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Das vorliegende Buch ist eine Anthologie, die Geschichten des Alltags - Arbeitslebens, fiktive Erzählungen, die Reste von Balladus Messwartengeschichten sowie Gedichte von Anni Kloß und anderen enthält.
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Seitenzahl: 218
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Die Stories in diesem Buch sind alle frei erfunden. Übereinstimmungen mit der Realität sind zufällig.
Diese Feststellung gilt sowohl für die Personen als auch die Schuleinrichtungen, die chemische Fabrik und andere Schauplätze.
Trotzdem hoffen die Verfasser, ein gutes Bild der Menschen und der Zeit, in der die jeweiligen Geschichten spielen, gegeben zu haben.
Jörg Körner - Alltagsstorys
Die Lyrikerin Anni Kloß mit Gedichten
Ewa - eine Geschichtenerzählerin
Mimi H. - humorvolle Verse
Heinz Schubert aus Dölau - ein lyrisches Gedicht
und
Max Balladu als Autor und Herausgeber
Das vorliegende Buch ist eine Anthologie, die Geschichten und Erzählungen verschiedener Autoren, die Reste von Balladus Messwartengeschichten sowie Gedichte von Anni Kloß und anderen enthält.
Wichtige Abkürzungen im Buch
Max Balladu - Aller Anfang ist schwer
EWa - Weggefährten (1)
EWa - Weggefährten (2)
EWa - Weggefährten (3)
EWa - Weggefährten (4)
EWa - Na, sowas!
EWa - Monster gibt es nicht!
Max Balladu - Sauerstoff
Jörg Körner - Ein Päckchen am Straßenrand
Jörg Körner - Die unsittliche Berührung
Jörg Körner - Der Sittenstrolch
Jörg Körner - Minnilastfahrweise
Max Balladu - Minus fünfundzwanzig Grad
Max Balladu - Die Datsche
Max Balladu - Trost für Prost
Max Balladu - Probleme daheme
Max Balladu - Der Kreis
Max Balladu - Das Altersheim
Anni Kloß - Revolution auf ostdeutsch
Anni Kloß - Oktoberzwillinge
Heinz Schubert - Herbstlied
Anni Kloß - Weihnachtsgedicht für 4 Personen.............
Mimi H - Der Zukunftsträger
Helene Paetz - Trag dein Leid
Anni Kloß - Schweigen
Faustregel für zukünftige Dichter von Balladu
Anni Kloß - Möcht so gern ein Dichter sein...
Die Autoren schulden Frau Helene Paetz und H. F. Moritz Dank fürs Lektorat und die Zurverfügungstellung der Zeichnungen auf der Covervorder- und Rückseite.
Es gibt nach wie vor zum besseren allgemeinen Verständnis der Stories Informationen auf den Webseiten:
www.mensch0815.de
und noch bis Januar 2020 auch auf
https://maxballadu.blog
E
- Ethylen - C
2
H
4
B
- Chlor - Cl
2
O oder O
2
- Sauerstoff - Oxygen
C oder Ede Ceh
- Ethylendichloride - EDC
HCl
- Chlorwasserstoff
V
- Vinylchlorid - VC
PLAST
- Polyvinylchlorid - PVC
W
- Wasser - H
2
O
Kata K
- Kupferchlorid - CuCl
2
Kata F
- Eisen(III)-chlorid - FeCl
3
LOB: Die Gesellschaft ist 1995 aus der Privatisierung der LUNA-Werke, des Olefinwerks und Teilen von Beuna hervorgegangen.
OPA Industrial: Eine amerikanisch-französische Firma - Ouvrage de Paille -, die 1995 das, schon etwas zu LOB geschrumpfte Kombinat VEB Chemische Werke LUNA, in dem bis zur Wende 18 Tausend Menschen beschäftigt waren, übernommen hatte. Heute arbeiteten hier noch circa 2000 Angestellte. Von den vielen alten Fabriken ist nichts mehr übrig geblieben bis auf die in den 70-er und 80-er Jahren gebauten Kautschuk und PLAST-Anlagen. Mit den von OPA an diesem Standort neu errichteten chemischen Fabriken gehört das Werk gegenwärtig zu dem modernsten Europa, vielleicht sogar der Welt.
OPA-CG: Darin bedeutet CG - Central Germany
Ouvrage de Paille: Kann man mit Stroharbeit übersetzen. Das Wort klingt vielleicht ein bisschen fremd, doch darin steckt der Gedanke der Natürlichkeit. Und genau das ist die Idee, dass der Name allzeit daran erinnert, dass der Mensch zwar danach trachten kann künstlich der Natur so nahe wie möglich zu kommen, aber ohne sie zu gefährden. Zumindest waren das die Gedanken des Gründers von OPA Industrial, Pierre Camus, Anfang des 20. Jahrhunderts.
V-Fabrik, Dienstag 16. Oktober 2001
T homas Prost, der 58-jährige Leiter der CV-Anlage, betrat die Messwarte, betrachtete kurz die Bildschirme, ging an einen näher heran und klopfte dem davor sitzenden großen und schlanken Mann, der trotz seiner knapp sechsundzwanzig Jahre bereits von Frau und Kind geschieden war, ohne Worte auf die Schulter. Der Anlagenfahrer sah zu Prost hoch. „Da zurzeit keine Reparaturen anstehen, wollten wir die Spaltung gleich wieder starten. Spricht etwas dagegen?“
Prost schüttelte den Kopf. „Nein, das ist okay.“ Nach kurzem Schweigen fügte er noch hinzu, „was macht deine Tochter?“
Jonny Adler winkte nur kurz ab.
„Nicht aufgeben.“ Prost klopfte ihm noch einmal auf die Schulter. „Du wirst eine Lösung finden. Das Wichtigste ist, dass es deiner Tochter gut geht. - Geht es ihr gut?“
Adler nickte, „ich denke schon.“
Nachdem der Operator Günther Hossa von außen gemeldet hatte, dass der HCl-Ausbruch gestoppt war, lockerte sich die Stimmung der Bedienmannschaft und es flackerten wieder Gespräche auf. Die Spaltung war zwar abgestellt, aber alle anderen Anlagenteile liefen stabil.
Inzwischen hatten sich die Operator um Prost versammelt, zu dem sich inzwischen sein Vertreter, der 48-jährige, männlich attraktive C-Experte Harry Kupfer gesellt hatte. Sie wussten, dass bis zum erneuten Anfahren der Anlagenteile längere Zeit vergehen würde und spekulierten darauf, dass ihr Leiter oder, was wahrscheinlicher war, sein Stellvertreter, wieder einmal kleine Geschichten aus der Anfangszeit der Anlage erzählen würde. An den Storys zum Betrieb ihrer Anlage zur DDR-Zeit, waren alle interessiert. Na ja, mehr oder weniger, aber das - weniger - konnte Harry kaum vom Erzählen, einer seiner Lieblingsbeschäftigungen, abhalten.
Prost bemerkte das, nahm einen Stuhl und setzte sich, während Kupfer stehen blieb. „Gibt es ein spezielles Thema, das euch interessiert?“ Fragte Prost und sah zu Balla, „natürlich außer Gruppensex.“
„Schade Doc, genau dazu hätte ich noch eine Detailfrage gehabt.“ Der knapp fünfzigjährige, mittelgroße, ehemalige Seemann war ein Urtyp, ein wandelndes Spruchbuch und einer, der außerdem immer für Witzeleien zu haben war.
„Wie war das damals in den Siebzigern,“ fragte Jonny, ohne sich von Ballas Frage beeindrucken zu lassen, „beim ersten Anfahren?“
„Das war 1979, du Depp,“ konnte Balla sich nicht bremsen zu bemerken.
„Für den Anfahrprozess, der“ Prost sah von Balla zu Adler und wieder zurück, „übrigens bis März 1980 dauerte, kamen in der zweiten Hälfte 1979, zwei promovierte Chemiker, zwei Meister und zehn Anlagenfahrer aus der Produktionsanlage der Boechst in der Nähe von Köln zu uns. Sie machten die Arbeit. Unser Anlagenpersonal lief nebenher und schaute ihnen zu. - Ich auch. - Könnt ihr euch noch an die ersten Verriegelungskontrollen erinnern, Harry, Emil?“
„‘Vorher weiß man es - richtig hinterher‘,“ zitierte Balla und fuhr mit der Hand durch die Luft, stand auf verbeugte sich kurz vor Kupfer, „sogar ‚Ichhabe-immer-recht-harry‘ hat damals alt ausgesehen.“
„Das gebe ich gerne zu,“ bestätigte Harry Kupfer, „es fällt mir auch nicht schwer darüber etwas zu erzählen. Zum Beispiel meine erste Verriegelungskontrolle in der Rückstandsverbrennung.“
Messwarte, Montag 8. Oktober 1979
„Herr Kupfer, was müssen sie denn jetzt noch machen, damit das Heizgas aufgefahren und die nächste Abschaltung geprüft werden kann?“ fragte Meister Hahn, der praktische Leiter des Anfahrteams der Firma Boechst für den C-Teil der V-Anlage, mit einem leichten, etwas süffisantem Lächeln, den für diese Aufgabe zuständigen stellvertretenden Schichtleiter, einen sportlichen jungen Mann, der erst vor ein paar Monaten als frischgebackener Diplomchemiker von der Hochschule in Merseburg zur neuen V-Fabrik gekommen war. Hahns Kollege Timmer sah seinem Chef aufmerksam zu und versuchte den ostdeutschen Kollegen, zu denen neben Balla und der kleinen, erst achtzehnjährigen rothaarigen Streller, die ihre Kollegen nur Kecke nannten, auch Dr. Prost gehörte, die Antwort vorzusagen, denn keiner von diesen wusste, was hier zu machen war. Es war nur logisch, dass niemand auf die Aufforderung des Meisters aus Hürth reagierte. Hahn zog lässig einen Schlüssel aus der Tasche, steckte ihn in ein dafür vorgesehenes Schloss, drehte ihn eine halbe Umdrehung, worauf ein rotes Lämpchen neben dem Schlüssel aufleuchtete, während im oberen Teil der Messtafelwand zwei rote Signale verschwanden.
„Jetzt können sie das Heizgas auffahren lassen, Herr Kupfer“, sagte er nun gemütlich.
Kupfer brummte, „Kecke, mach mal.“
Zögerlich drehte die Angesprochene daraufhin zwar am richtigen Knopf, aber - nichts rührte sich.
„Sie haben etwas vergessen, Frau Streller“, sagte Hahn und Timmer versuchte wieder, insbesondere dem ostdeutschen Doktor, zuzuflüstern, „das Knöpfchen, das Knöpfchen.“
Aber auch der promovierte Ingenieur hatte keine Ahnung, was der freundliche Westgermane meinte.
„Na gut, sie werden es schon noch lernen“, sagte der Meister, drückte auf einen Taster gleich neben dem Schlüssel mit dem benachbarten roten Lämpchen und siehe da, die Heizgasventile fuhren auf.
Hahn, der ein Sprechfunkgerät in der Hand hielt, führte es zum Mund und drückte die Sprechtaste. „Jetzt, Herr Herrbeck, Temperatur hoch.“
Sofort leuchteten wieder rote Signale im oberen Bereich des Messtafelfeldes, die Heizgasventile fuhren wieder zu und die Hupe ertönte.
Egon Timmer verließ schnell die Messwarte und Balla rannte ihm nun schon zum hundertsten Mal an diesem Tag hinterher in Richtung Rückstandsverbrennung, um hier vor Ort zu kontrollieren, ob alle Ventile richtig geschlossen waren.
Seit etwa einer Stunde führten die zwei Westdeutschen gemeinsam mit dem DDR-Anlagenpersonal eine Verriegelungskontrolle zur Prüfung aller Notabschaltungen für diesen Anlagenteil durch. Meister Hahn und sein Stellvertreter Timmer amüsierten sich königlich, dass ihre ostdeutschen Kollegen ihren gezielten Handlungen kaum folgen konnten.
Obwohl der sportliche Timmer schnell war, blieb ihm Balla auf den Fersen. Langsam wusste auch er, wo sich die einzelnen Schnellschlussventile für Heizgas und die der diversen Abgase befanden.
V-Fabrik, Dienstag 16. Oktober 2001
„Interessant zu hören, dass es euch damals auch so gegangen ist,“ sagte der erst 1995 direkt nach der Lehre zum V-Team gestoßene Jonny Adler, der inzwischen ein exzellenter Anlagenfahrer geworden war, „ich habe anfangs auch gedacht, ‚das begreifst du nie Adler‘.“
„Deine Story, Harry, war doch langweilig,“ brummte Balla, „ich erinnere mich da an viel spannendere Szenen.“ Nach einer kurzen Kunstpause, während der er sich, Interesse erhoffend, nach seinen Kollegen und Kolleginnen umsah, fuhr er energisch fort, „in dieser Zeit hat es doch auch am Passstück des Spaltofens gebrannt!“
Für einen Moment herrschte angespannte Stille. Die meisten erwarteten wohl eine Reaktion vom Doc, die auch nicht ausblieb.
„Fast Emil, nur fast,“ sagte Prost schmunzelnd, „zum Brand ist es ja nicht gekommen.“
„Eigentlich schade. Dann hätten wir das später nicht mehr ausprobieren ...“ Balla hob beschwichtigend beide Hände, „… schon gut Doc, aber damals hätten ohnehin die Wessis zahlen müssen. - Auf alle Fälle passt diese Story besser zur heutigen Störung?“
„Das stimmt Emil,“ bestätigte Prost und sah zu Harry Kupfer.
„Das musst du schon erzählen Thomas,“ Kupfer schwenkte seinen rechten Arm in Richtung seines Kollegen, „ich war bei der Sache nicht mit dabei.“
Prost sah sich in der Runde um und bemerkte, dass ihm sehr wache Augen entgegenblickten. „Als ob du dabei gewesen sein musst, um eine Story zu erzählen, Harry. Aber gut, dann bin ich dieses Mal dran. - Ja, die Westdeutschen sind absolut souverän, auch mit dieser Situation umgegangen. Bis wir so cool sein würden, sollte noch viel Wasser die Saale hinunterfließen.“
Messwarte, Mittwoch 24. Oktober 1979
„Das Passstück ist undicht!“, schrie der Westoperator Walter Lemke in die Messwarte hinein und fügte angespannt noch lauter hinzu, „es wird brennen!“
„Mach keine Hektik, Lemke!“ knurrte der kleine rothaarige Meister Russeck, der von der Firma Boechst für diesen Anlagenteil zuständig war und sah finster auf seinen Anlagenfahrer. „Welcher Ofen ist es denn?“
„Der Einser, der Einser“, antwortete der Operator nervös.
Der Meister winkte ihm daraufhin unwirsch zu. „Hol den Köhler und komm mit ihm zum Spaltofen.“
„Unseren Kö...“
„Lemke!“ schnauzte der Meister unwirsch und der Operator verschwand.
„Sie wollen die Schrauben nachziehen Herr Russeck“, fragte, mit einem Anflug von Unmut, der ostdeutsche Anlagenleiter Dr. Blücher, der seinem Namen alle Ehre machte, bisher aber still dem Disput zugehört hatte, „obwohl der Ofen weiter in Betrieb ist?“
„Na klar, Horst“, mischte sich nun sein schnurrbärtiger, schlank und sportlich wirkender Stellvertreter Dr. John ein, der zuständige Fachingenieur für diesen Teil der Anlage, „was hast du denn gedacht? Das machen doch alle so.“
„Von wegen alle“, protestierte Blücher.
Aber der Meister aus dem Westen beruhigte ihn, „keine Sorge Herr Doktor, noch sind wir ja verantwortlich.“
Trotzdem rannten Blücher und John ihm jetzt hinterher, als Russeck, sich einen Feuerlöscher von der Wand nehmend, die Messwarte verließ und zum Spaltofen eilte. Der Weg dahin war kurz, denn die Spaltung lag direkt neben dem Messwartengebäude in südlicher Richtung und der Ofen 1 war von hier aus auch der Erste.
„Ausgerechnet auf der Ofenseite“, konstatierte der Meister, „wo bleibt denn der Lemke mit dem Köhler. - Ah, da kommen sie ja. - Adolf hierher, nicht an der Quenche, hier am Ofen.“
„Schon gut, Willi, ich bin doch nicht blind.“ Köhler winkte Russeck im Vorbeigehen kurz zu.
„Walter, nimm den Feuerlöscher mit!“ Der Meister hielt Lemke das Gerät entgegen und rief beiden noch hinterher, „das Zeug kann sich ganz schnell entzünden! Passt also gut auf!“
Das zweiteilige Passstück, das aus einer 0,5 m langen Erweiterung vom Durchmesser der Spaltschlange von 150 auf 250 sowie einem 2,5 m langen Rohrstück der NW 250 bestand, führte das 520 °C heiße Reaktionsgas zur Quenche, wo es auf 100 °C abgekühlt wurde.
Der westdeutsche Monteur Köhler mit braun gebranntem, kantigen Gesicht rannte, den großen Maulschlüssel in der einen und einen kurzstieligen, schweren Hammer in der anderen Hand hin und her schwingend, die Gitterroststufen bis in die zweite Etage des Ofens hoch, stülpte sich die Schutzmaske über den Kopf, ging auf der Bühne bis zur Stirnseite des Apparates, schob ohne zu zögern den großen Maulschlüssel auf die erste Mutter und schlug mit dem schweren Hammer auf den Hebel des Schlüssels, sodass die Mutter sich sofort bewegte. Doch die austretende Gasmenge wurde nicht weniger, im Gegenteil sie vergrößerte sich. Das vorher leise Zischeln war lauter geworden. Während Lemke schnell einen Schritt zurück machte, ließ sich Köhler davon nicht beeindrucken, setzte das Werkzeug an die nächste Mutter und schlug erneut kräftig zu. Das Zischeln wurde wieder leiser. Köhler schob den Schraubenschlüssel auf die nächste Mutter, schlug wieder zu und das Zischeln hörte ganz auf.
Der Monteur riss sich die Maske vom Kopf, der Schweiß tropfte von seiner Stirn, denn es war hier sehr heiß.
Das Passstück hatte am Austritt des Ofens eine Temperatur von 520 °C.
Trotzdem setzte Köhler seine Arbeit schleunigst fort und zog alle Muttern in der gleichen Art und Weise nach, wie er das mit den anderen gerade vorher getan hatte.
„Soll ich auf der gegenüberliegenden Seite auch gleich weitermachen, Willi?“ brüllte er jetzt von der Bühne nach unten.
„Nein, das genügt!“ antwortete Russeck bestimmt und winkte nach oben, „gut gemacht, Adolf.“
Köhler winkte mit Maulschlüssel und Hammer zurück, während Lemke neugierig, aber vorsichtig mit respektvollen Blicken den Flansch betrachtete.
V-Fabrik, Dienstag 16. Oktober 2001
„Ihr könnt euch jetzt sicher vorstellen, dass unsere Probleme sofort begannen, nachdem diese - erfahrene - Truppe uns verlassen hatte.“ Prost sah schmunzelnd in die Runde seiner Anlagenfahrer, die sich inzwischen noch vergrößert hatte. „Deren Abgang fiel fast genau mit dem Honecker Besuch am 13. März 1980 zusammen. Wir waren an diesem Tag zum ersten Mal mit unserer Anlage allein und sicher nicht nur ich fragte mich: Würde das gut gehen?“
C-V-Anlage, Donnerstag 13. März 1980
Natürlich ging es nicht gut!
Obwohl anfangs alles so rosig angefangen hatte.
Am 13. März 1980 kam Erich Honecker zur Übergabe des Gesamtkomplexes B - V - PLAST zu einem Besuch nach LUNA.
Der führende Staatsmann der DDR sollte auch in die C-V-Anlage kommen. Das war gleichzeitig der Startpunkt für die Mannschaft von Boechst den Anlagenbereich zu verlassen.
Die Fabrik war komplett in Betrieb und lief sehr ruhig, als wollte sie zum Staatsbesuch keinen Ärger machen. Nur handverlesenes Personal durfte vor der Messwarte Spalier stehen oder gar sich im Kontrollraum aufhalten.
Prost, damals noch Abschnittsleiter für den C-Bereich, streifte durch die Anlage. Er gehörte nicht zu den Auserwählten.
Als der Bus mit Honecker kam, postierte sich der Ingenieur im Apparategerüst der Rückstandsverbrennung, von wo aus er den Eingang der Messwarte gut beobachten konnte, ohne selbst gesehen zu werden. Mit Erstaunen und Belustigung stellte er fest, dass im Spalier vor dem Messwartengebäude der Westoperator Walter Lemke von Boechst mit rotem Fähnchen Erich zuwinkte. Er hatte sich eine blaue Wattejacke von einem Anlagenfahrer geben lassen und fiel so gar nicht unter den anderen auf. Lemke musste wohl auch den Sicherheitsleuten ein Schnippchen geschlagen haben - oder - war er...?
Honecker sprang leichtfüßig aus dem Bus, schritt mit freundlichem Lächeln im Gesicht durch das Menschenspalier, betrat das Messwartengebäude, ging weiter durch den Flur, die Schleuse und betrat die C-V-Messwarte, einen nur fünf Meter breiten, aber mindesten zwanzig Meter langen Raum dessen komplette rechte Seite eine Respekt einflößende Fülle von Messgeräten und Reglern aufwies. Etwa in der Mitte dieser Fläche befand sich ein Pult mit dem Tableau der internen Rufanlage des Betriebes und drei Telefonen. Um Honecker herum schwirrten Reporter, dazwischen bewegten sich ruhig unauffällig die Sicherheitsleute.
Besonders Fritz Pleitgen vom bundesdeutschen Fernsehen versuchte ständig Honecker ein paar Fragen zu stellen, bis der ihn freundlich zurechtwies, „sie kriegen schon noch ihr Interview Herr Pleitgen.“
Honecker ging auf Hans Stock zu und reichte diesem die Hand. „Das sieht ja imponierend aus. Wie arbeitet ihr damit? Ich bin ja nur Dachdecker und verstehe nichts davon.“
Ruhig, als würde er jeden Tag mit Staatsoberhäuptern verkehren, antwortete Hans, „von hier aus steuern wir die C-V-Anlage, Genosse Generalsekretär, mit Reaktion, Destillation, HCl-Rückgewinnung und Abwasseraufarbeitung.“
Honecker ging weiter zu Gustav Müller und Walter Bukau, drückte auch diesen die Hand, wurde dann zu einem kleinen Tisch gelenkt, auf dem ein Gästebuch lag, setzte sich und unterschrieb einen bereits vorbereiteten Eintrag. Honecker erhob sich wieder, sah noch einmal in den Raum mit der langen, eindrucksvollen Messtafelwand und schritt energisch auf den Ausgang zu, durchquerte Schleuse und Flur, eilte durch das Spalier, wieder freundlich nach rechts und nach links grüßend und verschwand in dem Bus, der sofort abfuhr. Innerhalb von zwanzig Minuten war der ganze Spuk vorbei und die Kollegen der V-Fabrik allein mit ihrer Anlage.
Die gleichmäßigen Geräusche des laufenden Werkes wurden durch die Rufanlage übertönt: „Dr. Prost bitte zur Messwarte kommen, die Eisenwerte fallen.“
Die Katalysatorzufuhr zum Reaktor war verstopft. Die Anlagenfahrer mussten alles auseinandernehmen, reinigen und wieder zusammenbauen.
Kaum funktionierte die Katalysatorförderung wieder, schallte es aus dem Lautsprecher: „Thomas, Probleme mit der Entwässerungskolonne!“
„Okay macht den Sumpfablauf zu, ich komme rein.“
Gemeinsam suchten und fanden sie den Fehler, aber die Aktion dauerte zu lange. Es waren gerade einmal sechs Stunden seit Honeckers Besuch sowie dem Abzug der Wessis aus der Anlage vergangen und die V-Fabrik lag schon auf der Schnauze. Was waren das nur für Helden, diese Prost, Kupfer und Konsorten?
V-Fabrik, Dienstag 16. Oktober 2001
„Ja, damals haben wir oft ziemlich alt ausgesehen“, kommentierte Kupfer Prosts Story und fuhr fort, „es hat ein Weilchen gedauert, aber so nach und nach haben wir es doch geschafft.“
Der Betriebsleiter vollendete den Gedankengang seines Stellvertreters und Freundes, „heute sind die damals in der C-V-Anlage herumirrenden Ingenieure und Anlagenfahrer die geachteten Experten.“
„Doktor, der Jonny will unbedingt wissen, wie wir uns damals vorbereitet haben“, sagte Balla.
„Weil du ja vorhin erzählt hast“, ergänzte Hossa etwas brummig, „dass wir alle, einschließlich deiner Person, keine Ahnung von der Anlage hatten.“
„Und?“, fragte Prost abwinkend, „warum habt ihr das nicht erzählt?“
Günther grinste, „Balla ist jetzt im reiferen Lebensalter und da ist er schüchtern geworden.“
„Von wegen schüchtern“, entrüstete sich Emil, „ich wollte nur den Doc nicht bloß stellen.“
Prost lachte laut auf und stellte mit Erstaunen fest, dass sich sofort alle Anlagenfahrer erneut um ihn und Kupfer scharten. Dem Ingenieur kam das vor, wie zu Hause im Kreis der Familie. Da wunderte es ihn auch immer, mit welchem Interesse seine erwachsenen Söhne den Storys aus ihrer Kindheit lauschten. Diese, von Balla angesprochene Geschichte musste auch er erzählen, denn Kupfer war damals erst ganz neu zu ihnen gestoßen. Prost ließ er sich nicht lange bitten und begann zu erzählen.
„Drei Monate vor Fertigstellung der Anlage, die für den Herbst 1979 geplant war, begannen wir, die Ingenieure und Chemiker der C-V-Anlage, mit unserem fast nur theoretischen Wissen die Operator zu schulen.
LUNA-Stammwerk, Donnerstag 24. Mai 1979
Arbeiter auf der Schulbank, das war natürlich eine vertrackte Geschichte. Als Prost an einem Tag seinen Vortrag mit den Worten abschloss, „ich fasse noch einmal kurz zusammen: In den Destillationskolonnen wird also für die Trennung der Komponenten und letzten Endes für die Reinheit des Produktes gesorgt. - So und was gibt es jetzt noch für Unklarheiten?“ meldete sich Balla.
„Na ja,“ begann er ernst, sah sich dann grinsend nach seinen Kolleginnen und Kollegen um, „was versteht man eigentlich unter Gruppensex?“
Die Mannschaft erwachte schlagartig, es wurde laut, aber dann warteten die meisten gespannt auf die Reaktion des promovierten Ingenieurs auf die provozierende Frage.
Der Doktor wartete, bis wieder Ruhe eingetreten war und sagte dann leichthin, „na ganz einfach“, sah in die Gesichter der skeptischen Operator, „wenn mehrere Männer an einer Kolonne herumfummeln!“
Lautes Gelächter erfüllte den Schulungsraum. Die müden Augen der Männer und Frauen weiteten sich und plötzlich waren alle wieder hellwach. Das war der erste Erfolg für den Doktor, denn den Menschen gefiel diese Schlagfertigkeit.
Aber Balla gab sich noch nicht zufrieden. „Das heißt, wenn wir nächste Woche in die Anlage gehen und uns die Kolonnen ansehen, ist das dann Gruppensex?“
Prost hatte noch nie in seinem Leben so aufmerksame Zuhörer und er sagte langsam, „natürlich, Emil, mit Ansehen fängt es doch immer an. Und ich kann dir versprechen, dass es ein schöner Anblick wird. Mindestens zehn Kolonnen unterschiedlichster Form und Größe.“
Balla sprang auf und spielte Begeisterung. „Sind denn auch ein paar nackte dabei?“
Prost lachte. „Na klar, noch sind sie alle nackt. Angezogen werden sie erst in den kommenden Wochen.“
Balla klatschte in die Hände. „Mensch dann müssen wir uns ja beeilen Doktor, wann geht’s denn los?“
Prost antwortete lächelnd, „morgen um 9 Uhr. Kannst du es noch solange aushalten?“
„Haste noch nie etwas von Selbstbefriedigung gehört, Doktor“, die gesamte Mannschaft starrte Anna Liebig an, eine kleine hübsche Laborantin, die von ihren Freunden ausschließlich Emma gerufen wurde, dass ausgerechnet sie diesen Satz gesprochen hatte, lies alle verstummen und gespannt auf Prosts Reaktion warten.
Auch der Doktor war überrascht, aber nach zwei Sekunden erwiderte er ruhig, „die Selbstbefriedigung ist der einzige Sexualakt, der etwas mit Kultur zu tun hat, weil er ganz aus der Fantasie kommt.“
Das Eis zwischen promivierten Ingenieur und Mannschaft war endgültig gebrochen.
Nachdem sich das Getöse gelegt hatte, war Ballas sachlich klingende Stimme zu hören. „Sagt Alberto Moravia. Einige seiner Bücher stehen auf der Verbotsliste des Vatikans.“
Jetzt war Prost der Überraschte, ‚Emil Balla liest Moravia?‘ Das war der erste kleine Fingerzeig für ihn, welche Intelligenz in seiner zusammen gewürfelten Truppe stecken konnte.
In die entstanden Stille hinein sagte Balla für seine Verhältnisse ziemlich sachlich, „habe gerade zufällig das Interview mit ihm aus dem Playboy gelesen, das in einer Ausgabe seines Buches ‚Dr. Jekyll and Mr. Hyde’ im Anhang abgedruckt war“, und fügte laut, in seiner gewohnten Art, noch hinzu, „Moravia schreibt sehr offen über Sex. Eine Stelle hat mir besonders gut gefallen: ‚Riesig, steif, vom Blutandrang geschwellt, wie ein einsamer Baum in der Ebene unter einem tiefen, heißen Himmel, erhebt er sich fast senkrecht von meinem Leib und wölbt das Laken’. Das hilft auch wunderbar beim Wichsen!“
„Besser wäre natürlich du hättest ganz und gar den Playboy dabei, was Balla?“ warf Anna wieder frech ein.
„Oh, ja“, lärmte Emil, „kannste mir den besorgen?“
Prost hob den Finger, um die Aufmerksamkeit wieder auf sich zu lenken. „Damit ihr nicht gleich alle die Bibliothek stürmt. Moravia hat immer die Kommunisten gewählt.“
Er hatte richtig kalkuliert. Diese Bemerkung ernüchterte die aufgeputschte Truppe. Das nutzte Prost schnell, um die Schulung für heute abzuschließen. „Also, dann sehen wir uns morgen um 9 Uhr an der Pforte zur ersten Besichtigung. Mehr als Anlage ansehen dürfen wir vorerst sowieso nicht.“
Und das hatte seinen Grund, denn die Anlage wurde von der westdeutschen Firma Boechst-Buhde, also sozusagen vom Klassenfeind, gebaut. Deshalb war das gesamte Baufeld, wie das Freigelände eines Gefängnisses, eingezäunt. Wenn man da hinein wollte, dann musste man eine Genehmigung haben. Vor jedem Betreten dieses Geländes war es unablässig, sich mit seinem LUNA-Ausweis zu identifizieren, in ein Buch einzutragen und beim Verlassen wieder auszutragen. Natürlich traf jeder, der das Baufeld betrat, auf die Angestellten dieser Firma und deren Subunternehmen. Dafür gab es strenge Regeln. Die wichtigsten waren: Keine private Kommunikation und auf keinen Fall in deren Fahrzeugen mitfahren.
Anfangs versuchten wir fast alle uns daran zu halten, aber da es eigentlich unmöglich und dumm war, ließen es die Kollegen so nach und nach bleiben. Außerdem war mehr oder weniger bekannt, dass die Stasi von LUNA ohnehin alles erfahren würde.
‚Also, was soll’s’, dachten sich die meisten. Keiner der Anlagenfahrer oder Ingenieure hat darüber länger als nötig nachgedacht. Sie hatten anderes zu tun. In wenigen Wochen würde der Anfahrstart der Anlage erfolgen. Die gesamte Truppe freute sich auf diesen Tag.
V-Fabrik, Dienstag 16. Oktober 2001
„Oha, das ist ja deftig bei euch zugegangen“, sagte Jonny, nachdem Prost mit dem Erzählen aufgehört hatte. „Aber jetzt wundere ich mich noch weniger, dass ihr eine so verschworene Truppe geworden seid. Das habe ich im Leben inzwischen auch schon begriffen, dass Offenheit in den menschlichen Beziehungen von wesentlicher Bedeutung ist.“
Hossa nickte Balla kurz zu und der wandte sich an Prost. „Aller Anfang ist schwer, sprach der Dieb und stahl zuerst einen Amboss. Was wir bei uns schwer fanden, war die Wäsche.“ Er sah zwischen Günther, Kupfer und Prost hin und her, „erinnert ihr euch?“
Hossa verzog nur schmerzlich das Gesicht, weil er glaubte, sich noch im Nachhinein schämen zu müssen, dass sie damals dort, in der C-Wäsche, nicht durchgeblickt hatten.
Prost hingegen lachte amüsiert, zumal er wusste, dass diese Geschichte wieder Harry erzählen konnte und er umso besser in Erinnerungen schwelgen konnte.
C-V-Anlage im Jahr 1980
„Emil oder Günther, kontrolliert mal schnell die C-Wäsche. Die Standmessung der Trennschicht im ersten Trennbehälter spinnt.“ Die etwas nervös klingende Stimme von Marlies Strellers schallte durch die C-V-Anlage.
Nur Sekunden später fragte Hossa in der Meßwarte nach, „was heißt spinnt?“
„Na die Anzeige - spinnt, die schwankt - zwischen 10 und 90 %“, die Streller wurde rot im Gesicht und fügte noch unsicherer werdend hinzu, „das eh, kann doch nicht sein eh, oder?“
Hossa brummte nur, „gut, ich sehe nach“.
Die Streller wollte schon vom Pult in der Meßwarte verschwinden, als Ballas ernste Stimme aus dem Lautsprecher ertönte, „der Kollege Oder ist nicht in der Wäsche eingetroffen. Soll ich ihn suchen oder veranlasst du das, Kecke?“
Die junge Frau verstand diesen Satz nicht. Das steigerte ihre Verwirrung und machte sie erst einmal sprachlos.
