Lost in Seoul - anna ljubow - E-Book

Lost in Seoul E-Book

anna ljubow

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Beschreibung

Der Roman erzählt auf verstörende Weise die Geschichte einer Frau, die sich in einem fremden Land in ihrem privilegierten Leben langsam immer mehr verliert. Haltlos rutscht sie in eine Affäre mit einem sehr bestimmenden, souveränen Mann; moralische Grenzen verschieben sich, werden übertreten - der zerstörerische Sog zieht den Leser atemlos mit. Unaufhaltsam treibt die Protagonistin auf den Abgrund zu - ohne die Chancen auf eine Rückkehr in ihr normales Leben nutzen zu können. Am Ende bleibt der Leser fassungslos aber auch fasziniert zurück.

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Seitenzahl: 163

Veröffentlichungsjahr: 2012

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Lost in Seoul

Anna Ljubow

.... Nachts auf der Fensterbank überlege ich, dass Drogen doch keine Lösung sind, dass es bei all diesen bösen Geschlechtskrankheiten Kondome nicht ohne Grund gibt, dass mich dieser Zustand der Unzurechnungsfähigkeit, Bewusstseinserweiterung, Unberechenbarkeit erregt. Mir aber auch furchtbare Angst macht. Und ich ahne, dass all das aus meinem Bewusstsein verschwindet, sobald ich seinen Atem auf meiner Haut spüre. Und das macht mir am meisten Angst. .....

Eine Ehefrau, verloren in einem fremden Land, in einer Gesellschaft, in der Geld keine Rolle spielt. Der Versuch, dort zurechtzukommen, einen Sinn in diesem privilegierten Leben zu finden. Das Hineinschlittern in eine verhängnisvolle, zerstörerische Affäre mit einem dominanten Mann. Ein langsames Abrutschen in eine Abhängigkeit von Sex, Hingabe, Alkohol und Drogen. Eine Gesellschaft, die wegsieht, beschäftigt mit ihren eigenen Problemen. Die Verschiebung von moralischen Grenzen, das Übertreten dieser Grenzen, das Leben jenseits dieser Grenzen, haltlos in einer fremden Welt. Ein Rausch voller Leidenschaft und dem vorhersehbaren tiefen Fall, der das gesamte Umfeld mitreißt. Ein Ende, das den Leser fassungslos zurücklässt.

Anna Ljubow

Lost in Seoul

Roman

Impressum

Lost in Seoul

Anna Ljubow

published by: epubli GmbH, Berlin, www.epubli.de

Copyright: © 2012 Anna Ljubow

ISBN 978-3-8442-3130-4

Would you tell me who you are right now Don't tell me you don't know because I know Every piece of you that breaks Every time you lie

für die drei jotts

Das wirklich Beste an Korea war die Frischhaltefolie. Das mag ein wenig merkwürdig klingen, vielleicht zu Verwirrung und Unverständnis führen. Aber die Frischhaltefolie war grandios. Eine riesige Packung mit gefühlten 100000 m Folie. Die Packung leicht zu öffnen, mit wirklich scharfen Zähnchen am Rand. Nicht so wie in Deutschland, wo die Packung nach dem Öffnen schon halb kaputt und daher auch nicht mehr zum Abreißen zu gebrauchen war. Die koreanische Folie ließ sich wirklich einfach und ohne zu einer Masse zu verkleben abrollen und abreißen. Erst über der abzudeckenden Fläche klebte sie dann perfekt an zum Beispiel einem Teller oder einer Dose oder einer Plastikschale. Vorher war sie nahezu gerade und fing nicht schon beim Abreißen an, sich mit sich selbst zu verkleben. Die Folie in Deutschland klebte im Grunde nur mit sich selbst – an jedem Teller prallte sie ab, als wollte sie ihren Zweck verleugnen. Die koreanische Folie dichtete jeden Teller luftdicht ab. Man könnte einen Nudelauflauf wahrscheinlich 3 Wochen so stehen lassen. Unter koreanischer Folie würde er niemals verderben. Vorausgesetzt es gäbe Nudelauflauf in Korea. Gibt es nicht. Fände man diesen nicht-existenten Nudelauflauf in tausenden von Jahren würden Spezialisten rätseln, wie die Menschen diese Konservierung hinbekommen hatten. Eine hochentwickelte Spezies von Menschen. Nun mag es Stimmen geben, die auf gefährliche Stoffe in dieser Folie hinweisen. Ich stimme zu: Das kann nicht gesund sein. Aber praktisch! Wirklich praktisch. Wozu kauft man in Deutschland Frischhaltefolie? Zum Ärgern. Zum durch die Küche schmeißen. Auf jeden Fall nicht zum Frischhalten. In Korea jedoch kauft man die Frischhaltefolie genau dazu: Zum Frischhalten. Und da ist es doch wirklich egal, was hinterher im Essen für krebserregende Weichmacher schweben. Das Essen ist frisch. Genau das, was die Folie verspricht. Und so ist Korea: An der Oberfläche hält es, was es verspricht. Was sich wirklich darunter verbirgt, unsichtbar, nicht greifbar, das wird einem erst viel zu spät bewusst.

Prolog

Ich sitze auf der breiten Fensterbank, habe das Kinn auf die Knie gelegt und atme tief durch. Höhenangst wäre hier fatal. Habe ich das vor einiger Zeit nicht schon genau so gedacht? Als wäre es gestern. Als wäre es in einem anderen Leben. Ich versuche, etwas zu spüren. Bei dem Gedanken an die letzten Monate. Ich fühle nichts. Ich bin innerlich so leer wie das Weinglas in meiner Hand. Was für ein billiger Vergleich. Nichts leichter, als das Weinglas aufzufüllen. Vielleicht werde ich ein letztes Mal an die Bar hinunterfahren. Nicht, weil er dort ist. Ich bin stark. Ich fliege morgen. Fliehe aus diesem Land. Fliehe vor ihm. Aber vielleicht gibt es irgendeinen Geschäftsmann, der mich spüren lässt, dass ich noch am Leben bin. Trotz allem. Morgen werde ich dann in ein Flugzeug steigen. Business Class. Es endet, wie es angefangen hat. Ich werde diesen Abschnitt meines Lebens zurücklassen. Werde versuchen, ihn auszulöschen aus meinen Gedanken. Abstreifen. Wie meine Kleider. Später. In den Armen irgendeines Mannes. Ich weiß, ich werde es nie ganz schaffen. Diese Leere hat sich tief eingegraben in meinen Verstand, in mein Herz. Jeder bekommt, was er verdient. Hat ein Freund immer zu mir gesagt. Was habe ich verdient? Nie mehr schlafen zu können? Albträume, sobald ich die Augen schließe? Nicht zu wissen, ob ich am Leben bin? Ein Leben lang auf der Suche nach dem nächsten Kick, nach immer mehr und mehr? Die Sehnsucht nach diesem Mann ein Leben lang ertragen? Ich muss damit aufhören. Ich muss auf jeden Fall damit aufhören. Es wird mich zerstören. Morgen. Morgen ist alles anders. Morgen, wenn der Flieger startet, werde ich es lassen. Morgen. Welche Verheißung.

Ankommen

1

Ich sitze auf der breiten Fensterbank, habe das Kinn auf die Knie gelegt und atme tief durch. Höhenangst wäre hier fatal. Achtzehnter Stock. Und das auf einem Hügel. Die Zwölf-Millionen-Metropole Seoul liegt unter mir. Zumindest der Teil, den ich sehen kann. Es gibt bestimmt noch viel mehr Stadt. Verschwunden im Dunst ganz hinten. Oder hinter mir. Die Lichter leuchten und blinken hysterisch. Der Himmel kaum dunkel zu bekommen. Überall Hochhäuser. Und Autos. Wahrscheinlich auch Menschen. Die sind allerdings aus meiner Perspektive nicht zu erkennen. Wenn ich die Augen ein wenig zusammenkneife, verschwimmen alle Lichter zu bunten Strichen. Wie bei einem Foto mit unendlich langer Belichtung. Dazu braucht man ein Stativ, wollte man so ein Bild machen. Mein Stativ sind meine Knie.

Der Fahrer hat mich am Flughafen mit einem professionellen Schild, auf dem mein Name und die Firma, für die mein Mann tätig ist, stand, erwartet. Ich kam mir fast ein wenig wichtig und prominent vor. Er begrüßte mich zurückhaltend und nahm meine 3 Koffer in Empfang, führte mich zum Auto, hielt mir die Tür auf. Im Auto gab es Wasser, Bier oder auch Reisschnaps. Eine kleine Tüte Chips. Die Fahrt dauerte eine gute Stunde vom Flughafen bis ins Hyatt Hotel. Dort übernahmen die Angestellten des Hotels meine Sachen, führten mich zu den Fahrstühlen und brachten mich in das „serviced apartment“. Denken muss ich seit meiner Ankunft nicht mehr. Alles ist organisiert, alle um mich herum wissen, was sie zu tun haben; wissen, was ich brauche. Die Hausdame führt mich herum, zeigt mir das Schlafzimmer, die zwei umwerfenden Badezimmer, das Wohnzimmer und das Esszimmer mit offener Küche, das Arbeitszimmer. Überall sehe ich Dinge von meinem Mann. Im Schrank ein paar Anzüge und Hemden, im Eingangsbereich diverse Schuhe. Auf dem Esstisch steht Obst und der Kühlschrank ist gefüllt mit Getränken und Lebensmitteln. Nachdem ich der Hausdame zu verstehen gegeben habe, dass ich meine Koffer wirklich gerne selber auspacken will, bin ich endlich allein. Ich gehe ins Badezimmer. Im Grunde möchte ich diesen Raum nie wieder verlassen, so wunderschön ist er. Die übergroße Badewanne steht quer direkt an den bodentiefen Fenstern mit Blick über Seoul. Dort mit einem Glas Wein im warmen Wasser liegen. Die Dusche hat diverse Düsen und merkwürdige Knöpfe. Zudem eine Bank, auf die man sich vielleicht beim Duschen setzen soll. Platz für mindestens 6 Menschen, die zeitgleich duschen möchten. Auf den Waschbecken stehen reihenweise Flaschen und kleine Töpfe. Ich frage mich, wieso ich überhaupt irgendetwas aus Deutschland mitgebracht habe. Es ist ja alles hier. Ich bin mit meinem Mann schon in vielen Hotels gewesen, aber dieser Luxus erschlägt mich. Es ist alles so unwirklich. Dieses Apartment, in dem ich die nächsten Wochen leben werde, bis der Container aus Deutschland mit den Möbeln kommt, und wir in unsere eigene Wohnung ziehen können. Wobei mir das plötzlich gar nicht mehr als so dringend erscheint. Ich werfe mich auf das riesige Bett, auch hier der Blick über die Stadt. Über dem Nachttisch sind eine ganze Reihe Knöpfe, die ich – wie ein kleines Kind - nacheinander drücke. Der Vorhang geht zu, wieder auf. Verschiedene Lichter für alle Gelegenheiten, Klimaanlage, Radio, Fernseher. Aufstehen muss man hier auch nie wieder.

Das Telefon klingelt. Ich überlege, ob ich hier am Bett abnehme oder schnell ins Bad renne. Das Telefon neben der Toilette an der Wand über dem Toilettenpapier reizt mich enorm. Mein Mann fragt, ob ich gut angekommen bin. Fürsorglich. Er muss leider noch eine Woche in Singapur bleiben, dann kommt er zu mir nach Seoul. Ich soll es mir einfach gutgehen lassen. Ob mir das Apartment gefällt? Natürlich. Es ist großartig. Ich trinke ein Glas von dem Weißwein, der im Kühlschrank steht und lege mich wieder auf das Bett. Schlafen wäre jetzt gut. Morgen werde ich anfangen, mich einzurichten. Jetzt möchte ich einfach nur schlafen.

Ich erwache von einem Geräusch, das ich nicht zuordnen kann. Es ist stockdunkel, ich weiß nicht, wo ich bin. Ich überlege angestrengt und komme zu der Erkenntnis, dass ich in Korea sein muss. Orientierungslos taste ich nach den Knöpfen neben dem Bett und zucke zusammen, als der Vorhang aufschwingt und gleißendes Licht in das Schlafzimmer strömt. Ich habe keine Vorstellung davon, wie spät es ist. Und dieses Geräusch macht mich nervös. Ich stehe auf und im Wohnzimmer denke ich, dass Türklingeln sich vielleicht so anhören können in Korea. Ich wickele mich in einen Bademantel und öffne vorsichtig die Tür. Vor mir steht eine kleine lächelnde Koreanerin und erklärt mir, dass sie meine interkulturelle Trainerin ist und gerne hereinkommen würde, um mit mir die nächsten Tage zu planen. Völlig überfordert frage ich sie nach der Uhrzeit und bekomme - weiterhin lächelnd - zu hören, dass es schon zehn Uhr sei, dass man den Jetlag am besten mit einer sofortigen Zeitanpassung bekämpfe, dass draußen 25 Grad seien und dass sie jetzt Tee für mich kochen werde. Ich gebe mich geschlagen und ziehe mich ins Badezimmer zurück um zu duschen und mich anzuziehen. Sommerkleid. Obwohl im Schlafzimmer eine Eiseskälte herrscht. Heute Abend auf keinen Fall den Knopf für die Klimaanlage drücken, denke ich. Aber 25 Grad heißt Sommerkleid. Ich vertraue einfach mal der fremden Frau in meiner Küche.

Der Tee steht auf dem Tisch, ein paar abgepackte Croissants liegen daneben. Denken. Ich muss denken. Auch wenn das hier offensichtlich niemand von mir erwartet. Auch wenn mir alles abgenommen wird.

„Ich habe ihnen ein kleines Frühstück gemacht. Sie können aber auch immer unten im Restaurant des Hotels frühstücken. Dort gibt es auch interkontinentales Frühstück, nicht nur koreanisches. Als erstes führe ich sie vielleicht im Hotel herum, damit sie sich orientieren können. Danach zeige ich ihnen draußen ein wenig, wir sind hier in der Nähe des Deutschen Viertels, dort werden sie sich wohlfühlen. Und dann müssen wir noch planen, wann wir den täglichen Sprachunterricht machen. Mein Name ist Kim. Ich freue mich auf die Zusammenarbeit mit ihnen.“

Völlig perplex schaue ich die Frau an, die mir gegenüber sitzt. Ich fühle mich wie ein kleines Kind, das seine neue Kinderfrau kennenlernt. Ich sage, dass ich mich auch freue, dass wir das alles gerne so machen können, dass der Unterricht vormittags sicher am besten ist. Wegen der Konzentration. Dabei nippe ich an meinem Tee, lächele und überlege, meinen Mann oder seine Firma oder beide bei nächster Gelegenheit umzubringen.

In Deutschland hatte eine ebensolche interkulturelle Trainerin schon versucht, mir in zwei Tagen die Sitten und Gebräuche Koreas im Schnelldurchlauf nahezubringen. Ich meine mich zu erinnern, dass auch sie Kim hieß. Dass sie auch so aussah, wie die Dame, die mir nun gegenüber sitzt. Sie sprach allerdings perfektes Deutsch. Hier nun erfahre ich alles Wissenswerte auf Englisch. Aber dabei hilft mir der Aufbaukurs Englisch, den ich in den letzten Monaten absolvieren durfte. Die Firma denkt tatsächlich an alle Eventualitäten. Ich fühle mich perfekt vorbereitet. Und trotzdem verloren. Irgendwie.

Frau Kim kramt in ihrer Aktentasche, legt mehrere Unterrichtsbücher auf den Tisch, dazu Pläne von Korea, von Seoul, von Sehenswürdigkeiten, von wahrscheinlich allem, was jemals über dieses Land gedruckt wurde. Ein Taschenbuch von einer koreanischen Schriftstellerin (auf Englisch!). Stifte. Wie praktisch, besitze ich ja nicht. Hefte. Allein das alles zu sortieren dauert sicher einen Tag. Vielleicht macht das ja die nette Hausdame von gestern, wenn ich sie darum bitte. Frau Kim jedenfalls sieht stolz und tatkräftig aus, als spürt sie meine Lustlosigkeit und vielleicht beinhaltet ihr Job ja auch die Motivation von lustlosen, verlorenen Ehefrauen. Ich klammere mich weiter an meinen Tee. Überlege, ob es glaubwürdig ist, wenn ich sage, dass mir schlecht ist. Entscheide mich dagegen. Den Trumpf spare ich auf. Es kommen sicher noch schlechtere Zeiten. Bessere Gelegenheiten.

Als die Tasse wirklich leer ist und ich diese Tatsache auch vor Frau Kim nicht länger geheim halten kann, packt Frau Kim ihre nun sehr viel leichtere Tasche und wir starten unser Programm für diesen Tag. Meine Tasche nehme ich auch mit, dabei fällt mir ein, dass ich keinerlei koreanisches Geld habe. Vielleicht hat das ja auch Frau Kim? Was, wenn ich in der riesigen Stadt verloren gehe? Als hätte ich laut (und auf Englisch) gedacht, zieht sie die nächste Überraschung aus ihrer Tasche: Ein Mobiltelefon. Für mich. Von der Firma, nehme ich an. Oder von meinem Mann. Sie erklärt mir, wie ich das Telefonbuch aufrufen kann. Dort sind schon Nummern eingespeichert. Von meinem Mann unter „Husband“, von Frau Kim unter „Kim, Translation+Help“, von der Firma; außerdem ist ein „driver“ und meine eigene Nummer („own number“)gespeichert. Jetzt kann mir nichts mehr passieren. Ich kann Frau Kim jederzeit anrufen, wenn ich nicht weiter weiß. Wenn ein Taxifahrer mich nicht versteht, wenn ich mich verlaufe, wenn ich beim Einkaufen Verständigungsprobleme habe. Jederzeit. Was für ein Service. Ich zweifle mein Alter (36) an. Bin versucht, im Telefonbuch „mummy+daddy“ zu suchen.

2

Das Hotel ist großartig. Frau Kim zeigt mir den kleinen Hotelladen, in dem es Köstlichkeiten aus aller Welt gibt, unter anderem richtiges Brot, Pralinen, Schokolade, Weine, Torten, Salate. Alles das, was ich in Supermärkten nicht bekommen werde. Sagt Frau Kim. Es gibt Restaurants, eine große, helle Bar und, ein wenig abseits vom Haupthaus in einem Nebengebäude eine zweite, etwas kleinere Bar, die etwas eindeutiger, dunkler ist und eine Tanzfläche hat. Im Garten ein großer Pool. Ein Fitness- und Wellnessbereich, dessen Benutzung die Firma für ein Jahr bezahlt hat (10.000 Dollar, allerdings pro Person). Hier kann ich also immer herkommen und Sport treiben, mich massieren lassen, mich in heißen Quellen treiben lassen, auch wenn wir umgezogen sind. Der gesamte Wellnessbereich in grauem Schiefer. Streng getrennt nach Geschlechtern. Entspannung pur. Am liebsten bliebe ich gleich hier. Aber Frau Kim hat noch viel vor.

„Solange ihr Mann nicht in Seoul ist, wartet der Fahrer morgens ab neun Uhr auf dem Parkplatz des Hyatt und sie können mit ihm durch Seoul fahren. Er versteht recht gut Englisch und wenn etwas unklar ist, ruft er mich an. Wenn ihr Mann hier ist, müssen sie es mit ihm absprechen, wenn sie den Fahrer brauchen. Am besten rufen sie den Fahrer an, wenn sie ihr Zimmer verlassen, dann steht er mit dem Auto direkt vor dem Hoteleingang.“

Praktisch. Die Hitze vor dem Hotel erschlägt mich. Die Kälte im Auto lässt mich zittern. Die Ledersitze sind eiskalt. Ich werde meine Kleidung optimieren müssen. Vielleicht hat der Fahrer ja Decken im Kofferraum. Oder eine Jacke für mich. Oder Tee? Ich traue mich nicht, zu fragen. Wir fahren den Hügel hinunter, Frau Kim erzählt, woran wir vorbeifahren. Ich versuche, mir ein wenig von all dem einzuprägen. Ahne, dass das nie klappen wird. Das Navigationssystem spuckt alle paar Sekunden koreanische Wörter aus. Frau Kim übersetzt, lässt mich nachsprechen. Wir kommen nach zehn Minuten im deutschen Viertel an. Hier werden wir in ein paar Wochen auch wohnen. Hier muss ich aufpassen und mir wirklich alles merken. Wenn ich nur nicht so müde wäre. Ich sehe europäisch aussehende Menschen auf der Straße. Wir steigen aus und Frau Kim geht mit mir in eine deutsche Bäckerei. Es sieht fast so aus, wie in Deutschland. Alle Beschriftungen sind auf Deutsch. Es duftet nach frisch gebackenem Brot. Der Bäcker begrüßt mich, erzählt, dass er zehn Jahre in München gelebt und gelernt hat. Dass er Deutschland vermisst. Fragt, woher ich komme. Vielleicht müsste ich kurz erwähnen, dass ich im Grunde ungerne rede. Ich komme mit Smalltalk nicht klar. Es gibt eine Handvoll Menschen, mit denen ich wirkliche Gespräche führen kann. Alles andere strengt mich an. Das wirkt oft arrogant. Ist aber irgendeine Macke, die ich nicht ändern kann. Wobei das den Bäcker jetzt vielleicht doch nicht interessiert. So erzähle ich, dass ich gestern von Hannover über München nach Seoul gekommen bin und erst mal im Hyatt wohne und mich freue, in Korea zu sein. Er strahlt mich an und Frau Kim nickt mir lächelnd zu. Anscheinend mache ich es richtig. Als die Tür aufgeht, springt Frau Kim zu der eintretenden Frau und umarmt sie herzlich. Sie stellt mir Martina vor, eine Deutsche, die seit zwei Jahren hier in Seoul mit ihrem Mann und ihrem Sohn lebt. Martina bestätigt meine Vermutung, dass sich die Deutschen hier fast alle untereinander kennen. Sie hat tatsächlich schon gehört, dass ich demnächst hier ankomme. Das wird ja lustig, denke ich. Wo ich die Anonymität doch so sehr liebe.

„Wie wäre es morgen Vormittag mit einem Kaffee bei mir? Du bist herzlich eingeladen. Ist es in Ordnung, wenn ich dich duze? Das machen wir hier alle. Ist einfacher.“ Ich nicke. „Dann ist es abgemacht? Um elf bei mir?“

Sie reicht mir eine Visitenkarte. Eine Seite englisch, eine koreanisch. Frau Kim springt helfend ein: „Die zeigen sie morgen einfach dem Fahrer, der bringt sie dann zu Martina.“

Visitenkarten hat hier jeder; ich wundere mich, dass Frau Kim mir noch keine überreicht hat, mit meiner wunderbaren neuen Adresse. Und schon wieder scheint sie meine Gedanken lesen zu können.

„Ihre Visitenkarten werden schon gedruckt, die bringe ich morgen zum Unterricht mit.“

Frau Kim macht sich Notizen in ihrem schwarzen Organizer. Ich muss lächeln. Martina lächelt zurück. Kauft Brötchen.

„Bis morgen. Ich freue mich!“

Dann ist sie weg. Ich kann leider keine Brötchen kaufen, ich habe ja kein Geld.