er rum.

„Sie befinden sich alle in dieser Anlage, doch leider vertragen sie sich nicht besonders gut miteinander. Sie sind einfach zu unterschiedlich. Wir haben bereits einige durch diese ewigen Streitigkeiten verloren und diesmal ist es besonders schlimm. Ich dachte, du könntest vielleicht …“

„Ich? Wieso ausgerechnet ich? Was kann ich schon ausrichten, wenn du sie nicht mehr im Griff hast! Tzzz, als wenn sie auf mich hören würden! Außerdem: Wie komm ich denn dazu? Du siehst 45 Jahre keine Notwendigkeit, mich zu informieren und jetzt soll ich dir die Kastanien aus dem Feuer holen? Du schließt mich Jahrzehnte lang aus und plötzlich haben ‚wir‘ ein Problem? Na vielen Dank auch!“, tobte Jenny laut.

„Jenny bitte. Ich habe doch nur geschwiegen, weil ich befürchtete, dass du mir nicht glaubst, wenn ich dir von Außerirdischen erzähle.“

„Ich finde es mehr als bedauerlich, dass du mich für derart kleingläubig hältst!“, tadelte Jenny und warf ihm einen vorwurfsvollen Blick zu.

„Ich habe noch nie an diesen ‚die Menschen sind die Krönung der Schöpfung‘ Schwachsinn geglaubt. Wären die Menschen allein im Universum, wäre es die größte Platzverschwendung aller Zeiten. Davon abgesehen wird nicht eine einzige Sprache, die du mich hattest lernen lassen, auf diesem Globus gesprochen. Du musst mich echt für reichlich verblödet und naiv halten.“

„Bitte Jenny; – ich weiß nicht mehr weiter. Hilf mir bitte!“, flehte Drago.

„Sind sie bewaffnet?“ „Nein. Nicht mehr jedenfalls. Aber diese verschiedenen Spezies besitzen bestimmte Fähigkeiten, die sie nutzen, und die sie zum Teil gefährlich bleiben lassen.“

„Ach und ich soll da jetzt einfach reinmarschieren und du glaubst, dass sie auf wundersame Weise tun, was ich ihnen sage?“

Jenny sah Drago kopfschüttelnd an.

„Deine Fantasie möchte ich haben, Drago, ehrlich!“

Sie lehnte sich an die Tür und einen überlegte einen Augenblick.

„Warte hier. Bin gleich zurück!“

„David?“

„Ja Jenny?“

„Sag mal bitte; du verfügst nicht zufällig über Waffen?“

Kaum hatte Jenny ausgesprochen, da öffnete sich schon die Tür zu einem Nebenraum. Der etwa 25 qm große Raum war bis an den Rand vollgestopft mit feuerkräftigen Utensilien, wie sie eine schlagkräftige Armee nicht besser hätte unterstützen können. Geräte verschiedenster Art und mit einem Aussehen, das Jenny nie zuvor gesehen hatte.

„Wieso bist du vorbereitet auf einen Krieg?“

„Diese Information steht zurzeit nicht zur Verfügung.“

Sie seufze und sah sich eine Weile hilflos um, – bis sie registrierte, dass David das Licht auf eine Handfeuerwaffe mit Gürtel gerichtet hatte.

„Diese da soll ich jetzt nehmen, ja?“

„Sie ist für dich und für deine Zwecke am besten geeignet.“

„Woher weißt du das schon wieder?“

„Ich erklärte dir doch: Ich bin überall zugegen und höre mit!“

„Und wie funktioniert dieses Teil?“, lenkte Jenny von ihrer Verwunderung ab.

„Warum ausgerechnet diese hier?“

„Sie ist leicht zu handhaben, vor allem aber ist sie DNA-gesteuert. Du allein kannst sie abfeuern, niemand anderes!“

„Ah ja, und wird sie mich stechen, wie der Kommunikator?“, fragte Jenny misstrauisch.

„Nein.“

Jenny legte den Gurt um, nahm die Waffe und betrachtete sie. Von extremer Leichtigkeit lag perfekt in ihrer Hand; wie geschaffen für sie.

„An der Unterseite befindet sich ein Sensor. Du musst ihn mit der linken Hand berühren, während sie in deiner rechten liegt.“

Jenny folgte Davids Anweisungen, bekam einen heftigen Stromschlag von etwa 45 Volt und fühlte ein Kribbeln, das sie an die Berührung eines elektrisch aufgeladenen Pullovers erinnerte.

„Ahhhh, – David verflucht! Du hast doch gesagt …“

„Du wirst lernen müssen, deine Fragen präzise und eindeutig zu stellen.“

„Sehr witzig David, herzlichen Dank auch!“

„Jenny, ich habe eine Frage, bevor du gehst: Das Hologram ist inzwischen gestaltet, aber wie soll das mit der Begleitung funktionieren?“

„Sagtest du nicht unlängst, du seist eine selbstlernende Einheit? - Lerne und finde es heraus!“

Sie schmunzelte und verließ den Raum. 

Jenny und Drago gingen eine Weile den langen Gang entlang, während Drago ihr weitere Einzelheiten über die anderen erzählte: Ausschließlich Dragos Spezies, verfügte über menschenähnliches Aussehen. Nur wer wusste, dass diese Spezies nicht von der Erde stammte, hätte die wenigen Winzigkeiten entdecken können, die sie von den Menschen unterschied. So waren Drago und dessen Gefährten die Einzigen, die in der Lage waren, sich unter den Menschen frei zu bewegen. Sie arbeiteten, verdienten somit Geld und kauften Lebensmittel für die Gemeinschaft. Die anderen waren daher gezwungen in der Anlage zu bleiben, um den Menschen nicht aufzufallen und ihre Anwesenheit somit zu verraten.

Sie durften dem Militär nicht begegnen, denn seit 1947, unmittelbar nach dem Ereignis in Roswell, gab es spezielle Einheiten, die ausschließlich dazu dienten, außerirdische Lebensformen aufzuspüren und nach Nelles zu verbringen. Dort wurden sie untersucht und studiert. Streng geheim und unter größtmöglichen Sicherheitsvorkehrungen. Einmal von diesen Einheiten eingefangen, war es nur Wenigen gelungen, ihren Häschern zu entkommen und die rettende Anlage in der Wüste Sonora zu erreichen.

Die meisten der gestrandeten Lebensformen blieben eingesperrt, waren extrem unzufrieden und ließen ihren Unmut aneinander aus.

Als Drago und Jenny endlich vor der Tür des großen Saales standen, holte Jenny tief Luft. Sie sah ihren Freund wortlos an, und dachte, ‚wenn das Mal gut geht‘!

Im Saal übertönte lautes Stimmengewirr wie in einer Bahnhofshalle, ihre Ankunft. Jenny staunte nicht schlecht, als sie all die vielen verschiedenen Gestalten sah. Sicherlich hatte sie an die Existenz anderer Lebensformen geglaubt, - eine derartige Vielfalt und Menge hatte sie hier nicht erwartet.

Es mussten an die Fünfhundert sein, wenn nicht mehr, die lauthals miteinander stritten. Jenny ließ ihren Blick über diese Geschöpfe schweifen, sie zählte auf Anhieb mehr als dreißig unterschiedliche Lebensformen, die seit den letzten siebzig Jahren unterhalb der Sonora zwangsinterniert waren.

Sie zog die Augenbrauen an und seufzte. Wie eigenartig sie aussahen. Manche besaßen vier Arme, andere drei Augen. Weitere verfügten über sechs Füße, die einer Spinne ähnlich seitlich angeordnet waren. Die Hautfarbe der verschiedenen Spezies erschien in Rot, Gelb, Grün sowie in Violett und Azurblau. Eine Farbenpracht und Vielfalt, die Jenny sofort faszinierte. Manche Gestalt unter ihnen empfand sie als eher unansehnlich. Um nicht zu sagen, nahezu hässlich – waren sie teilweise von Warzen, triefendem Schleim und Ähnlichem gezeichnet. Jenny unterdrückte ihren kurzfristigen Anflug von Ekel und ließ sich nichts anmerken.

Erneut wanderte ihr Blick über die Menge und das Erste, was ihr einfiel, war der Begriff ‚Newcomer‘. Für sie eine passende Bezeichnung für all jene, die nach Drago gekommen waren. Sie beschloss, die Außerirdischen von nun an so zu nennen.

„Was jetzt?“, fragte Jenny halblaut.

„Sag endlich was!“

Jenny versuchte es mit einem zaghaften: ‚Ruhe bitte‘, aber niemand reagierte. Im Gegenteil. Die Anwesenden begannen, sich körperlich zu attackieren, schubsten und bedrängten einander. Die Situation drohte mehr und mehr zu eskalieren.

„Siehst du, sie hören nicht auf mich! Hab ich doch gleich gesagt. Warum sollten sie auch!“

Kopfschüttelnd sah Jenny dem aggressiven Treiben zu.

„Wenn du nicht bald etwas unternimmst, wird es Tote geben! Bitte Jenny, sorge dafür, dass es aufhört!“

Jenny sah nachdenklich bedrückt auf den Boden und hielt einen Moment inne. Sie hasste es, unter Druck zu stehen und fürchtete zu versagen. Nicht zuletzt hingen erstmals von ihrem Handeln offenbar Leben ab, was die Angelegenheit zusätzlich erschwerte.

„Larocha chineé“, brüllte Jenny urplötzlich mit ungekannt harter Stimme.

Das Stimmengewirr im Saal verstummte schlagartig. Alle Streitigkeiten endeten und sämtliche Anwesenden erstarrten in ihren Bewegungen.

Ups, dachte Jenny. Volltreffer!

„Jenny, was bedeutet das?“, wollte Drago flüsternd wissen.

„Keine Ahnung! Nicht wirklich jedenfalls.“

„Bist du verrückt?“, fragte Drago vorwurfsvoll.

„Nein, ich improvisiere!“

„Jenny …“

„Nicht jetzt!“

Alle starrten sie schweigend an und Jenny erwiderte ihre Blicke, hielt ihnen stand. Langsam, mit dem Anschein von Souveränität, schritt sie durch die unverhofft respektvoll gebildete Gasse. Sofort erkannte Jenny, dass es zwei Lager gab, die sich uneins waren. Bloß keine Schwäche zeigen, raste ihr durch den Kopf. Ohne ein Wort fixierte sie allein durch ihre Art, mit der sie den gesamten Raum durchschritt, alle Anwesenden auf ihre Person. Jenny war nicht bewusst, woran das lag.

Ruckartig drehte sie sich um, stemmte ihre Hände an die Hüften und rief:

„Dürfte ich wissen, worum es bei dieser Auseinandersetzung geht?“

Keiner antwortete ihr.

„Ich frage euch, warum ihr streitet, – und ich will eine Antwort! Jetzt!“

Die Anwesenden sahen verdutzt einander an. So hatte zuvor noch niemand mit ihnen gesprochen. Nach einigen Schrecksekunden trat der Erste vor und meinte:

„Die beleidigen uns! Sagen, wir sind hässlich; – sollen sie doch woanders hingehen.“

„Euer Anblick ist für uns unerträglich! Wie ihr schon riecht! Igitt, einfach abscheulich“, tönte es von der anderen Seite. Sofort rumorte es auf dieser.

Jenny sah sich um und wandte sich an die andere Seite.

„Soso, die sind also hässlich, ja?“, provozierte sie und deutete mit einer winkenden Bewegung ihres Daumens hinter sich.

„Was ist mit euch? Ihr seid dann die Dummen oder wie?“ Jetzt rumorte es in beiden Lagern.

„Ich meine, hässlich oder nicht, liegt im Auge des Betrachters! Findet ihr nicht? Wegen eines solchen Firlefanzes seid ihr bereit, einander an die Gurgel zu gehen? Tja Tatsache, – ihr seid ohne Ausnahme die Dummen!“

Jenny legte bewusst eine kleine Pause ein und versuchte währenddessen, die Reaktionen zu deuten. Leider gaben die Blicke, die ihr entgegenschlugen, keine eindeutige Auskunft.

„Ist euch aufgefallen, dass ich nicht richtig laufen kann? Ich sehe anders aus als du und du oder du. Na und? Da ihr wild darauf seid, jemanden zu verprügeln: also los, nur zu! Wer von euch will mit mir anfangen?“

Niemand rührte sich.

„Was ist los? Ist euch die Lust vergangen oder habt ihr etwa einfach Angst vor einem ‚Mädchen‘?“

Einige in der Menge legten ihre Köpfe etwas schief, blieben jedoch stumm.

„Du!“, blieb sie vor einem der Newcomer stehen.

„Sag mir deinen Namen!“

„Shalcrac.“

Jenny sah ihn an.

„Shalcrac, hm, soso“, sinnierte Jenny.

„Ich sag dir was: Dein Name ist noch potthässlicher als dein Gesicht!“

Shalcrac ging grummelnd und brummend, mit anlaufendem Gesicht, einen bedrohlichen Schritt auf Jenny zu, doch sie wich nicht zurück.

„Was willst du jetzt tun? Mich verprügeln?“, fragte Jenny ohne den Blick von ihm abzuwenden.

„Versuche es!“

Drago indes wurde zusehends unruhiger und biss auf seine Unterlippe, obwohl Shalcrac unschlüssig stehen blieb.

„Ich bin sicher, jeder wird an seinem Gegenüber etwas auszusetzen finden! Gibt bestimmt ‚ne super Massenkeilerei! Cool! Worauf wartet ihr noch?“

Fragende Gesichter auf beiden Seiten starrten Jenny an.

„Oh, ich verstehe, das ist euch noch nicht genug! Sag, Shalcrac, habe ich dich beleidigt?“

„Ja“, grunzte er grimmig zurück und der Unmut in seinem Gesicht sprach Bände.

„Guut!“, zog Jenny lang und kehrte Shalcrac kurz den Rücken zu, um sich ihm ruckartig sofort erneut zuzuwenden.

„Hier! Töte mich!“, brüllte sie ihn an, während sie ihre Waffe mit Wucht in dessen Hand schlug. Shalcrac wusste nicht, wie ihm geschah; diese Aufforderung verunsicherte ihn.

„Was ist? Warum zögerst du? Soeben warst du doch noch ganz wild darauf, mir deine Stärke zu beweisen! Was ist mit euch anderen? Jemand Bedarf? Ich könnte allen eine Waffe in die Hand drücken! Ich bin sicher, es würde euch ohne Zweifel gelingen, euch innerhalb von drei Minuten gegenseitig über den Haufen zu schießen und einander auszulöschen! Prima! Ihr wärt alle tot - und ich hätte meine Ruhe!“