LoSt - Andi Rock - E-Book

LoSt E-Book

Andi Rock

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Beschreibung

Menschen verschwinden spurlos in Thailand - welche Rolle spielt ein mysteriöses Internetforum? Unternehmer Colati steht vor einem Rätsel. Sein durch Thailand reisender Sohn ist seit Wochen nicht mehr erreichbar. Er bittet Max Tillmann, der geschäftlich nach Bangkok fliegt, um Hilfe. Doch die Suche nach dem Filius gestaltet sich schwieriger als gedacht, denn niemand will etwas von seinem Verbleib wissen. Durch Zufall entdeckt der IT-Experte Spuren des Sohnes in einem Internetforum, dessen User nur aus einem Grund das Land bereisen. Max stößt dabei auf eine Gruppe deutscher Emigranten, die Restaurants und Nachtklubs im Herzen des Rotlichtmilieus betreiben. Er ahnt nicht, dass sie ein schreckliches Geheimnis umgibt. Seine Nachforschungen führen ihn immer tiefer in das schmutzige Sex-Gewerbe, bis er selbst ins Visier eines Mörders gerät, der nichts mehr zu verlieren hat. Mit dem ersten Teil des dreiteiligen Erotikthrillers #LoSt beginnt die atemberaubende Jagd nach einem Serienkiller, der in Thailands Hotspots sein Unwesen treibt.

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Seitenzahl: 719

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Inhaltsverzeichnis

PROLOG

KAPITEL 1 - PARADIES

KAPITEL 2 - TAYA

KAPITEL 3 - FLUCHT

KAPITEL 4 - COLATI PROJEKT

KAPITEL 5 - KARON BEACH

KAPITEL 6 - BANGKOK

KAPITEL 7 - MILLENNIUM

KAPITEL 8 - DIETMAR

KAPITEL 9 - PATONG BEACH

EPILOG

PROLOG

I LOVE ASIA – Das Forum unter www.i-love-asia.de

++++++++++++++++++++++++++++++++++++++KATEGORIE: REISEBERICHTE

Titel: Live aus dem Fleischtopf

++++++++++++++++++++++++++++++++++++++ASIATIGER – SENIOR – 14.06.2012 05:12 Uhr

Die Nacht werde ich so schnell nicht vergessen. Bin noch ganz aufgeregt. Habe gerade eine Alte aus meinem Bungalow geschmissen. Ohne Geld natürlich. Theoretisch zu mindestens. Jetzt bin ich erledigt und muss ausschlafen. Ich werde heute Abend die Einzelheiten berichten. Seid gespannt. Es wird dramatisch.

LIVEMYDREAM – EXPAT – 14.06.2012 05:17 Uhr

Was ist los bei dir? Hat die Chemie nicht gestimmt oder warum hast du sie entsorgt?

Bin schon gespannt auf deinen Bericht.

BIGDINGDONG – JUNIOR – 14.06.2012 05:18 Uhr

Erzähl deine Geschichte bitte rückwärts? LOL

HARZER-KÄSE – NEWBIE 14.06.2012 05:22 Uhr

Das verstehe ich nicht. Wieso soll er die Story rückwärts erzählen?

BIGDINGDONG – JUNIOR – 14.06.2012 05:25 Uhr

Im Schwäbischen gibt es diesen alten Witz:

Warum schauen Schwaben Pornos rückwärts an?

Weil sie es geil finden, wie die Nutte das Geld zurückgibt.

HARZER-KÄSE – NEWBIE – 14.06.2012 05:28 Uhr :-) LOL. Aber er hat sie doch ohne Geld verabschiedet.

BIGDINGDONG – JUNIOR – 14.06.2012 05:32 UhrNur theoretisch, was immer das heißen mag.

ASIATIGER – SENIOR – 14.06.2012 05:58 Uhr

Ihr seid ja schon ganz heiß auf meine Geschichte. Okay, dann fange ich schon mal an zu schreiben. Wegen des verdammten Kopfkinos kann ich sowieso nicht schlafen. Vielleicht beruhigt sich dann mein Puls.

Angefangen hat der Spaß heute Morgen nach drei Uhr. Die meisten Bars hatten schon geschlossen, die letzten sperrten gerade ab, aber ich war noch topfit und abenteuerlustig. Also bin ich auf dem Weg zurück zu meinem Bungalow durch die unzähligen kleinen Nebenstraßen geschlendert, die von der Hauptstraße zum Strand führen. Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, diese in der Nacht zu meiden, aber auch zu dieser späten, bzw. frühen Stunde, wirkten sie ruhig und friedlich. Der Heimweg erschien mir in dem Moment sogar sicherer, als die Route über die Hauptstraße, auf der nach dem Zapfenstreich bekanntermaßen seltsame Geschöpfe der Nacht auf unvorsichtige Betrunkene lauern. Okay, wenn ich ehrlich bin, spekulierte ich noch, eine entlegene Bar für einen letzten Schlummertrunk zu finden. Viel Hoffnung hatte ich allerdings nicht.

Ich lief die dunklen Straßen ab, als ich plötzlich ein schwaches Licht ganz am Ende einer dieser Gassen erkannte. Tatsächlich handelte es sich um eine Bar. Sie machte einen unspektakulären Eindruck und schien tatsächlich noch geöffnet zu haben. Meine Spürnase hatte mal wieder den richtigen Riecher gehabt.

Als ich den Laden betrat, erkannte ich nur einen Gast, der es sich im linken hinteren Eck in einer der Kuschelnischen bequem gemacht hatte. Eine junge Frau saß auf seinem Schoß und sie knutschen so intensiv miteinander, dass man sie für siamesische Zwillinge hätte halten können. Den Auswölbungen an den Wangen seiner Gespielin zufolge, hatte der Typ eine verspielte Elefantenzunge im Einsatz, die er wie eine Sonde für die Erforschung unbekannter Feuchtgebiete einsetzte. Die vollen Gläser auf ihrem Tisch machten mir berechtigte Hoffnung, nicht dehydriert ins Bett hüpfen zu müssen.

Ich schlenderte an der Theke vorbei, bestellte Whiskey-Cola und setzte mich in die rechte hintere Ecke, von wo aus ich den Innenraum im Blick hatte. Plötzlich wurde ein Vorhang zur Seite geschoben und im Durchgang zum hinteren Bereich erschien die Silhouette einer weiteren jungen Frau. Das schwache Kerzenlicht auf der Theke schadete ihrer Ausstrahlung nicht. Im Gegenteil, auch ohne ausreichend Licht erkannte ein Jäger wie ich den Zwölfender durch das Visier.

Es kam, wie es kommen musste. Die Kleine ging zur Theke, schnappte sich meinen Drink und brachte ihn zu mir. Lächelnd stellte sie ihn vor mir auf den Tisch. Im Lichtschein meiner Tischlampe konnte ich nun ihr Gesicht erkunden. Vom Alter her befand sie sich im attraktiven Niemandsland zwischen Ende zwanzig und Mitte dreißig und hatte untypisch für eine Asiatin üppige Kurven, das Produkt eines begabten Chirurgen, der etwas von Skalpell und Silikon verstand. Keine Ahnung, wie es euch geht, aber ich schätze die Kunstfertigkeit dieses Handwerks. (:-))

Sie ordnete meinen Blick richtig ein und fragte mich, ob ich allein trinken möchte. Dabei lenkte sie geschickt meine Aufmerksamkeit auf das knutschende Pärchen in der anderen Ecke. Mit diesem Kniff hatte sie die für die Entscheidung relevanten Teile meines Körpers unter der Tischplatte überzeugt. Auf mein mechanisches Nicken reagierend, zauberte sie sich eine Dose Singha Snowy Weizen aus dem Kühlschrank und kippte es stilecht in ein Weißbierglas. Jedes Tag konnte man in Thailand etwas Neues entdecken. Egal. Ich überspringe die langatmige Kennenlernphase und komme lieber direkt zum Bewerbungsgespräch.

Ein paar Minuten später saß sie auf meinem Schoss und züngelte an meinen Mandeln, wobei ich den dezenten Geschmack des Weißbieres in Verbindung mit einer dominanten Chili intensiv testen konnte. Das Chili war geil, die belgische Plörre könnt ihr vergessen.

Sie trug den vielversprechenden Namen Lekk und fühlte sich einfach fantastisch an. Als ich jedoch im Übermut meine Hände an der Innenseite ihrer Beine nach oben wandern ließ, presste sie die Oberschenkel fest zusammen und verhinderte erfolgreich die Erforschung ihres Sperrgebiets.

»Ey wond go wiss ju, Tilak«, flötete mir die Kleine nach dem zweiten Whiskey ins Ohr. Ihre Worte marschierten zu meinem Hirn, ohne auf Widerstand zu treffen. Eigentlich bin ich eher der verträumte Eroberer, aber hin und wieder reduzierte ich meine hohen moralischen Ansprüche auf einen zeitlich begrenzten, Baht-basierten Entspannungskontakt, für den ich mich Stunden zuvor am ATM an der Ecke monetär vorbereitet hatte.

Lange Rede, kurzer Sinn, Minuten später klebte Lekk an meiner Hand und von seltsamem Verlangen nach Seligkeit beherrscht, zog ich sie in die dunkle Nacht. Ohne weiteren romantischen Spaziergang in der in Kürze erwachenden Morgensonne liefen wir flotten Schrittes in den Dunstkreis meines Bungalows. Als ich die Tür aufsperrte, sah ich den Fehler sofort. Obwohl ich beim Verlassen der Anlage einen Zimmerservice bestellt hatte, offenbarte mein Kingsize Bett den gleichen chaotischen Zustand, wie es in meiner Erinnerung gespeichert war. Akkurat aufbereitet und einladend frisch sollte es sein, stattdessen war es von schwitzenden Leibern zerwühlt und duftete aromatisch nach den Ausdünstungen multikultureller Körpersäfte. Zu meiner Erleichterung erkannte ich auf Lekks Gesicht weder einen Anflug von Ekel noch Brechreiz, ihre Augen drückten lediglich eine verspielte Neugier aus.

»Was für ein Glück. Die Alte war ein Schmuddelhuhn.«

In meinem Energieüberschuss schmiss ich sie in die von menschlichen Leibern geformte Lakenlandschaft und hechtete mich an ihre Seite. Doch Lekk hob abwehrend die Arme vor ihren Körper.

»Go schauer, Tilak«, säuselte sie in mein Ohr und bremste meine schmutzige Begierde mit hygienischer Vernunft.

Sie hatte leider recht. In doppelter Geschwindigkeit betrat ich das Badezimmer und unterzog meinem Körper unter der Brause einer Wäsche, die sich wie eine rituelle Reinigung anfühlte. Aus meinem »Flor sauvage« Spender sorgte ich für ein aufregend, einladendes Bouquet an den schattigsten Stellen, die niemals dem Sonnenlicht ausgesetzt wurden. Außerdem putzte ich meine Zähne und reinigte den Mundraum sorgsam mit Listerine, was den letzten Rest vom Weißbier-Chili vertrieb.

Sorgsam gereinigt und trunken vor Leidenschaft wankte ich zurück in den Schlafraum, in dem Lekk sich in meiner Vorstellung quälend vor Entzückung auf dem Bett rekelte. Doch was war das? Im Bett lag sie wohl, ihre Vorfreude hörte sich irgendwie seltsam vertraut an. Wenn ich es nicht besser wissen würde, dann konnte man ihre zarten Balzgeräusche für ordinäres Schnarchen halten.

Ich betrachtete sie einige Sekunden, dann hatte ich Gewissheit. Die Kleine zerlegte gerade einen südostasiatischen Bambushain mit einer Intensität, die zwangsweise Greenpeace-Aktivisten auf den Plan rufen musste.

Und nun?

Für eine Sekunde war ich schockiert und lief zurück ins Badezimmer, nur, damit ich nicht so hilflos blöde vor dem Bett stand. Ich blickte ratlos in den Spiegel. Was konnte ich tun? Ich atmete tief durch, spielte alle denkbaren »was, wäre, wenn« Szenarien durch. Ich ahnte nicht, dass das eigentliche Drama erst jetzt begann …

Ich bin müde. Jungs. Ich mache eine Pause und erzähle heute Abend weiter.

BIGDINGDONG – JUNIOR – 14.06.2012 06:00 Uhr

Du kannst unmöglich hier Pause machen. Wir wollen auch den Rest lesen. Jetzt!!!

LIVEMYDREAM – EXPAT – 14.06.2012 06:00 Uhr DU KANNST DOCH JETZT NICHT UNTERBRECHEN.

HARZER-KÄSE – NEWBIE – 14.06.2012 06:01 Uhr

Cliffhanger gehen überhaupt nicht. Das ist total uncool. Erst scharfmachen und dann pennen gehen. Wir wollen wissen, wie es mit dem Schmuddelhuhn weiter geht.

ASIATIGER – SENIOR – 14.06.2012 06:12 Uhr

Okay, aber ich fasse mich kurz. Draußen wird es hell.

… ich hatte einen Entschluss gefasst. So verdient der Schlaf der süßen Lekk bestimmt war, so abtörnend waren ihre Ratzgeräusche, die sie ungeniert von sich gab. Ich war fest entschlossen, ihrer Erholungsphase jetzt und hier ein Ende zu bereiten. Der Motor meiner Gastfreundschaft bestand nur aus einem einzigen Antrieb.

Ich betrat erneut den Schlafraum, der nach wie vor erfüllt war von Amore und Motorsäge. Lekk hatte der freien Betthälfte ihre Rücken zugewandt und ich legte mir hinter sie. Ohne zu zögern, schlang ich meinen Arm um sie und begann die mir abgewandte Seite zu bearbeiten. Ich hatte einen Plan A und einen Plan B. Plan A bestand in seinen Grundzügen in der Reaktivierung der süßen Lekk mit anschließender Verführung. Plan B war weniger auf Mitarbeit ausgelegt. Wenn die Kleine zu erschöpft für ein aktives Liebesspiel war, dann wollte ich ihr wenigstens einen süßen Traum verschaffen.

Da Lekk vollständig bekleidet im Bett lag, begann ich, sie Stück um Stück ihrer Arbeitskleidung zu entlasten, was von ihr wenig aktiv gefördert wurde. Dennoch gelang es mir, ihr T-Shirt zu entfernen und ihren schwarzen Lederminirock nach unten zu streifen. Einen BH trug sie nicht und ich genoss für einen Moment den konträren Anblick ihrer steil abstehenden Nippel auf meinem versifften Bett. Als ich mich zu ihrem Slip vorarbeitete, stieß ich aber auf unerwartete Gegenwehr. Ihr Körper stäubte sich sogar im Tiefschlaf gegen die unvermeidliche Enthüllung und ihre lieblichen Schnarchgeräusche wichen einem gequengelten Gezeter. Dennoch gelang es mir, ihren Slip zuerst mit den Knien und danach mit ihren Fußknöcheln bekannt zu machen. Geschickt erwies ich mich als Entkleidungskünstler, der auch ohne große Mitwirkung effizient zu agieren wusste.

Als sie völlig blank vor mir lag, spürte ich zum ersten Mal die Genugtuung, die man empfindet, wenn man in der Rolle des Mentors einem Schützling den rechten Weg weist. So nah dem Ziel wie noch nie fuhr meine Hand erneut in Richtung Süden, worauf Lekk überraschend ihre Knie nach oben zur Brust zog, sodass ich ihren Goldschatz nicht erfühlen konnte. Dieses Manöver hatte ich vorhergesehen, insgeheim sogar erhofft, offenbarte es mir dadurch ihr pralles Hinterteil, das sich mir jetzt lüstern entgegenstreckte.

Grinsend zog ich mir den Michelin über und drängte mich von hinten an sie. Lekk erkannte mein cleveres Manöver und zog reflexartig ihren prächtigen Arsch ein, was im Gegenzug meiner Hand Zugriff auf ihr Sperrgebiet ermöglichte. Doch was war das?

Feinfühlig wie ich war, erkannte ich Unstimmigkeiten. Dort, wo ich ihren Goldschatz vermutete, ertastete ich überraschend Kronjuwelen. Als ich dann plötzlich das Zepter in der Hand hielt, wich meine Geilheit einer befremdlichen Verwunderung. Man konnte es drehen und wenden, wie man wollte, dies war eindeutig eine Flöte zwischen meinen Fingern. Beschämt stelle ich fest, dass die Größenvorteile wortwörtlich in meiner Hand lagen und nicht zwischen meinen Beinen. Die Olle hatte einen Riesendödel.

Meine Hand schnellte zurück, als hätte sie in glühende Kohlen gegriffen, begleitet von einem Schrei, der mein verwirrtes Entsetzen in Töne packte. Mein erhitzter Körper wurde von einem Anflug von Bodenfrost erfasst. Ich sprang auf und stürmte fluchtartig zurück in die offenen Arme des Badezimmers.

Erneut betrachtete ich mich im Spiegel, diesmal erheblich aufgewühlter. Was sollte ich jetzt tun? Meine Ressentiments gegenüber gleichgeschlechtlichen Beischläfer waren real und ließen sich nicht ignorieren. Ich brauchte eine Erleuchtung, aber als ich mein Spiegelbild betrachtete, fragte ich mich, wo diese denn herkommen sollte.

»In die Grube gefallen«, brachte ich es nach einigen Sekunden nüchterner Analyse auf den Punkt. Die Frage war nur, wie konnte ich diese Falle wieder verlassen. Wollte ich neben dieser Person zweifelhaften Geschlechts schlafen und womöglich nüchtern werden? Die Antwort war ein klares »Nein«. Ich musste diese Situation, in die ich hinterlistig gebracht wurde, so schnell wie möglich auflösen. Was ich in diesem Moment nicht ahnte, dieser Entschluss änderte drastisch die Grundstimmung in meinem Bungalow.

Aber dazu später mehr. Ich brauche Schlaf. Mir fallen die Augen zu. Ihr müsst euch bis zum Abend gedulden.

HARZER-KÄSE – NEWBIE – 14.06.2012 06:24 Uhr

Bist du wahnsinnig, jetzt aufzuhören. Im spannendsten Moment.

BIGDINGDONG – JUNIOR – 14.06.2012 06:25 Uhr

Das kannst du uns nicht antun. Drink einen Kaffee und bring es zum Abschluss.

ASIATIGER – SENIOR – 14.06.2012 06:34 Uhr

Ihr nervt wirklich, hätte ich bloß nicht damit angefangen. Also gut, dann stelle ich es für euch fertig. Aber nur noch im Schnellverfahren.

Wo war ich? Ach, ja. Ich ging zurück ins Zimmer und machte dem Ladyboy klar, dass seine Anwesenheit nicht länger erwünscht war. Er ignorierte mich und schnarchte streitlustig weiter, was ich nun eindeutig als Provokation empfand. Auch Rütteln und Anstupsen änderte nichts an seiner Haltung. Er war offensichtlich fest entschlossen, sich keinen Zentimeter aus dem versifften Nest zu bewegen.

Ich habe im Forum schon genug über ähnliche Fälle gelesen, um zu wissen, dass die Situation nicht ungefährlich war. Von daher war ich fest entschlossen, sie sofort zu beenden. Ich sammelte die Klamotten des Ladyboys zusammen, die ich ihm mühevoll abgerungen hatte, und startete die entgegengesetzte Prozedur. Stück um Stück kleidete ich den erschlafft daliegenden Körper wieder an, was wesentlich mehr Mühe als umgekehrt bereitete.

Aber auch vollständig angezogen reagierte er nicht auf meine Ansprachen. Er hatte keinen Sinn, der Ladyboy rührte sich aus freien Stücken nicht vom Fleck. Ich beschloss, zum letzten Mittel zu greifen. Ich nahm seine Handtasche, packte sein Handy und alle losen Teile hinein, schnappte mir seine Sandalen, öffnete die Tür und legte die Habseligkeiten auf die Bungalowterrasse. Dann ging ich zurück zum Bett, nahm ihn auf den Arm und trug ihn vor die Tür. Dort setzte ich ihn neben seinem Kram auf den Boden. Mit einem Schlag wurde der bis dahin Bewusstlose munter. Er öffnete die Augen und äußerte seinen Unmut.

»You must go«, sagte ich entschlossen und deutete auf den Weg, der zurück zur Straße führte. Dann drehte ich mich um und schloss die Tür. In dem Moment schätze ich die Chancen, es überstanden zu haben, auf etwa fifty-fifty ein.

Ein lautes Hämmern gegen die Tür veränderte die Variablen meine Hochrechnung. Begleitet von lautem Geschrei, das nicht mehr an das liebliche Gesäusel in der Nacht erinnerte, wehrte sich Lekk gegen seine vorzeitige Entlassung in die Freiheit. Plötzlich klang es wie ein vor Wut schnaubendes Mannweib.

Was sollte ich tun? Lange konnte ich es nicht ignorieren. Der Lärm war so groß, dass er bestimmt in allen Bungalows der Anlage zu hören war. Es konnte sich nur noch um Sekunden handeln, bis sich neugierige, verärgerte Nachbarn zeigten. Ich öffnete die Tür und blickte in das wutverzerrte Gesicht von Lekk, oder wie immer ihr Name war.

»Okay, ei go, batt ju giff mi manni.«

Klar, die Olle wollte die Situation ausnützen und Geld kassieren.

»Money? For what?«

Plötzlich schrie sie wieder los. »Ju pay mi. Giff mi manni.«

Eigentlich wusste ich nicht, wofür ich bezahlen sollte, außer dafür, dass ich so blöd gewesen war, mich hereinlegen zu lassen. Das Licht im Bungalow daneben leuchtete auf und ich bekam Panik. »Okay, I pay you. Wait here.«

Ich schloss die Tür, ging zu meinem Safe und zog 500 Baht hervor. Doch ich hatte die Rechnung ohne Lekk gemacht. Sie schrie sofort wieder los, als sie erkannte, dass es sich nur um einen Schein handelte, und verwünschte mich auf Thai-Englisch mit allem, was ihre kombinierten Sprachkenntnisse hergaben.

»Okay, wait here«, gab ich verzweifelt nach. Mittlerweile wollte ich nur noch Ruhe haben.

Ich holte einen weiteren Schein und erhöhte damit Lekks Salär auf 1000 Baht, der Standardpreis für eine Nacht voller Amore. Doch Lekk hatte meine Notlage erkannt und die Gier übernahm bei ihr das Kommando.

»Ei wont 5000 Baht«, schrie sie hysterisch.

»5000?!?«, entfuhr es mir viel zu laut. »You are crazy.«

»Yes, 5000«, schrie sie jetzt wie am Spieß, doch damit hatte sie das Rad überdreht. Ich hatte nicht vor, mich von einem Ladyboy über Gebühr abzocken zu lassen, und blieb hart.

»No. 1000 Baht enough for nothing.«

Lekk stürzte sich auf mich und stach mir ihre langen, falschen Fingernägel in die Brust. Jetzt hatte ich eindeutig genug von diesem verkleideten Jungen. Ich holte aus und feuerte ihm eine schallende Ohrfeige gegen das rechte Ohr. Er stürzte nach hinten, fiel auf seinen Popo und starrte mich überrascht und voller Zorn an.

»Go away«, zischte ich mit allem Groll, den ich aufbringen konnte. Dann drehte ich mich um, schloss die Tür und verriegelte sie von innen.

Würde sich Lekk jetzt trollen? Für eine Sekunde hatte ich Hoffnung, doch dann begann erneut das Trommeln gegen meine Tür, begleitet von aggressiven Schreien, diesmal in thailändischer Sprache und nahe der Raserei. Nur vereinzelt konnte ich englische Bruchstücke erkennen.

»Ei wont manni …«

»Mei frend boxing män …«

»Ei kamm bäck boxing män …«

»Ei kill ju …«

Plötzlich nahm ich vereinzelt Schreie wahr, deren Ursprung ich auf verschiedene Stellen aus der Anlage lokalisierte. Ich spickte aus dem Fenster neben der Tür. Lekks Raserei hatte das ganze Resort aufgeweckt, die Gäste wehrten sich und forderten umgehend Ruhe. Ich erkannte mehrere Personen auf den Wegen und was mir noch vor fünf Minuten peinlich war, fühlte sich jetzt wie eine Erleichterung an. Lekk verstummte, als sie die aufgebrachten Menschen wahrnahm. Sie beugte sich zur Tür und zischte durch den Spalt. »Ei kamm bäck.« Dann drehte sie sich um und lief davon.

Die aufgebrachte Menschenmenge löste sich auf. Ich beobachtete noch einige Minuten den Zugang vom Fenster aus, aber es blieb ruhig. Ich hatte die Situation überstanden, wenn auch mit einigen blauen Flecken auf meinem Körper und natürlich meiner geschändeten Seele.

Und das war es jetzt.

HARZER-KÄSE – NEWBIE – 14.06.2012 06:48 Uhr

Was für eine Hammergeschichte. Und das ist gerade eben passiert?

ASIATIGER – SENIOR – 14.06.2012 06:49 Uhr

Ja, gerade eben, vor einer Stunde. Im Nachhinein muss ich sogar schmunzeln.

LIVEMYDREAM – EXPAT – 14.06.2012 06:50 Uhr

Da hast du großes Glück gehabt, dass die Nachbarn gekommen sind. Das hätte übel ausgehen können. Pass nächstes Mal besser auf, wenn du in eine schummrige Bar einer Seitenstraße gehst.

HARZER-KÄSE – NEWBIE – 14.06.2012 06:51 Uhr

Hast du keine Angst wegen der Boxing Men? Also ich hätte da Bammel.

ASIATIGER – SENIOR – 14.06.2012 06:51 Uhr

Ach, das ist doch nur Gerede, um an mein Geld zu kommen. Außerdem muss ich heute Nachmittag sowieso die Unterkunft wechseln. Ich vermute, dass Hotel wird mich zum Auschecken auffordern. Nach dem Theater heute Morgen will ich da auch nicht mehr bleiben. Mein ganzer guter Ruf ist zerstört. LOL.

Hey, was ist das. Es klopft an der Tür. Hätte gedacht, dass die mich wenigstens noch ausschlafen lassen.

Moment Jungs, ich wimmele sie schnell ab.

BIGDINGDONG – JUNIOR – 14.06.2012 06:53 Uhr

Geh besser nicht an die Tür. Wer weiß, wer da klopft.

LIVEMYDREAM – EXPAT – 14.06.2012 07:03 Uhr

Was ist los? Wer war an der Tür? Melde dich.

HARZER-KÄSE – NEWBIE – 14.06.2012 07:34 Uhr

Hey Leute, ASIATIGER meldet sich nicht mehr. Vielleicht sind die Boxing Men gekommen.

BIGDINGDONG – JUNIOR – 14.06.2012 07:58 Uhr

Wahrscheinlich haben sie ihn aus dem Hotel verbannt.

LIVEMYDREAM – EXPAT – 14.06.2012 09:01 Uhr

Was ist los? Gib uns einen Update.

TREUE-SEELE – SENIOR – 14.06.2012 11:27 Uhr

Hey ASIATIGER. Wo bist du? Keinen Bock mehr zu schreiben. Habe gerne mitgelesen.

MYWAY – SENIOR – 14.06.2012 18:45 Uhr

Wahrscheinlich war ASIATIGER nur einer dieser Wichtigtuer, der uns irgendeine Geschichte aufgetischt hat. In Wahrheit sitzt er mit Frau und Kindern am Pool. Echt lächerlich.

LIVEMYDREAM – EXPAT – 15.06.2012 03:50 Uhr

ASIATIGER???? … Melde dich doch.

++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++

KAPITEL 1 - PARADIES

Samstag, 27. Juli 1985

»Das Paradies befindet sich auf Erden und es ist nicht mal weit dahin.« Thomas lächelte über seinen Wortwitz, als er die Obere Laube überquerte und den Lutherplatz betrat. Oder war es doch die Untere Laube? Thomas wusste es nicht genau. Irgendwo an dieser Stelle befand sich der fließende Übergang der beiden Straßen. Kurioserweise nannte man den südlichen Teil Obere Laube. Sie führte zur Schweizer Grenze, während die Untere Laube nach Norden in Richtung Rheinsteig verlief. Komisch, dass ihm das noch nie vorher aufgefallen war.

Er überquerte den Lutherplatz in Richtung Gottlieber Straße. Es war ein traumhafter Sommertag in der letzten Juliwoche des Jahres und Thomas lief links um die Kirche herum, da sie auf der Südseite noch keinen Schatten warf. Die ersten Sonnenstrahlen des frühen Tages waren herrlich, schon in zwei Stunden würde an dieser Stelle eine drückende Hitze herrschen. Aber das mochte er gerne. Er liebte die Sonne und er hoffte, eines Tages irgendwo zu leben, wo das ganze Jahr über Sommer war. Es war eine Art Lebensziel und Thomas hatte in seinem Notizbuch eine einfache Rechnung dafür aufgestellt. Drei Millionen Mark auf dem Konto war die Benchmark, dann er konnte sein Leben auf der Sonnenseite führen, wo immer sich dieser imaginäre Ort dann befinden würde.

»Dazu fehlen mir nur noch drei Millionen«, schmunzelte Thomas, als er über den Platz lief.

Er hatte noch nichts von der Welt gesehen und bisher sein ganzes Leben in Konstanz verbracht, trotzdem träumte er wie jeder Zwanzigjährige, von einer sorgenfreien Zukunft auf einem eigenen, schönen Fleckchen Land.

Westlich der Altstadt erreichte er den Stadtteil Paradies, benannt nach einem Nonnenkloster, das sich an dieser Stelle im 12. Jahrhundert angesiedelt hatte. Das Kloster hielt sich nicht lange in Konstanz und wurde schon wenige Jahre später wieder aufgelöst, doch der Name überdauerte die Jahrhunderte. Die Frage nach ihrem Wohnsitz beantworten die Bewohner noch heute mit einem Schmunzeln: »Wir leben im Paradies.«

Nach etwa zweihundert Metern bog Thomas links in die Schulthaißstraße ab. Hier wohnte sein Freund Fred mit seinen Eltern und seinem Bruder. Fred hieß richtigerweise Alfred, aber das klang ihm zu altmodisch. Fred dagegen war ein kurzer, hipper Name, den man gelegentlich zu Freddy aufpeppen konnte.

Thomas traf Fred jeden Samstagmorgen nach Sonnenaufgang, um gemeinsam auf den Bodensee zu fahren. Freds Vater besaß ein motorisiertes Kleinboot, das am Bootssteg lag und Fred hatte die Erlaubnis, es zu benutzen. Diese Freiheit nutzten sie im Sommer seit Jahren reichlich aus. Das Boot war nichts Besonderes, aber vier Personen hatten darauf bequem Platz und man durfte es ohne Führerschein fahren. Der kleine Außenbordmotor beschleunigte es auf beeindruckende fünfunddreißig Kilometer in der Stunde.

Für Fred und Thomas war es ideal. Sie fuhren meistens an eine ruhige Stelle oberhalb vom Hörnle, wie Einheimische das Strandbad Horn liebevoll nannten. Dort badeten sie, sonnten sich und träumten von einer goldenen Zukunft.

Thomas und Fred waren seit der Kindheit miteinander befreundet. Sie besuchten dieselbe Grundschule, wechselten gemeinsam auf das Gymnasium und machten sogar ihr Abitur zusammen. Fred wollte im Anschluss studieren gehen, aber er konnte sich nicht so richtig entscheiden, was seinen Neigungen entsprach. Sein Vater schlug vor, dass er Medizin studieren solle, aber Fred konnte sich damit nicht anfreunden. Mit Verletzungen, Blut und Leid konnte er nicht gut umgehen. Er präferierte stattdessen eher ein technisches Studium, aber eine endgültige Entscheidung hatte er noch nicht getroffen. Seit letztem Sommer jobbte er gelegentlich und informierte sich an diversen Hochschulen über verschiedene Studiengänge. Seine Eltern und sein älterer Bruder Winfried lagen ihm diesbezüglich fast täglich in den Ohren, aber Fred nahm sich Zeit.

Thomas dagegen begann im letzten Jahr eine Lehre zum Hotelfachmann. Er ergatterte einen der begehrten Ausbildungsplätze im renommierten Hotel Am Seeufer und hatte gerade sein erstes Lehrjahr beendet. Nach der Ausbildung wollte er im väterlichen Gasthausbetrieb einsteigen und Berufserfahrungen an verantwortlicher Stelle sammeln.

Ob das auf Dauer gut ging, war sich Thomas allerdings nicht so sicher. Sein Verhältnis zu seinem Vater war angespannt und immer wieder kam es zu Konflikten. Seine Mutter war schon früh verstorben, Thomas war gerade acht Jahre alt und seinem Vater fiel es schwer, sich neben dem anstrengenden Gasthausbetrieb noch um einen heranwachsenden Sohn zu kümmern. Er war eigentlich immer gereizt, und wenn es ihm zu viel wurde, reagierte er sich bevorzugt auf dem Hinterteil seines Sohnes ab. Irgendwann ertrug er die Doppelbelastung nicht mehr und er suchte sich eine neue Frau. Er fand sie in einer Bedienung namens Agnes, die am Wochenende im Gasthaus aushalf. Als Thomas zwölf Jahre alt war, heirateten die beiden.

Das Leben wurde für Thomas dadurch nicht einfacher. Agnes war sich bewusst, dass der Betrieb eines Tages an Thomas gehen würde und diese Aussicht machte sie krankhaft eifersüchtig. Eine Zeit lang versuchte sie, selbst schwanger zu werden, was aber misslang.

Sie begegnete Thomas mit Misstrauen, was sich auch auf seinen Vater übertrug. Der alte Herr hatte stets ein waches und übersensibles Auge auf seinen Sohn und regelte jede Verfehlung mit dem Gürtel. Die Züchtigung endete zwar zu seinem achtzehnten Lebensjahr, ihr Verhältnis blieb dank Agnes weiterhin angespannt. Trotzdem hatte Thomas die Hoffnung, nach seiner Lehre in den Betrieb einzusteigen. Wenn er erst mal vollwertig mitarbeitete, würde sich das Verhältnis zu seinem Vater bestimmt normalisieren.

Thomas und Fred hatten beide keine Freundin und verbrachten ihre freie Zeit meistens zusammen. Die Samstage fuhren sie bei gutem Wetter auf dem See. Sie starteten immer in der Früh und blieben bis zum Nachmittag auf dem Wasser. Das Boot lag an der Außenmole, die man über die Hafenstraße erreichte und deren nördlichster Zipfel bis zum historischen Zollhaus in der Altstadt reichte, nahe dem Konzil. Von Freds Wohnung aus war das Boot zu Fuß in zehn Minuten erreichbar. Nahe genug, um eine Kühltasche mit Snacks und Getränken mitzunehmen.

»Hast du morgen Zeit«, fragte Fred. »Es soll wieder heiß werden und wir könnten noch mal schwimmen gehen.« Er fragte immer, dabei kannte er die Antwort.

»Morgen geht es leider nicht«, antwortete Thomas. »Morgen ist Sonntag, einige Gäste reisen am Vormittag ab und dafür kommen am Nachmittag Neuankömmlinge ins Haus. Da gibt es immer viel zu tun. Zudem haben wir sonntags beim Mittagstisch immer brechend voll, da muss ich im Gasthof helfen, sonst rastet mein Vater aus.«

Thomas verschwieg sein Eigeninteresse, weshalb er am Sonntag nie ausging. An diesem Tag lag die meiste Arbeit an und in seinem Lebensplan war dies eine gute Gelegenheit, seinem Vater zu zeigen, dass er sich auf ihn verlassen konnte. Insgeheim dachte er schon ein bisschen wie der zukünftige Inhaber und sonntags lernte er am meisten dazu.

»Aber was weiß ein arbeitsloser Schulabgänger wie du schon vom Berufsleben«, frotzelte Thomas seinen Freund.

»Ich weiß alles, was ich wissen muss«, lachte Fred zurück.»Du bist ein gutes Negativbeispiel.«

Sonntag, 28. Juli 1985

Tatsächlich reiste an diesem Tag nur eine einzige Familie ab und ein neuer Gast übernahm das freigewordene Zimmer. Er hatte sich auf siebzehn Uhr angekündigt, ausreichend Zeit das Zimmer vorzubereiten. Anreisende waren in der Regel hungrig, vermutlich wollte der neue Gast noch zu Abend essen. Ihr Gasthaus bot am Sonntag bis zweiundzwanzig Uhr warme Küche an, von daher stellte sie die späte Anreise vor kein Problem. Am Sonntagabend zählte das Gasthaus nie viele Besucher, im Gegensatz zur Mittagszeit, wo es bis in die späten Nachmittagsstunden hinein brechend voll werden konnte. Glücklicherweise spürten sie in Konstanz keine größeren saisonalen Schwankungen. Die Stadt war dank der Anziehungskraft des Bodensees auch außerhalb der Hauptferienzeit ein attraktives Reiseziel und ihr kleiner Betrieb war in allen Jahreszeiten gut ausgelastet. Der Gasthof arbeitete saisonunabhängig profitabel, was regelmäßige Sonntagsarbeit für Thomas bedeutete.

Thomas und Fred verabredeten sich erst wieder für den kommenden Samstag, die Wetterlage sah in der Vorhersage weiterhin gut aus und das momentane Hoch schien stabil über Süddeutschland zu verweilen. Fred war Absagen schon gewohnt und nahm es ohne Protest hin.

Der neue Gast kam gegen Abend an. Es war ein junger Mann, Ende zwanzig, der auffällig gut gekleidet war. Er trug eine schwarze Hose, ein graues Sakko, dazu ein hellblaues Hemd, nur die Krawatte fehlte. Er erinnerte Thomas an einen Versicherungsvertreter. Er war sehr höflich bei der Anmeldung und füllte das Anmeldeformular sorgfältig aus. Thomas wunderte sich nur kurz, als der Mann bei der Spalte mit dem Geburtsort verstohlen zu seinem Reisepass spickte und erst danach als Ort Frankfurt eintrug.

»Das sollte eigentlich nicht so schwer zu merken sein«, dachte Thomas belustigt und unterdrückte ein Grinsen.

Der Gast hatte zwei große Taschen bei sich und eine Umhängetasche, die er über der Schulter trug. Thomas wollte beim Tragen helfen, aber der Mann lehnte das Angebot ab.

»Ihr Auto können sie im Hof parken«, erklärte er ihm.

»Ich bin nicht mit dem Auto gekommen«, antwortete der Fremde kurz angebunden.

»Komisch«, dachte Thomas. Ein Taxi hatte er nicht wahrgenommen und für den Fußweg vom Bahnhof zum Gasthof, war es ganz schön viel Gepäck. Aber das musste ja nicht seine Sorge sein. Der Gast nahm den Schlüssel entgegen und lief die Treppe nach oben zu seinem Zimmer. Thomas schaute sich den Anmeldebogen an. Der Name des Gastes war Hannes Schmidt.

Seit dem vergangenen Sommer besaß Thomas ein eigenes Auto. Sein Vater hatte es ihm zum erfolgreichen Abitur ge- kauft und natürlich als Belohnung für seine vielen Wochenendeinsätze im Gasthaus. Der alte Herr hatte zwar einen schwierigen Charakter, aber zuverlässige Arbeit schätzte er durchaus und dies war auch das einzige Thema, bei dem Thomas ihm manchmal näher kam. Ein auf Superschnäppchen spezialisierter zwielichtiger Händler überredete seinen Vater zum Kauf eines dunkelgrünen Fiat 128 aus dem Baujahr 1973. Für eine positive Kaufentscheidung stattete er den Wagen zusätzlich mit einem kleinen Autoradio inklusive Kassettenspieler aus. Sein Vater hatte entweder keine Ahnung von Automobilen oder einen merkwürdigen Sinn für Humor, aber Thomas ging von Ersterem aus.

Dass es anders ging, bewies Freds Vater. Er kaufte seinem Sohn einen neuen VW Golf, auf den Thomas immer neidisch blickte, vor allem dann, wenn mal wieder Wasserdampf aus der Motorhaube seines kleinen Italieners aufstieg. Sein Viertürer hielt allerhand Überraschungen unter der Haube parat und Thomas merkte schnell, dass es von Vorteil war, immer einen Kanister Kühlwasser im Kofferraum mitzuführen. Gefühlt verbrauchte sein Turiner Freund auf einhundert Kilometer so viel Wasser wie Superbenzin, was natürlich maßlos übertrieben war. Aber schon mehrfach musste Thomas anhalten und den dampfenden Kühler mit Frischwasser versorgen, da sich das alte Kühlmittel in Rauch aufgelöst hatte.

Als weitere Herausforderung verfügte der Wagen über eine Gangschaltung, die man ohne entsprechende Übung kaum beherrschen konnte. Nur wenn man den Trick kannte, gelang es, den Rückwärtsgang zu finden. Dazu musste man den Hebel stark nach unten drücken, erst dann konnte man die richtige Position erreichen, aber auch nur, wenn der Schaltvorgang exakt ausgeführt wurde.

Thomas kannte niemand anderen, der seinen Fiat auf Anhieb fahren konnte. Sein Vater gab nach einigen Versuchen fluchend auf und auch Thomas selbst verzweifelte hin und wieder daran. Fred munterte ihn mit der Tatsache auf, dass dieses Auto ganz bestimmt nie jemand stehlen würde. Er ahnte nicht, dass er Thomas damit eigentlich deprimierte.

Montag, 29. Juli 1985

Die Woche begann früh, denn Thomas hatte Berufsschule. Eigentlich fand im Sommer kein regulärer Schulunterricht statt, aber Thomas belegte einige Lehrgänge zum Thema Hotelmanagement, wofür ihn sein Arbeitgeber dankenswerter Weise freistellte. Lernwillige Angestellte fanden im Hotel »Am Seeufer« immer ein offenes Ohr und Thomas nutzte die Möglichkeit zur Weiterbildung. Allerdings musste er dazu weit fahren, denn die Landesberufsschule für das Hotel- und Gaststättengewerbe befand sich im fünfunddreißig Kilometer entfernten Tettnang. Für diesen kürzesten Weg musste er die Autofähre von Konstanz nach Meersburg nehmen, auf dem Landweg wäre die Fahrt um ein Vielfaches länger ausgefallen. Aber auch so war er fast neunzig Minuten unterwegs, bis er an der Schule ankam.

Thomas biss in den sauren Apfel, denn im Umkreis bot nur diese Bildungseinrichtung die notwendigen Zusatzqualifikationen an, die es zum Berufsbild Hotelfachmann gab. Aus dem Grund nahm er die Fahrt gerne auf sich, zumal sie nur alle zwei Wochen nötig war. Allerdings begann sein Montag dadurch schon um sechs Uhr in der Früh. Da der Unterricht um acht Uhr startete, hatte Thomas wenig Zeit für Duschen und Frühstücken. Meistens nahm er nur ein Brötchen aus dem Korb, der eigentlich für die Gäste vorgesehen war, und belegte es mit Wurst. Am liebsten mochte er Leberkäse, aber an diesem Montag musste er sich mit Salami zufriedengeben, da Agnes noch nicht zum Einkaufen gekommen war.

Er schlang sein Brötchen auf dem Weg zur Anlegestelle hinunter, die sich im fünf Kilometer entfernten Stadtteil Staad befand. Wenn er nicht bummelte, erreichte er die sechs Uhr fünfunddreißig Fähre, bei großem Andrang musste er zwangsweise auf die sechs Uhr fünfzig Überfahrt ausweichen. Fünfzehn Minuten dauerte die Fahrt von Ufer zu Ufer. Die Fahrkosten beliefen sich auf vierzehn Mark fünfzig und wurden glücklicherweise von seinem Arbeitgeber bezuschusst. Als Gegenleistung für die Freistellung und finanzielle Unterstützung half Thomas hin und wieder nach Dienstschluss im Hotel aus, wenn Not am Mann war.

An diesem Montag war Thomas spät dran, sodass er die erste Fähre nicht mehr erreichen konnte. »Dann muss mein grüner Blitz eben auf der Straße die Zeit wieder hereinfahren« ren«, dachte Thomas mit einem Schmunzeln an sein sensibles Fahrzeug. Wenn er ehrlich war, atmete er immer tief durch, nachdem er sein Ziel ohne Kühlwassernachfüllen, Schieben oder gar dem Pannendienst erreicht hatte.

Auf dem Weg zu seinem Auto sah er Hannes Schmidt an der Ausfahrt stehen. So wie es aussah, war der Neuankömmling fremd in der Stadt, denn er studierte eine Straßenkarte. Thomas fragte ihn, ob er ihm behilflich sein konnte.

»Ich möchte nach Friedrichshafen zum Flughafen. Kannst du mir den besten Weg zeigen?«

»Sie müssen hier übersetzen …« Thomas zeigte ihm den Weg auf der Karte.

»Du kannst ruhig du sagen, so viel älter bin ich auch nicht. Ich heiße Hannes, aber Freunde nennen mich Hans.«

»Gerne«, sagte Thomas, der sich wieder über die Karte beugte. Da hatte er eine Idee.

»Wenn du willst, kann ich dich mitnehmen. Ich fahre nach Tettnang und komme direkt am Flughafen vorbei.«

»Das wäre super.«

Thomas musterte ihn. Hans mühte sich ein freundliches Lächeln ab, aber sein Blick strahlte etwas Unergründliches aus. Die stieren Augen verursachten vermutlich ungewollt ein beklemmendes Gefühl und erinnerten Thomas an einen Adler beim Beuteflug. Er konnte nicht genau sagen, was es war, aber er hatte sofort den Eindruck, dass Hans nicht nur die Sonnenseite des Lebens genoss.

Sie stiegen ein und fuhren los. Wie Thomas vorausgesehen hatte, hatte die Fähre kurz vor ihrem Eintreffen abgelegt. Sie warteten ein paar Minuten, dann kam auch schon die nächste Fähre und Thomas fuhr mit seinem klapprigen Fiat auf die dafür vorgesehene Abstellfläche.

Bis sie ihre Parkposition erreicht hatten, blieb Hans verstummt, aber das änderte sich auf dem Boot. Er fragte Thomas alles Mögliche über die Fährverbindungen, speziell wollte er wissen, wie man in die Schweiz übersetzen konnte und wie dies kontrolliert wurde. Thomas beantwortete alles, so gut er konnte, wunderte sich aber schon etwas darüber.

»Weißt du, ich würde gerne mal auf die Schweizer Seite, aber ich kann nicht die offiziellen Übergänge nehmen. Man hat mich im Frühjahr bei Bern auf der Autobahn geblitzt und einen saftigen Strafzettel ausgestellt, den ich aber nicht bezahlt habe. Wenn die mich jetzt an der Grenze kontrollieren, wird es teuer.« Er lachte dabei und Thomas musste mitlachen. Ja, die Schweizer waren hartnäckig, sie vergaßen Verfehlungen nicht so schnell. Thomas verstand das gut.

»Hast du eine Idee, wie man unkontrolliert in die Schweiz kommen kann?«

»Ist eigentlich nicht schwer«, meinte Thomas. »Man muss nur mit einem Boot irgendwo übersetzen, die Ufer werden schließlich nicht bewacht. Wir sind ja nicht in der DDR.«

Jetzt lachte Thomas zuerst, aber Hans stimmte nur halbherzig mit ein.

»So etwas geht?«

»Klar. Habe ich mit meinem Kumpel Fred schon oft gemacht«, ergänzte Thomas und weckte damit Interesse.

»Hast du ein Boot?«

»Ich nicht, aber Fred. Wir fahren damit oft raus auf den See«, brüstete er sich.

»Da wäre ich gerne mal dabei …«

»Das lässt sich bestimmt einrichten, das Boot gehört Freds Vater und wir können es so oft benutzen, wie wir wollen. Soll ich Fred fragen, ob wir zusammen einen kleinen Bootsausflug unternehmen können.«

»Das würde ich gerne machen. Dann kannst du mir den Bodensee zeigen.« Hans Gesicht hellte sich auf, die seltsame Härte vom Morgen war nicht mehr darin zu erkennen.

Die Autofahrt führte von Meersburg aus über Stetten, Hagnau und Immenstaad am Bodensee bis nach Friedrichshafen. Am Flugplatz ließ Thomas seinen Fahrgast aussteigen. Am Abend mit zurückfahren wollte Hans aber nicht.

»Nein, danke. Du hast mir schon genug geholfen. Zurück finde ich alleine. Aber wenn du mit deinem Freund eine Bootsfahrt organisieren könntest, wäre das echt klasse.«

Thomas versprach noch am selben Abend mit Fred zu reden und fuhr dann weiter zu seiner Schule. Es wurde schon langsam warm und von dem Gerede über Bootsfahrten war Thomas irgendwie die Lust auf Unterricht vergangen.

»Hoffentlich ist der Tag bald vorüber.«

Er ahnte nicht, dass dies sein letzter Schultag war.

Als Thomas am Montagabend zurück in den Gasthof kam, saß Hannes an einem der Tische im Hinterhof und hatte ein Bier vor sich stehen. Er rauchte eine Zigarette und genoss den Schatten, den der große Sonnenschirm ihm bot. Thomas erkannte ihn vom Fenster aus, aber er ging zuerst nach oben in sein Zimmer und zog sich um. Er wollte Fred anrufen, aber die Leitung war nicht frei. Vermutlich telefonierte Agnes wieder mit ihrer Schwester, das konnte Stunden dauern, bis sie sich alles gesagt hatten. Thomas hatte in seinem Zimmer einen Zweitapparat, der Anschluss war aber der seines Vaters. Ein eigener Anschluss war ihm zu teuer bei seinem schmalen Auszubildendengehalt und er brauchte ihn auch nicht wirklich.

»Warum kann es nicht verschiedene Telefonnummern mit nur einem Anschluss geben?«, fragte sich Thomas. »Wer diese Technik erfindet, wird bestimmt reich.«

Er vertröstete sich darauf, dass er nach seiner Lehre sowieso von zu Hause in eine eigene Bude zog, und dann würde er auch sein eigenes Telefon haben.

Nach einigen Minuten versuchte er es erneut, und diesmal vernahm er das Freizeichen im Hörer. Er wählte die Nummer von Fred, es klingelte, dann wurde das Gespräch angenommen. Fred war selbst am Apparat. Sie quatschten einige Zeit über belanglose Dinge, dann wechselte Thomas zu dem Thema, wegen dem er überhaupt angerufen hatte.

»Wir haben einen Gast hier, ein junger Typ namens Hans, der würde gern mal eine Bootstour unternehmen. Ich habe ihm gesagt, dass du ein Boot hast, und er hat gefragt, ob wir ihn mal mitnehmen würden. Es muss ja kein Tagesausflug sein. Was meinst du?«

Fred war etwas überrascht. Einen Fremden hatten sie bisher noch nie dabei, lediglich Freds Bruder Winfried begleitete sie hin und wieder.

»Wieso nicht. Wenn du denkst, dass er in Ordnung ist.«

»Ich habe heute Morgen eine Weile mit ihm gequatscht. Scheint ein netter Kerl zu sein.«

»Okay, wie sieht es am Donnerstagabend nach der Arbeit aus. Ich habe ja immer Zeit, wie du weißt …«

Fred genoss es hin und wieder, vor Thomas mit seinen gegen null tendierenden Pflichten anzugeben. Er freute sich immer, wenn Thomas darauf das Gesicht säuerlich verzog, auch wenn er ihn sich dazu am anderen Ende des Telefons vorstellen musste. Eine gute Freundschaft verlangte ab und zu auch nach gesunden Neckereien. Diesmal jedoch klang Thomas völlig unberührt.

»Dann treffen wir uns um siebzehn Uhr am Boot.« Thomas legte auf. Er schlüpfte in seine Slipper, ging die Treppe hinunter und betrat den Hinterhof. Hans saß alleine und sein Bierglas war leer. Thomas deutete darauf, worauf Hans entgegnete, dass er bereits Nachschub bestellt hatte.

»Setz dich zu mir.« Thomas folgte der Aufforderung. Das Bier wurde gebracht und Hans nahm einen tiefen Schluck.

»Und? Hast du unseren Bootstrip schon organisiert?«, fragte er für Thomas fast etwas zu voreilig.

»Ja, ist erledigt. Fred erwartet uns am Donnerstag um siebzehn Uhr am Boot.«

»Super. Du bist ja ein richtiges Organisationsgenie!«

Thomas war stolz über das Lob und grinste verlegen. Im Gaststättengewerbe, wo oft viel Improvisation benötigt wurde, war dies fast schon ein Ritterschlag.

»Was hast du denn in Friedrichshafen gemacht?«

»Haben mir den Flughafen etwas angeschaut. Außerdem war ich im Rathaus. Dort befindet sich im Museumsflügel die Zeppelin-Ausstellung.«

Thomas kannte die Ausstellung. »Hat es dir gefallen?«

»Ja, es war interessant, aber auch ziemlich eng. Die könnten echt ein eigenes Gebäude gebrauchen.«

Er wollte gerade weiter reden, da fuhr ein Auto an die Einfahrt und der Fahrer schaute aus dem Seitenfenster in den Innenhof. Er sah Hans und hob kurz den Arm. Hans erwiderte das Zeichen mit einem kurzen Nicken.

»Ich muss gehen. Wir reden ein andermal weiter.«

Hans trank sein Bier aus, legte Geld für die Bedienung auf den Tisch und lief zu dem Auto. Er öffnete die Beifahrertür und stieg ein. Thomas blickte von seinem Sitzplatz aus hinterher und als das Fahrzeug wegfuhr, entdeckte er das französische Nummernschild am Heck.

Donnerstag, 01. August 1985

Weder Dienstag noch Mittwoch traf er Hans. Der schien den ganzen Tag unterwegs zu sein. Thomas musste um sieben Uhr dreißig aus dem Haus, da um acht Uhr sein Dienst im Hotel begann. Vermutlich schlief Hans um diese Zeit noch. Seltsamerweise traf er ihn auch am Abend im Gasthaus nicht an, er schien erst spät zurückzukehren.

Am Donnerstag früh wollte er den Bootstermin am Abend noch mal bestätigt wissen und klopfte an sein Zimmer. Aber Hans öffnete nicht und so steckte Thomas eine Nachricht unter dem Türspalt durch.

»Sechzehn Uhr fünfundvierzig Abmarsch zum Bootssteg. Hoffe, du bist noch dabei. Soll schön warm bleiben.«

Thomas ging zur Arbeit und fragte sich mehrmals, ob Hans am Abend erscheinen würde. Erst hatte er so nachdrücklich darum gebeten, dann auf einmal hörte man kein Wort mehr von ihm.

»Wenn nicht, dann halt nicht«, dachte Thomas und beschäftigte sich mit seiner Arbeit.

Pünktlich um sechzehn Uhr dreißig war er zurück. Hans saß wieder im Hinterhof und studierte irgendwelche Unterlagen. Daneben lag ein größeres Papierstück auf dem Tisch, ein Plan oder eine Karte.

»Bestimmt eine Landkarte vom Bodensee«, vermutete Thomas und ging zur Hintertür, die in den Hof führte. Hans schaute abwechselnd in seine Unterlagen und auf die Karte, als plötzlich dasselbe Auto vorgefahren kam, wie schon am Montag. Der Fahrer winkte und Hans erhob sich, legte seine Unterlagen auf die Landkarte, deckte das Ganze mit seiner Aktenmappe ab und lief zum Auto. Thomas betrat den Hof und ging zum Tisch, während Hans mit dem Fahrer redete. Er setzte sich auf den freien Platz und schaute auf die Tischplatte. Er konnte nicht erkennen, wobei es sich bei den Unterlagen handelte, da sie abgedeckt waren. Lediglich die Karte war aufgrund ihrer Größe an den Ecken einsehbar, aber einen bekannten Ort konnte er darauf nicht erkennen. Thomas hatte keine Ahnung, was die Karte abbilden sollte. Der Bodensee war es nicht, so viel war sicher.

Das Auto fuhr wieder davon und Hans drehte sich um. Er sah Thomas am Tisch sitzen, zuckte überrascht zusammen und kam schnell zurück zu seinem Platz.

»Na, bereit?«, fragte Thomas.

Hans blickte verstohlen auf den Tisch, sah aber, dass seine Papiere nach wie vor bedeckt waren. Er atmete erleichtert aus und lächelte.

»Klar doch. Ich ziehe mich nur noch schnell was Bequemes an. Mit langen Hosen geht man nicht aufs Boot.«

Er hob seine Aktentasche so an, dass sie zwischen Thomas und den Papieren in der Tischmitte stand und so konnte Thomas weiterhin nichts erkennen. Es interessierte ihn aber auch nicht besonders und Hans packte alles schnell ein. Als er aber die große Karte zusammenlegte und in seine Aktentasche steckte, hielt er sie verkehrt herum und Thomas erkannte am unteren Rand die Beschriftung »Rhein-Main Air Base«.

Das Wetter war perfekt für einen Bootstrip. Sie fuhren diesmal nicht nach Staad, sondern folgten der Schweizer Küstenlinie an Münsterlingen, Altnau und Güttingen vorbei. Hans schaute sich die Küste genau an und entdeckte einige kleine Buchten, an denen man kurz anlegen könnte. Fred wollte dies jedoch nicht. Würde man sie dabei ertappen, dann gäbe das Ärger und das war das Letzte, was er mit seinem Vater haben wollte. Ein Bootfahrverbot war noch das Mindeste, was er zu erwarten hätte. Das war es nicht wert. Außerdem zerkratzte der Kiesstrand die Unterseite des Bootes, welche sie erst vor einem Monat neu gestrichen hatten.

Hans gab sich damit zufrieden die Landschaft zu betrachten und stellte hin und wieder Fragen.

»Das sind alles sehr kleine Ortschaften. Wann kommt denn der nächste größere Ort?«, wollte er wissen.

»Ungefähr noch mal so weit, wie wir bereits geschippert sind, dann kommt Romanshorn. Dort ist ein großer Hafen und man kann von dort mit der Fähre nach Friedrichshafen übersetzen. Außerdem gibt es einen gut frequentierten Bahnhof, mit Anschluss zu den größeren Knotenpunkten.«

Thomas wusste einiges über Romanshorn, er war schon ein paarmal dort gewesen. Auch Fred kannte Romanshorn gut, beschloss aber, nichts zu sagen. Ihm war Hans irgendwie nicht geheuer, aber er wusste nicht, wieso dies so war. Dessen Neugier ging seiner Meinung nach über touristisches Interesse hinaus und kam ihm irgendwie nicht geheuer vor. Er lächelte zwar oft, aber Fred fand seine Augen kalt und berechnend. Immer wenn er konkret etwas wissen wollte, hörte er genau zu, aber danach kam grundsätzlich wieder eine belanglose Frage, sodass die Frage davor im Kontext nicht weiter auffiel. Fred fand, dass Hans das geschickt machte. Thomas schien davon nichts zu merken, er sprudelte seine Antworten voller Vertrauen hinaus.

Das Boot begann etwas in den Wellen zu schaukeln, die von einem größeren Schiff auf sie zu schwappten, welches nicht weit von ihnen entfernt vorbeifuhr. Hans hielt sich erschrocken an der Außenwand fest, während Fred und Thomas regungslos sitzen blieben. Fred bemerkte sofort, dass Hans nicht viel Erfahrung auf Booten hatte.

»Zieh am besten die Schwimmweste an«, sagte er zu Hans. »Nicht, dass du ins Wasser fällst und absäufst.«

Hans musste lachen. »Keine Sorge, ich bin ein guter Schwimmer. Aber der See ist riesig, davor habe ich Respekt.« Er saugte tief Luft ein, blickte sich in alle Richtungen um. Sie waren relativ nah der Schweizer Küste und im Norden konnte er die Küste Deutschlands erkennen. Im Westen war das Gebiet um Konstanz in Sichtweite, aber im Osten sah man weit und breit kein Land. Es sah aus wie die Zufahrt aufs offene Meer hinaus. Seine Neugier war noch nicht gestillt. »Wie tief ist der See?«

»Hier auf dem Obersee kann es bis zu zweihundert Meter tief sein, teilweise vielleicht sogar noch tiefer«, sprudelte es sofort aus Thomas heraus. »Was hier absäuft, bleibt meistens unten.« Thomas machte eine theatralische Handbewegung nach unten, sodass auch Fred lachen musste.

»Wir müssen langsam umkehren«, meinte Fred, damit wir noch bei Tageslicht zurückkommen. Thomas und Hans nickten zustimmend. Damit wendete er das Boot und sie fuhren wieder Richtung Konstanz. Um neunzehn Uhr dreißig legten sie wieder an der Außenmole an. Hans zeigte sich gut gelaunt, der Ausflug hatte ihm Spaß gemacht und er war längst noch nicht müde. »Danke Jungs das ihr mich mitgenommen habt. Vor allem dir, Fred, das war wirklich nett von dir, mir den Bodensee von Nahem zu zeigen.«

Er strahlte zufrieden. »Zum Dank würde ich euch gerne zum Abendessen und ein paar Bierchen einladen. So eine Bootsfahrt macht schließlich hungrig …«

»… und durstig«, vervollständigte Thomas den Satz. Er war schon überzeugt und seine Euphorie steckte Fred an. »Warum nicht«, meinte dieser.

Sie kehrten in einen gutbürgerlichen Gasthof ein, bestellten sich etwas zu Essen und natürlich Bier. Bei einem Bier blieb es nicht, sie tranken, lachten und redeten bis der Gasthof um dreiundzwanzig Uhr schloss. Nach dem dritten Bier war auch Freds Misstrauen einer lockeren fröhlichen Stimmung gewichen.

Zum Abschluss lud er Hans am Samstagmorgen erneut zum Bootfahren und Schwimmen ein. Hans willigte ein und auch Thomas war darüber erfreut. Sie verabredeten sich auf neun Uhr am Boot.

Auf dem Nachhauseweg atmete Fred tief die frische Nachtluft ein und fragte sich, warum seine anfängliche Vorsicht wie weggeblasen war und ob es nicht doch vielleicht ein Fehler gewesen war. Er kam auf eine einfache und logische Erkenntnis. »Alkohol mag ja viele negative Seiten haben, aber er verbindet auch die Menschen.«

Samstag, 03. August 1985

Der Samstagsausflug verlief ähnlich wie der am Donnerstagabend, nur dass sie eine Route entlang der deutschen Küste in Richtung der Insel Mainau wählten. Diese passierten sie aber und legten erst am Strandbad Litzelstetten an. Hier gab es eine große Liegewiese und die drei machten es sich an Land bequem. Es war Hauptsaison und viele Gäste bevölkerten schon früh am Morgen das Strandbad. Nachmittags würde es noch voller werden, aber da wollten sie schon wieder auf dem Heimweg sein. Der Biergarten am Strandbad hatte geöffnet und Hans lud die beiden wieder zum Essen und Trinken ein. Thomas war das sehr recht, schließlich hatte er als Auszubildender nicht so viel Geld zu Verfügung und auch Fred als ehemaliger Schüler und mittelloser Noch-Nicht-Student sagte nicht Nein. Danach schwammen sie etwas im See. Das Wasser war mit gut zwanzig Grad Celsius erfrischend, aber nicht zu kalt.

Um vierzehn Uhr machten sie sich auf den Heimweg. Während der Fahrt fragte Hans plötzlich: »Sag mal Fred, fahrt ihr auch manchmal nachts hinaus?«

»Habe ich auch schon gemacht. Mein Vater hat es aber eigentlich nicht gerne. Zu gefährlich meint er, aber eigentlich ist das kein Problem.« Er zögerte kurz und seine Vorsicht meldete sich wieder. »Wieso fragst du?«

»Ich stelle es mir traumhaft vor, die Nacht auf einem Boot zu verbringen. Auf dem dunklen Wasser zu fahren und die Lichter ringsherum zu genießen. Da kann man bestimmt tolle Nachtbilder mit der Kamera einfangen.«

Fred war beruhigt. »Ach so – können wir ja mal machen, wenn du willst. Ich muss ja meinem Vater nicht sagen, wo ich bin. Ich sage ihm einfach, ich übernachte bei Thomas. Der prüft das sowieso nicht nach.«

»Das wäre echt super.« Hans machte eine kurze Pause.

»Schade, ich muss leider arbeiten«, meinte Thomas. »Da hätte ich auch gerne mitgemacht.«

Hans schien nachzudenken. »Ich bin auch unter der Woche unterwegs und komme erst am Freitag wieder. Und am Sonntag ist mein Urlaub in Konstanz schon zu Ende.«

»Dann machen wir es doch Freitag Nacht«, meinte Thomas. »Da habe ich Zeit, samstags sind wir sowieso immer draußen auf dem See.«

Er schaute Fred an, der kurz zögerte. »Warum eigentlich nicht. Dann fahren wir Freitag Nacht hinaus.«

Beide blickten zu Hans und waren stolz auf ihren Vorschlag. Hans dachte noch mal kurz nach, dann beglückwünschte er sie. »Super Vorschlag, Jungs. Okay, dann machen wir es am Freitag.«

Sie verabredeten sich auf zweiundzwanzig Uhr an der Außenmole. Hans gab Fred die Hand zum Abschied, dann lief er zusammen mit Thomas zurück zum Gasthaus. Als sie ankamen, fragte er: »Was macht man eigentlich am Samstagabend in Konstanz, wenn man unter dreißig ist?«

»Hier gibt einiges zu erleben. Wir haben viele Kneipen und Bars in der Altstadt, auch einige Discos, aber die sind etwas außerhalb. Heute Abend ist große Beachparty drüben am Rheinufer. Die findet zur Hauptsaison an jedem ersten Samstagabend statt, natürlich hauptsächlich für Touristen, aber auch Einheimische, junge wie alte, strömen dahin. Ein großer Spaß, viel Musik, viel Tanz und viel Bier.« Er lachte.

»Klingt gut«, meinte Hans. »Gehst du mit mir dahin?« Er sah Thomas mit einem Hundeblick an, aber da Thomas sowieso nichts Besseres vorhatte, sagte er sofort zu.

»Zu früh sollten wir nicht losgehen, dann gehen wir den Horden von Jugendlichen und Kindern aus dem Weg. Sagen wir einundzwanzig Uhr?«

»Passt«, sagte Hans und verabschiedete sich von seinem neuen besten Freund.

Pünktlich liefen sie los. Thomas ließ seinen Fiat stehen, da er vorhatte ausgiebig zu feiern und natürlich auch zu trinken. Weit war es nicht, sie mussten nur von der Altstadt aus über die Brücke nach Petershausen und dort am Rhein entlanglaufen. Der Uferweg führte genau zur Party und fünfzehn Minuten später waren sie da.

Sie suchten sich einen Sitzplatz. Hans lief zur Theke und kam mit zwei Bieren zurück.

»Auf den Abend, auf die Freundschaft und auf die Zukunft«, prostete Thomas Hans zu.

»Immer langsam, Junge. Wir sollten jedes Thema mit einem separaten Bier ehren.«

Hans war sehr durstig und sehr spendabel. Er zahlte jede Runde Bier, egal ob sie gebracht wurde oder ob er sie selbst holte. Zuerst war dies Thomas etwas peinlich und er wollte auch eine Runde bezahlen, aber Hans erklärte ihm, dass das nicht infrage käme. Schließlich hatte er ihm schon einige Gefallen getan, sei es die Fahrt nach Friedrichshafen oder auch die Bootstouren. Thomas akzeptierte mit gespieltem Unbehagen, tatsächlich war er froh, sein knappes Geld sparen zu können. Er wunderte sich nur, warum Hans manche Biere selbst abholte und nicht bei der Bedienung bestellte, aber vermutlich machte er dann einen Abstecher auf die Toilette, was bei dem Bierkonsum verständlich war.

Die Musik begann zu spielen und viele Gäste fingen an zu tanzen. Hans fragte Thomas, ob er nicht auch gerne tanzen würde, aber Thomas winkte lachend ab.

»Ohne Mädchen macht Tanzen keinen Spaß. Mit dir tanze ich bestimmt nicht.«

»Aber hier sind doch eine Menge hünscher Mädchen«, erwiderte Hans und schaute sich um. Er entdeckte am übernächsten Tisch zwei junge Frauen, die offensichtlich alleine auf dem Fest waren.

»Schau mal vorsichtig hinter dich. Da sitzen zwei Mädchen, die uns immer Blicke zuwerfen.« Thomas drehte den Kopf um und tatsächlich lächelte die eine offen zurück.

»Wow, und was für Hübsche …« Thomas verspürte mittlerweile den Übermut, den Alkohol zuverlässig im Kopf freisetzte. »… und ohne Begleitung.«

»Leider lächelt die eine immer nur dir zu«, erwiderte Hans, »aber ich würde mich auch mit der anderen begnügen.« Damit knuffte er Thomas an die Schulter. »Komm, lass uns mal rübergehen.«

»Ach, ich weiß nicht«, meldete sich die noch nicht weggetrunkene Schüchternheit zurück. Thomas lallte inzwischen deutlich, das Partygelände drehte etwas um ihn und er erspähte die Vorboten eines Kontrollverlusts, der sich seiner bemächtigen wollte.

»Komisch, dabei habe ich eigentlich nur Bier getrunken und keinen Schnaps«, wunderte sich Thomas. Hans schien dieses Problem nicht zu haben, obwohl er mit keinem Bier nachstand.

»So wie es aussieht, verträgt er eine Menge mehr als ich«, erkannte Thomas neidlos an.

Aber Hans war nun nicht mehr zu stoppen. Er zog Thomas mit zu den zwei Mädchen und sprach sie an. »Guten Abend die Damen.« Sie kicherten nur.

»Mein Freund und ich arbeiten beim Touristikverband in Konstanz, dem Ausrichter dieser Party. Wir sind hier, um dafür zu sorgen, dass sich alle Gäste gut amüsieren.»

»So, so«, sagte die Erste mit dem Lächeln. »Das ist aber sehr aufmerksam vom Touristikverband.« Sie grinste unverhohlen und schaute dabei erst zu Hans, danach aber besonders lang zu Thomas.

»Darf ich denn annehmen, dass die Damen gut unterhalten werden«, fragte Hans weiter.

Nun meldete sich die Zweite zu Wort. »Nun, es ist ja ganz nett hier, und die Musik gefällt uns auch gut. Aber die Konstanzer scheinen sehr zurückhaltend zu sein und trauen sich nicht, uns zum Tanzen aufzufordern.«

»Das geht natürlich nicht«, stichelte Hans zurück. »Normalerweise sind wir Konstanzer nicht so schüchtern. Vielleicht sollten mein Freund und ich so lange einspringen, bis die jungen Männer auf der Party aktiver werden.«

Er reichte Mädchen Nummer zwei die Hand. »Darf ich bitten?« Sie zögerte einen Moment, dann griff sie danach und beide zogen ab in Richtung Tanzfläche. Thomas stand jetzt alleine bei dem anderen Mädchen, die ihn erwartungsvoll anlächelte.

»Und was machen wir zwei Hübsche? Hast du auch Lust zu tanzen?«

»Eigentlich schon«, druckste Thomas herum, den der Alkohol mit jeder Minute verwegener machte. Er reichte ihr seine zitternde Hand. »Hoffentlich trete ich dir nicht zu oft auf die Füße.«

»Das lass meine Sorge sein«, lachte das Mädchen, schnappte sich Thomas und zusammen liefen sie zur Tanzfläche.

Sie legte ihre Arme um seinen Hals, Thomas fasste sie an der Taille und sie bewegten sich langsam im Takt.

Sie hieß Beate und sie war mit ihrer Freundin über das Wochenende nach Konstanz gefahren. Sie kam aus München, was man an ihrem Dialekt hören konnte, war zweiundzwanzig Jahre alt und Studentin. Thomas erzählte ihr Einiges von sich und sie amüsierten sich gut. Hin und wieder suchte er Hans, der zunächst mit seinem Mädchen tanzte, sich dann aber wieder mit ihr auf die Bank setzte. Aber nur kurz, dann lief er davon und kam einige Minuten später mit vier vollen Gläsern zurück.

»Dein Freund hat für Nachschub gesorgt.« Beate hatte Durst und sie gingen zurück zu den zwei anderen, die eng umschlungen auf der Bank saßen. Thomas ließ sich auf der freien Bank gegenüber nieder. Beate nutzte die Gelegenheit und hüpfte auf seinen Schoß. Dabei lachte sie fröhlich.

Beate fühlte sich gut an, so glücklich war Thomas schon lange nicht mehr gewesen. Sie griffen nach den Biergläsern, prosteten einander zu und tranken. Das Tanzen machte durstig und während Thomas trank, wurde er von Beate angefeuert. Angespornt leerte er das Glas in einem Zug, während die anderen lautstark applaudierten. Hans wechselte sein leeres Glas kommentarlos gegen ein gefülltes aus.

Die nächsten Stunden vergingen wie im Flug, oder waren es nur Minuten. Während Hans und die beiden Mädchen immer fröhlicher wurden, war Thomas mittlerweile sturzbetrunken. Beate wurde immer zugänglicher und Thomas durfte sie nun auch küssen. Die Party leerte sich immer mehr und irgendwann beugte sich Beate an sein Ohr und fragte, ob er nicht einen Platz habe, wo sie alleine sein konnten. Thomas überlegte, aber selbst in seinem Rausch war ihm klar, dass er sie nicht mit auf sein Zimmer nehmen konnte. Das hätte wahrscheinlich sein Vater, in jedem Fall aber Agnes bemerkt und dann hätte er sich einiges anhören müssen in der nächsten Zeit. Was die eigene Familie betraf, hatte sein Vater sehr konservative Ansichten. Auf solche Moralpredigten hatte Thomas keine Lust.

Doch Hans hatte eine Idee. »Lass mich nur machen.«

Sie liefen zu viert zurück zum Gasthof und dort gingen sie auf das Zimmer von Hans. Beate ließ sich sofort auf dem Bett nieder und Hans legte den Türschlüssel auf den Tisch.

»Viel Spaß, wir zwei laufen noch etwas spazieren.« Damit verließ er mit seinem Mädchen das Zimmer und Thomas war mit Beate allein. Allein, betrunken und willenlos.

Zu seiner Erleichterung musste er nicht viel machen. Beate erwies sich als sehr erfahren und sie verwöhnte Thomas, der genussvoll auf dem Rücken lag und hin und wieder zufrieden grunzte. Wäre er etwas nüchterner gewesen und hätte er mehr Erfahrung gehabt, dann hätte er sicherlich bemerkt, wie routiniert Beate tatsächlich war. Thomas war zwar keine Jungfrau mehr, ein Frauenheld war er aber bei Weitem nicht. Er hatte seinen Verstand nicht mehr unter Kontrolle und erlebte alles wie in einem Fiebertraum. Schon nach kurzer Zeit konnte er sich nicht mehr beherrschen und dann war es vorbei. Total erschöpft und irgendwie glücklich schlief er im nächsten Augenblick ein.

Sonntag, 04. August 1985

Die Kirchturmuhr läutete und träge öffnete Thomas seine Augen. Für einen Moment wunderte er sich, denn er sah nicht das vertraute Bild. Die Decke über ihm sah anders aus, als die in seinem Zimmer. Er hatte einen schweren Kopf und das Nachdenken fiel ihm schwer. Was war eigentlich passiert? Nur mühsam kamen verschwommene Fragmente zurück, der größte Teil seiner Erinnerung blieb wie unter einer Glocke verborgen.

Genau, er war mit Hans unterwegs gewesen. Plötzlich hörte er ein Rascheln von der rechten Seite des Bettes und er drehte sich um. Eine nackte Frau lag neben ihm unter der Bettdecke und mit einem Schlag fiel Thomas alles wieder ein. Beate war ihr Name.

Sie wachte auf, sonderte dabei zarte Geräusche ab, rekelte sich unter der Bettdecke und als sie sah, dass Thomas ebenfalls wach war, legte sie ihre Hand auf seine Brust.

»Na du Tiger, noch eine zweite Runde.«

Jetzt war Thomas hellwach. »Oh mein Gott«, dachte er. Mit einem Schlag fiel ihm alles wieder ein. »Wie viel Uhr haben wir?«, fragte er, um Zeit zu gewinnen.

»Acht Uhr«, antwortete Beate. »Ich bin schon seit einer Weile wach, aber du hast geschlafen wie ein Toter, da habe ich mich noch mal umgedreht.« Sie grinste lüstern.

»Schon acht Uhr.« Thomas wusste, was dies bedeutete. Unten war alles auf den Beinen und Agnes servierte Frühstück für die Gäste. Es war unmöglich, Beate heimlich loszuwerden, ganz davon abgesehen, was sie selbst davon hielt. Wenn sie die Treppe nach unten gingen, landeten sie automatisch im Flur zwischen Gastraum und Küche und damit genau in dem Bereich, in dem Agnes die ganze Zeit beschäftigt war.