Lorna Doone - Richard Doddridge Blackmore - E-Book

Lorna Doone E-Book

Richard Doddridge Blackmore

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Beschreibung

Wenn jemand eine einfach erzählte Geschichte lesen mag, will ich, John Ridd, Freisasse und Ältester des Kirchsprengels Oare in der Grafschaft Somerset, versuchen, ob ich – so Gott mir Leben und Gedächtnis läßt – niederschreiben kann, was ich in hiesiger Gegend gesehen und miterlebt habe.
Wer dies Buch zur Hand nimmt, muß zweierlei beherzigen: zuvördest, daß es mein Zweck ist, den arg verleumdeten guten Ruf unseres Kirchspiels wieder herzustellen und sodann – was jeder von selbst bald merken wird – daß ich nur ein schlichter, ungelehrter Mann bin.
Fremde Zungen zu reden, nach Herrenweise, verstehe ich nicht: auch die langen Wörter meiner eigenen Sprache fallen mir schwer, wenn sie nicht in der Bibel stehen oder im Meister Shakespeare, den ich liebe und hochschätze.

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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Lorna Doone

Romantische Erzählung

von

R. D. Blackmore

Fürs Deutsche bearbeitet vonMarg. Jacobi

© 2025 Librorium Editions

ISBN : 9782385748944

INHALTSVERZEICHNIS

1. Meine Erziehung

2. Ein wichtiger Tag

3. Die Räuber und ihre Beute

4. Ein gewagtes Beginnen

5. Die Ansiedelung der Geächteten

6. Übung macht den Meister

7. Es klimmt sich schwer

8. Knabe und Mädchen

9. Eine kühne Rettung und ein gefährlicher Ritt

10. Tom Faggus

11. Ruben Huckaback tritt auf

12. Onkel Ruben ergiebt sich nicht in sein Schicksal

13. Lorna wird gefährlich

14. Ist John behext?

15. Noch eine gefahrvolle Zusammenkunft

16. Lorna erzählt ihre Geschichte

17. Ein Monat der kein Ende nehmen will

18. Eine königliche Vorladung

19. Vor dem Lord Oberrichter

20. Endlich wieder daheim

21. Die Ernte beginnt

22. Jakob Frys Auftrag

23. Werben und Gewinnen

24. Unsere Mutter erfährt alles

25. Ein waghalsiges Unternehmen

26. Gefährliche Anschläge

27. Thörichte Kinder

28. Ein Schreckenswinter

29. Noch zur Zeit

30. Lornas Halsband

31. Ein nächtlicher Überfall

32. Ein frohes und doch trauriges Wiedersehen

33. Rat Doone macht uns einen Besuch

34. Jeremias Stickles macht eine Entdeckung

35. Ein Feldzug sondergleichen

36. Lornas Wärterin

37. Herrn Huckabacks Geheimnis

38. John ist unglücklich und sucht Trost

39. Annchen weiß sich zu helfen

40. Blutige Arbeit

41. Hat Lorna sich verändert?

42. Was aus John geworden ist

43. Selbst ist der Mann

44. Eine alte Schuld wird getilgt

45. Gewonnen und verloren

46. Leben, Liebe und Lorna

Erstes Kapitel

Meine Erziehung

Wenn jemand eine einfach erzählte Geschichte lesen mag, will ich, John Ridd, Freisasse und Ältester des Kirchsprengels Oare in der Grafschaft Somerset, versuchen, ob ich – so Gott mir Leben und Gedächtnis läßt – niederschreiben kann, was ich in hiesiger Gegend gesehen und miterlebt habe.

Wer dies Buch zur Hand nimmt, muß zweierlei beherzigen: zuvördest, daß es mein Zweck ist, den arg verleumdeten guten Ruf unseres Kirchspiels wieder herzustellen und sodann – was jeder von selbst bald merken wird – daß ich nur ein schlichter, ungelehrter Mann bin.

Fremde Zungen zu reden, nach Herrenweise, verstehe ich nicht: auch die langen Wörter meiner eigenen Sprache fallen mir schwer, wenn sie nicht in der Bibel stehen oder im Meister Shakespeare, den ich liebe und hochschätze.

Mein Vater, der alte John Ridd, galt nach den Begriffen von Exmoor für einen vermöglichen Mann, denn er besaß als freies Erbe den schönsten der drei Meierhöfe, aus welchen das Kirchspiel besteht. Er war Kirchenvorsteher und wohlbestallter Vogt, hielt viel auf Gelehrsamkeit und war imstande seinen Namen zu schreiben. Mich, den einzigen Sohn, schickte er nach der alten Stadt Tiverton in der Grafschaft Devon, die nicht nur als Stapelplatz für Wollwaren berühmt war, sondern auch wegen ihrer lateinischen Schule, der größten im westlichen England, 1604 vom Tuchmacher Peter Blundell gegründet.

Als ich zwölf Jahre alt war, saß ich bereits in der höheren Abteilung, las dreist den Cäsar und Eutropius – mit Hilfe einer englischen Ausgabe – und verstand schon sechs Zeilen Ovid. Manche trauten mir zu, ich werde noch mit der Zeit in die dritte Klasse versetzt werden können. Es fehlte mir nicht an Ausdauer, doch hatte ich einen harten Kopf, wie, außer meiner Mutter, alle behaupteten. So hoch aufwärts zu streben – das sehe ich jetzt wohl ein – wäre eitler Ehrgeiz gewesen für mich Jungen vom Lande. Es gab ja nach der dritten Klasse nur noch die alleroberste, in der die klügsten und trefflichsten Schüler der ganzen Anstalt saßen.

So fügte es denn der gnädige Gott, daß ich das Studium aufgeben mußte, als ich gerade bei dem griechischen Zeitwort τύπτω (schlagen) angekommen war.

Mein ältester Enkel behauptet steif und fest, ich hätte nie φιλέω (lieben) lernen können, was noch zehn Seiten weiter im Buche steht, denn das habe er kaum fertig gebracht, trotz aller aufmunternden Schläge. Ich weiß wohl, er hat einen helleren Kopf als ich, doch an Leibeskraft wird er seinem Großvater schwerlich je gleichkommen.

Wer aber zweifeln wollte, daß ich überhaupt dort gewesen bin, weil ich jetzt so wenig weiß, der kann meinen Namen ›John Ridd‹ noch von damals her auf den Schulbänken eingekerbt finden. Sobald ich ein Messer halten und meinen Namen buchstabieren konnte, fing ich an, ihn in die Bank zu schneiden, auf der ich saß, und dann in den Tisch vor mir. Mein Enkel liest ihn dort noch heutigen Tages auf allen meinen Plätzen, und als sich ein Junge einmal darüber lustig machen wollte, hat er ihn wacker durchgebläut.

In Blundells Schule herrschten mancherlei lustige Sitten und Gebräuche, an die ich noch jetzt mit Freuden zurückdenke. Ich will hier nur als Beispiel anführen, wie es bei einer Hochflut herzugehen pflegte. Das Schulhaus liegt an einem mittelgroßen Fluß, Lowman genannt, der sich etwa eine Meile weiter unten in den breiten Exestrom ergießt. Schwillt nun der Lowman durch Regengüsse an und kommt obendrein sein wilder Geselle, der Taunton-Bach, tosend und schäumend zu ihm herabgestürzt, so umbraust er Blundells graue Steinwände von allen Seiten und setzt das Thal ringsum unter Wasser. Dann mögen die Tagesschüler zusehen, wie sie noch zum Abendbrot nach Hause kommen.

Der alte Pförtner – wir nannten ihn ›Kupfer‹ wegen seiner roten Nase – versieht sein Amt am Eingangsthor; er gibt acht auf die steigende Flut und kann Gott danken, wenn sie ihn selbst nicht mit fortspült. In der Nähe der Abzugslöcher aber hat ein Trupp Knaben Posto gefaßt, um gleichfalls den Wasserstand zu beobachten; auch steckt bald der, bald jener den Kopf zum Thor hinaus, wenn der Alte gerade ein Schnäpschen nimmt. Draußen ist der Boden schön gepflastert und der Namenszug des Stifters der Anstalt P. B. prangt dicht am Thorweg in weißen Steinen. Sobald das Wasser jene Buchstaben berührt, darf jeder Knabe, selbst der kleinste und unwissendste, in die großen Schulsäle hineinplatzen und, der anwesenden Lehrer ungeachtet, aus voller Kehle ›P. B.!‹ schreien.

Dann springen alle Schüler mit lautem Gejohle von den Bänken und werfen Kappen und Bücher bis zur geschwärzten Decke hinauf. Statt wie sonst die kleinen Jungen zu quälen, laufen jetzt die großen mit ihnen um die Wette, das Steigen des Wassers und die Drangsal des alten ›Kupfer‹ zu sehen. Vor allem aber stoßen und treiben sie die Tagesschüler unter mancherlei groben Reden dem Ausgang zu. Die Lehrer stehen plötzlich in den verödeten Klassen, klappen vergnügt ihre Bücher zu und genießen bei einer Pfeife Tabak und einem herzstärkenden Trunk das behagliche Stündchen, fern von dem Ungemach der kalten Flut.

Aber ach, ich vergesse über diesen kleinen Erlebnissen und Kinderpossen die schweren, bitteren Erfahrungen, die ich seitdem durchzumachen gehabt. Mich hat das Leben so viel zerhämmert und zerstoßen, daß ich wohl hätte hart und verschlossen werden können. Doch zweifle ich noch immer, ob es wirklich die Aufgabe der Menschen sei, sich zu hassen und zu verfolgen oder sich von einander abzusondern wie die wilden Tiere des Waldes in ihren Höhlen. Das ist jedoch eine Frage, die ich nicht entscheiden werde, auch vielleicht meine Ururenkel noch nicht. Wie dem auch sei, eins steht jedenfalls fest, nämlich daß der Weizen heutzutage bessere Ernten bringt, als da ich ihn zuerst eingesäet habe.

Zweites Kapitel

Ein wichtiger Tag

Daß ich die Schule in Tiverton verließ, geschah aus einer besondern Ursache und auf folgende Weise: Am 29. November im Jahre des Herrn 1673 war mein zwölfter Geburtstag, und ich hatte mein ganzes erspartes Taschengeld bei Kupfers Frau für Zuckerwerk verausgabt, das ich den kleinen Jungen zusteckte, bis die großen herbeiliefen und es ihnen wegnahmen.

Um fünf Uhr war die Schule aus, wie jeden Dienstag, und wir jagten wacker hinter den Tagesschülern drein und trieben sie den Dammweg hinunter von der Vorhalle bis zum Pförtnerhaus an der Thorfahrt. In den Augen von uns Anstaltsschülern waren die Jungen aus der Stadt nur ›arme Schlucker‹, weil sie, als Abkömmlinge des Stifters oder seiner Mitbürger, keinen Heller Schulgeld zahlten und ihre eigene Kost mitbrachten. Letztere halfen wir ihnen gern verzehren, denn unser Anstaltstisch reizte nur die Eßlust. So lange sie Vorrat hatten, durften sie ungehindert mit uns reden und allerlei erzählen; gingen ihnen aber die Lebensmittel aus, so ward es uns gleich wieder klar, daß ihnen nur nach Verdienst geschah, wenn wir sie mit vereinter Macht aus Blundells Haus und Hof verjagten.

Sobald die Freischüler fort waren, rasselten des Pförtners Schlüssel und die schweren Gitterthüren fielen ins Schloß. Wir aber, unser sechs oder sieben, lauter kleinere Knaben, standen im Dämmerschein unter dem Thorweg, dicht an die Eisenstäbe gedrängt, und blickten erwartungsvoll die Straße hinunter. Die Stadtbuben hatten nämlich berichtet, daß ein langer Zug Packpferde noch vor einbrechender Dunkelheit in Tiverton zurückerwartet werde. Die Führer desselben hätten Angst, Herrn Faggus in die Hände zu fallen, der ihnen auf der Fährte sei. Wir brannten darauf, den Zug zu sehen, und ich hoffte, Faggus würde die Packknechte noch einholen, denn er war mein leiblicher Vetter und der Stolz der Familie. So berühmt und gefürchtet wie er, war keiner auf der ganzen Landstraße von Barum bis London.

Wie wir so standen und warteten, stieß mir einer der Knaben auf den Magen, daß mir schier der Atem verging. Mir schien das ein schlechter Dank dafür, daß ich ihm so viel von meinem Naschwerk abgegeben. Ohne lange zu überlegen, schlug ich ihm mit der Faust ins Gesicht. Darauf senkte er den Kopf wie ein Ziegenbock und stieß mir so gewaltig in die Herzgrube, daß ich zusammenklappte wie ein Taschenmesser und das Bewußtsein verlor.

Als ich wieder zu mir kam, hatten meine Kameraden bereits ausgemacht, die Sache müsse durch einen Faustkampf zum Austrag gebracht werden. Erst wollten wir noch die Packpferde abwarten, dann die übrigen Jungen herbeirufen und uns auf dem Rasenfleck vor dem Schulhaus, unserm gewöhnlichen Kampfplatz, versammeln.

Doch ehe das geschah, kamen auf einmal um die Ecke herum, aber nicht von Taunton, sondern von der Lowmanbrücke her, zwei Pferde angetrabt – das heißt, eins war nur ein Pony – und auf dem großen Schecken saß ein Mann mit hochrotem Gesicht.

Der hielt am Thorweg an und sagte: »Bitte, meine hochwerten Herren, wo mag wohl unser John Ridd sein?«

»Der ist nicht weit, macht nur die Augen auf!« rief ein vorwitziger kleiner Bursche zurück.

»Dann holt ihn schnell herbei!« versetzte der Reiter, Jakob Fry, – ich hatte ihn gleich erkannt – indem er mit der Peitsche durch das Gitter stupfte.

Unter lautem Geschrei drängten die Jungen mich vor.

»Aber Jakob,« rief ich, »warum in aller Welt kommst du denn jetzt über das Moor geritten und bringst noch meine Peggy mit, bei dieser schrecklichen Kälte? Die Ferien fangen ja erst Mittwoch in vierzehn Tagen an – und das weißt du nicht?!«

Jakob bog sich im Sattel vor, wandte aber die Augen von mir ab, und aus seiner Kehle kam ein Ton, als stäke ihm etwas im Hals.

»Freilich wissen wir es, junger Herr, auch ohne zur Schule zu gehen,« sagte er, »in ganz Oare ist das jedermann bekannt. Deine Mutter bewahrt alle Äpfel für dich auf, die Blutwurst hängt im Rauchfang und keiner darf den Drosseln Schlingen legen. Alles gehört dir, einzig und allein dir!«

Er fuhr sich plötzlich mit der Hand über den Mund. Das erschreckte mich, denn ich kannte Jakob Frys Art und Weise durch und durch.

»Aber der Vater, der Vater – wie geht's meinem Vater?« rief ich, die Jungen rechts und links beiseite stoßend. »Ist denn Vater nicht mit zur Stadt gekommen? Er hat mich doch sonst immer selbst abgeholt und keinen andern geschickt!«

»Vater wird dich am krummen Pfosten bei der Schafhütte erwarten. Er konnte zu Hause nicht abkommen. Die Weihnachtsschweine werden gerade geschlachtet, und der Most gärt im Faß.« Er sah dabei auf sein Sattelzeug, und daran merkte ich, daß er log.

Mir fiel es zentnerschwer aufs Herz. Eine unheimliche Angst hing gleich einer dunklen Wetterwolke über mir; ich mußte mich an das Gitter lehnen und hatte nicht den Mut, weiter zu fragen; auch war mir alle Lust zum Kampfe vergangen.

Doch die anderen Knaben teilten dies Gefühl in keiner Weise. Mag auch die Welt zu Grunde gehen, seine Pflicht darf niemand versäumen, und für uns war es jetzt Christenpflicht, mit den Fäusten auf einander loszuschlagen ohne alle Widerrede.

»Jetzt komm, John, du mußt dich stellen!« rief einer der Kameraden.

»Ja, Ridd, laß keine unbezahlten Schulden zurück! Die Sache muß ausgefochten werden,« entschied ein älterer Schüler.

Ich war kein Hasenfuß, hatte auch während meiner dreijährigen Schulzeit manchen wackern Strauß bestanden – einmal die Woche wenigstens – und die Knaben kannten mich. Aber heute war mir's gar nicht darnach zu Mute; Jakob Frys Botschaft ängstigte mich, und ich sah unschlüssig bald den einen, bald den andern an, ob sich kein Ausweg finden ließe.

»Nein,« sagte ich endlich, »jetzt kämpfe ich nicht mit dir, Robin Snell; warte bis ich wiederkomme.«

»Seht den Feigling!« rief ein Chor von kleinen Burschen, die aus Erfahrung wußten, daß ich sie alle bezwingen konnte. Ich aber kümmerte mich nicht um das Gerede, sondern starrte wie verwirrt auf Fry und seine schwere Muskete, den Gaul Smiler und meine Peggy hin.

»Soll ich fechten, Jakob?« fragte ich zögernd. »Ich hätt's gethan, wärst du nicht gekommen.«

Fry kratzte sich am Kopf, rutschte im Sattel hin und her und sah auf meine geballten Fäuste.

Die Augen schlau zusammenkneifend, nickte er dann verständnisvoll und flüsterte mir durchs Gitter zu: »Schlag drein, in Gottes Namen, John! Dir steht noch mancher Kampf bevor, da thust du am besten, wenn du früh anfängst! – Der Pförtner wird mich wohl einlassen, damit ich sehen kann, daß alles ehrlich zugeht.«

Er stieg steif und schwerfällig vom Gaul herunter und warf einen trüben Blick auf die beim Ritt übers feuchte Moor von oben bis unten bespritzten Pferde und seine hohen, mit Schlamm überzogenen Lederstiefel. Peggy und Smiler band man einstweilen ans Gitter, und der alte Kupfer ließ Jakob Fry ins Thor hinein. Als er auf mich zutrat, standen ihm die Augen voll Wasser; ich kam ihm so jung, so unverdorben vor mit dem blonden Lockenkopf und den unschuldigen Kinderaugen; er mochte wohl glauben, dies sei meine erste Schlacht, denn ich hatte zu Hause nichts von unsern Faustkämpfen verlauten lassen, um meine Mutter nicht zu ängstigen.

»Thu' es lieber nicht, John,« sagte er, »es ist besser, du läßt es bleiben, sonst kommst du zu Schaden.« Als ich jedoch erwiderte, es sei jetzt viel zu spät, um noch zurückzutreten, meinte er: »Na, dann stehe unser Herrgott dir bei, John, und vergiß nur nicht, die Daumen einzukneifen!«

Inzwischen war das Gerücht von dem bevorstehenden Kampf auch zu den großen Schülern der Oberklasse gedrungen, von denen wir eigentlich die Boxerkunst erst gelernt hatten. Sie kamen eilends herbei, um den Strauß mit anzusehen, und stellten sich im Ring um die beiden Gegner; die kleinen Knaben durften sich flach auf den Boden legen und zwischen den Beinen der großen durchgucken.

Mich überkam ein Gefühl, als müsse ich jetzt alles daran setzen, um in Jakob Frys Beisein die Ehre der Familie Ridd und der ganzen Grafschaft Exmoor mannhaft zu vertreten. Unterlegen war ich noch nie in einem Kampf, obgleich es oft blutige Köpfe gesetzt hatte. Daß ich stets Sieger geblieben war, verdankte ich freilich weit weniger meiner Fechtkunst, als der angeborenen Kraft und Zähigkeit meiner Gliedmaßen. Heute schien mir aber die Sache höchst zweifelhaft, denn mit einem so großen Buben wie Robin Snell hatte ich noch nie gefochten, und sein Schädel war wohl ebenso dick und hart wie der meine.

Die Lichter wurden herbeigebracht und flackerten durch den Nebel. Mir klopfte das Herz gewaltig, und ich blies tüchtig auf meine Fäuste. Dann warf ich die Jacke ab, um sie nicht mit Blut zu besudeln, denn die Mutter hatte sie mir eigenhändig zugeschnitten und genäht; auch Weste und Kappe ward abgelegt, und ein Knabe nahm die Kleider für mich in Verwahrung. Jetzt kam Robin Snell herbei (er ist seitdem dreimal Bürgermeister von Exeter gewesen) und stellte sich breitbeinig vor mich hin. Er war in Hemdärmeln, trug ein Tuch um die Hüften gebunden und leichte Schuhe an den Füßen. Meine Hand ergreifend, maß er mich mit einem Blick voll Verachtung und schlug mir ins Gesicht, ehe ich noch den Arm zum Schutz heben konnte.

»Oho, war das so gemeint?« rief Fry. »Zahl's ihm tüchtig heim, John – das ist recht – Hurra!«

Ich gab den Schlag mit Zinsen zurück, und der Kampf begann jetzt in vollem Ernst. Die Zuschauer hatten ihre Lust daran, sie schrieen, johlten und fluchten gleich Fuhrknechten, wie Jakob mir später erzählte. Zur Zeit achteten wir nicht darauf, denn die Hiebe und Stöße regneten hageldicht. Als der erste Gang zu Ende war, zog ich mich schwer keuchend in meine Ecke zurück. Ein freundlicher Junge nahm mich auf seine Kniee und während ich den Kopf an seine Schulter lehnte, sprach er mir Mut zu und gab mir manchen guten Rat. Ich aber hatte die ganze Geschichte von Herzen satt; mir thaten alle Knochen weh.

»Wieder antreten!« rief der erste Kampfwart. Ich war noch nicht zu Atem gekommen und zauderte eine Weile.

»Keine Pause mehr,« schrie ein anderer Knabe, »ich zähle bis drei, stehst du dann nicht auf deinem Posten, so ist Robin Sieger und du bist eine Memme.«

Aber schon stand ich mit geballten Fäusten vor meinem Gegner und der zweite Gang begann. Diesmal war ich wohl auf meiner Hut und hielt mich an die eben empfangenen Ratschläge. Mein älterer Freund folgte dem Kampf mit großem Anteil und ermunterte mich durch seinen Zuruf. Auch daß ich noch so fest auf den Beinen war, brachte mir Vorteil und Nutzen.

Inzwischen hatte Fry bei allen Knaben die Runde gemacht und bald den bald jenen gefragt, ob man mich auch nicht totschlagen werde. Mit Staunen hörte er, daß ich schon viele Dutzendmal meinen Mann gestanden hatte, was ihn sehr beruhigte. Ich wusch mir gerade, müde und kampfeswund, mit einem Schwamm das Blut ab, da kam er herbei und flüsterte mir ins Ohr:

»Wenn du dich unterkriegen lässest, John, dann darfst du dich in Exmoor nicht mehr sehen lassen.«

Das ertrug ich nicht. Es war als habe er einem wilden Roß die Sporen in die Weichen gedrückt. Siedend heiß stieg es mir zu Kopfe, meine Augen sprühten Funken; ich wollte Robin Snell bezwingen und wenn es mein Tod wäre. Er lächelte siegesgewiß, als er mir zum drittenmal gegenübertrat, und gab mir seine linke Faust zu fühlen, ich aber schlug ihn mit der rechten gerade zwischen die Augen, daß er zusammenzuckte. In meinem Grimm schonte ich ihn nicht und wollte auch keine Schonung. Nein, lieber sterben, als meinem Geburtsort Schande machen!

Was weiter geschah vermag ich nicht zu sagen; ich weiß nur, daß ich Sieger blieb und zuletzt noch mit Hand anlegte, als man Robin zu Bette brachte.

Drittes Kapitel

Die Räuber und ihre Beute

Es war damals ein langer und mühseliger Weg von Tiverton nach Oare; der gute Knüppeldamm, den wir jetzt haben, wurde erst viel später angelegt. Kein Wunder daher, daß unsere erschöpften Pferde einen Ruhetag brauchten, um wieder zu Kräften zu kommen. Für mich war das auch günstig, denn meine blauen Flecken und Beulen am ganzen Körper schmerzten nicht wenig.

Wir hatten die Nacht im Gasthaus zum ›Weißen Roß‹ geschlafen und brachen am nächsten Morgen vor dem Hahnenschrei auf. Warum ich jetzt schon nach Hause sollte, begriff ich noch immer nicht, hoffte aber das beste, wie das Knabenart ist. Fry war sehr wortkarg und mürrisch gegen mich, durchaus nicht in der richtigen Stimmung, um einen Schüler in die Ferien abzuholen, doch verzieh ich es ihm und kümmerte mich nicht weiter darum.

Bis Bampton ging alles gut, von da ab ward der Weg schwieriger, doch sanken die Pferde nur an den schlimmsten Stellen mehr als knietief in den Sumpf. Das Wetter war nebelig und ungewöhnlich milde; Smiler und Peggy keuchten und schwitzten viel, aber wir kamen gut vorwärts. Gegen Mittag erreichten wir Dulverton, wo ein Onkel meiner Mutter lebte, kehrten jedoch diesmal nicht in seinem Hause ein, was mich sehr wundernahm. Jakob Fry ritt gerade auf das Wirtshaus los, er mochte wohl ebenso rechtschaffen hungrig sein wie ich.

»Warme Hammelpastete für zwei Reisende,« rief er mit lauter Stimme zur Küchenthür hinein. »Tischt sie nur auf gerade wie sie aus dem Ofen kommt; letzten Dienstag hab' ich's auch so bestellt, in fünf Minuten muß alles fertig sein.«

So schnell ging's nun freilich nicht, aber als die Schüssel endlich erschien und ihren würzigen Geruch verbreitete, dankte ich Gott für meinen leeren Magen. Wir hielten eine Mahlzeit, an die ich mich mein Lebtag erinnern werde. Ich hatte reiche Leute zwar schon von warmer Hammelpastete reden hören, aber gegessen hatte ich noch keine; das Gericht war so köstlich und wohlschmeckend, daß mir noch heute, nach fünfzig Jahren, bei dem bloßen Gedanken daran das Wasser im Munde zusammenläuft.

Als wir satt waren und auch die Pferde ihr Futter erhalten hatten, lief ich in den Hof hinaus zum Brunnen, um mich nach Herzenslust zu waschen. Ich hätte das gern schon vor Tische gethan, aber Fry wollte nicht mit dem Essen auf mich warten und daher schien es mir zu gefährlich. Er selbst war kein großer Freund von Wasser und Seife, ausgenommen daheim am Sabbatmorgen. Jetzt lehnte er träge draußen am Thürpfosten, stocherte in seinen Zähnen herum und sah mir zu.

Da kam vom Gasthaus her eine vornehme Kammerzofe herbeigetrippelt, die ein hohes italienisches Glas zierlich in der Hand trug. Sie schritt, um es zu füllen, geradeswegs auf den Brunnen zu, wo ich mir das kalte Naß tüchtig über Kopf und Schultern, Brust und Arme rieseln ließ. Als ich sie durch den Sprühregen hindurch gewahr wurde, erschrak ich heftig und schämte mich, weil ich so unbekleidet war. Sie aber machte sich gar nichts daraus, sah mich mit großen Augen an und that als sei ich noch ein ganz kleines Kind.

»Komm her zu mir, lieb Bübchen,« rief sie in schmeichelndem Ton, während ich mich hinter der Pumpe verkroch, um in mein Hemd zu schlüpfen. »Himmel, wie sind blau deine Augen und deine Haut weiß wie Schnee. Aber ein böser Mann hat dich geschlagen. Laß mich fühlen die schwarzen Flecken, lieb Bübchen. Das muß thun schrecklich weh hier – und da. Aber es wird bald besser – du hast mich lieb, nicht wahr?«

Während sie sprach, berührte sie mit ihren schmalen braunen Fingern leise meine Brust und Schultern. Sie war eine Ausländerin, das erkannte ich an ihrer Sprache und ihrem ganzen Wesen. Meine Schüchternheit verlor sich, als ich ihr gebrochenes Englisch hörte, ich hätte zwar gern meine Jacke angezogen, doch wollte ich nicht unhöflich sein.

»Verzeiht, Madame, ich muß jetzt gehen,« sagte ich. »Fry wartet auf mich und Peggy wiehert schon ungeduldig. Bis zum Abend müssen wir daheim sein; Vater will mich an der Schafhütte treffen.«

»Ja, geh nur, Kleiner; vielleicht ich komme dir nach – du gefällst mir gar zu gut. Die Frau Gräfin ist sehr strenge mit mir. Sag 'mal, wie weit ist's wohl bis zum Seeufer bei Wasch– Wasch–«.

»Watchett meint Ihr gewiß. O, das ist ein langer Weg und gerade so sumpfig wie nach Oare.«

»O–a, O–a – ist das der Ort wo du wohnst, lieb Bübchen? Ich werde nicht vergessen und einmal kommen besuchen dich. Jetzt pumpe aber tüchtig, bis eiskalt Wasser kommt. Das Glas muß sein ganz beschlagen, sonst Frau Gräfin nicht trinken.«

Ich that ihr den Willen und sie goß das hohe Glas wohl fünfzigmal wieder aus. Als das Wasser endlich krystallklar darin funkelte, schien sie zufrieden, machte mir zum Dank einen tiefen Knix und wollte mich küssen. Da duckte ich aber schnell unter den Pumpenschwengel – mich von aller Welt küssen zu lassen war mir von jeher zuwider – und sie stieß sich mit dem Kinn an den eisernen Griff.

Die Stallknechte, die das von weitem gesehen hatten, kamen dreist herzu und boten sich statt meiner an; die Fremde aber richtete sich würdevoll auf und schritt, ohne sich umzusehen, über den Hof davon. Da merkten die Knechte wohl, daß dies ausländische Blut anders sei als ihre Schätzchen; sie kicherten verlegen hinter ihr drein, aber zu folgen wagte ihr keiner.

Erst wenn man Dulverton hinter sich läßt und an das zerbrochene Kreuz kommt, unter dem ein Ermordeter begraben liegt, trennt sich der Weg nach Oare von der Straße, die in nördlicher Richtung nach Watchett führt. Peggy und Smiler, durch ihr reichliches Mahl gestärkt, trabten mit frischen Kräften bergauf. Als wir an einer Baumgruppe vorbeikamen und um die Ecke bogen, sahen wir plötzlich vor uns eine große, sechsspännige Kutsche, die sich schwerfällig fortbewegte. Jakob Fry zog den Hut und behielt ihn ehrfurchtsvoll in der Hand, während er vorbeiritt; ich aber vergaß vor Überraschung die Mütze abzunehmen, und faßte unwillkürlich die Zügel fester.

Die Kutsche war halb zurückgeschlagen nach neumodischer Art; den offenen Sitz nahm die Fremde ein, die mir am Brunnen begegnet war, und ihr zur Seite saß ein kleines, schwarzhaariges Mädchen von wunderbarer Lieblichkeit; sie war so fein und vornehm anzuschauen, daß ihr sicherlich niemand zu widerstehen vermochte. Ich konnte sie nur mit flüchtigem Blick betrachten, sie aber sah gar nicht nach mir hin, sondern nur auf die Hecken am Wege. Ihr gegenüber auf dem Ehrenplatz saß, sehr warm eingehüllt, eine schöne Dame, mit zartem Rot auf den Wangen, ein lebhafter, etwa dreijähriger Knabe neben ihr, der eine weiße Kokarde am Hütchen trug und alles ringsum mit großen Augen anstarrte. Kaum hatte er meine Peggy erblickt, die ihm wohl ausnehmend gefallen mochte, so ruhte er nicht eher, bis er auch seine Mutter auf meinen Pony und mich aufmerksam gemacht hatte. Ich bin sonst kein blinder Verehrer der Großen und Reichen, aber die hohe Frau sah uns sehr freundlich an, das muß ich gestehen; auch findet man solchen Liebreiz nicht so leicht bei den Landmädchen, die unsere Kühe melken.

Schnell zog ich die Kappe vor der schönen Dame; sie aber lächelte und warf mir eine Kußhand zu. Vielleicht hielt sie mich auch für ein so liebes, unschuldiges Knäblein, wie es die Leute oft thaten, ich weiß nicht weshalb. Die Fremde aber, vermutlich der Dame Kammerzofe, die mit der schwarzäugigen Kleinen beschäftigt gewesen war, blickte jetzt auf und sah mir voll ins Gesicht. Ich wollte sie höflich grüßen, sie aber starrte mich an, als sähe sie mich zum ersten- und hoffentlich auch zum letztenmal. Dergleichen war mir noch nicht vorgekommen; in meiner Bestürzung preßte ich die Fersen in Peggys Weichen, worauf der Pony sich so plötzlich in Trab setzte, daß ich mich nur noch einmal umwenden und, die Mütze in der Hand, gegen die schöne Dame verbeugen konnte.

Bald hatte ich Jakob eingeholt und bestürmte ihn nun mit Fragen nach den vornehmen Leuten. Es war aber wenig aus ihm herauszubringen, er brummte nur etwas von ›verdammten Papisten‹, mit denen er nichts zu schaffen haben wolle, und meinte, es sei mein Glück gewesen, daß ich gerade Zuckerzeug für Annchen in Dulverton eingekauft hätte, sonst würde mir all die Pracht und Herrlichkeit bei der Abfahrt meinen thörichten Kopf noch ganz verdreht haben.

Wir bogen nun in den Seitenweg ein und bekamen die Kutsche nicht wieder zu Gesicht. Je weiter wir ritten, desto schlechter wurde die Straße; zuletzt verlor sie sich ganz, und wir konnten nur noch hoffen, daß Gottes gnädige Führung uns über kurz oder lang sicher heimgeleiten werde.

Ein wässeriger Nebel lagerte über dem Moor und verhüllte allmählich Baum und Strauch vor unseren Blicken; bald sahen wir in dem Dunkel nur noch die Köpfe unserer Pferde sich im Takt zu ihren Tritten bewegen; auch hörten wir, wie sie einen Fuß nach dem andern vorsichtig in die aufspritzenden Wasserlachen setzten, und dazu das regelmäßige Anschlagen des Schwanzes.

Jakob saß schläfrig vornüber gebeugt im Sattel; sein langer, bereifter, roter Bart war jetzt im Nebel verschwunden; nur seinen hohen Sonntagshut sah ich vor mir hin und her schwanken. Zuweilen tauchte auch eine Schulter auf, wenn Smiler mit einem Fuß zu tief in den Sumpf geriet.

Plötzlich schreckte Jakob jäh aus dem Schlaf empor. »Gott erbarme sich,« rief er, »wo sind wir denn? Hast du die alte Esche am Wege gesehen, John? An der müssen wir doch vorbeigekommen sein!«

»Nichts hab' ich gesehen und gehört, Jakob, außer dein Schnarchen.«

»Du bist ein rechter Narr, John – und ich um nichts klüger. – Aber horch, was war das?«

Wir hielten die Pferde an und lauschten in die Nacht hinaus. Zuerst hörten wir nur das Keuchen der Tiere und das Tröpfeln des Wassers, das uns von den Hüten und Kleidern herabrieselte, dann kam ein leiser, knarrender Ton durch die Luft, so klagend und unheimlich, daß sich mein Haar zu sträuben begann. Dreimal erhob er sich und verklang wieder in der Ferne; ich griff nach Jakobs Arm, um mich zu vergewissern, ich sei nicht allein.

»Nur keine Furcht, John! Es klingt meinen Ohren wie die schönste Musik. Gott segne den Mann, der das gethan hat!«

»Hat man denn einen von den Doones gehängt?«

»Von den Doones? Gott bewahre! Sag' so etwas nie wieder, hörst du wohl! Der König selbst wäre seines Lebens nicht sicher, ließe er einen Doone hängen.«

»Wer baumelt denn aber dort an der Kette?«

»Ein Schafdieb von drüben her, jenseits Exmoor; sie nennen ihn den roten Jim. Dem ist nur sein Recht geschehen und wir können Gott danken, daß seine arme Seele noch solchen Lärm macht.«

Bald laut, bald leise, wie ihn der Wind zu uns herüber trug, führte uns der knarrende Ton, dem wir folgten, bis dicht zu dem Fuß des Galgens, wo vier Wege sich kreuzten.

»Ein wackeres Stück Arbeit!« rief Jakob, in die Höhe blickend, wo ein Gehenkter dicht am andern hing. »Richtig, da ist ja der rote Jim – und hier ist noch die Kerbe, die ich mir in den Pfahl geschnitten habe; nun kann's uns nicht mehr fehlen. Gute Nacht, Jim; schönen Dank, daß du uns den Weg gewiesen, und laß dir die Träume durch das Knarren nicht stören.«

Jakob schüttelte vergnügt die Zügel, und Smiler trabte der Heimat zu; mir aber that der rote Jim leid; ich hätte gern gewußt, ob er dem jämmerlichen Ende nicht hätte entgehen können und ob sein Weib und seine Kinder um ihn trauern würden, falls er eine Familie besaß. Jakob wollte jedoch nichts mehr von dem schauerlichen Galgen hören.

»Schweig' still,« sagte er rauh, »wir sind jetzt dicht am Kriegspfad der Doones, zwei Meilen vom Leuchtturm auf dem Dunkery-Hügel, dem höchsten Punkt in Exmoor. Sollten sie heute auf Beute ausgezogen sein, dann müssen wir auf allen Vieren weiterkriechen, hörst du wohl!«

Ich verstand ihn nur zu gut – er meinte die blutgierigen Doones von Bagworthy, den Schrecken von ganz Devon und Somerset, die Geächteten, die Verräter und Mörder. Mir bebten alle Glieder; hinter mir hörte ich die Ketten des toten Schafdiebes klirren und dachte an die lebendigen Bösewichte, die uns von vornher bedrohten.

»Aber Jakob,« sagte ich in vorsichtigem Flüsterton und lenkte Peggy an seine Seite, »lieber Jakob, du glaubst doch nicht, daß sie uns durch den Nebel hindurch sehen könnten?«

»Ihren Augen entgeht nichts, selbst im dicksten Nebel,« erwiderte er leise und furchtsam. »Jetzt sind wir am Hohlweg; nun sei auf deiner Hut – sachte, sachte – sonst kommst du nimmer heim zu deiner Mutter.«

Am liebsten wäre ich in rasender Eile quer über den Pfad der Doones getrabt, um die Gefahr so rasch wie möglich hinter mir zu haben; das ging jedoch nicht an. Wir hatten eine lange, tiefe Schlucht erreicht, waren behutsam auf unserer Seite den Abhang hinuntergeritten, dann unten durch das weiche Gras, das den Boden bedeckte, und jenseits wieder die Anhöhe hinauf. Der Kamm des Hügels lag schon dicht vor uns, als ich plötzlich ein Geräusch vernahm und mich erschreckt an Jakobs Arm klammerte. Man hörte das Klappern von Pferdehufen auf sumpfigem Grunde und das Schnauben der Nüstern; dazwischen das Murren abgematteter Leute, das Klirren von Steigbügeln und Waffen.

»Um Gottes willen, John, jetzt gilt's! Wirf dich rasch von Peggy herunter, sie mag laufen, wohin sie will.«

Jakob lag schon auf dem Boden; ich schlang mir den Zügel um den Arm und folgte seinem Beispiel.

»Laß den Zügel los, Junge; Gott gebe, daß sie die Tiere für wilde Ponies halten, sonst jagen sie uns eine Kugel durch den Kopf.«

Jetzt verstand ich erst, was er wollte; aber Peggy und Smiler waren zu müde, um weit zu laufen; sie fingen an, in unserer Nähe zu grasen und lauter zu schnüffeln als uns lieb war. Jakob hatte sich in einem kleinen Graben hinter Heidegestrüpp verborgen; während ich zu ihm hinkroch, blökte er wie ein Schaf, um das Geräusch, das ich machte, zu übertönen – aber es klang, als zittere das arme Schaf vor Kälte und Furcht.

Gerade als der vorderste Reiter, kaum zwanzig Ellen unter uns, in den Hohlweg gesprengt kam, fegte ein Windstoß durch das Thal und trieb den Nebel vor sich her. Ein grelles rotes Licht schoß breite Strahlen über das Moor, verscheuchte die Finsternis rings umher und funkelte auf dem Stahlgewand der Reiter.

»Der Leuchtturm von Dunkery!« flüsterte Jakob mir zu und hielt dabei seinen Mund so dicht an mein Ohr, daß ich fühlte, wie seine Zähne klapperten. »Den zündet man jetzt nur an, um den Doones zum Heimweg zu leuchten, seit der Nacht, in der sie ihn erstürmt haben und die Wächter von oben hinabgestürzt. – Aber Junge, um alles in der Welt, was fängst du jetzt an?«

Ich hatte nicht länger still liegen können und kroch auf dem Bauche den Graben entlang bis zu einem Steinhaufen, der mit dürrem Farnkraut besetzt war. Die Reiter sah ich etwa zwanzig Fuß unter mir und wagte kaum Atem zu holen, um mich nicht zu verraten.

Das Wachtfeuer auf dem Leuchtturm schlug jetzt in einer mächtig großen Flamme gen Himmel, die Hügel ringsum beleuchtend und die Felsen am Eingang der Schlucht, durch welche die berittene Schar in düsterm Schweigen einhergezogen kam. Es waren große, starkknochige Gestalten in Lederwams und Reiterstiefeln, mit Stahlhelm und Brustharnisch, die Muskete nachlässig über die Schulter geworfen. Auf dem Sattel hinter ihnen lag die aufgehäufte Beute, und vorn war die Branntweinflasche angehängt. Dreißig und mehr kamen vorbei, wie Wolken über die untergehende Sonne ziehen. Einige schleppten tote Schafe mit sich, andere allerlei Wildpret, und einer hatte sogar ein Kind über seinem Sattelbogen hängen, mit dem Kopf nach unten, ob lebend oder tot, konnte ich nicht erkennen. Wahrscheinlich hatten sie das Kind, das noch sehr jung war, seiner kostbaren Kleider wegen geraubt, denn sie funkelten, von dem Feuerglanz beschienen, wie Gold und Edelstein.

Ich geriet völlig außer mir, als ich das hilflose Kind in den Klauen jener Geier sah; mir brannte das Herz vor Mitleid über sein Geschick. In ohnmächtiger Wut sprang ich auf einen Felsblock, ballte die Fäuste und schrie so laut ich konnte. Zwei der Reiter wandten sich nach mir um; schon wollte der eine seine Flinte auf mich anlegen, doch der andere riet ihm, sein Pulver zu sparen, es sei ja nur ein Kobold, der sie äffen wolle.

Als die Gefahr ganz vorüber war, kam Jakob steif und mürrisch zu mir gegangen; ihm thaten alle Glieder weh von dem Lager auf der nassen Heide.

»Du bist mir der Rechte!« schalt er. »'s ist nicht dein Verdienst, John, daß sie meine junge Frau nicht zur Witwe gemacht haben. Hättest du sie etwa ernähren wollen, samt ihrem Sohn, wenn sie einen bekommt? Eigentlich sollte ich dich fassen und auf den Doone-Pfad hinunterwerfen; früher oder später läufst du doch ins Verderben, wenn du so dumme Sachen anstellst.«

Noch fünf Minuten zuvor war Jakob halb tot vor Angst und Schrecken gewesen. Er hätte jetzt weit besser gethan, Gott zu danken, statt mit mir zu hadern. So dachte ich, schwieg aber wohlweislich still, denn ich schämte mich nicht wenig. Bald hatten wir Peggy und Smiler eingeholt, die uns schon ein Stück auf dem Heimwege voraus waren und es sich überall schmecken ließen, wo sie gutes Gras fanden. Sie waren jedoch froh, als wir sie begrüßten und wieder aufsaßen, denn einem Pferde (und einer Frau) behagt das Ledigsein nicht auf die Dauer.

Mein Vater kam uns nicht entgegen, weder diesseits noch jenseits der Schafhütte, auch nicht bei dem krummen Pfosten. An unserer Feldmark schaute ich umsonst nach ihm aus, obgleich die Hunde ein solches Gebell anschlugen, daß er es hätte hören müssen. Als er dann aber auch bei der Eschenhecke nicht kam, wo wir miteinander Sprenkel gestellt hatten, da sank mir auf einmal aller Mut, und ich fühlte im Herzen eine große Leere und Öde. Nicht einmal die Laterne am Kuhstall war angezündet, und niemand rief den Hunden zu: »Kuscht euch!« oder jubelte: »Hurra! Unser John ist da!«

Erst hielt ich im Dunkeln die Thorpfosten für seine hohe Gestalt, dann sah ich durch die Thür der Geschirrkammer, ob er nicht dort saß und wie gewöhnlich seine Pfeife rauchte. Hatte er etwa Gäste zu bewirten, Fremde, die sich auf dem Moor verirrt hatten und die er nicht allein lassen wollte, selbst wenn es galt, seinen Sohn zu begrüßen? Das kränkte mich doch, und ich war ihm fast ein wenig gram darüber. Ich fühlte in meine Tasche und nahm mir vor, ihm die neue Pfeife, die ich in Tiverton gekauft hatte, erst am nächsten Morgen zu geben. –

Wehe, o wehe mir! Noch heute kann ich nicht sagen, wie mein Unglück mir plötzlich klar wurde. Ich weiß nur, daß ich davon schlich – thränenlos – und mich im Winkel des Schuppens verbarg, um nur keinen Menschen zu sehen, kein Wort zu hören.

Bald vernahm ich lautes Schluchzen, aber mir war, als könne ich den Anblick meiner Mutter und Schwester, die mir doch das Liebste auf Erden sind, nicht ertragen. Erst als ich ihren Jammer sah und daß sie von mir Hilfe zu hoffen schienen, nahm ich mich zusammen.

Viertes Kapitel

Ein gewagtes Beginnen

Die Doones von Bagworthy hatten meinen lieben Vater umgebracht, als er am Samstag abend vom Markt in Porlock nach Hause ritt. Sechs Landwirte aus der Nachbarschaft begleiteten ihn, lauter wackere, nüchterne Männer, die friedlich einhergetrabt kamen, sich die Mühsal des Weges gegenseitig erleichterten und dann und wann ein erbauliches Lied anstimmten, um guten Mutes zu bleiben.

Da sahen sie plötzlich beim Sternenschein einen Reitersmann mitten auf der Straße halten; seine Kleidung, Waffen und gewaltige Größe ließen ihnen keinen Zweifel, wen sie vor sich hatten. Er war nur ein Mann gegen sieben; aber unter den sechs Gefährten meines Vaters, die noch eben so zuversichtlich von Gottes Schirm und Schutz gesungen hatten, war keiner, der nicht den Beutel zog, als der Doone sich nur blicken ließ.

Mein Vater hatte den Doones nie etwas zu leide gethan, ja nicht einmal viel Geschrei und Aufhebens darüber gemacht, wenn sie anderer Leute Gut raubten. Er war jedoch der Meinung, daß es Mannespflicht sei, sein Eigentum zu verteidigen und sich seiner Haut zu wehren. Während also die sechs Gevattern zitternd und bebend den Hut zogen, hob er seinen schweren Stock und ritt geradeswegs auf den Doone los. Der schwenkte rasch das Pferd zur Seite; auf Widerstand zu treffen war ihm völlig neu. Smiler schoß im Lauf an ihm vorüber, und es dauerte eine Weile, bis mein Vater den Gaul herumbekam. Indessen ließ der Geächtete einen schrillen Pfiff hören und begann ruhig die Bauern auszuplündern. Mein Vater wollte ihnen zu Hilfe eilen, sah sich aber plötzlich von einem Dutzend Leuten umringt, die teils zu Fuß, teils zu Pferd hinter einem Torfschober auftauchten. Er wehrte sich aus Leibeskräften gegen die Übermacht, und seine Gegner hatten keinen leichten Stand, denn er war groß und stark, und sein Blut war in Wallung geraten. Schon hatte er mit wuchtigen Hieben drei oder vier zu Boden gestreckt, schon zogen sich die Reiter zurück, so daß er hoffen durfte, das Feld zu behaupten und der Frau daheim von seinen Thaten erzählen zu können.

Aber ach – nur wenige Schritte abseits am Torfschober kauerte ein Mann und zielte mit seiner langen Flinte. Der nahm meinen armen Vater aufs Korn, und was weiter geschah, kann ich nicht sagen. Ich weiß nur, daß Smiler mit Blut bespritzt heimgelaufen kam und man am andern Morgen meinen Vater tot im Moorgrund fand; der Stock, mit dem er sich verteidigt hatte, lag zerbrochen unter ihm. Ob dies ein ehrlicher Kampf war, das richte Gott zwischen mir und den Doones!

Der Vorfall, der meine Mutter zur Witwe und uns zu vaterlosen Waisen gemacht hatte, erregte in jenen gewaltthätigen Zeiten mehr Schmerz als Entrüstung. Wir Kinder waren alle drei noch zu jung, um von Nutzen zu sein; in der Sorge und Arbeit für uns fand Mutter ihren einzigen Trost. Ich, John Ridd, war der älteste – dies Bewußtsein drückte mich schwer. Annchen zählte zwei Jahre weniger als ich und dann kam noch die kleine Elise.

Vor meiner Heimkehr, noch ehe ich meinen traurigen Verlust erfuhr – kein Sohn hat wohl je seinen Vater mehr geliebt als ich den meinigen – hatte meine Mutter einen höchst überraschenden Schritt gethan, die Nachbarn nannten es ein geradezu wahnsinniges Beginnen. Am Montag Morgen nämlich – ihr Gatte war noch nicht begraben – hüllte sie ihr Haar in ein weißes Tuch, warf einen schwarzen Mantel um und machte sich zu Fuß auf nach der Ansiedlung der Doones, ohne jemand ein Wort davon zu sagen.

Früh am Nachmittag gelangte sie zu dem dunklen, gewölbten Eingang, der durch kein Thor verschlossen war. Zum Glück feuerten die Wächter nicht auf sie; man verband ihr nur die Augen, that ihr aber sonst kein Leid an.

Jemand nahm sie bei der Hand und führte sie lange auf einem sehr rauhen, holperigen Wege weiter; dann ward ihr die Binde abgenommen und sie blickte verwundert um sich. Vor ihr lag ein tiefes grünes Thal in Form eines Eirunds, das ringsum von steilen Felsen, wohl achtzig bis hundert Fuß hoch, umstanden war wie von einer Mauer, auf deren Scheitel dunkle Waldungen den Horizont abgrenzten. Ein breiter Bach lief durch die Wiesenflur, Erlengebüsch, Gras und Binsen wuchsen an seinen Ufern, weiter thalabwärts aber floß er an einer Anzahl niedriger steinerner Häuser vorbei, – meine Mutter zählte ihrer vierzehn – die hüben und drüben zerstreut umherstanden. Eins sah dem andern völlig gleich; nur das erste, welches der Hauptmann bewohnte, war eine Art Doppelhaus, diesseits und jenseits des Baches gelegen und durch einen Brettersteg verbunden. Wie Wohnstätten des Friedens und der Unschuld lagen die Hütten in dem stillen, verborgenen Thal, und doch waren sie samt und sonders Räuberhöhlen und Mördergruben.

Zwei Männer geleiteten meine Mutter auf einer steilen, schlüpfrigen Treppe bis zu dem Wehr, über das der Bach sich brausend hinabstürzte. Bald hatten sie das Haus des Hauptmanns erreicht und gingen, ihm Meldung abzustatten.

Zitternd stand Mutter an der Thür und doch entschlossen, ihre Sache vorzubringen. Zwar wollte es ihr einen Augenblick scheinen, als habe sie, eines einfachen Landwirts Witwe, gar kein Recht zur Klage, weil jene edlen Herren es sich hatten einfallen lassen, ihren Gatten zu töten. Aber sie dachte daran, wie gut er immer gewesen, wie er ihr zur Seite gestanden und seinen starken Arm um ihre Schulter gelegt hatte, oder ihre Kochkunst gelobt, wenn ihm sein Leibgericht schmeckte. Da traten ihr heiße Thränen in die Augen und sie nahm allen Mut zusammen.

Ein hoher Greis mit langen weißen Locken, Sir Ensor Doone, trat jetzt zu ihr heraus. Er trug grobe Handschuhe und hielt eine Hacke in der Hand wie der gemeinste Taglöhner, aber seine Züge, sein Gang und vor allem seine Stimme ließen leicht erkennen, daß man es mit keinem gewöhnlichen Arbeiter zu thun hatte. Als er seine durchdringenden schwarzen Augen auf Mutter heftete, verneigte sie sich unwillkürlich.

»Haben meine jungen Leute schon wieder so ein hübsches, fremdes Frauenzimmer heraufgebracht – das darf nicht länger so fortgehen,« sagte er, die Stirn runzelnd, und schielte dabei mit Wohlgefallen nach meiner Mutter hin.

Sie aber, von Liebe und Schmerz überwältigt und in ihrer weiblichen Würde verletzt, rief voll zorniger Entrüstung: »Was Ihr meint, verstehe ich nicht. Ich bin hergekommen, um meinen Gatten zu fordern von Euch, Ihr Verräter, Feiglinge und Mörder.«

Weiter kam sie nicht, ihr Herz war zu voll, die Stimme versagte ihr, doch ihre Blicke redeten eine verständliche Sprache.

»Verzeihung, meine Gnädige,« versetzte Sir Ensor Doone, denn er war ein Edelmann von Geburt, wenn auch ein Bösewicht. »Meine alten Augen werden schwach, sonst hätte ich mich nicht so täuschen können. Wenn Euer Gatte unser Gefangener ist, soll er ohne Lösegeld freigelassen werden, weil ich Euch beleidigt habe.«

Bei seinen Worten bezwang Mutter ihren Jammer nicht länger und brach in bittere Thränen aus. Er zürnte ihr deshalb nicht, sondern ließ sie ruhig ausweinen, denn er hatte selbst viel Kummer erfahren und sah wohl, daß ihr Gatte tot sein müsse.

»Ich will niemand ungerecht verklagen,« fuhr Mutter endlich schluchzend fort, »nein gewiß, das will ich nicht. Aber ich habe den besten Mann verloren, den je ein Weib besaß. Von klein auf haben wir uns gekannt und lieb gehabt. Das ganze Hauswesen hat er mir anvertraut und mich als die Herrin geehrt; kein unfreundliches Wort habe ich je von ihm zu hören bekommen. O John, John, noch vor wenigen Tagen warst du mein Ein und Alles; ich kann es gar nicht fassen, daß du mir entrissen bist!«

Hunderterlei kleine Begebnisse aus dem Alltagsleben zogen jetzt an ihrer Seele vorüber. Sie hatte vergessen, wo sie war, und weinte still vor sich hin.

»Ich werde die Sache untersuchen lassen,« sagte der alte Doone, der doch nicht ganz verhärtet schien. »Wenn man Euch ein Unrecht zugefügt hat, so gelobe ich bei meiner Ehre, es soll wieder gut gemacht werden, so weit es in meinen Kräften steht. Ruht unterdessen bei mir aus, ich werde sogleich Erkundigungen einziehen. Wie hieß denn Euer guter Mann und wann und wo ist das Unglück geschehen?«

Er führte meine Mutter ins Haus und bot ihr sehr höflich einen Sitz, den sie jedoch nicht annahm. »O Gott, o Gott,« jammerte sie, »noch am Samstag Morgen war ich eine glückliche Frau, und am selben Abend haben meine Kinder den Vater verloren und ich bin zur Witwe geworden. John Ridd hieß mein Mann, in ganz Somerset und Devon gibt es keinen schöneren und besseren, das weiß jeder. Er kam aus Porlock vom Markt nach Haus; ein neues Kleid hatte er mir mitgebracht und einen prächtigen Kamm ins Haar – mein lieber, guter John!«

Sir Ensor Doone nahm eine ernste, teilnehmende Miene an. »Die Sache will wohl erwogen werden, werte Frau,« sagte er. »Ich weiß, meine Söhne sind zuweilen ungestüm; zwar kann ich mir nicht denken, daß sie absichtlich jemand Schaden zufügen sollten, doch hat es ganz den Anschein, als sei Euch Unrecht geschehen. – Der Rat soll zu mir kommen!« rief er mit lauter Stimme von der Schwelle seines Hauses.

»Rat Doone soll zum Hauptmann kommen!« schallte es weiter ins Thal hinaus.

Meine Mutter hatte kaum Zeit, sich wieder zu fassen, bevor der Gerufene ins Zimmer trat, ein vierschrötiger Mann von mächtigem Gliederbau, aber fast einen Fuß kleiner als alle anderen Doones. Sein grauer Bart fiel bis zum Gürtel hinab, und unter den langen, buschigen Brauen bargen sich zwei scharfe, dunkle Augen, die oft plötzlich mit unheimlichem Feuer hervorblitzten. Er hielt den Schlapphut in der Hand und schien meine Mutter nicht zu sehen.

Sir Ensor stand stolz aufgerichtet vor ihm. »Hier diese hochangesehene Dame,« sagte er, »kommt zu mir –«

»O bitte, ich bin nur eine einfache Frau.«

»Habt die Güte, mich ausreden zu lassen. – Diese Dame, welche die ganze Gegend kennt und ehrt, kommt zu mir und klagt die Doones an, sie hätten ihren Gatten ungerecht erschlagen.«

»Ermordet haben sie ihn,« rief meine Mutter, »schmählich ermordet! O Herr, Ihr wißt es ja.«

»Sobald ich den wahren Sachverhalt des Falles gehört habe, soll Euch Gerechtigkeit werden, werte Frau,« versicherte der Greis feierlich.

»Aber ich rede die Wahrheit – Gott ist mein Zeuge.«

»Tragt den Fall vor,« sagte der Rat.

»Es handelt sich um Folgendes,« begann Sir Ensor: »Der ehrenwerte Gatte dieser Dame ist am Samstag abend auf dem Rückweg vom Porlocker Markt erschlagen worden. Sein Name ist mir nicht unbekannt. Ein wackerer, friedliebender Mann, der uns nie in der Ausübung unseres Berufs gestört hat. Wenn einer der Burschen ihm zu nahe getreten ist, soll er es schwer büßen. Euch kommt hier alles zu Ohren, Rat, Ihr seid unser wandelndes Gesetzbuch und Ihr urteilt strenge. Sagt mir, wie verhält sich die Sache?«

»O Herr Rat,« flehte meine Mutter, »verschafft mir Gerechtigkeit! Nennt mir den Mörder, stellt mich ihm gegenüber, und wir wollen Gottes Segen für Euch erflehen, ich und meine Kinder.«

Ohne eine Miene zu verziehen, stand der alte graubärtige Mann an der Thür. Jetzt that er den Mund auf und seine Worte fielen wie Keulenschläge auf Mutters Herz:

»Der Fall ist bald erzählt,« sagte er. »Vier oder fünf unserer wohlerzogensten, friedfertigsten jungen Leute gingen mit gefülltem Beutel zur Messe nach Porlock; sie kauften um hohen Preis allerlei für den Hausbedarf und traten dann ehrbar den Heimweg an, das lärmende und betrunkene Gesindel vermeidend. Die Nacht brach schnell herein, als sie bei einem Torfschober mit den müden Pferden Rast hielten. Da kam ein gewaltiger Räuber mitten unter sie geritten, um sie in Schrecken zu jagen und auszuplündern. Trotz seiner Kraft und Kühnheit wollten sie doch ihr anvertrautes Gut nicht ohne Schwertstreich ausliefern. Schon hatte er drei von ihnen zu Boden gestreckt, da erhob der letzte seine Pistole gegen den Angreifer. Es war Carver, unserer wackerer, hochherziger Carver, der sich und seinen Brüdern das Leben rettete, als sie sich schon verloren glaubten. Doch hofften wir, es sei nur eine Fleischwunde gewesen und jener werde nicht dahin fahren müssen in seinen Sünden.«

Er sah meine Mutter mit großen, traurigen Augen an; sie aber war so entsetzt über das schändliche Lügengewebe, daß sie wie erstarrt dastand, ohne einen Laut von sich zu geben.

Um Sir Ensors Lippen spielte ein flüchtiges Lächeln, doch seine Stimme klang ernst und würdig.

»Wir Doones sind alle Ehrenmänner und werden doch von der hiesigen Landbevölkerung oft ungerecht beschuldigt,« sagte er; »aber wir freuen uns, wenn sich, wie hier, eine Gelegenheit bietet, den Irrtum aufzuklären. Überdies kann ich zu Eurer Beruhigung versichern, daß wir nicht glauben, Euer Gatte habe wirklich einen räuberischen Überfall geplant. Wir werden auch keine Klage gegen ihn anhängig machen, um Beschlag auf sein Eigentum zu legen. Nicht wahr, Rat, Ihr meint doch auch?«

»Er hat ohne Zweifel sein Besitzrecht verwirkt, wenn Ihr nicht Gnade vor Recht ergehen laßt,« versetzte der Gefragte.

»Das wollen wir thun. Ja, werte Frau, wir verzeihen ihm. Vielleicht war er an jenem Abend seiner Sinne nicht mehr ganz mächtig. Der Porlocker Branntwein ist stark, unsere Zeit unsicher, da hat schon mancher Ehrenmann blindlings dreingeschlagen, um sich gegen Raub und Gewaltthat zu schützen.«

War es wirklich ein Doone, der solche Reden führte? – Mutter ward ganz verwirrt im Kopf, sie wußte nicht mehr aus noch ein. Daß das Recht auf ihrer Seite war, fühlte sie wohl, aber wie sollte sie es den beiden klar machen? Um nicht noch ein Unglück anzurichten, verneigte sie sich rasch, trocknete ihre Augen und eilte in die frische Luft hinaus.

Dort nahmen sie die Wächter wieder in Empfang und verbanden ihr die Augen. Ach, ihre unaufhaltsam fließenden Thränen hätten sie ohnehin für alles blind gemacht! Sie waren schon ein Stück gegangen, da kamen eilige Tritte hinter ihr drein und ein schwerer Lederbeutel ward Mutter in die Hand geschoben. »Dies schickt Euch der Hauptmann für die Kinder!« flüsterte der Bote.

Aber sie ließ das Geld zu Boden fallen, als sei es ein ekler Wurm. Zum erstenmal schrie sie jetzt zu Gott in ihrer Not, die so groß war, daß es selbst einen Doone erbarmte.

Fünftes Kapitel

Die Ansiedelung der Geächteten

Vor allem will ich jetzt erklären, wie es kam, daß die Räuber sich in der Gegend festsetzten und solche Übermacht gewannen, ganz ohne unsern Willen und unser Zuthun, denn Gott weiß, wir wünschten sie weit weg.

Um das Jahr 1640, kurz ehe die schweren Unruhen über England hereinbrachen, waren mehrere große Landgüter im Norden ohne jede gerechte Ursache von Staats wegen eingezogen und ihre bisherigen Besitzer verjagt worden. Man sagt, sie hatten mächtige Feinde bei Hofe. Die Güter gehörten dem Grafen von Lorne und Dykemont und seinem um einige Jahre jüngeren Vetter Sir Ensor Doone. Letzterer, ein heißblütiger Mann, der überdies des Grafen Tochter zur Frau hatte, glaubte, daß sein Verwandter schuld an dem ganzen Unglück sei. Er setzte Himmel und Erde in Bewegung, um zu seinem Recht zu gelangen, und soll im Zorn sogar einen Höfling erschlagen haben und dem König selbst unehrerbietig begegnet sein. Wie dem auch sei, so viel ist gewiß, daß Sir Ensor aller seiner Habe für verlustig erklärt und die Acht über ihn ausgesprochen wurde.

In den Tagen des Glücks hatte er viele Freunde gehabt und sich allen großmütig erwiesen, die ihn um Hilfe angingen. Nun er aber selbst in der Not steckte, erhielt er zwar guten Rat von vielen Seiten, aber es regte sich keine Hand, um ihm beizustehen.

Verbitterten Herzens und der Verzweiflung nahe, beschloß er endlich, mit seiner Frau und seinen Söhnen von dannen zu ziehen und sich in irgend einem entlegenen Winkel zu verbergen, wo ihn keine Menschenseele kannte. So kam er in einer Unglücksstunde zu uns nach dem Westen Englands. Unsere Gegend galt für rauh, öde und wenig angebaut, ob mit Recht, weiß ich nicht, es hat mir noch nirgends in der Welt besser gefallen. Sir Ensor entdeckte einen Platz, der ganz für ihn geschaffen schien, abseits vom Menschenverkehr und durch die Natur selbst befestigt und schwer zugänglich. Zuerst brachten ihm die umwohnenden Landleute allerlei kleine Gaben: eine Speckseite, ein Fäßchen mit Apfelwein, eine Hammelkeule oder ein Stück Rehrücken, so daß es eine Weile ganz ehrlich und ordentlich zuging. Allmählich verlor sich jedoch der Reiz der Neuheit; unserem wackeren Landvolk stieg der Gedanke auf, daß die Fremden entweder zahlen oder arbeiten sollten und wenn sie zehnmal Edelleute wären. Aber sie pflügten das Feld nicht und streuten keinen Samen in dem schönen, fruchtbaren Thal, das sie in Besitz genommen; auch machten sie sich durch ihr stolzes, hochfahrendes Wesen bei den Pächtern der Gegend mehr und mehr verhaßt.

Als die jungen Doones heranwuchsen, begannen sie sich alles einfach anzueignen, um was sie nicht bitten mochten. Sie zählten mit Einschluß mehrerer Anhänger, die Sir Ensor treu geblieben waren, anfänglich kaum ein Dutzend, aber trug nun die kräftige Luft auf dem Marschland die Schuld, oder das Wild und die Hämmel von Exmoor – sie vermehrten sich auf ganz erstaunliche Weise und gediehen zusehends.

Einige Frauen waren ihnen in die Verbannung gefolgt; als sie aber im Lauf der Zeit neuen Zuwachs brauchten, zogen sie auf Raub aus. Manche brave Pächterstochter entführten sie mit Gewalt aus dem Elternhaus; das gab zuerst großes Herzeleid, doch es währte nicht lange, so fühlten sich die jungen Frauen zufrieden in der neuen Heimat mit Mann und Kind.

Mir scheint, das Weib zieht den starken Mann stets einem Schwächling vor, vielleicht in dem Gefühl, daß es einer Stütze bedarf, an die es sich halten kann. Nun sind wir zwar ein handfestes Geschlecht in unserer Gegend, mit breiter Brust und tüchtigen Knochen, aber an Mannesschönheit, Kraft und Adel der Gestalt kann sich kaum einer unter hunderten mit den Doones vergleichen, das muß man ihnen lassen. Ich selbst freilich, John Ridd, und der eine oder andere meiner Bekannten – aber davon schweige ich lieber, obgleich jetzt, in meinem Alter, nicht mehr viel darauf ankommt.

Hätten sich alle rechtschaffenen Leute sofort zusammengethan, als die Doones sich aufs Plündern legten, es wäre ihnen wohl gelungen, die Felsenburg zu erstürmen und die Räuber aus ihrer Höhle zu vertreiben. Aber man empfand zu viel Ehrfurcht vor ihrem hohen Stande und Teilnahme für ihr Unglück; hielten es doch einige sogar für des Himmels Fügung, daß die Beraubten zu Räubern geworden waren. Die Landjunker, Pächter und Schäfer murrten zuerst nur leise, und einer lachte wohl gar über des andern Schaden. Bald aber verging ihnen der Spaß; die Räuber befleckten ihre Hände mit Blut; Mord und Gewaltthat waren an der Tagesordnung. Bei dem Namen Doone zitterte jede Mutter für ihres Kindes Leben und die Wangen beherzter Männer wurden bleich.

Sir Ensors Söhne und Enkel waren an zügellose Frechheit gewöhnt, trugen Haß und Hochmut im Sinn und verachteten göttliche und menschliche Gesetze. Ihre einzige Tugend – wenn man überhaupt davon reden darf – war, daß sie für einander einstanden wie ein Mann und ihrem wilden Adlerhorst die Treue bewahrten. Wer seine Hand gegen einen Doone erhob, den traf die fürchterlichste Rache; man erzählte grauenhafte Beispiele davon.

Sie hatten sich jetzt so fest verschanzt und ihre Zahl war so groß, daß man sie mit Heeresmacht hätte überziehen müssen. Jeder einzelne von ihnen war im Zielen und Schießen mit der langen Flinte wohl geübt und besaß solche Muskelkraft, daß er vier Zentner und mehr zu heben vermochte. Wer nicht mit zwanzig Jahren, unter Sir Ensors Hausthür stehend, dieselbe in der Höhe und Breite, vom Kopf bis zu den nackten Sohlen und von einer Schulter zur andern vollkommen ausfüllte, den führte man bis an das Ende des steilen Pfades, der das Thal so unzugänglich machte, und stieß ihn mit Schmach und Schande von der Höhe hinab – sodaß er sein Leben fernerhin auf redliche Weise fristen mußte. Die Thüröffnung, das muß ich noch hinzusetzen, ist sechs Fuß und einen Zoll hoch und zwei Fuß weniger zwei Zoll breit; doch soll es nur zweimal vorgekommen sein, daß ein Abkömmling des alten Ensor die Probe nicht bestanden hat, den Rat Doone ausgenommen, der um seiner Weisheit willen unter ihnen verblieb.

Die Durchschnittsgröße unserer jungen Leute übertraf dieser Maßstab freilich um vieles, aber mir persönlich will er nicht so gar gewaltig erscheinen. Hätte man mich mit zwanzig Jahren unter jene Thür gestellt, ich würde das ganze Holzwerk auf den Schultern davongetragen haben, und doch war ich dazumal noch nicht völlig ausgewachsen.

Nach dem bisher Gesagten kann man sich leicht eine Vorstellung davon machen, wie groß die Furcht vor den Doones war, und niemand wird sich mehr wundern, daß unsere wackeren Gerichtsbehörden so wenig Aufsehen wie möglich von meines lieben Vaters Tode machten, auch keine öffentliche Untersuchung des Falles vornahmen. Es hätte ja ein jeder aus der Versammlung bei Nacht wieder heimreiten müssen, und wer weiß, was ihm da zugestoßen wäre. Nein, nein, gut ist gut, aber besser ist besser.

So begruben wir denn meinen Vater in aller Stille, nur meiner Mutter Jammer ward laut. Vater ruht auf dem kleinen, hochgelegenen Friedhof zu Oare, wo sich höchstens alle drei Jahre eine neue Gruft öffnet, denn zu dem Kirchsprengel gehören viele Wälder und Moorland, aber nur wenige Wohnplätze.

Annchen mußten wir bei der Leichenfeier zu Hause lassen, sie weinte so herzbrechend, doch sah sie alles vom Fenster aus, das arme kleine Ding. Elise nahmen wir mit; sie ging an Mutters einer Seite, ich an der andern; sie vergoß keine Thräne und betrachtete nur mit großen Augen das fremde, ungewohnte Gepränge. Was es heißt, einen Vater zu verlieren, ahnte sie nicht, und doch war sie ein sehr kluges Kind – ja die einzige Gescheite in der Familie, Gott sei Dank.

Sechstes Kapitel

Übung macht den Meister

Von dem, was sich weiter in jenem Winter zutrug, ist mir nur noch wenig erinnerlich. Am meisten vermißte ich meinen Vater draußen im Freien, wenn es galt, die Fährte der Hasen im Schnee aufzuspüren, Sprenkel zu stellen oder einen Schäferhund abzurichten. Oft warf ich sehnsüchtige Blicke nach seiner Flinte, einem alten Waffenstück, das man im Meer aufgefischt hatte und von dem es hieß, es habe vor hundert Jahren einem edlen Spanier gehört, der auf der ›Unbesiegbaren Flotte‹ England mit Krieg überziehen wollte. Vater war sehr stolz auf sein Gewehr mit dem Luntenschloß; wenn ich daran dachte, wie oft ich ihm den Zunder gehalten hatte, während er ein Kaninchen aufs Korn nahm und einmal sogar einen Rehbock, den wir im Haselbusch erspähten, konnte ich kaum meine Thränen hinunterschlucken.

Einmal nahm Jakob Fry die Flinte von den Haken herunter, auf die sie Vater noch mit eigener Hand gelegt hatte; es empörte mich, zu sehen, wie er damit herumhantierte, als mangle ihm jegliches Gefühl.

»Jammerschade, daß der Herr die Muskete nicht zur Hand hatte, als ihm die Doones in die Quere kamen,« sagte Jakob. »Er würde ihnen den Weg zur Ewigkeit gezeigt haben, statt selbst so früh in den Himmel zu gehen. Aber was flennst du denn, Junge? Na, ich werd' nichts weiter sagen.«