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Robert ist ein entsetzlich schwer zu verstehender Mensch. Er kommt aus guten Verhältnissen, ist nicht dumm, nein, er hat sogar einen akademischen Abschluss, aber dennoch sucht er sein Heil in Gelegenheitsjobs, Besäufnissen, Joints und dem Verfluchen all derer, die in diese neue, seltsame Welt passen. Man könnte es die Sinnentleertheit einer vom Wohlstand verwahrlosten und betäubten Generation nennen, die dazu geführt hat, dass er nun fernab seiner Heimatstadt ein trostloses Leben führt. Man könnte auch einfach sagen, dass er ein fauler Scheißkerl ist, dessen Ablehnung gegenüber dieser Welt nicht auf moralischen Grundsätzen fußt, sondern vielmehr auf Feigheit. Wie man es auch dreht, dieser Kerl ist schwer zu fassen. An seiner Seite wähnt er seinen treuen Freund Tim, der mit ihm einst in die Stadt kam und der keineswegs besser dasteht als er selbst. Beide eint die Verachtung gegenüber all dieser gleichen Pseudo-Individualisten, mit ihren Smartphones und Hipsterklamotten. Die scheinbar festgefahrene Situation wird durcheinandergewirbelt, als Robert auf Marie trifft. Marie hingegen hat jeden Grund sauer auf diese Welt zu sein, doch im Gegensatz zu Robert, in ausgerechnet dem sie mehr zu sehen glaubt, als gut für sie beide wäre, hat sie ihr Leben der strikten Maxime möglichst unabhängig sein zu wollen untergeordnet. Aus der eigenen Situation hart geworden, legt sie, wenn es ihr angemessen erscheint, eine Radikalität an den Tag, die für Robert und dessen jämmerliche 'Scheißegal-Haltung' schwer zu verstehen ist. Für alle drei nimmt das Leben in einem Herbst Wendungen, die sie mit den immer selben, uralten Fragen konfrontieren: Was soll man hier? Was soll all das hier? Wer ist man überhaupt und wo inmitten von all dem soll man sich selbst verorten? Träume platzen, Illusionen bewahrheiten sich, oder auch nicht, und über all dem steht die Frage danach, was dieser ganze Scheiß eigentlich soll.
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Seitenzahl: 442
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Martin Selm
Losers' Ball
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Impressum neobooks
Man kannte doch diese Horrorgeschichten. Von grausamen Verstümmelungen war da die Rede, davon, dass Gliedmaßen abgetrennt und durch die Gegend geschleudert wurden. Er verschwendete keinen Gedanken daran. Hinter ihm lag der Sommer und er, so empfand er es, hatte gerade den Herbst hinter sich gebracht. Es würde der Winter und die Dunkelheit kommen, nein, das stimmte so ja gar nicht, der Winter war doch schon da.
Fragt man schlaue Menschen, die durch ihren Intellekt und die Fähigkeit sich hochgestochen zu artikulieren in der Lage sein müssen, die Beschissenheit dieser fragilen Welt zu erklären, dann stößt man auf Erklärungen, die einen nur vertrösten. Warum gibt es Leid? Damit man die guten Zeiten zu schätzen weiß. Der Mensch braucht schließlich Gegensätze. Ohne Schwarz kein Weiß, ohne Schmerz keine Freude. Ohne Winter keinen Sommer. Was für eine Scheiße, dachte er.
Das kam ihm in etwa so vor, als sagte man all denen, die in der Dritten Welt für unseren Wohlstand schufteten, dass sie eines schönen Tages auch billige T-Shirts kaufen könnten, um so mehr Geld für den neuen Golf, einen gut erhaltenen Mercedes, oder irgendeinen anderen Scheißdreck, mit dem sie sich vor den Nachbarn, diesen bornierten Päderasten profilieren könnten, zu haben. Alles was sie tun müssten, sei zu warten. Klar. Scheiße.
Die Frage war also demnach, den Winter irgendwie hinter sich bringen, um sich dann im Sommer jeden Tag darüber zu freuen, dass es nicht schneite, oder aber, und da blieb ihm ja quasi gar nichts anderes mehr übrig, den Winter Winter sein zu lassen.
Wieder und wieder hatte er über seinen Plan nachgedacht, doch irgendwann war er zu dem Entschluss gekommen, dass er keinen Entschluss fassen konnte, dass die schiere Unmöglichkeit in Gedanken alles durchzuspielen ihm eine Grenze setzte, die zu überwinden er nicht im Stande war. Irgendwie war er dann in die Situation geraten, in der er jetzt war. Der Moment, es ging einfach nur um den Moment. Mit Vielem hatte er gerungen, was, wenn diese Horrorgeschichten stimmten, was, wenn es schief ging? Was, wenn er sich dumm anstellen würde? Klar, dachte er, was soll man da denn schon falsch machen können, aber es war ja andererseits auch keine alltäglich Handlung, die man da vollzog.
Loslassen müsste er, sich einfach seinem Unterbewusstsein hingeben. Sich auf das Innerste und damit auf das Elementarste seiner Persönlichkeit verlassen. Die bewusste Kontrolle an sich selbst abgeben. Scheiße, er klang wie seine Mutter. So ein esoterischer Quatsch. Drogen und Vollsuff hatten ihm den Rest gegeben. Er war im süßen Zustand der Verwirrtheit. Klaren Gedanken war er nicht mehr zugänglich. Da hatte er sich in Bewegung gesetzt und war es noch immer. Bald würde sein Unterbewusstsein wohl eine Entscheidung fällen und er hoffte, dass er dann in der Lage sein würde, sie auch zu akzeptieren. Denn nichts war schlimmer als davon zu laufen, auch wenn man eben davor davon lief.
So, oder so ähnlich hatte er sich das eigentlich immer vorgestellt. Im Prinzip war das Erlebte dem Erträumten sogar relativ nahe. Irgendwie war es dennoch intensiver als er gedacht hätte. Die Kleine schlief noch. Sie war immer noch komplett nackt. Er zog die Decke über sie, bis zu den Nippeln, die ließ er frei. Sie hatte schließlich phantastische Nippel, nicht zu groß, nicht zu rund und nicht zu spitz. Einfach perfekt. Er selbst saß neben ihr und hatte nur seine Unterhose an, die schon wieder kräftig spannte, da er eine monströse Morgenlatte hatte und dringend pissen musste.
Da saß er nun auf ihrem Klo, welches er nach einigem torkelnden Suchen gefunden hatte und versuchte seinen Ständer in die Schüssel zu hebeln, was schmerzte, jedoch nicht so sehr, wie das Brennen, als er schließlich zu pissen begann. Er hatte seine Ladung letzte Nacht scheinbar nicht mit genug Druck in den Gummi gefeuert, da schien noch einiges in der Leitung zu hängen, was die Bahn deutlich verengte. Er stöhnte und musste dabei über sich selber und die abstruse Situation lachen.
Sie schlief noch immer. Außer seinem Pullover konnte er alle seine Sachen finden, auf den Pullover war also geschissen, er konnte ihn genauso gut bereits gestern Nacht irgendwo verloren haben, besoffen genug war er in jedem Fall gewesen. Ob er wohl seine Nummer hinterlassen sollte? Nein, das wäre keine gute Idee. Zum einen war sie verdammt besoffen gewesen und würde es sicher bitter bereuen sich mit einem derart abgerissenen Versager eingelassen zu haben, wenn sie ihn jemals nüchtern zu Gesicht bekäme, zum anderen hatte er nach dem Ficken in ihre Spüle gekotzt, was mächtig stank. Er hatte jedoch nicht die geringste Lust sich in seinem verkaterten Zustand darum zu kümmern. Nein, es war sicher besser die Flucht anzutreten. Die drei wichtigsten Sachen hatte er wieder gefunden, Handy, Geldbeutel und Schlüssel, also ließ er nichts von Bedeutung zurück.
Sie stöhnte kurz auf, wobei er erschrak und kurzzeitig in Panik ausbrach, dann drehte sie sich jedoch auf die Seite und schlief weiter. Nun konnte er zum Abschied nochmal ihren prallen Arsch sehen, der sich aus der Decke hervor geschoben hatte. Mann, dachte er, wie bei einem Banküberfall davon zu kommen. Ob sie wohl wusste was für ein Loser sie da letzte Nacht entsetzlich schlecht gefickt hatte?
Es nieselte und die Welt war grau. Das war ihm recht, Sonnenschein und Hitze machen den schlimmsten Kater noch unerträglicher, wogegen klare, verregnete Luft ein Segen sein kann. Die Menschen, denen er auf dem Weg zum nächsten Bus, oder zur nächsten U-Bahn, oder was es hier auch immer gab, begegneten, waren genauso grau wie das Wetter. Keiner würdigte ihn eines Blickes, alle waren im Stress, mussten zum Meeting, zu einer wichtigen Präsentation der Bilanz, mussten dies und das tun. Es war ein Donnerstag und es musste wohl so gegen acht Uhr früh sein, dass wusste er daher, dass er nie länger als bis halb acht schlafen konnte, wenn er gesoffen hatte. Der Kater weckte ihn stets und fand er keine Kopfschmerztabletten, so war es sein Schicksal in den Tag zu starten. Er war noch gut besoffen, zumindest in einem Maße, das angenehm betäubte, so dass er die Verachtung der ihn umgebenden Menschen zwar spürte, sie ihn jedoch nicht im geringsten interessierte.
Er hatte seinen letzten Job hingeschmissen, nachdem er genug Geld zusammen hatte um die nächsten drei Monate zu überstehen, hatte die Miete im voraus gezahlt und ließ sich nun treiben. Natürlich war das Geld bereits nach einem Monat knapp und er war eigentlich in einer prekären Lage, doch da schiss er drauf, wie auf so ziemlich auf alles, was ihn, oder sein Leben betraf.
>>Entschuldigung, wo fährt hier denn der nächste Bus?<<
Typisch. Da waren lauter graue Menschen unterwegs und den einzigen, den er nach dem Weg heraus aus dieser morgendlichen Hölle fragte, war wohl so etwas wie der Hitler unter den grauen Menschen.
>>Quatsch mich nicht an, du Penner.<<
>>Hey, Mann, ich will doch nur zum Bus, oder zur U-Bahn, oder Zug, oder sonst was.<<
>>Interessiert mich nicht wo du hin musst. So wie du aussiehst am besten zum Arbeitsamt, oder noch besser ins Arbeitslager.<<
Er ließ ihn stehen und ging weiter. In zügigen Schritten, die von der Zielstrebigkeit und dem Fleiß erzählten, mit denen dieser graueste unter all den grauen Menschen sein Leben wohl bestritt. Mit solchen Menschen hatte er nichts gemeinsam und sie waren einer der Gründe dafür, dass er sich auf dieser Welt oftmals unfassbar verloren fühlte.
Der Alkohol hatte auch nachgelassen. >>Bekackter Wichser<< flüsterte er vor sich hin. Immerhin mal wieder gefickt. Wann der graue Hitler wohl das letzte mal gefickt hatte? Ach was, der ging sicher in den Puff.
Mit der Selbstachtung war das auch so eine Sache. Im einen Moment ein klasse Typ, der dem total dämlichen, sexistischen, aber leider nun mal vorherrschenden Ideal vom männlichen Individuum entsprach, indem er in Clubs Tussies aufriss - im nächsten Moment ein verkaterter Trottel, der eine arme, besoffene Unbekannte ausnutzte, um sie dann, nachdem er vergeblich versucht hatte sie zu befriedigen, mit seiner Kotze zurück ließ.
Schließlich fand er den Weg zur nächsten U-Bahn Station und fuhr zurück in bekanntes Terrain.
Seine schäbige, kleine Wohnung befand sich auf der Rückseite eines Hauses aus den 1930er Jahren. Er wohnte unter dem Dach, so dass jede Jahreszeit beschissen war. Im Winter fror er sich trotz aufgedrehten Heizungen den Arsch ab und im Sommer herrschte eine drückende Hitze, die es ihm unmöglich machte genug zu trinken, da er konstant literweise schwitzte. Er hatte sich arrangiert. Die Gegend war nicht die beste, aber sie war billig und er kam zurecht. Bei seinen Eltern hatte er es nicht mehr ausgehalten. Nach und nach war die Beziehung zersetzt worden, angetrieben von dem Unverständnis seiner Eltern ihm und seiner Einstellung zum Leben gegenüber. Es war zwar vielmehr so, dass er überhaupt keine Einstellung zum Leben hatte, da er auf so ziemlich alles schiss, was man im allgemeinen als Erstrebenswert ansieht, doch das machte auch keinen Unterschied. Es hatte die Angelegenheit sogar noch verschlimmert, denn wie kann man das erklären, oder verstehen, was einfach keinen Sinn ergibt, weil es einfach egal ist?
Er war einfach irgendwann hängen geblieben. Jetzt, so empfand er es zumindest, war es ohnehin vorbei, es war ein langer Weg gewesen, doch jetzt – mit Mitte 20 – war die Unbeschwertheit verloren gegangen. Ihm war klar, dass er keine Chance mehr haben würde eine Nische zu finden, einen Platz, an dem er sich wohl fühlen würde. Da konnte man nichts machen. War aber im Prinzip auch egal, wen kümmerte es, was er über die Welt dachte, oder wie er sich fühlte.
Er machte sich Kaffee und legte Musik auf. Rivers Cuomo von Weezer sang 'the world has turned and left me here' und er musste schmunzeln. Immerhin gab es Songs die ihn zu verstehen schienen.
Das Telefon klingelte.
>>Hallo?<<
>>Na, waren wir gestern Nacht mal erfolgreich unterwegs?<<
>>Hallo. Ja, kann man so sagen. Fühlt sich allerdings auch nicht unbedingt so toll an.<<
>>Ja, Ficken wird doch sowieso überbewertet. Rein, raus, Feuer frei, viel schwitzen und danach brennt der Kolben.<<
So konnte man es auch sehen.
>>Naja, das Brennen hält sich in Grenzen. Wann seid ihr eigentlich gegangen? War ich da noch da?<<
>>Keine Ahnung. Ich weiß ehrlich gesagt auch nicht mehr wie wir nach Hause gekommen sind. Vermutlich mit dem Taxi, weil ich keinen Cent mehr habe, aber, naja, das spricht jetzt auch nicht unbedingt für das Taxi, bei dem Kater, verdammt, ich glaub ich hab schon wieder lauter widerliche Cocktails getrunken. Sollte beim Bier bleiben.<<
>>Ja, ist besser so. Aber was nützen all diese Vorsätze, wenn man sich betrunken in einen total debilen Vollidioten verwandelt. Tja so ist das eben. Wieso bist du überhaupt schon wach? Es ist doch erst – wie viel Uhr ist es eigentlich?<<
>>Es ist halb zehn. Ich hab vorhin gekotzt und jetzt hab ich nen ganz fiesen Hals. Du weißt schon, dieser eklige Kotze-Geschmack in Kombination mit Halsschmerzen wegen der Magensäure. Kann nicht mehr schlafen.<<
Diese Phänomen kam ihm bekannt vor, er war davon jedoch verschont geblieben. Es war eine saubere Angelegenheit gewesen, über ihrer Spüle. Ein kurzer kräftiger Schwall, keine allzu großen Brocken, hauptsächlich nur Flüssigkeit. Immerhin in dieser Hinsicht eine gute Performance.
>>Ja, das kennt man. Also gekotzt hab ich auch, hab sozusagen das Geschirr gespült. Was machst du heute noch so?<<
>>Ja, also wenn ich dann mal was zu essen runter gewürgt haben sollte und es auch drinnen bleibt, werde ich wohl noch mal bisschen schlafen. Aber sonst, keine Ahnung, das übliche eben. Du?<<
>>So in etwa dasselbe. Hast du Lust später mal vorbei zu kommen und mir bisschen meinen Kater zu versüßen?<<
>>Klar. Ich komme wenn ich wieder geradeaus laufen kann. Bis dann.<<
Als er kurz eingeschlafen war, wurde er geweckt von irgendwelchen Bauarbeiten, die sich am Nachbarhaus vollzogen. Klar, dachte er, wenn schon der Mann mit dem Hammer im eigenen Kopf sitzt und gegen den Schädel hämmert, wieso nicht auch noch einen von außen dagegen hämmern lassen, unterstützt von Presslufthämmern, Bohrmaschinen und allerlei anderen lärmenden Instrumenten.
Er beschloss, dass es egal war, dass er aussah wie ein versiffter Penner und verzichtete dementsprechend darauf zu duschen, ehe er sich aufmachte, um im Supermarkt um die Ecke was zu Essen zu besorgen. Seine Haare waren fettig und standen in alle Richtungen ab. Sein T-Shirt, ein uraltes Adidas Shirt, das eigentlich cool wäre, da es wirklich vintage war, war leider schon mit so vielen kleinen und größeren Löchern gesegnet, dass es höchstens Anfang der 90er auf einen Konzert irgendeiner Grunge Band cool gekommen wäre. So war es einfach nur ein abgewichstes Shirt, in dem ein abgewichster Typ steckte.
Da stand er nun inmitten all der Hausfrauen und Rentner. In ausgelatschten Birkenstock Schlappen. In dem Outfit hätte er eigentlich einen Tetrapak Wein kaufen sollen, aber das war wirklich das Allerletzte.
Einer dicken Hausfrau mit einer vermutlich gefälschten D&G Sonnenbrille fiel eine Packung Cornflakes aus der Hand, als sie mit selbiger, deren fette Finger ihm sagten, dass sie eine grobe, unfreundliche Person war, danach gegriffen hatte. Er bückte sich, hob die Schachtel auf, betrachtete sie kurz und beschloss diesen Wink des Schicksals anzunehmen. Cornflakes bedeuteten, dass man nicht kochen musste und das bedeutete, dass man keine Töpfe oder Pfannen abspülen musste und das wiederum bedeutete, dass man mehr Zeit hatte sich selbst zu verwirklichen, was auch immer das wiederum bedeutete.
Die dicke Frau, die zudem unerträglich nach irgendeinem Parfüm stank, was ihr ihr Alter vermutlich mal geschenkt hatte, weil er ein schlechtes Gewissen hatte, da er auf der letzten Geschäftsreise mit dem Vorstand die neue Sekretärin, die junge, mit den dicken Titten, die zwar total dämlich war, aber eben auch verdammt geil, hart sexuell belästigt hatte, bis sie irgendwann nachgegeben und ihm schließlich unter dem Schreibtisch in seinem Hotelzimmer kniend einen geblasen hatte, grunzte vor Empörung.
Ihm war es egal, er war zu fertig und brauchte Nahrung. Die Kassiererin machte keinen Hehl aus ihrer Verachtung, als er Cornflakes im Wert von 2,99 mit EC-Karte bezahlte. Das war ihm sympathisch, sie war wenigstens echt, anstatt ihm mit einem aufgesetzten Lächeln einen schönen Tag zu wünschen, wo sie sich doch eigentlich dachte, dass er abhauen und ihr nie wieder begegnen solle.
Seine Wohnung war etwa 25 Quadratmeter groß. Es gab nur einen Raum, in dem eine Kochnische war, sein Bett, ein Tisch und ein altes Sofa, auf dem er oft saß und über die Dächer der Stadt starrte, während er sich Joints rollte, oder einen runter holte. Nun saß er auf dem Bett und starrte in seinen lächerlich winzigen, alten Röhrenfernseher. Angesichts der Tatsache, dass man keinen Fernseher mehr unter einer Größe bekam, die einen im Alter von Zehn Jahren die Kinnlade herunterfallen lassen hätte, hätte man doch auf diesem riesigen Bildschirm diese wahnsinnige Batman Serie aus den 1960er schauen können, war sein Fernseher schon kein Fernseher mehr, sondern eine Art Statement. Ein Statement gegen die Obsoleszenz, gegen die Wegwerfgesellschaft – ein Relikt aus Zeiten, in denen noch Wertigkeit die Produktion dominierte, in denen Outsourcing das war, was es nun einmal war, ein hochgestochener Begriff, den dämliche Business-Kasper benutzten, um modern, global und hip zu klingen. Derartiges politisches Denken war ihm jedoch fremd, er hätte sich auch gern Christopher Nolan Filme auf Plasma- oder LCD-Fernsehern angesehen, aber dafür fehlte ihm die Kohle.
Neben dem Hauptzimmer gab es noch ein kleines Bad, das er jedoch nur zum Toilettengang frequentierte und wenn es die Motivation erlaubte auch um sich zumindest einmal täglich zu duschen.
Da saß er nun und ließ sich verdummen. Dass das Fernsehen, abgesehen von einigen wenigen Kultursendern in etwa so etwas wie 'Opium fürs Volk' war, das sollte eigentlich jedem klar sein. Entsprechend konnte er auch nicht verstehen, wenn sich von ihrem Leben gelangweilte Menschen über scripted Reality und den ganzen Scheißdreck, der einem nun mal entgegen geschleudert wurde, aufregten. Man wusste doch was man bekam. Das war in etwa so, als würde man einen Porno schauen und dann voller Entrüstung monieren, dass darin Leute in den Arsch gefickt werden. So war das eben.
Während er so vor sich hin dämmerte, klingelte es an der Tür. Nachdem er aufgemacht hatte, voller Verwunderung, dass Tim es schon geschafft hatte vorbei zu kommen, erschrak er zum zweiten mal an diesem Tag. Vor seiner Tür stand die Kleine von letzter Nacht.
Sie schien sich nichts aus seiner Verblüffung zu machen. Wortlos lief sie an ihm vorbei und betrat seine Bude. Er hätte gerne sagen können, was sich in ihren Augen befand, war es Zorn, war es Freude ihn wiederzusehen? Wollte sie ihn gar anzeigen? 'Erschleichung von Sex'? Nein, so etwas gab es vermutlich nur in den USA.
>>So, hier wohnst du also, Robert Schwarz?!<<
Er stand noch immer neben der geöffneten Tür und war völlig perplex. Woher wusste sie a) wo er wohnte und b) wie er mit ganzem Namen hieß?
>>Ich, ich ähh, ja sieht so aus.<< Er rang noch immer mit seiner Fassung. >>Nicht so schön wie bei dir, aber was soll man machen.<<
Sie goss sich einen Kaffee ein, wobei er bemerkte, dass es ihr nichts auszumachen schien, dass sowohl die Kaffeemaschine total verdreckt und verkalkt war, als auch, dass die Tasse, die sie sich genommen hatte, nicht besonders gut gespült war.
>>Hör mal, es tut mir Leid, dass ich heute morgen einfach verschwunden bin, es ist nur ähm, ja, also, ich weiß ja nicht, ob du so was öfter machst, aber für mich war das gewissermaßen das erste Mal.<<
Sie prustete los und musste dann husten, weil sie sich vor lauter Lachen an ihrem Kaffee verschluckt hatte.
>>Das ist jetzt aber nicht dein ernst, oder? Du willst mir doch nicht erzählen, dass das gestern Nacht dein erstes Mal war?<<
>>Oh Mann, nein, natürlich nicht 'das erste Mal'. Ich hatte nur noch nie so etwas wie letzte Nacht. Du weißt schon, Fremder trifft auf Fremde und geht mit zu ihr.<<
>>Du meinst einen One Night Stand.<<
Gott wie er diesen Begriff hasste. Sie hatten gefickt. Dreckig, besoffen und wie er meinte, nicht besonders gut. Aber natürlich musste das wieder irgendwie nach mehr klingen, nach Glamour, Lifestyle und solchen Dingen. Eben irgendwie hip. So dass man davon reden konnte, als würde man über die Vor- und Nachteile des neuen Autos, welches man sich zugelegt hatte reden, jedoch keinesfalls darüber, dass man besoffen wie ein Tier schwitzend mit einer Fremden gefickt hatte.
>>Wenn du es so nennen willst.<<
Sie fixierte ihn mit ihren Augen. Das machte ihn ungeheuer nervös. Sie hatte grüne Augen, ein Grün, das ihn komplett durchdrang. Es schien so, als ob sie gerade dabei war abzuwägen, ob sie sich dafür hassen sollte, wen sie da mitgenommen hatte, oder, ob es sie sich doch lieber über die entsetzliche Unsicherheit amüsieren sollte, in die sie ihn versetzt hatte. Letzteres schien sich durchgesetzt zu haben. Sie lächelte ihn an, jedoch nur kurz, schnell setzte sie die Kaffeetasse wieder an, er sollte sich seiner Sache schließlich nicht zu sicher sein. Ihre Augen jedoch verrieten sie. Darin war er gut, Menschen zu durchschauen. Als zynischer Drecksack, der des öfteren, wenn nicht gar immer, das Schlechte zuerst wahrnahm, war er auf solche Fertigkeiten angewiesen.
>>Wie würdest du es denn nennen?<<
>>Keine Ahnung. Ich weiß es nicht. Jedenfalls nicht 'One Night Stand'. Also, es äh tut mir wirklich Leid, ich hoffe du bist mir nicht böse.<<
>>Ihr Männer seid wirklich bescheuert.<<
Sie stellte die Tasse energisch ab, so dass der Kaffee heraus schwabte und sich zu den anderen Flecken auf der Arbeitsplatte seiner Küchennische gesellte. Er stöhnte auf. War sie etwa eine verbohrte Feministin, die sich absichtlich den größten, unzurechnungsfähigsten Trottel heraus gesucht hatte, um ihn am nächsten Morgen aufzuspüren und damit zu konfrontieren, was für ein widerwärtiges Schwein er doch war.
>>Das muss von eurer Eigenschaft als Jäger und Sammler herrühren. Wie kommst du nur darauf anzunehmen, dass du dich bei mir entschuldigen müsstest? Ihr beschissenen Typen denkt immer in Begriffen wie 'erobern', oder 'aufreißen'. Du hast mich nicht 'erobert', oder 'erlegt'. Wenn du dich richtig erinnern kannst, habe ICH dich mit zu MIR genommen. Und nicht umgekehrt. Wenn hier jemand wen flach gelegt hat, dann ICH dich!<<
Damit hatte er nicht gerechnet. So gut er sonst darin war einzuschätzen, was für ein Mensch ihm gegenüber stand, in ihrem Fall war er komplett ahnungslos. Natürlich war er verkatert und hatte wenig geschlafen, doch das schärfte in manchen Fällen die Sinne sogar zusätzlich. Wer war dieses Mädchen? Und was wollte sie überhaupt von ihm? Wie zum Teufel hatte sie überhaupt herausgefunden wo er wohnte?
Sie trug ein ausgewaschenes T-Shirt, das Orange war. Sie hatte es an der Seite zusammen geknotet, so dass ihr Bauchnabel frei war. Passend zum T-Shirt trug sie eine ausgewaschene Jeans, die ein entsprechend helles Blau hatte, was fast ins Graue ging. An den Knien und den Schenkeln waren vereinzelt kleinere Löcher, aus denen die weißen Fransen des Stoffes quollen. Sie hatte schwarzes Haar, welches sie zu einem Zopf gebunden hatte, mit jeweils langen Strähnen an den Seiten, die sie sich hinter die Ohren geklemmt hatte. Ihre Augen waren wunderschön, ein tiefes, intensives Grün. Sie hatte ein hübsches Gesicht, verdammt, dachte er sich, sie war wirklich verdammt hübsch. An ihren Füßen trug sie alte Adidas Samba Turnschuhe in Weiß. Früher hatte er nur solche Schuhe besessen.
Sie bemerkte, dass er sie studierte, was ihr scheinbar nicht passte. Sie trank ihren Kaffee in einem Zug aus, knallte die Tasse auf die Arbeitsplatte, lief, vorbei an ihm, quer durch den Raum und setzte sich auf das Sofa. Dort stellte sie ihre Füße auf sie Sitzfläche, zog ihre Knie an die Brust und stützte ihre Ellbogen darauf. Sie hatte sich komplett verkleinert. Cleveres Mädchen, dachte er, so viel war schon mal sicher, ihr konnte man nichts vormachen.
>>Also, mal unabhängig davon, ob du mir das jetzt glaubst, oder nicht, ich passe denke ich nicht in die Kategorie Typ, die du da gerade beschrieben hast. Ich wollte mich ja auch nicht dafür entschuldigen, dass du mich mitgenommen hast, denn das wäre schon sehr unterwürfig. Es tut mir viel mehr Leid, dass ich mich heute Morgen einfach verpisst habe.<<
>>Schon Okay. Hätte ich nicht anders gemacht. Das mit der Spüle war übrigens verdammt lustig.<<
>>Du verarschst mich?<<
>>Nein, du musstest kotzen, hast aber das Bad nicht gefunden. Dann bist du gegen meinen Kühlschrank gerannt, zurück getorkelt und mit deinem Gesicht quasi in meiner Spüle abgetaucht.<<
>>Freut mich, dass es dich amüsiert hat. War das kein Stress das alles sauber zu machen.<<
>>Nicht wenn man eine Spülmaschine hat.<<
>>Hast du denn eine?<<
>>Nein. Aber als ich das Geschirr heute in der Badewanne von deinen Magensäften befreit habe, musste ich die ganze Zeit lachen. Du hast verdammt witzige Sounds von dir gegeben. Das hat mich ausreichend entschädigt.<<
Er wollte etwas witziges sagen, wollte schlagfertig sein. Sie war ein tolles Mädchen, das stand für ihn sofort fest. Ihm fiel auf, dass er noch immer neben der halboffenen Tür stand. Er schloss sie und setzte sich an den Tisch neben der Kochnische. Nun saß er ihr gegenüber. Er hatte jedoch die Tischplatte vor sich. Dadurch fühlte er sich sicher, bis ihm aufging, dass sie scheinbar überhaupt kein Interesse daran hatte ihn zu mustern. Dazu hatte sie ja eigentlich letzte Nacht bereits genug Zeit gehabt. Sie drehte sich eine Zigarette, von dem Tabak, der auf dem kleinen Beistelltisch neben dem Sofa stand. Er hatte das Rauchen bereits vor Jahren aufgegeben, den Tabak benutzte er ausschließlich um ihn mit Gras zu mischen. Dass er weder Zigarettenfilter, noch normale Papers hatte, schien sie nicht zu stören. Sie nahm einfach ein Longpaper, mit denen man ja ausschließlich Joints drehte, riss etwa ein drittel davon ab und rauchte das Ganze ohne Filter. Als er noch geraucht hatte, hatte er es gehasst, wenn er keine Filter mehr gehabt hatte. Ohne Filter zu rauchen war einfach scheiße, ständig fusselte der Tabak hinten heraus und klebte einem an den Lippen. Sie schien damit keine Probleme zu haben, bei ihr fusselte auch nichts. Vermutlich war sie filigraner, was das Drehen anging.
Ihm war das Schweigen unbehaglich, er wusste aber andererseits auch nicht, was er sagen sollte, ohne, dass dabei durchdringen würde, dass er total verunsichert war.
>>Wie hast du überhaupt hierher gefunden?<<
>>Das weißt du nicht mehr? Du hast mir lang und breit erzählt wo du wohnst.<<
Das machte Sinn. Er konnte sich zwar nicht mehr daran erinnern, aber er konnte sich ja auch sonst kaum an Dinge erinnern, die er ihr erzählt hatte.
>>Und woher weißt du meinen vollen Namen?<<
Sie blies den Rauch gelangweilt von sich und legte den Kopf dabei auf die Seite. Sie sah unheimlich verträumt aus.
>>Mein lieber, jede Wohnung, sogar deine, hat ein Klingelschild, auf dem in der Regel der Nachnahme steht. Da du mir gestern freundlicherweise mitgeteilt hast, dass du Robert heißt und in diesem Haus unter dem Dach wohnst, musste es wohl die oberste Klingel an der Haustür sein. Und da stand 'Schwarz'. Was sagst du nun, Watson.<<
>>Nicht übel. Und, ich meine, also, wie geht es jetzt weiter?<<
Er bereute es sofort etwas derart dämliches gefragt zu haben. Er wollte nicht den Anschein erwecken sich zu irgendetwas verpflichtet zu fühlen.
Sie lächelte wieder und ehe sie etwas erwidern konnte schob er >>ich meine, was willst du eigentlich hier?<< nach.
Kaum hatte er das gesagt bereute er es erneut. Das klang nun unfreundlich. Es war sicher nicht seine Absicht das Mädchen, mit dem er letzte Nacht geschlafen hatte und die, wie er jetzt nüchtern und bei guten Lichtverhältnissen festgestellt hatte, auch noch äußerst attraktiv war, wieder zu vergraulen. Aber er war sich immer noch nicht sicher, was sie eigentlich wollte.
>>Was soll ich schon wollen? Kannst du dir das nicht denken? Ich will denjenigen kennen lernen, der mir in meine Spüle gekotzt hat. Gestern hast du zwar viel von dir erzählt, aber das machen ja alle Besoffenen.<<
>>Warst du etwa nicht besoffen?<<
>>Nicht so sehr wie du.<<
Was sollte das heißen? Er für seinen Teil war natürlich total betrunken gewesen. Das war aber auch normal, wenn er mit seinen Kumpels los zog.
>>Trinkst du eigentlich immer so viel?<<
>>Wieso, ich konnte dir doch scheinbar noch auf verständliche Weise erklären, wo ich wohne. Das spricht ja wohl für mich.<<
>>Ja, aber gegen dich spricht, dass du in meine Wohnung gekotzt und ewig keinen hoch gekriegt hast.<<
Sie sagte das ganz nebenbei, als ginge es darum, welche Pizza sie gestern gegessen hätte. Er spürte, wie er errötete und ihm die bereits wieder erlangte Fassung erneut entglitt.
>>Okay. Also ich heiße Robert und ich wohne hier. Nicht besonders toll, wie du siehst. Gestern Nacht hatte ich zum ersten mal einen 'One Night Stand' und wenn ich zu viel getrunken hab, habe ich anscheinend Errektionsprobleme. Jetzt weißt du mehr und intimere Details von mir, als die meisten anderen Menschen mit denen ich so zu tun hab. Weißt du, das ist mir jetzt wirkliche peinlich, wobei, schlimmer, als die Nummer mit meinem schlaffen Schwanz kann es ja eigentlich nicht mehr werden, aber ich weiß ehrlich gesagt überhaupt nicht wie du heißt.<<
Jetzt hatte er also sämtliche One Night Stand Klischees erfüllt. Gebumst, gekotzt, geflohen. Und das alles ohne den Namen der Person zu kennen, um die es eigentlich ging.
Sie legte den Kopf auf die andere Seite und streckte ihre Beine von sich. Es erweckte den Anschein, als wäre sie nun bereit sich ihm zu öffnen.
>>Ich heiße Marie. Komisch, aber du hast mich gestern wirklich nicht danach gefragt. Ist mir gar nicht aufgefallen.<<
>>Hallo Marie. Ein schöner Name.<<
Sie musste studieren. Vermutlich Sozialpädagogik, oder etwas in diese Richtung. Zumindest Sozial- oder Geisteswissenschaften. Oder Kunstgeschichte. Es war Donnerstag um 13 Uhr, wie er anhand der billigen Ikea Wanduhr, die hinter ihr hing zu erkennen glaubte. Einen Job hatte sie also vermutlich nicht. Zumindest keinen festen, eventuell kellnerte sie nebenher, oder arbeitete an der Kasse in irgendeinem Supermarkt. Ihr Äußeres, ein Style, der sich zwischen alternativ, aber keinesfalls zu Öko mäßig und angenehm normal einordnen ließ, sprach deutlich dafür, dass sie Studentin war.
>>Und Marie, was machst du so? Studierst du? Hast du einen Job? Bist du Versicherungsfachfrau?<<
Er musste zum ersten mal lächeln, glaubte er doch sich nun auf sicherem Terrain zu befinden und sie zumindest dahingehend, was sie so trieb, durchschaut zu haben.
Mit ihrer Reaktion jedoch hatte er in keinster Weiser gerechnet. Sie drückte die Kippe auf der Lehne seines Ledersofas aus. Ohne mit der Wimper zu zucken. Okay, das Sofa war alt und es sah ehrlich gesagt auch aus, als käme es direkt vom Sperrmüll, aber das ging dann doch zu weit. Wollte sie ihn provozieren?
>>Ich hab dich nicht gebeten mich auszufragen. Ich wollte dich kennen lernen. Wenn ich was von mir erzählen will, dann suche ich mir einen Therapeuten.<<
Er überlegte kurz, ob er zur Tür gehen und sie ihr demonstrativ öffnen sollte, so dass sie verschwinden würde. Dann fiel ihm jedoch ein, dass er total aufgeschmissen wäre, wenn sie seiner Aufforderung nicht nachkäme. Er fühlte sich ihr total unterlegen, dabei saß sie einfach nur auf seinem Sofa. Von wegen Heimvorteil.
>>Tut mir Leid, ich<< sie unterbrach ihn.
>>Wieso entschuldigst du dich ständig. Du bist doch alt genug um zu wissen, was du tust und sagst. Willst du mir jetzt was von dir erzählen, oder nicht?<<
Während er überlegte, was er davon halten sollte, oder ob er einfach gehen und Abends wieder kommen sollte, in der Hoffnung, dass sie dann verschwunden wäre, stand sie auf und öffnete seinen Kühlschrank.
>>Mann, besonders gut ernähren tust du dich schon mal nicht.<<
Das war zwar gut beobachtet, jedoch nicht gerade schwer. Sein Kühlschrank war meist nur mit Pizza, Döner, oder Fertiggerichten vom Vortag gefüllt. Neben Bier.
>>Ich hab Hunger. Du nicht?<<
Er war immer noch perplex.
>>Ja, also ich hätte hier Cornflakes.<<
Sie nahm die Milch aus dem Kühlschrank, schnappte sich die Schüssel, aus der er wenige Stunden zuvor noch gegessen hatte, füllte sie bis zum Rand mit Cornflakes, goss Milch hinzu und setzte sich wieder auf die Couch.
>>Ich kann dir auch eine saubere Schüssel geben, wenn du willst.<<
>>Wieso. Sämtlich Arten von Geschirr, Tassen, Teller, Messer, Gabel, alles steht nur in einfacher Version neben deiner Spüle. Ich nehme von daher mal an, dass du der Einzige bist, der hier das Geschirr benutzt.<<
>>Ja, aber<< sie unterbrach ihn erneut >>Was 'ja aber'? Du hattest gestern deine Zunge in mir und das nicht nur in meinem Mund, wie du dich ja eventuell erinnerst. Glaubst du, da macht es mir was deinen Löffel zu benutzen.<<
Fuck, die Kleine war tough.
>>Oh Mann. Magst du Musik? Ich brauch jetzt Musik.<<
Er stand auf und machte sich an seiner Stereoanlage aus den 80er Jahren zu schaffen. Da er sie ja offensichtlich nicht wirklich einschätzen konnte, es aber auch nicht wagte weiter dumm nachzufragen, legte er einen Motown Sampler auf. Die Supremes hatten einfach einen unheimlichen Drive und wer die nicht mochte, der war ohnehin scheiße, dachte er sich.
>>Gute Cornflakes.<<
>>Danke. Selbst gekauft.<<
Sie legte den Löffel beiseite und trank die restliche Milch aus der Schüssel. Dann stellte sie Schüssel und Löffel vor sich auf den Boden. Sie stand auf, ging zu seinen CD Regalen, stöberte kurz und nahm sich dann mit einem Griff alle sieben Studioalben von Creedence Clearwater Revival heraus.
>>Gute Musik.<<
>>Auch selbst gekauft. 'Mardi Gras' kannst du aber vergessen. Ist das Letzte von ihnen, da war Tom Fogerty schon nicht mehr dabei und Stu und Doug durften auch Songs beisteuern. Ist totales Chaos. Nicht so besonders.<<
Es war, als hätte sie ihn nicht gehört. Sie ignorierte ihn völlig. Immerhin, Geschmack schien sie zu haben, die 60er hatten es ihr wohl angetan. Sie nahm noch zwei Jefferson Airplane Alben heraus und drehte sich zu ihm.
>>Kann ich mir die mal ausleihen?<<
>>Kann die mal wieder kriegen?<<
>>'Leihen' bedeutet für eine begrenzte Zeit zur Verfügung stellen. Das Bedeutet du kriegst sie wieder. Außerdem scheint Musik ja dein Ding zu sein, wie könnte ich dir da was wegnehmen?<<
>>Okay. Es ist nur, ich kenne dich kaum. Und...naja, du weißt schon.<<
Sie sah ihn an, mit einem Blick den er nicht deuten konnte, der am ehesten so etwas wie Bedauern für ihn ausdrückte.
>>Also, wir machen das so. Du erholst dich jetzt mal schön von deinem ersten One Night Stand und ich höre mir inzwischen deine CDs an.<<
>>Und dann?<<
>>Dann kriegst du sie wieder.<<
Es ärgerte ihn maßlos, wie eine quasi völlig Fremde ihn auf seinem eigenen Platz derart an die Wand spielen konnte. Er konnte es einfach nicht fassen. Sicher war er ein unsicherer Trottel, ein Loser, aber musste sie ihn auch noch bestehlen? Sie hätte die CDs heimlich einstecken können, müde und verkatert wie er war, hätte er es vermutlich nicht gemerkt. Aber sie ihm sozusagen mit seiner Erlaubnis abzuluchsen, das war der Demütigung dann doch zu viel.
>>Ja, alles klar. Wie auch immer, mach doch was du willst.<<
Er hatte resigniert. Vielleicht träumte er das alles nur, oder sie war in der Tat eine Rächerin der schlecht gebumsten, mit dem Auftrag all den schlaffen Schwänzen, all den besoffenen Dummschwätzern ihre Würde und ihre liebsten Besitztümer zu nehmen.
Er wusste es nicht, es war ihm egal, sie verwirrte ihn dermaßen, dass er einfach nur den Wunsch hatte, dass sie ihn wieder verließ und er weiter vor sich hin verblöden konnte.
Zum ersten Mal lächelte sie wirklich freundlich, zumindest glaubte er keinerlei Hintergedanken, kein verstecktes Herausfordern in ihren Augen zu entdecken.
>>Mach dich nicht so runter, Robert Schwarz. Du bist ein netter Kerl. So viel weiß ich immerhin schon mal. Bis bald.<<
Sie küsste ihn auf die Stirn und ging. Da Stand er nun mitten im Raum.
Tim kam zur Tür herein.
>>Verdammt, wer war die Tussie? Und was macht sie mit deinen Creedence Alben?<<
Er überlegte, sah ihn mit seinen müden, geröteten Augen an und antwortete gedankenversunken:
>>Ich habe nicht die geringste Ahnung.<<
Sie stand vor ihrer alten Vespa und verstaute die CDs in dem kleinen Handschuhfach. Sie hatte, nachdem sie den Motorradführerschein gemacht hatte, bald festgestellt, dass Motorräder grobe, schwer zu rangierende Klötze sind. Sicherlich hätte sie sich eine kleine 125er Maschine kaufen können, aber damit wäre sie sich wie ein 16 jähriger Teenager vorgekommen, der mit seinem ersten Anflug von Bart in der Gegend herum prollt.
Nach einigem Suchen hatte sie eine Vespa PX 200 erstanden. Ein Roller, mit der klassischen Vespa Form, komplett aus Metall, mit Kickstarter und viergang Handschaltung. Sie liebte das Teil innig und war innerhalb kürzester Zeit in der Lage nahezu alles daran zu reparieren. Simple Technik. Simpel, aber verlässlich. Die hässliche Originallackierung hatte sie eigenhändig in der Garage des neuen Freundes ihrer Mutter schwarz überlackiert, wobei sie Die Seitenbacken gelb gesprüht hatte. Nachdem sie mit ihren Lacken, ihrer Sprühpistole und ihrem Kompressor abgerückt war – und eine unfassbare Sauerei hinterlassen hatte, hatte sich der Kontakt zu ihrer Mutter auf das wesentlichste beschränkt. Dabei war es dann auch geblieben. Ihr war das nur recht, ihre Mutter zog es vor, mit Managertypen ins Bett zu gehen. Der Typ, dessen Garage sie verunstaltet hatte, war seit etwa drei Jahren der Aktuelle. Länger hatte es bisher keiner mit ihr ausgehalten. Mit Ausnahme ihres Vaters, aber der war ja schon lange Tot.
Ihre Mutter war das typische durchgestylte, durchtriebene, geldgeile Produkt aus oberflächlichen Dinner-parties, Brunches, Golfplätzen, Porschehändlern und all dem anderen Upper Class Mist. Ganz früher musste sie mal anders gewesen sein. In den letzten Jahren hatte sie sich jedoch in einen Menschen verwandelt, der ihr derart Fremd war, dass sie sich kaum über sie ärgern konnte, da sie ihr ohnehin bereits weit entrückt war. Das Einzige, was sie gemeinsam hatten, war ein hübsches Gesicht, in deren Zentrum zwei magische, grüne Augen thronten. Das war es auch, was ihre Mutter in solche Kreise geführt hatte. Sie war Mitte vierzig, hatte jung geheiratet, da sie mit 19 bereits schwanger war. Sie sah für ihr Alter immer noch äußerst gut aus, man würde sie wohl eher auf Mitte dreißig schätzen, wobei Marie keinesfalls entgangen war, dass sie sich mindestens ihre Brüste hatte machen lassen.
Marie war es egal, dass es ihre Mutter mit hirnlosen Managertypen trieb. Vielleicht war ihr derzeitiger Lebensgefährte ja sogar ein netter Mensch, sie war an ihm jedoch nicht im geringsten interessiert. Typen wie er hatten, gemeinsam mit ihrer Mutter, ihren Vater kaputt gemacht. Das wusste sie damals schon, obwohl sie gerade erst 12 gewesen war. Sie war nun mal alleine auf der Welt, aber das war für sie kein Problem. So sah sie es zumindest. Je weniger Menschen man ins Vertrauen zieht, desto weniger Enttäuschungen hat man anschließend zu verarbeiten.
Der Nachteil an alten Vespas ist der, dass man, verglichen mit modernen Rollern, kaum Stauraum zur Verfügung hat. Dementsprechend legte sie ihren Helm immer einfach auf das Fußtrittblech. Ein Fach für den Helm, unter der Sitzbank, wie es diese modernen Plastikbomber haben, hatte sie nicht. Das war sonst kaum ein Problem, doch der Helm war heruntergefallen und verkehrt herum liegen geblieben. Es war ein Jethelm, schwarz, mit gelben Sternen, passend zu der Farbe der Seitenbacken. Da es leicht geregnet hatte, war der Helm unangenehm feucht, als sie ihn aufsetzte. Er würde mit Sicherheit anfangen zu müffeln.
Nach dem zweiten Tritt sprang der Zweitakter an und sie raste davon. Natürlich hatte sie entsprechende Tuningmaßnahmen ergriffen, Beschleunigung war ein entscheidender Faktor, wenn sie wutentbrannten BMW Fahrern davonfahren musste, nachdem sie sie geschnitten hatte. Ihre Wohnung lag in einer Gegend, in der hauptsächlich ältere Menschen lebten. Sie war dort nahezu jedem, zumindest vom Sehen her, bekannt. Irgendwie mochte sie all die alten, obwohl viele von ihnen extrem verbohrte Spießer waren. Es war ihr lieber, jemand hatte sich sein Leben lang an Ruhezeiten gehalten, Moral und Anstand gepredigt und wenn er zu viel getrunken hatte, aus seiner latenten Ausländerfeindlichkeit keinen Hehl mehr gemacht, als wenn vierzig- oder fünfzigjährige Typen sich ständig den aktuellsten, hipsten Technologien und Trends hingaben. Ihr war das zuwider. Natürlich waren ihr die Spießer auch zuwider, aber die ließen sich wenigstens leicht einschätzen. Von ihnen wusste man immer, was man zu erwarten hatte. Man konnte sich Perfekt auf sie einstellen.
Was diese Alten von ihr dachten war ihr ziemlich egal, sie konnten jedoch keine allzu gute Meinung über sie haben. Als sie einmal einen schwarzen Typen mit genommen hatte, konnte sie den Hass und die Verachtung regelrecht spüren, so greifbar war all das. Das witzige an diesen Typen war nur, dass, sofern man sie freundlich grüßte, sie mit derselben Freundlichkeit zurück grüßten. Man konnte ihre Heuchelei nur am Rande wahrnehmen. So waren sie eben sozialisiert. Auf ihre Doppelmoral war stets Verlass. Sie war sich der Tatsache bewusst, dass sie ihnen eigentlich ein Dorn im Auge war, aber sie hatte die Alten und ihr Leben durchschaut. Im Prinzip war sie der Faktor, der alle bei Laune hielt, der alle zusammen hielt. Dadurch, dass sie ihnen immer wieder Anlässe gab sich über sie auszulassen, schuf sie so etwas wie die einzige Form der Unterhaltung, die diesen Leuten geblieben war. Sie war der Blitzableiter, Projektionsfläche für all ihre Unzufriedenheit und der lebende Beweis dafür, dass früher alles besser war. Es gab ihr ein gutes Gefühl dadurch ein wichtiger Teil dieser Gemeinschaft zu sein.
Sie parkte die Vespa unter dem Kastanienbaum, der vor der Haustür stand, schnappte sich die CDs und betrat das Haus. Ihre Wohnung befand sich auf der Rückseite des Hauses, wie die Wohnung, des Typen, dessen CDs sie gerade in ihrem Helm trug. Sie wohnte hier bereits seit vier Jahren und der Vorteil, den diese Wohnung hatte, war der, dass sowohl Die Frau, die unter ihr wohnte, als auch der Mann, der über ihr wohnte, schwerhörig war. Sie liebte es laut Musik zu hören und durch diese Beeinträchtigung ihrer Nachbarn war dies ohne weiteres möglich. Sie legte 'Cosmo's Factory' auf, das Album von Creedence, mit dem für sie interessantesten Cover. Auf ihrem Bett liegend musste sie erstmals darüber nachdenken, was sie eigentlich dazu getrieben hatte ihn aufzusuchen. So etwas hatte sie noch nie gemacht. Robert hatte braune Augen, rehbraun. Er war etwa einen Kopf größer als sie, musste demnach so um die 1,80 sein. Er hatte ihr allerlei Quatsch erzählt, davon wie er sich 'diesem scheiß System entziehen würde' und solche Sachen. Eigentlich hatte es keinen Grund dafür gegeben ihn mitzunehmen. Er war ziemlich Betrunken gewesen, jedoch hatte er sich dafür noch verdammt gut im Griff gehabt. Man konnte sehen, dass er scheinbar geübt darin war, noch total Betrunken in Clubs reinzukommen. Auch an der Bar, wenn er sich ein weiteres Bier bestellt hatte, verhielt er sich, als hätte er nur Cola getrunken. Es waren Kleinigkeiten, die verrieten, wie fertig dieser Junge eigentlich schon war und dass er alles andere als ein weiteres Bier brauchen würde. Er hatte seine Ellbogen auf die Bar gestützt, während er wartete, bis der Barkeeper seine Bestellung entgegen nahm. Das sah lässig aus, wer jedoch genauer hinschaute konnte erkennen, dass er das nicht tat um lässig auszusehen, sondern um Halt zu finden. Kaum hatte er sein Bier lief er unsicher los und ließ sich am Tisch bei seinen Freunden nieder. Er vermied es so gut es ging sich frei bewegen zu müssen. An Frauen schien er nicht besonders interessiert.
Sie mochte den Laden nicht besonders, in dem sie ihn getroffen hatte, aber sie spielten dort gute Musik und das war ihr wichtig. Außerdem war es so, dass je schlechter die Musik war, umso aufdringlicher die Typen wurden. Schlechter Geschmack setzt sich eben in allen Bereichen des Lebens durch, dachte sie sich.
Irgendetwas war anders an diesem Jungen. Vielleicht war er einfach nur genauso alleine wie sie es war. Nur dass er, im Gegensatz zu ihr, sich damit nicht arrangieren konnte deswegen vor die Hunde ging. Ihm war zumindest nicht mehr allzu viel Würde geblieben. Sein Selbstbewusstsein hatte er vermutlich irgendwann im Lauf der letzten Jahre verloren und, so komisch das auch war, gerade das war es, was sie an ihm mochte.
Tim war schon seit mindestens zehn Jahren sein bester Freund. Sie hatten zusammen alles erlebt, die Jahre als kiffende Teenager, die Jahre als sie noch als cool galten, weil sie auf die Schule schissen und man sie immer um ein bisschen Gras bitten konnte. Irgendwann hatte sich die Welt jedoch weiter gedreht. Nun stand Tim bei ihm in der Wohnung. Tim war denselben Weg gegangen wie er. Im Gegensatz zu ihm hatte Tim einen mehr oder weniger festen Job. Er war der Sklave einer Zeitarbeitsfirma. Da er sich dabei jedoch relativ zuverlässig ausbeuten ließ, konnte auf seinem Rücken regelmäßig der Wohlstand anderer gedeihen. Und er hatte ein festes Einkommen, auch wenn das nicht besonders hoch war. Tim war das egal, er hatte was er brauchte. Er wohnte bei seiner Mutter und sein Leben drehte sich um seine Kumpels, Musik, feiern und Fußball. Robert legte Springsteen auf. Er liebte diesen Mann dafür, dass er von je her all den geknechteten, all den verlorenen, all den deprimierten und resignierten ein Stück Würde gegeben hatte. 'Downbound Train' war, neben dem Fakt, dass es eines der Besten Lieder war, was jemals geschrieben wurde, das Lied in dem er sich in den letzten Jahren mehr und mehr gefunden hatte.
>>War das die, mit der du gestern abgehauen bist?<<
>>Ich befürchte ja.<<
>>Mann, sei mal nicht so deprimiert. Die hatte doch mächtig Busen.<<
>>Die hatte vor allem eines: Die Gabe mich völlig zu verwirren.<<
>>Was wollte die denn von dir? Hast du sie geschwängert?<<
>>Als ob man das nach einigen Stunden schon wüsste. Ich kann dir nicht sagen, was sie von mir wollte. Sie hat nur irgendwas davon gefaselt, dass sie mich kennenlernen will. Aber bevor ich mit ihr ins Gespräch kommen konnte, ist sie auch schon wieder verschwunden. Außerdem scheint sie echt Probleme zu haben.<<
>>Wieso?<<
>>Ach, keine Ahnung. Ich meine, es ist doch nicht normal, wenn man wen kennenlernen will, aber sich weigert über sich selbst was zu erzählen, oder?<<
>>Ja, hört sich seltsam an. Mann, du musst aufpassen. Am Ende ist das so eine Irre, die dich ab jetzt übelst stalkt.<<
>>Das glaub ich kaum. Was soll die denn von mir wollen? Abgesehen von mehr CDs...<<
Tim hatte sich daran gemacht einen Joint zu drehen. Robert hatte eigentlich keine Lust zu kiffen, bedeutete das doch nur, dass der Tag damit endgültig im stumpfsinnigen Vergammeln enden würde. Er fühlte sich seltsam angestachelt von dieser Marie. Immerhin wusste er auch wo sie wohnte. Er hatte gute Lust das Spiel umzudrehen. Allerdings hatte er auch Angst davor, was er dort antreffen würde. Was, wenn sie in Wirklichkeit einen Freund hatte. Die Wohnung war, soweit er sich erinnern konnte, relativ groß gewesen. Für eine Studentin, was sie ja trotzdem sein konnte, denn nun war er sich eigentlich sicher sie richtig eingeschätzt zu haben, viel zu groß. Außer, sie wohnte mit irgendeinem armen Trottel zusammen, der auf Montage, Geschäftsreise, oder sonst was war, während sie sich Typen wie ihn mit nach Hause nahm. Die Macht, diesen armen Trottel unter Kontrolle zu halten, hatte sie in jedem Fall, dessen war er sich sicher. Tim sah zu ihm herüber.
>>So, jetzt vergessen wir mal schön die Alte und entspannen uns. Immerhin habe ich gerade Urlaub und den will ich nicht damit verbringen, dir dabei zuzusehen, wie du dich von einer verrückten kirre machen lässt. Wer baut der haut.<<
Dann zündete er den Joint an.
Sie hatte noch ein wenig Arbeit vor sich. Sie begab sich in ihr Arbeitszimmer und setzte sich vor ihr MacBook. Nachdem sie drei Tassen Kaffee getrunken und zwei Stunden programmiert hatte, zog sie sich nackt aus und legte sich auf ihr Bett. Was dieser Robert nicht bemerkt hatte, war, dass sie, während er vergeblich versucht hatte aus ihr schlau zu werden, etwa ein halbes Gramm von seinem Gras geklaut hatte. Es war einfach neben dem Tabak gelegen. Sie sah das als Ausgleich dafür an, dass sie seine Kotze entfernen musste, die bereits leicht angetrocknet war und gestunken hatte. Natürlich hatte sie das keineswegs lustig gefunden, aber sie hatte beschlossen, ihn nicht zu sehr zu verunsichern, nachdem sie in seine völlig überfordert drein blickenden braunen Augen gesehen hatte.
Sie drehte sich eine Joint, der zu nahezu drei Vierteln aus Gras bestand und ließ sich ein Bad ein. Das Zusammenspiel zwischen warmen Wasser, was die Durchblutung anregte und Marihuana, was die Muskeln entspannte und die Dinge klarer erscheinen ließen, als sie waren, oder eben nicht, war ja sowieso egal, war für sie das Größte. Besser noch als ein guter Fick. Tief entspannt und mächtig high stieg sie aus der Badewanne. Bekifft zu sein war etwas, was sie manches mal daran zweifeln ließ, wie sie ihr Leben lebte. Es gab Momente, in denen sie sich danach sehnte, mit jemand anderem, jemanden, der sie verstand, in jenem Zustand sinnlos über die Welt zu sinnieren. Entsprechend ambivalent war ihr Verhältnis gegenüber dieser Droge. Sie hatte jedoch für sich den Weg gefunden, nicht öfter, als drei bis viermal im Monat zu konsumieren. Dadurch bewahrte sie sich diesen Moment, den sie nahezu sakral feierte. Entsprechend war es für sie auch immer wieder aufs neue ein Erlebnis, dass sie in vollen Zügen genießen konnte, auch wenn es ab und an bei ihr Zweifel sähte.
Während sie nackt auf dem Teppich in ihrem Wohnzimmer liegend trocknete und die Wirkung des Dopes langsam angenehm nachließ, war sie sich sicher, was zu tun war. Es war wohl so etwas wie Neugier gewesen, weshalb sie Robert besucht hatte. Er war anders, als die meisten Typen, mit denen sie was gehabt hatte. Das war ihr bereits in der Nacht aufgefallen, auch wenn er, dadurch dass er so viel getrunken hatte, entsetzlich gewöhnlich gewirkt hatte. Sie beschloss ihren eigentlichen Plan, ihn wieder zu vergessen, sich an seinen CDs zu erfreuen und ihm möglichst nie wieder zu begegnen, zu verwerfen. Dabei kam ihr, dass sie diesen Plan eigentlich schon verworfen hatte, als sie bei ihm in der Wohnung gestanden hatte.
Sie war unabhängig. Das war das Erste, was sie lernen musste. In dieser Welt war kaum Platz für Mitgefühl und wenn man auf welches stieß, dann nur, weil derjenige, der es einem spendete damit eigene Interessen verfolgte, besser dastehen wollte, oder die Mutter des armen Mädchens bumsen wollte. Sie hatte das schnell gelernt und den Schmerz, der damit verbunden war, schnellstmöglich in Ehrgeiz kanalisiert. Sie wollte niemals auf irgendeinen dieser widerlichen Menschen auf diesem Planeten angewiesen sein. Niemals.
Er rauchte. Tim war verschwunden um was essbares zu besorgen und seit geraumer Zeit nicht zurück gekommen. Jetzt war es sowieso egal. Er drehte sich einen weiteren Joint von seinem Gras, von dem er glücklicherweise noch ein wenig hatte.
Sie war das erste Mädchen gewesen, dass in seinem Leben aufkreuzte, seit langer Zeit. Sehr langer Zeit. Er musste an damals zurück denken, doch das deprimierte ihn so sehr, dass er sich, obwohl er sich davor ekelte, ein Bier aufmachte. Bekifft, arbeits- und antriebslos, nahezu pleite und obendrein noch beklaut worden – Er war sich sicher, nicht mehr tiefer fallen zu können. Diese Schlampe. Was sollte das? Von wegen, ihn kennenlernen. 'One Night Stands' beruhten doch darauf, dass man den Anderen nicht kannte, dass mich sich zu nichts verpflichtet fühlte. Er hatte das Spiel vielleicht zum ersten Mal gespielt, aber von den Regeln hatte er schon einiges gehört. Sie wurden einem ja in nahezu jeder Serie, jedem Film und jedem Buch entgegengeschleudert. Von der Verwirrung und dem Schmerz danach schienen nur Songs zu erzählen. Verdammtes Gras. Er saß dort, wo sie gesessen hatte. Er drückte den Joint in dem Brandloch aus, das sie hinterlassen hatte.
Er fühlte sich mies, vielleicht sogar so mies, wie seine Lage eigentlich war.
Er hatte zuletzt als Fahrer für einen Gemüsehändler gearbeitet. Er hatte es gehasst alleine über die Dörfer zu fahren und bei irgendwelchen Biobauern modrig stinkendes, frisches, mit feuchter Erde beklebtes Gemüse abzuholen. Das einzige, was ihm dabei Spaß gemacht hatte, war die Landschaft zu betrachten. Es war Frühling gewesen und der Geruch des Taus am Morgen, der das Land in Beschlag nahm und alles in eine gedämpfte Hülle verpackte, die eine ganz besondere Akustik ergab, das war wahrhaft schön. Doch dann hatte er sich wieder in seinen VW Bus setzen und Termine einhalten müssen, die kaum einzuhalten waren und den Bauern erklären, wieso er eine halbe Stunde zu spät kam. Wenn er Mittags im Laden ankam musste er dem Besitzer dann erklären wieso er zu spät kam, musste alles entladen und verräumen und durfte anschließend noch im Laden aushelfen.
Er hasste all die Snobs, all diese Gutmenschen, diese Typen, die mit selbstgerechtem Grinsen ihren Biofrass kauften, von dem sie sicher Dünnschiss bekamen. Als würde sich die Welt ändern, als würde das irgendwelche Großkonzerne davon abhalten diesen Planeten zu vergewaltigen. Er hatte eine äußerst zynische Sichtweise, das wusste er, doch er redete sich ein, dass er nun mal ein Realist sei und die Dinge so sehen würde, wie sie eben waren.
Wie er so da saß und sich fragte, ob er immer schon so ein negativer Wichser gewesen war, oder ob die schmerzhaften Ereignisse der letzten Jahre daran schuld waren, beschloss er, dass diese Marie so nicht davonkommen sollte. Auch wenn er sie attraktiv und faszinierend fand, war es doch so, rein objektiv betrachtet, dass sie sich ihm gegenüber komisch – um nicht zu sagen beschissen verhalten hatte. Er beschloss sie aufzusuchen.
Herr Zimmermann hatte das Mädchen mit der Vespa schon vom ersten Moment an bemerkt. Sie war damals zwei Stockwerke unter ihm eingezogen. Das war in dem Herbst in dem seine Frau ihn für immer verlassen hatte, der Herbst in dem er den Glauben verloren hatte. Der Krebs hatte sie zerfressen, hatte an ihr genagt, als sei sie bereits lange tot. Zuletzt hatte sie noch knapp über vierzig Kilo gewogen und ihr Verstand war von den Therapien und Schmerzmitteln derart vernebelt, dass sie nichts mehr wahrnahm. Er hatte es gehasst. Er hatte gehasst, dass er machtlos war und er hatte es gehasst, dass seine Frau starb und dass, ohne einen letzten klaren Gedanken fassen zu können. Die Vorstellung, dass seine Frau ging, ohne dass er sich von ihr auf eine Weise verabschieden konnte, bei der er sicher sein konnte, dass seine Worte bei ihr ankommen würden, das hatte ihn über Monate verfolgt.
