Lore-Roman 128 - Ursula Fischer - E-Book

Lore-Roman 128 E-Book

Ursula Fischer

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Beschreibung

Heidelinds unbeschwertes und sorgenfreies Leben auf Schloss Schürenberg gerät zunehmend ins Wanken, da die Familie unter großen finanziellen Schwierigkeiten leidet. Als Graf von Schürenberg gezwungen ist, nun auch die beiden geliebten Pferde seiner Tochter Heidelind zu verkaufen, ist die junge Komtess totunglücklich.Doch als sie den neuen Besitzer, Dr. Answald Kersten, kennenlernt und er ihre Lieblinge Blitz und Regenbogen bei ihr in Pflege gibt, kann Heidelind ihr Glück kaum fassen. Er zahlt nicht nur gut dafür, sondern sie darf auch so oft ausreiten, wie sie will. Zudem sieht Answald noch fabelhaft aus, und er ist wahnsinnig sympathisch. Heidelind gerät ins Schwärmen - bis herauskommt, dass der Mann für seine Großzügigkeit einen Preis verlangt ...


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Inhalt

Cover

Was kostet dein Kuss, Komtess?

Vorschau

Impressum

Was kostet dein Kuss, Komtess?

Sie wollte nichts von der Liebe wissen

Von Ursula Fischer

Heidelinds unbeschwertes und sorgenfreies Leben auf Schloss Schürenberg gerät zunehmend ins Wanken, da die Familie unter großen finanziellen Schwierigkeiten leidet. Als Graf von Schürenberg gezwungen ist, nun auch die beiden geliebten Pferde seiner Tochter Heidelind zu verkaufen, ist die junge Komtess totunglücklich. Doch als sie den neuen Besitzer, Dr. Answald Kersten, kennenlernt und er ihre Lieblinge Blitz und Regenbogen bei ihr in Pflege gibt, kann Heidelind ihr Glück kaum fassen. Er zahlt nicht nur gut dafür, sondern sie darf auch so oft ausreiten, wie sie will. Zudem sieht Answald noch fabelhaft aus, und er ist wahnsinnig sympathisch. Heidelind gerät ins Schwärmen – bis herauskommt, dass der Mann für seine Großzügigkeit einen Preis verlangt ...

Heidelind sprang aus dem Sattel, bevor ihr Pferd noch stand. Das schweißglänzende braune Fell des Tieres verriet, wie rasend sie wieder einmal über die Felder und Wiesen des Gutes gejagt sein musste.

Ihre tiefblauen Augen glänzten in heller Lebenslust, ihr goldblondes Haar war vom tollen Ritt zerzaust, als habe eine zärtliche Hand mit ihm gespielt.

Der Knecht, der ihr das Pferd abnahm, starrte sie hingerissen an.

Kein Wunder, dass man Heidelind von Schürenberg in der ganzen Umgebung nur Komtess Übermut nannte. Sie war immer zu Streichen aufgelegt, die aber niemals bösartig waren oder auf Kosten anderer gingen. Es gab wohl keinen, der sie nicht liebte. Das Gesinde auf dem Gut vergötterte sie geradezu.

»Was starrst du, mich so an, Fritz?«, fragte Heidelind lachend und strich sich mit dem Handrücken eine Welle ihres Haares aus der Stirn. »Ist irgendetwas mit mir?«

Fritz wurde rot. »Nee, Sie sind nur so schön, gnädiges Fräulein ...«

»Und du bist ein Dösbattel«, gab Heidelind burschikos zurück. »Reib mir Blitz gut ab und schütte ihm eine extra Portion Hafer in die Raufe. Heute Nachmittag sattelst du mir dann Regenbogen.«

Der Junge machte ein betretenes Gesicht und schaute auf seine großen Stiefel.

»Regenbogen?«, wiederholte er langgezogen. »Ja, wissen Sie denn gar nicht?«

»Was denn, nun red schon, Junge. Ist etwas mit Regenbogen, vielleicht krank?«

Fritz schüttelte heftig den Kopf und fuhr sich verstohlen mit dem Handrücken über die Augen. Den Kopf hatte er verschämt zur Seite gedreht.

»Ich dachte, Sie wüssten das auch, gnädiges Fräulein. Die Pferde sind weg.«

»Was heißt hier, weg?«, fragte Heidelind heftig. »Nun drück dich endlich vernünftig aus. Wo sind die Pferde?«

»Die — die hat der gnädige Herr verkauft. Alle. Und Ihren Blitz — den holen sie heute Nachmittag ab.«

»Nein!« Heidelind taumelte einen Schritt zurück, die Augen vor Entsetzen weit aufgerissen. »Du spinnst, Fritz.«

Sie riss sich zusammen und lief in den Stall, dessen Tor weit offen stand. Der Dunst nach Pferden schlug ihr entgegen, dieser Dunst, den sie so liebte, weil er ihr von Jugend an so vertraut war. Es war ein großer Stall, er bot Platz für zwei Dutzend Reitpferde. Fünf Boxen waren noch immer besetzt gewesen, jetzt standen sie leer.

»Das ist nicht möglich. Das würde Vati niemals tun«, murmelte Heidelind und trommelte mit den Fäusten gegen den Holzpfosten der ersten Box. Sie warf den Kopf in den Nacken und ging hinaus, und beim Gehen schlug sie mit dem Griff der Reitgerte gegen ihre staubigen Stiefel. Sie bot einen allerliebsten Anblick, wie sie so an dem verdatterten Fritz vorbeiging.

»Verdammter Mist«, stieß er hervor. »Dreckiger, verdammter Mist.« Er gab einem Stein, der in seiner Nähe lag, einen heftigen Fußtritt. »Die schönen Pferde ...«

Heidelind bemühte sich, nicht zu laufen, aber das gelang ihr nur die ersten Meter, dann setzten sich ihre Beine wie von selbst in Trab. Ganz außer Atem erreichte sie das wundervolle Schloss. Aber heute hatte sie keinen Blick für die prächtig geschmückte Fassade, die sie sonst immer entzückt betrachtete.

Die Pferde waren fort, und an den Pferden hing ihr Herz. Wer weiß, was Fritz verstanden hatte, er war ein bisschen dumm, vielleicht hatte Vater die Pferde nur auf die Weide bringen lassen. Allerdings wusste Heidelind, dass es sehr ungewöhnlich gewesen wäre. Aber es war doch wenigstens eine Erklärung.

So wie sie war, staubig und schweißbedeckt, stürmte sie ins Wohnzimmer. Ihre Mutter, Gräfin Schürenberg, hob den Kopf und warf ihr einen verweisenden Blick zu.

»Kannst du dich nicht wenigstens umkleiden, bevor du hierher kommst? Wie siehst du nur wieder aus!« Ganz gelang es ihr allerdings nicht, den scheltenden Ton durchzuhalten, denn Heidelind war nun einmal ihr ganzer Stolz.

»Was ist mit den Pferden?«, stieß die junge Komtess Schürenberg atemlos hervor. »Fritz hat gesagt ...«

»Nun setz dich erst einmal und reg dich nicht so auf.« Vor der Angst im Gesicht ihres Lieblingskindes senkte Gräfin Camilla den Blick. »Es tut mir ja auch leid, glaub es mir, aber Vater blieb nichts anderes übrig. Wir brauchten das Geld ganz nötig.«

»Ihr habt — ihr habt die Pferde wirklich verkauft?«, fragte die Komtess, und jetzt hätte niemand sie Komtess Übermut genannt. Ihre großen Blauaugen, die sonst so keck blitzen konnten, füllten sich langsam mit großen Tränen. »Das ist gemein von ihm«, stieß sie hervor. »Warum gerade die Pferde? Er weiß doch, wie sehr ich daran hänge. Und so viel fressen sie ja nicht. Gönnt er ihnen das bisschen Hafer nicht?«

»Es dreht sich nicht ums Fressen. Vater hat dreißigtausend Mark für die Pferde bekommen. Das hilft uns erst einmal ein Stückchen weiter.«

»Aber Blitz — den hat er nicht verkauft, nicht wahr? Mutti, es ist doch nicht wahr, dass er heute Nachmittag abgeholt werden soll.«

Camilla von Schürenberg legte ihrer Tochter besänftigend die Hand auf den Blondkopf.

»Wir haben alle verkaufen müssen«, sagte sie schwer. »Es half uns nichts. Und gerade Blitz — er ist das wertvollste Tier, das weißt du auch.«

»Ach so ...« Heidelind drehte den Kopf zur Seite und stand auf. »Geht es uns wirklich so schlecht?«, fragte sie, den Blick gegen die Tür gerichtet.

»Ja, es blieb uns nichts anderes übrig. Vielleicht, wenn die Ernte gut wird ... vielleicht können wir uns dann wieder ein Pferd halten. Aber Reitpferde sind Luxus. Und für Luxus haben wir kein Geld.«

»Ich weiß«, seufzte Heidelind.

Ihre Schwester Viktoria stand jetzt sicherlich in der Küche und kochte das Essen. Vor einem Jahr hatte man die beiden Mädchen entlassen müssen. Viel Geld bekamen sie ja nicht, aber dort, wo man mit jeder Mark rechnen musste, war es eben doch zu viel gewesen. Viktoria war in die Bresche gesprungen.

Heidelind beschloss, sich in Zukunft zu ändern. Sie würde ihrer Familie beweisen, dass man sich auch auf sie verlassen konnte, auch wenn die Leute sie Komtess Übermut nannten. Damit ist jetzt Schluss, schwor sie sich.

***

Erst am Abend sah Heidelind ihren Vater und den Bruder. Die beiden waren den ganzen Tag auf den Feldern gewesen und wirkten abgespannt und müde.

Graf Alexander warf seiner Tochter einen traurigen Blick zu, als sie ihm wie üblich einen Kuss auf die Wange gab.

»Ich musste es tun«, sagte er leise.

Heidelind saß ein Kloß in der Kehle. Wie liebte sie ihren Vati. Da stand er nun, groß, breitschultrig, und er wirkte doch so unbeholfen. Da glaubte er nun tatsächlich, sich bei ihr entschuldigen zu müssen, weil er die Pferde verkauft hatte.

»Ich bin froh, dass du es getan hast«, versicherte die junge Dame, konnte aber nicht verhindern, dass ihre Stimme dabei gefährlich schwankte. »Es gibt heute Abend etwas Gutes zu essen. Wir haben für euch Kotelett und Gemüse gemacht. Hoffentlich habt ihr ordentlichen Hunger.«

»Ich esse nicht mit. Ich fahre noch mal in die Stadt.« Joachim von Schürenberg reckte sich. Er war etwas größer als sein Vater, aber schlanker und sehniger.

»Und unser schönes Essen?«, fragte Heidelind gekränkt.

Joachim lächelte freudlos. »Das werdet ihr schon ohne mich wegputzen. Ich zieh mich nur rasch um. Du hast doch nichts dagegen, wenn ich den Wagen benutze?«, wandte er sich an seinen Vater.

»Nein, natürlich nicht. Und so viel Benzin frisst er ja auch nicht.«

»Wohin willst du denn abends immer?«, platzte Heidelind heraus. Sie wurde rot, als ihr Bruder sie ironisch anblickte. »Schließlich kann man das als Schwester ja mal fragen. Hast du eine Freundin? Kenne ich sie?«, fragte Heidelind.

Joachims Lächeln wurde eine Spur finsterer. »Bestimmt nicht. Das sind keine Leute, die du kennst.«

»Was soll das heißen?« Vater Alexander hatte sich gesetzt und entfaltete gelassen die Serviette.

»Du hast mich vollkommen richtig verstanden. Es sind Leute, mit denen die Schürenbergs an und für sich nicht verkehren würden. Keine Familie, verstehst du, wenig Erziehung, aber — sehr viel Geld.«

Eine bleierne Stille folgte seinen Worten.

»Wollt ihr nicht zulangen?«, fragte Gräfin Camilla mit verlegenem Lachen. »Das Essen wird kalt.«

Der alte Herr stand auf.

»Und du hast die Absicht, in diese Familie einzuheiraten?«, fragte er leise.

»Ja. Wenn sie mich haben wollen.« Die Ironie war unüberhörbar. »Ein kleiner Habenichts wie ich und Friedchen Warnke ... das gibt kein rechtes Gespann. Meinen die Eltern.«

»Erzähl mir von diesen Leuten. Wer sind sie?«

»Wer? Frag lieber, was sie sind. Anfangs war er Schrotthändler und hat sich dumm und dämlich verdient, dann stieg er in Baustoffe um und hat noch Öl hinzugenommen. Du müsstest seinen Namen eigentlich schon irgendwo gelesen haben. Seine Wagen fahren doch überall durch die Stadt.«

»Ach der — den Warnke meinst du. War da nicht mal ein Skandal?«

»Ja. Der alte Warnke hat ein paar Leute bestochen. Dummerweise ließ er sich dabei erwischen. Ein halbes Jahr Gefängnis mit Bewährung und zweihunderttausend Mark Geldstrafe. Ihm tat das Geld nicht weh.«

»Und du gehst zu solchen Leuten?«, fragte seine Mutter. »Joachim, das kann doch nicht dein Ernst sein. Oder liebst du dieses Mädchen etwa?«

Das Gesicht des jungen Mannes verschloss sich noch mehr.

»Liebe ist ein altmodisches Wort, das nicht in die Welt der Warnkes hineinpasst. Liebe taucht in Kontobüchern nicht auf, verstehst du, und deshalb lacht man auch nur darüber.«

Wie zynisch spricht er, dachte Heidelind entsetzt. Es war ihr, als sähe sie den Bruder zum ersten Mal.

»Du hast also die Absicht, dieses — dieses Mädchen zu heiraten?«, fragte Graf Schürenberg gepresst.

»Wenn sie mich will. Das ist noch die Frage.«

Vater Alexander ging mit schwerfällig stampfenden Schritten auf seinen Sohn zu. Jetzt, wo beide einander gegenüberstanden, sah man erst, wie ähnlich sie sich waren. In beiden Gesichtern stand der gleiche Zug unbeugsamer Härte und eiserner Entschlossenheit.

»Du wirst diese Warnke nicht heiraten«, sagte der alte Herr sehr ruhig. »Ich verbiete es dir. Die Tochter eines Mannes, der betrogen hat, der versucht hat, andere zu bestechen — nein, Joachim, so eine kommt uns nicht in die Familie.«

Der Blick des jungen Mannes wich den flammenden Augen des Vaters nicht aus.

»Kannst du mir etwas Besseres vorschlagen?«, fragte er leise.

Joachim von Schürenberg hatte Angst vor der wirklichen Armut, die ganz anders sein würde als die Scheinarmut auf Schürenberg. Er war unabhängig, er brauchte sich niemandem zu beugen, aber war er heimatlos, dann würde er den Nacken beugen müssen.

»Hör mir gut zu, Joachim.« Graf Alexander legte dem jungen Mann die Hand schwer auf die Schulter. »Ich verbiete dir, dieses Mädchen zu heiraten. Solltest du es doch tun ...« Seine Hand sank herab.

»Was dann?«, fragte Joachim kalt.

Vielleicht war es sein Ton, der den Vater aufbrachte.

»Dann habe ich keinen Sohn mehr. Dann will ich dich niemals wiedersehen. Wenn wir auch vielleicht einmal wirklich arm werden, unseren Stolz und unsere Ehre wollen wir behalten. Schämst du dich gar nicht, unseren Namen verkaufen zu wollen? Ist der Name Schürenberg eine Handelsware?«

»Heutzutage kann man alles kaufen und verkaufen. Warum nicht auch einen Titel und auch einen Namen? Die Warnkes haben alles. Geld, ein modernes Haus, Autos, ein dickes Bankkonto. Nur eins haben sie nicht: einen neuen Namen. Sie heißen immer noch Warnke. Und das, Vater, ist das Einzige, was sie noch wurmt. Du weißt wahrscheinlich nicht, wie solche Leute denken. Sie träumen von Vornehmheit. Und eine Kinderstube lässt sich nicht kaufen, aber vielleicht, so denken sie, erheiraten.«

»Du kennst meinen Standpunkt. Entweder diese Leute oder wir. Ein Zwischending gibt es nicht. Joachim, ich kenne dich nicht wieder. Du warst doch sonst nicht so. Was ist nur mit dir geschehen?«

Scheu blickte Heidelind auf den großen Bruder. Er tat ihr leid. Er befand sich auf einem falschen Weg, und der wollte es nicht einsehen. Wüsste sie doch ein Wort, das ihn erreichte, ein Wort, das ihn zurückrief und ihn zur Besinnung brachte. Dieses Wort fiel ihr nicht ein.

»Guten Appetit. Ich gehe dann, auf Wiedersehen.« Joachim schloss die Tür leise hinter sich.

»Danke, ich möchte nicht mehr.« Abwehrend hob Graf Alexander die Hand, als seine Frau ihm einen zweiten Löffel Gemüse auflegen wollte. »Ich habe keinen Hunger.«

Sie sprachen nicht mehr, über das, was eben gewesen war. Appetit hatte niemand.

***

Ein paar Abende später wollte Joachim wieder in die Stadt. Er trug den gleichen Anzug wie immer, denn er besaß keinen anderen. Für Elfriede ist er gut genug, und wenn ich erst verheiratet bin, kann ich mir auch ein paar andere Sachen leisten, dachte er.

»Du, Joachim.« Heidelind hatte vor der Garage auf ihn gewartet.

»Ich wollte dir nur sagen, dass diese — dass Fräulein Warnke einmal hier gewesen ist. Sie wollte sich das Schloss anschauen. Du erzählst ihr zu wenig.«

Der Mann runzelte die Stirn. »Davon hat Mutter mir gar nichts gesagt«, stellte er knapp fest.

Heidelind wich seinem Blick aus. »Fräulein Warnke war ja auch nicht im Schloss. Sie hat es sich nur von außen angeschaut. Ich dachte, ich müsste es dir sagen, falls sie darauf anspielt.«

»Ist gut, Kleines.« Der Mann gab ihr einen leichten Klaps auf die Schulter.

»Wie steht Vater denn jetzt zu deiner Absicht, bei den Warnkes einzuheiraten?«

»Ich habe noch nicht mit ihm darüber gesprochen. Er wird sich damit abfinden müssen, Heidelind. Aber nun will ich fahren. Meine Braut erwartet mich mit Sehnsucht«, fügte er ironisch hinzu.

Sie schaute dem davonfahrenden Wagen nach und schlenderte dann um die Garage herum auf den Feldweg. Abends ging sie gern spazieren, seitdem sie keine Pferde mehr besaß. Aber ihre Gedanken waren bei ihrem Blitz und den anderen. Ob die neuen Besitzer die kostbaren Tiere auch gut behandelten?

Schon längst hatte sie die Grenzen des Gutes hinter sich gelassen, war an ein paar Bauernhöfen vorbeigegangen und entschloss sich nach etwa einer Stunde, den Rückweg anzutreten. Müde war sie noch nicht.

In den letzten Tagen schlief sie schlecht, und das war ihr früher niemals passiert. Die Sonne hatte den Horizont erreicht, eine warme Dämmerung hüllte das Land ein und ließ es noch traulicher und lieblicher erscheinen als im klaren Licht des Tages.

Hufschlag! Heidelind wäre nicht sie selbst gewesen, hätte es sie nicht interessiert, wer um diese Zeit vorbeireiten mochte.

Der Reiter erschien ihr in der Dämmerung besonders groß. Und dann durchfuhr es sie wie ein elektrischer Schlag.

»Blitz«, flüsterte sie erstickt und rannte auf ihr Pferd zu. Ein helles, freudiges Wiehern antwortete ihr. Blitz hatte sie erkannt und ließ sich auch von dem Reiter nicht zurückhalten, auf seine ehemalige Herrin zuzulaufen.

»Blitz, mein Blitz ...«, schluchzte die kleine Komtess und schlang die Arme um den Nacken des Tieres. »Wie geht es dir, mein Guter?«

»Würde es Ihnen etwas ausmachen, mein Pferd freizugeben?«, fragte der Reiter lässig. »Die Begrüßung ist ja sehr rührend, aber mir scheint sie etwas unpassend. Wer sind Sie?«

»Wer sind Sie denn?«, fragte Heidelind zurück.

Der Mann im Sattel lachte. »Auf den Mund gefallen sind Sie nicht. Hübsch sehen Sie aus, sogar mit Tränen in den Augen.«

Heidelind stampfte mit dem Fuß auf.

»Blitz hat mir gehört. Bis vor Kurzem. Da hat Vati ihn verkauft. Haben Sie Blitz gekauft?«

»Allerdings. Dann sind Sie Komtess Schürburg.«

»Schürenberg«, verbesserte Heidelind ihn. »Ein schönes Tier, finden Sie nicht auch? Und so willig, wenn man es richtig behandelt. Sie müssen nur aufpassen, wenn Sie mit ihm über Gräben setzen. Manchmal verweigert er im letzten Moment, und dann kann es passieren, dass Sie kopfüber aus dem Sattel fliegen. Aber Sie merken schon, wenn er nicht springen will ... Und Sie dürfen ihn dann nicht schlagen, hören Sie. Es sind nur ganz breite Gräben, vor denen er Angst hat.«

»Ich weiß.« Der Reiter schmunzelte. »Ich habe nämlich auf die Art und Weise schon ein unfreiwilliges Bad genommen. Und dieser Teufel stand am Grabenrand und sah aus, als amüsiere er sich über mich.«

»Haben Sie ihn — dafür geschlagen?«, fragte Heidelind leise. Ihr Blick suchte die Flanke des Pferdes ab. Nein, Striemen hatte er nicht, aber die konnten auch schon längst wieder vergangen sein.

»Nein. Wenn ein Reiter aus dem Sattel fliegt, ist er selbst daran schuld.«

Der fremde Mann sprach ihr so recht aus dem Herzen, und sie fand ihn sehr sympathisch, obwohl ihm Blitz jetzt gehörte.

»Wo wohnen Sie?«, fragte sie in ihrer direkten Art.

»In der Stadt. Ich habe Blitz beim Bauer Murken untergestellt. Wenn ich Zeit habe, fahre ich hier heraus und bewege ihn ein bisschen. Allzu viel Zeit habe ich allerdings nicht, schließlich muss ich auch arbeiten.«

»Blitz braucht viel Bewegung. Gibt Murken ihm auch genügend zu fressen? Die Bauern sind manchmal geizig, Sie müssen aufpassen, dass er nicht am Futter spart. Und wenn Blitz erhitzt ist, darf er kein kaltes Wasser bekommen. Am besten ist es, ich spreche selbst einmal mit Murken.«

Der Reiter sprang aus dem Sattel und hielt die Zügel lässig in der Hand. Erst jetzt sah Heidelind, wie groß er war, bestimmt so groß wie Joachim. Schade, dass es schon so dunkel geworden ist, ich kann, sein Gesicht gar nicht mehr richtig erkennen, dachte sie.

Aber was sie so sah, gefiel ihr gut. Sie stand noch immer vor dem Tier und klopfte ihm den Hals. Wie gerne wäre sie selbst einmal wieder geritten, und wenn es nur fünf Minuten war.

»Wollen Sie?« Der Mann bot ihr die Zügel an. »Ich schau weg, wenn Sie sich mit Ihrem Kleid in den Sattel schwingen.«

Sehr hastig griff Heidelind nach dem Zügel. Aber dann schüttelte sie den Kopf und gab sie dem Mann zurück.

»Lieber nicht«, sagte sie leise. »So ein Ritt würde für mich alles nur viel schwerer machen. Und bestimmt haben Sie auch wenig Zeit. Sie wollen doch lieber selbst reiten.«

»Am liebsten in Ihrer Gesellschaft. Schade, dass ich nur ein Reitpferd habe, sonst würde ich Sie einladen, Komtess. Haben Sie denn keins mehr?«

»Alle weg.« Heidelind schaute auf ihre winzigen Füße. »Verkauft, Sie verstehen ...«

Der Mann nickte, obwohl er selbstverständlich nicht verstand. Voller Entzücken ruhte sein Blick auf der lieblichen, hellgekleideten Gestalt vor sich.

»Haben Sie eigentlich keine Angst, noch so spät abends hier allein herumzulaufen?«, fragte er.

»Mir tut niemand etwas. Mich kennen hier alle. Und Angst habe ich sowieso nicht. Was bezahlen Sie Murken für das Unterstellen des Pferdes?«

Der Mann schaute sie an und rieb sich mit der flachen Hand das Kinn. Er ahnte, was Heidelind durch den Kopf gehen mochte. Gab es eine bessere Pflegerin für seinen Blitz als dieses junge Geschöpf?

»Lieber wäre es mir natürlich, ich könnte Blitz in Hände geben, die ihn kennen. Und vor allem zu jemandem, der ein bisschen mehr Zeit für ihn hat.«