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Der Roman Los erzählt eine Geschichte des Leids, der Verzweiflung aber auch der Freude und der Liebe. Das Jahr 2083 schockiert auf eine eigene Art und Weise. Auch Menschen leben nicht wie gewohnt. Der Leser wird auf eine spannende Reise in die Zukunft eingeladen, die sowohl schrecklich, als auch wunderschön ist.
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Seitenzahl: 191
Veröffentlichungsjahr: 2017
Für Freya
Ich habe mir lange Zeit darüber Gedanken gemacht, was nun wirklich das „Wichtigste“ im Leben ist und bin erst jetzt zu einem endgültigen Entschluss für mich persönlich gekommen.
Das Schreiben dieses Buches war ein langer und teilweise harter Prozess. Wenn ich an die vergangenen Jahre denke, fühle ich viel Freude, Glück, aber auch Trauer. Meine Wegbegleiter waren und sind das Wichtigste auf dieser Reise- ohne ihnen wäre das Werk niemals zu Stande gekommen. Sie glaubten stets an mich, auch dann als ich meine Nerven verlor und aufgeben wollte.
Ich kann mich nicht auf Namen beschränken, doch müsste ich es würde ich besonderen Dank an Nadja Kohlberger und Tanja Wakolbinger schenken.
Nichts desto trotz widme ich dieses Buch Freya, die mein Leben veränderte und mir zugleich das Herz brach, als sie unsere Welt verließ. Du mögest in Friede ruhen, bis wir wieder zusammenfinden werden, in Liebe,
Die Autorin
©2016 Lisa Nimmervoll
Umschlag, Illustration: Lisa Nimmervoll
Buchillustrationen: Nadja Kohlberger
Lektorat, Korrektorat: Christian Nimmervoll
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
In Koorperation mit FGraphics
ISBN:
Paperback
978-3-7345-9026-9
Hardcover
978-3-7345-9027-6
e-Book
978-3-7345-9028-3
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Besonderen Dank auch an Monika & Christian Nimmervoll. Auch den vielen ungeschriebenen Namen möchte ich größten Dank aussprechen, denn niemand mir Bekannter spielt keine Rolle auf den folgenden Seiten.
Würdest du laufen, wenn du könntest?
Würdest du um dein Leben kämpfen oder lieber qualvoll zugrunde gehen? Und wie lange musst du dir diese Fragen noch stellen, um endlich zu begreifen, dass du machtlos gegen deine Gefühle bist?
Unsere Gefühle beeinflussen unser Handeln, unser Dasein und unsere Existenz. Es sind viele Fragen, die wir nicht beantworten können. Es gibt vieles, für das wir nie eine Lösung finden werden und das uns doch vorantreibt. Der Antrieb ist unser Verstand, gleichwohl wir durch diesen unversehens zu Monstern werden.
Es ist menschlich, emotional zu sein und es ist menschlich, die Nerven zu verlieren, sich selbst zu verlieren. Doch wenn ein Mensch seine Menschlichkeit verdrängt, diese verliert, dann wird er zu einer Maschine. Jeder sollte wissen, was in seiner Macht steht und was außerhalb seines Bereichs liegt, denn wenn dies nicht der Fall ist, entsteht Größenwahn, etwas, mit dem sich die Menschheit bereits mehr als genug identifizierte. Es gibt so vieles, das geändert werden könnte und einfach nicht wird, aus Angst.
Da sind so viele Menschen, die Tag für Tag um das Überleben kämpfen müssen und trotzdem werden sie nicht bemerkt. Jeder verschließt nur die Augen, weil keiner den Schmerz ertragen will und doch ist es genau dieser Schmerz, der uns zu Helden macht. Also ist es nicht der Verstand, wie so viele glauben.
Es ist das Herz, die Liebe, die Furcht und der Schmerz. Auch der Hass macht uns zu dem, was wir sind. Doch wenn sich die Menschheit davor fürchtet, zu fühlen, dann wird das ganze System, das nicht existieren dürfte, teuflisch. Manchmal frage ich mich, warum nicht alles so sein kann, wie es einmal war. Es gab Kriege, es gab Leid und doch gab es Versöhnung und Zivilcourage. Die Kriege wurden geführt und beendet von Menschen, nicht von Maschinen. Vor allem wussten die Menschen, was Verlust bedeutete.
Ich selbst verlor bereits sehr viele Menschen, die mir nahestanden und trotzdem wäre ich noch nie so weit gegangen einfach abzuschalten und die Augen zu verschließen – auch wenn die Versuchung, der Einfachheit halber, groß ist.
Das Leben wirkt sehr viel leichter ohne Emotionen, ohne Schmerz und Verzweiflung. Doch das Ende der Gefühle bedeutet auch das Ende der Freude und des Glückes. Es wäre für mich nicht möglich, es wäre keine Lösung. Es wäre ein Fluchtweg, ein Notausgang der Wahrheit, der einen in die tiefsten Abgründe führen würde.
Ich lebe und ich will leben. Das bedeutet auch die Last der Menschlichkeit zu tragen. Ich liebe es zu fühlen, zu lieben und vor allem zu leben.
Die Menschheit hat kein Vertrauen mehr. Freundschaften existieren nicht mehr. Wenn du nicht im Stande dazu bist jemanden zu verlieren, wie kannst du dann im Stande dazu sein, jemanden zu lieben?
Es gibt keine Lösung.
Nur Fluchtwege.
Die Zeit ist uns vorangeschritten, niemand kann mehr mithalten. Durch das neue Regierungssystem gibt es kaum mehr Möglichkeiten, nur noch das Treiben mit der Masse.
Jede Person hat zwei banale Möglichkeiten,
entweder du schließt dich dem System an, du verlierst alles, deine Identität wird dir vollständig gestohlen oder du riskierst, tauchst unter und kämpfst auf eigene Faust für die Freiheit.
Wählst du das Letztere, ist der Beschluss endgültig. Du musst dich durch dein eigenes Leben kämpfen und die Angst wird dich verfolgen, wie dein Schatten.
Jeder Kampf fordert Verluste, doch der Hinblick auf den Sieg ist das was zählt. Es ist die Lust am Leben, es ist der Geruch von Holz und der Geschmack von Wasser.
Das Leben ist keine Qual, auch heute nicht. Es ist ein Geschenk, das man niemand leichtfertig wegwerfen sollte, schon gar nicht als Opfergabe des Fortschritts.
Das System hat mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung im Griff. Entscheidest du dich einmal dafür, lässt es dich nie mehr los. Es lässt dich glauben, du würdest ohne es nicht mehr überleben können, nicht mehr existieren. Das Einzige, das du noch fühlst, ist das Verlangen nach der Zugehörigkeit, nach dem Regime.
Vor etwa 50 Jahren begann das Programm zu fruchten. Die Menschen waren verzweifelt. Alle Länder in Europa, das Vereinigte Königreich und Amerika hatten endlose Schulden. Präsidenten und Regierungsbeamte wussten keine Lösungen. Jahrelang wurde versucht durch Einsparungen in allen Lebenssparten die Kassen der Länder zu füllen, doch der Gewinn war zu niedrig.
Es war nur ein Wassertropfen, der auf einen heißen Stein traf. Kein einzelner Grashalm konnte den Magen einer Kuh füllen. Eine unangebrachte, doch durchaus zutreffende Metapher für unser Land.
Nach einer Weile wurden Altenheime und Kindergärten aufgelöst, Arbeitszeiten von Angestellten verlängert und Gehälter gekürzt.
Der Wert des Geldes verringerte sich dramatisch, das alte System schien zusammenzubrechen und das europäische Parlament ging darunter zu Grunde. Die weitere Entwicklung der Union und auch die Existenz des ganzen Gremiums standen auf dem Spiel. In Folge der unglücklichen Umstände spitzte sich die Lage immer weiter zu und kippte in ein Schreckensbild über. Es entstand ein Programm, das effizienter war als alles andere auf dieser Welt.
Die Neue Ordnung.
Die Neue Ordnung ist die totale Abhängigkeit und Kontrolle durch eine kleine Elite, die das Gegenteil von Freiheit bedeutete. Die Folgen sind die Ausbeutung der Masse und aggressive Methoden zur Machterhaltung und – erlangung.
Um den Inhalt der europäischen und amerikanischen Gründungsverträge zu verändern, mussten die Mitgliedstaaten neue Verträge abschließen.
Als Zusammenschluss der Staaten stellen nun die europäische Union, sowie der Rest der Welt, ein politisches Gebilde dar, das es in dieser Form zuvor noch niemals gegeben hat. Bereits in der Entstehungsphase wurden die Unterschiede zum alten System klar ersichtlich.
Der neue Vertrag wurde 2040 in Brüssel und 2041 in Luxemburg sowie im Pentagon, Washington D.C. unterzeichnet. Die Entmachtung der Regierungen und die Bildung einer neuen Form waren somit perfekt und dem Wandel der Zeit stand nichts mehr im Weg.
Diese Revolution ging einher mit der massiven Enteignung der Bevölkerung. Das Geldsystem war wie ein Kartenhaus, ohnehin instabil, und der Einsturz war vorherzusehen. Freiheitlich handelnde Demokraten wurden verfolgt und getötet. Den Entwicklungen zufolge stand all das an erster Stelle, um den Machterhalt zu ermöglichen und um den Organisatoren hohe Gewinne zu sichern.
Ein wesentlicher Schritt zur Kontrolle war die Veränderung der Währung und des Bankenwesens.
Die berühmte Rede eines korrupten Politikers im Jahr 2042, beinhaltete folgende Worte: „Gebt mir die Kontrolle über die Währung eines Landes, dann ist es mir egal, wer dort die Gesetze macht. Erst durch die unbegrenzte Vergabe von Krediten an Staaten und die damit verbundene Verschuldung wird die gezielte Einleitung von Krisen möglich.“
Kapital wurde als Gott angesehen, alle anderen Werte fielen dahinter weg. Die Welt wurde demnach gleichgeschaltet – nationale, kulturelle und religiöse Eigenarten unterbunden. Der familiäre Zusammenhalt wurde entwurzelt, bis hin zu einem auf Konsum und Spaß verzichtenden Individuum. Alle, die sich nicht daran hielten, zählten zu den überflüssigen, unproduktiven Menschen und werden bis heute verfolgt. Nur einige wenige stellten sich gegen die Landmächte und überlebten. Wir alle leben in bisher unentdeckten und verfallenen Gebieten, die von der Menschheit in den Städten vergessen wurden.
Heute schreiben wir den 4. Dezember im Jahr 2083. Wie fast an jedem Tag regnete es in Strömen und eine dichte Schicht Nebel lag über dem Boden.
Gespannt las ich die ersten Einträge. Dieses Tagebuch auf dem Dachboden zu finden, war pures Glück.
Meine Großmutter starb vor einigen Jahren. Niemand sprach gerne über sie. Die einzigen Worte, die über jedermanns Lippen kamen, waren erstickend: „Sie war verrückt, eine Närrin.“
Doch dies konnte ich noch nie glauben. Welche Gründe sollte es geben, so etwas zu sagen und was sollte sie verbrochen haben? Ich legte mich erneut auf mein Bett und las weiter.
Ich öffnete langsam meine Augen und starrte auf den alten Deckenventilator über unserem Bett. Immer mehr Regentropfen schienen durch das alte Holzdach zu sickern, trotzdem zauberte jeder neue Morgen ein Lächeln in mein Gesicht. Wir waren immer noch wir selbst, das war das größte Geschenk auf dieser Erde.
„Guten Morgen“, flüsterte ich Paul zu, in der Hoffnung, er würde sofort darauf reagieren. Doch er rührte sich nicht.
Jeden Morgen war es derselbe klagende Schrei, der mir unsere widrigen Umstände verdeutlichte – der Schrei unserer Nachbarin. Sie war schwer krank, nur noch ihre übliche Dosis verschiedenster Medikamente ließ sie weiterkämpfen. Es schien ein ewig währender Kampf zu sein. Die Lage besserte sich nicht und uns fehlten die notwendigen Geräte, um eine Operation durchzuführen.
Durch einen Schusswechsel, vor einigen Monaten, wurde ihr Bein schwer verletzt. Von da an war klar, dass sie nie mehr wieder laufen können würde. Wir mussten ihr Bein abnehmen, in der Hoffnung eine Infektion zu vermeiden.
Wochen verstrichen, doch je mehr Zeit verging, desto größer wurde ihr Leid. Mittlerweile konnte sie sich kaum mehr bewegen, sie wurde ein Pflegefall in einer ungünstigen Zeit.
Elli hatte einen 17 – jährigen Sohn, der ihr jeden Tag Tabletten besorgte. Er spielte mit seinem Leben, um das Leben seiner Mutter wenigstens Tage zu verlängern.
Müde stellte ich meine Beine auf den alten Teppichboden und wusch mir im Badezimmer das Gesicht. Der Wasserhahn tropfte bereits, als wir das Haus entdeckt hatten, doch er war immer noch besser als nichts.
Ich füllte einen Kübel mit kaltem Wasser und nahm ein Tuch. Langsam torkelte ich in Ellis Wohnung.
Ich zog einen alten Holzstuhl an ihr Bett und setzte mich. Vorsichtig legte ich meine Hand auf ihre Stirn, die bereits glühend heiß war.
„Elli. Ich bin hier“, flüsterte ich heiser. Sorgfältig drückte ich das Tuch aus und legte es auf ihr Gesicht, um ihre Temperatur leicht zu senken. Nach ein paar Minuten schien sie darauf anzusprechen und beruhigte sich. Ihre Krämpfe lösten sich, sie schien zu lächeln.
Es machte mir Freude, Menschen helfen zu können. Mein Leben lang wollte ich Krankenschwester werden, doch die Ausbildung wird uns, Aussätzigen der Neuen Ordnung, verwehrt. Trotzdem verbrachte ich meine Zeit mit dem Pflegen von Personen, die dringend Hilfe brauchten und sie nicht bekamen.
Ich versuchte Elli und ihren Sohn zu unterstützen soweit es möglich war, doch ich konnte ihnen die Last nicht vollständig abnehmen. Das stand nicht in meiner Macht.
Die Welt selbst ist nie ungerecht. Alles geschieht, wann es geschehen sollte. Doch wenn ein System dieses Geschehen beeinflusst, dann wird die Welt ungerecht. Elli war erst 38 Jahre alt. Es war nie ihr Schicksal, leidend in einem Bett liegen zu müssen.
Leise Schritte rissen mich aus meinen Gedanken. „Danke“, seufzte eine rauchige Stimme hinter mir. Es war Jakob, ihr Sohn.
Ich faltete das feuchte Tuch zusammen und nickte. „Sag mir Bescheid, wenn ihr etwas braucht“, sagte ich leise und klopfte ihm aufmunternd auf die Schulter, bevor ich hinzufügte, „wenn sich ihr Zustand nicht bald verbessert, wird sie nicht mehr lange durchhalten. Es tut mir so leid.“
Der Gang war kahl. Nägel waren fest in den Wänden verankert, doch die Bilder dazu fehlten. Viel zu oft versuchte ich mir das Haus in seiner Blütezeit vorzustellen, bevor die Neue Ordnung unsere Welt regierte.
Paul stand bereits im Türrahmen und sah mich freundlich an. „Hey…“, flüsterte ich und stellte den Eimer erschöpft ab. Voller Freude fiel ich um seinen Hals und küsste ihn leidenschaftlich. Er zog mich fest an sich und erwiderte meinen Kuss.
Es war ein wundervolles Gefühl, jeden Morgen neben dem Menschen aufzuwachen, den man liebte. Es ist Glück, diese Person täglich in den Arm schließen zu können und zumindest für den Moment sorglos zu sein. Niemand wusste, wie lange wir noch Zeit haben würden, wie lange es uns noch vergönnt wäre.
Die Liebe lässt die Menschen der Dörfer nicht verzweifeln, sie lässt sie kämpfen, um all das, was ihnen wichtig ist. Die meisten von uns sind keine Einzelkämpfer. Sie würden eher füreinander sterben, als noch mehr Leid zu verbreiten und das ohne Gegenleistung und ohne Beweise.
Ich versank in meinen Gedanken. Wie ein Hirngespinst nistete sich diese perverse Vorstellung in meinem Kopf ein, Paul eines Tages zu verlieren. Wie lange würden wir noch haben?
Ich wollte ihn niemals wieder loslassen. Seine Wärme, seine Anwesenheit täglich zu spüren, war meine ganz persönliche Droge. Er küsste mich sanft auf die Stirn und strich durch mein Haar.
Seine braunen Augen waren perfekt. Das kantige Gesicht wurde von einer dunkelbraunen, dichten Mähne umrahmt. Er war wunderschön.
Mein Blick schweifte über das nahegelegene Fenster. Der Flur des Hauses lag ruhig da, nur das leise Tropfen des Wasserhahns durchbrach die Stille. Ich schloss meine Augen und atmete stark aus, nur für einen kurzen, kostbaren Moment.
Als die Geldentwertung ihren Lauf nahm, hatten die Menschen nur noch das Nötigste. Es war gerade genug da, um zu überleben. Nur die Reichsten unter uns lebten nach wie vor im Wohlstand. Man konnte nicht mehr von einer Schere zwischen Arm und Reich sprechen, da diese bereits viel zu groß war.
Nachdem sich die Ordnung bildete, waren die Menschen fasziniert von einer solch einfachen Welt. Jeder würde einen Job bekommen, mit dem er sich alles leisten könnte, was er wollte.
Niemand hinterfragte, was es kosten würde, sich dem System anzuschließen. Vor Sorgen waren die Menschen blind geworden.
Langsam aber sicher wurde die Gesellschaft zu Leistungen gedrängt. Familien und alle sozialen Aspekte wurden ausgelöscht. Es war nach einigen Jahren bereits, als hätten diese niemals existiert. So bildete sich die Neue Ordnung.
„Wir haben heute vieles vor“, sagte Paul leise und ließ mich los. Nach einer Pause fügte er lachend hinzu: „Also zieh dich besser an.“
Eine Sekunde später öffnete er sämtliche Fenster, um die Etage durchzulüften. Er kam plötzlich auf mich zu und hob mich hoch. Wir drehten uns einige Male um unsere eigene Achse, wobei mein Lachen vermutlich durch das ganze Gebäude hallte. Langsam ließ er mich wieder auf den Boden sinken und strich erneut durch mein verknotetes Haar.
Eilig befreite ich mich aus seinem Griff und ging zu meinem Kleiderschrank.
Ich konnte es kaum erwarten, endlich etwas mit ihm unternehmen zu können. Ich zog mir eine kurze Hose und ein langes, weißes Top über. Zähne putzend versuchte ich meine Haare zu entknoten und mich einigermaßen zu waschen.
Ein Spiegel zierte unsere Badezimmerwand. Er war längst zerbrochen, trotzdem brachten wir es nie übers Herz, ihn wegzugeben. Die Splitter lagen, seit meinem Einzug verteilt im Raum.
Er war vermutlich aus dem 14. Jahrhundert. Eine Zeit, die längst von unserer Generation vergessen wurde.
Die frühere Bedeutung von dem Rundspiegel zeichnet sich in einem Mythos ab. Die Menschen dachten, dass dieser Konvexspiegel sie vor Hexen und sonstigem Übernatürlichen schützen würde, zudem würde der Spiegel den Blickwinkel des Betrachters vergrößern.
„Können wir gehen?“, fragte Paul hoffnungsvoll. „Was haben wir vor?“, entgegnete ich aufgebracht.
Er gab mir keine Antwort, grinste nur. Draußen hatte sich das schlechte Wetter verzogen und es schien die Sonne. Der Himmel erstrahlte in einem grellen Blauton. Ich atmete die frische Luft tief in meine Lunge ein, bis mich schließlich die Wahrheit einholte.
Die Straße war verunreinigt und die meisten Menschen lagen auf dem alten Gehsteig in ihren selbstgebauten Unterschlüpfen aus Plastik und Papierresten. An einigen Häusern kroch Efeu empor und ein einsamer Kirschbaum stand auf einem alten Parkplatz. Er blühte weiß und duftete bis an das andere Straßenende.
Wir eilten die Gasse hinunter, bis wir den Beginn eines kleinen Forstweges erreichten. Einige Meter weiter begann ein dichter Wald, der hauptsächlich aus Laubbäumen bestand.
Die Sonne durchbrach die Blätter und einige Strahlen erreichten den Boden. Es roch nach frischem Holz und die Luft wurde mit jedem Meter, den wir uns von dem Dorf entfernten, klarer. Die Gefahr war hinter jedem Baum zu vermuten, doch in unserer Zeit war es normal, in Angst zu leben.
Es war Alltag, auf der Hut sein zu müssen, sobald man sein Haus verließ. Doch man gewöhnte sich daran. Oft hielten sich in Regionen wie dieser Plünderer und Gesetzlose auf, die über jeden Menschen herfielen, der ihnen in die Quere kam.
Nach einem längeren Fußweg erblickten wir einen schmalen Fluss, dem wir eine Weile folgten. Das Rauschen nahm mit jedem Schritt zu, als ob uns mehrere Bäche umschließen würden. Auch die Feuchtigkeit nahm zu.
Ich fragte mich, wohin er mich führen würde. Nach weiteren Metern bot sich mir ein Anblick, der schöner war, als alle meine bisherigen Erfahrungen. Der Augenblick war perfekt, er war vollkommen.
Ein Wasserfall stürzte einige Meter entfernt in die Tiefe hinab. Das Wasser glitzerte, jeder Sonnenstrahl reflektierte tausende Tropfen. Es wurde ein regelrechter Vorhang gebildet, der eine Traumwelt zu verschließen schien. Das Wasser war kristallklar und der sandig – braune Boden schien verschwommen an die Oberfläche.
Der kleine See inmitten des Waldes wurde von einem Feld aus groben Steinen umringt. Der Übergang des Kieses in den Sand war fließend. Einige Fische wirbelten den Schlamm auf und umkreisten kleine Wasserrosen, deren Blüten sich am Tageslicht erfreuten.
Es war unglaublich. Nur einige Meter weiter links würden mir die Bäume den Blick in diese wunderbare Welt rauben. Der Ort schien magisch zu sein, so versteckt und doch so anmutig inmitten der Dunkelheit des Waldes. Ich musste blinzeln, dachte, ich wäre nicht ganz bei Sinnen gewesen, doch es war Realität.
Im nächsten Moment packten mich kräftige Arme. Paul nahm mich hoch und ging vorsichtig, Schritt für Schritt in das unbekannte Gewässer hinein. Ich konnte nicht anders als zu lächeln und schlagartig bemerkte ich, wie mir das Blut in mein Gesicht schoss. Es war mir unangenehm so getragen zu werden.
Das Wasser hatte eine angenehme Wärme und schmiegte sich langsam an unsere Körper.
Langsam löste er seinen Griff, doch ich klammerte mich wie ein kleines Äffchen an seinen Schultern fest.
Meine panische Angst vor Wasser konnte ich noch nie überwinden, nicht einmal mit seiner Hilfe. Schon als ich ein kleines Kind war, ließ mich genau diese eine Frage erschaudern – was würde sich unter meinen Beinen in der Dunkelheit verbergen? Es gibt Lebewesen, von denen wir nichts wissen und da ist die Angst vor dem, was wir nicht kennen.
Ein See schien ein tiefes, unergründbares Loch zu sein, in das man langsam sank. Es war voll mit Ungewissheit. Wasser schmiegt sich um dich und macht dich unbeweglich. Sobald es den Weg in dich gefunden hat, verschlingt es dich.
Meine Kontrollsucht hatte mich fest im Griff und die Frage „was wäre wenn“ beherrscht beinahe mein gesamtes Leben. Ich bewunderte jede Person, die ohne das Gefühl der vollkommenen Machtlosigkeit in einen See springen konnte.
Ganz langsam realisierte ich die Situation, in der ich mich befand. Ich zitterte am ganzen Leib.
Ich verspürte keinen Halt mehr und mein Herz schien zu rasen. Mein Atem gefror und die Dunkelheit um mich herum nahm zu. Im Gefängnis meiner eigenen Gedanken nahm ich einen sanften, dennoch fordernden Druck wahr.
Sein Kuss ließ mich vom Thema abschweifen, wenn auch nur für kurze Zeit. Ich versuchte mit aller Kraft ihm zu vertrauen und ließ mich in seine Arme fallen. Die Sonne bestrahlte das Wasser und der Himmel war klarer denn je. Ich schloss meine Augen, in der Hoffnung, nicht die Beherrschung zu verlieren.
Doch was ich auch versuchte, es blieb ohne Erfolg. Ich fühlte mich nicht sicher. Etwas Vergangenes, ein Albtraum, drängte sich in mein Unterbewusstsein.
Ich war alleine und wachte auf einem hölzernen Boot auf. Ich wusste nicht, wie ich dort gelandet war, auch wusste ich nicht, was ich hier verloren hatte.
Ich hörte das Lachen eines kleinen Mädchens, doch ich sah sie nirgendwo. Das Geräusch der an den Bootswänden brechenden Wellen hallte durch die Stille.
Meine Ohren nahmen alles bewusst wahr. Doch meine anderen Sinne waren betäubt vor Angst. Ich konnte weder Bild noch Ton der Umgebung und der Situation zuordnen. Nach einiger Zeit realisierte ich meinen Aufenthaltsort.
Ich trieb einsam im Wasser, in einem kleinen Boot. Ich begann zu zittern, um mich herum war alles schwarz. Die Nacht umfasste meine Seele. Mit zittrigen Händen griff ich nach der Bande.
Ich wollte das Mädchen finden, das mit mir an Bord war, doch ich konnte es nach wie vor nicht sehen. Als ich die Bande ertastete, verlor ich den Halt und stürzte in die Tiefe.
Ich konnte mich nicht mehr bewegen und fiel zu Boden wie ein Stein. Ich fühlte mich verloren, kraftlos und wusste, es war vorbei. Ohne zu schreien gab ich auf, nur die einzelnen Tränen lösten sich von mir und vermischten sich mit dem Tod.
Das Letzte, das ich sah war ein Kind. Es fiel mit mir zu Boden, wie ein Stein.
Paul tätschelte mich sanft, bis ich eine Reaktion zeigte. Er sah mich verwirrt an. Ich war nicht in der Lage, etwas zu sagen, mein Kiefer sperrte sich. Mit einigen wenigen Schwimmbewegungen erreichte ich das Land und eine schwere Last fiel von mir ab. Der Boden unter meinen Beinen schien wie das größte Geschenk auf Erden.
„Es tut mir leid, ich hätte es besser wissen müssen.“ Ohne darauf zu antworten strich ich zittrig über seine Wangenknochen. Er hatte keine Schuld.
Später kletterten wir die Felswand empor. Ein wunderschöner Sonnenuntergang in allen möglichen Rottönen beanspruchte nun den Himmel für sich. Der Wald, in dem wir uns befanden, schien unendliche Weiten zu besitzen. Weit in der Ferne war unser Dorf zu erkennen. Hinter uns stürzte ein weiterer, etwas kleinerer Wasserfall in die Tiefe, der im Abendrot schimmerte.
Nichts konnte so schön sein wie die Natur, es war unglaublich, dass manche Menschen dazu im Stande waren, dieses Wunder kaltblütig zu zerstören.
„Gefällt es dir?“ „Ich kann es nicht fassen…“, antwortete ich atemlos. Wir blieben, bis die Sonne hinter den Bergen verschwand und die Dämmerung schlussendlich zum Zug kam. Der Rückweg war lange, doch dieser Ort war es wert gewesen.
Langsam holte uns die Dunkelheit ein und ließ uns zu Schatten werden. Doch nicht nur wir wurden unsichtbar, jeder hatte nun die Möglichkeit, Schaden anzurichten, ohne Spuren zu hinterlassen. Die Nacht war nicht sicher.
